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Die Hexe von Endor

Rudolf Presber: Die Hexe von Endor - Kapitel 18
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typefiction
authorRudolf Presber
titleDie Hexe von Endor
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1932
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Es war, nicht zu leugnen, ein sehr ungünstiger Moment, den der Untermieter Veit Uhlig gewählt hatte, um mit seinem Wirt, dem Kassierer Siegmund Kern, über die ihm wichtigste Angelegenheit sich auszusprechen.

Auf das überraschende Klopfen an der Stubentür hatte Siegmund bestürzt und etwas vorlaut »Herein« gerufen. Dem eintretenden Veit bot sich ein merkwürdiger Anblick.

Während Siegmund in seiner Sonntagshose – obschon es ja Montag war – hemdsärmelig vor dem Spiegel stand und zum fünften Male versuchte, sich den bereits viermal gründlich mißratenen Scheitel zu ziehen, lag das Hugochen mit herabgelassenen Höschen bäuchlings auf dem Bett. Es hatte – zur rektalen Messung, die bei Kindern üblich ist – ein Fieberthermometer, wie einen gläsernen Pfeil, in der Kehrseite stecken, während es sich – solcher Messung anscheinend gewöhnt – mit aufgestützten Ärmchen sein auf dem unberührten Bett Melusinens liegendes Bilderbuch zum gewiß hundertsten Male liebevoll betrachtete.

Veit blieb einige Augenblicke, stutzend ob der Seltsamkeit dieser für einen Junggesellen durchaus ungewohnten Familienszene, wie angewurzelt auf der Schwelle stehen.

Aber schon rief Siegmund höflich und besorgt: »Ach, verehrter Herr Uhlig, sehr angenehm. Bitte, treten Sie ein und schließen Sie freundlichst die Tür recht fest, daß keine Zugluft an das Hugochen kommt.« Und da er des verblüfften Mieters forschendes Auge auf das Kind, oder was er von ihm zu sehen bekam, gerichtet sah, äußerte er, erklärend und entschuldigend, während er zum Empfang des unerwarteten Besuchers in den bereithängenden, ihm längst zu weit gewordenen Sonntagsrock fuhr: »Das Kind hat nämlich – still liegen, Hugochen! – hat heute nacht so unruhig geschlafen. Ich habe es leider nur allzu gut konstatieren können, denn ich hatte selbst eine, ich kann wohl sagen, ziemlich schlaflose Nacht. Ich fürchte, das Bübchen hat Temperatur. Es fiebert so leicht. Nun ist meine Frau nicht da, und ich möchte oder muß vielmehr das Hugochen heute auf einen unaufschiebbaren Gang mitnehmen – denn die gute Frau Schumann ist doch auch krank, die sonst –«

Da Veit von der Messung der Temperatur bei Kindern ebensowenig wußte wie von der plötzlichen »Reise« Melusinens und keine Ahnung hatte, wer die genannte gute Frau Schumann sein könnte, so blieb für ihn die ganze Sache ziemlich unklar. Aber der sichtlich erregte Siegmund enthob ihn jeder, diese Tatsache beschämt eingestehenden Äußerung, indem er eifrig fortfuhr: »Aber jetzt, glaub' ich – sind die zehn Minuten vorbei – wir können das Thermometerchen herausnehmen . . . So, Hugochen, du kannst dich wieder zuknöpfen. Sie entschuldigen schon, Herr Uhlig. Aber die Grippe wütet stark unter den Kindern – und ich habe doch schließlich in Abwesenheit meiner lieben Frau die volle Verantwortung.«

Siegmund war ans Fenster getreten. Er hatte den ausgeleierten Zwicker, der auf der Nase mit der Hand festgehalten werden mußte, aufgesetzt und hielt mit der anderen Hand das Thermometer ernst prüfend gegen das Licht. »Siebenunddreißig zwei«, konstatierte er, »das wäre Fieber – oder doch erhöhte Temperatur – aber –«

»Über siebenunddreißig darf es, glaube ich, morgens nicht anzeigen, das Thermometerchen«, sagte Veit, um auch irgendein Wort zu äußern, das seine sachverständige Teilnahme an den außergewöhnlichen Vorgängen verriet.

»Ja«, belehrte Siegmund – »unter dem Arm gemessen. Bei Erwachsenen. Aber bei Kindern – rektal – muß man fünf Striche abziehen. Also siebenunddreißig zwei weniger fünf sind sechsunddreißig sieben, nein – das Hugochen hat, Gott sei Dank, keine Temperatur. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Denn wenn meine liebe Frau nach Hause kommt –«

»Wo ist Ihre Frau Gemahlin?« fragte Veit harmlos.

Siegmund hätte sich am liebsten den Wassereimer, an den er gerade mit dem Fuß gestoßen war, über den Kopf gestülpt, um jetzt nichts mehr zu hören und nichts zu sehen und nichts antworten zu müssen. Erst wollte er sagen: »im Harz bei Verwandten«, dann hatte er auf der Zunge: »in Nowawes bei einer kranken Freundin«. Schließlich entschied er sich – ohne den Wassereimer aufzustülpen oder sonst Unsinniges zu verrichten oder zu sagen – im Anblick des Hugochens, das sich redlich, aber nicht sehr glücklich mühte, für die Knöpfe an seinem Höschen die Knopflöcher an seinem Leibchen zu finden, für das geheimnisvolle Wort: »Pscht, es ist eine Überraschung für das Kind!«

Veit verstand zwar durchaus nicht, wie das Reiseziel einer Mutter eine Überraschung für das zu Hause gebliebene Kind sein könnte. Aber da ihm die Abwesenheit Melusinens, gleichviel, wo sie sich jetzt vergnügte, nicht unangenehm schien, nickte er bloß zustimmend mit dem Kopf und sagte: »Aha.«

Siegmund entfernte die meist zerbrochenen Holztierchen von Hugochens Arche Noah von dem einzigen verfügbaren Stuhl und bot dem Gast diesen Ehrensitz an. Dann mühte er sich, Entschuldigungen murmelnd, um seinen Hals einen frischen Kragen umzulegen, der, wie die meisten Kragen, die in Berlin von der Plätterin kommen, verbrecherischerweise an den stets verklebten Knopflöchern besonders heftig gestärkt war.

Diese sonst alle vier Tage von Siegmund aufgeführte Komödie, wenn er, die wunderlichsten Grimassen schneidend, die Wäscherin, sich selbst und das menschliche Leben verfluchend, einen neuen Kragen umband, war eine der wenigen sich regelmäßig wiederholenden Ergötzlichkeiten in Hugos Leben. Das Kind stand denn auch diesmal in heller Begeisterung und schlecht geknöpften Höschen dabei und sah dem allerdings durch die Anwesenheit eines Fremden etwas geminderten Veitstanz des verzweifelten Vaters zu.

»Sie haben Besonderes vor heut', Herr Kern?« fragte Veit höflich.

»Ja«, sagte Siegmund, der sich gerade den zweiten Fingernagel abgebrochen hatte. »Ich will – ich muß – einen offiziellen Besuch bei unserem verehrten Direktor Böck machen. Der ist leider immer nur zu den merkwürdigsten Zeiten bestimmt zu fassen. Abends kurz vor Beginn der Vorstellung – aber da sitze ich ja an der Kasse – und morgens ganz früh. Er leidet an Schlaflosigkeit, der Direktor, steht mit den Hühnern auf und liest meistens von acht Uhr bis halbzehn in seinem Büro die Morgenblätter. Und da ist auch –« es war, als ob er sich das selber zum Trost erzählte – »die Laune besser bei dem vielbeschäftigten, nervösen Herrn, der ja schließlich in dieser schweren Zeit auch nicht auf Rosen gebettet ist.«

»Aber Sie haben noch ein paar Minuten Zeit?«

»Ein paar Minuten –« Siegmund verglich seine Taschenuhr mit dem Regulator an der Wand. »Ja. Aber man hat fast eine halbe Stunde Weg nach dem Grabbe-Theater.«

»Ich habe zufällig nachher auch in der Stadt zu tun, Herr Kern«, sagte Veit, auf die Uhr sehend. »Ich werde Sie und den Jungen, wenn es Ihnen recht ist – ich muß mir sowieso ein Auto nehmen – werde ich Sie rasch am Grabbe-Theater absetzen.

Gerade wollte Siegmund dankend ablehnen, als ihm das Hugochen begeistert den Arm und mit diesem den linken Kragenflügel, dessen schier gepanzertes Knopfloch gerade zur Hälfte in den Knopf gerutscht war, herunterriß. Alle Scheu und Wohlerzogenheit vergessend, jubelte der Kleine: »Papa, wir fahren Auto – Hurra, wir fahren Auto!«

Da gedachte Siegmund Kern wehmütig seiner letzten üblen Autofahrt, der unsinnigen, vergeblichen Jagd hinter Klara her. Und vor seiner Seele stand wieder: wie er es als schwere Schuld gegen das bloß vollgespritzte Hugochen empfunden hatte, daß er das Kind, dessen heißes Verlangen solcher Fahrt »im Wagen ohne Pferde« zuflog, nicht in das Auto hereingenommen hatte.

»Ja, wenn Sie wirklich so freundlich sein wollen, Herr Uhlig« – er sah dabei gerührt das Bübchen an, dessen Gesichtchen so voll Sonne war, wie lange nicht.

»Abgemacht also, Herr Kern, ich möchte –« Veit stockte einen Augenblick. Er hatte angenommen, daß er beide Kerns treffen werde, Frau Melusine auch. Nun mußte er für diesen nicht eingetroffenen Fall die in Aussicht genommene Taktik ändern.

»Ist es etwa wegen der Bedienung?« fragte Siegmund besorgt. »Sie müssen jetzt schon entschuldigen – wo meine Frau verreist ist –«

»Es ist nicht wegen der Bedienung«, schnitt Veit rasch ab. »Es ist vielmehr – hm – ja, hat Ihnen Ihre Gattin nicht erzählt, daß ich mit ihr wegen eines Bildes gesprochen habe –«

»Ich verstehe schon«, nickte Siegmund, der keine Details dieser Unterredung kannte, »die Bilder an der Wand Ihres Schlafzimmers sind Ihnen zu unruhig, zu blutig. Man schläft schlecht, wenn rings um einen an der Tapete gekämpft und gemeuchelt wird. Ich könnte Ihnen statt des Gustav Adolf die ›Heimkehr des Matrosen‹ hinhängen. Ein altes Mütterchen beim Weihnachtsbaum, das seinen Sohn, es kann auch der Enkel sein . . . Ein ganz hübsches Bild, das haben wir auf dem Boden.«

»Nein, nein!« Veit, der als höflicher Mann nicht gern unterbrach, tat es doch. »Lassen Sie mir nur ruhig all die sterbenden Helden da hängen. Das Bild, das ich im Auge hatte, ist eine Photographie, die eine junge Dame darstellt.«

»Klärchen!« sagte das Hugochen und zählte die Holzesel in seiner Arche Noah.

»Wieso Klärchen?« Veit stutzte. Klara heißt sie, frohlockte es in ihm, das paßt eher. Paßt hundertmal besser zu ihr als »Dortchen«.

»Klara ist meine Schwester«, sagte das Hugochen wichtig – »nicht ganz, aber so halb.«

»Ach, der Junge weiß ja nichts«, wehrte Siegmund verlegen. »Geh mal hübsch in die Küche, Hugochen, und trinke die Milch, die ich dir hingestellt habe. Du darfst dir auch ein Stückchen Zucker nehmen, von dem Würfelzucker aus der Blechdose. Aber nur eins, gelt, eins! Und beide Semmeln darfst du essen, ich habe heute keinen Appetit.«

Das Hugochen verschwand folgsam nach der Küche. Die zwei Semmeln lockten den Jungen wenig, denn dies übliche Backwerk war, dank Melusinens Sparsamkeit, immer vom Tage vorher. Aber das Stückchen Zucker war sonst nur ein Sonntagsbenefiz.

Während Siegmund dem verschwindenden Jungen nachsah und hinter ihm die Türe schloß, überlegte er. Er hatte Melusine versprechen müssen – es war wohl die letzte längere Unterredung gewesen, die sie zusammen hatten, ehe sie – verreiste – hatte ihr versprechen müssen, der unnützen, ungestümen Neugier ihres Mieters, wie sie es nannte, in punkto ihrer persönlichen und familiären Angelegenheiten in keiner Weise Vorschub zu leisten.

Jetzt hatte sich sein Mieter erhoben von dem einzigen Stuhl und stand dicht neben ihm. Ein hübscher, wohlerzogener, freundlicher junger Herr. Die Herzlichkeit seiner Bitte wurde unterstützt von seinen gutmütigen blauen Augen, als er mit leiser Stimme sagte: »Sie erfüllen mir einen großen Herzenswunsch, Herr Rendant –«

»Ich bin nicht Rendant, ich bin nur ganz einfacher Kassierer«, unterbrach Siegmund.

»– einen großen Herzenswunsch; und Sie schaden – mein Ehrenwort – niemandem dabei, wenn Sie mir von der jungen Dame alles erzählen, was Sie wissen.«

Da holte Siegmund tief Atem und sprach langsam, mehr zu sich als zu einem anderen: »Ich habe mir in dieser schlaflosen Nacht geschworen: heute soll kein unwahres Wort über meine Lippen kommen. Heute will ich alles beeiden können, was ich sage. Und sie hat kein Recht gehabt, mir Schweigen aufzuerlegen. Wozu auch – was ist denn hier zu verbergen?!«

Mit gespannter Aufmerksamkeit folgte Veit jedem der zunächst etwas rätselhaften Worte. Als Siegmund jetzt innehielt, legte er ihm rasch die Hand auf den Arm und sah ihm tief in die Augen. »Ist das Fräulein, dessen Bild drüben bei mir hängt, wirklich die Tochter Ihrer Frau Schwester?«

»Nein. Ich habe nie eine Schwester gehabt.«

»Heißt sie – Dortchen?«

»Nein. Sie heißt Klara.«

»Ist sie jetzt in Amerika?«

»Nein. Sie war gestern noch hier. Die Portierfrau hat sie gesehen – hat mit ihr gesprochen.«

»Wer ist sie?«

»Meine Tochter.«

»Ihre Tochter?!« Das leise Erstaunen wich in Ton und Miene einem unhemmbaren Entsetzen, als Veit die Frage hervorstieß: »Ihre und Ihrer Gattin Tochter – die . . .«

»Nein!« Ganz rasch und laut wie einen heißen, unbedingt notwendigen Protest schleuderte Siegmund dieses »Nein« heraus. »Meine tote Frau, meine erste – ein Engel von einem Weib, lieb, gütig, geduldig und noch im Tode so schön – so schön –«

»Wie die lebendige Tochter!«

»Ich weiß nicht, ob sie schön ist, die Klara.« Ganz einfach sagte Siegmund das vor sich hin. »Ich weiß nur, daß sie lieb und gut ist. Und all meine Sehnsucht nach ihr – es ist vielleicht schlecht, lieber Herr, was ich jetzt sage, aber sehen Sie, meine Frau . . .«

»Die tote – oder die verreiste?«

»Die – lebende«, sagte Siegmund langsam, denn ihm fiel ein, daß er geschworen hatte, nicht zu lügen, und das unwahre »verreist« ging ihm nicht mehr über die Lippen. »Die lebende. Sie ist – in einer traurigen Situation, sie härmt sich jetzt, ängstigt sich, bereut vielleicht manches – ich weiß. Ich kann ihr nicht helfen. Aber ich habe die ganze Nacht nur an sie gedacht, an die andere – an das Mädel, das einmal hier der Sonnenschein war – und das Hausmütterchen, bis ich Ochse . . . Hier an der Türe hat sie gestanden, an meiner Türe, an ihres Vaters Tür – hat geklopft, hat sich mir an den Hals werfen wollen, sich auszuweinen vielleicht – hat mich gebraucht. Und ich war nicht da, die Türe blieb verschlossen – und die Portierfrau allein – Gott, wie ich die widerliche Person beneide! – hat sie gesprochen, gesehen – hat ihre Hand vielleicht fassen dürfen –«

»Wissen Sie denn gar nicht, wo Sie das Fräulein finden können?«

»Nein, nein – das ist doch das Schreckliche! Neulich – vor ein paar Tagen – habe ich sie auf der Straße gesehen. Plötzlich am Abend war sie vor mir, wie ein Phantom, das gar nicht auf leiblichen Füßen geht, das bloß so schwebt.«

»Wie denn – ein Phantom? – Sie auch – Sie haben auch eine Erscheinung . . .?!«

Siegmund hörte gar nicht auf die leidenschaftliche Unterbrechung. Ein mächtiges Gefühl in ihm, das in Ketten gelegen hatte, dem Knebel in den Mund gesteckt waren, fühlte sich plötzlich erlöst, befreit, bekam plötzlich Kraft und Stimme. Unhemmbar strömte die lang zurückgedrängte Klage aus seinem erlösten Mund.

Er hatte Veit am Arm gefaßt und niedergezogen wie einen alten Freund, wie einen ersehnten Beichtvater, dem er beichten wollte. Auf dem harten Holzrande des von Melusinen unberührten Betts saßen die beiden Männer. Der junge blaß, erschüttert, mit großen Augen jedes Wort, schon ehe es gesprochen war, pflückend vom Munde des anderen. Der aber, der stille, gedrückte Siegmund, plötzlich von einem heißen Bekennerrausch erfaßt und von einer wilden Freude, von seinem Kinde Gutes zu sprechen, von seinem geliebten Mädel, das er hier nicht mehr hatte erwähnen dürfen, mit keinem Wort – wochenlang – und noch ein anderes drückte und quälte ihn, sich selbst klein und schlecht zu machen als Vater, der, sich feige duckend unter dem furchtbaren Druck eines zänkischen, herrschsüchtigen Weibes, seine tote Liebe verraten hatte und sein unschuldig lebendes Fleisch und Blut.

»Wie ein Phantom habe ich sie gesehen, abends auf dem Wittenbergplatz – wie sie dahin kam, weiß ich nicht. Aber eins weiß ich: sie war's. Vorüber huschte sie – ganz dicht bei mir – ich hatte nicht mehr die Kraft, nach ihrem Arm zu fassen, sie anzusprechen. Schreck, Freude, Scham lähmten mir die Glieder. Scham, daß ich sie nicht damals, als der Schlag fiel, die gemeine Ohrfeige – Aber ein Auto habe ich mir genommen, ein Auto – seit Jahren zum erstenmal – und dann habe ich bloß das Hugochen vollgespritzt! Von oben bis unten. Und die schimpfende Melusine auch. Aber von dem Phantom, von ihr – von der Klara – nichts, nichts! Und die Portierfrau hat als einzige – da war die andere doch schon weg, war doch schon abgeholt – Und jetzt in den Zeitungen der Name, ihrer, meiner, unserer! Dabei schwöre ich, sie ist unschuldig. Aber was gilt mir ihre Unschuld. Ist es ein Verdienst, daß wir redlich sind, daß wir nicht stehlen und nicht einbrechen – es ist unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit – was sag' ich, wie komme ich gerade dazu, es zu sagen – Es sollte, sollte so sein. Aber mein Kind will ich wiederhaben, mein Kind – das ist mein Recht. Eine ganze Nacht bin ich heute Auto gefahren, wie verrückt, für fünfzig Mark, die ich gar nicht habe – im Halbschlaf, im Fieber, immer hinter ihr her. Und das arme Hugochen hat auch gefiebert in dieser schrecklichen Nacht, die Morgentemperatur beweist nichts. Aber ich nehme ihn doch mit, den Jungen. Ich muß zum Direktor Böck, Sie verstehen – wenn ich mein Mädel wiederfinde, fange ich ein neues Leben an! Und glauben Sie mir, es war kein Phantom, sie war's. Sie war's wirklich. Die Portierfrau hat für keinen Groschen Phantasie – die sieht gewiß keine Gespenster. Ich will meinem Kind ehrlich in die Augen sehen können, und ich will die Wange küssen, wo die verruchte Hand ihr . . . Aber kommen Sie, kommen Sie junger Herr, ich muß zum Direktor! Sonst sitzt schon wieder ein anderer in dem Ledersessel bei ihm. Und heute muß es sein. Mißverstehen Sie mich bitte nicht, junger Herr, aber Sie hatten mir versprochen, daß Sie ein Auto – ich komme sonst wirklich zu spät. Es ist gar kein Dienst. Aber es ist mehr, ist wichtiger als Dienst. Ich weiß nicht, ob ich – wenn sie so oder so wieder zu Hause ist, die andere, die Komödiantin – ob ich dann noch . . . Ich kann, ich darf nicht zu spät kommen!«

Fiebert er noch – oder wieder, dachte Veit, der immer weniger verstand von dem, was er da hörte. Oder bin ich verrückt? Aber er fühlte deutlich, daß er jetzt nicht mehr des Wissenswerten aus diesem schrecklich aufgeregten Mann herausfragen konnte – jetzt nicht. Es war ja auch schon so viel und so Köstliches, was er erfahren hatte. Mit solcher Begeisterung konnte ein durch und durch braver Mann – das war er, dieser Kern, trotz seiner rätselhaften, versteckten Selbstanklagen – nur von einem braven, klugen, verständigen Mädel sprechen. Das Bild seiner Erinnerung damals in dem Postbüro, dann das Phantom, das die Hexe von Endor – wie hieß sie doch mit dem richtigen Namen und wo wohnte sie doch –? Er mußte zu ihr – Was diese Zauberin ihm erscheinen ließ – Schemen oder Suggestion – das hatte Blut und Leben und Wärme bekommen durch Kerns konfuse Erzählungen. Schön, er, Veit, mochte ein Narr, ein Phantast, ein Über-Romeo sein, wie ihn Addo im Ärger noch gestern abend bei Trarbach genannt hatte – aber recht hat er – tausendmal recht, dieses herrliche Mädel zu suchen, mit aller Zähigkeit seines Charakters, mit aller Kraft seiner Liebe.

Wenn Veit sich allerdings von dieser Fahrt im Auto noch einige Ergänzungen zu dem Bilde seiner fernen Geliebten versprochen hatte, so war es damit nichts. Diese Fahrt war ganz erfüllt von wildem, unhemmbarem Jubel Hugochens über dieses große Ereignis in seinem Leben und von der ängstlichen Sorge der beiden Herren, das aufgeregte Kind davor zu behüten, daß es, in seiner heißen Gier, alles auf dieser Fahrt Erlebbare zu sehen und zu genießen, nicht links oder rechts aus dem ziemlich heftig die Kurven nehmenden Wagen herausfiel.

Als sie am Grabbe-Theater hielten, hatten die beiden Herren ihre Hemden durchgeschwitzt vor Angst, aber keine zwanzig vernünftigen Worte mehr miteinander gesprochen.

Kern bedankte sich zerstreut für die Wagenfahrt und zog das Hugochen, das die herrliche Droschke noch möglichst lange im Auge behalten wollte, hinter sich her, während er noch rasch halblaute Ermahnungen an den Jungen richtete. Durch die seitliche Tür, an der »Verbotener Eingang« stand, in das halbdunkle Gewinkel der Korridore und Treppen des Grabbe-Theaters.

Aus einem Fensterchen äugte der alte, vom Rheuma krummgebogene Kladebusch, der hier schon drei Direktionen als Portier erlebt hatte, über die Hornbrille. »Nanu, Herr Kern – so früh?«

»Ich will zum Direktor. Ist er schon da?«

»Der –? Schon seit einer halben Stunde.«

»Ist jemand bei ihm?«

»Ich glaub' nicht. Fragen Sie mal auf dem Sekretariat. Das Fräulein Thiele ist ja schon bei der Arbeit.«

Und weiter zog Siegmund das Hugochen über halbdunkle Treppen und durch zugige Korridore, bis sie im zweiten Stock vor einer Tür standen, nicht breiter, nicht vornehmer als die anderen Türen in diesem klosterähnlichen alten Gang. Aber an der Tür stand zu lesen: »Der Direktor. Zu sprechen nur nach vorheriger Anmeldung im Sekretariat, links nebenan.«

Siegmund aber, durchwogt von einer wunderbaren Kühnheit, die seinem Charakter sonst nicht eignete, meldete sich nicht auf dem Sekretariat, obschon er Fräulein Thieles fleißige Maschine ganz laut klappern hörte. Er klopfte kurz und energisch an der Tür direkt unter dem Schild, auf dem zu lesen war: »Der Direktor«. Er hörte auch niemanden »Herein« sagen. Er klinkte auf und stand, das Hugochen hinter sich, auf dem mit griechischen Vasenmustern gezierten Teppich in dem Allerheiligsten dieses Hauses.

Der Direktor Böck, der, elegant wie immer, schon am frühen Morgen vor seinem Pult saß und eine rühmliche und vielversprechende Notiz, deren Abfassung er nicht fernstand, über die bevorstehenden Premieren des »Grabbe-Theaters« in der Zeitung las, blickte erstaunt über Blatt und Zwicker nach den beiden ungemeldeten Ankömmlingen.

»Nanu, Kern –? Haben Sie sich bei Fräulein Thiele gemeldet?«

»Nein, Herr Direktor.«

»Aber Sie wissen doch –«

»Ich weiß, Herr Direktor. Aber es gibt im Menschenleben Augenblicke –«

»– wo man dem Weltgeist näher ist als sonst und eine Frage frei hat an das Schicksal«, ergänzte unwillkürlich der Direktor, der, ehe er ein geschickter und geschäftstüchtiger Bühnenleiter geworden, ein ziemlich mäßiger Schauspieler gewesen war und als letzte Rolle in Graudenz den »Wallenstein« gespielt hatte.

»So ist es, Herr Direktor«, sagte Kern, der aus diesen Worten, deren klassische Herkunft ihm im Augenblick nicht klar wurde, eine günstige Aufnahme seines Besuches seitens des Direktors heraushören zu dürfen glaubte.

»Ist das Ihr Söhnchen, Kern?«

»Ja – das heißt nein, Herr Direktor.«

»Ach so, ich weiß schon, das Kind Ihrer – hm.« Der Direktor zog die Stirn kraus.

»Nimm die Finger aus der Nase, Hugochen«, ermahnte Siegmund, »und gib dem Herrn Direktor die Hand, die andere Hand!«

Der Direktor, Junggeselle und Ästhet, der über die Verwendung von Kinderhänden seine eigene Meinung hatte, begnügte sich, dem Hugochen, die dargebotene Kinderhand übersehend, durch die welligen Haare zu streichen.

Über das Kind hinwegblickend sagte er nicht unfreundlich zu seinem Kassierer: »Ich kann mir schon denken, Kern, weswegen Sie kommen.«

»Das glaub' ich eigentlich nicht, Herr Direktor«, antwortete Kern und sah seinem Brotherrn ruhig und fest ins Auge.

Dieser, etwas verwundert über die an seinem Kassierer sonst nie beobachtete Sicherheit seiner Autorität gegenüber, machte eine kurze Handbewegung nach dem breiten Klubsessel hin, auf dem schon viele Geldgeber, Direktoren, Prominente und berühmte Autoren erfolgreicher und durchgefallener Stücke gesessen hatten, und in dessen weiches Leder man infolgedessen tief, sehr tief einsank, so daß man zunächst glaubte, man fiele überhaupt auf den Boden.

»Ich bin so frei –« sagte Kern, indem er erschreckt in die Tiefe des Sessels versank. Froh, nicht glatt auf den Fußboden gefallen zu sein, fügte er hinzu: »Besten Dank, Herr Direktor.«

»Sie haben natürlich die Morgenblätter gelesen?« fragte Böck, indem er die gepflegte Hand, die sein Stolz war, auf einen Haufen Zeitungen legte.

»Nein, Herr Direktor. Ich habe in der Aufregung der letzten Tage vergessen, das Abonnement auf unser Blättchen zu erneuern . . . Und jetzt auf der Straße – wir sind nämlich im Auto gefahren –«

»Nobel!« Böck warf einen kurzen, etwas überraschten Blick auf seinen Kassierer.

»Ja, mein Untermieter«, beeilte sich Kern zu melden, »ein feiner junger Mann, der hatte die Freundlichkeit, uns mitzunehmen. Das Hugochen ist nämlich noch nie in einem richtigen Auto gefahren. Das Hugochen – daß ich das noch sagen darf, ist ein sehr artiger Junge. Sonst hätte ich gewiß nicht gewagt, ihn hier mit herzunehmen . . . Aber meine Frau ist doch – Sie wissen . . . und nun ist auch noch die Frau Schumann krank . . . und das Hugochen wäre sonst –«

»Pardon«, unterbrach Böck, dessen Finger nervös mit einem riesigen Falzbein spielten. Alles war riesig auf diesem Schreibtisch. Das Tintenfaß, die Bleistifte, die Uhr, der Kalender, alles. »Sie kommen wohl kaum so früh zu Ihrem Direktor, um ihn vom artigen Hugochen zu unterhalten.«

»Nein, nein, Herr Direktor! Wie würd' ich denn wagen . . . Ich wollte nur erklären –« Siegmund hatte das Kind zwischen seine Beine geschoben, wo es, wie eine kleine Steinputte so ruhig, stand und immer nur mit wißbegierigen Augen die großen Gegenstände auf dem Schreibtisch verschlang. Das Tintenfaß, die Bleistifte, das Falzbein, die Uhr, den Kalender, und dann wieder den Direktor Böck beobachtete, der – gemessen an den Dimensionen dieser Dinge, eher klein und zierlich war.

»Ich weiß, weshalb Sie kommen«, sagte der Direktor, der gern ein bißchen den Allwissenden spielte. »Sie glauben, daß ich – eh' es genau erwiesen ist, in welcher Weise Ihre Frau durch Schuld oder Fahrlässigkeit beteiligt ist an dem – na, sagen wir an dem Verschwinden der – na, sagen wir: beinah' echten Juwelen unserer lieben Mahuda, die gestern übrigens schon wieder ihren Anfall gehabt hat –«

»Nein, nein!« Kern schüttelte den Kopf. »Die Juwelen der Frau Mahuda und was mit ihnen passiert sein könnte, sind mir im Augenblick ganz gleichgültig.«

»Mir nicht«, sagte Böck ärgerlich. »Und von unserem Standpunkt aus – ein künstlerisches Institut braucht nun mal seine kleinen Nebenreklamen – finde ich's bedauerlich, daß man bereits – auch noch in dieser dreckigen Kaschemme in der Zimmerstraße – das Zeug wiedergefunden hat.«

»So so, wiedergefunden?« sagte Kern ziemlich ruhig. »Irgendwo mußte der Schmuck ja schließlich sein. Und daß meine Frau nichts mit seinem Verschwinden direkt zu tun hat, dafür hätte ich – ich überschätze die Qualitäten des Gemüts dieser Frau sonst wahrhaftig nicht – aber dafür hätte ich beide Hände ins Feuer gelegt.«

»Sie kommen also hierher. Kern, um mich von der Unschuld Ihrer Frau –«

»Nein, nein, Herr Direktor – im Gegenteil!«

»Was heißt Gegenteil? Kern, Sie reden so mystisch und verworren, das mag ich schon gar nicht! Sie sagten doch eben –«

»– daß meine Frau unschuldig ist, ja. Das ist eine Sache für sich. Aber ich komme, um Ihnen zu bekennen, daß –« er holte tief Atem, ehe er die Worte herausstieß: »daß ich – schuldig bin.«

»Was denn?!« Böck faßte unwillkürlich den Griff des Falzbeins fester. »Sie – Sie sind – Sie haben . . . Ja, wollen Sie etwa sagen, daß Sie am Verschwinden der russischen Juwelen der Mahuda irgendwie wissend oder helfend beteiligt sind?«

»Nein. Ich wußte gar nichts von dem Schmuck. Und stehle natürlich keine Steine.«

»Ja, wollen Sie mir denn jetzt endlich erklären, Kern – ich habe meine Zeit doch nicht gestohlen – erklären, was eigentlich los ist?!«

Statt einer Antwort zog Siegmund mit zitternder Hand aus seiner Brusttasche ein arg vergriffenes Ledertäschchen. Diesem wiederum entnahm er einen kleinen beschriebenen Zettel, den er nunmehr dem Hugochen übergab, da eine heftige Anstrengung, aus der Tiefe des Klubsessels herauszukommen, zu keinem Resultat geführt hatte. »Gib du diesen Zettel dem Herrn Direktor, Hugochen!«

Das Hugochen tat sofort, wie ihm geheißen wurde.

Der Direktor Böck setzte sein Glas auf und las sichtlich befremdet und ohne zu verstehen: »Zwei Orchesterfauteuilles – vierundzwanzig Mark . . . Drei Parkettsitze siebente Reihe – einundzwanzig Mark . . . ein zweites Parkett, achtzehnte Reihe – sechs Mark . . .« Böck sah verblüfft auf. »Was soll denn das? Notizen über Plätze – Preise – und lauter weit zurückstehende Daten hinter diesen Zeilen?«

»Ich bitte, die Addition zu beachten, Herr Direktor.«

Böck las wieder: »Summe zweihundertfünfundneunzig Mark fünfzig Pfennig. Was ist das für eine wunderliche Berechnung – und was soll ich damit?«

»Das, Herr Direktor, ist die Summe –« Kern sprach jetzt ganz langsam und mit sichtlicher Mühe. Sein Blick ruhte dabei in den erstaunt forschenden Augen des Direktors, während seine zittrigen Hände sich links und rechts an Hugochens dünnen Kinderärmchen festhielten. »Das ist nun – wie Sie sich überzeugen werden, zeitlich ziemlich weit auseinanderliegende Posten – ist die Summe – die Gesamtsumme der Beträge, um die ich, der Kassierer Siegmund Kern vom Grabbe-Theater . . . hm, von anderer Seite gedrängt – Sie, den Direktor Böck, betrogen habe.«

»Kern!« Böck war aufgestanden. Das riesige Falzbein entglitt seinen Händen und fiel auf den Teppich.

Das Hugochen, als wohlerzogener Junge, hob es auf und legte es behutsam, als ob es schneiden oder losgehen könnte, auf den grünen Filz der Schreibtischplatte. Dann zog sich das Bübchen wieder zwischen die hochstehenden Knie seines tief im Sessel versunkenen Vaters, wie in den Schutz einer Festung, scheu zurück.

Böck ging aufgeregt im Zimmer hin und her. Von Zeit zu Zeit blieb er vor Siegmund, der nach getanem Geständnis mit tiefhängendem Kopf apathisch im Sessel saß, stehen. Man hätte annehmen können, er wünsche etwas Bedeutsames zu sagen. Aber dann nahm er, ohne es gesagt zu haben, seinen Weg durchs Zimmer wieder auf. Schließlich verweilte er längere Zeit am Fenster und schien durch erneute aufmerksame Lektüre die Zahlen des Zettels seinem Gedächtnis einprägen zu wollen.

Das Hugochen verfolgte an der großen Uhr, wie der Sekundenzeiger sprang. Hätte das Hugochen schon zählen können, so hätte es festgestellt, daß hundertachtzig solcher Zeigersprünge getan, daß also drei volle Minuten vergangen waren, als Böck von seinem erneuten Rundgang durchs Zimmer, wieder vor seinem Kassierer stehenbleibend, den Mund öffnete und sagte: »Ist das alles, Kern – was Sie da . . . fehlt kein Posten?«

»Nein, Herr Direktor. Ich habe ja buchgeführt.«

»Kern – was Sie da seit Jahren – in großen Zwischenräumen, wie ich zugebe – also nicht eigentlich gewohnheitsmäßig – getan haben, wissen Sie, was das war und wie das heißt?!«

»Betrug, Herr Direktor.«

»Ja. Ein gemeiner Betrug. Sie wissen, daß ich Sie dafür jederzeit –«

»– ins Gefängnis bringen kann«, ergänzte Siegmund und nickte. »Jawohl, Herr Direktor, das weiß ich.«

»Hm. Sagen Sie mir, Kern, wieso kommen Sie jetzt auf einmal – da keinerlei Verdacht auf Ihnen ruhte –«

»Herr Direktor – ich sagte mir: meine Frau ist – na ja, töricht ist sie und besonders angenehm ist sie auch nicht – aber eine Verbrecherin, Herr Direktor, das ist sie nicht. Sie gibt sich nicht Rechenschaft über das, was sie tut. Aber sie hält's gewiß, bewußt, mit keinem Einbrecher. Aber – hab' ich mir gesagt – vielleicht ist das, was da jetzt so plötzlich und so schrecklich über uns gekommen ist, eine himmlische Strafe dafür, daß ich . . . Ich brauch's nicht zu wiederholen, Sie haben ja den Zettel in der Hand, Herr Direktor. Ich darf vielleicht noch ergänzend sagen, daß meine liebe erste Frau – ein Engel, Herr Direktor! – sie war schön, so schön –!«

»So schön wie Ihre Tochter?« fragte Böck unwillkürlich.

»Vielleicht noch schöner. Die lag damals im Sterben, als ich die ersten beiden Orchesterfauteuilles als ›Pressefreikarten‹ buchte und in Wahrheit – den Erlös . . . das heißt drei Mark davon hat der Portier des Hotels ›Unter den Linden‹ behalten . . .« Ein ausbrechendes Weinen erstickte den Rest seiner Rede. Nach einer Weile hatte er sich wieder in der Gewalt und sagte: »Und jetzt – sehen Sie, das ist alles so traurig – meine Tochter ist von Haus weg –«

»Was denn! Das hübsche, schlanke Mädchen, das bei mir sich prüfen ließ –?«

»Ja. Ich habe nur die eine. Ich war in bangster Sorge um sie, und ich sage mir: Wenn sie – was Gott fügen möge – wiederkommt, will ich reine Hände, ganz reine Hände in die ihren legen.«

»Wenn ich Sie recht verstehe, wollen Sie mir also das Geld ersetzen und mich bitten –«

»Ersetzen, Herr Direktor, so auf einmal, das kann ich nicht. Ich hab' das Geld nicht. Und etwas, was ich verkaufen könnte – lieber Gott, wir haben zwei Betten und einen Stuhl im Schlafzimmer und einen Waschtisch. Und das bißchen bessere vom Mobiliar, wir müssen doch vermieten. Meine Uhr, das einzig Wertvolle, was mir gehört, bringt vielleicht heutzutage dreißig bis vierzig Mark. Und ich kann schließlich – des Dienstes wegen – nicht gut ohne Uhr . . . Aber ich wollte vorschlagen, Herr Direktor, für den Fall, daß Sie aus Barmherzigkeit auf eine Anzeige verzichten –«

»Ich werde etwas vorschlagen«, unterbrach der Direktor. »Lassen Sie mich einen Augenblick nachdenken, Kern!« Und Direktor Böck dachte nach. Er tat dies, indem er am Fenster stand, Siegmund und dem Kinde den Rücken zugewendet, und leise mit den Fingern an die Scheiben trommelte.

Böck war ein begabter Theaterleiter und ein von Skrupeln nicht allzu bedrängter Geschäftsmann. War ein Snob und ein Streber. Aber er war kein schlechter Kerl. Und er besaß sogar den Ehrgeiz, wenn eine Sache nicht zu teuer wurde, ein bißchen den Großzügigen, den Vornehmen, den Grandseigneur zu spielen, zu dem ihn seine Herkunft aus den gedrücktesten Verhältnissen des Ostens kaum prädestinierte.

»Mein lieber Kern«, sagte Böck plötzlich, sich vom Fenster umdrehend und unbewußt ein wenig die Pose des großen Napoleons annehmend, den er vor zwanzig Jahren als junger Dachs in der »Madame Sans-Gêne« gespielt – »mein lieber Kern, reden wir offen, Mann zu Mann! Sie haben mich betrogen – nicht gerade um Beträge, die mich an den Bettelstab bringen könnten. Aber immerhin, Sie haben, das ist das Schwerwiegende, als mein Beamter, dem ich Vertrauen entgegenbrachte –«

»Ich weiß, Herr Direktor, ich weiß!« hauchte Kern zerknirscht.

»Schön – oder nicht schön. Aber Sie haben jetzt – ohne direkten ersichtlichen Zwang – Ihre Schuld bekannt und den Vorsatz ausgesprochen, gutzumachen.«

»Wenn Herr Direktor die Geduld haben wollen –«

»Ich will mehr haben«, sagte Böck, und seine Stellung wurde noch napoleonischer. »Mir ist gesagt worden, Sie könnten nächstens ein Jubiläum feiern?«

»Ach, der Herr Direktor wissen –?«

»Ja. Es sind mir in dieser Angelegenheit zweimal anonyme Karten zugegangen.«

»Herr Direktor, Sie werden doch nicht glauben, daß ich selbst . . .«

»Nein, das glaube ich nicht. Aber ich habe einen Verdacht gehabt und die Schrift vergleichen lassen. Ein Brief, den mir Ihre Gattin, ehe ich sie engagierte, vor Jahren einmal geschrieben hat, weist ganz merkwürdige Ähnlichkeiten auf . . . Aber lassen wir das, lieber Kern, lassen wir das. Wie war doch das – – genauer mit dem Jubiläum – wieviel Jahre –?«

»Ich bin bald zehn Jahre im Grabbe-Theater.«

»Sieh mal an. Eine hübsche Zeit.« Der Direktor machte eine kleine Pause, als ob er schwerwiegende Entschlüsse noch einmal überdenken müsse, dann sagte er rasch: »Zu diesem Jubiläum, lieber Kern, mache ich Ihnen – neben meinen herzlichen Glückwünschen, die ich Ihnen in einem Brief aussprechen werde –«

Siegmunds Unterkiefer sank tief herab vor maßlosem Staunen. Seine Augen wurden tellerrund und feucht.

»– die ich in einem Brief aussprechen werde«, fuhr Böck fort, »mache ich Ihnen ein Ehrengeschenk von dreihundert Mark.«

»Au!« quietschte das Hugochen, dessen magere Ärmchen Siegmund unwillkürlich mit seinen Fingern fast zerbrochen hätte.

»Von diesen dreihundert Mark, lieber Kern, haben Sie sich selbst – das bleibt aber unsere persönliche Angelegenheit – haben Sie selbst sich bereits zweihundertfünfundneunzig im voraus aus der von Ihnen verwalteten Kasse genommen. So bin ich Ihnen – dies unter uns – noch rund fünf Mark schuldig, die ich Ihnen hiermit –« Böck griff in die Westentasche, entnahm ihr ein blankes Fünfmarkstück und reichte es dem verblüfften Siegmund hin – »die ich Ihnen hiermit feierlich überreiche.«

»Herr Direktor –!«

»Dem Personal und der Öffentlichkeit können Sie mitteilen, daß Sie von Ihrem Direktor; der kein Freund lauter, rauschender Festlichkeiten ist – neben den herzlichsten Glückwünschen, die, wie gesagt, noch folgen werden – ein hübsches Geldgeschenk erhalten haben. Wenn Sie wollen, können Sie die Summe von dreihundert Mark ruhig nennen.«

»Die Summe nennen, Herr Direktor – das möchte ich eigentlich nicht.«

Böck verstand die Hintergründe dieses Entschlusses. Er nickte seine Zustimmung.

»Und für die Zukunft, lieber Kern – in multos annos, sagt der Lateiner – verlasse ich mich auf Sie.«

Siegmund machte vergebliche Anstrengungen, sich aus der Tiefe dieser ihm ungewohnten Sitzgelegenheit zu erheben. Er angelte nach des Direktors dargebotener Hand und zog sie, noch zitternd, an die Lippen.

»Herr Direktor, also das – das hab' ich wahrhaftig nicht erwartet.«

Und wie das so geht mit den Menschen. Der Direktor Böck fand die von ihm geschaffene Situation so dramatisch und seine Rolle in dieser zum Abschluß drängenden Szene so hübsch und wirksam, daß er beschloß – so klein sein Publikum war – sich auch noch die wirksame Schlußpointe zu sichern und etwas kosten zu lassen.

Er griff also nochmals in die Westentasche, nahm ein Markstück heraus, reichte es dem verblüfften Hugochen hin und sagte mit Bedeutung:

»Und du, mein Junge – weil du so brav gewesen bist und die ernste Unterredung deines Vaters mit seinem Direktor so gar nicht durch unpassende Zwischenbemerkungen und kindische Unart gestört hast – und weil du so gern Auto fährst – sollst du auch den Rückweg im Auto zurücklegen. Zu diesem Zwecke schenke ich dir, dir persönlich, dieses Markstück.«

. . . Wie Siegmund mit dem Hugochen aus dem nur für Angemeldete betretbaren Privatbüro des Direktors Böck heraus, wie er auf die Straße und in ein Auto – in einen besonders alten Rumpelkasten, den das Hugochen entzückt herangewinkt hatte – gekommen war, dessen hat er sich später nie genau zu erinnern vermocht.

Hat sich auch nie besinnen können auf die Details seiner Heimkehr in die Wohnung.

Nur das wußte er noch. Als er ins Schlafzimmer trat, saß eine alte gebrochene Frau auf dem einzigen Stuhl. Unförmig und häßlich und in sich zusammengesunken wie ein mißratener Pudding. Ohne Schminke und Lippenstift, mit ungemachtem Haar und die ungepuderte Stirn voller Falten, weinte Melusine leise in sich hinein. Die Tränen liefen ihr über das ledergelbe Gesicht, und ein Taschentuch schien ihr im Augenblick nicht erreichbar.

Als sie Siegmund und das Hugochen im Türrahmen stehen sah, sagte sie leise mit einer Stimme, aus der jeder Hochmut, jede Herrschsucht, jede Eitelkeit ausgelöscht war: »Sie haben mich entlassen, Siegmund. Ich bin nicht mehr verdächtig. Aber er, er ist ein gemeiner Dieb.«

»Und ich, Melusine«, Siegmund schien größer und stattlicher geworden; er ging gereckt und aufrecht auf sie zu und seine Augen leuchteten, »ich – ich bin kein Betrüger mehr! Ich habe kein Geld veruntreut. Niemals. Ich bin der Kassierer Kern vom Grabbe-Theater, der nächstens sein Jubiläum feiert, und dem sein dankbarer Direktor, hör' gut zu, sein Direktor, der über die Vergangenheit vollständig im Bilde ist, in einem eigenhändigen Brief seine Erkenntlichkeit ausspricht und gratuliert.«

Wenn er nur nicht irrsinnig geworden ist, dachte Melusine und sah von der Seite scheu zu ihm auf.

Siegmund aber beugte sich vor Mitleid mit der Gedemütigten plötzlich zu ihr hinunter und gab ihr – seit Jahren zum erstenmal – einen Kuß mitten auf den blutleeren, unfrischen Mund, in dem zwei Vorderzähne fehlten.

Wenn er nur nicht irrsinnig geworden ist, dachte Melusine mit verstärktem Argwohn.

Aber das Hugochen jubelte: »Mutti, ich bin zweimal Auto gefahren, heute mit dem guten Papa. Zweimal!«

Da stand Melusine, tief erschrocken, rasch auf und hielt sich, eines tätlichen Überfalls gewärtig – denn bei Irren, das wußte sie, wechselten die Stimmungen rasch – mit beiden Händen an dem Bettgestell fest.

Er hat den Verstand verloren, dachte sie – da ist kein Zweifel mehr. Und ihr ängstlicher Blick maß die Entfernung zum Telephon, während sie sich überlegte, wie man rasch und unauffällig das Überfallkommando heranriefe.

»Zweimal Auto gefahren«, wiederholte Hugochen, »hin und zurück. Gar nicht zu Fuß gegangen sind wir, kein Schrittchen – bloß Auto gefahren – immerzu Auto gefahren.«

* * *

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