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Die Hexe von Endor

Rudolf Presber: Die Hexe von Endor - Kapitel 5
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typefiction
authorRudolf Presber
titleDie Hexe von Endor
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1932
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Der Kommissionsrat Brambach hatte in dem Klubsessel Platz genommen, den Direktor Böck nur seinen besonders zu ehrenden Besuchern anzubieten pflegte.

»Zigarre gefällig –?« Der Direktor präsentierte zwei Kistchen. »Die mit Leibbinde mehr für Snobs – die ohne Binde mehr für Kenner.«

»Ich bin keins von beiden, lieber Direktor.« Der kurzbeinige kleine Kommissionsrat steckte die Füße mit den maisgelben Gamaschen über den Lackstiefeln so weit von sich, als es die Natur erlaubte, und schlug mit den breiten Händen, die an Maulwurfsfüße erinnerten, auf der Lederlehne den Takt zu seinen Worten. »Ich rauche überhaupt nicht!«

»Abscheu oder Arztverbot?« Der Direktor Böck war an den kleinen Likörschrank gegangen, der in der Bibliothek eingebaut war, und holte die vierkantige Flasche Danziger Goldwasser heraus, stellte zwei Gläschen auf den Tisch und goß ein.

»Weder Abscheu noch Arztverbot. Wir alle –« der Kommissionsrat nahm das sauber ausrasierte Kinn tief in den weitausgeschnittenen Kragen zurück und sah von unten herauf zu dem den Schnaps eingießenden Direktor des »Grabbe-Theaters«. Diese Kopfhaltung und diesen Blick liebte er, wenn er Bedeutsames zu äußern wünschte. »Ich wollte nur sagen – ich habe klein angefangen. Erst angestellt, dann beteiligt an einem Wanderzirkus – lieber Gott, vier magere Pferde – besser dreieinhalb – denn das eine war ein Shetland-Pony, das dem Clown gehörte. Zwei Damen, drei Herren und zwei Halbwüchsige. Dann habe ich – nach dem Tod des in Whisky-Soda ertrunkenen Partners – ein bißchen die Witwe geheiratet – war mal eine feine Nummer am Trapez, bis sie Wasser ins linke Knie bekam – Ja, das liegt nun so alles in Deutschland herum verteilt, der Sozius am Bodensee begraben bei Lindau – also, später seine Frau, zwischen Danzig und Langfuhr, wo die unzähligen Marmorengel die Finger nach oben strecken – der Clown siebenundsechzigjährig in den Sielen gestorben – Schlaganfall in der Manege – wir haben das geschminkte Blau von der Nase und das Rot von den Backen gar nicht mehr wegbekommen; und so ist er in Dausenau an der Lahn mit der Schminke eingebuddelt worden – Na ja, man hat sich dann so sachteken heraufgearbeitet – ein bißchen Glück war auch dabei. Aber was ich sagen wollte, in einem Wanderzirkus – alles gespannte Leinwand, flatternde Lumpen, gehäufte Garderobe, nirgends recht Platz – da darf nicht geraucht werden. Polizeiliches Verbot – und eins, das man hält, denn es ist ja schließlich der eigene Kram, der einem verbrennt, wenn's losgeht . . . Und jetzt, wo man arriviert ist – also, lieber Direktor, das wollte ich Ihnen sagen, vorgestern waren rund dreitausend Menschen im »Box-Palast« – übrigens trauriger Sport. Der Neger hat versagt, der Engländer ist nicht aus sich herausgegangen, den Spanier haben die Preisrichter disqualifiziert. Sie können sich denken, das Publikum schrecklich verärgert. Aber was wollen Sie, dreitausend Menschen, die sich ärgern, haben auch bezahlt.«

Der Direktor Böck, der mit dem angeblichen Lustspiel eines jungen Wiener Autors, auf das sein bereits gekündigter Dramaturg große Hoffnungen gesetzt hatte, schon in der fünften Vorstellung nur dreißig bezahlte Plätze, keine dreitausend zahlenden Mißvergnügte versammelt hatte, hörte etwas nervös diese Neuigkeiten aus dem Wanderleben und Aufstieg des Kollegen vom »Box-Palast« mit an, der von einem süddeutschen Fürsten – allerdings durch vordatiertes Dekret – gerade noch zu Beginn der Revolution zum Kommissionsrat ernannt worden war.

Böck warf einen heimlichen raschen Blick nach der Uhr an der Wand. Die Probe der neuen Komödie drüben auf der Bühne mußte bereits begonnen haben. Jeden anderen hätte Berthold Böck längst mehr oder minder unhöflich hinauskomplimentiert, um auf die Bühne zu eilen und dem verantwortlichen Regisseur alles umzuschmeißen, was er bisher sich ausgedacht und angeordnet hatte. Aber der Kommissionsrat Brambach – das war etwas anderes. Der war nicht nur ein übler und gerissener Konkurrent in seinem dem Grabbe-Theater benachbarten Box-Palast – nein, er war auch der Freund der Minka Mahuda, die – angeblich eine Kreolin – in fabelhaften Toiletten, noch lieber fast ohne solche, mit unerhörtem Schmuck durch ihre Kunst und ihr Talent, ein wenig auch durch das Renommee, daß sie Morphinistin und Kokainschnupferin sei, das Publikum des Berliner Westens anzog. Einer ihrer bedeutendsten Vorzüge in den Augen des Direktor Böck aber war, daß die Künstlerin für lächerlich geringe Gage spielte. Ein Umstand, der durch ihr Verhältnis mit dem Direktor des glänzend gehenden Box-Palastes und seinen Wunsch, sie in der Nähe zu behalten, erklärt wurde. Außerdem aber hatte der Kommissionsrat Brambach im vorigen Herbst fünfundsiebzig Mille zu bescheidenem Zinsfuß in das damals beträchtlich wankende Grabbe-Theater gesteckt und so gewissermaßen die Direktion Böck, auf deren Ende schon liebe Kollegen in Berlin und in der Provinz wie die Wölfe lauerten, noch einmal gerettet. Gründe genug, diesen mächtigen Mann jetzt nicht – was Böck sonst sehr gelockt hätte – an den fetten Armen aus dem Klubsessel zu zerren und mit einem Tritt vor die Tür, an der ein Schild angeheftet war: »Direktor. Kein Eintritt!« auf den immer schlecht erleuchteten Korridor zu werfen.

»Sie wollten mir sicher etwas ganz Besonderes mitteilen, mein lieber Herr Rat«, sagte Böck scheinbar aufs höchste interessiert, als Brambach nach seiner Mitteilung über den erstaunlichen Besuch seines Box-Palastes schwieg und die Perlmuttknöpfe an seinen vorgestreckten maisgelben Gamaschen zu zählen schien.

»Allerdings. Ich komme gewissermaßen im Auftrag von Fräulein Minka Mahuda.« Der Kommissionsrat stockte und schob und ordnete mit den dicken Fingern seiner Rechten an den Brillantringen herum, die den kleinen Finger seiner Linken in einen strahlenden Panzer zu legen schienen.

»Ach, meine liebe Mahuda!« – Böcks Rede und Miene war ganz in Öl getaucht – »Tja, hätte der kleine Eigensinn nicht auf den Urlaub von vierzehn Tagen bestanden – so wären wir jetzt nicht . . .«

»Sie war erschöpft mit den Nerven, lieber Direktor. Sie mußte, die Ärzte haben's ihr dringend geraten, unbedingt einmal ausspannen!«

»Aber natürlich, natürlich. Wurde ihr ja auch prompt und gern gewährt, nicht wahr? Wo war unsere liebe Mahuda eigentlich zu ihrer Erholung?«

»Na, zunächst ein paar Tage in Paris – und dann ein bißchen in Monte Carlo.«

»Hm. Vielleicht nicht ganz das Ratsamste für erschöpfte Nerven.«

»Lieber Gott, Sie kennen die Kleine ja. Was andere beruhigt, das regt sie auf; und was andere aufregt, das beruhigt sie.«

Böck dachte bei sich im Anblick des vor ihm sitzenden Kommissionsrats, daß dieses Urteil vielleicht zutreffe. Denn angenommen, daß die Mahuda sich nicht nur von diesem wenig anziehenden Herrn aushalten ließ, sondern ihn auch liebte, so mußte sie sich allerdings aufregen lassen von dem, was andere beruhigte.

»Sie ist hoffentlich recht fröhlich wiedergekommen, unsere Diva?«

»Ja, so eigentlich fröhlich nicht. Sie hat so allerlei kuriose Einkäufe getätigt. Eine mit Brillanten besetzte Morphiumspritze in Nizza und so Sachen. Einen Koffer mit Toiletten hat sie übrigens auf der Hinreise verloren – angeblich war die Jungfer schuld – aber das bin ich ja schon gewöhnt. Wenn man so bald anderthalb Jahre mit ihr . . . Gottlob waren nur Sachen drin, sagte sie, die doch nicht recht mehr modern waren.«

»Das trifft sich gut!« Böck hatte eine hübsche Art, das ironische Lächeln des Mundes mit ernsthaften Augen Lügen zu strafen.

»Wie man's nimmt . . . Sagen Sie, Direktor, Sie waren gestern nicht in Ihrem Theater?«

»Nein, ich hatte eine Sitzung im Bühnenverein.«

»Aha – deshalb. Und heute haben Sie wohl noch niemanden von Ihren Leuten gesprochen?«

»Nein, warum? . . . Wir sind doch zusammengekommen.«

»Richtig, ja . . . Minka war gestern während der Vorstellung im Theater.«

»Hat sie sich die Komödie angesehen? Leider ein böser Versager. Wir stopfen bereits mit Vereinen. Dabei hat die Sache in Wien gar nicht übel gefallen. Beim Theater ist eben auf nichts Verlaß. Am wenigsten auf Erfolge anderswo. In dem neuen Stück – die Probe läuft gerade – wir müssen es möglichst bald herausbringen – in dem neuen Stück spielt natürlich die Mahuda die Hauptrolle – eine rätselhafte indische Fürstin – wird ihr glänzend liegen – zwei Akte Pariser Modelle – einer: indisches Milieu – gutgebaute Sache. Wie in Sudermanns ›Heimat‹ – wir müssen so was ja heute offiziell als ›Edel-Kitsch‹ bezeichnen, aber wir vom Bau wissen: wie ist die Sache gemacht! – kommt die Heldin selbst erst, natürlich glänzend vorbereitet, im zweiten Akt. Den und den dritten Akt beherrscht sie dann ganz. Fingerspitzengefühl für Wirkung. Wir proben heute bloß den ersten Akt – morgen beginnen wir mit dem zweiten. Bis dahin wird sich unsere liebe Mahuda von den gewiß nicht unbedeutenden Strapazen der Erholungsreise erholt haben. Ich will –« Böck zog einen Block heraus und notierte mit einem riesigen Bismarckbleistift in Flatterschrift einiges Unleserliche. »Ich will gleich morgen eine geschickte Notiz in die Blätter lancieren, daß sie heimgekehrt ist – herrlich wie am ersten Tag.«

»Hm – eine Notiz wird allerdings nötig sein.«

»Nötig?« Böck legte den Bismarckbleistift zur Seite – »nötig nicht, aber nützlich. Jede Reklame muß Prominenten und Direktoren, wenn es keine Idioten sind, willkommen sein.«

»Schon, schon.« Der Kommissionsrat trank sein Goldwasser aus und goß sich sichtlich zerstreut wieder ein. »Ich denke, Sie drehen die Notiz – ›herrlich wie am ersten Tag‹ ist übrigens gut gesagt.«

»Nicht von mir – von Goethe«, lehnte Böck bescheiden ab.

»Trotzdem. Ja, was wollte ich sagen, um so besser, ja. Goethe ist immer gut. Ich hatte mal – beim Wanderzirkus noch – einen Parforcereiter – er trat dann unter anderem auch mit zwei dressierten Seehunden auf – also der konnte Ihnen den halben Goethe auswendig – Braut von Korinth und so'ne Sachen . . . Um auf die Notiz zurückzukommen. Das muß mit Vorsicht gedeichselt werden. Sie ist noch zu aufgeregt, die gute Minka – denn schließlich: keine Frau läßt sich gern in ihren Sachen herumkramen, Hab' ich recht? Und Sie wissen, mit Ihrer Erlaubnis hat sie sich doch in ihrer Garderobe so eine Art kleinen Tresor in die Wand einbauen lassen. Hinter dem Spiegel, wo sie ihren Schmuck, nicht wahr, vielleicht auch ein paar Briefe und so was . . . Sie will nicht immer alles mit nach Hause nehmen. Das ist ja auch lästig – und spät abends, man ist müd – und in den Autos verkrümelt sich auch mal was – mein eigenes ist schon wieder in der Reparatur. Ich will mir jetzt übrigens eine deutsche Marke kaufen, und schließlich, die große Mode ist ja jetzt ›national‹. Politik ist nicht meine Sache, aber – die Fensterscheibe will man auch nicht eingeworfen haben. Ich hatte bis jetzt an meinem amerikanischen Wagen immer zur Vorsicht einen argentinischen Wimpel – meine Frau war Argentinierin. Aber ich überlege –«

Böck wurde nervös. Nun fuhr dieser konfuse Kommissionsrat schon wieder im neuen deutschen Wagen mit nationaler Flagge, statt bei der Stange zu bleiben und – »Sie wollten irgendetwas erzählen«, platzte Böck in Ungeduld heraus, »was mit dem Besuch unserer Diva gestern in meinem Theater oder in ihrer Garderobe zusammenhing?!«

»Richtig, ja – also Sie wissen, da war doch vor längerer Zeit die famose Versteigerung von allerlei östlicher Kunst und solchem Zeug, aus russischen Schlössern bei Leppke. Die Sowjetherrschaften entledigten sich dieser für ihren Proletarierstaat nicht recht verwendbaren »Erbschaften« des Kaiserreichs. Vermutlich hoffen sie, die Sächelchen beim Vordringen ihrer beglückenden Lehre in den Nachbarländern mal wieder zu ›erben‹, um sie nochmal versteigern zu können. Da war auch ein Halsschmuck darunter – angeblich ein Geburtstagsgeschenk – ja, von wem – vom Schah von Persien oder vom König von Spanien oder vom Papst, was weiß ich, an die Zarin. Ein wundervolles Kreuz von Smaragden an einer Perlenkette, die immer wieder von kleinen Smaragden unterbrochen war.«

»Ich bin im Bilde, wir haben es an unserer Diva bewundert, als sie in der ›Dame von Milwaukee‹ die verrückte amerikanische Milliardärin spielte – übrigens glänzend spielte.«

»Ja, besonders die Verrücktheit. Nun hat sie den Schmuck nicht viel herumschleppen wollen – hat wohl auch gedacht, es kommt bald wieder eine Rolle, wo sie ihn funkeln lassen kann. Auf Reisen, im Coupé und im Hotel trägt man solche Dinge schließlich nicht und –« der Kommissionsrat trank ohne Erregung, ein wenig schmatzend, sein drittes Goldwasser aus. »Danzig muß deutsch bleiben«, sagte er mit schöner Überzeugung, als er das Gläschen hinsetzte.

»Das muß es«, bestätigte Böck. Aber seine Gedanken drängten, Schlimmes ahnend, zum Schluß der Erzählung, die der Kommissionsrat immer wieder durch den Genuß von Danziger Goldwasser unterbrach. »Und – was ist nun mit dem Schmuck?«

»Nicht eben viel. Weg ist er!«

Böck, der ehemals selbst als Schauspieler ganz brav kleine Chargen gespielt hatte, zeigte in diesem Augenblick, gänzlich unbeherrscht und ohne jede Maske, ein so blödes Gesicht, wie man es ihm, dem als gerissen verschrienen Direktor einer großen Berliner Bühne, der dem Reinhardt die Mahuda vor der Nase weggeschnappt und den Barnowsky im Rennen um einen neuen Shaw geschlagen hatte, nimmer zugetraut hätte. Nach einer ganzen Weile erst kehrte die Intelligenz in sein Antlitz und das Wort auf seine Zunge zurück. »Was denn, den herrlichen Schmuck der Zarin hat die Mahuda –?«

»Jawohl – hat sie in dem Schränkchen – Kunstschloß, Garantie der Firma angeboten, natürlich Unterschrift verbummelt damals, also erledigt – hat sie in dem Schränkchen gelassen, als sie abreiste. Gestern will sie da was herausholen – ich glaube einen Brief, um ihn endlich zu beantworten – sie beantwortet Briefe, selbst die eiligsten, nie, ehe das Zeug veraltet ist und gen Himmel stinkt. Da sieht sie – – na ja, genau genommen, sieht sie nichts. Denn es war nichts, aber auch gar nichts mehr in dem Eisenkästchen – das übrigens spielend auf und zu ging. Wie geölt. Was es vielleicht auch war. Aber ja doch. Wie zum Hohn – ein bißchen Zigarettenasche, meint sie, lag darin. Der Kerl muß ganz gemütlich geraucht haben, während er ohne Eile ausgeräumt hat. Und einen Rest von guten Manieren scheint er auch zu haben. Er hat die Asche nicht auf den Teppich geworfen.«

»Mein Gott, hat sie denn nicht sofort –«

»Was denn . . .? Es war doch schon gegen zehn Uhr. Sie waren nicht zu finden, und an wen soll sie sich wenden? Was soll sie den blöden Feuerwehrmann in der Kulisse verrückt machen oder den abgekämpften Laban, den Regisseur, oder den Kern, den Trottel von Kassierer, der übrigens längst nach Hause gegangen war – oder die alte Schumann, die Brillenschlange, in dem Schwitzkasten!«

Böck richtete sich kerzengerade in seiner ganzen Figur, auf die er so stolz war wie auf seine Regie und seine Hosenbrüche, vor dem Kommissionsrat auf. Der saß immer noch unberührt und ruhig und nicht ohne Behagen in seinem Sessel. Die glatten Strähnen der amerikanischen Frisur mit streichelnder Hand verfolgend, sagte Böck: »Herr Kollege, ich bewundere Sie, so etwas von Ruhe im Angesicht solcher Verluste –«

»Was heißt ›angesichts‹ – was heißt ›Verluste‹? Gesehen hab' ich's nicht. Sie und die Minka haben den Schreck allein gehabt. Und Verluste? Die Briefe, die weg sind, gehen mich nichts an. Sie sind auch nicht an mich; und was drinsteht, hätte mich vielleicht gar nicht gefreut. Und schließlich der Schmuck –«

»Schließlich – ist gut!«

»Der Schmuck – nun der war doch nicht echt!«

Zum zweitenmal bot Böck das seltene Bild tiefster Verblüffung. »Was denn? Die Zarin von Rußland soll unechten Schmuck getragen haben?!«

»I wo, wer spricht denn von der Zarin? Der Schmuck ist schon ganz echt. Aber der echte Schmuck liegt, wie er aus Rußland gekommen ist, in meinem Safe in der Deutschen Bank. Ich werde doch die Minka – schusselig wie sie ist – und Morphium und Kokain sind, weiß der liebe Gott, auch keine Stimulantien für Zuverlässigkeit in Geld- und Wertsachen – werd' ich sie doch nicht den echten Schmuck im Theater tragen lassen! Bis auf die Ringe, die sie nicht mehr vom Finger kriegt, ist alles Imitation. Ich habe von all ihren Schmucksachen – es ist schon ein hübscher Haufen – von meinem Juwelier Nachbildungen machen lassen. Von dem Zarenhalsband die Imitation ist sogar in Pforzheim gemacht. Ganz genau bis ins kleinste Detail haben diese Kerle das geschafft. Also ich wette, Sie unterscheiden das Echte und das Unechte nicht voneinander. Nämlich so ganz billig ist die Imitation auch nicht. Man könnte schon ein paar Waisenknaben ein echtes Konfirmationsgeschenk machen von dem Geld, was es mich gekostet hat. Die gute Minka ist ein teurer Spaß. Aber natürlich der echte Schmuck – da kann man das Sümmchen, was ich nach Pforzheim gezahlt habe, schon ein bißchen multiplizieren, bis der Preis herauskommt.«

»Das ist aber äußerst unangenehm!« Böck ging mit kurzen raschen Schritten im Zimmer umher, von der Ecke, aus der die weiße Totenmaske von Josef Kainz aus welken Lorbeerkränzen grüßte, bis zu dem kleinen Tisch, auf dem ein Bild der Eleonore Duse mit Autogramm vor den abgegriffenen Kunstlexika und Bühnenalmanachen im Silberrahmen stand, und wieder zurück.

»Ihnen braucht's schließlich nicht unangenehm zu sein. Sie haben doch keine Verantwortung, und die Versicherungsverpflichtung haben Sie auch nicht. Sie haben bloß die schöne Reklame: daß bei Ihnen eine Künstlerin spielt, der ein blödsinnig wertvolles Halsband der Zarin gestohlen werden kann.«

»Das nicht echt ist!«

»Brauchen wir doch nicht gleich zu sagen.«

»Das Üble dabei ist, daß wir nicht wissen, wann es geschehen ist.«

»Spielraum vierzehn Tage.«

»Vierzehn Tage Vorsprung hat eventuell der Dieb.«

»Nun, was wollen Sie – ihm nachlaufen?«

»Und daß wir nicht ahnen, wer etwa . . . Haben Sie keinen bestimmten Verdacht? Hat die Mahuda irgendeine Vermutung?«

»Wie sollte ich! Und die gute Minka?! Das erste war: sie glaubt, ein Narr hat es bloß auf ein ›Andenken‹ an sie abgesehen. Irgendein Verliebter, meint sie. Alles bei der Frau ist erotisch.«

»Eine gefühlvolle Lösung! Blöd – entschuldigen Sie!«

»Bitte, ich weiß doch, was los ist. Und daß nicht alle Künstler – so schön sie spielen, wenn man es ihnen auf der Probe vormacht – den Verstand mit Löffeln gefressen haben.«

»Aber gleich den ganzen Kasten auszuräumen samt dem Schmuck, den er natürlich für echt gehalten hat –«

»– und den er in dieser charakteristischen Art nicht los wird.«

»War die Garderobe abgeschlossen, als die Mahuda sie betrat?«

»Vom Korridor aus, ja. Aber rechts ist doch die allabendlich benutzte Garderobe von der Michaeli, der Neumann und der Cibalka und links die Garderobe der Sabine Simon und der – wie heißt sie doch – und der ›schlotterichten Königin‹ sagt Minka immer von ihr.«

»›Schlotterichte Königin‹ ist gut.« Böck lächelte aus seinem Ärger heraus unwillkürlich. Den »Hamlet«, dachte er, könnte man mal wieder – ganz modern – inszenieren. Dann könnte die Melusine Kern-Möller wirklich die ›schlotterichte Königin‹ spielen. Laut aber sagte er: »Kern-Möller – Melusine Kern-Möller.«

»Richtig ja – der Mann ist ja wohl Rendant bei Ihnen?«

»Sagen wir: Kassierer.«

»Nächstens zehn Jahre im Dienst.«

»Wissen Sie das auch schon? Er ist schließlich ein bescheidener, anständiger Kerl – aber sie erzählt es überall herum mit dem zehnjährigen Jubiläum. Natürlich um mich zu zwingen, Notiz davon zu nehmen.«

»Ja, solche Notizen kosten Geld. Eine hübsche Tochter sollen sie übrigens haben, die Kern-Möllers, sagt die Minka, und wenn die mal was Weibliches gelten läßt . . .«

Böck warf einen kurzen, forschenden Blick hinüber zu dem Freund seiner Diva. Die Harmlosigkeit selbst, saß der Kommissionsrat wie von einem Lederkranz eingefaßt, tief im Klubsessel. Für einen Augenblick stieg vor Böck das Bild des schönen Mädchens auf, das er – einen Monat mochte es her sein – hier auf ihr Talent geprüft hatte. »Die Bühne erschreckt Sie noch und das leere Parkett da unten. Kommen Sie mit mir in mein Privatzimmer!« Dann hatte er sie den Monolog des Gretchens sprechen lassen. »Ich gäb' was drum, wenn ich nur wüßt', wer heut' der Herr gewesen ist . . .« Er hörte es noch in ihrer zitternden Stimme. Er wünschte schon damals, der Herr gewesen zu sein . . . Dann die – aus der »Liebelei«, die Abschiedsszene aus dem zweiten Akt. Er gab ihr mit dem Buch in der Hand die Stichworte . . . Lieb, lieb, lieb! Und so was Sauberes im Ausdruck und in der Empfindung! Aber er hielt sein Urteil zurück. »Haben Sie sich mit der Wedekindschen ›Lulu‹ beschäftigt?« – »Nein.« – »Hat Ihnen Ihre Mutter nicht das Buch gegeben?« Eine kleine Pause. Dann: »Ja, die Frau meines Vaters –« er hörte noch den bescheidenen Ton leiser Korrektur in ihren Worten, »die Frau meines Vaters hat es mir gegeben und hat mir gesagt, Sie, Herr Direktor, wünschten's als dritte Rolle zur Probe.« Sie hatte ihn ruhig und treuherzig dabei angesehen, voll Respekt, aber es lag doch etwas wie eine Bitte in Augen und Rede. Da war er aufgestanden und legte – väterlich-onkelhaft – das war so ein Trick, wenn ein leises Begehren erwachte – den Arm um ihre runde Schulter und zwang sie, in langsamem Schritt mit ihm durch das Zimmer zu gehen. Von der Totenmaske Kainz' bis zur Duse und von der Duse wieder bis zu Kainz. »Mein liebes Kind«, hatte er gesagt, »entweder man ist heute eine Künstlerin – oder man ist's nicht. Entweder man kann alles oder man kann nichts. Die Zeiten der Klara Ziegler sind vorbei, wo man nur als ›Jungfrau‹ und als ›Sappho‹ und in solchen guten Sachen gastieren konnte, weil angeblich Figur und Organ und Zuschnitt des Talents darauf hinwies. Heute spielt eine echte Künstlerin das ›Hannele‹ und morgen die ›Penthesilea‹. Wenigstens bei mir. Die Rollen bergen das Experiment, das die große Überraschung bringen soll. Also, liebes Kind, das nächstemal ›Lulu‹, nicht wahr?« – »Herr Direktor«, sie stand vor der Duse und wiegte ganz leicht ihr Köpfchen mit dem schweren schwarzen Haarknoten nach dem Bild hin, »die hat doch auch nicht alles gespielt.« – »Wenn Sie mal die da sind, können Sie sich's auch aussuchen. Bis dahin, wenn's zu einem Kontrakt fürs ›Grabbe-Theater‹ kommt, bestimme ich, was Sie spielen!« Sie hatte etwas beschämt geschwiegen. Nach einer Weile hatte er mit betonter Gleichgültigkeit so hingesprochen: »Gut gewachsen sind sie auch? Die Beine – bitte, den Rock etwas über das Knie!« Sie war rot geworden bis in die Haarwurzeln, als er einen Schritt zurücktretend ihre Waden und Knöchel mit dem Blick eines Pferdehändlers musterte. »Hübsch gewachsen sind Sie, das muß man Ihnen lassen – und alles noch Natur. Wenn ich sie gleich das erstemal richtig herausstelle – darauf allein kommt's schließlich an . . .«

Eine Zorneswelle stieg in Böck herauf. Er hatte damals die Dummheit begangen – lag's an der Schwüle des Spätsommermorgens oder hatte ihn wirklich die plötzlich, wie ein Raubtier, erwachte Leidenschaft jäh gepackt – er hatte die Dummheit begangen, ein paar sonst mit raffinierter Klugheit eingehaltene Stationen bei seiner Liebeswerbung zu überspringen, um sie mit einem raschen, begehrlichen Griff an sich zu ziehen. Da war sie ganz blaß geworden, hatte ihn mit zitternder Faust vor die Brust gestoßen und irgendein Wort gesagt, das er nicht verstanden hatte. Ein Wort, in dem Schreck, Angst, Enttäuschung und Abwehr lag. Wenn nicht gar Abscheu . . .

Da hörte er wie aus einer anderen Welt den Kommissionsrat sagen: »Eine Frage, natürlich diskret und unter uns.«

»Bitte«, Böck fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und verscheuchte die letzte Spur dieser wunderlichen Erinnerung.

»Auf Ihren Kassierer – Kern heißt er ja wohl – können Sie sich doch verlassen?«

»Ich glaube wohl. Ich habe in den zehn Jahren –«

»Gut, gut, ja. Sie sagten zehn Jahre, und die Frau – auch schon zehn Jahre?«

»Nein, bei mir ist sie drei Jahre, glaub' ich. Er hat sie vor zwei Jahren erst geheiratet.« In Böcks Ohr klang die Stimme Klaras wie zur Abwehr: »Die Frau meines Vaters –«

»Und sagen Sie, Direktor, wer ist der Herr im Gehpelz, der so ein bißchen wienerisch spricht – sehr elegant, offenbar gut situiert, der ein- oder zweimal in der Garderobe der Kern-Möller war?«

»Wann?«

»Nun – in der Zeit, als die Minka in Monte Carlo –«

»Abends während der Vorstellung?«

»Ja. Wenn die Kern-Möller spielte.«

»Ich weiß nichts von solchem Herrn. Aber schließlich – obschon es verboten ist – durch Vermittlung der Logenschließer kommen manchmal doch – – wer hat Ihnen übrigens von dem Herrn gesprochen?«

»Die Damen Michaeli, Neumann und Cibalka haben mir so beiläufig und unter anderem – Aber Kavaliere im Gehpelz kommen ja nicht in Frage.«

»Die Frau meines Vaters« – immer wieder hörte es Böck mit Klaras Stimme. Mit zitternder Stimme, die ihn gepackt, gerührt, ergriffen hatte, als sie ganz schlicht und mädchenhaft und doch schon wie in einer Ahnung kommender Leiden gesprochen hatte: »Ich gäb' was drum, wenn ich nur wüßt' – wer heut' der Herr gewesen ist.«

»Nun«, sagte Böck »gleich nach der Probe diktiere ich die Notiz für die Presse: das Halsband der Zarin –«

»Machen Sie es geschickt, lieber Direktor«, der Kommissionsrat war aufgestanden und legte ihm kordial seinen Arm um die Schulter. »Wir wissen doch, ohne Reklame ist nischt mit unserem Geschäft. Und was dem einen sin Uhl ist, das ist dem anderen sin Nachtigall. In dem Fall –« er lachte breit und ein bißchen gewöhnlich – »in dem Fall bin ich die Uhl und Sie sind die Nachtigall.«

»Empfehlen Sie mich der Diva«, nickte Böck zerstreut.

»Gern – wenn sie zuhört. Sie hat schon wieder gespritzt heute morgen!«

* * *

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