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Die Hexe von Endor

Rudolf Presber: Die Hexe von Endor - Kapitel 16
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typefiction
authorRudolf Presber
titleDie Hexe von Endor
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1932
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Ilia hatte eine schlechte Nacht gehabt. Klara machte ihr Sorgen.

Das Mädel war gestern abend spät – Berta Babusch, die gut beobachtete, hatte ihr geöffnet und berichtete – ganz verstört und geistesabwesend nach Hause gekommen, hatte sich sofort, kaum grüßend, in ihr Stübchen begeben, eingeriegelt und auf Pochen und freundliches Mahnen die verschlossene Tür nicht geöffnet. Nur mit leiser Stimme hatte sie geantwortet, sie fühle sich nicht recht wohl, nicht krank – nein, nur nicht recht wohl – sie wolle lieber ohne Abendmahlzeit zu Bett gehen und wünsche gute Nacht.

Ilia, die niemals und in keiner Weise sie ausgeforscht oder irgendwelchen Zwang der Neugier auf sie ausgeübt, hatte geahnt, daß irgendeine schwere Enttäuschung die Ärmste, die den ganzen Tag über von mühsam gedämpfter Freude erfüllt schien, ganz plötzlich schwer getroffen haben mußte.

Als Berta Babusch der einsam vor sich hinbrütenden Ilia die mit besonderer Liebe garnierte kalte Platte und das Schüsselchen italienischen Salats, den die Herrin sonst besonders schätzte, mit einiger Feierlichkeit hinstellte, bemerkte sie, ohne auf Anrede zu warten und doch sichtlich überzeugt, in den stummen Gedankengang Ilias durchaus Passendes einzuwerfen: »Der Wiener Freund wird nicht gekommen sein!«

»Sie wissen von einem Wiener Freund?« Ilia sah erstaunt auf. »Da sind sie orientierter, Berta, als ich!«

»Nun – ich bin ja auch keine Hellseherin. Ich räume bloß ihr Zimmer auf«, Berta Babusch äußerte das ganz leichthin und ordnete dabei, ihrer Gewohnheit gemäß, pedantisch und mit einer Wichtigkeit, als gelte es die Besetzung einer Galatafel bei Hofe, die kalte Platte, auf der ein Backhähndl seine kümmerlichen Beinstümpfe aus Scheiben von Schinken, Zunge und Salami reckte zwischen dem Körbchen mit Weißbrot, der Butterdose und dem Kristallschälchen mit dem italienischen Salat zu einer symmetrischen Figur.

»Sie haben Briefe gelesen –?«

»Wo werd' ich!« wehrte Berta Babusch und fügte zur Beglaubigung hinzu: »Ich habe auch keine gefunden. Bloß Kuverts.«

»Ach so – mit dem Poststempel Wien?«

Berta nickte: »Und Budapest. Immer dieselbe, ein bißchen ausgeschriebene Männerhandschrift. Muß ein gelehrter Herr sein, bloß – warum schreibt er aufs Postamt Uhlandstraße?!«

»So, so – postlagernd. Die arme Kleine!«

»Wenn ich gewußt hätte – ein bißchen Camembert habe ich auch besorgt – wenn ich gewußt hätte, daß Sie so interessiert sind, ich hätte ja schließlich mal frühmorgens hinspringen können, so ein Briefchen zu holen – die Chiffre kannte ich doch.«

»Berta!« Mit diesem strafenden Ausruf Ilias endigte die Unterredung.

Berta Babusch ging, die hohe Schulter in der schrecklich gebatikten Bluse noch höher ziehend, schweigend und etwas beleidigt hinaus.

Als sie nach einer halben Stunde abzuräumen kam, streckte das Backhähndl immer noch seine kümmerlichen Beinstümpfe aus zwischen Scheiben von Schinken, Zunge und Salami. Auch der italienische Salat stand noch unberührt. Nur ein paar Schnitten Weißbrot hatte Ilia gegessen und ein Glas Ingelheimer getrunken.

Am anderen Morgen, als Ilia gegen neun Uhr aufstand, – sie hatte die ganze Nacht kaum geschlafen und war erst gegen Morgen mit Hilfe einer Adalintablette für zwei Stunden in einen unruhigen Schlummer gefallen – war Klara schon ausgegangen.

»Sie hat nur rasch, im Stehen, eine Tasse Milch getrunken«, berichtete Berta Babusch. »Kam schon zum Ausgehen angezogen kurz nach acht Uhr aus ihrem Zimmerchen. Das Bett ist unberührt. Sie scheint Papiere verbrannt zu haben – Briefe – in der Nacht. In ihrem Seifenschälchen liegen verkohlte Blätter. Kein Schnipselchen Weißes mehr, kein Wort, kein Buchstabe.«

»Sie ist wohl nach der Post gegangen?«

»Ich weiß nicht. Möglich, die wird um acht Uhr geöffnet. Ich habe ihr aus dem Fenster nachgesehen – vorsichtig natürlich. Man spioniert doch nicht. Vor dem Haus ist sie einen Augenblick stehengeblieben in der Sonne – ein herrliches Wetter ist heute draußen, ein wonniger Wintertag. Ja, und hat unschlüssig mal nach rechts und mal nach links gesehen, als ob sie sich nicht recht entscheiden könne . . . und schließlich, den direktesten Weg von hier zur Post in der Uhlandstraße, den kennt sie doch nun wirklich gründlich.«

»Hat sie gesagt, ob sie zu Tisch –?«

»Gar nichts hat sie gesagt. Als ich fragte: ›Soll ich Fräulein Ilia was ausrichten, sie schläft noch‹ –, da hat sie sich einen Augenblick besonnen, als ob sie eine Bestellung zu machen hätte, und dann hat sie nur gesagt – ganz leise und müd' – mein Gott, sie hat wohl kaum geschlafen die Nacht –: ›Grüßen Sie, bitte . . .‹ Und als sie schon auf der Treppe war, habe ich mir erlaubt, noch nachzurufen: ›Werden Sie zu Tisch kommen, Fräulein . . . es gibt Schnitzel und Schoten –‹ die ißt sie doch so gern. Aber sie hat nur etwas Unverständliches vor sich hingemurmelt, wie: ich weiß noch nicht – oder so. Und ohne sich nach mir umzuwenden, ist sie langsam die Treppe hinuntergegangen. Ich also rasch ans Fenster und –«

»– und haben ihr nachgesehen.«

»Entschuldigen Sie bloß!« sagte Berta Babusch gekränkt, »ich vergesse manchmal, daß Sie ja eigentlich schon alles wissen, was die anderen erzählen wollen.«

Ilia, die Geduld hatte mit Berta Babusch, die für sie eine unersetzliche Perle war, nahm gelegentlich auch die impertinenten Anspielungen auf die Unvollkommenheit ihres Berufes mit in Kauf. So sagte sie auch diesmal nur: »Sie hatten doch schon vorhin selbst berichtet. – Ich danke Ihnen.«

Dies »Ich danke Ihnen« aber, das wußte Berta Babusch, schnitt höflich, aber endgültig und doch als eine Art Strafe für ihre vorlaute Bemerkung, die weitere Konversation ab. Ilia wünschte allein zu sein.

Und blieb's den ganzen Vormittag. Unschlüssig, ob sie etwas und was sie unternehmen sollte, machte sie sich ein wenig Gewissensbisse, daß sie – gar zu vornehm und diskret – ihre Hilfe, ihren Rat der sichtlich in Herzensnöten Befangenen nicht angeboten, nicht mit sanfter, liebender Gewalt aufgedrängt hatte. Nun hatte das Mädel, dem wirklich das Leben noch wenig Gutes geboten hatte und das trotzdem ein so braver, tapferer Kerl geblieben war, das alles mit sich allein abgemacht.

Das alles – was war es denn nur?

Er war verreist gewesen in Wien und Budapest, er hatte ziemlich regelmäßig geschrieben und die Briefe mußten befriedigt, mußten neue Hoffnungen erweckt haben, das ging doch aus dem bald heiteren, bald verträumten, nie aber eigentlich bedrückten Wesen Klaras in den letzten Wochen zur Genüge hervor.

Plötzlich abgeschrieben – konnte er nicht haben, denn Klara hatte ja gestern erst, als die Post schon geschlossen war, die Wohnung in guter Stimmung verlassen und konnte keinen Brief mehr abgeholt haben. Keinen Brief – aber ihn selbst. Das war's wohl. Er hatte sich angemeldet und war nicht gekommen. Das hatte sie gestern abend so verwirrt, enttäuscht, zerschmettert. Jetzt war sie gewiß in ihrer Unruhe und Ungewißheit gegangen, um auf dem Postamt nachzufragen, ob heute ein Brief, der alles erklärte, eingegangen sei. So war es das Wahrscheinlichste.

Aber die Stunden vergingen. Klara kam nicht wieder. Auch nicht zu Tisch.

Sehr unruhig sah Ilia ihrer Sprechstunde entgegen. Hoffentlich erschien niemand – aber das kam gar nicht mehr vor – oder es stellten sich wenigstens nur bekannte Klienten ein, für deren Behandlung sie keine neuen scharfen Beobachtungen mehr brauchte, oder nur harmlose Neulinge, für die das übliche Kartenlegen genügte.

Als eine Viertelstunde vor Beginn der Sprechstunde die Klingel ziemlich scharf gezogen wurde, fühlte Ilia einen Stich in der Herzgegend. Wenn sie das wäre!?

Aber dann sollte es nicht mehr dazu kommen, daß sie sich einriegelte mit ihrem Schmerz, mit ihren Sorgen! Gleich hinter ihr wollte Ilia in ihr Zimmer eintreten – frische Blumen und einen Teller mit Keks und Brot und Marmelade hatte sie schon neben die kleine Teemaschine gestellt – und wollte nicht eher weichen, bis die Kleine den Kopf an ihre Schulter legte und sich aussprach, sich ausweinte. Vielleicht kam sie aber auch froh und triumphierend heim mit einem neuen Brief, der alles gutmachte und natürlich erklärte . . . Aber auch dann wollte Ilia sie zum Sprechen bringen. Unbedingt. Den trübsinnigen Abend gestern, diese schreckliche Nacht, den sorgenschweren Morgen wollte sie nicht noch einmal erleben. Endlich hatte sie unter all den Neugierigen, Mißtrauischen, Wundersüchtigen, Skeptischen, Halbverrückten, die sie hier oft mit albernen Fragen nach ihrem Geschick, ihrer Zukunft, ihren Amouren, ihren Geschäften befragten, einen Menschen gefunden. Einen weiblichen Menschen, der ihr blutsverwandt und zugetan war, über das Wunderliche ihres Berufes und ihres Lebens hinwegsah und dabeigewesen war, sich dankbar an sie anzuschließen. Diesen Menschen, der in ihr im Zeichen von Maske und Perücke ein wenig verlogenes Leben und in die Fortsetzung einer unglücklichen Komödiantenlaufbahn ein bißchen Licht und Wärme, ein bißchen Wahrhaftigkeit und Menschlichkeit und Liebe gebracht hatte, den gab sie gutwillig nicht mehr her.

Aber da war eine fremde Stimme auf dem Korridor, die mit Berta Babusch verhandelte. Eine Dame, die noch nicht hier gewesen. Das hörte sie auch in Berta Babuschs zurückhaltenden Antworten.

»Nein, Sie sind die erste, gnädige Frau«, sagte Berta eben. »Sie können auch gleich ins Sprechzimmer eintreten. Nein, nein. Sie begegnen keinen anderen Herrschaften hier. Aber allerdings – Madame Ilia hält ihre festgesetzten Stunden ein. Sie ist pünktlich, läßt sich aber auch nichts vorschreiben und es ist noch eine Viertelstunde Zeit.«

»Dann warte ich eben«, hörte Ilia eine fremde, etwas gezierte Frauenstimme sagen,

Nicht sehr sympathisch, dachte Ilia, die ihr Ohr so weit ausgebildet hatte, daß sie mit einiger Sicherheit aus dem Gehörten auf die Körperlichkeit ihres Besuchers und auch auf den Zustand seiner Psyche aus der Stimme schließen konnte.

Die Tür zum Sprechzimmer öffnete und schloß sich. Berta Babusch kam dann über den Korridor und trat, ohne anzuklopfen, bei Ilia ein.

»Eine Dame – auffallend, aber ein bißchen billig angezogen. In den vierziger Jahren, taxiere ich.«

»Etwas korpulent und ein wenig asthmatisch?«

»Ja, die Treppen haben was gegen sie. Gefärbte Haare, die Augenbrauen nachgezogen, starker Lippenstift – ist keine aus Potsdam – eher Komödiantin.«

»Und stark parfümiert.«

»Ja, das auch. Woher wissen Sie das?«

»Nun, Sie bringen ja ein Probedüftchen davon mit herein.«

»Ich habe nur den Mantel angefaßt – geholfen beim Abnehmen. Sie wollte nicht, aber ich habe ihr gesagt, das muß sein . . . Aber keine Tasche, wie es die Mode will. Nur innen eine – mit dem da.«

Berta Babusch hielt, nicht ohne ein triumphierendes Lächeln, ein kleines Heftchen mit blauem Deckel hin.

»Eine Rolle? Ich dachte mir's!« Ilia ließ das leicht angeschmutzte Heftchen bekannter Art nachlässig durch die Finger gleiten. Ein halber Bogen – kein Staat damit zu machen . . .

»Bitte, hier ist ein Zettel aufgeklebt.«

»So? Gut, daß ich das sehe. Vom – Grabbe-Theater? Sieh mal an! Da könnte man vielleicht etwas über . . .« Und von einem Gedanken plötzlich erfaßt, sagte sie: »Halten Sie es für möglich, Berta, daß Fräulein Klara heute morgen zu ihren Eltern; zu ihrem Vater . . .?«

»Sie hat ja nichts von ihren Sachen mitgenommen.«

»Das braucht sie nicht. Aber . . . ans Geschäft, an die Arbeit! Das Heftchen zurück in seine Tasche – und gehen Sie hinein und bedeuten Sie der Dame, daß sie sich einstweilen auf den Stuhl setzt, genau dem Tischchen gegenüber –«

»– und in der Linie des Schlüsselloches.« Berta Babusch nickte und ging leise hinaus.

Nach einer Weile trat Ilia auf Zehenspitzen an das Schlüsselloch, bückte sich und sah lange hindurch. Sie kannte doch diesen zurechtgemachten und gepuderten Kopf, dieses Gesicht. Eine Frau, die ihren Beruf betonen, ihr Alter verleugnen will. Sie trat zurück, öffnete den Wandschrank und entnahm ihm einen Band der »Ahnengalerie« von F bis M. Sie blätterte, suchte und fand das Grabbe-Theater, Sie musterte die von ihr ausgeschnittenen und aufgeklebten Bilder, Gruppen, Köpfe, Bühnenbilder . . . Die Diva zu Hause . . . Der männliche Star auf der Jagd – im Auto . . . Hier die kleineren Größen, die hübsche Olga Bandy, mehr durch ihre Amouren als durch ihre Kunst berühmt . . . der süßliche Friseurkopf des schönen Michael Born, von dem man munkelte, daß er den Frauen im Leben ausweiche, für die er sich auf der Bühne zu begeistern hatte . . . Ja und hier, wahrhaftig, das war sie, die da draußen saß und wartete. Sie und keine andere! Hier als Amme in »Romeo und Julia«; hier als Vertraute Kopf an Kopf mit der Diva . . . Hier »in Zivil«, der auf Bedeutung zurechtgemachte Kopf aus dem Bild, das das Porträt des ganzen Ensembles gebracht hatte, und darunter stand gedruckt, was Ilia schon klopfenden Herzens erwartet hatte: »Melusine Kern-Möller«.

Ein leises Triumphgefühl stieg in Ilia auf. Die –! Die sollte Proben ihrer Kunst und Wissenschaft erleben.

Einen Augenblick zögerte sie noch nachdenkend an der Türe. War es nicht möglich, daß Klara, verwirrt durch ihr Erlebnis, sich zum Vater geflüchtet hatte, den sie liebte, ehrlich liebte, ohne gerade seinen Mut, seine Tatkraft und seine Einsicht besonders hoch einzuschätzen? Kam vielleicht Melusine schon in Angelegenheit dieser Heimkehr Klaras – mit oder ohne deren Wissen – jetzt zu ihr?

Ausgeschlossen. Dann würde sie das Gespräch über die Sprechstunde nicht mit Berta Babusch geführt haben – so nicht. Sie würde anders aufgetreten sein und ihren Mantel kaum abgelegt haben.

Hatte diese Frau, die da nebenan wartete, Kenntnis von ihrem wahren Namen, ihrer Herkunft, ihrer Verwandtschaft mit dem Kassierer Kern? Solange Klara dort im Hause gewesen war, hatte, das wußte sie, niemand dort von ihrer Person, ihrer Wohnung, ihrem Beruf eine Ahnung. Sollte Melusine in der Zwischenzeit von irgendwem – und von wem dann –?

Man würde ja sehen. Ilia beschloß, ihr zunächst einmal – wenn sie nicht überhaupt mit der Türe gleich ins Haus fiel – vorsichtig auf den Zahn zu fühlen. Es war eine Komödiantin, die sie erwartete. Schön, sie sollte die Kollegin, die wahrhaftig nicht talentlose Kollegin als Gegenspielerin bereit finden, die ihr hoffentlich überlegen war.

Ganz ruhig und langsam band sich Ilia die silberne Maske vor, setzte vor dem Spiegel vorsichtig die weiße Lockenperücke auf, nachprüfend, ob kein Pröbchen ihres eigenen Haares und seiner Farbe irgendwo hervorschimmerte. Dann öffnete sie die Türe und stand vor Melusine, die gerade in ehrfürchtiger Betrachtung der Götzensammlung auf dem Schrank durch eine langstielige Lorgnette, die ihr von keinem Augenarzt verschrieben war, versunken schien.

Einen Augenblick Stille. Die beiden Frauen sahen sich an.

Melusine, deren Gemütsverfassung augenblicklich allem Außergewöhnlichen besonders zugeneigt war, fühlte sich stark beeindruckt von dieser Erscheinung. Ilia war fast um einen Kopf größer als sie, – ein wenig übertrieb die Lockenperücke ihre Größe – war schlank und hielt sich gut. Das schwarze Samtkleid saß tadellos und ließ den weißen, nur von einer schmalen Perlenkette umspannten Hals und die Unterarme frei. Melusine hatte sich alles hier – Milieu, Aufmachung, Persönlichkeit – bescheidener, spießbürgerlicher vorgestellt. Etwas billig und kitschig und überhaucht von dem Duft des ewigen Kaffees, aus dessen Satz die kleineren Kolleginnen dieser Dame in wollenen Umschlagtüchern wahrsagten. Denn es war eine Dame.

Melusine empfand das mit einer gewissen Genugtuung – denn es nahm ihrem Besuch die Lächerlichkeit – und doch auch wieder etwas demütigend.

Ilia aber ließ aus der unbeweglichen Larve einen forschenden Blick über die Besucherin hingleiten und dachte: fünfzehn Jahre älter, als sie erscheinen will. Eitle Komödiantin, aber ungewohnten Verhältnissen gegenüber ohne die Sicherheit einer studierten Rolle. Eingeengt in einen fabelhaft sitzenden Schnürleib, der einer schwierigen Aufgabe dient und wohl das teuerste an ihrer Aufmachung ist. Geschminkt auf elegante Pariserin und unter der Schminke ein welkes Ohrfeigengesicht, dessen Hängebacken nicht mehr wegzumassieren sind. Ganz die Erscheinung, zu der die affektierten Bewegungen paßten und eine fast ins Karikaturistische getriebene Illustration zu den immer noch schonenden Andeutungen und Erzählungen Klaras.

»Sie kennen vielleicht meinen Namen?« Melusine wollte mit einem eitlen Lächeln, als ob sie Ilia durch Mitteilung ihrer Personalien königlich zu beschenken gesonnen sei, die Vorstellung beginnen.

Ilia wies ihr mit einer fast herablassenden Bewegung ihrer hübschen, schlanken Hand den Platz ihr gegenüber am Tischchen an, so daß Melusine die Strahlen der sich zum Untergang neigenden Sonne im Gesicht hatte, und sagte ruhig: »Bitte davon abzusehen. Vielleicht sagt mir später der Kristall Ihren Namen.«

Der Kristall? Melusine war des Staunens voll. Denn sie dachte einen Augenblick nicht an einen toten Stein, sondern vermutete, ein unsichtbarer dienstbarer Geist heiße so.

Dann aber sah sie, daß Ilia den Kristall auf dem kleinen Aufbau einer Alabasterschale langsam an sich heranzog und anschaute, voll Interesse in seinen geschliffenen Flächen zu forschen schien, ohne Melusine weiter zu beachten.

»Ach so«, verbesserte sich Melusine begreifend. Nach einer Weile, da Ilia nichts äußerte und nur ihre behutsam spielenden Fingerspitzen den Kristall drehten, fügte sie hinzu: »Ich komme nämlich, um –«

»Ich werde Ihnen das vielleicht bald sagen«, schnitt Ilia nicht unfreundlich, aber doch eben für die Belehrung im voraus dankend, die vorgebrachte Rede schon an ihrem Anfang ab.

In Melusine kochte einiges auf. Sie kam doch hierher, um bestimmte Fragen an die Seherin zu richten, wofür sie ihr gutes Geld zu bezahlen bereit war. Jetzt schnitt ihr die arrogante Person jedes Wort vom Munde ab. Ohne rechte Höflichkeit tat sie das und ohne Neugier.

»Ihr Weg hierher ist nicht sehr weit«, sagte Ilia jetzt, als ob dieser Weg in dem Kristall vorgezeichnet stehe und sie ihn daraus ablese.

»Nein, ich bin . . .«

»Sie sind Künstlerin«, sprach Ilia weiter, ohne sich um Melusines Worte zu kümmern, die eigentlich über den Beruf noch Einiges aussagen wollte.

»Allerdings«, bestätigte Melusine ärgerlich und dachte, das sieht sie mir wohl an. Wir von der Kunst tragen alle den leuchtenden Stempel einer höheren Geistigkeit im Gesicht und sind wirklich nicht gut zu verwechseln mit Damen, die als Filialleiterin einer Pralinenfabrik amtieren oder beim Rechtsanwalt das Telephon bedienen.

»Sie haben einen merkwürdigen Namen – einen hübschen, seltenen Namen«, fuhr Ilia fort, und ihre Fingerspitzen, die langsam den Kristall drehten, bewegten sich. Auch ihre Rede war ganz ruhig, immer, als ob sie etwas in weiter Ferne ablese oder übersetze. »Melusine.«

Melusine senkte in schweigender Zustimmung das Doppelkinn. Das war schon seltsamer.

»Sie sind verheiratet – haben ein Kind – einen niedlichen Jungen – blond, blaue Augen – er ist aber vor der Ehe geboren und ist nicht von Ihrem Mann.«

Melusine begann das Unheimliche der Situation zu empfinden. Ihre Hände krallten sich in die mit rotem Atlas überzogene Armlehne des Sessels, den ihre Körperlichkeit so reichlich und durchaus ausfüllte, daß ihr beim Platznehmen der Gedanke einen Augenblick Beschwerde verursachte, wie sie da ohne fremde Hilfe ihre massigen Hüften und das andere wieder herausschälen werde.

Ilia schwieg und überlegte. Sollte sie einen Vorstoß machen, der den, wie sie recht gut sah, in der Besucherin sich befestigenden Glauben auch mit einemmal erschüttern konnte, wenn sie jetzt als Hellseherin etwas Falsches kündete.

Sei es drum, sie wollte es wagen!

»Das Kind«, sagte sie, »mag so fünf Jahre alt sein – Was seinen Vater anbetrifft – so ist der nicht ganz so vornehm, wie das Gerücht geht.«

Ogott, ogott, dachte Melusine, das kann ja reizend werden. Und rasch warf sie ein, als ob sie das Letzte gar nicht gehört hätte: »Meine Zeit ist etwas beschränkt leider – ich bin gekommen, einer bestimmten Sache willen, die – ich . . . ich wollte eigentlich erst später, wenn mir die Proben und Abendvorstellungen mehr Zeit lassen – ich bin nämlich Schauspielerin.«

»Am Grabbe-Theater«, nickte Ilia, »ich sehe wenigstens die Umrisse dieses Hauses im Kristall.«

»Ja. Ein Untermieter von uns – mein Gott, wir haben eine hochherrschaftliche Wohnung, nicht wahr –«

»Drei Zimmer«, nickte Ilia unerbittlich und drehte den Stein. Sie kannte die Wohnung ganz genau aus Klaras Erzählung.

Melusine glitt über die Wohnung hinweg, aber sie nahm sich vor, hier nicht mehr zu lügen oder zu übertreiben. Das half ja doch nichts.

»Ein Untermieter von uns ist vor einigen Tagen – vorgestern, denk' ich – bei Ihnen gewesen – und gestern hat er mir wie närrisch von Ihnen vorgeschwärmt. Nein, ›vorgeschwärmt‹ ist gar nicht das richtige Wort, er war im Innersten aufgewühlt von dem, was Sie ihm –«

Wer mag das gewesen sein, dachte Ilia. Der pockennarbige Galizier, den sie als Schieber mit orientalischen Teppichen oder so was wohl ziemlich richtig eingeschätzt hatte? Oder der schwindsüchtige junge Mensch, der – aber nein, der wohnte ja bei seinen schwerbesorgten Eltern, und sie hatte ihm, der in blasser Todesangst sie aufsuchte und immerzu ins Taschentuch hustete, den Trost mitgegeben: sie sehe ihn fröhlich mit hübschen Frauen in einem Frühling spazieren gehen, in dem die Menschen, ganz anders gekleidet, einer neuen Mode huldigten . . . Also auch der nicht. Aber die geschminkte Plaudertasche würde, einmal im Zuge, schon selbst durch irgendeine Angabe verraten, wer von den Klienten der letzten Tage ihr Untermieter in der hochherrschaftlichen Wohnung war.

Und schon kam die Angabe. »Der junge Herr, ein kluger, vorurteilsloser Kaufmann aus sehr guten Verhältnissen, hat sogar angedeutet, daß Sie ihm – ja, wenn ich recht verstanden habe, – eine Person, auf die er immerzu seine Gedanken richtete, körperlich oder fast körperlich haben erscheinen lassen.«

Der –! dachte Ilia. Der wohnt bei Kerns . . .? Ob er eine Ahnung hat, daß das Mädel, dem seine Gedanken zustreben, mit dieser arroganten, dicken Person, mit dem armen, getretenen Theaterkassierer so nahe verwandt ist? . . . Und über die Brücke der Erinnerung an diese für ihren Besucher wirklich wunderreiche Sitzung waren ihre ängstlichen Gedanken plötzlich wieder bei Klara, die nun irgendwo in der Riesenstadt herumirrte oder – sollte das die direkte Veranlassung dieses Besuches der dicken Komödiantin sein? – Sie wollte Gewißheit haben.

»Ich sehe im Kristall«, sagte sie, als ob eine überraschende Entdeckung sie zwänge, den Redestrom ihres Besuches zu unterbrechen, »ich sehe eine junge Dame, eine hübsche junge Dame. Sie trägt das dunkle Haar etwas unmodern – ist schlank, groß, ein bißchen blaß.«

»Klara!« entschlüpfte es unwillkürlich dem Munde Melusinens, die sich in ihrer Verblüffung vom Sessel erheben wollte. Aber der Sessel, in den sie geklemmt war, ging, wie sie das vorhin befürchtet hatte, mit ihrem Körper mit. So ließ sie ihn wieder auf seine vier Beine fallen und saß wieder.

»Den Namen kann ich im Kristall nicht sehen«, sagte Ilia, die entschlossen war, sich vorsichtig tastend und sich keine Blöße gebend, Gewißheit zu verschaffen. »Ich sehe – die junge Dame geht auf ihr Haus zu – sie zögert einzutreten.«

»Zögert –?« Die Aufregung Melusinens wuchs sichtlich. Das flammende Rot ihrer Erregung schlug durch Puder und Schminken hindurch. Sie leckte, unbekümmert um den schlechten Geschmack, die Farbe von den trocken gewordenen Lippen. »Bitte – ist das jetzt im Augenblick, daß sie vor dem Haus steht und zögert –?«

»Das kann ich nicht sagen, das kann auch vor ein paar Stunden gewesen sein. Diese Visionen im Kristall sind an keine Zeit gebunden.«

»Nein, nein – vor ein paar Stunden, das ist unmöglich. Da war ich ja noch zu Hause. Gekommen ist sie nicht –«

»Sie hat dies Haus lange nicht gesehen, lange nicht besucht.«

»Sehr lange nicht«, bestätigte Melusine mit großen Augen.

»Sie ist auch jetzt nicht eingetreten.«

»Nein, sie ist nicht –« Unwillkürlich, wie sich selbst Rechenschaft gebend, stimmte Melusine zu.

Das war's, was Ilia wissen wollte. Und nun, nachdem sie die Gewißheit hatte, daß diese von ihren Künsten sichtlich bewegte Person, die ihr gegenübersaß, ihr über Klaras Schicksal nichts weiter sagen konnte, weil sie selbst keine Ahnung hatte, gewann etwas wie Zorn und Abneigung in ihr die Oberhand.

Alles Üble, Kleine, Niedrige fiel ihr nun ein, das im Lauf der bei ihr verbrachten Wochen Klara von dieser »Künstlerin« berichtet hatte. Nicht anklagend und nicht eigentlich im Zusammenhang. Aber bald einmal, wenn sie von ihrem Vater sprach und seine armselige Gebundenheit bedauerte; bald einmal, wenn sie ihre eigene Flucht entschuldigte, die sie doch wie ein herbes Unrecht, das sie dem armen Bübchen angetan, auffaßte; und wieder einmal in einer fröhlichen Stunde mit einem leicht humoristischen Anstrich, nur so zur Charakteristik einer für normale Menschen schwer begreiflichen, fleischgewordenen Unleidlichkeit.

Aber je mehr Ilia in der immer verblüffter, immer ängstlicher vor ihr sitzenden Komödiantin, der langsam ihre Rolle entglitt, genau den Typ erkannte, dessen Bild Klara gelegentlich, mosaikartig die farbigen Steinchen zusammentragend, vor ihre Phantasie gestellt hatte, um so heftiger loderte in ihr ein heißes Verlangen, der nicht mehr hemmbare Wunsch, dieser üblen Person, die in ihrem harten Egoismus allen in ihrer Umgebung überlegen war, eine derbe Lektion zu erteilen. Eine ungewöhnliche Lektion aus einer anderen Dimension.

Während sie noch überlegte, von welcher Seite sie dieser Psyche mit Gespensterhand den ersten Puff geben sollte, sagte Melusine zögernd und sichtlich starke Hemmungen überwindend:

»Was mich eigentlich – in letzter Linie – hierher zu Ihnen geführt hat, das ist – hm – eine nicht angenehme Angelegenheit. Eine recht peinliche Sache, in die ich – in meinem Beruf oder eigentlich durch meinen Beruf – ganz unschuldig – durch allerlei Vertrauensseligkeiten verwickelt worden bin . . . Mein Gott, man ist eine Frau, nicht wahr – hat auch die Fehler seines Geschlechts – und wenn sich ein Mann mit den besten Manieren und in den bescheidensten Formen – angeblich von unseren Leistungen auf der Bühne hingerissen oder doch stark beeindruckt – uns nähert . . .«

Hallo! – Das ist's, dachte Ilia. Am Morgen kurz vor Tisch mit ihren Gedanken bei Klara und immer auf die Straße sehend, ob nicht die Erwartete hier um die Ecke, dort über den Übergang heimkam, hatte Ilia mit lässiger Hand die Zeitungen durchblättert. Dabei hatte sie eine Notiz »Neues über den sensationellen Diebstahl im Grabbe-Theater« gefunden und gelesen. Um die Mahuda handelte sich's – um die Morphinistin, die auch gelegentlich Kokain schnupfte und, von Entziehungskuren in der Einsamkeit zu Glanzrollen vor ausverkauftem Parkett taumelnd, in Bild und Wort aus den Reklameecken der illustrierten Journale gar nicht mehr herauskam. Wozu, wie Ilia gut wußte, ihr immer auf Skandal und Tamtam bedachter Freund vom Boxpalast gewiß mit liebendem Eifer das seinige tat. Einen Juwelendiebstahl – begangen am Eigentum der Mahuda – nahm sie so im flüchtigen Lesen nicht allzu ernst. Und nur in einem der Blätter hatte sie für einen Augenblick der Zusatz gefesselt: man verfolge neuerdings eine Spur, die durch die Garderoben – ja, wie war's doch ausgedrückt – durch die Garderoben der Kolleginnen führe, ohne daß diese Damen selbst irgendwie –

»Man kommt zuweilen in ganz unglaubliche Angelegenheiten, ohne daß man . . .« Und nach einem plötzlichen Zögern nahm Melusine einen kurzen Anlauf und tat die fast befehlartige Frage: »Wissen Sie etwas oder können Sie in dem Glas da –«

»Kristall«, verbesserte Ilia, ohne den Blick von der erregten Fragerin abzuwenden.

»– in Ihrem Kristall da lesen, warum plötzlich von einem Herrn, an dem mir – sagen wir aus Gründen der künstlerischen Karriere – etwas liegen muß, und der sich heftig für mich interessiert hat – warum ich keinerlei Nachrichten mehr von ihm . . .«

Seltsam, dachte Ilia, seltsam die Duplizität der Fälle! Das junge hübsche Mädel fliegt jetzt offenbar irgendwo hinter schlechten oder ausbleibenden Nachrichten von einem geliebten Manne her – und diese durch Schicksalsfügung ihr verwandt gewordene üble Person ängstigt sich um das Schweigen irgendeines Mäzen, der . . .

Plötzlich standen wieder – und diesmal in aller Deutlichkeit der sicher arbeitenden Rückerinnerung – die Druckzeilen aus der Zeitung von heute morgen vor Ilias Augen. Ganz deutlich sah sie's jetzt – wirklich hellsehend. In der dritten Spalte des Feuilletons ganz unten stand: »Die Kriminalpolizei verfolgt neuerdings eine Spur, die durch die Garderoben der Kolleginnen führt, die persönlich allerdings wohl aus jedem Verdacht ausscheiden. Immerhin . . .« Hier lief der Bericht auf die andere Seite über. Weiter hatte sie nicht gelesen, denn ihre Unruhe hatte sie wieder getrieben, am Fenster nach Klara auszuschauen, die nicht kam – nach Klara!

Und der Gedanke an Klara, deren Martyrium im Hause ihres Vaters, deren Flucht mit allen Folgen diese in breiter Pose vor ihr sitzende Frau allein verschuldet hatte, gab jetzt Ilia, die unbeweglich im Schutz ihrer Maske und Perücke vor den ängstlich und ängstlicher werdenden Augen Melusinens saß, eine Taktik ein, die – sie gestand sich's selbst – etwas mittelalterlich Grausames hatte. Sie fühlte plötzlich in sich die Macht, die Lust, zu foltern, und sie folterte.

»Geben Sie mir Ihre Hand, bitte – die rechte. Lassen Sie die Innenlinien sehen – Oh . . . eine nicht schlecht angelegte Glückslinie.«

»Die Glückslinie ist –?« Melusinens Antlitz verklärte sich hoffnungsvoll.

»– gut in der Anlage – aber plötzlich gestört. Roh zerstört, möchte ich sagen – durch eine eigene Schuld.«

»Durch eine . . .? Sie meinen, daß ich selbst –?« stammelte Melusine, unter der Schminke jäh erblassend.

»Nicht nur Sie selbst – es scheint fast so – nein, es ist gewiß, daß diese Hand selbst durch – durch eine Roheit die guten Schicksalsaussichten gestört hat.«

»Eine Roheit . . .? Ich wüßte wirklich nicht – ich bin doch keine Medea, keine Lady Macbeth!«

Nein, dachte Ilia, das bist du freilich nicht, so gern du die beiden mal auf der Bühne gespielt hättest. Aber dazu hat's nie gereicht. Aber eine widerliche Person bist du; und an mich und diese Stunde sollst du denken!

Laut aber sagte sie, laut und ruhig, und der Ton ihrer Stimme war so kühl und klar wie das spiegelnde Silber ihrer Maske: »Ich kann natürlich nicht beurteilen, was Sie als Roheit empfinden – das Urteil des Menschen über sich selbst ist ja verschieden. Jedenfalls die jäh zerstörte Glückslinie Ihrer Hand zeigt es nur allzu deutlich – daß sie selbst, die Hand hier, irgend etwas getan hat, das – – Es könnte eine Unterschrift gewesen sein – ein Brief – ein falsches Zeugnis.« Ilia tat, als prüfe sie die zerstörten Linien genau. Dabei spürte sie das stark bebende Zittern dieser erkalteten Finger. »Nein, das alles war es nicht – es war vermutlich im Affekt – ein Stoß oder ein Stich.«

»Großer Gott, ich hab' doch nicht gemordet.«

»Nein – davon steht nichts in der Hand. Aber es scheint, Sie haben jemanden tätlich – mit Hilfe dieser Hand – beleidigt. Jemand, der sich diese schlechte und ungerechte Behandlung, diese Erniedrigung – es muß sich um eine erwachsene Person gehandelt haben, nicht um ein Kind – sehr zu Herzen genommen hat.«

»Lassen Sie mich erklären«, keuchte jetzt Melusine, die, geschlagen von der ruhigen Sicherheit dieser rätselhaften Frau, immer mehr die Fassung verlor – »es war – Sie müssen wissen, mein Mann war zweimal verheiratet.«

»Das sehe ich aus dieser Hand«, nickte Ilia, die jetzt die zitternde Linke ihrer Besucherin festhielt und prüfte – »Er hatte – oder hat wohl noch ein Kind aus dieser Ehe. Es scheint – ein Junge. Nein doch, es ist ein Mädchen.«

»Ja, ja, eine Tochter. Sie hat sich von Anfang an feindlich zu mir gestellt.«

»Davon steht nichts in den Händen«, sagte Ilia und stach nachdenklich mit ihrem spitzgefeilten Fingernagel die leicht aufschreiende Melusine in die Maus. »Verzeihung – aber Sie müssen die Hand ruhiger halten und näher zu mir herhalten. Oder wollen wir lieber die Sitzung abbrechen?«

»Nein, nein!« Rasch schob Melusine ihre beiden Hände vor. So rasch und so weit, daß sie beinahe Ilias wohlgeformten Busen stießen. »Aber – wenn es Ihnen einerlei ist – ich möchte lieber von der Zukunft etwas hören als von der Vergangenheit, die ich ja schließlich kenne, sogar, verzeihen Sie, werte Dame, wenn ich so kühn bin zu sagen, vielleicht noch besser kenne als Sie. Das ist gewiß keine Kritik an Ihrer wunderbaren Kunst, von der Sie mir ja einige – wenn auch kleine Fehler unterliefen – einige höchst erstaunliche Proben gegeben haben – aber –«

»Aber –« nahm Ilia der mit dem Atem Kämpfenden die Rede ab – »aber alle Zukunft baut sich nur auf der Vergangenheit auf. Ist ihre Folge, ihr Kind. Wie sich alles, was der Mensch erlebt, erleidet, ertrotzt, ermißt aus der Zusammensetzung seiner Kräfte und Schwächen, seiner guten und bösen Eigenschaften, voraussagen und erklären läßt. Schicksal ist nie durch Zufall bestimmt, nur durch die ewige Kraft unsichtbarer Gesetze. Blind ist das Schicksal niemals gewesen, wie ihm die Toren so gerne nachsagen. Es sieht und richtet den Weg, den ihm die Natur eines Menschen vorgeschrieben hat. Was wir für ein Schicksal außer uns erklären, lebt in Wahrheit in uns selbst. Sie haben gewiß schon in ›Wallenstein‹ mitgespielt – die Gräfin Terzky oder früher die Thekla.«

»Es ist noch gar nicht so lange her, daß ich die Thekla –«

»Sehen Sie. Dann werden Sie sich aus der Rolle des Wallenstein des schönsten und wahrsten Wortes erinnern, das wohl jemals über Schicksal und Menschenleben mit Schillerschem Pathos gesprochen worden ist: ›Des Menschen Taten und Gedanken, wißt, – sind nicht wie Meeres blindbewegte Wellen; – sein innrer Kern, sein Mikrokosmos ist – der tiefe Schacht, aus dem sie ewig quellen; – sie sind notwendig wie des Baumes Frucht, – sie kann das Schicksal gaukelnd nicht verwandeln, – hab' ich des Menschen Kern erst untersucht, – dann weiß ich auch sein Wollen und sein Handeln!‹«

Die Frau ist ja furchtbar gebildet, dachte Melusine und wurde ganz klein. Lieber wäre sie ganz schmal geworden, denn der enge Sessel – seine atlasbezogenen Arme schienen immer enger an sie heranzudrängen – beengte ihre breite Körperlichkeit sehr.

»Ich kann also – soll ich Ihnen etwas über Ihr Schicksal sagen – nur aus Ihrer Vergangenheit Ihre Zukunft entwickeln. Sonst würde ich – wie das Kolleginnen wohl gelegentlich machen – ins Blaue hineinphantasieren.«

»Nein, nein – ich bin ja gekommen, die Wahrheit zu hören.«

»Die sollen Sie haben«, nickte Ilia. Und eine merkwürdig richterliche Schärfe in Betonung jeden Wortes ließ Melusine ängstlich aufhorchen. »Ihr Leben strebt in ziemlich heftiger Neigung einer Senkung zu.«

»Ogott, ogott – immer noch gesenkter?«

»Sie stehen unter den zwingenden Nachwirkungen einer Schuld, die mir Ihre rechte Hand deutlich –«

»Ich weiß, ich weiß! Aber mein Gott, wer sein Kind lieb hat, der –«

»– der züchtiget es. Sehr wahr. Aber es war nicht Ihr Kind. Und Sie haben es auch nicht lieb gehabt. Da gewinnt die Züchtigung schon einen anderen Charakter. Hier steht die Senkung Ihres Schicksals – allerdings in den Linien Ihrer linken Hand.«

»Sie sprachen vorhin von einer Senkung – auf eine Senkung folgt doch auch mal wieder eine Erhebung – ein Anstieg.«

»Gewiß, das ist auch bei Ihnen wahrscheinlich. Aber abhängig ist der Wiederaufstieg von zwei Bedingungen, soweit ich in Ihrer Hand lese. – Aber wir können auch noch die Karten zu Hilfe nehmen.« Schon legte Ilia mit gewandten Fingern die rasch gemischten sauberen Karten in drei Reihen hin.

»Nach welchem System arbeiten Sie, wenn ich fragen darf?«

»Nach dem ausgezeichneten System der Signora Iovanna Parizza in Palermo, das ich mir nach meinen Erfahrungen ein wenig selbst zu verbessern erlaubt habe.«

»Aha«, nickte Melusine zustimmend. Sie hatte noch nicht von einer Signora Iovanna Parizza gehört, wogegen es ihr wahrscheinlich erschien, daß Palermo in Sizilien liege und zu Italien gehöre.

»Wie ich erwartet hatte«, sagte Ilia befriedigt und strich bereits wieder die Karten zusammen.

Melusine, die im Geiste mit der Dame Iovanna Parizza und der Bestimmung ihres Wohnortes auf der Karte beschäftigt gewesen, hatte das Bild der Spielkarten überhaupt nicht in sich aufgenommen. So sagte sie etwas kleinlaut: »Pardon, was haben Sie erwartet?«

»Ich habe nach Ihren Handlinien erwartet, daß die Coeur-Dame zwischen zwei Buben liegen würde.«

»So? Verzeihung, die Coeur-Dame bin ich?«

»Ja. Für den einen der beiden müssen Sie sich entscheiden. Für den richtigen.«

»Dann heb' ich mich aus der Senkung?«

»Ja. Das heißt, die Hauptbedingung – auch das hat mir die Lage der Karo-Dame zu Pique-Zehn und Karo-As bewiesen –«

»Mein Gott, wer ist denn jetzt wieder die Karo-Dame?«

»Das ist die Tochter des Coeur-Buben, der rechts von Ihnen lag. Nicht à la main gauche – das war der andere.«

»Ich weiß, ich weiß, der andere. Und was ist nun mit der Tochter des Coeur-Buben?«

Ilia stand auf. »Ich werde müde und muß abbrechen.«

»Ja, aber jetzt –? werte Madame Ilia, bitte, nicht jetzt, ehe Sie mir gesagt haben, was mit der Karo-Dame –?«

Im Aufstehen hatte Ilia rasch den Schellenknopf unter dem Tisch berührt.

Berta Babusch stand plötzlich hinter Melusine im Zimmer. Und da diese sie nicht hatte kommen hören und eine so grell aufgemachte Häßlichkeit nicht gewohnt war, erschrak sie sehr.

»Die Baronin aus Neubabelsberg und der Geheimrat aus dem Grunewald warten schon lange Zeit«, meldete Berta Babusch.

»Sofort«, nickte Ilia. Dann grüßte sie mit einer Kopfbewegung verabschiedend Melusine, die gerade dabei war, mit zitternden Händen einen Zehnmarkschein unter die Karten zu schieben.

»Aber bitte«, flehte Melusine, »Sie wollten mir doch noch –«

Jetzt trat Ilia dicht an die ein wenig sich duckende Melusine heran. Vor ihrer schlank aufgerichteten Figur stand die längst um ihre letzte Haltung gekommene, vor Aufregung fliegende Melusine wie eine ältliche ausgescholtene Dienstmagd. Und hatte zum erstenmal in ihrem Leben das niederschmetternde Gefühl, daß sie eine recht armselige Rolle spiele.

»Frau Kern-Möller«, sagte Ilia, jede Silbe scharf betonend, »so heißen Sie doch wohl; wenigstens lese ich den Namen dort über der Türe in flammenden Buchstaben.«

Melusine gestattete sich einen scheuen Blick in der Richtung. Sie sah aber nichts. Weder feurige Buchstaben, noch sonst was über der Türe.

»Frau Kern-Möller, merken Sie sich eines: Sie haben – Ihre Hände plaudern es aus – viel wieder gutzumachen. An einem Mann, der unter Ihnen gelitten hat – an einem Kind, das Ihre Mütterlichkeit niemals gewärmt hat. – Wenn Sie da wieder gutmachen – in Reue, in Eifer, in Opferbereitschaft – so fehlt nur eines, das Wichtigste, um den Bann von Ihnen zu nehmen, die Linien Ihrer Hand wieder zu glätten, Ihr Schicksal zu wenden und –«

»– aus der Senkung zu kommen«, seufzte Melusine. Die »Senkung« als Wort und Begriff war das Furchtbare für ihre Phantasie.

»Ja. Das junge Mädchen – dort über der Tür steht jetzt in feurigen Buchstaben ihr Name: Klara – das liebenswürdige, gutherzige junge Mädchen, das Sie vertrieben, das Sie geohrfeigt haben –«

»Ogott, ogott – das wissen Sie auch?!«

»– muß erst wieder in Ihrem Haus sein. Muß Friede gemacht haben mit Ihnen. Sie müssen in Ihren Händen Blumen getragen haben in ihr bescheidenes Zimmer, müssen ihr Salz und Brot gebracht haben –«

»Warum denn Salz und Brot?«

»Das ist ein Symbol, verstehen Sie? Und jetzt gehen Sie hin und öffnen Sie die Türen Ihres Hauses weit, damit in Gestalt dieses Mädchens, das Sie beleidigt haben, der gute Geist wieder einziehe!«

»Aber verehrteste Frau Ilia – um Himmels willen, wie soll ich . . . wie kann ich . . . Es weiß doch kein Mensch, wo sich diese Person herumtreibt . . . Entschuldigung, Entschuldigung, es fuhr mir so heraus, ich wollte sagen, wo es geblieben ist, das liebe Kind, wo man es suchen könnte.«

»Das Suchen und das Finden ist Ihre Sache, Frau Melusine Kern-Möller!«

»Können Sie denn nicht – kann nicht einer Ihrer Geister helfen?«

»Nein!«

»Aber Sie haben doch auch meinem Untermieter seine Freundin oder seine Braut oder was sie eigentlich ist – er sprach so konfus – überhaupt, seit er bei Ihnen war, es ist, als ob er – die haben Sie ihm doch, so schwört er wenigstens, leibhaftig hier gezeigt –«

»Das konnt' ich, weil er liebte. Seine sehnsüchtigen Gedanken haben sich mit meinem starken Willen zusammengetan und haben – aus jener Substanz, die noch niemand zu erklären vermochte und die nur der vereinten Kraft der Liebe und des Willens gehorcht – geformt und geformt. Aber Sie – Sie lieben nicht. Besinnen Sie sich auf Ihr besseres Teil – bemühen Sie sich, zu lieben, Frau Kern-Möller, bemühen Sie sich!«

Melusine wollte – vermutlich mit Bezugnahme auf diese empfohlenen Bemühungen – noch etwas äußern. Aber schon war Ilia im Nebenzimmer verschwunden.

Bis an den Hals voll Wut und Ärger und bedrückt und geheizt zugleich von furchtbarem Haß gegen die Welt und das Schicksal und die Menschen und die Geister stieg Melusine Kern-Möller mit schiefsitzendem Hütchen und zwei aufgerafften linken Handschuhen, die ihr beide nicht gehörten, die Treppe von Madame Ilias Wohnung hinunter und nahm sich zähneknirschend vor, zu lieben.

Als Melusine ihre Wohnung aufschloß, kam ihr das Hugochen entgegen. Das Kind war blaß und verängstigt.

»Was tust du auf dem Vorplatz, Hugo?!« schalt Melusine mit scharfer Stimme. Aber in diesem Augenblick entsann sie sich der seltsamen Sitzung, aus der sie kam, und der ihr dringend empfohlenen Wendung ihres Lebens zu mildem Ton den Ihren gegenüber und zu versöhnlicher Liebe. Sie fügte also, bemüht, mütterliche Zärtlichkeit in ihre Stimme zu legen, hinzu: »Bist du denn allein, lieber Junge?«

»Der Papa mußte aufs Büro. Aber drinnen wartet ein fremder Onkel auf dich.«

»Auf mich –? Ein fremder Onkel?« Nach einem kleinen Schreck ging eine heiße Welle der Freude durch Melusinens Körper. Sollte der gute Freund und Mäzen, den ein lächerlicher Verdacht – in diesem Augenblick erschien er ihrem zwischen Angst und Hoffnung hin und her pendelnden Herzen wieder lächerlicher denn je – mit dem Verschwinden des russischen Schmucks in Verbindung brachte, sollte er sie hier in ihrer Wohnung –?

»Warst du schon allein, als der Onkel kam?« forschte Melusine und legte den Mantel ab.

»Ja«, nickte das Hugochen kleinlaut. »Aber ich hab' ihm nicht aufgemacht«, fügte es schnell mit ängstlichem Blick nach der Mutter hinzu. Denn das war ihm streng verboten.

»Ja, wer hat ihm denn geöffnet –?« fragte Melusine und warf ärgerlich die jetzt erst als zwei linke erkannten fremden Handschuhe auf die staubige Platte der Kommode.

»Er hat erst geklingelt«, erklärte das Hugochen leise, »dreimal – dann hat er gerufen: ›Aufmachen!‹ – und dann –«

»Und dann –?«

»Dann – hat er selber aufgemacht.«

»Er selber? Ja, hat er denn einen Schlüssel gehabt?«

»Nein, nein«, schüttelte das Hugochen den Kopf, »mit keinem Schlüssel – mit einem kleinen Eisen, das er wieder eingesteckt hat.«

»Mit einem – Dietrich? Großer Gott!« In Melusinens Hirn jagten und ballten sich allerlei Schauergeschichten von Mord und Totschlag, die sie in ihren Schmökern gelesen hatte. Ihre Knie schlotterten, sie drohte zu sinken.

Aber in diesem Augenblick trat aus dem Wohnzimmer ein einfacher, aber korrekt gekleideter Herr. Statt der Begrüßung griff er in die Tasche und zeigte Melusine, deren starre Augen auf ihm ruhten, eine blanke, runde Münze an einem Kettchen und sagte gedämpft, aber nicht unfreundlich: »Kriminalpolizei!«

»Kriminalpolizei –? Und was wünschen Sie?«

»Ich habe hier auf Sie gewartet, Frau Kern-Möller – weil ich den Auftrag habe, Sie zu verhaften.«

* * *

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