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Die Hexe von Endor

Rudolf Presber: Die Hexe von Endor - Kapitel 9
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typefiction
authorRudolf Presber
titleDie Hexe von Endor
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1932
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. . . Jetzt, da sie – von Ilia noch bis an die Tür begleitet und auf die Stirn geküßt – in ihrem kleinen Zimmerchen allein war, setzte sie sich auf die von Berta Babuschs knochigen Händen für die Nacht schon zum Bett umgewandelte Chaiselongue und ließ die Blicke in dem Zimmerchen umherwandern.

Es war eigentlich das Badezimmer – für diese Zwecke ganz geräumig, aber als Wohnzimmer eben nur so ausreichend – das Ilia ihr eingeräumt und liebevoll und mit Geschmack ein bißchen wohnlich hergerichtet hatte. Die Badewanne selbst war von einer Holzplatte überdeckt, über die ein Brussatuch in bunter Vergnügtheit gebreitet war. So war ein brauchbarer Toilettentisch hergestellt, für den Ilia in ihrer Umsicht allerlei Döschen und Schächtelchen mit Puder, Salben und Schönheitsmittelchen neben Flakons und Schälchen für Haarnadeln und Schmuck in üppigster Weise gestiftet hatte. Ein breiter, alter Biedermeiersessel verstellte den Weg zu diesem primitiven Waschtisch und einem mit Büchern vollgepackten Schreibtischchen. An der einen Wand hing ein etwas fleckiger Stich, der Napoleon in theatralischer Pose auf dem Schimmel von Marengo zeigte. An der anderen Wand prangte ein überaus buntes Blumenstück, Rosen, Maiglöckchen, Schwertlilien und Dahlien – Blumen, die eigentlich bei uns zur selben Zeit gar nicht blühen – das farbenfrohe Werk und Geschenk einer nicht übertrieben talentierten adligen Künstlerin, die viel ausstellte und wenig verkaufte und die Ilia für eine restlos erfüllte Voraussage dankbar war.

Auf einem kleinen Gesims aber standen ein paar armselige Sächelchen, die Klara sich bei ihrer raschen Flucht von Hause mitgenommen. Zwei wenig wertvolle japanische Väschen, die – sie erinnerte sich's noch aus früher Kinderzeit – meist mit ein paar billigen Blumen auf dem Schreibtisch der Mutter und später auch auf dem Nachttischchen bei der still gewordenen Frau gestanden hatten. Ein schlicht gerahmtes Bild ihres Vaters ohne Kragen und in Hemdsärmeln, aus der glücklichen Zeit stammend, da er noch die Unkosten der Mitgliedschaft bei einem Kegelklub bestreiten konnte. Die kleine Nürnberger Madonna, aus Buchsbaumholz geschnitzt, die ihr der Vater von seiner kurzen, einzigen Reise, deren sie sich entsann, zum Begräbnis seiner Schwester in Fürth, mitgebracht. Und dann – ja, das hatte sie sich nun eigentlich heimlich und widerrechtlich angeeignet und mitgenommen, als sie ging. Es war der kleine Dackel aus braunem Tuch, den das Hugochen »Purzel« getauft und, ach, so sehr geliebt hatte. Er stammte aus einem Dreimarkbasar, war wohl das erste und vielleicht auch das wertvollste Geschenk, das ihr Vater dem Hugochen – noch in der Brautzeit mit dessen Mutter – gemacht hatte. Später, wie so Kinder sind, hatte das Bübchen über ein viel häßlicheres, allerdings mit dem Kopf wackelndes Wollschaf auf grasgrünem Brett, das ihm die gute Schumann geschenkt und das, wie sie selbst, wunderlich altmodisch, nach Lavendel roch, den »Purzel« völlig vergessen. Als Klara fliehend ihren Regenmantel aus dem gemeinsamen Schrank nahm, lag der Purzel, die steifen Beine nach oben streckend, zwischen Kinderstiefeln und Kragenkartons auf dem Boden des Spinds. Da hatte sie, im heißen Drang, irgendetwas mitzunehmen und zu besitzen, was sie an das Kind erinnerte, den »Purzel« rasch entschlossen bei einem Vorderbein gefaßt und den Wehrlosen in den Regenmantel geschlagen. So eingepackt, war er erst mit ihr in die schreckliche Pension in der Kurfürstenstraße, dann bei Ilia eingezogen.

Jetzt stand Klara auf und nahm das wenig schöne Exemplar seiner Rasse vom Gesims, sah ihm, als habe er Leben, in die als Augen eingenähten, in der Farbe verschiedenen Glasknöpfe und sagte halblaut, als erwarte sie eine Antwort: »Purzel, Purzel, was werden wir zwei noch miteinander erleben!«

Aber der Purzel blieb stumm. Nicht einmal in diesem Milieu war ihm die Freude des Wahrsagens zuteil geworden.

So setzte sich Klara in den breiten Biedermeiersessel, dessen Muster in der, wie ein Kutschbock, breiten Lehne sie mit großen Blumen umgab, als läge sie gebettet in lauter blau-gelbe Stiefmütterchen und rote Nelken. Mit den beiden Händen streichelte sie dem häßlichen Tier die hängenden Ohren und den breiten Rücken, aus dem an zwei Stellen schon etwas von der angeschmutzten grauen Watte, die sein Inneres restlos füllte, aus den gesprengten Nähten guckte. Und während sie das Gefühl hatte, daß sie etwas Liebes, ihr Zugetanes streichele, und während ihre wehmütigen Gedanken über Hugochens Himmelbettchen und des Vaters Sitz bei der grünen Lampe, wo er jetzt die Abendblätter las, sich allmählich mehr und mehr aus diesem Zimmer und seinem Milieu entfernten, kam es ihr wehmütig zum Bewußtsein, daß sie in diesen vielleicht für ihr ganzes Leben entscheidenden Tagen niemanden habe, niemanden, mit dem sie sich aussprechen konnte. Niemanden, als einen kleinen stummen, häßlichen Hund aus Wolle und Tuch, mit dem einmal die zärtlichen Kinderhändchen gespielt hatten, nach deren Liebkosung sie sich, wie oft, bangte und sehnte . . .

Überhaupt nach Zärtlichkeit.

Ein paar Tage, ehe Ilia zu dem Herzog reiste, war es gewesen. Da hatte Klara wieder einmal die Berliner Zeitungen, die hier gehalten wurden, durchgeblättert. Angeblich interessierte sie die Politik – in Wahrheit war es der Annoncenteil, der sie anzog. Denn sie hoffte immer noch, eine offene Stelle als Hausdame, Repräsentantin oder in der Krankenpflege zu finden, wenn nicht gar einen Mäzen, der ihr doch noch den Traumweg zur Kunst verwirklichte.

Sie hatte auch auf ein paar Anzeigen dort an dem kleinen Schreibtisch ein schüchternes Angebot verfaßt. Hatte ein nicht sehr vorteilhaftes Bildchen von sich eingelegt, von dem sie zwei Dutzend als Postkarten für billiges Geld hatte machen lassen, und hatte die Briefe morgens ganz früh, wenn Ilia noch schlief, selbst in den Kasten getragen. Postlagernde Antworten, die sie erwartete, kamen nur zwei. Ein angeblicher »Kapellmeister« war bereit, sie »auf der Geige auszubilden« und möglichst bald – der weitere Unterricht könnte dann auf dem Schiff erteilt werden – nach Argentinien mitzunehmen. Wo sie, wie er rühmend schrieb, der Star einer durch erlesene Schönheit der Mitglieder ausgezeichneten Damenkapelle werden sollte. Die andere Zuschrift erwies eine Annonce, »Stütze in frauenlosen Haushalt eines Gelehrten mit zwei reizenden Kindern« betreffend, als listige Lockspeise einer Heiratsvermittlerin, die gegen eine zu zahlende Gebühr von zwanzig Mark, wie sie gemütvoll, aber nicht sehr orthographisch schrieb, von Herzen bemüht sein wollte, eine den Wünschen der Auftraggebern entsprechende »Glückspartie« zu finden . . .

Da waren an jenem Nachmittag, als Ilia ihr notwendiges Mittagsschläfchen machte, die Augen der die Zeitung überfliegenden Klara zwischen lauter bescheidenen Kurzzeilenannoncen, die mit den Worten, ja, mit Buchstaben sparten, auf dieser günstig gestellten, größer gedruckten und etwas auffällig arrangierten Annonce haften geblieben: »Die junge Dame, die von der Post in der Marburger Straße kam und der das Taschentuch nicht gehörte, wird angelegentlich um ein Lebenszeichen gebeten unter V. V. V. aus Wien, postlagernd Marburger Straße.«

Das konnte nur er sein – und nur sie war gemeint!

Und indem sie das las und nochmals las und, ärgerlich über ihre zitternden Hände, das Blatt abriß und in ihrem Täschchen verwahrte, gestand sie sich, daß sie mehrfach in diesen Tagen an den eleganten Kavalier mit dem gemütlichen Wiener Tonfall in der Stimme gedacht hatte. An den liebenswürdigen Fremden, der ihr so galant das Taschentuch nachgetragen hatte und der so treuherzig enttäuscht war, als es ihr gar nicht gehörte.

Es bedurfte keines Bedenkens und keines Entschlusses – sie schrieb an ihn.

»Sehr geehrter Herr aus Wien« – so lautete das vierte Briefchen; die drei anderen hatte sie in kleinste Schnitzel zerrissen – »ich bin nicht gewohnt, durch die Zeitung zu korrespondieren. Aber ich leugne nicht, daß ich mich gefreut habe, als ich – ganz zufällig – in der Zeitung den Beleg fand, daß Sie sich der flüchtigen Begegnung auf der Straße noch erinnern. Da ich in meiner augenblicklichen Lebenslage dankbar bin für Menschen, die noch Zeit haben, meiner zu gedenken, und da ich bei unserem kurzen Zusammensein den Eindruck hatte, daß ich es mit einem Kavalier zu tun habe, so will ich Ihren Wunsch erfüllen. In der Voraussehung, daß Sie dieses Briefchen rechtzeitig erhalten – bin ich morgen nachmittag um fünf Uhr in der Konditorei von Telschow am Zoo.«

Nichts weiter und keine Unterschrift.

Kaum war das Briefchen im Kasten gewesen, hatte Klara heftige – nicht gerade Gewissensbisse, aber immerhin – Bedenken gehabt. Der Wortlaut ihres Briefchens, als Antwort auf eine gedruckte Anzeige in der Zeitung, schien ihr um eine Nuance zu freundlich, zu zutraulich. Freilich – wenn sie überhaupt auf ein Wiedersehen eingehen wollte, konnte sie nicht gut schreiben: »Was fällt Ihnen eigentlich ein! Aber ich komme doch!« . . . Vielleicht war auch eine so besuchte Konditorei nicht gerade der passendste Ort! Aber eine Normaluhr vorzuschlagen oder einen Platz im Tiergarten, das wäre doch zu albern gewesen. Ein Theater – freilich, das wäre vielleicht das richtigste gewesen. Aber ein Platz in einem anständigen Theater kostet leider das Zwanzigfache von einem Nußtörtchen bei Telschow, das schließlich – auch wenn er nicht kam oder das Wiedersehen eine alles weitere abschließende Enttäuschung war – als Ausgabe selbst bei ihren bescheidensten Verhältnissen nicht groß ins Gewicht fiel.

Als sie dann klopfenden Herzens am nächsten Nachmittag bei Telschow die Tür öffnete – es war die Zeit, in der Ilia ihre Sprechstunden abhielt und nimmermehr auf den Einfall kommen konnte, die ein wenig frische Luft Schöpfende zu begleiten – erwies sich eine neue Ungunst des gewählten Schauplatzes.

Die Konditorei wurde gerade umgebaut. Das hintere Sälchen war deshalb geschlossen. Und die ziemlich zahlreichen Getreuen des Cafés, vermehrt um nasse und mürrische Zufallsgäste, die der kalte Novemberregen draußen in eine gastliche Stube trieb, füllten das Lokal in einer beängstigenden Weise. Das Peinliche dieser Tatsachen kam ihr sofort voll zum Bewußtsein, als sie beim Eintreten – zehn Minuten nach der verabredeten Zeit, – »ihn« bereits an einem der kleinen Marmortischchen, ein Wiener Journal vor sich, über das er hinwegsah, wartend vorfand.

Er saß, das Gesicht dem Eingang zugekehrt, nicht weit vom Büfett, hinter sich am Haken den Pelz, dessen nobles Futter seiner männlich mondänen Erscheinung ein gutes Relief gab. Er trug einen diskret gestreiften, dunkelbraunen, ganz leicht auf Taille gearbeiteten Sakkoanzug. In einer dunkelroten Foulardkrawatte steckte, von einem kleinen Brillanten blitzend untertupft, eine sicherlich wertvolle matte Perle. Als er sie sah – und er erkannte sie auf den ersten Blick, obschon sie nicht den blauen Mantel von damals anhatte, sondern das bessere Trotteurkleid, das freilich ein wenig leicht war für die Jahreszeit – erhob er sich sofort. Er ließ das randlose Monokel in die linke Hand fallen und zog mit der Rechten ihre Hand zu flüchtigem Kuß an seine Lippen.

Sie empfand es sehr dankbar, daß er mit großer Sicherheit – ohne Kordialität zu heucheln – den Ton der Begrüßung so wählte, daß die reichlich neugierigen Umsitzenden – besonders zwei alte Damen in unechten Persianermänteln reckten sich die unschönen, an gerupfte Gänse erinnernden Hälse aus – an eine lange Bekanntschaft glauben mochten.

»Sehr gütig, meine Gnädige, daß Sie es möglich gemacht haben«, sagte er. »Doppelt dankenswert, da ich in einigen Tagen wieder nach Wien muß – eigentlich nach Budapest, aber selbstverständlich über mein liebes Wien. Sonst hätten wir uns gar nicht mehr gesehen. Was macht die Kunst, wenn ich fragen darf?« Und ohne weiter eine Antwort zu erwarten auf die Frage, die Klara tief verblüffte: »Was, bitte, darf ich bestellen?«

Man trank Tee und aß einiges Gebäck. Aber es erwies sich, daß auch der Wiener, sowenig er das an der Konversation merken ließ, von der Fülle des Lokals und der Nachbarschaft verschiedener einzelner Herren und Damen, die nach dem Genuß von Kaffee und Schlagsahne nichts mehr zu tun hatten als hinzuhören, was die anderen sagten, nicht sehr erbaut war. Besonders machte ihm – sie sah das – ein schlicht bürgerlicher Herr dort am Pfeiler Unbehagen, der scheinbar nur mit seiner Zigarre beschäftigt war.

Der Wiener beugte sich näher zu Klara hin und sagte mit einer ganz leicht orientiernden Kopfbewegung: »Das ist ein Theateragent, der dort sitzt. Kein Mann von Einfluß, aber ein etwas aufdringlicher Herr. Er kennt mich und meine guten Beziehungen zu Wiener Bühnen – nicht mißzuverstehen, bitte! ›Beziehungen‹ nur als Kunstfreund und, wenn Sie wollen, als Mäzen . . . Ich fürchte, der Mann redet mich an; und dann muß ich ihn vorstellen – was leider einige Schwierigkeiten machen könnte, da mir sein unbedeutender Name entfallen ist – und wir würden ihn nicht los. Wenn's Ihnen also recht ist, gehen wir lieber.«

Es war ihr recht.

Draußen hatte der Regen aufgehört; und sie gingen durch die milder gewordene, windstille, regenfeuchte Herbstluft langsam die ziemlich stille Hardenbergstraße entlang. Und während er von Wien erzählte, das sie nicht kannte, – und wie still es geworden sei an der schönen blauen Donau gegen früher; und während er von Budapest berichtete, das sich erhole und im Aufschwung begriffen sei – dachte sie mit klopfendem Herzen: ein Mäzen – und ein nobler, sympathischer Mensch – ein offenbar vermögender Kavalier, der gute Beziehungen zu den Wiener Bühnen hat . . . Ist das Schicksal nicht manchmal gnädig, ja liebevoll, wie eine gute Fee im Märchen?

. . . Und jetzt, da sie, den häßlichen Purzel zwischen den Knien und sein Tuchfell streichelnd wie eine Kostbarkeit, in dem alten Biedermeiersessel saß, dessen reichliches Blumenmuster sie farbenfroh umgab, dankte sie immer noch der guten Fee, die heimlich über ihr waltete, und die gewiß jetzt über ihn, den Freund, – heute gerade mußte er ja in Budapest, seiner Lieblingsstadt, sein – in Gnaden die schützenden Hände hielt.

. . . Ob sie – ohne das Urteil über die ritterliche Erscheinung des Wiener Aristokraten zu ändern – von der gütigen Schicksalsfee noch genau so gedacht hätte, wenn sie gewußt, daß Viktor von Visatzky damals, als er sich von ihr in der Tauentzienstraße verabschiedet hatte, noch einmal nach dem Postamt in der Marburger Straße zurückgekehrt war? Wenn sie geahnt hätte, daß er, wie unter dem Druck einer Eingebung an dem gerade leeren Pultabteil, in dem sie die verschiedenen Fassungen ihrer Annonce geschrieben und wieder verworfen, den zerknitterten ersten Entwurf gefunden, gelesen und eingesteckt hatte. Den flüchtig durchgestrichenen, reichlich verwischten, aber doch noch lesbaren Entwurf, der – nicht ganz gleichlautend mit dem, der Veits Gedanken von der Ostsee abgelenkt hatte – also lautete: »Junge Künstlerin – Bühne – die ihr Studium unterbrechen mußte, sucht edeldenkenden Mäzen, der . . .« Hier brach der Text ab.

Aber der zweite edeldenkende Mäzen war gefunden!

* * *

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