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Die Hexe von Endor

Rudolf Presber: Die Hexe von Endor - Kapitel 19
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typefiction
authorRudolf Presber
titleDie Hexe von Endor
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1932
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Der alte Uhlich, Veits Vater, bewohnte seit zwei Tagen zwei Vorderzimmer in der dritten Etage des »Hotel Bristol«. Davon aber hatte der Sohn keine Ahnung. Sollte auch keine haben.

Zur Vorsicht – denn selbst im großen Berlin begegnet man sich, wenn man nun mal Pech haben soll, nicht anders wie in Kirchdorf oder Dingelsheim – war der alte Herr kaum auf die Straße gegangen in diesen Tagen. Er hatte telephonisch oder brieflich die Leute, auf die es ihm ankam, zu sich ins Hotel gebeten und das Nötige mit ihnen besprochen.

Jetzt, es war just zwölf Uhr mittags, saß an dem appetitlich zum Lunch gedeckten Tischchen im kleinen Salon Addo Ahrens, Doktor und Referendar, vor den Resten einer ausgezeichneten Taubenpastete, das halb gefüllte Burgunderglas vor sich, während nebenan Herr Uhlich in seinem Schlafzimmer eine kleine ins Programm rasch eingeschobene Besprechung mit seinem Geschäftsfreund Polzig erledigte.

Dem guten Addo war es etwas unbehaglich zumute gewesen, als er hier zum Frühstück erschien. Von einem Rohrpostbrief gerufen, der ihn gleichzeitig um strengste Diskretion bat. Aber die offene Freundlichkeit des jovialen alten Herrn, der behaglich nette Raum, der vortreffliche Burgunder und die delikate Taubenpastete, die den Hors d'oeuvres gefolgt war, hatten ihn das Ungewöhnliche und Peinliche der Situation rasch vergessen lassen.

Gewiß, Herr Uhlich senior war auf einen als »Persönlich« bezeichneten eingeschriebenen Brief von ihm plötzlich und ziemlich unprogrammäßig nach Berlin gekommen. Aber dieser Brief war, wie sich Addo nach reiflichster Prüfung sagen durfte, keineswegs ein Verrat am Freunde gewesen, wenn er auch dem Vater – mit großer Vorsicht in der Wortwahl – die Mitteilung machte, daß ihm, dem Schreiber, die seelische Verfassung Veits eine »zufällig« sich ergebende Anwesenheit des Vaters recht wünschenswert erscheinen lasse. »Ich fühle mich als ältester und, das darf ich wohl sagen, bester Freund Veits verpflichtet«, so hatte etwas pathetisch der mehrfach entworfene Brief in seiner endgültigen Fassung begonnen. Ganz ehrlich? . . . Addo hatte gestern im Staatstheater einer nicht eben hinreißenden Neueinstudierung der »Jungfrau von Orleans« beigewohnt. Ohne Veit, der ursprünglich mitkommen wollte, aber im letzten Augenblick noch in etwas konfusen Wendungen abtelephoniert hatte. Und da waren ihm, während sonst manches recht eindruckslos über seine zerstreute Seele hinglitten, plötzlich aus dem zweiten Monolog der Johanna die Verse ins aufhorchende Ohr gedrungen: »Arglistig Herz, du lügst dem ew'gen Licht, – dich trieb des Mitleids reine Stimme nicht!« . . . Arglistig – warum gleich arglistig? Der auch nicht häßliche Veit hatte daheim eine weit hübschere, gertenschlanke Schwester, die nächstens hier im Grunewald-Turnier die Farben ihres heimischen Tennisklubs vertreten sollte und die im Florettfechten von der Offenbacher Meisterin Helene Mayer zwar »abgestochen« war, aber doch nach dem Urteil der Preisrichter in Ehren bestanden hatte.

Dort auf dem kleinen Tischchen bei den in freundlichen Farben herüberschillernden Schnäpsen zwischen den gehäuften Büchern – was hatte sich der alte Herr doch alles für diese Reise zusammengekauft! – hatte der zärtliche Vater vielleicht nicht ganz unabsichtlich das Bild der gutgewachsenen Tochter aufgestellt. Zu Pferd im Herrensitz. Addo kannte dieses flotte Bild, das die heimlich Verehrte im modischen Reitdreß zeigte mit dem breitrandigen schwarzen Hut, der wie eine Art Sturmhaube auf den hellblonden Naturlocken des Bubikopfes saß. Bei Veit hatte er die Photographie vor einigen Tagen flüchtig gesehen; aber der plötzlich ungalante Bruder hatte sie ihm rasch, fast ärgerlich, aus der Hand genommen, damit der Freund ihm aufmerksamer zuhöre, wenn er das alte, ewig neue Thema von der entschwundenen Geliebten behandelte.

Addo wollte nach dem Bilde zwischen den gehäuften Büchern greifen – es war ja schließlich keine Indiskretion, wenn er sich die erblühte Schwester Veits ein bißchen anschaute, der er, da sie zwölf Jahre alt war – er achtzehn – in furchtbar heißem Sommer im Schweiß seines Angesichts das Tennis beigebracht; vor deren Puppenküche er noch vor drei Jahren in der Weihnachtszeit gesessen, um die von der damals Fünfzehnjährigen selbst gekochten Wiener Würstchen zu schmausen mit Senf und etwas süßlichem Sauerkraut, in dem merkwürdigerweise Rosinen schwammen.

Aber wie er sich jetzt hinüberbeugte, das Bild aufzunehmen, blieb er mit der Manschette hängen. Ein paar der teils gebundenen, teils ungebundenen Bücher kamen ins Rutschen und fielen auf den Teppich. Addo bückte sich rasch, hob auf und las zu seinem Erstaunen die Titel: »Leben und Lehren des Philippikus Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus.« Nanu? »Aufstieg und Ende des Emanuel Swedenborg, kritisch untersucht«, »Justinus Kerner und die Seherin von Prévorst«, »Die Geschichte des Verhältnisses der Menschen zur Geisterwelt« . . .

Tieferstaunt baute Addo die höchst seltsame Reiselektüre des Vater Uhlich wieder auf das Tischchen. Henny Uhlich aber lächelte ein bißchen hochmütig, ein bißchen maliziös vom Pferd herab unter ihrem breitrandigen schwarzen Sporthut über A. D. Davis' »Philosophie des geistigen Verkehrs« hinweg den Verblüfften an. Es war, als ob sie im nächsten Augenblick ihrem hochbeinigen Halbblut die Sporen geben wollte, um mit kühnem Sprung hinwegzusetzen über all die Chroniken, Weisheiten und Sensationen des Paracelsus, Swedenborgs und der Seherin von Prévorst.

In diesem Augenblick trat August Uhlich, etwas erhitzt vom rasch und energisch geführten Gespräch, aus der Schlafzimmertür. »Entschuldigen Sie, junger Freund, aber dieser Polzig – ich weiß nicht, ist's sein Glück oder ist's seine Gerissenheit – der platzt mir doch jedesmal mit ganz erwägenswerten, aber doch nicht so übers Knie zu brechenden Projekten, die angeblich ›keinen Aufschub dulden‹, mitten in meine schönsten Dispositionen hinein!«

»Wenn ich jetzt hier geniere, verehrter Herr Uhlich – ich habe ja Zeit und ich kann recht gut heute nachmittag wiederkommen.«

»Aber was denn, was denn?« Der alte Herr schlug Addo vertraulich aufs Knie. »Ich lade mir den Freund und Jugendgefährten meines einzigen Sohnes – der Himmel erleuchte ihn! – zum Frühstück ein und soll ihn wieder wegschicken, weil der ewig pressierte Polzig mir ausgerechnet ein Moorbad mit Schwefelquellen zum Kauf anbietet? Er ist schon weg. Soll er anderen erzählen, daß sich die Großkapitalisten – wo sind die übrigens heute in Deutschland? – nur so drängeln und stoßen, verkrachte Moorbäder mit Schwefelquellen, die erst von einem Sachverständigen begutachtet sind, in einem der langweiligsten Teile Deutschlands zu erwerben! Nee, nee, das hat Zeit und wird vom Warten nicht teurer. Aber ich sehe, junger Freund, Sie haben sich mittlerweile ein bißchen mokiert über meine Lektüre, was? Sie und Ihr Brief sind doch selber schuld daran, mein Verehrtester. Haben sich wohl darüber bereits mit meiner Tochter Henny verständigt –? Hübsch ist sie geworden, was? Und eine Sportlady! Teufel nochmal! Also ich habe bloß Angst, daß mir das Blitzmädel nächstens auch noch meuchlings das Pilotenexamen macht und sich in den Kopf setzt, irgendeinen Rekord der Lüfte zu brechen . . . Ja, die heutigen Kinder! Ich – zum Geschäftsmann erzogen und kaum zu etwas anderem talentiert. Whist hab' ich mal leidlich gespielt, aber sonst – Meine Frau, na. Sie kennen sie ja, die Seelengute, spielt Schumann, sammelt Stiche, arbeitet heute noch ihre kniffligen Filethandarbeiten, daß die ältesten Damen Bauklötze staunen. Geschmacksache; ich mag das spinnwebfeine Zeug nicht. Ewig bleibt man mit einem Knopf oder Ring an den Dingern hängen. Die Tochter aber – gut geschnitzt aus robusterem Holz – gewinnt Tennispreise, reitet im Herrensattel, hat ein Faltboot und eine rauhaarige Dackelzucht – auch schon zwei silberne Medaillen für diese unerziehbaren, ewig kläffenden Köter. Hat mir übrigens noch an der Bahn, als der Zug schon in Bewegung war, einen Gruß für Sie aufgetragen.«

»Danke«, sagte Addo erfreut und tauschte mit der Reiterin einen raschen, verstohlenen Blick.

»Und der Sohn«, fuhr der alte Herr fort, indem er mit behutsamer Hand die Burgunderflasche aus dem geflochtenen Korb nahm und die Gläser wieder vollgoß, »der Sohn . . . Ja also, ich hab' Ihnen ja schon herzlich gedankt. Sie haben ganz recht, da ist Gefahr im Verzug. Seine letzten Briefe waren schon so merkwürdig. Von meiner Seite kommt die Romantik ja nun nicht. Die Mystik schon gar nicht. Was früher so Uhlich hieß, alles biedere Kaufleute gewesen, die Ahnen. Nur ein einziger Pfarrer darunter, der aber auch ganz pfiffig in ein paar Aufsichtsräten saß. Aber von der Mutter her! Na ja, ihre Großmutter hat mit Justinus Kerner korrespondiert. Und deren Mutter ist von Jung-Stilling, der damals noch Arzt in Elberfeld war, am Star operiert worden und hat – merkwürdig für eine am Star Operierte – wie vielfach bezeugt ist, tatsächlich hellgesehen. Hat – sonst eine vernünftige, grundehrliche Frau – darauf geschworen, daß sie durch einen bloßen Willensakt, der die mesmerische Behandlung ersetzt, – nicht immer, aber zu guter Stunde – die Verbindung zwischen Körper und Geist – bei sich – fast völlig aufheben und dann mit dem sechsten oder zwölften Sinn der Somnambulen räumlich und zeitlich in beträchtliche Ferne sehen könne.«

»Ich staune, verehrter Herr Uhlich, wie Sie in dieser schwierigen Materie bewandert sind«, sagte Addo und trank nachdenklich, dankbar die Blume genießend, seinen Chambertin.

»Was heißt bewandert!? Ich hab' das alles früher so oft gehört. Meine Frau redet gern davon, wenn sie nicht gerade Schumann spielt oder alte Stiche mit der Lupe betrachtet. Ich hab' so aus Höflichkeit hingehört, auch mal 'ne bescheidene Zwischenfrage getan, diligentiam zu prästieren. Wie höfliche Ehekrüppel das, wo der Puschel der Eheliebsten in Frage kommt, so in guter Gewöhnung haben. Aber sonst war mir, ehrlich gesagt, mein Geschäft immer wichtiger als die ganze Theorie der Geisterkunde und die Frage, ob Swedenborg tatsächlich vor fast zweihundert Jahren von Gothenburg aus den Brand in Stockholm gesehen hat; oder ob wirklich nach Andrew Jackson Davis' Behauptung die Geister sich zum Empfang solcher Botschaften den besonders begabten Menschen durch elektrische Vibrationen mitteilen.«

Das ist doch erstaunlich, dachte Addo, wie dieser allem Realen zugekehrte Mann, der, solange ich ihn kenne, nichts zu betreiben schien als seine nüchternen Geschäfte, sich hineingelebt oder gelesen hat in die Probleme der Mystik. Hoffentlich – er sandte einen spähenden Blick zu seinem Gastgeber hin, der sich gerade schmunzelnd und mit gutem Appetit zum drittenmal von der Taubenpastete auf den Teller lud – hoffentlich schnappt er nicht auch noch an diesem gefährlichen Studium über, das schon den guten, sonst so verständigen Veit auf dem Gewissen hat.

Aber der Zusatz, den Uhlich jetzt zu seinen mystischen Bekenntnissen machte, zerstreute alsbald solchen düsteren Verdacht. »Das meiste dieser angeblich verbürgten Mitteilungen aus der Geisterwelt, die bald vom Apostel Paulus, bald bloß von Johann Wolfgang Goethe oder Martin Luther stammen sollen, ist so saudumm und ein ganz gottsjämmerlicher Quatsch . . . Sie müssen noch von den Klößchen nehmen, junger Freund, das ist neben der scharmanten Blätterteighülle das Beste an dieser sympathischen Pastete, von diesen fabelhaften Klößchen aus gehackten Taubenbrüsten, die mit Trüffeln gewiegt sind.«

Und seine Stimme, als er den Ruhm der getrüffelten Taubenbrustklößchen meldete, hatte jetzt einen viel eindringlicheren und zärtlicheren Ton als vorhin, da er die vom Apostel Paulus oder von Johann Wolfgang Goethe gemachten verbürgten Mitteilungen aus dem Jenseits erwähnte.

Jetzt aber schob der alte Herr den Teller zurück, wischte sich den rasierten Mund, in dem noch, scharf und blank, alle Zähne saßen, und lehnte sich in seinem Sessel zurück.

»Sie müssen nicht glauben, daß ich die ganze Zeit hier im Hotel gesessen habe, Pastete essend und Burgunder trinkend und dazu in diesen Büchern schmökernd, die mir vor acht Tagen ein Greuel waren und es mir in vierzehn Tagen hoffentlich wieder sein dürfen. Nein, nein, mein Bester, ich habe auf meine Art gearbeitet. In unserer Sache. Habe telephoniert, Besuche empfangen, Menschen studiert. Aber jetzt erst mal – Zigarren gefällig – die dunklen Deckblätter brauchen Sie nicht zu schrecken, die Dinger sind harmloser als sie sich geben. Ein Schnäpschen – Curaçao, Danziger, Benediktiner –? Benediktiner! Ich auch, wenn ich ihn echt kriegen kann, aus der Abtei Fécamp den Wundertrank der braven Mönche, der ist mir lieber als alles, was sie heutzutage in den Bars nach angeblich amerikanischen Rezepten verbrecherisch zusammenmixen . . . Ja, also zur Sache! Ihr Brief war so famos klar und verständig, – nein, wirklich, mein Kompliment! – daß ich mich ohne Schwierigkeit über die Hauptfiguren, die hier eine Rolle spielen, orientieren konnte . . . Zunächst, als ich hier ankam, schien es, als ob ich nicht gerade, was man so nennt, eine glückliche Hand haben sollte. Bei der mir per Eilboten von meiner Sekretärin nachgesandten Post als erstes die Kündigung des braven Fräulein Butte, mit der höflichen Bitte, sie vielleicht schon vor dem vertraglichen Termin – wenn sich Ersatz fände – zu entlassen.«

»Davon hat mir Veit noch gar nichts gesagt.«

»Nichts? Na, vielleicht weiß er es selber noch nicht. Denn schließlich bin ich ja ihr Chef, nicht er. Oder aber Fräulein Butte ist ihm im Augenblick, ob sie nun kommt oder bleibt oder geht, nicht so wichtig als andere Dinge. Fräulein Butte, eine tüchtige Kraft, aber – Sie kennen Sie? – na, dann wissen Sie's ja selbst – Schiller würde sagen: ›Schönheit ist nicht die Falle ihrer Tugend‹ . . . Übrigens, gegen ihre Tugend ist zweifellos nichts zu sagen. So durchaus in Ordnung wie ihre Buchführung – in der sie sich freilich in unserem ›Ostseebüro‹ zu überanstrengen leider keine Gelegenheit hatte . . . Aber es ist merkwürdig, dieses graue Entlein hat kürzlich – schreibt sie, und es ist sicher so gewesen – hat eine Hochzeit am Rhein, in Köln denk' ich, mitgemacht und da war ein Freund des Bräutigams mit mehreren Kindern – das heißt, die waren natürlich nicht bei der Hochzeit – der hat gestaunt über die Ähnlichkeit der guten Butte mit seiner verstorbenen Gattin. Was für die körperlichen Reize dieser Heimgegangenen wenig Schmeichelhaftes beweist, aber Fräulein Buttes spätes Glück, wie's scheint, gemacht hat. Er hat in ihr – seiner Tischdame – dumm ist sie nicht, sie wird sich also ganz nett unterhalten haben – hat in ihr bald den Ersatz für die Frühverstorbene gesehen und gewissermaßen die ihm von Gott geschenkte Fortsetzung seines unterbrochenen Liebesglücks. Es gibt ja Leute, die nun mal ohne Mystik nicht leben können – und wir beide wollen uns hüten, zu lächeln, denn ein ohne eine gewisse Mystik nicht zu denkender Fall führt uns beide hier zusammen. Also der biedere Witwer – Oberpostsekretär, denk' ich, pensionsberechtigt, was heutzutage eine hübsche Lockung ist – hat ihr dort schon beim Abschied Andeutungen gemacht, und nun hat er brieflich in aller Form um sie angehalten. Na, da ist's dem Mädel nicht übelzunehmen, wenn sie da die Röcke rafft – heute freilich kaum mehr nötig – und noch rasch ins letzte Blumenboot springt, das an ihr vorüberfährt. Sie soll's von mir aus riskieren, ehe der verzauberte Witwer von seinem Glauben an die Ähnlichkeit mit der Verklärten zurückkommt. Aber – unangenehm für mich und fürs Geschäft. Na – der Fall Butte war rasch erledigt. Nun kam die Arbeit, zu der ich hergekommen war. Ich hatte mir aus Ihrem Brief als besonders wichtig zunächst eine Unterredung mit dem Rendanten vom Grabbe-Theater, Siegmund Kern, notiert.«

»Veit wohnt bei ihm.«

»Ja, ja, ich bin völlig im Bilde. Der Mann hat Telephon. Erst war eine Damenstimme am Apparat – etwas schrill und nicht sonderlich ermunternd zu näherer Bekanntschaft.«

»Das war gewiß die Gattin – Melusine Kern.«

»Melusine – wie kann man einen so schönen Namen an eine solche Stimme verschwenden! Na, schön – ich bestand darauf, in wichtiger Angelegenheit den Herrn Kern persönlich sprechen zu müssen. Das schien zu verstimmen. Aber nach einiger Zeit eine Männerstimme, sehr höflich: »Hier Rendant Kern.« Ich nenne einen amerikanisch klingenden Namen, sehr rasch und undeutlich – und sage: Den Namen kennen Sie doch nicht und werden ihn schwer verstehen. Ich möchte Sie in einer für Sie angenehmen Angelegenheit – Näheres durchs Telephon nicht möglich – heute noch sprechen. Ich bin im ›Hotel Bristol‹, Zimmer 307 zu erfragen. Wir verabredeten nachmittags drei Uhr.

Er kam. Nicht allein. Er hatte ein Bübchen bei sich.«

»Aha, das Hugochen.«

»Ja, so hieß es. Ein ganz nettes, etwas verschüchtertes Bürschlein. Zu klein, um es allein auf die Straße zu schicken; zu groß, um es den ganzen Gang der Unterredung mitanhören zu lassen. Ich schlug also vor, das Hugochen auf meine Kosten mit einem Hotelpagen ein bißchen spazierenfahren zu lassen. Der Bub jauchzt bei diesem Vorschlag, wird zutraulich und erklärt mir, daß es ›schon die dritte‹ Autofahrt in seinem mit Sensationen offenbar noch nicht überladenen Leben sein werde. Ich klingle einem Hotelpagen, sage ihm, er soll ein Auto nehmen, mit dem Bübchen nach dem Zoo fahren, soll dem Jungen die Affen und die Eisbären zeigen, eine Tasse Schokolade mit ihm trinken und in dreiviertel Stunden – per Auto – wieder hier im ›Bristol‹ sein. Der Junge strahlt, als ob ich ihm alle Wunder aus Tausendundeiner Nacht schenke, und vergißt vor Aufregung seine Matrosenmütze. Die hat nun, als er mit heißen Backen zu den Affen gefahren war, während der ganzen Unterredung mit mir der Vater in seinen Händen herumgedreht – bald langsam, bald rascher, je nach dem Tempo seiner Herzenserregung, so daß mir vom Zusehen bald schlecht wurde. Aber da Herr Siegmund Kern – mir scheint mehr unter dem Zwang der Verhältnisse als aus Passion – Nichtraucher ist, konnte ich leider seine Hände nicht anderweitig beschäftigen. Ich begann damit, daß ich gelesen hätte, – in Ihrem Brief natürlich, ich log aber: in der Zeitung – daß er kürzlich ein Jubiläum gefeiert habe und neben anderen Ehrungen von seinem Chef gebührenderweise durch ein generöses Geschenk und den Titel ›Rendant‹ ausgezeichnet worden sei. Er gab das nicht ohne Stolz zu und hatte sichtlich das Bestreben, sich über die näheren Umstände dieses interessanten Festes ausführlichst zu äußern. Er versprach mir unter anderem, daß mir das Hugochen, wenn ich es wünsche, nach seiner Rückkehr von den Affen ein Gedicht aufsagen werde, das seine liebe Frau Melusine Kern-Möller persönlich zu diesem Fest gedichtet.«

»Ich kenne es,« – sagte Addo betrübt – »es war, denk' ich, ihre einzige Spende zu dem Fest. Es ist ein ziemlich langes Poem und nicht sehr unterhaltlich.«

»Kann ich mir vorstellen. Ich kenne es nicht. Habe alle Schilderungen kurz mit der ihn baß überraschenden Mitteilung unterbrochen: Ich sei beauftragt, ihm, dem Rendanten Kern, von einer anonymen Gesellschaft auswärtiger Verehrer des ›Grabbe-Theaters‹ und seiner Leistungen ein Geschenk von hundert Mark zu überreichen. Als ich den Schein vor ihn hinlegte, fürchtete ich, er werde zur Salzsäule erstarren. Die Berliner Besucher des ›Grabbe-Theaters‹ wären offenbar nicht auf solche sinnige Anerkennung der Verdienste des Rendanten verfallen. Seine überquellende Dankbarkeit machte ihn gesprächig. Er erzählte mir von seiner ersten Ehe, von der er lieber zu sprechen schien als von der zweiten. Und dann wieder – ohne Unterbrechungen zu gestatten – von dem Hugochen, das, wenn ich recht verstanden habe, gar nicht sein Kind ist, und von den vielversprechenden Geistesgaben des Bürschleins. Und wie er gerade dabei ist, mir umständlich zu erzählen, wie er – warum und wie, hab' ich nicht begriffen – in einem Mietsauto sitzend, den kleinen Kerl von oben bis unten vollgespritzt habe – seine Gattin Melusine auch, aber das schien ihn in der Erinnerung weniger zu schmerzen – da hält er urplötzlich inne, erhebt sich mit offenem Mund und tellerrunden Augen im Stuhl und scheint abermals zur Salzsäule erstarren zu wollen. Ich folge dem starren Blick seiner Augen und konstatiere, daß dort das Bild meiner Tochter zu Pferde – das vorhin sich auch Ihres Beifalls erfreuen durfte – das Ziel seines wie verglasten Blickes war. Ohne die Zusammenhänge zu ahnen, sage ich harmlos: ›Meine Tochter‹. Er aber – immer noch wie von einem Zauber behext, stammelt: ›Das Bild – das Bild – ganz dasselbe hat unser Zimmerherr gestern – auf seinem Schreibtisch liegen lassen.‹ Da war nun nichts zu machen. Ich hatte nicht geahnt, daß die kleine eitle Reiterin – sonst sündhaft schreibfaul – ihrem Bruder auch schon ihr ganz neues Bild als Amazone geschickt. Ich gebe der Angelegenheit rasch eine harmlose Wendung, indem ich sage: ›Ja, mein verehrter Herr Rendant, gerade ich wurde von einem kleinen Kreis von Verehrern des Grabbe-Theaters freundlichst ausgewählt, Ihnen die bescheidene Ehrengabe zu überreichen, weil man wußte, daß mein Sohn bei Ihnen zur Miete wohnt – das vergaß ich Ihnen zu sagen.‹ Und als er nun meinte, er habe am Telephon aber einen ganz anderen Namen verstanden als Uhlich, erklärte ich rasch: mein Sohn solle noch nichts davon wissen, daß ich hier sei, und da hätt' ich für alle Fälle zunächst mal den Familiennamen meiner Frau genannt . . . Nun wurden wir rasch wärmer im Gespräch, Herr Kern und ich. Und so ganz allmählich – das Hugochen mußte schon auf der Rückfahrt von den Affen und den Eisbären begriffen sein – und ein wenig unterstützt von demselben Burgunder, den wir beide vorhin erledigt haben – Sie werden zugeben, es ist ein anständiges Weinchen und Herr Kern dürfte solchem Tröpfchen gegenüber etwas weniger widerstandsfähig sein als Sie und ich –, also unterstützt von diesem flüssigen Helfer habe ich so ziemlich alles herausgefragt, was ich zu wissen wünschte . . . Die Geburt des Mädchens – sie ist die einzige – ihre bescheidene, aber gute Erziehung, den Konflikt mit der Stiefmutter – und das wichtigste: Klaras Art und Wesen – sie heißt nämlich Klara –«

»Ich weiß.«

»Ja, es kommt aber gleich einiges, was Sie bestimmt nicht wissen und was dann doch meinen Nachforschungen eine ganz besondere Richtung gab. Den Verwandten Kerns nachspürend – denn wenn so ein junger Mensch hinter einem Mädel her ist, wie der besessene Veit hinter der Klara Kern – so muß der Vater sich ein bißchen umtun nach der Familie. Die heiratet doch der Junge schließlich, wenn's zum Klappen kommt, mehr oder minder mit. Also wie ich so über die werten Verwandten einiges zu erforschen suche und er, sichtlich erregt – herumdruckst und sich windet, da helf ich – der Himmel halte das Hugochen noch ein bißchen bei den Eisbären fest, bet' ich innerlich – helf' ich mit einer zweiten Flasche Chambertin nach. Und was soll ich Ihnen sagen, da gesteht er mir – – nun halten Sie sich mal am Stuhl fest, junger Mann, gesteht er mir, daß ihn gestern – gerade gestern – getrieben von der Angst um Klara – eine Nichte besucht hat, die unter anderem Namen, ohne daß er's wußte wie und wo, seit Jahren in Berlin lebt.«

Warum soll ich mich denn am Stuhl festhalten? dachte Addo. Das sind doch keine Merkwürdigkeiten, deren Mitteilung einen sonst gesunden Menschen umwirft. Er verstand den triumphierenden Blick des alten Uhlich durchaus nicht, der sich das Ansehen eines Feldherrn gab, der gerade eine Schlacht gewonnen hat.

»Ich wette, Sie haben nicht recht verstanden«, sagte der alte Herr, der sich eine große Wirkung von seinen Worten versprochen zu haben schien.

»Die Wette haben Sie gewonnen«, nickte Addo ein wenig beschämt. »Ich kann es, ehrlich gesagt, nicht so merkwürdig finden, daß Herr Kern auch eine Nichte in der an Nichten gewiß sehr reichen Stadt Berlin besitzt, eine Nichte, die er lange nicht gesehen hat und die unter anderem Namen – dafür wird sie ihre Gründe haben – hier einem Beruf nachgeht.«

»Nachgehen – ist gut. Ach nein, die Leute kommen zu ihr. Der gute Rendant wollte zunächst nicht recht mit der Sprache heraus. Schließlich hat er aber – Chambertin ist Chambertin – etwas umständlicher, leider auch verworrener, als mir lieb war, bekannt, was er eigentlich wohl versprochen hatte, nicht weiterzusagen. Diese Dame – ehemals bei der Bühne – nun, was glauben Sie, was sie für einen Beruf ausübt? Raten Sie, was für einen Beruf!«

»Einen selbständigen Beruf?«

»Das kann man wohl sagen.«

Addo begriff nicht, was es dem alten Herrn für eine Freude machen konnte, daß er den Beruf errate oder nicht errate, den eine ihnen beiden nicht bekannte Nichte des Herrn Kern in Berlin ausübe.

»Sie hat vielleicht einen Modesalon?« – Herr Uhlich schüttelte verneinend das Haupt – »Oder ein Blumengeschäft?« Abermals verneinte Herr Uhlich. »Oder am Ende einen Schönheitssalon?«

»Auch das nicht. Sie ist – Wahrsagerin. So wahr ich lebe, Kartenlegerin, Hellseherin!«

Nun hielt sich Addo tatsächlich mit beiden Händen am Stuhl fest: »Doch nicht etwa – die Hexe von Endor!«

»Nanu?« Jetzt war wieder die Verblüffung durchaus auf seiten des alten Herrn, der sich seinerseits am Stuhl festhielt. »Die Hexe von Endor? Was wollen Sie mit der? Die dürfte doch schon einige Jahrhunderte tot und begraben sein.«

»Wir nennen sie bloß so – Veit und ich – Ich meine die Dame – Ilia nennt sie sich – und gibt ihre Sitzungen in weißer Perücke und silberner Maske.«

»Eben die – die Sie in Ihrem Brief erwähnt haben – von der die ganze letzte Wendung Veits zur Starrheit oder Besessenheit oder wie wir's nennen wollen, stammt. Offenbar ein und dieselbe.«

»Und das haben Sie dem Rendanten –?«

»– gesagt? Ich bin doch nicht von gestern! Sie scheinen zu glauben, wir Großkaufleute machen unsere Geschäfte – zum Unterschied von euch Studierten – nur durch das Glück unserer angeborenen Blödigkeit?«

»Aber, Herr Uhlich!«

»Egal, egal!« wehrte der alte Herr ab. »Lassen Sie. Ihre Einschätzungen meiner Geistesgaben steht hier gar nicht zur Diskussion. Nein, ich habe mir natürlich nicht das geringste merken lassen. Bloß, scheinbar mit einem Bleistift auf einer Zeitung spielerisch kritzelnd, habe ich mir Namen und Adresse der Dame rasch – zwischen Röschen und Eselsohren und ähnlichen Arabesken – auf den Rand notiert. In diesem Augenblick kam – erfüllt von seinen zoologischen Entdeckungen – das Hugochen zurück. Vor den Eisbären hatte er sich ein bißchen gefürchtet, aber die Affen! Einer hatte ihm plötzlich den Schlips aus dem Matrosenkragen gerissen und zerfetzt wieder herausgeworfen. Ein anderer hatte ihn mit verlutschten Apfelkripsen geschmissen. Und über das blaugeränderte feuerrote Gesäß eines Pavians, der sich ihm leider nur von hinten zeigte, konnte er sich gar nicht beruhigen. Mit der Besprechung dieses Farbenspiels der Natur endigte leider meine ins Künstlerische entgleiste Unterhaltung mit Herrn Rendant Kern. Der Chambertin, den der Gute erst so richtig spürte, als er, das Hugochen zu begrüßen, sich aus dem Stuhl erheben wollte, und dann die aufgeregten Berichte des erhitzten Jungen, auch das Malheur mit dem Schlips, der eigentlich Frau Melusine gehörte und den er sich, der Rendant, für diesen Besuch bloß ausgeliehen, das alles verwirrte ihn in einer Weise, daß über das mich allein interessierende Thema nichts mehr aus ihm herauszuholen war. So schenkte ich dem Hugochen einen blanken Taler, damit er sich auf dem Heimweg einen neuen Schlips kaufe, schöner noch als der von der Mutter geliehene. Fügte einen weiteren Taler hinzu, damit es, das Hugochen, seinen Vater einladen könne, im Auto mit ihm nach Hause zu fahren. Denn für den Weg zu Fuß durch den Berliner Verkehr hatte ich, als ich Herrn Rendant Kern jetzt durch das Zimmer segeln sah – ernstliche Bedenken. Jedenfalls waren Vater und Sohn höchlichst beglückt, als sie sich von mir verabschiedeten. Ich hatte viel Mühe, die geräuschvollen Ovationen zu dämpfen, als sie glücklich unter der Obhut eines todernsten Zimmerkellners auf dem Korridor und auf dem Weg zur Treppe waren . . . Und was glauben Sie, lieber Freund, was ich tat, als sie gegangen waren?«

»Ich bekenne beschämt«, sagte Addo, dem das viele Raten und Wetten ein bißchen lästig wurde, »daß ich keine Ahnung habe.«

»So? Dann werd' ich's Ihnen sagen. Ich suchte im Telephonbuch Madame Ilia – fand ihre Nummer, klingelte an. Ich bat die Dame – deren Stimme übrigens wesentlich sympathischer klang, als die der Rendantin Kern – bat sie, da ich fußkrank sei und nicht gehen könne, ihrer mir vielfach gerühmten Kunst aber dringend bedürfe, mich möglichst heute noch im ›Hotel Bristol‹ aufzusuchen. Sie war vorsichtig und zurückhaltend am Telephon. Mehr Dame als Pythia. Sie meinte, ein fremder Raum mindere ihre mediumistischen Kräfte sehr. Auch erwähnte sie, sie hätte heute noch einige distinguierte Kunden von außerhalb. Ich antwortete, es käme mir für eine wichtige Entscheidung, die morgen in der Frühe folgen müsse, darauf an, heute noch ihren wertvollen Rat zu hören. Da berührte sie geschickt und diskret die Honorarfrage. Ich bat zu fordern. Sie verlangte hundert Mark, und zwar zu Beginn der Sitzung. Ich sagte zu. Hundert Mark scheint heute die Taxe zu sein. Sie überlegte einen Augenblick, dann meinte sie, in einer Stunde etwa würde sie im ›Hotel Bristol‹ sein. Sie notierte sich die Zimmernummer, bat um eine möglichst halbdunkle Beleuchtung und einen von Geräuschen nicht gestörten Raum. Auch um eine Aschenschale oder ähnliches, in der sie eventuell einige Kräuter und dergleichen verbrennen könne. Ich sagte das alles zu und lächelte sehr verschmitzt, als ich diese mystischen Andeutungen in Empfang nahm. Ich bereitete alles wunschgemäß vor. Fügte dem Gewünschten noch ein säuberlich gedecktes Teetischchen mit einigen Leckereien hinzu und erwartete eine abgetakelte und frisch aufgemachte Komödiantin. Eine Abenteurerin, die mich zu bluffen kam und die ich zu bluffen entschlossen war. Es kam aber – das muß ich zu meiner Beschämung gestehen – zunächst wesentlich anders. Fast auf die Minute, eine Stunde nach unserem Telephongespräch, wurde mir aus dem Büro des Hotels gemeldet: eine Dame, Emilie von Entler, wünsche mich zu sprechen. In welcher Angelegenheit, fragte ich zurück. Sie sei von mir eingeladen. Ich entschuldigte meine Vergeßlichkeit und ließ bitten. Der Name Entler war mir ja genannt worden, allerdings ohne Adel; war aber dann hinter dem interessanteren nom de guerre ›Madame Ilia‹ meinem Gedächtnis entschwunden. Als Madame Ilia hatte sie auch im Telephonbuch gestanden. Es klopfte an die Tür. Ich bereitete mich auf eine ungewöhnliche, vielleicht groteske Erscheinung vor und – war nicht wenig verblüfft. Eine schlicht, aber sehr gut angezogene Dame trat ein. Eine Lady, die – so wie sie war und ging – zu jedem Fünfuhrtee im Westen erscheinen konnte und die auf den Boulevards von Paris sowenig im üblen oder gar komischen Sinne aufgefallen wäre wie im Orient-Expreß oder auf einer Promenade der Riviera. Eine Frau, so schien's, der guten Gesellschaft. Vielleicht Anfang oder Mitte der Dreißig. Ganz leicht gepudert nur. Schöne schwarze Haare, interessantes, gutgeschnittenes Gesicht. Vorzüglich gewachsen und von blendenden Manieren. Nur schien mir, daß sie beim Gehen ein ganz klein wenig hinkte.«

»Verzeihung, kam sie denn ohne Maske und Perücke?«

»Ja, das wäre ja auch im ›Bristol‹ einigermaßen aufgefallen, wenn sie so karnevalistisch à la Pompadour frisiert –«

»Allerdings, aber –«

»Vielleicht hat sie die Höhe des Honorars bestimmt, vielleicht auch macht sie mit außer dem Hause zu Behandelnden Ausnahmen – ich weiß nicht. Jedenfalls, sie kam. Benahm sich gut und sicher. Lehnte höflich den angebotenen Tee ab – sie müsse nüchtern sein bei der ›Arbeit‹. Ich dachte: umgekehrt wie der famose Onkel Kern, der erst gut mit mir ›arbeitete‹, als er eine ungewohnte Flasche Chambertin im Leibe hatte. Sie regulierte ganz ernst die Beleuchtung, und ich beobachtete dabei, wie sie sich mit vorsichtig spähenden Blicken überall im Zimmer umsah, wohl um für ihre Sehergabe einen Anhaltspunkt über meine Person, meinen Beruf, meine Lebensweise und all so was zu gewinnen. Aber ich war durch den Fall Kern gewitzigt. Hatte die Bücher dort alle ins Schlafzimmer verstaut, und das Bild meiner Tochter ebenso wie die Briefbogen und all solche Kleinigkeiten weggeschlossen. Außer der unpersönlichen Hoteleinrichtung konnte ihr spähendes Auge hier nichts erhaschen, als dort meine Reisedecke, an der wirklich nichts Besonderes ist, meine Zigarrentasche – tausend Raucher haben dieselbe – und ein paar gelesene Zeitungen. Sie setzte sich mir gegenüber. Ich schob ihr unauffällig das Kuvert hin, aus dem der Hundertmarkschein gerade noch erkennbar hervorleuchtete. Sie sagte mit anmutiger Kopfneigung schlicht ›danke‹ und schloß ihn ohne Eile in die Krokodilledertasche, in der ich bei dieser Gelegenheit zwei neue Kartenspiele bei Taschentuch, Puderdöschen, Spiegelchen und solchem Damenkram gelagert sah. Als wir uns ruhig gegenübersaßen und eine kleine Pause eingetreten war, ersuchte ich sie, mir, wenn sie das vermöge, zu sagen, in was für einer Art von Angelegenheit ich hier in Berlin sei und vielleicht ihre Mahnungen oder Warnungen daran zu knüpfen, die mir nützen sollten. Und nun geschah das einfach Unerklärliche. Sie fragte zunächst, ob ich Bilder von Verwandten habe, die sie sehen könne. Ich legte die Hand auf die Brusttasche, in der Frau, Sohn und Tochter in der Verborgenheit gut aufgehoben blieben, und bedauerte ›nein‹. Mit merkwürdigen Augen sah mich die Dame Ilia an. Es wurde mir, ehrlich gesagt, ein bißchen unheimlich dabei. Sie wird doch keine hypnotischen Geschichten machen wollen, dachte ich. Da bat sie, mein Profil betrachten zu dürfen und labte sich, als ich den Kopf gewendet, längere Zeit an diesem Anblick. Als sie nun – etwas befehlsmäßig – anordnete, ich sollte meine Hände in die ihren legen und ihr fest dabei in die Augen schauen, schien es mir fast – aber ich konnte mich irren – als ob ein ganz kleines flüchtiges Lächeln um die Winkel ihres hübschen Mundes flöge. ›Bitte, denken Sie jetzt an nichts anderes als an die Angelegenheit, die Sie hierhergeführt hat, die Sie hier beschäftigen soll und um derentwillen Sie mich haben hierherkommen lassen.‹ – ›Das will ich sehr gern tun‹, sagte ich. Dabei war ich durchaus darauf gefaßt, nun einen allgemeinen Quatsch zu hören, der auf tausend Menschen und tausend Dinge paßt. Aber was glauben Sie, was mir diese ›Dame mit der silbernen Maske‹ ohne Maske langsam, eine wenig feierlich, aber sehr ruhig und bestimmt, eröffnet hat?«

Addo hätte es vorgezogen, daß die Erzählung des alten Herrn, die ihn zu spannen anfing, nunmehr ohne Fragen, Rätsel und Rösselsprünge erledigt worden wäre. Aber die Höflichkeit verlangte, daß er auf eine so bestimmt gestellte Frage sich äußerte, so sagte er: »Die Dame steht im Ruf, wirklich erstaunliche Dinge zu sehen, zu sagen und zu prophezeien.«

»Das kann man wohl sagen«, fiel lebhaft der alte Herr ein, den es jetzt offenbar drängte, die seltsamen Erlebnisse dieser Sitzung im Hotel einmal schildernd loswerden zu können. »Das kann man wohl sagen, also: die Dame mit der silbernen Maske oder, wie Sie sie nennen, die ›Hexe von Endor‹, sagte mir annähernd wörtlich in ganz kurzen, herausgeschleuderten Sätzen: ›Sie haben einen Sohn. Mitte der Dreißig. Er ist temperamentvoller, phantastischer als Sie. Er liebt eine Frau. Eine Frau, die er nicht oder kaum kennt. Er kämpft und leidet um sie. Er vernachlässigt darüber alles andere. Sie lieben diesen Sohn. Jetzt, da er leidet, fast noch mehr als Ihr zweites Kind. Eine Tochter, die, dem Sport ergeben, nüchterner, unphantastischer ist als der Bruder. Diesem Sohn zu helfen und ihn auf den rechten Weg zu bringen sind Sie hier‹«

»Das ist allerdings fabelhaft!«

»Ist es. So fabelhaft, daß Ihnen die Zigarre ausgegangen ist. Aber stecken Sie sie noch nicht wieder an, denn ich sage Ihnen, jetzt kommt es noch fabelhafter. Fabelhaft durch seine – na, sagen wir, durch seine unerhörte Frechheit. Ich bin, wie Sie mich sehen, nur ein Kaufmann. Schmeichler nennen das: Großkaufmann. Habe auch – was mir meine Tochter nicht verzeiht – nie Zeit und Laune gehabt, Pferdesport zu treiben. Habe nie geritten. Aber mein ›Husarenstücklein‹ hab' ich mir – und zwar hier in diesem Zimmer – geleistet. Also passen Sie auf! Wie die Dame Ilia so sprach, – sicher, ruhig, mit einer äußerst sympathischen Stimme – war ich genau so perplex wie Sie jetzt. Aber ich wußte, was ich wußte; und ich sagte mir, hinter diesem aufregenden Wissen steckt höchstwahrscheinlich eine ganz ungewöhnliche, aber doch irgendwie erklärbare Kombination. Mein Spruch im Geschäftsleben ist immer gewesen: ›à gentilhomme – gentilhomme, à corsaire – corsaire et demi‹ Und so auch: gegen einen Bluff – ein Bluff und noch ein halber dazu. Ich sage also anerkennend aber beherrscht: ›Das ist erstaunlich, gnädige Frau – denn ich muß bekennen, daß es richtig ist. Aber ich möchte nun auch ein Bekenntnis ablegen. Ich selbst bin – seit meiner Kindheit selbst ein wenig hellseherisch begabt. Ich habe das – vielleicht fehlte die Zeit, vielleicht auch der Mut – nie recht ausgebildet und dilettiere bloß in dieser mir selbst rätselhaften Kunst. Aber eben, da Sie sprachen – während ich jedes Ihrer Worte genau hörte und bestaunte und in mich aufnahm – ist ganz Seltsames mit mir geschehen. Gewissermaßen angeregt – ja, wie soll ich sagen: entzündet von Ihrer Gabe, glaubte ich selbst plötzlich Dinge ganz deutlich zu sehen, die sich nun wieder auf Ihr Leben – ich kenne Sie selbst nicht und habe Sie nie gesehen, habe erst vor kurzem von Freunden Ihren Namen und von Ihrer Gabe gehört – Dinge, die sich auf Sie beziehen. Ich kann irren, in dem, was ich sehe – aber es würde mich interessieren, von Ihnen zu hören, daß ich irre oder daß ich – in Einzelheiten, bescheidenen Teilen meiner Visionen – das Richtige treffe.‹ – Über das Gesicht der Sybille huschte wieder das flüchtige Lächeln, als sie zustimmend leicht mit dem Kopf nickte und ermunternd sagte: ›Es würde mich lebhaft interessieren.‹ – Nun fixiere ich sie mit einem bohrenden Blick, drücke ihre Hände, die ich noch in den meinen hielt, fester und sage: ›Als Hintergrund Ihrer Person sehe ich jetzt – ein Theater. Kein Theater, das ich kenne, aber unverkennbar ein Theater.‹ – Ihr Gesicht bleibt ruhig. Sie äußert nichts. ›Irgendein Leiden, eine Krankheit, ein Fall vielleicht hat sie der Bühnenlaufbahn entfremdet.‹ Um Ihren Mund zuckt es merklich. Ihre Augen werden klein und sie späht angestrengt forschend durch das Halbdunkel zu mir herüber. ›Sie haben meinen Sohn kennengelernt – ich schwöre Ihnen, daß er mir nichts davon gesagt oder geschrieben hat. Ich sehe das aber so, wie Sie vorhin meine Tochter zu Pferd gesehen haben. So sehe ich ihn jetzt bei Ihnen sitzen – Sie sind es, obschon Sie hochgetürmte weiße Haare trugen und eine Maske – und Sie lassen ihn, sagen wir durch Ihre Kunst, lassen Sie ihm die Frau seiner Sehnsucht erscheinen – leibhaftig erscheinen.‹ – In diesem Augenblick sprang sie auf und griff sich mit beiden Händen in die vollen, schweren Haare. Ich blieb sitzen, sah sie fest an und vollendete unerbittlich: ›Es traf sich dabei sehr gut, daß diese junge Dame Ihre Blutsverwandte, Ihre Base war, die damals bei Ihnen wohnte. Die zu Ihnen gekommen oder geflüchtet war, nachdem sie sich mit ihrem Vater – er ist wohl Beamter an einer Bühne – oder besser mit ihrer Mutter oder noch besser, mit der zweiten Frau des Vaters überworfen hatte – und von der Sie in dieser Stunde selbst nicht wissen und nicht ahnen und auch nicht ›hellsehen‹, wo sie – nach einer Enttäuschung, die sie offenbar erlebt hat – sich hingewendet hat.‹«

Addo war aufgesprungen und ging erregt herum. »Also, das ist fabelhaft, Herr Uhlich. Einiges, wie die Sache mit der Sitzung, wußten Sie ja aus meinem Brief – aber das andere, all das andere – nein, das ist unerhört fabelhaft.«

»Genau so wie Sie, junger Freund – jetzt können Sie Ihre Zigarre übrigens wieder anstecken, es kommen keine Sensationen mehr – genau so wie Sie ist die eben noch so gemessene und selbstsichere Hexe von Endor hier in Nummer dreihundertundsieben des ›Hotel Bristol‹ herumgelaufen. Dann ist sie plötzlich vor mir stehengeblieben und hat die Worte mehr gestammelt als gesprochen: ›Mein Herr, können Sie wirklich hellsehen oder . . .‹ ›Ich kann leider‹, gab ich achselzuckend zu, ›genau so wenig hellsehen, meine liebe Gnädige, wie Sie. Aber mir scheint, wir sind, vor einer halben Stunde noch gänzlich Fremde, in dieser Angelegenheit natürliche Bundesgenossen. Und weil wir es sind, wollen wir nun mal Hokuspokus hübsch beiseite lassen. Wenn Sie sich beruhigt haben – und das können Sie verständigerweise machen, denn ich bin nicht hier, um Ihnen das Geschäft zu stören, die Existenz zu gefährden oder sonst irgendwelche Unannehmlichkeiten zu bereiten – wollen wir uns bei einer Tasse Tee, die Sie jetzt vielleicht freundlichst annehmen, miteinander aussprechen. Und raten Sie, junger Freund, was nun geschehen ist?«

»Nein, bitte, Herr Uhlich«, wehrte Addo fast leidenschaftlich ab, »raten möchte ich jetzt nicht mehr! Aber –«

»Gut, so werde ich's Ihnen so sagen! Wir haben zusammen Tee getrunken, die Hexe und ich. Ganz friedlich, zwei Stunden lang. Ich habe dabei eine ganz scharmante, kluge und liebenswürdige Frau kennen gelernt. Und als ich mit einem ehrerbietigen Handkuß dort an der Türe von ihr Abschied nahm, war ich um die Erkenntnis reicher, daß man in einem sehr merkwürdigen und nicht ganz einwandfreien Beruf ein tapferer, anständiger Kerl bleiben kann . . . Als ich dann, nachdem sie gegangen war, an meinen Teetisch zurücktrat, lag das Kuvert mit meiner Banknote neben meiner Tasse.«

* * *

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