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Die Hexe von Endor

Rudolf Presber: Die Hexe von Endor - Kapitel 7
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typefiction
authorRudolf Presber
titleDie Hexe von Endor
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1932
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Das Grabbe-Theater glich an diesem Vormittag einem Ameisenhaufen, in den ein Wanderer leichtsinnig mit dem Spazierstock hineingestochert hat.

In den Morgenblättern war die Notiz erschienen vom gestohlenen Halsband der Zarin. Alle Blätter hatten sie gleichlautend und die meisten ungekürzt gebracht, wie Direktor Böck sie persönlich, nicht ohne den Schwung der Entrüstung, in die Maschine diktiert. Ein besonders findiges Journal hatte bereits den Chef eines Privatdetektivinstituts über den Fall interviewen lassen; und dieser hatte in vorsichtigen Wendungen die Aufmerksamkeit der staatlichen Kriminalpolizei, der er bei dieser Gelegenheit ein kleines Trittchen versetzte, auf die russischen Flüchtlinge hingewiesen und auf die Tatsache, daß mal wieder eine den Mördern entgangene Großfürstin aufgetaucht sei, die – ob echt oder unecht, gleichviel – begreifliches Interesse an dem aus den russischen Kronjuwelen stammenden Schmuck haben könnte.

Die nicht fachmännischen Vermutungen und Gerüchte, die das sonst der Kunst dienende Haus wie Bienensummen durchschwärmten, waren kaum minder irrsinnig. Der Regisseur Prockus, der in seinen Mußestunden bei verdunkelter Lampe und zu Harmoniumbegleitung sonst solide Tische tanzen ließ, erklärte, geträumt zu haben, daß ein leichenblasser, spindeldürrer junger Mann sich im schwarzen Trikot nach der Vorstellung vom Schnürboden an einem Seil heruntergelassen habe und, mit einem in seinem Wappenring versteckten Blitzlicht leuchtend, in riesigen Filzschuhen, wie man sie bei ehrfurchtsvoller Besichtigung unbewohnter Schlösser benutzte, den Weg zu den Garderoben der Damen genommen habe. Fräulein Neumann, die an chronischem Schnupfen litt und auf ihre Kollegin, Fräulein Michaeli, in derselben Garderobe wütend war, weil diese, angeblich von Asthma geplagt, bei jeder Gelegenheit rücksichtslos das Fenster aufriß, behauptete, an einem Abend, als sie heiß von der Bühne in die Garderobe kam, die Fensterflügel wieder weit geöffnet vorgefunden zu haben und an dem Fenster, das sie – schon niesend – rasch schloß, etwas Seltsames gesehen zu haben, das sie jetzt in ihrer Erinnerung als das Ende einer Strickleiter deuten müsse. Köppcke, der Inspizient, aber hatte spät abends nach der Vorstellung in der Toilette einen rätselhaften Herrn begegnet, der als Nichtangestellter zur Benutzung dieses stillen Ortes nach den Theatersatzungen nicht berechtigt war. Köppcke sprach daher die Vermutung aus, daß dieser Mann, den er leider in der schlechten Beleuchtung des bescheidenen Raumes nicht richtig erkennen konnte, vielleicht der Dieb gewesen sei, der sich nach getaner Arbeit – wie das eine der Zunft der Diebe und Einbrecher von Kennern nachgesagte Gewohnheit sei – diese Erleichterung gönnte.

Melusine Kern-Möller hatte gleich bei Empfang der ersten Nachricht durch die Souffleuse eine Nervenkrise durchgemacht, die sie wunschgemäß für einige Minuten in den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses rückte. Der Gedanke, daß in der Garderobe, unmittelbar an der eigenen, ein unehrlicher, man konnte schon sagen verbrecherischer Mensch unerlaubterweise Wertgegenstände, die nicht ihm gehörten, heimlich entfernte, verwirrte und empörte sie. Außerdem schmerzte sie diese fabelhafte Reklame für die Minka Mahuda, die ihrer Ansicht nach wahrhaftig schon genug überschätzt wurde.

Als aber die Kollegin Neumann, deren Phantasie sich zuweilen heimlich in höchst verwickelten Detektivgeschichten austobte, die leider niemand druckte, die Fülle der Möglichkeiten dahin erweiterte, daß der nach ihrem Dafürhalten durch das von der Kollegin Michaeli geöffnete Fenster eingestiegene Räuber der Kern-Möller hätte begegnen, sie bedrohen, ja niederschlagen können, da floh die schwerbedrängte Seele Melusinens in eine wohltuende längere Ohnmacht. Aus dieser wurde sie erst durch die gute Schumann ins wachende Leben wieder zurückberufen. Und zwar weniger durch deren sonstige Fürsorge, als durch den Umstand, daß die Hilfreiche sich in dem Schränkchen »Erste Hilfe«, das im Konservationszimmer auf Wunsch des Theaterarztes von der Direktion neben dem Minimaxapparat angebracht war, vergriffen hatte und die ohnmächtig Hingestreckte heftig mit Terpentinöl, anstatt, wie gedacht, mit Kölnisch Wasser besprengte.

Aber auch im glücklich wiedererworbenen wachen Zustand wurde Melusine den Schreck nicht los. Denn die gute Neumann erzählte – ihre Theorie zu stützen – mehrere erschütternde Fälle, wo überraschte Einbrecher roh und gefühllos mit ihren seltsamen Berufswerkzeugen dem sie Störenden ohne weiteres die Schädeldecke zertrümmert hatten. Wodurch in einem Fall das Leben des Geschädigten sofort verloren ging; in einem anderen Fall nach mühseliger Heilung der Verlust des Gedächtnisses zu beklagen war, ohne welches doch Melusine, wie Fräulein Neumann richtig feststellte, auf der Bühne höchstens noch beim Ballett, für das sie nicht mehr jung und nicht mehr schlank genug war, hätte wirken können.

Zu Siegmund in sein Büro wurden all diese verwirrenden Nachrichten und Gerüchte teils durch das kleine, zum Kartenverkauf bestimmte Schiebefenster getragen, an dem sich Interessenten über das seltsame Geschehnis aussprechen und informieren wollten. Teils kamen auch aufgeregte, weniger prominente Mitglieder in sein schrecklich überheiztes Stübchen, um die mutmaßlichen Vorgänge bei dem Raub, die Chancen der Entdeckung und die Methoden der Untersuchung zu besprechen.

Dabei wirkten zwei Umstände besonders aufregend auf den ohnehin von Schlaflosigkeit geschwächten Mann. Einmal die, wenn auch selbstverständlich in aller Harmlosigkeit immer wiederkehrende Erwähnung der nächsten Nachbarschaft von Melusinens Garderobe mit dem Ort der Tat. Und dann die Äußerung des Direktors Böck, die dieser vor versammeltem Personal getan haben sollte: er wisse, daß außer diesem niederträchtigen Verbrechen, das ihm die Kriminalpolizei in sein bislang so sauber gehaltenes, vornehmes Kunstinstitut bringe, auch noch sonst einige üble Dinge sich in letzter Zeit ereignet hätten, die nichts weniger als in Ordnung wären. Er, der Direktor, behalte sich vor, da nun doch einmal leider das Grabbe-Theater in einer unkünstlerischen Angelegenheit in aller Mund und durch die Polizeibeamten entweiht sei, persönlich und, wie er sich ausdrückte, »ganz plötzlich und unnachsichtlich« einzugreifen und die dringend notwendige große Reinigung vorzunehmen.

Diese nicht ohne Pathos vorgetragenen, etwas mystischen Andeutungen hatte der Direktor, so erzählten die Schauspieler, mit drohenden Blicken begleitet, die aber keinen Bestimmten unter den Anwesenden durchbohrten, sondern mehr ins Leere und Allgemeine gingen. Die tiefere Bedeutung dieser geheimnisvoll drohenden Reden wurde aufs lebhafteste in dem überheizten Zimmerchen des Kassierers Kern ventiliert.

Siegmund selber lauschte zwar aufmerksam, schwieg aber dazu. Sein nie ruhendes böses Gewissen quälte ihn immer heftiger. Daß ein so gerissener Herr, wie der Direktor Böck, gerade denen, die es anging, seine plötzliche und unerbittliche Unternehmung warnend voraussagen wollte, schien dem Kassierer, der seinen Brotherrn kannte, töricht und höchst unwahrscheinlich. Die von dem Intriganten zuerst ausgesprochenen, von dem Heldenvater und der jugendlichen Liebhaberin – wenn man die verstaubten Bezeichnungen von früher gelten lassen will – bestätigten Beobachtungen aber, daß die drohenden Blicke des Direktors bei seinen Andeutungen keinen der Anwesenden trafen, sondern ins Leere und Allgemeine gingen, schienen dem geängstigten Kern drauf zu deuten, daß der Argwohn, oder am Ende bereits die Überzeugung des Gewaltigen in diesem Hause die Verfehlungen eines nicht Anwesenden, den er mit solcher Andeutung auch nicht warnen könnte, im Auge hatte, und dieser nicht Anwesende . . . ogott, ogott!

In diesem Augenblick schien die Temperatur seines auch noch durch die tierische Wärmeausstrahlung so vieler erregter Besucher mitgeheizten Zimmerchens eine so zentralafrikanische Glut zu erreichen, daß der schwitzende Siegmund mit einem sonst kaum geübten heftigen Griff das einzige Fensterchen nach dem Hof zu aufriß. Er tat das unbekümmert um die ihm bekannte Tatsache, daß die rüde Rücksichtslosigkeit des von ihm niemals geschmierten und deshalb nicht wohlgesinnten Pförtnerehepaares Stöppcke die nicht von den Gefeierten mitgenommenen, ihrer Schleifen beraubten Ruhmeskränze nach Premieren und Jubiläen hier auf einen Haufen zu werfen beliebte, den wiederum sämtliche Katzen der Nachbarschaft, die Ruhmessymbole des Menschentums verkennend und mißachtend, in unschöner, die Luft des Hofes nicht verbessernder Weise benutzten.

Während aber in dem armseligen, überheizten Bürochen des Kassierers Kern, der nächstens sein zehnjähriges Jubiläum begehen konnte und dieses bescheidene Fest, seine Person und seinen guten Namen durch die geheimnisvollen Andeutungen Böcks bedroht sah, die blödesten und drohendsten Gerüchte umgingen, saß in dem durch gepolsterte Doppeltüren vor Indiskretionen geschützten Privatraum des Direktors der Kommissionsrat Brambach in den Ledersessel eingekachelt, als hocke er hier noch vom letztenmal. In ziemlich wahllos zusammengerafften Sätzen, durch die aber der Ärger zitterte, schilderte er dem nervös zuhörenden Böck den höchst traurigen Zustand der Diva, die leider wieder Kokain geschnupft hatte.

Zur selben Zeit waren zwei Kriminalbeamte, die aussahen wie die friedlichsten und harmlosesten Bürger, damit beschäftigt, am Ort der Tat und in dessen Nähe ihre Beobachtungen, Messungen und Verhöre vorzunehmen.

Langsam und jede unkluge Übereilung vermeidend, konstatierten sie zunächst, daß der Schmuck der Zarin, der nach der Bekundung einwandfreier Zeugen in dem hinter dem Spiegel befindlichen kleinen Tresor gelegen hatte, nicht mehr da war. Ebenso die Briefe, über deren Stil, Art und Inhalt die bestohlene Künstlerin unter dem Druck des Rauschgiftes allerdings ziemlich konfuse Mitteilungen gemacht hatte. Stellten ferner fest, daß der kleine Eisenkasten, in dem Schmuck und Korrespondenz gelegen, sichtbar die Spuren gewaltsamer Öffnung aufwies.

Von Verdächtigem fanden sie zunächst nur kleine Häufchen Zigarettenasche, die sie sorgsam in eine rasch gerollte kleine Tüte schütteten, sowie die Reste zweier flacher, roter Zündhölzer, die vielleicht zur raschen Ableuchtung des Innern des Tresors gedient hatten. Obschon eigentlich anzunehmen war, daß ein offenbar so gut und modern ausgestatteter Schrankknacker auch eine kleine elektrische Lampe unter seinen gutsortierten Berufsgeräten mit sich führte. Nach telephonischem Gespräch mit irgendeiner amtlichen Stelle kam dann ein Photograph, der das kleine Eisenkästchen und die nächste Umgebung der Wand photographierte. Dies geschah – wie die Schumann, die schon einmal in einer früheren Tätigkeit als Stenotypistin einer Bank einen ähnlichen Fall erlebt hatte, zu erklären wußte – zwecks Feststellung der Fingerabdrücke zu Vergleichen mit den im Verbrecheralbum verewigten Händen und für den wünschenswerten Fall, daß man bald einen dringend Verdächtigen verhaften und abführen konnte.

Nachdem die Kriminalbeamten, denen sich der Photograph zugesellte, die Garderobe der Mahuda gründlichst auf Spuren des Verbrechers untersucht hatten, widmeten sie einiges Interesse auch den Nachbargarderoben, von denen Verbindungstüren nach diesem Raum führten. Sie sahen sich erst in dem Zimmer um, in dem die Damen Michaeli und Neumann in stetem Kampf um das widerliche Fenster sich schminkten und kostümierten. Den mit der Strickleiter verknüpften kühnen Vermutungen des Fräulein Neumann über den Weg, den der Räuber genommen haben sollte, schenkten sie wenig Beachtung, nachdem sie die Höhe und Glätte der Wand, die zu überwinden war und die außerdem von einer Anzahl Fenster der gegenüberliegenden Herrengarderoben kontrolliert werden konnte, geprüft hatten.

Die Andeutungen des Fräulein Michaeli, daß der elternlose dreizehnjährige »Neffe« der Neumann – das Wort »Neffe« betonte sie leicht ironisch – sich auch in den Nebenräumen mehrfach neugierig umgeschaut, werteten die Beamten mehr als eine kleine Revanche für Fräulein Neumanns Fensterlegende und wandten sich dem anderen Raume zu, in dem Sabine Simon und Melusine Kern-Möller sich je nach den Erfordernissen der ihnen zugewiesenen Rollen allabendlich herzurichten pflegten.

Hier tat der eine der Beamten, der besonders harmlos aussah und den jovialen Ton in seiner Rede durchhielt, die leicht hingeworfene Frage, ob eine der Damen vielleicht auch einen »Neffen« habe, der manchmal hier helfend oder bloß neugierig herkäme. Fräulein Simon wies solche Vermutung – da sie hellhörig den Zusammenhang mit dem »Neffen« der Neumann ahnte – etwas beleidigt zurück. Melusine aber beeilte sich, das gütigste Lächeln der alten Familienkomödie nicht ohne Glück markierend, das denn doch für die Situation vielleicht allzu unverdorben erschien, treuherzig zu versichern, daß sie zwar keinen Neffen, wohl aber einen, nach der Ansicht der anderen – sie wollte sich ja kein Urteil erlauben – einen prächtigen Jungen ihr eigen nenne. Dieser herzige Bursch stehe aber erst im zarten Alter von vier Jahren und komme für kunstverständige Behandlung fremder Tresors und einer Einschätzung russischer Wertgegenstände wirklich nicht in Betracht.

Während sie noch so sprach, hatte sich der eine Kriminalbeamte gebückt und hob von dem überhaupt nicht besonders sauberen Teppich das kleine Restchen eines roten, abgebrannten Zündholzes auf.

»Wer von den Damen raucht?« fragte er mit einer so ritterlichen Freundlichkeit, daß ein Harmloser annehmen konnte, er werde sofort aus einem Döschen eine Ägypterin anbieten.

»Meine Kollegin, Fräulein Simon!« beeilte sich Melusine die gewünschte Antwort zu geben. Sie hatte übrigens das Hölzchen in den Fingerspitzen des Beamten gesehen.

»Darf ich mal Ihre Zündhölzer sehen?« wandte sich der Kriminalbeamte liebenswürdig an Fräulein Simon.

»Ich habe nie welche!«

»Ich dachte, Sie rauchen?«

Er sah den Kollegen flüchtig an, als wollte er sagen: da stimmt was nicht.

»Ja, das mach' ich – das regt mich an«, gab die Simon mit trotzigem Kopfnicken zu.

»Ihre Gemütszustände, werte Dame, interessieren uns weniger, als die Art, in der Sie Ihre Zigaretten anzustecken pflegen?«

»Sehr einfach – so!« Fräulein Simon hatte von ihrem Toilettentisch neben dem großen Spiegel, auf dem Schminktöpfchen, Scheren, Manikürmesserchen, kleine Glückselefanten, Hasenpfoten, Haarnadeln, winzige Buddhas, Pfefferminzplätzchen und Puderquasten und andere Dinge herumlagen, ein kleines Taschenfeuerzeug gegriffen, knipste es an und hielt dem Beamten das flackernde Flämmchen entgegen.

»Hm – danke«, sagte der Beamte. Dann näherte er sich dem mit Seltsamkeiten reich beladenen Toilettentischchen. »Sie erlauben« – und er griff einen kleinen Aschenbecher, in dem ein paar elende Stümpfchen in grauer Asche lagen – »sind das die Reste der Zigaretten, die Sie zu rauchen pflegen?!«

»Ja, natürlich!«

Der andere Kriminalbeamte hatte, einen Verständigungsblick des Kollegen richtig deutend, in seine Westentasche gegriffen und die kleine Lupe herausgeholt, die er dem anderen hinreichte.

Dieser besah sich aufmerksam durch das Glas die Stümpfchen und Aschenreste. Dann schüttete er aus dem in der Tasche verpackten Tütchen ein wenig von der, bei der Kassette gefundenen Asche auf ein Glastellerchen und setzte hier die Untersuchung fort. »Das war nicht Ihre Marke«, sagte er dann und gab die Lupe zurück. »Der schwere Junge raucht wesentlich teurer als Sie.«

»Ich stehle ja auch keine russischen Kronjuwelen«, gab die gekränkte Künstlerin schnippisch zurück und drehte den Beamten kurz den Rücken.

»Verkehren hier in der Garderobe irgendwelche Herren, die rauchen?« Der Ton freundlichster Konversation blieb durchaus gewahrt. Während der eine Beamte, der blonde, hagere, diese Frage stellte, sah der andere rundliche mit der kleinen Glatze, die wie eine Tonsur aussah, und mit dem rötlichen Speckansatz über dem Kragen, scheinbar uninteressiert aus dem Fenster. Dazu trommelte er mit den kurzen dicken Fingern einen Marsch an die Scheiben.

»Mein Gott, manchmal kommen Kollegen mal rasch herum und pumpen sich etwas Schminke oder einen Kohlenstift –«

»Das geschah auch vorgestern abend?«

»Ich denke, ja, der Kollege Kilian, der –«

»Hm – trägt der Kilian einen Pelz, wenn er so mal herüberkommt?«

»Im Gegenteil«, sagte die Simon, die sich des leichten Kostüms erinnerte, in dem der Kollege Kilian, eine harte Bürste leihweise erbittend, kurz nach dem Glockenzeichen zum dritten Akt hier hereingeflitzt war.

»Ich weiß zwar nicht, was das ›Gegenteil‹ von einem Pelz ist« – der Beamte lächelte freundlich – »immerhin« – er öffnete ein zweites Papierchen sehr vorsichtig, als ob etwas daraus fliehen oder wegfliegen könnte, dann hielt er es auf der flachen Hand den beiden Damen hin – »für was halten Sie das?«

»Das sind –« Melusine stockte.

»Haare!« ergänzte die Simon, und da der Beamte nur nickte, fügte sie interessiert hinzu: »Sollen das etwa Haare von dem Verbrecher sein?«

»Nicht gerade von ihm, aber Haare von einem Bären!«

»Nanu, wir haben hier doch keine Menagerie, sondern ein Theater!«

»Gewiß. Und diese Haare – die kleine Außentür des Tresors hat sie beim raschen gewaltsamen Öffnen wohl ausgerissen – diese Haare stammen aus dem vielleicht ziemlich wertvollen Pelz eines Bären, der wahrscheinlich sein Bestes für den Revers eines Mantels hergegeben hat, den der – nun sagen wir – der widerrechtliche Öffner des Tresors der Frau Mahuda trug, als er sich an die Arbeit machte.«

»Die offenbar rasch erledigt werden mußte«, ergänzte der Trommler vom Fenster her.

In diesem Augenblick – aber wirklich erst in diesem – fiel es Melusine ein, daß ihr scharmanter neuer Freund, dessen Bekanntschaft sie einem Zufall verdankte, einen der letzten Abende – es war wohl am Freitag, an dem die Mahuda nicht spielte, nach oben gekommen war, sie hier in der Garderobe zu besuchen, und ihr Pralinen und einen Veilchenstrauß mitgebracht hatte.

Während ihrer kurzen Szene in diesem Akt hatte er gebeten, hier im Raum bleiben zu dürfen. Als sie – im leichten Sommerkleid, das der Akt vorschrieb – auf die Bühne eilte, saß der Ritter von Visatzky, der liebenswürdige Österreicher, der zu Wiener Bühnen so ausgezeichnete Beziehungen hatte, im geöffneten Pelz im Korbstuhl dort vor dem Schrank mit den Kostümen und blätterte im Bühnenalmanach.

Als Melusine nach zehn Minuten, fertig mit ihrer Rolle und durch einen kleinen Applaus beglückt, wieder zurückkam, saß der Baron noch immer im Korbstuhl. Das Buch in der Hand, rief er der Eintretenden erfreut zu: »Also schau, ein interessanteres Buch gibt's ja gar nit! Was soll ich dir sagen – ich hab' zwei alte Lieben – sei g'scheit, is ja lang her – zwei alte Lieben hab' ich gefunden in dem Büchel. Eine ist in Brünn engagiert und eine andere – alsdann das ratst du nicht – in Kottbus, ausgerechnet in Kottbus! Und ich sag' dir, das war einmal eine Beauté du diable und eine Hoffnung in Wien an der Burg!« . . .

»Ja, alsdann –« die Simon sah mit runden Augen zu Melusine hinüber. »Ich glaube, über einen Kavalier im Pelzmantel kann die Kern-Möller eine bessere Auskunft geben.«

Der genannten Kern-Möller zitterten die Knie; ein heißer Kloß stieg ihr plötzlich vom Magen her in die Kehle. Sie fühlte, wie ihr fettgepolstertes Herz wahnsinnige Arbeit verrichtete. Aber sie war im Leben eigentlich eine bessere Komödiantin als auf der Bühne. Auflachend warf sie sich in den unter ihrem Gewicht krachenden Korbsessel, in dem an jenem Abend der Baron mit dem Bühnenalmanach gesessen hatte, schlug sich, das Zittern ihrer Finger zu verbergen, mit ihren dicken Händen in einer etwas übertriebenen Munterkeit auf die Schenkel, warf den Kopf zurück und schien geradezu hingenommen von der Komik einer durch die Andeutung der Kollegin nahegelegten spaßhaften Vermutung.

»Nein – also das ist großartig! . . . Also wenn ich ihm das erzähle – der Baron Visatzky soll, weil er einen schönen Pelz hat und – – Nein, also da möchte ich dabei sein, wenn ihm das einer erzählt, in was für einen Verdacht . . .«

»Vielleicht haben Sie die Freundlichkeit« – der zweite Kriminalbeamte, der bisher aus dem Fenster gesehen und an die Scheiben getrommelt hatte, drehte sich um – »uns die werte Adresse des Herrn Baron Visatzky – hieß er nicht so? – anzugeben?«

»Ja, aber gern. Also, bitte, Baron Visatzky, gebürtig aus Graz, lebt in Wien – im Krieg Rittmeister, ich denke, bei den Trani-Ulanen, aber da kann ich mich irren.«

»Gewiß, Sie waren ja nicht mit

»Mehrfach dekoriert – und –«

»– und wohnt jetzt?«

»Vorübergehend hier in Berlin im Hotel ›Adlon‹.«

»Wie sich das gehört!« nickte der Beamte. Und keine Muskel zuckte in seinem Gesicht, als er in sein Notizbuch eintrug: »Baron Visatzky – geboren in Graz – wohnhaft in Wien – im Krieg Rittmeister bei den Trani-Ulanen – wohnhaft im ›Adlon‹.«

. . . Zwei Stunden später erwies es sich, daß ein Baron Visatzky niemals im »Adlon« gewohnt hatte. Auch in den anderen vornehmen Hotels, bei denen man Erkundigungen eingezogen hatte, kannte man ihn nicht.

Diese telephonische Mitteilung empfing, statt seiner Gattin, für die sie bestimmt war, der gerade zum Mittagtisch nervös und abgespannt nach Hause kommende Siegmund.

»Was soll ich mit einem Baron Visatzky?« fragte er erstaunt zurück. »Ich habe keine so noblen Bekanntschaften. Sie sind wohl falsch verbunden . . .« Aber von der anderen Seite antwortete niemand mehr.

Als Melusine von der Probe kam, echauffiert, schweißbeperlt und noch um eine Nuance unliebenswürdiger als sonst, fragte Siegmund bescheiden: »Weißt du vielleicht, wer das ist? Ein Baron Visatzky aus Wien?«

Melusine war schon damit beschäftigt, die dünne Wassersuppe mit dem alten Weißbrot darin in die Teller zu schenken.

»Wer hat dir von ihm –?« Sie funkelte ihn mißtrauisch an.

»Vorhin am Telephon –«

»So, selbst?«

»Wieso – er selbst? Nein, jemand, der nach ihm fragte.«

»Ich kenne ihn nicht!« schnitt Melusine unwirsch ab. »Und wenn ich ihn schon kennen würde, was geht's dich an?! Hugochen, sitz' grad, sonst gibt's Katzenköpfe!«

Siegmund schwieg und löffelte die Wassersuppe.

Hugochen gab sich, ängstlich nach der ungnädigen Mutter schauend, einen Ruck und saß nun steif und kerzengerade wie ein kleiner Laternenpfahl. Ganz heimlich aber tastete das Bübchen rasch mit der freien Hand nach der mageren, stark behaarten Hand des Mannes, der nicht sein Vater und ihm doch viel lieber war und viel näher stand als seine Mutter.

* * *

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