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Die Hexe von Endor

Rudolf Presber: Die Hexe von Endor - Kapitel 14
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typefiction
authorRudolf Presber
titleDie Hexe von Endor
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1932
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In diesen Tagen blühte Ilias Geschäft und Kunst ganz besonders.

Die von seiner Hoheit bereits angesagte Reichsgräfin war – nachdem der Portier vom »Esplanade-Hotel« sich über die Stunde des möglichen Empfangs vergewissert – an dem Tischchen erschienen, hinter dem in sorgfältiger Aufmachung – die hohe weiße Perücke frisch gepudert, die silberne Maske spiegelblank – Ilia vor ihrem Kristall und den Karten saß.

Die Unterredung mit der geschickt ausgefragten Prinzessin-Tochter seiner Hoheit des Fürsten in der an Ahnen und Geweihen so reichen Galerie des Schlosses, hatte die Seherin in den Stand gesetzt, der überaus korpulenten, beträchtlich asthmatischen Reichsgräfin, die nicht wußte, daß der Portier vom »Esplanade« bereits ihren Namen mit allen Titeln genannt hatte, erstaunliche Dinge zu sagen.

Zunächst sagte Ilia, nach einem Blick in den Kristall, ohne eine Bewegung zu machen oder die auf verbindlichen Ernst gestimmte Rede irgendwie zu fördern: »Es ist ein Ruhm von Generationen, die mir hier gegenübersitzt.«

»Man könnte das so ausdrücken«, nickte die geschmeichelte Reichsgräfin, die eine merkwürdige Vorliebe für Konjunktive hatte.

»Hinter Ihnen, meine Dame, stehen Gepanzerte, stehen Kavaliere aus der Zeit, da deutsche Männer das Pulver und die Taschenuhr erfanden –«

Die Reichsgräfin nickte wiederum, wenn sie auch zu den Männern, die das Pulver und die Taschenuhr erfunden hatten, sich keinerlei persönlicher Beziehungen bewußt war.

»Ich sehe auch Kavaliere aus der Zopfzeit, sehe Diplomaten vom Wiener Kongreß –«

»Mit den Metternichs sind wir um fünf Ecken verwandt«, nickte die Reichsgräfin.

»Die Ecken sehe ich nicht. Von der nahen Verwandtschaft mit einem großen österreichischen Diplomaten wollte ich gerade sprechen. Ein noch lebender Fürst duzt Sie –«

»– noch aus Kinderzeiten«, schaltete die Reichsgräfin hier, Mißverständnissen vorbeugend, ein.

»Nachdem ich mich so ein wenig – in dem heute besonders klaren Kristall – über Ihre Person orientiert habe, darf ich bitten, mir bestimmte Fragen zu stellen.«

»Was wissen Sie von einem Testament –« platzte die Reichsgräfin heraus.

Einen Augenblick sah Ilia nachdenklich in den Kristall, dann ließ sie ihre Hände mit den Karten spielen und legte einige davon um.

»Eine Ihnen nahestehende Person hat es geschrieben.«

»Hat –? Also doch schon! Aus der Wut heraus!«

»Das Manuskript weist Stellen auf, die eine gewisse Gemütsbewegung vermuten lassen.«

»Können Sie diese Stellen lesen –?« fragte die Reichsgräfin.

»Nein, es ist zu weit bis dahin, wo das Testament liegt. Aber ich sehe die Erregung aus der Linienführung.«

»Hat er es denn selbst geschrieben –?«

»Ja.« Ilia nickte mit Überzeugung. Wer der Erblasser auch war, wenn er das Testament nicht selbst geschrieben hatte, war es ja ungültig.

»Und bleibt es dabei?«

»Es kann verändert werden . . . Ich sehe eine Hand, die Korrekturen daran vornimmt.«

»So, eine Hand? Aber Korrekturen machen doch das Ganze ungültig!«

»Er wird es noch einmal abschreiben. Aber erregen Sie sich nicht, Frau Reichsgräfin.«

Bei Nennung des Titels horchte die Gräfin auf. Dann sagte sie: »Sie fürchten für mein Leiden?«

»Ihr Leberleiden ist nicht gefährlich. Aber ich fürchte, daß die Erregung Ihre Beschäftigung mit der geliebten Poesie schädigt.«

»Wie – das wissen Sie auch? Das sehen Sie im Kristall?«

Ilia nickte. Ihr fielen Verse aus dem Büchlein – als Manuskript gedruckte Verse der Gräfin, die ihr die Prinzessin Erna gezeigt hatte – drei Zeilen ein, die sie sich eingeprägt. Mitten heraus aus einem Gedicht, von dessen Inhalt sie sonst keine Ahnung hatte. Sie blieb unbeweglich und hinter der Maske klangen die Rhythmen: »Ich möchte sterben, wenn die Rosen blühen, – wenn auf den Triften rings das Volk von Kühen – sanft wiederkäuend um den Hirten liegt.«

Die Reichsgräfin hatte sich erhoben. Das war mehr als wunderbar. Sie legte einen Schein unter die Karten, versprach bald wiederzukommen. Jetzt war sie zu aufgeregt, die Unterredung weiterzuführen.

In den nächsten Tagen schickte sie vornehme Leute aus Potsdam und Berlin, denen Ilia geschickt dosierte Möglichkeiten als Prophezeiung auf den Weg gab.

So paßte der junge Mann, den Berta Babusch jetzt hereinließ ins Allerheiligste, gut in das Milieu dieser Aristokraten, die in den letzten Tagen den wesentlichsten Teil ihrer Kundschaft ausgemacht. Sein kleiner Abendanzug – er ging wohl nachher in Gesellschaft oder ins Theater – war tadellos. Seine Begrüßung höflich und reserviert.

»Sie kommen auf Empfehlung, mein Herr?«

»Nein, ich hörte zufällig von Ihrer Kunst. Und da ich mich für mystische Dinge interessiere – in meiner Familie sind hellseherische Begabungen gewesen –«

»In der weiblichen Linie«, nickte Ilia.

Veit stutzte. Er wußte nicht, daß die mehr dilettantische Hellseherei ihre angeblich Begabten zu mehr als fünfundsiebzig Prozent unter den Frauen hat.

»Allerdings«, sagte Veit, »meine Mutter.«

»Sie selbst nicht«, nickte Ilia. Denn wenn er selber könnte, käme er nicht her, dachte sie.

»Nein, aber ich befinde mich augenblicklich in einer Situation, die –«

»Sie lieben eine Frau.«

Ilia äußerte das, indem sie den Kristall, wie um ihn zu befragen, an sich heranzog, in dem sich nichts als der Ofenschirm spiegelte. Ihre Gedanken dabei waren: ein junger, hübscher, gut erzogener, offenbar aus besten Kreisen stammender Mann liebt immer eine Frau. Ob das die Hauptsache ist, die seinen Besuch bestimmt hat, wird sich ja zeigen.

»Sie sind zum erstenmal bei mir, mein Herr – und sind nicht von hier.« Das wußte sie aus Veits Sprache, die nicht die leisesten Berliner Anklänge zeigte, auch nicht solche, die der Fremde erst absichtlich und halb parodistisch und später fast unter Zungenzwang zu übernehmen pflegt. »Ich muß, um Ihnen dienen zu können, etwas seelischen Kontakt gewinnen. Muß mit Ihrer gütigen Hilfe – innerlich Widerstrebenden kann ich kaum viel nützen und sagen – ein wenig erst in Ihrer Sphäre heimisch werden. Haben Sie vielleicht Bilder blutsverwandter Personen bei sich und wollen Sie sie mir zeigen, so würde das –«

Veit ließ sie nicht ausreden. Er nahm zustimmend seine Brieftasche heraus und suchte darin.

Briefe lagen zwischen dem gepreßten Leder – das sah Ilia mit einem raschen Blick, ohne die Adressen lesen zu können. Ein paar Notizzettel und, so schien's, ein besonders wichtiges oder diffiziles Papier zwischen grauen Pappdeckeln. Aus der Seitentasche zog Veit jetzt das Bild eines würdigen älteren Ehepaares. Auf dem schlicht gescheitelten Kopf der Dame mit dem gutmütigen mütterlichen Gesicht ein silbernes Myrtenkränzlein. Der etwas geniert lächelnde, sein Haupt leicht an die also Geschmückte lehnende distinguierte Herr trug ein silbernes Myrtensträußchen im Knopfloch.

»Meine Eltern.«

»Ich sehe – zum silbernen Hochzeitstag aufgenommen?« – und da die Veits leicht ironisches Lächeln sah: »Dazu braucht man freilich keine Hellseherin zu sein.«

Die Mutter, dachte Ilia, behäbig rüstige Frau, gutes Bürgertum, das in seiner Jugend noch keinen Sport kannte, das Klavier spielte – vielleicht auch auf dem Rasen Krocket – das mit Hausmittelchen die üblichen Krankheiten bekämpfte und in einer Sommerreise alljährlich seinen Frischluftbedarf deckte . . . Der Vater interessanter. Modern, glatt rasiert. Etwa der Typ, der einen ins Deutsche übersetzten englischen Landlord oder amerikanischen Großunternehmer darstellen könnte. Energisches Profil, nicht ohne Güte, aber verschmitzt, eigenwillig und stark im Entschluß. Unberlinisch er wie sie. Und von beiden hatte der Sohn unleugbar einzelne Züge.

»Interessiert Sie auch meine Schwester?«

»Aber sehr.« Sie nahm das Bild, das vor einer offenbar im gepflegten Garten liegenden Villa aufgenommen war. Ein üppiges Rosenbeet in voller Blüte gab von der Vornehmheit des weit sich dehnenden Gartens einen Begriff. Ein hübsches, in der schlanken Linie modernes Mädchen, sehr gut in der Haltung, ein bißchen bewußt gereckt im Herrensattel zu Pferde. Der Apfel fällt ziemlich weit vom Stamm, dachte Ilia, indem sie die Tochter mit der etwas altmodischen, behäbigen Mutter verglich.

»Ein sehr hübsches Mädchen. Ich danke.« Ilia gab mit einem Nicken der weißen Perücke die Bilder zurück.

Nun bin ich begierig, zu welcher seelischen Annäherung die Bilder verholfen haben, dachte Veit, während er sie einsteckte. Und noch eines dachte er: es ist gut, daß mich mein Schwesterlein hier nicht der silbernen Maske gegenübersitzen sieht. Sie müßte lachen, ihr wildes, unbändiges Lachen, daß ihr der Gaul durchginge – na, nicht gerade durchginge, denn sie reitet gut – aber die Rosen in Mutters Renommierbeet müßten dran glauben.

Einen Augenblick war Veit zu Hause gewesen bei den Seinen. Jetzt hörte er Ilias seltsam sympathische Stimme, die ihn zurückrief, und die auch im Befehl ihre weibliche Freundlichkeit nicht verlor.

»Darf ich bitten, beide Hände vor sich hin auf den Tisch zu legen.«

Veit gehorchte.

Gute, geschonte Hände, dachte Ilia. Ein Siegelring mit verschlungenem Monogramm. Ohne Krone, nicht adlig. Von der Reichsgräfin kommt er nicht.

Veit aber fing an, sich zu schämen. Diese hohe weiße Perücke, wie die Madame Pompadour, diese silbrig blendende Maske – auf Tisch und Gesims die Buddhas und Götzen – das alles kam ihm so komödiantisch vor. Freilich sonst – Geschmack schon auf der Diele, auch hier im Zimmer. Nichts Aufgeblasenes, Eitles, Anreißerisches im Wesen. Aber wenn er es noch einmal zu tun gehabt hätte, er wäre nicht gegangen – und wenn die Sache nun als Nepp und Bluff ausging, wollte er auch Addo nicht sagen, daß er hier war.

»Sie denken eben nichts Freundliches von mir«, sagte Ilia, die durch ihr Geschäft gut zu beobachten gelernt hatte.

»Das will ich nicht sagen«, zögerte Veit.

»Das wollen Sie nicht sagen, weil Sie zu höflich sind. Sie finden mich ein bißchen lächerlich, weil ich eine Maske trage und eine Perücke.«

»Aber nein! Wenn ich etwas, um das harte Wort zu gebrauchen, vielleicht einen Augenblick ›lächerlich‹ fände – so bin ich das gewesen.«

Ilia nickte: »Weil Sie hier sind.«

»Auch das nicht. Weil ich mit einer so läppischen Angelegenheit –«

»Herzensdinge sind nie läppisch!« sagte Ilia und hob abwehrend die hübsche Hand.

»Aber ich kam mir – ehrlich gesagt – etwas herabgesunken vor. Herabgesunken auf den alten Glauben der Liebesmystik, ja, der Liebestränke.«

»Herabgesunken ist nicht höflich«, sagte Ilia ruhig, und sie dachte bei sich: Na warte, mein Junge, erst will ich dir einmal andersherum kommen!

»Sie sprechen etwas verächtlich von Liebesmystik und Liebestränken, mein Herr. Ich vertreibe keine Liebestränke; ich habe also keinerlei Veranlassung, Ihnen ein Loblied auf diese wunderliche Arznei zu singen. Aber warum lachen wir eigentlich – nicht alle – aber einige – jetzt Sie – warum lachen wir über diese seltsamen Mittelchen? Wir haben den großen Affekt der Menschheit, nein, die große Triebkraft aller Statur wissenschaftlich analysiert. Wir wissen, daß bei uns höchsten Säugetieren zwar das verfeinerte Seelenleben vielleicht wunderlichste Blüten treibt im Dienst jenes Gefühls, das die Arterhaltung garantiert. Aber wir wissen auch, daß wir hier vollständig abhängen von unserem Körper und den Beziehungen seiner Organe zum Zentralnervensystem.«

Für eine Kartenlegerin allerhand, dachte Veit und suchte mit seinem Blick die hübschen klugen Augen in der Maske, über die Sicherheit der Rede, die keineswegs den Eindruck des Eingelernten, hier Üblichen machte, noch mehr erstaunt als über den Inhalt selbst.

»Wer heute noch – ich betone noch einmal, ich kenne keine Liebespulver und Liebestränke und handle nicht damit – wer heute noch mit so was, selbst gläubig oder nicht, sein Geschäft macht, hat immerhin zunächst den Glauben der Jahrhunderte hinter sich. Und wirklich nicht den Glauben der Dümmsten allein. Wenn die Mädchen des Altertums, Liebe hoffend, mit Blumensamen räucherten und mit seltsamen animalischen Ingredienzen; und wenn sich eine reiche Wissenschaft im Orient in diesem Dienste ausbilden konnte; und wenn die alten Germanen ihre Runen gläubig schnitten; und wenn das ganze Mittelalter, Mönch, Kriegsmann und Bauer, in der festen Überzeugung lebte, daß durch Pülverlein und Sprüche eine Beeinflussung des geliebten Gegenstandes zugunsten des Werbenden zu erzwingen sei; wenn sich gewisse nicht immer appetitliche Gebräuche immer wieder ganz unabhängig voneinander bei den verschiedenen Völkern wiederfinden, so geht eben daraus hervor, daß in den unaufgeklärten Völkern und Zeiten die Mystik kein anderes, so sicheres Gebiet ihrer Herrschaft sah als die Liebe der Geschlechter.«

»Weil der Liebende überhaupt geneigt ist, das Unsinnige zu tun wie das Unsinnige zu glauben.«

»Sie denken sehr kritisch über Ihren eigenen Zustand.« Die Maske bewegte sich nicht. Aber Veit fühlte es, diese merkwürdige Frau – war sie alt, war sie jung? – lächelte hinter der silbernen Verschanzung ihrer Mienen.

»Ist Ihnen ›Avicenna‹ ein Begriff?« fragte die Maske jetzt höflich.

»Ich erinnere mich, den Namen gehört zu haben. Aber ein Begriff? Nein.« Es war Veit peinlich, hier an diesem Ort, da er nur Prophezeiungen erwartet hatte, sich in irgendeinem positiven Wissen eine Blöße zu geben.

»Es gehört nicht gerade zur allgemeinen Bildung. Immerhin, Iben Sina Avicenna, der Anfang des elften Jahrhunderts lebte, war ein arabischer Arzt und ein Philosoph von großer Bedeutung. Seine Bücher genießen heute noch im Orient großes Ansehen. Dieser Araber hat mit wissenschaftlicher, ich darf vielleicht sagen, mit fast deutscher Gründlichkeit sieben Gegenmittel gegen die durch Zauber hervorgerufene Liebe aufgeschrieben.«

»Sieben?«

»Ja. Die Zahl ›Sieben‹ spielt in allen geheimnisvollen Dingen der Menschheit eine besonders große Rolle. Von den sieben Todsünden über die sieben Weisen zu dem siebenarmigen Leuchter – übrigens auch in der Ballade des heimattreuen Grafen Douglas – er hat es getragen sieben Jahr und trug es länger nicht mehr . . . Aber verlieren wir uns nicht in Details. Avicenna lehrt in seinem, das muß ich noch einmal betonen, durchaus wissenschaftlichen Buch: daß, wenn auf Grund der Beschleunigung des Pulses – und zwar bei bloßer Ahnung des Geliebten – in der Geschlechtsliebe die Wurzel der Krankheit gefaßt wird, durch die Ehe eine Vereinigung geschaffen und die Krankheit so geheilt werden könne, indem man der Natur gehorche. Oder es finden Anwendungen von Arzneien statt, oder der Kranke richte seine Liebe von der Geliebten durch erlaubte Mittel auf etwas Anderes zu Liebendes, was er dem vorigen vorziehen kann. Oder auch, wenn der Kranke belehrungsfähig ist, werde er gepflegt und ermahnt, daß das Werk der Liebe das größte Elend sei; oder es werden ihm Leute zugeführt, die, soweit sie es mit dem Gewissen und Gott vereinbaren können, den Leib und den Charakter des Geliebten unter häßlicher und mißgestalteter Verzerrung der Gesichter tadeln. Oder letztens, derartige Verliebte sollen versuchen, in besonders ernsten Fällen sich mit schwierigen geistigen Arbeiten zu beschäftigen.«

»Ich habe das Unglück«, sagte Veit mehr zu sich als zu der Seherin, »daß der Posten, den ich bekleide, mit schwieriger geistiger Arbeit eigentlich wenig zu tun hat.« Und während er so sprach, sah er vor seinem geistigen Auge sich selbst mit dem vertrockneten Fräulein Butte hinter der spanischen Wand im Ostseebadebüro sitzen und Halma spielen. »Übrigens«, fuhr er fort, »die Medizin des Avicenna, die Liebe durch die Ehe zu heilen, ist entschieden das einfachste.«

»Nicht wahr? Und wo kämen unsere Komödiendichter hin, und wo kämen unsere Kinder her, wenn nicht dieser allen Zaubers bare Ausweg immerhin noch recht häufig gewählt würde?«

Humor hat sie auch, diese merkwürdige Frau, dachte Veit; und er fühlte sich plötzlich freier und nicht mehr bedroht und eingeengt von der Perücke und Maske ihm gegenüber.

Ein netter, frischer Kerl, dachte Ilia, während er sprach. Es wäre hübsch, wenn ich ihm irgendetwas Erfreuliches sagen, irgendetwas raten oder helfen könnte. Aber in allem, was er klug und mit einer gewissen gemessenen Betonung äußerte, blitzte keinerlei verräterische Beziehung zu seinem Leben auf.

Sollte es doch ein Aristokrat sein, der von dem lebt, was ihm oder seinem Chef des Hauses die Revolution gelassen hat, und der jetzt gegen den Willen der Familie vielleicht etwas Bürgerliches heiraten wollte? Aber – der Ring ohne Wappen! . . . Und von der Kunst – Ilia hatte ihre vielhundertköpfige, vorsichtig geordnete »Ahnengalerie«, wie sie das nannte, gut im Kopf. Sie hielt eine Menge Zeitungen und Zeitschriften, und aus allen schnitt sie sich die Bilder der »Prominenten«, der Führenden oder zur Zeit viel Genannten der Politik, der Kunst, des Sports sauber aus, klebte sie auf kleine Kartons und versah sie in ihrer klaren Schrift mit Namen und Daten. Und da ein sehr beträchtlicher Prozentsatz gerade ihrer Kundschaft sich aus Politik, Theater, Film, Musik und Sport zusammensetzte, so war sie oft schon beim Eintreten eines neuen Klienten – Namen wurden nie genannt – genau im Bilde. Aber dieser junge Mann – sein hübscher, etwas römisch geschnittener Kopf wäre ihrem guten Gedächtnis bestimmt nicht entfallen, wenn ihre Zeitungsausschnitte – die sie in Mußestunden immer wieder durchsah, ordnete und vervollständigte – auch sein Bild enthalten hätten.

So blieb nur eine letzte Möglichkeit. Während sie, scheinbar interessiert, die Hände Veits, die sie ergriffen hatte, auf ihre nicht ungewöhnlichen Linien zu prüfen schien, drückte sie behutsam mit ihrem Knie den Kopf, der die elektrische Klingel leise in Berta Babuschs Zimmerchen anschlagen ließ.

Eine halbe Minute später stand Berta, diesmal in einer von einer Korallenbrosche geschlossenen laubfroschgrünen Bluse von unerhörter Scheußlichkeit, in der Tür. »Gnädige Frau, die Exzellenz hat eine Bestellung, die sofortige Antwort erfordert.«

»Ich komme – Sie entschuldigen, mein Herr.« Schon stand Ilia außerhalb des Zimmers auf dem Flur. Die Hand aber hielt die weit geöffnete Tür so, daß Veit ihre Fingerspitzen sehen konnte.

»Nun, Berta?« fragte Ilia ganz leise.

»Nichts. Paletot atlasgefüttert. In der Außentasche zwei Mark kleines Fahrgeld – in der Brusttasche eine ›Nachtausgabe‹ von gestern –«

»Keine Notizen oder Briefe?«

»Nein, nur einen silbernen Bleistift und ein Feuerzeug.«

»Es ist gut«, sagte Ilia lauter zu Berta Babusch und war schon wieder halb im Zimmer. »Sagen Sie bitte der Exzellenz, daß der morgige Nachmittag leider ganz besetzt ist. Aber übermorgen um vier Uhr, wenn es dem General paßt.«

Sie schloß die Tür und setzte sich auf ihren Platz, der stets so gewählt war, daß sie im Schatten, der Besucher aber im Licht saß.

»Ich bin jetzt, entschuldigen Sie bitte, bin jetzt – das geht mir immer so, wenn unvorhergesehene Zwischenfälle kommen – ein ganz klein wenig aus dem Kontakt geraten. Wir werden die Sache zunächst anders anfassen. Können Sie mir, mein Herr, irgendetwas zeigen – für Augenblicke zum Ansehen und Befühlen überlassen – das mit der von Ihnen geliebten Person zusammenhängt? Verliebte junge Leute haben doch meistens so etwas . . . Ich kann dann leichter wieder hineinkommen.«

»Das hat leider seine Schwierigkeiten.« Veit sagte das langsam und überlegte.

»Vielleicht haben Sie irgendein Andenken, ein –«

»Andenken? Ach, ich bin nicht so weit mit ihr gekommen. Aber – ich werde Ihnen ein paar Andeutungen geben.«

»Sehr erwünscht«, nickte Ilia und war hinter der unbewegt bleibenden Larve ganz Aufmerksamkeit.

»Also Sie kennen doch ›Romeo und Julia‹?«

»Aber sicher.« Und die Frau, die einmal vor Jahr und Jahren in Hamburg die Szene gespielt, deklamierte ohne Pathos, sehr schlicht und warm im Ton: »O Romeo – warum denn: Romeo! – verleugne deine Sippschaft, deinen Namen – und ich bin länger kein Capulett!«

Die war mal Schauspielerin, dachte Veit. Aber er hütete sich, diese Entdeckung zu äußern. »Dann wissen Sie natürlich auch – Romeo kommt von der Arabella und sieht auf dem Fest der Capuletts die schöne Julia – verliebt sich in sie und schwört: ›Ist sie vermählt, – so sei das Grab zum Brautbett mir erwählt!‹«

»Verzeihung, das sagt Julia, als sie ihn sieht.«

»So? Dann hat sich mein Freund Addo geirrt«, stotterte Veit verlegen.

Er hat einen Freund, der »Addo« heißt und der Shakespeare zitiert, notierte sich Ilia innerlich.

»Jedenfalls – ich bin Romeo. Wie Sie mich da sehen. Ich komme von einer Arabella. Mein Gott, es war nichts Bedeutendes, aber ein nettes Mädel. Und ein halbes Jahr lang hat sie mir treu und brav am Tage Berlin gezeigt und in der Nacht . . .«

»Ich danke, ich bin im Bilde«, nickte Ilia. Und sie dachte: er ist von auswärts und ein besserer Bürgerlicher.

»Aber dann sah ich sie – die andere.«

»Auf dem großen Fest der Capuletts –?«

»Nein, nein! Ganz simpel auf einem – aber das ist egal. Wissen Sie, es ist schon direkt banal, es zu sagen; aber ich sag's doch: Mein erster Blick ließ die Überzeugung aufflammen: das ist mein Typ! . . . Aber wie soll man's anders ausdrücken, wenn in einem Augenblick alle Sinne sich nach einem einzigen Ziel bewegen und –«

»Sie haben sie kennengelernt?«

»Nein. Nicht mal mit ihr gesprochen!«

»Haben Sie irgendetwas – von ihr?«

»Ja, durch Zufall. Etwas Lächerliches. Den Anfang einer Annonce, die sie erst aufgeben wollte. Das muß sie dann wieder gereut haben. Sie zerknüllte das Blättchen.« – Er hatte, während er das erzählte, sein Portefeuille herausgezogen und behutsam geöffnet. Zwischen zwei kleinen sauber geschnittenen Pappdeckeln lag ein Zettel, dem man ansah, daß er von einer heftigen Hand zerknittert und von einer sorgsamen Hand wieder geglättet worden war.

»Bitte!« Veit reichte das Blättchen Ilia hinüber.

Ilia warf einen Blick darauf und – legte ihre beiden Hände, die das Blättchen hielten, fest, ganz fest auf den Tisch, damit kein Zittern die sie plötzlich überfallende Erregung verrate.

Was hätte sie jetzt ohne Maske gemacht?!

Aber ein Strählchen der in das Blut der Abendwolken versinkenden Sonne legte sich jetzt gerade auf das Silber der Maske und blendete Veit, der ihr gern in die besonnten Augen geblickt hätte.

Eine Minute war Stille im Raum. Man hätte eine Nadel fallen hören.

»Ich bin im Bilde«, nickte Ilia. Und kein Ton in ihrer Stimme verriet eine seelische Anteilnahme. Sie war wieder durchaus im Beruf. »Es handelt sich um eine Dame mit schwarzen Haaren. Die Haare sind nicht zu modernem Bubikopf geschnitten, sondern – ja, warten Sie, ist es nicht ein einfacher schwarzer Knoten im Nacken?«

Veit saß mit offenem Munde.

»Die junge Dame ist schlank, ohne mager zu sein – Anfang der Zwanzig höchstens – macht den Eindruck der guten Familie – alles eckige Provinzlertum fehlt ihr . . . Als sie ihr begegneten, hatte sie – ich sehe das nicht genau in meinem Kristall, aber es will mir so scheinen – einen dunkelblauen Mantel an mit etwas Pelzbesatz an Ärmeln und Kragen.«

Veit war aufgestanden. »Das ist aber – das ist aber mehr als Zauberei – da kann sich weiß Gott der selige Avicenna schlafen legen! Das ist ja beinah' – beinah' – also mein Freund Addo würde sagen: das ist die Hexe von Endor!«

Ilia beobachtete die Wirkung ihrer Verkündigung. Es war gekommen, wie sie erwartet hatte. Aber alles verstand sie selbst noch nicht.

Veits Unruhe steigerte sich. Er schien von einem neuen Einfall besessen.

»Können Sie mir noch etwas sagen –?«

»Ich weiß nicht, aber stellen Sie mir einmal Ihre Frage.«

»Können Sie mir sagen, wie die junge Dame heißt?«

Ilia überlegte einen Augenblick, indem sie den Kristall spielerisch in ihren hübschen Händen hin und her schob. »Nein«, sagte sie ganz ruhig. »Ich sehe ihren Kopf, ihre Figur, ihren Gang – ihren Namen verriet mir bis jetzt noch nichts. Aber vielleicht, wenn Sie einen Namen nennen, vermag ich – ich sage immer nur: vielleicht – den Kontakt zu finden und zu sehen, ob es stimmen kann oder nicht.«

»Heißt sie – heißt sie Dortchen?« Heftig, fast ärgerlich flog der erstaunten Ilia der Name an den Kopf.

»Dortchen?« Hinter der Maske bewegte sich ein Lächeln – »Dortchen? Nein, so heißt sie bestimmt nicht!«

»Ich hab' mir's gedacht!« rief der aufgeregte Veit. »Sehen Sie, ich hab' mir's gedacht.«

»Was?«

»Daß sie nicht Dortchen heißt. Noch eines, bitte – können Sie sehen, ob sie verreist ist . . .?«

»Ich sehe die junge Dame so deutlich, daß ich nicht glaube, daß sie allzuweit von uns entfernt lebt.«

»Also der Ozean liegt nicht zwischen uns?«

»Der Ozean? – Nein.«

»Sie ist nicht – als Maniküre nach Cincinnati gegangen?«

Wie kommt er jetzt auf die seltsame Annahme, daß Klara als Maniküre nach Cincinnati gegangen sei, dachte Ilia. Sie ließ eine kleine Pause verstreichen. Dann sagte sie langsam: »Sie ist nicht außerhalb Europas, soviel sehe ich ganz genau.«

Veit atmete erleichtert auf. Das eine war sicher, seine Vermieterin – übrigens eine ekelhafte Person, wie er so nebenbei anmerkte – hatte ihn betrogen mit der Lügengeschichte. Warum wohl? Und wer und was war nun wohl seine schöne Geliebte, deren Bild in seinem Zimmer stand und die ihm hier so genau beschrieben wurde und die er doch nicht fassen und finden konnte, in Wirklichkeit?

Er schwieg und starrte vor sich hin, erwägend, was er noch fragen, was er diese fabelhafte Seherin noch zu erforschen bitten könne.

Ilia saß ruhig und unbewegt. In ihr arbeitete ein Gedanke. Ihr rechtes Knie drückte den geheimen Knopf.

Berta Babusch erschien in der Türe. »Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, die Frau Reichsgräfin –«

»Selbst?!« fragte Ilia betont. Es war ein Übereinkommen zwischen ihr und der Dienerin, daß, wenn sie bei solcher Meldung »selbst« fragte, Berta Babusch bejahte und somit Ilia die Möglichkeit gab, für ein paar Minuten das Zimmer zu verlassen, um den Besuch abzufertigen.

Auf die bejahende Antwort der Laubfroschgrünen erhob sich Ilia. »Ich denke, Sie haben noch einen Augenblick Zeit, mein Herr. Berta, führen Sie die Frau Reichsgräfin in den blauen Salon. Ich komme sofort zurück, mein Herr.«

Draußen war sie. Einen blauen Salon gab es nicht in der Wohnung; und die Reichsgräfin war auch nicht da. Ganz rasch an Berta Babusch vorbei, klinkte Ilia das Zimmerchen Klaras leise auf.

Die saß und schrieb nach Wien. Heiß errötend, deckte sie rasch ein Fließblatt über das eben Geschriebene.

»Grüß ihn von mir«, sagte Ilia halblaut und schob lächelnd die Halbmaske auf die Stirn. Ohne daß Klara ein Wort geäußert hatte, wußte sie aus ihrem ganzen Benehmen, daß ein Mann, den sie liebte und dem sie gehörte, in ihr Leben getreten war.

»Also Klara, liebste Klara –« etwas fast stürmisch Drängendes, das ihr sonst nicht eigen war, sprach aus Ilias gedämpfter Stimme, und ihren Arm legte sie dabei um Klaras Gürtel. »Du kannst mir einen großen Dienst erweisen, einen ganz großen – mit einer ganz kleinen Gefälligkeit. Die Sache bringt mir so oder so etwas ein und dir auch, wenn du –«

»Ilia, kommst du mir schon wieder mit solcher Beteiligung? Du weißt doch, wie ich mich in deiner Schuld fühle.«

»Gut, gut – über alle diese Dinge später. Also jetzt – du riskierst gar nichts dabei – hast nichts besonderes zu tun, nichts zu fragen, zu sagen – und die Sache dauert noch keine Minute.«

Und sie sprach werbend, lockend, überzeugend in Klaras Ohr hinein, die schließlich – nach einem kurzen Kampf mit sich – bloß fragte: »Kenn' ich ihn?«

»Nein.«

»Ich brauch' ihn auch nicht kennenzulernen?«

»Nein, wenn du nicht willst – niemals!«

Wahrend die zwei Frauen mit Flüsterstimmen verhandelten, stand Veit wie eine Salzsäule mitten im Empfangszimmer. »Heiliger Hieronymus«, murmelte er vor sich hin, »erklär' mir das! Da war doch jedes Detail richtig gewesen – jedes – und ich, wenn ich da in den geschliffenen Kristall hineinglotze – ich sehe, hol's der Teufel! bloß die verzerrten bunten Vögel auf dem Ofenschirm dort und den Armsessel so grauenhaft verbogen, als ob er seit Stunden die Seekrankheit hätte – nichts, nichts sehe ich sonst!«

Da kam Ilia zurück. Die Maske saß fest, die Perücke hob ihren Gang zum Stattlichen. Fast ehrfurchtsvoll schob ihr Veit mit einer Verbeugung den Stuhl hin.

»Entschuldigen Sie bitte, wenn einem die treuesten Kunden in dringender Angelegenheit –«

»Aber bitte – Sie brauchen sich wirklich nicht zu entschuldigen.« Veit machte eine wegwerfende Handbewegung, als ob er eine weitere Belehrung über die Reichsgräfin durchaus vermeiden wolle.

»Meine verehrte Gnädige – Sie haben mir vorhin eine der fabelhaften Proben Ihrer Kunst und Kraft gegeben – so daß ich voll Hoffnung bin. Sie könnten –«

»Wir wollen, wenn es Ihnen recht ist, den Versuch einer Nachprüfung des von mir Gesehenen machen. Aber das setzt voraus, daß Sie –«

»Ich bitte dringend, das Extrahonorar zu bestimmen!«

»Davon ist gar nicht die Rede. Sobald hier Geld erwähnt wird – merken Sie sich das, mein Herr – erlahmt meine Kunst beträchtlich.«

»Ogott, ogott, nur nicht!« stöhnte Veit, und er dachte: das Bewundernswerteste an der Sache wird mir bleiben: eine Kunst, die erlahmt, wenn man sie honorieren will.

Die Wintersonne war im Untergehen. Man konnte Menschen und Dinge im Raum noch recht gut erkennen. Aber es lag über allem das Heimliche der Dämmerstunde.

Während Ilia einen kleinen Dreifuß aus Eisen vor sich hinstellte und – wie es Veit schien – allerlei Gewürze, Kräuter und Spezereien, die sie einer kleinen schwarzen Tasche auf dem Tischchen neben sich entnahm, hineinstreute und mit einem langen elfenbeinfarbenen Stäbchen alles behutsam durcheinanderrührte, sagte sie ernst und langsam: »Was ich noch sagen wollte, war dies. Ob sich etwas ereignet und was, kann ich Ihnen nicht sagen. Ich weiß es selbst nicht. Wir wollen sehen, ob unsere vereinten Kräfte – Ihre Wunschkraft und meine Formkraft – für das kleine Experiment ausreichen. Grundbedingung ist, daß Sie, mein Herr, was Sie auch sehen, – ob es viel, ob es wenig, ob es Seltsames oder Alltägliches sein wird, – kein Wort äußern! Kein Wort des Erstaunens, kein Wort der Freude oder einer Mißbilligung. Sie müssen mir – links und rechts von der Flamme, die ich jetzt schweigend entzünden werde – Ihre Hände reichen, müssen die meinen fest, ganz fest halten. Keinesfalls loslassen, ehe ich Sie anrede und es Ihnen erlaube. Verstehen Sie das?«

»Ich verstehe es«, sagte Veit, dem sehr wunderlich zumute wurde. Hätte er das vorher nicht erlebt mit der unerhörten Beschreibung – er würde jetzt – würde mit der Faust auf den Tisch gehauen und geäußert haben: Nun aber genug, liebes Fräulein, mit dem Hokuspokus!

Ilia hatte mit ruhiger Hand einen Fidibus in den Dreifuß geworfen, und siehe da, es fing an, darin zu knistern – Blitze, Strahlen, Sternchen schossen empor wie bei einer Neujahrsüberraschung. Und dann roch es ganz herrlich nach starken, ihm unbekannten Wohlgerüchen. Eine kleine Flamme zuckte unruhig über dem Gefäß, und darüber stieg plötzlich eine mächtige Rauchfahne empor. Eine Rauchfahne, die allerdings nicht mehr Wohlgerüche aussprengte, die nicht angenehm roch und aus der verbrauchten Luft dick in die Höhe quoll.

»Ihre Hand, bitte«, sagte Ilia. Ein leiser Befehl klang hindurch.

Er gab sie ihr. Sie standen beide wie Statuen da – das Tischchen zwischen sich – und er fühlte, daß sie seine Finger nicht nur zu symbolischer Handlung, sondern fest und mit dem Willen, sie nicht loszulassen, gefaßt hielt.

»Sie versprechen mir noch einmal, daß Sie genau nach meinen Wünschen handeln? Hab' ich Ihr Wort?«

»Mein Ehrenwort!«

»Sie verletzen mich sonst – nicht nur seelisch, auch körperlich – und das Experiment kann keinesfalls gelingen.«

»Ich richte mich genau nach Ihren Worten!«

»Bitte, sehen Sie jetzt fest in den aufsteigenden Rauch! Sehen Sie immerzu in den Rauch! – bis Sie mit magischer Kraft irgendeine Erscheinung nach einer anderen Richtung zu schauen zwingt! Dann aber bleiben Sie erst recht – eingedenk Ihres Ehrenwortes –«

»Sie können sich darauf verlassen« – wollte Veit sagen, er mußte aber schrecklich husten, weil ihm von der infernalischen Rauchentwicklung einige üble Proben in Mund und Nase gedrungen waren.

Mit behutsamem Knie drückte Ilia, während sie Veit fest in die Augen sah, unter dem Tisch dreimal den verborgenen Knopf.

Einen Augenblick später ging rechts hinter ihr eine Tür auf und –

Dem guten Veit zitterten die Knie. Er vergaß sogar zu husten. Beherrschte sich, bis er fast erstickte.

Da war ja – da ging ja – ganz langsam, ohne ihn anzusehen, ohne auf Ilia zu achten – seine schöne Unbekannte – im dunkelblauen Mantel – unter dem Hut den schwarzen Haarknoten – das herrliche Profil am Abendhimmel in holdester Silhouette betont.

So ging sie – nicht weit von ihm – langsam ihren Weg, ohne Zweck, ohne Teilnahme, unbekümmert und doch alles in ihm aufrührend – ziemlich dicht an ihm vorbei. Schritt nach der Tür zum Korridor, die sich, von selbst – jedenfalls berührte sie weder Klinke noch Holz – vor ihr auftat. Sie stand einen Augenblick im Rahmen – ohne sich umzusehen – und weg war sie.

Veit schmerzten Hals und Augen von dem schrecklichen Rauch. Und seine Finger – Ilia hatte sie in furchtbarer Kraft gehalten und gepreßt – schmerzten ihn noch mehr.

Jetzt ließ Ilia langsam los und legte seine gequetschten Hände wie kleine Kostbarkeiten auf den Tisch.

Veit taumelte auf seinen Stuhl. Ilia ging zum Fenster und öffnete es ruhig.

Die frische Winterluft drang belebend und erfrischend herein. Man hörte unten den Lärm der volkreichen Straße. Elektrische ratterten läutend vorbei. Kinder riefen sich übermütig etwas zu – ein Hund bellte.

Ilia stand in Maske und Perücke, scharf silhouettiert, an dem Fenster ihm zugewendet. »Sie haben die Erscheinung gesehen?«

»So deutlich wie ich Sie sehe!«

»War es die Richtige?«

»Sie war's!«

»Sie können sich nicht irren?«

»Nein, unmöglich!«

»Ich habe das Phantom«, sagte Ilia, »nicht so ganz genau sehen können. Mir schien einiges an der Erscheinung unvollkommen materialisiert.«

»Nichts, nichts! Und sie war's – sie war's!« stöhnte Veit. Und er wußte nicht, ob er nur berauscht, behext oder noch nie so nüchtern und so heldenhaft zugleich gewesen war wie in diesem noch nie erlebten Augenblick.

* * *

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