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Die Hexe von Endor

Rudolf Presber: Die Hexe von Endor - Kapitel 15
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typefiction
authorRudolf Presber
titleDie Hexe von Endor
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1932
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Klara war viel zu früh am Bahnhof – wohl eine halbe Stunde zu zeitig.

Ilia, die gerade wieder einen von der Reichsgräfin empfohlenen distinguierten älteren Herrn darüber getröstet hatte, daß seine Erfolge bei den Frauen nachließen und er sich so häufig den linken Fuß verknackse, hatte schweigend zur Kenntnis genommen, daß Klara noch einmal zu so später Stunde in die Stadt gehen wolle. Vielleicht, sagte die schon zum Ausgehen Angezogene stockend, könne sie auch zum Abendessen nicht zurück sein.

Ilia fragte nichts und sagte nichts. Sie nickte nur zustimmend mit dem Kopf und strich sich an den Schläfen die Haare glatt, die immer nach den Sitzungen ein wenig feucht und verwirrt waren von der über den Ohren allzu fest anliegenden weißen Perücke. Ihr Lächeln hatte ein bißchen etwas Trauriges gehabt.

Berta Babusch aber, die hinter Klara die Tür schloß, grinste unverhohlen. Sie hatte – zerrissen allerdings in kleine Schnitzel – ein über den anderen Tag die Kuverts der Briefe aus Wien im Papierkorb gefunden, den sie stets besonders gründlich revidierte. Diese Briefe kamen niemals mit der Post in die Wohnung, das wußte sie. Und wenn Berta Babusch in ihrem Zimmerchen, eine Haarnadel geschickt als Pinzette benutzend, die Schnitzel kunstvoll zusammensetzte – was konnte Berta Babuschs Geduld und Fixigkeit nicht wieder zusammensetzen, das schon vernichtet und unkenntlich gemacht schien! – so las sie: »Fräulein Klara K. Berlin-Wilmersdorf. Hauptpostlagernd, Uhlandstraße.« Von den Briefen selbst hatte sie freilich trotz eifrigsten Suchens nie ein Stückchen erwischt. Auch nicht in der stets von Klara verschlossen gehaltenen Tischschublade, in der das junge Mädel ihre paar armseligen Schmuckstücke verwahrt hielt und zu der nach Berta Babuschs Erfahrung, mit Vorsicht eingeführt, auch das Schlüsselchen des Schrankes paßte, auf dem drüben die Bronze-Buddhas mit dicken Bäuchen saßen.

Den letzten dieser Briefe aus Wien, die Berta Babusch zu ihrer Betrübnis nie gefunden, las jetzt Klara zum soundsovielten Male durch, während sie langsam die weite Halle des Anhalter Bahnhofs mit kurzen Schritten durchmaß. Sie kannte seinen Wortlaut längst auswendig, und ihre Augen deutelten jetzt an der Schrift und den einzelnen Buchstaben herum. Er war sichtlich in großer Hast geschrieben. Aus Wien schon wieder, nicht aus Budapest. Die Eile des Schreibens zeigte sich nicht nur in Flüchtigkeiten des Stils, sondern auch in der ganz verwischten letzten Zeile der dritten Seite. Da hatte Viktor zu rasch das Blatt gewendet, wohl auch kein Löschpapier zur Hand gehabt. Inhaltlich war das Schreiben dürftig, sowohl was die mitgeteilten Tatsachen, als auch, wenn sie ehrlich war, was den Ausdruck der Gefühle anbetraf.

Vielleicht war sie von den ersten Briefen, die ein ganzes Feuerwerk verliebter Sätze auf die solcher Töne Ungewohnte hatten niederprasseln lassen, recht verwöhnt. Vielleicht hetzte in diesen beiden letzten Briefen irgendein ihr unbekanntes Geschäft, eine Verabredung, eine Pflicht, von der er nichts schrieb. Auch daß er noch – irgendwie geschäftlich – über Frankfurt am Main fahren mußte, schien ihm, schon weil es die Rückkehr um einen Tag verzögerte, sehr unlieb. Die Hauptsache blieb schließlich am Anfang und am Ende der Satz: »Ich komme, Liebling, ich komme!« . . . Das übrige – – ein paar Bemerkungen über das unbeschreiblich schlechte Wetter – über die traurige Öde des ausgestorbenen Schönbrunn – in der Kapuzinergruft war er, wie jedesmal, wenn er sein liebes Wien besuchte, auch gewesen und hatte – unterstrichen war es im Brief – am Sarg der Maria Theresia an sie gedacht. Vielleicht, weil die im Prunksarg Ruhende die Stolzeste, Klügste, Verehrungswürdigste aller der gekrönten, gefürsteten Frauen war, die da unten, von keinem warmen Strahl des Glanzes der Welt mehr gestreift, still im Gewölbe lagen. Die kinderreichste unter diesen Damen war sie auch, die Maria Theresia . . .

Einen Augenblick konnte Klara ihre Gedanken nicht losmachen von der Vorstellung, wie solche Kinder aussehen würden von ihr selbst und diesem feschen – so hieß es doch wohl – diesem »feschen« Wiener Aristokraten. Sie fühlte selbst, daß sie im Gehen errötete, aber sie kam eine Weile nicht von den längst toten Kindern der Maria Theresia los; und nicht von den eigenen, die noch gar nicht da waren. Ein Junge mußte es zunächst sein – der seine hübschen, gutmütigen und wieder ein bißchen listigen Augen hatte und das weiche Wiener Kinn mit dem ulkigen kleinen Grübchen drin, wenn er lachte. Dann konnte ein Mädel kommen, das ein bißchen etwas von ihr hatte. Schließlich hellblaue Augen zu schwarzem Haar war ja wirklich etwas ganz Apartes – nicht nur, weil's halt der Viktor so gern hatte und – –

Nein, wenn jetzt das reputierliche alte Ehepaar dort, das so bieder den großen Trauerkranz mit den schon halbverwelkten Hyazinthen nach dem Bahnsteig 3 hinübertrug, ahnen könnte, warum ich vor mich hinlächeln muß, dachte Klara. Und sie errötete noch mehr und wurde ärgerlich über sich selbst und ihre früher nie gekannten, unbeherrschten, törichten Gedanken.

Dann aber fand ihr Auge wieder im Brief die Zeile, wo der Viktor schrieb, ein blöder Ärger habe ihn gezwungen, das ihm liebe »Hotel Bristol« für die eine Nacht noch mit einem anderen zu vertauschen – hoffentlich liege dort kein Briefchen mehr von ihr. Überhaupt habe er allerlei Pech gehabt. Der ihm gut bekannte Theateragent und Kenner aller Chancen und Möglichkeiten im Wiener Kunstleben sei unglücklicherweise ausgerechnet am Tag vor seiner Ankunft in Geschäften nach Brunn gefahren. Der ihm seit Jahren befreundete Regisseur von der »Burg« liege an einer fiebrigen Grippe fest zu Bett, und seine Frau – übrigens eine hübsche aber unausstehliche Blondine, die einmal am Karltheater die flotten Stubenmädels gespielt – habe am Telephon jedem Besuch energisch abgewinkt. So bringe er leider keine besonders guten Aussichten für sie mit nach Berlin. Die Verpflichtung eines Umwegs über Frankfurt sei nun auch noch dazugekommen. Er liebe diese vornehme alte Handelsstadt sonst sehr, aber diesmal sei ihm jeder, auch der sonst sympathischste Umweg fatal. Alle seine Empfindungen und Gedanken strebten nach Berlin und zu ihr – zu ihr . . . Für all das Unbestimmte, Gleichgültige, etwas Verwirrte dieses Briefes aber, der auch in seinen knappen Intimitäten des Schwunges entbehrte, entschädigte sie am Schluß immer wieder das kurze Sätzchen: »Wie freue ich mich, Herzensschatz, Dich wieder zu sehen!« Am Ende dieses Satzes stand ein dickes Apostroph. Das einzige auf vier Seiten. Der Viktor arbeitete sonst gern mit diesen etwas damenhaften Ausrufezeichen und ein paar vieldeutigen, zu nichts verpflichtenden Punkten dahinter.

Woher, dachte Klara, kenne ich den Herrn, der da eben langsam, mich deucht schon zum zweiten- oder drittenmal, an mir vorbeigeht? Nichts Auffälliges in Physiognomie oder Kleidung, und doch – ach ja, jetzt wußte sie's! Das war ja der Herr, der damals bei Telschow hinter der Zeitung gesessen und den Viktor, der ihn kannte, vorzustellen vermeiden wollte. Der holte wohl auch, dort auf dem ersten Bahnsteig, jemanden von dem Frankfurter Zug ab und hatte sich, wie sie, beträchtlich verfrüht?

Pech, daß dem nun gerade Viktor wieder in die Arme laufen würde! Aber in dem Trubel der Ankunft würde sich's vermeiden lassen.

Ein Zug war wohl dort auf dem dritten oder vierten Gleis eingelaufen. Eine Fülle eiliger Menschen wogte vorbei. Die meisten schleppten sich mit Gepäckstücken. Versorgte, verhetzte Gesichter. Heftige Wiedersehensfreude führte zu innigen, den Verkehr störenden Umarmungen. Pfadfinder mit langen Locken und überaus kurzen Hosen trieben eine kleine warme Welle gesunden Schweißes vorbei. Ein paar Jagdhunde suchten schnuppernd und mit den Stummelschwänzchen wedelnd ihren verlorenen Herrn. In eiserner Ruhe standen, die sportgebräunten Köpfe aus engstem Kragen reckend, ein paar Schupos.

Was gab es doch hier für gemeine Gesichter! Dort an der Sperre zum Frankfurter Zug, der immer noch nicht gemeldet war, der dicke kleine Mann mit den entzündeten Schweinsaugen und dem gedunsenen Gesicht – war etwas Gewöhnlicheres zu denken? Gab es einen energischeren Protest der Erscheinung gegen Kinderstube und Kultur?! Und doch: auch er erwartete offenbar einen Menschen, an dem er hing, um den er sich sorgte oder der ihm lieb war. Auch er hatte sich zum festlichen Empfang die breitkrempige Melone in die bepickelte Stirn gedrückt und die Gummiröllchen, die seine athletischen Handgelenke beengten, über die Ärmel des Wollhemdes gestülpt. Wie andersartig wirkte der dunkle, ruhige, schlanke, blasse Jüngling, der neben dem brutalen Rüpel lässig am Geländer lehnte und mit unverhohlenem Mißbehagen zusah, wie der kurzbeinige Dicke seine Uhr aus der Westentasche riß und immer wieder mit dem erleuchteten Zifferblatt der Bahnhofsuhr mürrisch verglich.

Aber was war denn das – den blassen Jüngling kannte sie ja? . . . Das war doch – natürlich war er's – der polnische Student, dem sie, als Ilia beim Fürsten ihre Kunst übte, in Vertretung und mit Hilfe Berta Babuschs gewahrsagt hatte.

Schnell ging sie nach der anderen Seite hinüber und drehte ihrem Klienten von damals den Rücken. Wie die Welt doch klein ist, dachte sie. Alles hätte ich eher gedacht, als daß ich dem mal wieder begegne! Erkennen würde er mich zwar bestimmt nicht. Der kurze Moment, da ein »Zufall« die Larve fallen ließ, konnte nicht genügen; und während der ganzen Besprechung saß er nur einer silbernen Maske und einer getürmten Perücke gegenüber, während ich mir seine scharfen, ein bißchen kränklichen Züge gut einprägen konnte. Und dann – es war schließlich mein erster, mein einziger männlicher Klient! So was bleibt in der Erinnerung.

Es hatten sich doch eine ganze Menge Menschen eingefunden, die hier mit dem Frankfurter Zug liebe Heimkehrende oder willkommene Besuche erwarteten.

Freudig erwartungsvolle Kinder darunter, ein weißbärtiger Blinder mit der Binde am Arm, ein paar Frauen mit Blumen, ein Aufgeregter im mittleren Alter, der, die Unterlippe mit großen Zähnen nagend, einen Bambusstock so heftig und verdrossen schwang, als ob er dem von ihm Erwarteten zunächst mal eine Tracht Prügel zu verabreichen gedachte; und junge Frauen mit Blumen im schützenden Seidenpapier . . .

Sie hätte ihm am liebsten auch Blumen mitgebracht. Aber sie wußte nicht, ob sich das schickte, ob es nicht gar unkorrekt wäre. Sie hatte eine gewisse Angst vor seinem nachsichtigen Lächeln, und wenn er gar sagte: »Nett und lieb von dir, Kind, aber –« er, der Aristokrat, der frühere Offizier, der Wiener Lebemann – der er doch sicher einmal gewesen – so diskret er über sein früheres Liebesleben in die Unterhaltung hineinmischte – kannte so genau die Regeln der guten Sitte und des Anstands – und sie, die kleine Beamtentochter, die ihre Mutter früh verloren hatte, deren zweite Mutter eine Komödiantin war, die nur, wenn Besuch oder Beobachter in der Nähe sich aufhielten, sich übertrieben damenhaft gab und im engen Kreis der Familie ihre schlechte Kinderstube austobte. Nein, sie hatte keine Blumen gekauft – aber sie wollte ihn anstrahlen mit veilchenblauen Augen unter dem dunklen Scheitel, die er so liebte. Und ihr Blick sollte ihm sagen: die ganze Halle liegt voller Blumen für dich. Wohin du trittst, sind Blumen, Blumen, Blumen, alle in meinem Herzen gewachsen und alle mit vollen Händen hingeworfen, liebster Mann, auf den Weg seiner ersehnten Heimkehr . . .

Und wieder schämte sie sich, daß sie so übertriebene Dinge dachte, ja heimliche Worte formte. Und daß ihr Herz dazu wie ein hastiges Hämmerchen in ihrem Puls schlug, das erkannte sie auch. Ob wohl eine von den Frauen, die da Blumen im Arm trugen, so von Herzen froh und selig des Augenblicks warteten, da der Ersehnte die Kupeetür öffnete? – Weiße Handschuhe trug er immer zum Pelz, das fiel ihr jetzt ein. Und den Pelz hatte er sicher gut brauchen können auf der Fahrt. Die letzten Monate waren recht kalt gewesen schon. Und auch einen Melonenhut trug er zum Gehpelz – wie dort der schreckliche, dicke Proletarier. Jetzt wendete er sich der Sperre zu. Aber er hatte keine Bahnsteigkarte genommen und blieb, dem Knipser gegenüber an das Gitter der Sperre geflegelt, wartend stehen. Wie doch eine ganz ähnliche Hutform so verschieden kleidet! Wie leicht und elegant, wie selbstverständlich saß die schwarze kleine Melone auf Viktors schmalem, hübschem Sportkopf, den der Pelzkragen vornehm rahmte, und wie herausfordernd scheußlich überdachte die schiefsitzende Melone dort dieses Bulldoggengesicht auf dem roten Blähhals, unter dem der nebenbei unechte Topas in der schmierig-blauen Krawatte blitzte. Zu anderer Zeit hätte sie interessiert, hier zu warten und zu beobachten, wie die Person wohl ausschaue, die diesem üblen Menschen etwas bedeutete – und vielleicht er ihr. Heute – was waren ihr all die anderen, die Frauen mit Blumen, die Kinder, der Blinde, die wartenden Ehemänner? . . . Zwei anständig gekleidete ruhige Herren passierten hinter ihr wortlos die Sperre. Es berührte sie seltsam – sie konnte sich getäuscht haben – aber es kam ihr vor, ihr war, als ob einer von den beiden, ein sehniger Dreißiger, der sich gut hielt und einmal Offizier gewesen sein konnte, einen flüchtigen Blick der Verständigung mit dem herüberblinzelnden Proleten gewechselt hatte. Dann blieb er seltsamerweise auch in der Nähe der Bulldogge – innerhalb der Sperre – stehen. Während der andere Herr, der doch wohl zu ihm gehörte, die Hände in den Paletottaschen, ohne Eile mit ihr und den anderen dem bereits signalisierten Zuge auf dem Bahnsteig langsam entgegenging. Den Proleten hatte sie aus den Augen verloren. Vielleicht holte er seine alte Mutter ab, dachte sie und wunderte sich über sich selbst, daß sie mit dem zum Zerspringen klopfenden Herzen noch so gleichgültige Dinge beobachten konnte so nebenher. Wirklich nur so nebenher? Denn ihre fliegenden Pulse brausten, hämmerten, triumphierten über das eine: er kommt – er kommt wieder!

Und wie eine große Hoffnung und Gewißheit ging's ihr mit den näher und näher kommenden, größer und größer und heller und heller wachsenden Lichtern der einfahrenden Lokomotive auf: er hat zu Hause mit den Seinen gesprochen! Er überrascht dich jetzt – heute noch nicht, aber morgen vielleicht mit dem Wort, das er noch nie ausgesprochen – und das doch so oft schon in seinen Augen, auf seinen Lippen lag. Sicher war das ein unausgesprochener Grund gewesen für seine Wiener Reise. Nicht der einzige, aber einer davon. Eine Mutter hatte er noch – mit einem wesentlich älteren Schwager stand er sich nicht gut. Dumme Schulgeschichten spielten da eine Rolle. Mehr wußte sie eigentlich nicht . . . Warum auch – wenn er das Wort nicht sprechen wollte – hatte er sie damals geschont – in dem kleinen Hotel in Charlottenburg, wo sie allein auf dem Zimmer aßen? Auch ohne den starken Wein – Burgunder war's ja wohl, in den er Champagner goß – er hatte sie sich kommen lassen an jenem Abend – die Kellner, die mit würdiger Diskretion servierten, der Portier, der mit dem Papierchen gekommen war: »Formsache – nur für alle Fälle – bitte ausfüllen: Herr und Frau – Das Gepäck der Herrschaften kommt nach, nicht wahr?« – Alle hatten gewußt, hatten erwartet . . . Und sie hatte willenlos – den Blick krampfhaft abgewendet von dem großen zweischläfrigen Bett hinter der spanischen Wand – auf dem kleinen Sofa in seinem Arm gelegen. Er hatte sie geküßt, als ob er sie trinken, ausschlürfen wollte; hatte ihr tausend zärtliche Dinge gesagt – und sie war voller Glück, voller Vertrauen gewesen – und die Leidenschaft war bereit, den letzten Damm einzureißen . . . Aber plötzlich – war es der Uhrenschlag von einer nahen Kirche, war es ein seltsames Geräusch wie von heimlich kämpfenden Menschen durch die dünnen Wände des Nebenzimmers? – Aus dem stürmischen Liebhaber, dem Eroberer, den ihr zitternder Leib schon als seliger Sieger empfand, war plötzlich wieder der Kavalier geworden. »Es ist spät, mein Herz – darf nicht zu spät werden – für dich nicht . . . und für mich nicht. Ein Leben liegt vor uns – vor dir – verderben wir es uns nicht . . .« Er stand auf, atmete tief, strich sich vor dem Pfeilerspiegel den von ihren verliebten Händen verwehten Scheitel glatt und lächelte sie aus dem Glase ein wenig arrogant, so schien's ihr, an. Ein paar Minuten später waren sie schweigend nebeneinander die unendliche Kantstraße entlanggegangen. Er hatte sich leise in sie eingehakt. »Halt das Mäulchen fest verschlossen, Liebling – die Nachtluft ist kalt und du bist erhitzt.« Das war das letzte, was er gesagt hatte. Sehr lieb, sehr besorgt und mit unterstrichenem Druck des Armes. Endlich hatten sie ein leeres Taxi bekommen. Mit einem Handkuß auf ihr schmales Gelenk, wo kein Handschuh mehr war, endete dieser verwirrende, seltsame Abend.

Fauchend stand die vereiste D-Zuglokomotive dicht neben ihr. Die Bremsen knirschten ihr abschneidend, endend durch die Wirbel ihrer erhitzten Erwägungen. Eine heiße Welle von Öl und Kohlendampf jagten ihr über die kühlen Backen. Und jetzt wußte sie wieder nur: er kommt – er ist da – aus einem dieser Wagen, deren Türen sich jetzt wie auf ein Kommando öffnen, steigt er aus und kommt auf dich zu – auf dich zu . . .

Die ersten Fahrgäste – Träger hinter sich – Frauen, die sich innig in die abgeholten Männer einhakten. Ausländer, in fremder Sprache sich zankend, ein paar betäubend parfümierte Damen, ein Häuflein nicht ganz nüchterner Spießer, irgendein Abzeichen eines Klubs im Knopfloch und mit einem schiefsitzenden Hut – das alles war schon an ihr vorbeigekommen. Sie sah keine Gesichter, das alles huschte nur so schemenhaft vorbei. Lemuren fielen ihr ein, Halbaffen, Gespenstertiere. Im zweiten Teil des Faust, da, wo sie ihn nicht mehr so recht verstand, kommen sie vor . . . Seltsam ist das Gehirn des Menschen – wie konnte sie gleichzeitig an die Lemuren des Faust denken und doch aus heißem Herzen immer nur den einen suchen, der – –

Kam er denn noch nicht?

Brennende Ungeduld, ein würgendes Angstgefühl überfiel sie. Wenn er am Ende gar nicht – – wenn er den Zug versäumt oder wenn ein Unglück . . .? Aber dann hätte doch irgendwo in der Halle ein Telegramm . . . Wie töricht, der Zug war ja da! Aber er nicht, er nicht. Wo war der Gehpelz und der steife runde Hut und die weißen Wildlederhandschuhe?

Der dichte Strom der Reisenden wurde dünner und dünner. Sollte sie ihn übersehen haben – und er sie? Es war doch einfach unmöglich. Vielleicht lag ein Brief für sie – ein Eilbrief – unter Chiffre in der Uhlandstraße. Sie hätte doch noch einmal rasch da vorbeigehen sollen, ehe sie –

Da – ganz dicht neben ihr – galt das ihr? »Klara – Liebling!«

Seine Stimme war nicht sehr laut, fast bewußt gedämpft, als ob sie zugleich schonen und überraschen wollte.

Einen Augenblick hatte sie das Gefühl, ihr Herz stehe still. Sie fühlte, daß ihre Knie ein wenig wankten und das Täschchen in ihren Händen – ein letztes kleines Geschenk vor seiner Abreise – zitterte und flog.

Und jetzt sah sie ihn auch. Nein, so hätte sie ihn vielleicht gar nicht erkannt. Er hätte an ihr vorübergehen können, ohne daß sie ihn bemerkt. Er war vielleicht schon an ihr vorbeigewesen, denn er stand ja jetzt hinter ihr und sprach über ihre Schulter.

Statt des Pelzes, den ihr Auge als Erkennungszeichen aus der Ferne gesucht, trug er einen unauffällig karierten dunklen Ulster, einen richtigen weiten Reisemantel und dazu eine Mütze aus demselben Stoff. Dunkle Handschuhe und eine Ledertasche, die sie nicht kannte. Auf der sonst glattrasierten Oberlippe hatte er den Anflug eines Bärtchens stehen lassen, und das befremdlichste – vor seinen hübschen klaren Augen, deren funkelnden, ein wenig spöttischen Blick sie so liebte, trug er eine runde Hornbrille mit leicht geschwärzten Gläsern, die ihm ein fremdes, pedantisches, gelehrtes Aussehen gab.

Anders, fremd, verkleidet kam er ihr vor – und wiederum schämte sie sich sofort, daß er mit solch kleinen Äußerlichkeiten ihr auch nur einen Augenblick etwas wie Enttäuschung bereitet hatte.

»Was ist mit deinen Augen, Viktor?« war das erste Wort der Begrüßung, das sie nach seinem Händedruck fand.

»Bei uns liegt scheußlich viel Schnee, Kind; in Süddeutschland auch«, erklärte er rasch. »Ich muß ein bißchen vorsichtig sein, besonders mit dem linken Auge. Eine ererbte Schwäche – von der Mutter her. Du weißt doch, daß sie –«

»Nein, ich wußt' es nicht. Wie geht's der alten Dame?«

»Danke – sie läßt grüßen.«

»Mich – Viktor? Mich läßt sie grüßen – wirklich? Deine Mutter läßt mich grüßen?«

»Ja – komm' Kind!« Er hatte seinen Arm in den ihren geschoben und drängte sie, zu gehen.

Unter dem unerwarteten freudigen Eindruck des Grußes seiner Mutter – klang das nicht wie eine Bestätigung ihrer Hoffnung, daß er in Wien gesprochen? wollte sie einen – Augenblick verweilen. Wollte das Geständnis, das darin lag, für eines Atems Dauer dankbar auskosten. Aber mit einer Gewalt des muskulösen Armes, die nicht mehr ganz sanft war, schob er die Zögernde vorwärts.

»Großes Gepäck hat der Herr nicht?« fragte ein herkulischer Gepäckträger, der Viktors ziemlich beträchtlichen Coupékoffer wie ein Federkissen auf der gewaltigen Schulter trug.

»Ja – aber das nehmen wir jetzt nicht mit. Gleich rechts die Treppe hinunter zum Auto.«

»Eigenes?«

»Nein. Nehmen Sie eins! – Wir kommen sofort nach.«

Der Riese nickte und setzte sich, breitbeinig wie ein Matrose wandelnd, in Bewegung.

Seltsam, es schien Klara einen Augenblick so, als habe Viktor das Bestreben, dicht, ganz dicht hinter dem riesigen Träger, fast in seinem Schatten zu bleiben.

»Mißtraust du dem Mann –?«

»Aber nein! Ich weiß ja auch seine Nummer.« Aber er blieb immer, mit dem eingehakten Arm Klara lenkend und schiebend, unmittelbar auf den Fersen des weiter wie ein gutmütiges plumpes Tier Voranschreitenden.

»Du siehst gut aus, Schatz«, sagte Viktor. Aber ihr kam es vor, er sehe sie gar nicht an dabei. »Dank übrigens für deine lieben Briefe! Immer gut gegangen, ja?«

Sie wollte antworten. Aber in diesem Augenblick gewahrte sie den Herrn, der an jenem Abend ihrer ersten Zusammenkunft bei Telschow mit der Zeitung gesessen hatte. Halblinks ging er jetzt hinter Viktor. Hatte er den Freund erkannt? Wollte er ihn begrüßen, ihn ansprechen? . . . Aber nein, er tat keinen rascheren Schritt, sah auch gar nicht zu ihm hin. Neben ihm aber befand sich jetzt, als ob er zu ihm gehöre, der eine von den beiden unauffällig gekleideten Kavalieren, der vorhin mit ihr die Sperre passiert. Der andere – sie näherten sich jetzt dem Knipser – stand wahrhaftig immer noch am Gitter unweit der gräßlichen Bulldogge. Er schien auch noch nicht gefunden zu haben, was er erwartete.

»Komm rasch, Kind! – Wir sind ja fast die Letzten!« In Viktors Stimme vibrierte eine Nervosität, die sie nicht an ihm kannte und die ihr auch nicht recht erklärlich schien. Was lag schon daran, wenn sie hier wirklich die Letzten waren?

Der riesige Gepäckträger bog kurz vor der Sperre ab und ging, die Schienen überquerend, durch den kleinen Ausgang, der für das Publikum verboten war.

Die beiden standen jetzt, ungedeckt von seinem riesigen Schatten, plötzlich im vollen Licht.

»Die Dame da? Ihr Billett?!« Der Beamte hielt Klara mit ausgestrecktem Arm auf.

»Großer Gott, Kind, wo hast du jetzt wieder –?« zu dem Beamten gewendet, sagte Viktor hastig: »Die Dame hatte nur eine Bahnsteigkarte, sie hat mich ja nur abgeholt.«

»Ja, aber das geht nicht so – das könnte ja jeder sagen.« Der Knipser zog den vorgestreckten Arm nicht zurück.

»Aber«, stotterte Klara, der die von ihr veranlaßte Zögerung peinlich war, »Sie haben mich doch gewiß vorhin hier warten sehen?«

»Ick sehe keene Menschen – ick sehe bloß Fahrkarten.«

»Hier, bitte!« – Viktor hatte ein Markstück aus der Tasche gezogen.

»Sie, hören Sie, Herr, das ist – –«

Der Beamte im Schafpelz, der in seinem Glaskästchen vorher nur als Automat gewirkt, bekam aufbrausend Leben und Temperament.

Da hörte Klara kurz, scharf, aber nicht unhöflich, hinter sich eine ruhige, befehlende Stimme: »Lassen Sie – es ist gut so.«

Viktor drehte sich nervös um und warf einen argwöhnischen Blick über die dunklen Brillengläser.

Der Herr von Telschow erwiderte den Blick mit einem ruhigen Lächeln. Er grüßte nicht.

Klara fühlte einen starken Schmerz an ihrem Arm – das waren Viktors Finger, die sich hart und scharf wie Klauen in ihr Fleisch einkrampften,

»Viktor, du tust mir weh.«

»Entschuldige« – seine Hand löste sich.

Der Beamte zuckte die Achseln und ließ die beiden passieren. Er sah sie scharf an dabei.

Klara verstand das alles nicht. Und was war jetzt das? Dort stand der andere Herr, der vorhin noch wartend am Geländer gelehnt hatte, bei dem riesigen Gepäckträger. Er zeigte ihm, so schien es ihr, eine Münze, die er an einem dünnen Kettchen aus der Hosentasche gezogen hatte.

Der Zyklop nickte, setzte den Koffer hin, nahm die Mütze ab und wischte sich den Schweiß vom kahlen Schädel.

In diesem Augenblick waren – schon außerhalb der Sperre – der Herr von Telschow und seine beiden Begleiter ganz rasch links und rechts an Viktor herangetreten. Der eine hatte ihm ein halblautes Wort zugeflüstert, das Klara nicht verstand, und dabei den rechten Ärmel von Viktors Ulster ergriffen. Der andere, der sie mit einem kurzen »Verzeihung« beiseite geschoben hatte, faßte, während er Viktors linken Arm festhielt, mit der freien Hand rasch nach der Gegend, wo unter dem Ulster die Gesäßtasche im Beinkleid sich befinden mußte.

Was ist das für ein unwürdiges Spiel, dachte Klara, die erbleichend stehenblieb. Sind das taktlose Bekannte oder sind die Leute betrunken?

Da hörte sie, wie Viktor mit einer müden Stimme, in der alle Zuversicht erloschen schien, zu den beiden sagte: »Ich habe keine Waffe – schonen Sie die Dame – sie hat nichts mit mir zu tun – ich komme gutwillig mit.«

Dann schien er sich zu besinnen und gewann etwas von seiner Haltung wieder. Er winkte den Gepäckträger heran und gab ihm ein Geldstück. Die Tasche aber, die er nun selbst ergreifen wollte, mußte er dem einen der beiden, die ihn angesprochen hatten, überlassen.

»Viktor – was soll das? Was wollen diese Herren von dir?« Klara war leichenblaß an ihn herangetreten. Aber während sie noch bebend vor Erwartung mühsam die Frage formte, gewahrte sie in einiger Entfernung den Proleten mit dem Bulldoggengesicht. Ganz schief saß jetzt die Melone auf einem roten, feixenden, kugelroten Kopf. Es war, als ob der Widerliche getrunken hätte. Er rieb sich die rissigen Hände, während er kurz von einem Bein auf das andere trat, als ob er zu tanzen beginnen wollte.

»Beruhige dich, Liebling« – Viktor legte Klara den Arm um die Schulter. Die beiden Herren ließen ihn gewähren, hielten ihn aber scharf im Auge. »Die Herren da sind – von der Kriminalpolizei. Es ist ein Irrtum natürlich, ein peinliches Versehen, aber – so was kommt öfter auf Bahnhöfen vor. Alles wird sich rasch aufklären . . . Ich bitte dich sehr, Kind, geh du einstweilen nach Hause. Ich telephoniere dir heute abend noch – oder morgen früh – oder –«

»Oder wenn Ostern und Pfingsten auf einen Tag fallen –« Eine gequetschte Stimme hatte die heiseren Hohnworte hinübergeworfen.

Über Viktors blasses Gesicht ging beim ersten Ton dieses heiseren Organs stoßartig eine heiße Blutwelle. Er riß sich mit zitternden Händen die Brille ab, um besser zu sehen, suchte, fand und starrte dem höhnisch feixenden Blumenhals ins gemeine Gesicht.

Da wußte er Bescheid. Aus der »Essigrose« kam ihm das Unheil!

»Ach so!«

»Ja, da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich, was? Ganz gehorsamster Diener – ich wollte doch auch präsent sein, wenn Seine Majestät der Walzerkönig persönlich aus Wien eintrifft.«

»Du Hund!« Zwischen Viktors knirschenden Zähnen quetschte sich ein Fluch hervor.

»Ich versteh' immer ›Hund‹. Wieso? Die Kathrin läßt grüßen. Sehr wohl geht's ihr nicht –« Tücke funkelte aus den verschwiemelten Augen – »ich habe mir erlaubt, sie nach Gebühr zu verdreschen – ein paar Knöchelchen haben gekracht« – und als ob er eine unausgesprochene Frage des in wortloser Wut zwischen den Beamten Stehenden beantworten müsse – »aber selbstverständlich, ich war so frei – das Briefchen Eurer Majestät aus Wien zu öffnen. Über heißem Wasserdampf macht man so was sehr schön. Na, Ihnen brauch ich das nicht zu explizieren.«

»Schweigen Sie jetzt!« Der eine Beamte war, sichtlich geekelt, an den in der Wonne seines Triumphs sich sielenden Blumenhals herangetreten. »Gehen Sie – Sie hören von uns!«

»Das glaub' ich. Aber er soll erst noch was von mir hören! . . . Hier in Berlin hat er ein Mensch von der Bühne – und hat ein Mensch von der Konfektion – und in Wien hat er ein Mensch, da schwör' ich drauf – und in Budapest eins – und hier vom Bahnhof läßt er sich – da steht doch sein Mensch und spielt Unschuld – läßt er sich von einer Fünften abholen!«

Mit einem wilden Sprung wollte Viktor auf den Höhnenden eindringen. Aber schon war er links und rechts von eisernen Griffen gehalten.

»Wenn Sie nicht vernünftig sind, müssen wir Handschellen –«

Viktor sah nach Klara hin. Tobender Schmerz und eine verzehrende Scham lagen in seinen hübschen Augen.

Aber Klara stand jetzt ganz still und lächelte ein seltsames Lächeln.

Sie sah das jetzt alles wie einen bösen Traum, der sie nichts anging. Den sie als Gaukelspiel hinnahm, das mit ihrer Person und ihrem Leben gar nichts mehr zu tun hatte. Wie sich der über das Maß des Erträglichen gemarterte Menschengeist in den Irrsinn rettet, der plötzlich mit einer ganz anderen Welt als der Wirklichkeit arbeitet, so fühlte sie sich, gelähmt in ihrer Kraft des Widerstands, der Reflexion, plötzlich aus der Welt des Schreckens, des Leides, der Qual hart und herrisch hineingestoßen in eine rettende Traumwelt, die sie nichts anging; die mit abnehmender Deutlichkeit ihr allerlei Törichtes und Widersinniges vorspielte, das ihren Stolz nicht mehr verletzen, ihr Schicksal nicht mehr berühren konnte. Das waren alles Unwirklichkeiten von kostümierten Marionetten, ein bißchen übertrieben gespielt. Das war nicht Viktor – das war ein zurechtgemachter Komödiant, der ihm ähnlich sah. All die anderen Leute, die staunenden, stumpfen Dutzendgesichter voll Blödigkeit, Neugier, Schadenfreude, die jetzt einen Kreis bildeten um den immer unflätiger schimpfenden Proleten, dessen Atem meterweit nach schlechtem Alkohol stank, diese stierenden, höhnisch lächelnden Leute im Reisekostüm, diese Beamten mit den unbeweglichen Holzgesichtern, das war ja alles keine Wirklichkeit. Und sie selbst würde nachher – das fühlte sie bei aller Lähmung ihrer Reflexionen mit einer ruhigen Gewißheit – würde aufwachen, ein bißchen müde und zerschlagen von einem bösen Traum – und würde lachen vor Freude, daß . . .

Und wenn jetzt der sehnige Offizier, der keine Uniform trug, der Mann mit dem Sportgesicht aus modefarbenem bräunlichem Holz, zu ihr sagte: »Wir haben keinen Auftrag, Fräulein, Sie mitzuverhaften – haben auch den Eindruck, daß Sie über Person und Leben dieses Mannes, den Sie abholen wollen, selbst nicht orientiert sind . . . Aber wir müssen, bitte, Ihre Personalien . . .« war sie es denn selbst gewesen – –, ja, es war wohl ihre Stimme, die geantwortet hatte: »Ich heiße Klara Kern – werde zwanzig Jahre – bin die Tochter des Kassierers vom Grabbe-Theater, Siegmund Kern – bin ledig, ohne Beruf – –«

Sie hörte ihre Stimme ganz gut – sie fühlte sie aus ihrer Brust heraus kommen, fühlte Lippen und Zunge die Worte bilden, aber es war die Stimme, waren die Worte einer Fremden, die dieses Marionettenspiel unterstützte. – Und als diese Fremde mit ihrer Stimme dies sagte, das der Wahrheit entsprach, sah sie unter den Dabeistehenden einen jungen Menschen, den sie kannte. Das war aber schon in einem kleinen, kahlen Zimmerchen – furchtbar heiß von einer luftaustrocknenden Röhrenheizung – nicht mehr draußen in der viel kühleren Halle. Nur ein paar Menschen waren hier mithereingekommen, die starrten bald auf sie, die so aufrecht und unbeteiligt stand und nicht mitspielte, weil sie ja das alles nichts anging, – bald auf den Beamten, der unter der grünen Schirmlampe vor einem großen Buch saß und über einen schiefsitzenden Zwicker hinweg mit einer barschen Sicherheit Fragen stellte. An wen eigentlich? Ach ja – an Viktor, der dort zerbrochen im Stuhl hockte. Sie hatten ihm jetzt noch, so schien's, die Handgelenke in Eisen gelegt. Und dort sah sie jetzt wieder unter den schon im Halbdunkel Verschwimmenden ein Antlitz aufleuchten, ein frisches, knochiges Jünglingsgesicht, das sie kannte.

Das war ja – wahrhaftig – war ja der Pole, dem sie sein Examen »gewahrsagt«; und der junge Pole öffnete jetzt den Mund. Wie eine Holzpuppe tat er das und ließ die Worte herausfallen, kurz und gehässig: »Das ist nicht wahr – diese junge Dame heißt Madame Ilia – sie sagt berufsmäßig wahr hinter einer silbernen Maske. Denn sie kennt die Zukunft der Menschen. Bloß ihre eigene Zukunft, die kennt sie nicht – die kennt sie nicht.«

Aber niemand kümmerte sich um den Polen. Und sein Gesicht wurde undeutlich und verschwommen unter den anderen . . .

Wie Klara an jenem Abend in die Uhlandstraße gekommen – vom Anhalter Bahnhof hinaus in den Westen – sie hat es später nicht, sie hat es überhaupt nie gewußt.

Es bleibt, so scheint's, einem Menschen, wenn furchtbare Erlebnisse alle Fäden mit der Gegenwart zerrissen haben, wenn die Seele, gelähmt vom Allzuviel des Schmerzes und der Enttäuschung, mit geschlossenen Augen hoffnungslos im dunkelsten Winkel sich verkrümelt und sich kränkt und weint – es bleibt ein selbständig arbeitendes Erhaltungsbedürfnis, bleibt eine führende, zwingende Gewohnheit übrig, die, gleich einer geistlos arbeitenden Maschine, das Übliche, das Notwendige zu leisten übernimmt.

Ohne Menschen zu sehen auf den regnerischen Bürgersteigen, ohne Wagen zu vermeiden an den gefährlichen Übergängen, ohne Ziel und Zweck ihrer Schritte zu kennen, war Klara, eilig, als hätte sie das Wichtigste zu versäumen, auf den geradesten Wegen nach dem Westen geeilt; mit der unbekümmerten Sicherheit einer Nachtwandlerin.

Am Wittenbergplatz prallte sie fast – das war nicht das erstemal auf diesem Wege, daß sie taumelnd einen Passanten anstieß – mit einem älteren Herrn zusammen. Sie sah ihn nicht an. Sie hatte kein Gefühl, keine Ahnung, wer es sein könnte.

Sie hörte nicht seinen Schreckensruf hinter der Enteilenden. Sie erkannte nicht den Klang seiner Stimme, verstand nicht den Namen, den er, Herzensnot und Freude hineinlegend, in den Lärm der Straße rief: »Klara – Klara!«

Weiter – weiter!

Triebartig weiter an Menschen, Häusern, Laternen, Wagen vorbei. Ohne einen Blick Empfinden, weiter, weiter!

. . . Siegmund Kern, der von all den Aufregungen der letzten Tage immer wieder schwindlig im Kopf wurde, hatte nach Abwicklung des Abendgeschäftes und nach Beginn des zweiten Akts der Vorstellung die Kasse der zuverlässigen kleinen Sekretärin übergeben und wollte nach Hause fahren mit der Untergrundbahn. Das Stückchen vom Wittenbergplatz aus bis zu seiner Wohnung nahm er sich vor, in den ruhigeren Straßen frische Luft zu schöpfen. Er hatte Melusine, die heute nicht spielte, kleinlaut bittend, telephoniert, sie möchte ihm vielleicht mit dem Hugochen entgegenkommen.

Am Wittenbergplatz angekommen, sah er sich gerade um, ob vielleicht die Frau mit dem Kind . . . in diesem Augenblick rannte ihn eine eilends zur Passauer Straße strebende Dame an. Wortlos, ohne Entschuldigung. Er sah ihr nach, verblüfft, ärgerlich . . . Aber das war doch Klara – seine Klara!

Acht Tage schon hatte er keinen Brief mehr von ihr. Eine Woche lang hatte er sich die schwersten Sorgen gemacht, hatte die paar Bekannten, die er hatte, fragend antelephoniert, war auf den Polizeibüros herumgelaufen in seinen Freistunden, ob das Mädel irgendwo gemeldet war. Nichts – nichts!

Und jetzt hier – abends – ein Irrtum war gar nicht möglich –, der Gang, ihre Figur, auch der Mantel und der Hut – lieber Gott, sie hatte ja nicht viel Zeug zum Wechseln – all das kannte er so gut –

»Auto – Auto!« Mit zitternden Gliedern stieg er ein. »Fahren Sie – langsam – hier hinauf, die Passauer Straße entlang . . . Sie werden eine junge Dame überholen, rechts oder links – schlank, in einem blauen Mantel mit ein wenig Pelz – kein Bubikopf, ein Haarknoten, schwarz, im Genick, – nein, ich werde sie schon erkennen, die Dame, – ich klopfe Ihnen dann auf den Rücken und Sie halten, bitte, sofort – hören Sie: sofort. Aber so fahren Sie doch – fahren Sie doch schon – ein blauer Mantel und ein schlankes, ein schönes Mädchen –!«

Der Chauffeur, ein verkrachter Student der Chemie, an die seltsamsten Fahrgäste gewöhnt, dachte bei sich: So ein oller Klappergreis – fährt noch auf Abenteuer. Berlin, Berlin!

Und in mäßiger Geschwindigkeit glitt das Auto, just keines der modernsten, die glitschige Passauer Straße entlang. Es hatte geregnet, und breite Pfützen spritzten unter den Gummirädern ihr aufgewühltes Schmutzwasser zu beiden Seiten.

Die Laternen fraßen ein trübes und käsiges Licht in den silbernen Nebel.

Schlotternd am ganzen Körper, die Stirn voll Schweiß, stand Siegmund Kern im Wagen. Den zerbeulten Hut hielt er in der Hand. Nur halbaufgerichtet, daß er sich nicht an der Wagendecke stoße, machte er alle Bewegungen des schlecht federnden alten Klapperkastens mit. Zuweilen streckte er links, und dann wieder rechts den Kopf zum Fenster hinaus.

Frauen – alte, junge – Frauen genug noch auf der Straße. Keine Klara – keine Klara!

»Ist es die?« fragte der Chauffeur und bremste plötzlich.

»Wo – welche?« Siegmund war nach vorn gefallen und stieß sich hart den Kopf.

»Na, die dort mit dem Schirm winke-winke macht!«

»Aber nein – das ist doch ein Straßenmädchen! Fahren Sie zu, bitte, fahren Sie zu. Mein Mädel macht keine Geschichten mit dem Schirm auf der Straße. Mein Mädel sieht sich nicht um und winkt nicht!«

»Was kann ich wissen, ob Ihr Mädel winkt oder nicht winkt!«

Achselzuckend fuhr der Chauffeur los. Der Wagen sprang so rasch an, daß Siegmund unsanft zurück in den Fond fiel. Mühsam richtete er sich wieder auf. Kein trockener Faden war mehr an seinen Kleidern – so hatte er sich aufgeregt.

Gerade, als er jetzt den Kopf wieder hinaussteckte, fuhren sie durch eine ganz üble große Pfütze.

Das Schmutzwasser spritzte hoch auf. Eine Dame, die in der Richtung zum Wittenbergplatz gerade den Damm überqueren wollte, schrie schrill auf und riß das blasse Bübchen zurück, das sie an der Hand führte. Beide bekamen aber noch ihr reichlich Teil von der Dreckbrühe.

Eine schimpfende, tobende Frauenstimme – die kannte er, gut kannte er sie . . . war das nicht Melusine?! Sie wird's gewesen sein. Seltsam, wie gleichgültig Siegmund das feststellte.

»Fahren Sie zu – fahren Sie!«

»Immer weiter gerade aus –? Übrigens, die Dame da eben mit dem Kind, die hat doch gewinkt mit dem Schirm.«

»Ja, ja, schon gut! Ich sag' Ihnen doch – sie winkt nicht mit dem Schirm.«

»Und ›Siegmund‹ hat sie immerzu hinter uns nachgerufen . . . haben Sie's gehört? . . . ›Siegmund‹, immerzu ›Siegmund‹ hat sie hinterhergebrüllt. Ich heiß' nicht Siegmund – ich nicht. Sie vielleicht –?«

»Nein, ich heiße Arthur«, sagte Siegmund. Wie er auf den Namen »Arthur« kam, wußte er selbst nicht. Niemand in seiner Familie hieß »Arthur« – »aber fahren Sie zu, Chauffeur – fahren Sie um Gottes willen zu – halt, nicht zu rasch, nicht zu rasch!«

Und der Chauffeur fuhr zu – nicht zu rasch – nicht zu langsam. Siegmund aber, der seit Jahren in keinem Auto gesessen hatte, benahm sich darin wie ein Irrsinniger. Passanten blieben stehen und lächelten. Ein Schupo legte, um besser sehen zu können, die Hand über die Augen.

»Der Mann ist wohl betrunken«, sagte eine alte Frau neben dem Schupo.

»Aber harmlos«, nickte der Beamte. Er kannte sich aus.

Das Auto fuhr unbehelligt weiter.

Aber die Dame – die hübsche junge Dame in dem blauen Mantel mit dem schwarzen Haarknoten, die »Klara« hieß, die holten sie nicht ein, solange sie auch in den Straßen des Westens – nicht zu langsam, nicht zu schnell – hin und her fuhren.

Als die Zähluhr zwei Mark fünfzig wies, klopfte Siegmund tief erschrocken, in Schweiß gebadet vor Aufregung, heftig auf die pelzgeschützte Schulter des Fahrers. Er ließ halten und stieg aus. Ihm war plötzlich eingefallen, er hatte ja nur zwei Mark sechzig bei sich. Die gab er.

»Halt, mein Herr, Sie haben vergessen – bitte hier im Anschlag zu beachten – zwanzig Pfennig Zuschlag für die Fahrt. Also macht's zwei Mark und achtzig.«

Siegmund kramte leichenblaß mit feuchten, zitternden Fingern in seinen Taschen. Da fand er zum Glück noch zwei zerknitterte Briefmarken à fünfzehn Pfennig, die glättete er und reichte sie schüchtern hinauf: »Sie nehmen doch auch ungestempelte Postwertzeichen?«

»Von Ihnen – ja«, nickte der Chauffeur, der einmal ein Student der Chemie war, grüßte und fuhr davon.

Siegmund aber ging zu Fuß durch den rieselnden, kalten Regen nach seiner Wohnung. Je näher er kam, je deutlicher wurde es in seinem Bewußtsein: er hatte auf dieser unsinnigen Fahrt hinter seiner Klara her – sie war's gewesen, sie war's gewesen! – sein Eheweib Melusine vollgespritzt. Von oben bis unten. Er selbst zwar nicht – aber die Gummiräder seines Autos!

Seines Autos! . . . Der verschuldete Kassierer vom Grabbe-Theater hatte mit »seinem« Auto die ihm freundlicherweise zu Fuß entgegenkommende Melusine vollgespritzt!

Er – Melusine! Und das Hugochen, das sie an der Hand führte.

Und in all seinem Leid um die verlorene Klara, in all seiner Angst vor der schweren Wut der beleidigten und beschmutzten Melusine, die hinter dem Fahrenden hergerufen hatte: »Siegmund – Siegmund!« – in all seiner Verzweiflung über das närrische, verfehlte Leben überhaupt, tat ihm auf einmal das Hugochen am meisten leid.

Das Hugochen wäre so schrecklich gern mal in einem Auto gefahren – oft hatte das Kind den Wunsch ganz schüchtern angemeldet. Niemals war es auf Gegenliebe gestoßen. Denn – woher? – Und jetzt war er, der das Hugochen doch so liebte, an ihm vorbeigesaust. In einem Auto. Und hatte nicht gehalten! Hatte das Bübchen nicht hereingenommen in seinen Wagen! Um mitzufahren für zwei Mark achtzig.

Bloß naßgespritzt hatte er's – bloß naßgespritzt!

So schlecht ist der Mensch!

* * *

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