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Die Hexe von Endor

Rudolf Presber: Die Hexe von Endor - Kapitel 2
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typefiction
authorRudolf Presber
titleDie Hexe von Endor
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1932
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Erstens war die Feder so schlecht, wie sie auf kleinen Postämtern zu sein pflegt, wo jeder seine Wut darüber, daß er telegraphieren muß, an dem Schreibmaterial ausläßt. Zweitens hatte er kalte Finger, die noch niemals mit einer verdorbenen Feder besonderes geleistet haben. Drittens beherrschte ihn das deutliche Gefühl, daß die junge Dame, die da neben ihm, nur durch die halbhohe matte Glaswand von ihm getrennt, ohne von ihrer Umgebung irgendwelche Notiz zu nehmen, sich schreibend auf das Papier beugte, sehr hübsch sei.

Drei Gründe dafür, daß er die Hand auf dem Telegraphenformular ruhen ließ, auf dem bis jetzt nur in kritzligen Buchstaben zu lesen stand: »Wenn Wetter gut, morgen Wannsee-Bahnhof . . .« Das Weitere, auch die Adresse, die er aus gewissem Argwohn gegen etwa über die Schulter schauende Vorübergehende immer zuletzt schrieb, sollte folgen. Aber da hatte ein ganz feiner sympathischer Duft – er schätzte: Veilchen plus junger Frauenkörper – ihn gestreift; und er warf die schlechte Feder auf das Telegrammformular und beschloß zu warten. Zu warten, bis die Schreiberin neben ihm sich von ihrer, wie es schien, mühevollen Arbeit endlich aufrichten würde.

Ihr einfacher mit Pelz besetzter dunkelblauer Wintermantel verriet eine hübsche Figur. Das Haar war tief schwarz, kein Bubikopf, ein Knoten. Es muß schwer für sie sein, dachte Veit, bei ihrem reichen Haar und der unmodernen Frisur den passenden Hut zu finden. Das Gesicht konnte er nicht sehen. Aber seine Ahnung sagte ihm: es paßte zu der Erscheinung, soweit sie für den diskreten Nachbar nachprüfbar war; paßte zu der schlichten, aber guten Aufmachung, paßte zu dem ganz feinen aus Frau und Veilchen gemischten Duft, der ihn beunruhigte.

Jetzt hörte Veit nebenan die Hand, die er nicht sehen konnte, ein Stück Papier zerknüllen und weglegen. Ein leiser Seufzer begleitete diese Bewegung. Der Brief oder was es ist, scheint stilistisch ihren Anforderungen nicht genügt zu haben, dachte Veit. Er dachte es ohne Ungeduld, die ihn sonst wohl auf Postämtern beherrschte, wenn ein anderer den einzig brauchbaren Federhalter nicht losließ oder in der Telephonzelle die angenagelte Mahnung, sich kurz zu fassen, schnöde mißachtete.

Veit sah sich in dem wenig großstädtischen Postamt um. An jedem Schalter warteten etliche vom Novemberregen befeuchtete Menschen. Es roch nach Leim, Schweiß, billiger Pomade und nassen Kleidern. Am Schalter für postlagernde Briefe standen ein paar wenig reizvolle Damen, deren Korrespondenz gewiß mit gutem Recht anonym geführt wurde. Dazwischen ein stumpf brütender alter Mann, der vermutlich bessere Tage gesehen hatte und sich – wie sich das Veit aus einer jüngst gelesenen Annonce erinnerte – »an einem ähnlichen Unternehmen wieder zu beteiligen« wünschte.

Ganz am Ende der betreffenden Schlange wartete ein eleganter Herr im Gehpelz. Mitte der Dreißiger vielleicht, ein bißchen blaß und abgelebt. Das randlose Monokel schien von der spitzen, schmalen, etwas schiefsitzenden Nase an das rechte Auge gepreßt zu werden. Der Herr trug die zu dem Bisampelzkragen passende Mütze als Kopfbedeckung und schien der einzige der Wartenden zu sein, der sich nicht schmählich ärgerte über die nicht zu erschütternde Ruhe des amtierenden kahlköpfigen Postbeamten, der die gerade neu eingelaufenen postlagernden Briefe hinter der geschlossenen Glasscheibe ohne Eile sortierte und dabei, als müsse er es unbedingt memorieren, vor sich hinmurmelte: »Fräulein Hulda S. A.« . . . »Herrn Wolfgang Krispin aus Danzig« . . . »Figaro 100« . . . »Amor 7« . . .

Der Herr mit dem Monokel schien Zeit zu haben. Zeit und Interesse. Er sah – der Spiegel des Einglases verriet die Richtung – unverwandt zu dem kleinen Abteil des für das Publikum um die Säule herumgebauten Schreibtisches, an dem eben mit einem neuen Seufzer der Ungeduld oder Enttäuschung die junge Dame mit dem schwarzen Haarknoten ein zweites Papierchen zerknüllte.

Draußen vor der von den Spritzern des Herbstregens betupften Scheibe sah Veit in gewissen Abständen immer denselben schmalen Schatten schildwachartig vorüberwandeln. Addo, der treue Freund, wartete da auf ihn und machte sich gewiß schon Gedanken über die Länge und Ausführlichkeit der Depesche, die nach seiner Erkenntnis den nicht ungewöhnlichen Zweck hatte, die kleine quecksilbrige, sommersprossige Annemarie, erste Plätterin im »Herrschaftlichen Wäsche- und Plättgeschäft« der Frau Emmerich in Nowawes zu gemeinsamer Sonntagsunternehmung an den Wannseebahnhof zu bestellen.

Schade, Addo hat keinen Schirm, dachte Veit, während er auf das Rascheln des Papiers dicht neben sich lauschte, und sein neuer Hut – das hat er mir gerade vorhin erzählt – hat auf der Potsdamer Straße sechzehn Mark fünfzig gekostet.

In diesem Augenblick richtete sich die junge Dame neben ihm – entweder fertig mit ihrer Schreibarbeit oder daran verzweifelnd – aus ihrer gebückten Stellung auf. Veit sah für einen Augenblick in ein etwas blasses aber bildhübsches Gesicht. Edelgeschnitten, ein wenig an Feuerbachs Römerinnen erinnernd, aber, wie ihm vorkam, hellblaue Augen, die groß und ein bißchen traurig an ihm vorbeisahen.

Die junge Dame, die eben noch so viel Zeit gehabt, schien es jetzt sehr eilig zu haben. Sie raffte eine Zeitung, ein Taschenbuch und ein Täschchen zusammen und verließ rasch, sich durch das Publikum drängend, das Postamt.

Ohne den Blick von der Enteilenden zu wenden, war Veit an das freigewordene benachbarte Abteil herangetreten, von dem er den besseren Federhalter erhoffte. Als er ihn ergriff, war er noch warm von ihrer Hand.

Dieses Gefühl der Wärme gab seinen Gedanken eine Richtung, die nicht nach Nowawes führte und nichts zu tun hatte mit dem Plättgeschäft der Frau Emmerich und ihrer ersten Plätterin. Die Fortsetzung seines Telegramms lag ihm plötzlich nicht mehr allzusehr am Herzen; und er bemerkte gar nicht, daß er mit der tatsächlich besseren Feder sinnlose Schnörkel durch die schon geleistete Arbeit: »Wenn Wetter gut, morgen Wannsee-Bahnhof« zu ziehen bemüht war.

Da fiel sein Auge auf die beiden zerknüllten Zettelchen an dem Tintenfaß. Rasch griff er das eine glättete es und las in einer feinen, zierlichen Handschrift:

»Welcher Edeldenkende wäre geneigt, einer jungen, strebsamen Künstlerin aus guter Familie – schauspielerisch bereits geprüft – – –«, die folgenden Worte, deren Fassung offenbar Schwierigkeiten verursacht, waren durchgestrichen bis zur Unkenntlichkeit.

Dreimal überflog Veit die wenigen Worte, verblüfft und eigenartig aufgewühlt, als ob er den Aufschluß zu einem bedauerlichen Geheimnis erfahren hätte. Dann raffte er plötzlich das Papier auf, ließ die für den Draht bestimmte Mitteilung an die kleine Annemarie, erste Plätterin im »Herrschaftlichen Wäsche- und Plättgeschäft« der Frau Emmerich in Nowawes, auf der Tischplatte liegen und eilte hinaus auf die Straße zu Addo, dessen schmaler Schatten gerade eben wieder am trüben Fenster vorbeigeglitten war.

»Addo!«

»Endlich! Du hast wohl an die Kleine in Versen telegraphiert?«

»Unsinn! . . . Ich habe überhaupt noch nicht telegraphiert . . . ich . . . das heißt, du – ich meine, hast du hier eine junge Dame herauskommen sehen?«

»Du, hör' mal, Veit – in der Viertelstunde, in der du mich hier im Regen patrouillieren ließest, sind natürlich eine ganze Anzahl junger Damen – auch ältere, die sogar in der Mehrzahl – hier herausgekommen und die Marburger Straße entlang . . .«

»Ganz kürzlich erst – vor einer Minute oder zwei – im dunkelblauen Mantel mit schmalem Pelzbesatz – schlank, gute Figur – ausgezeichnete Figur!«

»Ja, wart' mal – schwarzes Haar, kein Bubikopf?«

»Richtig, richtig, die!« Veit triumphierte, als ob sein Freund ein besonders schwieriges Rätsel der Prinzessin Turandot soeben für ihn geraten hätte. »Wo ging sie lang? Hier nach der Augsburger zu – oder dort nach der Tauentzienstraße?«

»Willst du ihr nach –?«

»Mein Gott, das ist doch egal – zunächst mal, wohin ist sie . . .?«

»Entschuldige mal, das ist gar nicht egal«, sagte, von dem Ton Veits leicht verletzt, der in der Pedanterie, die einem Bankbeamten eigen sein muß, zu Weitläufigkeiten geneigte Addo – »es ist gar nicht egal, insofern, als die junge Dame, wie ich beobachtete, von einem andern . . .«

»Wie denn – wo denn –? Ein anderer ist ihr nachgestiegen?« Veit war ehrlich entrüstet. »Wer denn? Bitte, wer war es?«

»Ja, vorgestellt hat er sich mir nicht«, lachte Addo. »Ein peinlich eleganter Herr. Mittelalter, Gehpelz –«

»Mit Monokel –? Dann weiß ich schon! Daß ich den Fatzke nicht im Auge behielt!«

»Ein Fatzke war es eigentlich nicht – er sah bloß gut aus.«

»Es war ein Fatzke! – Lehr' mich die Menschen kennen, die da auf Postämtern – – und nachher gleich hinter einer hübschen Frau, die sie nicht kennen –«

»Ja, Veit, ich weiß nicht recht . . . Mir scheint, du bist kein Fatzke – – und du wolltest doch, scheint mir, eigentlich auch . . .«

»Das ist etwas ganz anderes. Hier, bitte, hier!« Und wie zu seiner Rechtfertigung hielt Veit dem Freunde, während er selbst noch einmal nach links und rechts aufs schärfste die Straße nach der Verschwundenen absuchte, das Blatt hin.

Addo nahm umständlich seine Lesebrille aus der Brusttasche, setzte sie auf, neigte den Kopf seitlich und las. Wahrend der Novemberregen mehr und mehr die hübschen Buchstaben betupfte und verwischte, sprach er, als ob er sie memorieren wolle, die Worte vor sich hin: »Welcher Edeldenkende wäre geneigt, einer jungen, strebsamen Künstlerin aus guter Familie . . .«

Er sah verdutzt auf. »Was denn – das talentvolle Mädchen aus guter Familie . . .?«

Veit runzelte die Stirn. Ein ehrlicher Groll untermalte seine Worte, als er ergänzte: »– hast du mir eben durch die Latten gehen lassen!«

»Wieso ich? Ich hatte doch keine Ahnung –«

»Ach, was! Wenn man wirklich gut Freund ist, so wie wir zwei – wir kennen uns doch seit dem ersten Spielen auf dem Sandhaufen in der Kaiser-Allee . . . da hat eben einer schon eine Ahnung, wenn es sich um die Interessen des anderen handelt!«

»Entschuldige schon«, Addo war wirklich leicht gekränkt. Außerdem hatte er keinen Schirm, und es regnete immer stärker. »Entschuldige schon – aber ich bin auch jetzt noch nicht restlos im Bilde –, was hast du denn für Beziehungen zu dieser jungen Dame mit dem angeblichen Talent und dem schwarzen Haarknoten?«

»Aber du hast's doch gelesen!« sagte Veit, indem er ärgerlich dem Freunde das mittlerweile bis zur Unkenntlichkeit verwischte Blättchen aus der Hand nahm. »Ich – ich bin doch der von ihr Gemeinte, der Gesuchte.«

»Du bist –?«

»Ja, der Edeldenkende, der bin ich. Ich muß sie nur erst haben.«

* * *

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