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Die Hexe von Endor

Rudolf Presber: Die Hexe von Endor - Kapitel 12
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typefiction
authorRudolf Presber
titleDie Hexe von Endor
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1932
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Es war noch nicht spät am Abend, zu einer Stunde, da das wenig betretene Lokal des Vaters Blumenhals, im Keller ganz unten in der Zimmerstraße, selten seine Stammgäste sah. Deren Beruf oder Beschäftigung brachte es nun einmal mit sich, daß sie meist erst in später Nacht oder gegen morgen ankamen und sich hier an den ungedeckten aber verdreckten Holztischchen das Weißbier mit Kümmel und ein Wechselgespräch leisten konnten.

Blumenhals, ehemaliger Matrose auf einem Frachtschiff, dann Ringkämpfer in einem Wanderzirkus, war schließlich Kneipwirt in Sankt Pauli in Hamburg geworden. Nach einer dunklen Affäre – er sollte Hauptbelastungszeuge in einem Mädchenhandelprozeß sein und hatte plötzlich angeblich durch einen Sturz über die Kellertreppe sein Gedächtnis verloren – war er nach Berlin gekommen. Hatte hier vor sieben Jahren mit den Trümmern seines, wenn man seinen Schwüren glauben wollte, einst beträchtlichen Vermögens diese Kellerwirtschaft gepachtet. Hatte sie – warum wußte keiner, vielleicht er selbst nicht einmal – »Zur Essigrose« getauft und öffnete die gastlichen Pforten dieses, wie er in Ansprachen gern betonte, nur »heiterer Geselligkeit gewidmeten« Ausschanks erst abends nach neun Uhr. Vor dieser Stunde hatte die Welt überhaupt keine Reize für Blumenhals und lockte ihn kein Verdienst. Von der Sonne sah er bestenfalls im Hochsommer die letzten Strahlen, wenn er in grünen Pantinen, einen breiten Ledergurt um die zerbeulten Hosen, die Ärmel an den reich tätowierten Athletenarmen aufgekrempelt, einen Augenblick die stets glitschige Steintreppe hinaus auf die Straße stieg und den Katzen der Nachbarschaft pfiff, die, als seine ersten Gäste, in ein paar schmierigen Blumenscherben den Abfall der gestern bei ihm eingenommenen Nachtmahlzeiten beim Ofen zu fressen bekamen. Auch des Morgens ganz früh im Hochsommer, wenn er hinter den letzten der nach der Friedrichstraße taumelnden Gäste seinen Laden schloß, sah er wohl noch mal mißbilligend – denn sie brachte ihm nichts ein und andere Beziehungen hatte er nicht zu ihr – die Sonne. Aber unter ihrem grellen Licht in Sommertagen, unter ihrer Glut im Juli hat Blumenhals nie gelitten.

»Kathrin«, sagte der Blumenhals jetzt, indem er sich den blauen Anker auf dem rechten Bizeps heftig kratzte, »das ist mit die verdammten Flöhe nicht mehr auszuhalten bei Nacht.«

»Bei Tag wolltest du sagen, Blumenhals!« feixte die Kathrin benannte Weibsperson, die aber auf jede Anmut und Lieblichkeit ihres Geschlechts verzichtete. Sie hatte wenig aber schiefstehende Zähne in einem schlecht geschnittenen Mund, dünne fettige Haare, zum Bubikopf beschnitten, auf einem eckig gebauten Schädel und Hände wie rotlackierte, alte Ofengabeln. Irgendwelche Rundung wies ihr Körper, der nun schon einige vierzig Jahre als wenig schöne Hülle ihrer nicht viel wertvolleren Seele diente, nicht auf. Und man konnte sich beim Tanzen oder bei einer etwa im Trunk versuchten Zärtlichkeit an ihr stoßen und blaue Mäler holen, wie an einem Melkstuhl. Trotzdem versah die Kathrin, deren Nachname, wenn sie je einen besessen, ein tiefes Geheimnis blieb, in der »Essigrose« nicht nur die Pflichten der einzigen Aufwärterin. Sie war auch die Vertraute ihres Brotgebers und ihm, dem Joseph Blumenhals, so schien es, in einer schier fanatischen Weise ergeben und untertan. Was nicht hinderte, daß sie ihn zuweilen, besonders wenn sie zu viele spendierte Schnäpse getrunken hatte, übel beschimpfte. Dann aber ließ sie sich die krustig verabreichten Prügel wie etwas Unabänderliches, ja wie etwas ihr Anstehendes gefallen und kroch eine Viertelstunde später, ohne an Stellungswechsel oder Flucht zu denken, in das mehr einer Gefängniszelle als einer Stube gleichende einzige Gelaß, das als Wohnung dem Schankraum angegliedert war und durch dessen hocheingebautes halbrundes Fensterchen man nur die dreckigen Stiefel der in den frühen Morgen Hinauswandernden sehen konnte.

Dies Gemach aber, das möbliert war wie die Warteräume einer unrentablen Bimmelbahn im Osten, nannte der Joseph Blumenhals zuweilen in einer zärtlichen Aufwallung seine »Liebeslaube«. Dieses mit deutlicher Beziehung auf die Kathrin. In Angelegenheit der Liebe war Joseph Blumenhals eben viel genügsamer als in den geschäftlichen Vermittlungen bei Unternehmungen seiner nächtlichen Kunden, denen er in dringenden Fällen gegen hohe Prozente aushalf und den Verkehr mit den notwendigen Hehlern vermittelte.

»Laß dir von dem Russen mal wieder Insektenpulver schenken«; maulte Herr Blumenhals. »Der Kerl hat immer welches bei sich. Für die Hunde, mit denen er die Leute betrügt. Aber zahlen will ich nichts dafür. Er muß es dir so geben.«

»Kommt er denn heut?« Die Kathrin hielt die schmutzig auf dem Abwaschtisch stehenden Gläser von gestern mal einen Augenblick unter das müd fließende Wasser. Dann stülpte sie die so gereinigten geräuschvoll auf das nasse Blech.

»Bestimmt. Mit dem ›Süßholz‹ kommt er und mit dem ›Walzerkönig‹. Die beiden haben heut Wichtiges zu besprechen. Ich möcht da irgendwie beteiligt sein, daß du's weißt und gut aufpaßt, Kathrin, und acht gibst, daß nicht so ein Zugelaufener in der Nähe oder gar ein Spitzel vom Alex . . . Der Taxi, der jetzt schon dreimal so zwischen zwei und drei Uhr in der Nacht da war – der ist mir verdächtig. Er hat so anständige, geschonte Hände und –«

»Ach was, – es ist ein verflossener Student, dem wohl 's Geld ausgegangen ist« – Die Wiege der Kathrin mußte irgendwo in Süddeutschland gestanden haben, und manchmal klang das durch ihren Dialekt der berlinerisch sein sollte und es nicht war. »Jetzt fährt er die Karre für die Witwe von dem Pankower Unternehmer, den der Schlag gerührt hat – weißt, wo ihm der ›Dompfaff‹ in der Hasenheide plötzlich den Revolver unter die Nase gehalten hat!«

»Pscht! . . . Also siehst du – der Kerl hat doch was mit uns zu tun!«

»Aber was denn –?! Er hat keine Ahnung, der junge schwindsüchtige Bursch. Und der andere liegt doch noch da und hat die Sprache verloren – und der ›Dompfaff‹ kommt ja überhaupt nicht mehr, weil er mit der ›polnischen Kuh‹ in der Schützenstraße scharmusiert.«

Es braucht nicht gesagt zu werden, daß der »Dompfaff« kein Dompfaff und die »polnische Kuh« keine Kuh war. Auf der ersten Stufe der glitschigen Steintreppe, die hinunter in das duftarme Reich der »Essigrose« führte, verlor jeder, der noch einen hatte, seinen richtigen Familiennamen. Der »Dompfaff« hieß eigentlich Erich Schuß und war wegen Raub und Gewalttätigkeit schon mehrfach vorbestraft. Die »polnische Kuh« war eine nicht übel anzusehende Schlesierin, die Anna Kloß hieß und in einer Weißbierwirtschaft der Zimmerstraße, ohne mit ihrer Huld zu geizen, ein ziemlich übles Publikum bediente.

Der »Russe« aber hieß Iwan Kassow. Er hatte irgendwo einmal in dienender Stellung mit der Sowjetbotschaft etwas zu tun gehabt. Ernährte sich angeblich von Holzschnitzereien und vom Hundehandel! Von der Polizei beargwöhnt, hatte er gleiche Angst vor den Sowjetrussen wie vor den Emigranten, die er vermutlich beide schon kräftig hineingelegt hatte. Der mit dem Namen »Süßholz« bezeichnete Handelsmann hieß eigentlich Pullawer, war aus einem unaussprechlichen Ort im Osten zugewandert. Er beteiligte sich nie an einem Gewaltakt oder seiner Vorbereitung und wollte von Raub und solchen Dingen nichts wissen. Er hielt die jüdischen Feiertage streng ein, machte kein Geschäft und kein Feuer am Sabbat und kaufte prinzipiell nur Gegenstände, die ihm auf Ehrenwort als »geerbt« oder »gefunden« – beim Finden fand er nichts – bezeichnet worden waren. Hierbei erwies er sich allerdings ziemlich leichtgläubig und wäre beinahe einmal, als ihm hier in der »Essigrose« der Veilchen-Emil eine angeblich »geerbte« Lutherbibel verkauft hatte, die in einem Antiquariat in der Potsdamer Straße die Nacht vorher gestohlen war, tüchtig hereingefallen. Die Sache ging noch einmal glimpflich ab, weil die Inschrift Luthers eine gar zu plumpe Fälschung und die Bibel als solche nicht von Hans Lufft in Wittenberg im Jahre 1525 gedruckt und überhaupt nichts wert war.

Jetzt, nicht lange, nachdem Blumenhals und seine Kathrin das Gespräch über die Flöhe und die Stammgäste der »Essigrose« miteinander geführt, erschienen Iwan Kassow, der »Russe«, und Pullawer, genannt »Süßholz« gemeinsam in dem von ihnen bevorzugten Ausschank.

Die Kathrin erkannte sie – wie die meisten Gäste – schon an ihren Füßen, die man vom Schanktisch aus zuerst auf der Treppe sah. Das war in diesem Fall kein besonderes Kunststück, denn der Russe trug immer ehemals lackierte spitzzulaufende Knöpfstiefel, an denen allerdings die meisten Knöpfe fehlten. Und Süßholz betonte seine gewaltigen Plattfüße durch pelzverbrämte Überschuhe von unwahrscheinlicher Dimension.

»N'abend, Blumenhals«, grüßte der Russe. Er hielt aber die Hände in den tiefhängenden Hosentaschen. »Kathrin, 'nen Sorjenbrecher!«

Diese freundliche Bezeichnung hatte hier ein Doppelkümmel, der in einem Süßweinglas gebracht wurde.

»Der Walzerkönig noch nicht da?« fragte der Süße, indem er sich in die kalten roten Hände hauchte.

»Nee.« Blumenhals sagte das unwirsch. Er mochte diesen Schleicher nicht, der viel aber leise redete, wenig und nur Billigstes konsumierte und, immer nüchtern bleibend, die Zeche gut nachrechnete. Und dann war ihm solche Fragerei unleidlich. Wenn das Lokal auch nicht eben blendend erleuchtet war, die acht Tische mit den acht Stühlen da herum waren doch wirklich, selbst für die stets geröteten und entzündeten Augen des Süßholz, leicht zu übersehen.

»Kathrin«, sagte der Russe, der seinen Seelentröster bereits in einem Wurf erledigt und sich den Mund mit dem Ärmel abgewischt hatte, »Kathrin, noch einen von dem! Auf zwei Beinen muß der Mensch stehen, was? Und dann – nun werd' ich den Süßen ärgern – ein Butterbrot mit Schinken.«

Der Süße zuckte die Achseln. »Warum sollt' ich mich ärgern, wenn Sie Trichinen fressen?«

Kathrin, die groß war in Übergängen der Gedanken und der Rede, blieb bei dem Russen stehen. »Apropos: Trichinen haben wir nicht – aber unsere Katzen haben Flöhe.«

»Katzen haben nie keine Flöh', Hunde haben allemal Flöh'«, belehrte sie der Russe. »Aber die Hundeflöhe gehen nicht an die Menschen. Aber die Menschenflöhe gehen an die Hunde. Also kannst du von der Katz keine Flöhe haben, weil sie keine hat; und vom Hund kannst du keine Flöhe haben, weil der seine eigenen behält. Wenn du Flöhe hast, hast du sie von dir oder von Blumenhals.«

»Was wollen Sie wissen von Blumenhals seine Katzen und Flöh'?« Der Süße war nicht gut aufgelegt. »Ich mag solche Gespräche nicht, wo man sich egal kratzen muß.«

»Wurscht, wer sie hat und woher sie kommen!« schnitt die Kathrin den Disput ab. »Also du kannst mir eine Handvoll Insektenpulver geben. Du hast doch noch?«

»Russisches«, sagte der Russe kurz, »das deutsche taugt nichts.«

»Jedes Land hat am besten das, was es am meisten braucht«, griente der Süße. »Kathrin, geben Sie einen Tee – aber einen richtigen Tee, nicht so ein Abführmittel wie der neulich.«

Kathrin nickte und ging, das Bestellte zu holen. Unterwegs stopfte sie ein kleines Tütchen in den Halsausschnitt nach der Stelle, wo bei ihren Geschlechtsgenossinnen der Busen oder seine Andeutung zu sitzen pflegt.

Süßholz hatte eine Art, ohne die Hände vorzuhalten, unangenehme Laute aus der Kehle zu stoßen, die den Russen verdroß.

»Wenn du bloß hierher kommst, um zu rülpsen –?«

»Nu, was? Tun Sie nicht, als ob Sie bloß in der Creme von der Republik am Kurfürstendamm verkehren! Übrigens, ich weiß nicht, weswegen ich hier sitzen soll. Habt Ihr was Neues geerbt oder gefunden?«

»Nein, nichts. Aber –«

»Das Geschäft mag ich nicht«, wehrte der Süße heftig ab, ohne den anderen aussprechen zu lassen, »das hab' ich euch doch schon gesagt. Und wenn der Walzerkönig nischt andres will, als mir e Loch in den Bauch reden – wieder mit derselben Sach' –, so ist mir lieber, ich trink meinen Tee und geh meiner Weg'.«

In diesem Augenblick kamen zwei Füße von oben die Treppe herunter. Schmale manierliche Männerfüße in Schnürschuhen, die noch anständig gewichst waren. Der dunkle Sakkoanzug des Kömmlings war alt und faltig; war aber, das sah man noch, mal von einem anständigen Schneider gebaut. Wollhemd und Gummikragen veredelten das Bild dieser Erscheinung nicht. Das glatt in die Stirn gekämmte blonde Haar, auf dem die graukarierte Schiebermühe saß, war reichlich mit Pomade gefettet. Daß die kleine Bartprobe, die als Mücke unter den Nasenlöchern saß, künstlich angeklebt war, konnte kaum ein Fachmann erkennen, und auch der mußte schon dichter herangekommen sein, als der »Walzerkönig« für gewöhnlich fremde Leute sich nähern ließ.

Wenn einer diesen »Walzerkönig« – hier unter der Erde so genannt, weil er angeblich aus Wien, in Wahrheit aus Znaim stammte und die Angewohnheit hatte, besonders wenn er ärgerlich war, die »Donauwellen« oder einen anderen Wiener Walzer vor sich hinzupfeifen – wenn einer diesen ganz auf den Wiener Strietzi zurechtgemachten, den Vergnügten spielenden Burschen, in dem immer etwas Quecksilbriges war, hätte neben jenen Herrn Viktor von Visatzky stellen können, den vornehmen Wiener im Gehpelz mit hellen Gamaschen und den weißen wildledernen Handschuhen, der hätte geschworen, so verschieden die zwei an Herkunft und Klasse sein mögen, das sind Verwandte. Ein reicher Vetter aus der Wiener Gesellschaft, der noch ein hübsches Vermögen aus dem Schlamassel gerettet hat; und ein armer Vetter aus der Wiener Vorstadt, der in Not gekommen ist, vielleicht sogar einmal ein bißchen wo »gesessen« hat. In Wahrheit war die Verwandtschaft noch näher, viel näher. Der elegante Herr von Visatzky, der gern in ersten Pensionen des Westens abstieg und oft nach Wien und Budapest erster Klasse reiste, und der heruntergekommene ehemalige Ingenieur, den sie in der »Essigrose« den »Walzerkönig« nannten und der in der Ackerstraße ein Zimmerchen hatte, drei bis vier Tage in der Woche nach Spandau fuhr »zur Arbeit« und dort, wie er sagte, häufig bei einem Freunde übernachtete, waren eben keine Vettern und keine Brüder. Sie waren ein und dieselbe Person.

»Kinder, seid schon einig!« war das Begrüßungswort, mit dem der Walzerkönig seine zerbeulte Mütze auf den Tisch warf und sich schwer auf den freien Stuhl pflanzte. Dabei strich er sich die pomadisierten Haare nach vorn, die in der Erinnerung an die gebrannten Locken, die Herr von Visatzky zu tragen pflegte, immer noch ein bißchen widerspenstig revoltierten.

»Was heißt einig?« Der Süße lachte kurz auf. »Er frißt Trichinen, um mich zu ärgern. Und ich trinke, was der Blumenhals einen ›Tee‹ heißt, und dann geh ich nach Haus.«

Der Walzerkönig sah den Russen an. Der zuckte bloß mit den Achseln. »Väterchen, er will nit.«

Die Kathrin brachte unaufgefordert dem Walzerkönig den nicht besonders steifen Grog, den er hier immer mit sehr viel Zucker trank. Er kniff die Bedienerin geschäftsmäßig und ohne seelische Beteiligung in den Allerwertesten und schob sie von seinem Tisch weg.

»Sind Sie wahnsinnig, Pullawer?« – Wenn die Sache ernst wurde, vergaß der Walzerkönig die Gildenamen – »So ein Geschäft wollen Sie sich entgehen lassen?!«

»Was heißt: so ein Geschäft?« – Der Süße fischte mit den wenig sauberen Fingern ein klebriges Haar der Kathrin aus dem Teeglas. Dann wickelte er's kunstvoll und umständlich um den Zahnstocher, mit dem er den Senftopf bearbeitete. »Erstens: der Schmuck ist gestohlen! Ich kauf' nichts Gestohlenes. Zweitens: der Schmuck ist zweimal nicht echt!«

»Was heißt ›zweimal‹ nicht echt?« Der Russe und der Walzerkönig sahen sich an.

»Wenn ich sag zweimal, so mein' ich, die Steine sind nicht echt und die Herkunft ist auch nicht echt. Der echte Schmuck – wo der gar nit ist, den Ihr habt – der wo im Safe auf der Bank liegt – steht doch heute in der Zeitung – der ist auch nicht von der Zarin. Was soll ich machen mit einem Schmuck der Zarin, der gestohlen und nit echt und nit von der Zarin ist, bloß Dreck?«

»Alsdann, Pullawer, wenn du mit dem Schmuck nach Amsterdam fährst –«

»Also ich fahr' nit nach Amsterdam!« Der Süße zerbrach ärgerlich den Zahnstocher und warf ihn dem Russen am Ohr vorbei. »Und fahr' nit nach Chikago und fahr' nit bis Pankow wegen dem da! Ich trink' meinen Tee aus und geh nach Haus. Und ärgere mich schwarz, daß ich hergekommen bin. Oder habt Ihr was Anderes – was echtes Geerbtes oder Gefundenes?«

»Nein. Aber –« Der Walzerkönig goß ärgerlich seinen Grog hinunter.

Zwei junge Leute waren in den Keller hinuntergestiegen und hockten sich in eine Ecke. Der Russe hatte sie zufällig am Nachmittag bei der »Arbeit« vor den Auslagen von Wertheim beobachtet. Kleine Taschendiebe, Anfänger! Wohl Fürsorgezöglinge auf selbst erteiltem Urlaub.

Der Walzerkönig und der Russe rückten dichter zum Süßen heran. Der aber bog absichtlich den Kopf weit nach hinten. Sie sollten's schwer haben, leise zu ihm zu sprechen.

»Ich hab' was Großes vor – was, sage ich noch nicht.« Der Walzerkönig zog die Augenbrauen wichtig hoch.

»Hab' ich dich gefragt?« Pullawer zuckte die Achseln, um sein ganzes Desinteressement zu unterstreichen.

»Du kennst mich, Und wenn ich dir sage, es wird was –«

»Kann man heut bei dir nicht mehr wissen!«

»Nicht mehr – wieso?«

»Wieso, wiederholte auch der Russe, dem dieser ziemlich unverblümt geäußerte Zweifel des Süßen an Glück und Gunst des Walzerkönigs neu war.

»Ich werd' dir was sagen. Ich hab' zufällig mit einem Geschäftsfreund ein Theater besucht vorgestern. Man muß den Leuten was bieten, wenn sie einem was bringen. E saudummes Stück! Ihm hat's gefallen. Die Hauptsach' – und die Billette hab' ich geschenkt bekommen. Da gefällt's einem halt auch. Aber in dem Stück – hab' ich dich gesehen.«

»Ja«, äußerte der Walzerkönig zögernd, »ich war vorgestern allerdings – – mit einer Dame.«

»Na, du wirst ohne Dame sein!«

»Du weißt, alles geht bei mir durch die – sagen wir durch schöne Hände. Die selbst nichts davon wissen.«

»Mancher kann's machen eso – und mancher kann's machen eso –« Pullawer nickte ernst seinem Teeglas zu, als er diese tiefsinnige Weisheit äußerte. »Du machst das eso. Das letzte – das mit dem Schmuck der Zarin, daß ich nit lach' – hast du gemacht mit der rothaarigen dicken Dame vom – –«

»Pscht!«

»Nu, ich bin doch nit von gestern. Ich werd' schon keinen Namen nennen. Und ihre Finger haben auch nichts gewußt. Aber ich weiß. Je älter daß so eine Gans ist, desto blöder fällt sie auf dein Liebesgemauschel rein. Und noch rascher, wenn's goldene Wiener Herz dabei mitpuppert.«

»Tja – wie ich sie wieder los werd', das ist nun das Schwierige.« Der Walzerkönig sagte das unerfreut, mehr zu sich selbst als zu den Gefährten.

»Und der Brambach hat das an die große Glocke gehängt. Bombenreklame für die Mahuda. Die Morphiumspritze allein zieht nicht mehr. Und ich hab' da auch schon was gelesen von einem ›Baron aus Wien‹, einem eleganten Kavalier im Pelz. Ist das übrigens noch der Pelz von mir?«

»Ja doch.«

»Viel zu billig hab' ich dir den gelassen! Was so e Pelz alles ausmacht! Das heißt, wenn ich ihn trag' – nischt macht er.« In betrübter Selbsterkenntnis rührte der Süße seine Tasse um, in der nichts mehr drin war.

»Jedenfalls ich muß für einige Tage verreisen.«

»Dringend!« Der Süße nickte. »Glaub' ich, glaub' ich. Wenn's nicht schon zu spät ist –«

Der Walzerkönig wollte sich aus einer zerbeulten Zigarettenschachtel, die er neben sich gelegt hatte, eine Ägypterin anzünden.

Der Russe sah scharf hin. Dann griff er ruhig nach der Zigarette, nahm sie dem anderen vom Mund und legte sie in das Kästchen zurück.

»Soll das ein Witz sein?!« brauste der Walzerkönig auf.

»Nein.« Der Russe rief nach dem Schanktisch: »Kathrin!«

Als sie kam, gab er ihr die Schachtel mit den Zigaretten und das kleine, flache Lederbüchschen mit den roten Zündhölzern.

»Wirf das mal gleich ins Feuer!« befahl er, »und bleib dabei stehen, bis sie alle verbrannt sind, die Zigaretten und die Zündhölzer.«

Kathrin zauderte verblüfft. Der Süße ließ die Unterlippe hängen und sah mit tellerrunden Augen von einem zum anderen. Dann rückte er seinen Stuhl etwas vom Tisch zurück. Das konnte Saures geben.

In des Walzerkönigs Augen aber wetterleuchtete es bös.

»Was soll das?!«

»In zwei Zeitungen habe ich gelesen – die Kriminalpolizei hat eine bestimmte Sorte von Zündhölzern und an der Asche eine bestimmte Marke Zigaretten erkannt.«

»Geh, Kathrin!« sagte der Walzerkönig. »Tue, wie geheißen. Es ist auf alle Fälle besser. Und bring' mir eine lange von den Virginias mit, die ich euch selber im Frühjahr geschmuggelt habe.«

Da ging die Kathrin folgsam nach hinten.

Aber der Süße saß jetzt wieder, im leeren Glas rührend, als ob nichts passiert, nichts gesprochen wäre.

»Drei Reihen bin ich hinter dir gesessen im Parkett. Eine hübsche Person, schöne schwarze Haare! . . . Von unsere Leut'?«

»Nein. Wundervolle blaue Augen. Hast du das nicht gesehen?«

»Das sieht man von hinten schlecht. Aber da bist du wohl selber ein bißchen ins Eisen gegangen?«

»Das geht dich einen Schmarren an!«

»Du mußt eine sehr noblige Vorstellung haben von meinem Charakter.«

»Wieso?«

»Weil du mir grob wirst, eh' daß du mich anpumpen willst. Denn –« der Süße beugte sich über den Tisch und feixte den Walzerkönig mit offenem Mund an – »Drauf läuft's doch hinaus, nicht?«

Der Walzerkönig lachte ein etwas gezwungenes Lachen. »Was heißt anpumpen? Ich will fünfhundert Mark von dir geliehen haben zu zehn Prozent.«

»Monatlich? Das krieg' ich ja beinah' reell heutzutage.«

»Wöchentlich!«

»Wöchentlich? Ist gut. Pfand?«

»Braucht's doch nicht zwischen uns.«

»Was heißt in diesen Zeiten ›zwischen uns‹! Du brauchst kein Pfand, wenn ich dir Geld borge, aber ich!«

»Schön. Ich bring' dir meinen Brillantring her.«

»Ah, den hab' ich schon einmal hier gehabt und war froh, daß du das Ding wieder eingelöst hast. Da ist, wenn man genau hinsieht mit der Lupe, ein Fleck im Stein. Ein winziges Kohlenstäubchen sitzt drin, das, wo ich nicht gesehen hab' zuerst. Nein, ich dank für den Ring. Den Pelz bring' mir!«

»Das geht nicht!«

Und der Russe bestärkte heftig nickend: »Der Pelz ist doch sein Kriegsschmuck. Eher das Hemde.«

»Das Hemde will ich nicht! Du hast doch noch zwei gute Wintermäntel – den einen auf Seide – der ist doch auch noch von mir. Den anderen, wo dich der Moser aus der Grenadierstraße mit hineingelegt hat, der gelbe Ulster mit dem Schieberriegel. Also wenn du mir heut um sieben Uhr auf den Abend den Pelz bringst, kannst du das Geld haben und fahren. Das heißt,« zögernd sah der Süße hinüber zu dem Walzerkönig, der nachdenklich das Punschglas hin und her schob, »das heißt, wenn du nun gar nicht, wie du sagst, nach Budapest fährst, und wenn du das Geld bloß nimmst und der schwarzen Rahel da mit den blauen Augen einen Pyjama oder seidene Hemden –«

»Die Kleine glaubt, ich bin schon in Budapest. Hat mir auch sicher schon ins ›Hotel Hungaria‹ geschrieben.«

»Also wenn du mir den Pelz bringst – Kathrin, hier liegt meine Schuld.« Der Süße erhob sich, nickte den beiden zu und stieg schwerfällig auf seinen platten Füßen die Stufen empor.

Als die beiden die unbegreiflichen Riesenpedale des Süßen oben an dem Fensterchen vorbeischlendern sahen, beugte sich der Russe dichter zu dem Walzerkönig hin. »Es wird höchste Zeit, daß du verschwindest.«

»Sie haben dich als Statisten genommen?«

»Ja; ich hatte Glück. Es kommen ein paar russische Brocken in dem neuen Stück vor. Auch russische Namen. Russisch ist doch die große Mode. Da hat der Regisseur zu mir gesagt: ›In der Massenszene im dritten Akt führen Sie die Komparsen – nehmen Sie sich die einzelnen Leute vor und hämmern Sie jedem von den Idioten den russischen Namen des anderen ins Gehirn. Wenn einer in der Premiere falsch ausspricht – die Jungens im Parkett sind scharf auf so was – fliegen Sie!‹«

»Gut – sieh zu, daß du nicht fliegst und halt' mich – postlagernd Budapest – auf dem laufenden.«

»Das Laufende läuft schon übel – ich hab' so hingehört. Der ›Kavalier im Pelz‹ spielt eine große Rolle. Dabei macht's was aus, daß sie die Kern-Möller alle nicht leiden können.«

»Ist auch eine verdammt widerliche Person. Was meinst du, was das mir für ein Pläsier gemacht hat, ausgerechnet mit der . . .!«

»Er lacht sich tot«, hat sie erst heute wieder auf der Probe gesagt, »wenn er erfährt, daß er im Verdacht ist . . . Aber dabei sah sie quittengelb aus unter der Schminke . . . und ich glaub', innerlich – und erst recht der Mann – also einen Mann hat sie auch.«

»Ich weiß. Ein armes Hascherl. Und einen Buben – aber nit von dem. Was die Person mit dem Buben angegeben hat! Also wenn der noch lebte, müßte's wahrscheinlich der Kaiser Joseph selbst gewesen sein, der wo . . . Aber die andere – die andere! Also ich sag' dir – ob du's glaubst oder nit – vorgestern abend, wie ich vom letzten, was ich hatte, eine Schachtel ihr geschenkt hab' mit Schweizer Taschentücherl mit ihrem Monogramm – zu mehr hat's nicht gelangt – denn mit der Miete ist es grad' noch so knapp gegangen – also da hab' ich in Gedanken, daß sie sich da das feine Naserl mit abwischt, da hab' ich's weiß Gott mit der Sentimentalität gekriegt. Und hab' gedacht, wenn du jetzt – damals als Primaner, noch nicht trocken hinter den Ohren – die Geschichte mit den lumpigen zehn Gulden nit gemacht hättest – und du wärst damals nit geschaßt worden vom Gymnasium – und hättest nit – vom Vater in ein Geschäft gesteckt und danebengelaufen – als hübsches Kerlchen auf der Kärntner Straßen reiche Weiber so lange angeblinzelt, bis daß so eine dich schließlich . . . und hättest dann nit Brieferl geschrieben um Geld und wieder um Geld – und wärst halt noch der Sohn von deinem anständigen Vater, der sich mit der Gardinenschnur aufgehängt hat – damals als sein Einziger wegen Erpressung – und wärst mit einem Wort nit so ein Schweinekerl, so als wie du –«

»Sei so gut!« Der Russe, der bis dahin mit lächelnder Genugtuung die Beichte des Komplizen mitangehört hatte, schlug wütend mit der Faust auf den Tisch und fuhr auf: »Schmeiß' dich gefälligst selber mit Dreck – und nicht die anderen!«

»Ha, was, wie du und ich. – Also das Maderl, weiß Gott, so wahr ich einmal ein anständiger Bub gewesen bin und sogar abends gebetet hab', daß ich's bleiben möcht', so wahr – sollt' mir das Mädel, wenn i könnt', erst in den Stephansdom, dann erst ins Bett . . . Ah!«

Mit einem wütenden Krächzen stand er, den Stuhl umstoßend, auf, warf ein Markstück hin und wendete sich zum Gehen.

Aber die Kathrin stand schon neben ihm. »Ist's wahr, willst du wirklich abreisen, Walzerkönig?«

»Ja. Ich hab' G'schäfte.«

»Richtig – abreisen oder bloß so –?«

Er nickte: »Richtig«, und nahm die Mütze auf.

»Ach ›Walzerkönig‹ du hast mir doch versprochen –« Ihre verschwommenen Augen bettelten aus geröteten Rändern – »weißt nicht mehr?«

»Doch – ich weiß. Was ich versprochen hab', halt' ich. Ein Lump ist ma doch schon, bloß nit in allem. Da geh – wirf einen Groschen hinein!«

Er angelte einen Groschen aus der Westentasche und gab ihn der Kathrin.

Da lief die Kathrin so eilig, daß sie einen Schlappen verlor, selig zum Grammophon und warf das Geldstück oben in die Spalte. Klirrend rasselte es in die Tiefe des Apparates.

Erst ein paar Töne wie Messerschleifen und Tellerscharren, ein Quietschen, dann ging's los. Dreivierteltakt – der Donauwalzer.

Der Walzerkönig stierte traurig auf den Boden, aber er pfiff unwillkürlich leise mit. Dann plötzlich, wie in einem Anfall von Wut und Galgenhumor, packte er die dicht bei ihm des Zugriffs harrende Kathrin um die Taille, daß die Erschreckte aufschrie. Aber schon schassierte er mit ihr durch die Stühle.

Die beiden Taschendiebe in der Ecke feixten sich an und erhoben sich. Ihre blassen Gaunergesichter strahlten Genugtuung. Ohne ein Wort zu sagen, packte der hagere Große den kleinen Pummligen um die Hüfte. Die groben Stiefel hart auf die Diele schlagend, walzten die zwei, des Rhythmus kaum achtend, immer um die Säule, an der noch vom Sommer her die klebrigen Fliegenkränze baumelten.

»Gehst du wirklich auf lange fort, Walzerkönig?« raunte die walzende Kathrin mit unreinem Atem zu ihrem Kavalier herauf.

»Vielleicht – nit auf kurz.«

»Du schreibst emal – ja?«

»Wenn's geht – schreib' ich.«

»Aber keine Karte – was in ein Kuvert, ja? Nur für mich – wo der Joseph nit dran kann.«

»Ja.« Und nach einer Weile noch leiser: »Du hast's gut verwahrt, was ich dir gegeben hab'?«

»In schmutziger Wäsch' – und die im Korb, – und der verschlossen im Schrank. Und den Schlüssel hab' ich hier.« Sie senkte tanzend das Kinn in den Ausschnitt, um auf einen schmutzigen Faden aufmerksam zu machen, der doppelt um den Hals geschlungen war. An dem hing wohl irgendwo in der Tiefe unsichtbar der Schlüssel zum Schrank.

»Gut«, nickte der Walzerkönig.

»Schenk mir was – zum Andenken, Viktor.« Zaghaft, fast verschämt kamen die ungewohnten Worte aus dem unschönen, zuckenden Mund.

»Ich bin blank – muß selbst erst noch vom Süßen . . .«

»Ha – ich will doch kein Geld von dir! Was zum Andenken! Was, daß ich weiß, es ist von dir . . . Ich kann dir das ja später, wenn du wieder da bist, kann ich dir's ja wiedergeben.«

Viktor spürte – ohne daß er's wollte –, daß aus dieser schlampigen Dirne jetzt etwas zu ihm sprach, das nicht ganz heruntergezogen und verdreckt war von ihrem Luderleben hier im Keller. Etwas, das vielleicht dem Zwang verwandt war, unter dem er vorhin vom ersten Schuldigwerden seiner Schülerzeit, vom ersten Schritt auf dem Weg ins Ungewisse zu dem russischen Gauner dort gesprochen.

Während er weitertanzend mit der Rechten die schwitzende Kathrin festhielt, fischte er mit der aus den dicken Fingern der Dirne gelösten Linken in der Tasche seines Sakkos. Nach einer Weile zog er mit ein paar alten Billetts von der Elektrischen, die streuend auf den Boden fielen, ein feines, spitzenbesetztes Tüchel hervor. Es war das Taschentuch, mit dessen Hilfe er auf der Straße seine Bekanntschaften machte. Das Tuch, das er auch – als eleganter Kavalier im Gehpelz – hinter Klara auf der Tauentzienstraße hergetragen hatte.

Immer tanzend ließ er's wie eine kleine saubere Fahne in ausgestreckter Hand vor sich herwehen.

»Nimm's, wenn du's magst! Ich brauch's jetzt nicht mehr.«

Da griff die Kathrin, wild vor Freude – immer tanzend – nach dem Spitzentuch. Ihre Augen funkelten Dank. »Lieb von dir – lieb.«

Und sie walzten noch wilder daher als zuvor. Walzten so hart gegen die beiden sich zierlich drehenden Taschendiebe, daß die angerempelten Jungens wie geschleuderte Holzstücke dem Russen auf den Schoß taumelten. Der warf sie fluchend mit einem beträchtlichen Stoß gegen den Tisch.

Blumenhals am Schanktisch hatte die ganze Zeit mit finsterer Miene das Treiben mit angeschaut. Er hatte seit frühester Zeit die Zehen voller Hühneraugen und mochte keine Tanzmusik. Und den Walzerkönig mochte er auch nicht. Der hat doch wahrhaftig genug Frauenzimmer, dachte er, mit den schlechten Zähnen die trockenen Lippen nagend. Ziemlich an jedem seiner gepflegten Finger wird er eine haben. Was braucht der geile Hund auch noch die Kathrin?!

Und mitten im Walzer spuckte Blumenhals über den nassen Schanktisch zornig in sein eigenes Lokal. Es hätte wenig gefehlt und er hätte des Walzerkönigs gut gewichsten Schnürschuh getroffen.

Das Grammophon beendete mit einem Kiekser seine Musik.

Da ließ der Walzerkönig seine Tänzerin los und stieg grußlos die glitschige Steintreppe hinauf auf die Straße.

Die Kathrin aber lehnte, taumelig von Tanz und Glück und Weh, an der geschmückten Säule unter den klebrigen Fliegenkränzen und hielt in ihren beiden rissigen roten Händen das feine weiße Schweizer Spitzentaschentuch.

Wie ein Vögelchen, das ihr nicht fortfliegen durfte, und dem sie doch nicht weh tun wollte, hielt sie es behutsam fest.

* * *

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