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Die Hexe von Endor

Rudolf Presber: Die Hexe von Endor - Kapitel 11
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typefiction
authorRudolf Presber
titleDie Hexe von Endor
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1932
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. . . Am späten Abend dieses denkwürdigen Tages, man kann schon sagen in der Nacht, denn es war kurz nach ein Uhr, nahm Veit im »Bristol« bewegten Abschied von seinem alten Herrn.

Alles war so ungefähr gekommen, wie Veit seinem Freunde Addo vorausgesagt hatte. Um ein halb sieben Uhr hatte das Telephon im Büro geklingelt; und der alte Herr machte die Probe, ob sein Sohn noch im Dienst war. Er wäre selbst mit einer Taxe nach dem Büro herausgekommen, sagte er, aber ihm sei bei der Einfahrt in den Anhalter ein Kohlenstäubchen ins Auge geflogen. Er habe zunächst zu einem Arzt fahren müssen, der es ihm, den Augendeckel umdrehend, rasch und beinahe schmerzlos für zwanzig Mark entfernt habe. Immerhin, er müsse jetzt das Auge durchaus schonen und sitze nun im Hotel und warte, bis Veit punkt sieben sein Büro schließe und ihn im Hotel aufsuche.

Im »Bristol« war dann noch Herr Polzig, ein Geschäftsfreund des Vaters, anwesend gewesen bei dem kleinen Souper. Veit hatte den Eindruck, daß dieser vielredende Süddeutsche den alten Herrn mit einem Gasthof in Schweinfurt, der angeblich spottbillig zu kaufen war, hineinlegen wollte. Aber die Sache endete damit, daß Herr Uhlig senior, nachdem drei Flaschen »Liebfrauenmilch« und drei Flaschen »Mumm« getrunken waren, mit behaglichem Schmunzeln eine beträchtliche Bestellung seines Geschäftsfreundes in sein Notizbüchlein einschrieb, sich aber über Schweinfurt die Entscheidung vorbehielt, die – das sah Veit seinem Vater an – noch nicht ohne weiteres in zustimmendem Sinne erledigt war.

In dem Ostseebadebüro wollte der alte Herr gleich noch morgen früh erscheinen. Zu einem Besuch bei seinem Sohn in der Wohnung würde die Zeit leider nicht mehr reichen, da er schon um zehn Uhr nach Bremen weiterfahren müsse, um mit dem Direktor des »Lloyd« über Belieferung des großen im Bau begriffenen Amerika-Dampfers zu verhandeln.

Als die beiden Herren aufbrachen, der Geschäftsfreund, Herr Polzig, aus Schweinfurt, und Veit, erwies es sich, daß der Erstgenannte seine Garderobemarke während der Unterhaltung zerrissen und in einen Sektkübel geworfen hatte. Die Auswahl unter den noch vorhandenen Kleidungsstücken machte leider viele Schwierigkeiten, da Herr Polzig durchaus darauf bestand, einen Otterpelz mitgebracht zu haben und den weniger vornehmen Tuchmantel, der ihm, wie der Inhalt der Taschen eigentlich einwandfrei auswies, wirklich gehörte, durchaus ablehnen zu müssen glaubte.

Schließlich erkannte er aber doch – vielleicht überzeugt durch die Tatsache, daß überhaupt kein Ottermantel da war – an der abgerissenen Kragenschlinge und einem Korkenzieher in der Seitentasche sein Eigentum. Er gab der Hoffnung Ausdruck, seinen Ottermantel zu Hause vorzufinden und sagte den Garderobefrauen – statt des vielleicht erwarteten Trinkgeldes – einige derbe Liebenswürdigkeiten. Dann ließ er sich ziemlich widerstandslos von Veit, der keine Lust hatte, mit einem Schwerbezechten die Linden entlang zu ziehen, in eine Droschke verstauen, der er merkwürdigerweise »Kempinski« als Ziel seiner sichtlich verworrenen Wünsche angab.

Auch in Veit gingen in der frischen Luft die frohen Geister des Weins ein wenig um. Daher kam es wohl, daß er plötzlich vor seiner alten Wohnung stand. Erst durch Größe und Art der fremden Schlüssel, die er in der Hand hatte, kam ihm zum Bewußtsein, daß er gar nicht mehr hier, sondern in der Uhlandstraße wohne. Aber er war nicht in der Lage, sich oder dem Schicksal etwas übelzunehmen. Die Nacht war schön und sternenklar. Die Uhlandstraße lag schließlich auch nicht auf dem Sirius. Und eine gewisse Spannung, Freude auf eine Überraschung beflügelte seine Schritte.

Endlich! . . . Es ging zwar nicht gleich bis zum Sirius; aber etwas weiter, als er gedacht hatte, war's doch gewesen. Veit transpirierte ein bißchen, als er die Haustür aufschloß. Die kleine Taschenlampe, die er stets im Mantel hatte, erleuchtete ein geräumiges, nach Berliner Manier etwas protziges Treppenhaus. Ein vom Straßenlicht noch beschienener gepanzerter Ritter in stolzer Pose hielt eine schlecht vergoldete Beleuchtung, deren Kontakt Veits suchende Hand leider nicht fand. So tastete er die Treppe nach oben. Sie wurde dunkler. Auf dem zweiten Absatz hatte er den Eindruck, als ob ihn hier im schwachen Licht eines Glasfensters eine Madonna grüße. Bleigefaßte Fruchtkörbe schienen darunter die Last ihrer unwahrscheinlichen Früchte anzubieten. Einen Läufer spürte er auch mit Genugtuung unter den Füßen. Allerdings jetzt blieb sein Fuß in einem Loch des beschädigten Gewebes hängen; und er wäre beinahe wider die Tür gefallen, die zu seiner neuen Wohnung führen mußte.

Richtig, der Schlüssel schloß. Nicht leicht, aber er tat's. Wieder fand Veit den Kontakt zur elektrischen Beleuchtung des Vorplatzes nicht. Wenn's jetzt eine falsche Etage wäre, dachte er. Und wenn plötzlich ein erwachender Einwohner mir mit einem Beil über den Kopf . . . Er mußte lachen. Woher sollte übrigens der Einwohner so rasch ein Beil herhaben? Oder es schliefen . . .

Sollte es nicht die erste Tür rechts sein, die . . .? Ja, da war die Klinke! Darunter das Schlüsselloch. Der zweite Schlüssel paßte ganz gut – oder, dachte er, hier schliefe nun eine reizvolle junge Dame, das ovale Köpfchen auf dem nackten runden Arm, unbekleidet wie die berühmte schlafende Venus von Tizian . . . Es war eigentlich hübsch, daß die Griechen ihre Götter auch schlafen ließen. Unser christlicher Gott wacht immer. Und ob er lachen kann, lachen, wie die homerischen Götter getan und heute nur noch die Götter der Japaner, das weiß man aus den Evangelien nicht; und im Alten Testament lacht er ganz bestimmt nicht! . . .

Sieh mal an, wie freundlich, da kam jetzt etwas Mondlicht irgendwo herein.

Er stand in seinem Zimmer. Dort thronten auch seine Koffer, bunt beklebt mit den Hotelschildchen von Luzern, Lugano, Florenz, Rom, Palermo, Taormina, von der letzten Reise her. Aber das sah man jetzt nicht – überhaupt nichts Buntes. Nur wenig Licht, sanftes, blasses Licht. Ein bißchen flüssiges Gold dort vor dem Spiegel. Was mochte das wohl sein? Richtig, eine kleine kupferne Schale, in der ein paar Blumen zum Willkomm standen. Addo hatte hier gewaltet. Und Schatten, schwarze, schwere Schatten, ein Schrank, ein Sessel, grotesk in der Form der breiten Armlehne. Das Glas von Bildern glitzerte an den Wänden. Das würde er ändern. Zu den Bildern an den Wanden muß man ein persönliches Verhältnis haben, wenn man wohnen will.

Eine Chaiselongue, wieder ein Stuhl – das kündete wenigstens sein Schienbein –, ein Tisch, der ihn derb vor den Bauch stieß. Gut, alles spricht von Behagen, Vertraulichkeit. Das kann man brauchen und wünschen. Aber Bilder, Wandschmuck, da muß schon eine Gegend der Heimat zu einem reden im Silberrähmchen. Oder ein sympathischer Verwandter, eine liebe Frau in einer Stellung, die man an ihr kennt, ein Maler, den man liebt. Anselm Feuerbachs Römerin, die überall schön blieb, oder eine Schwarzwaldhöhe von Hans Thoma oder –

All' sowas jagte sich in seinem Hirn, wirbelte, vom Alkohol gepeitscht, etwas rascher und bunter durcheinander als vielleicht sonst. Aber es ließ die Logik nicht ganz vermissen; entbehrte nicht des Zusammenhangs der Beziehungen zu dem ihm nun dienenden Raum und seiner Bestimmung.

Dort – der bunt gemusterte Vorhang – das Auge hatte sich an die Dunkelheit gewöhnt, und er sah etwas wie ein unruhiges Muster des Gewebes – der markierte den Eintritt zum Allerheiligsten. Zu dem gastfreundlichen Raum, in dem er jetzt schlafen sollte, gut schlafen, lang schlafen – aha, und hier war auch der Kontakt!

Das Licht blitzte an der Decke auf in einer schlichten, grünlich getönten Glasscheibe, die einen beträchtlichen Sprung hatte.

Veit betrat mit einem angenehmen Gefühl den kleinen Schlafraum. Vorsichtig zog er prüfend die Luft durch die Nase. Nun, Addo hatte recht, es roch nicht nach Opodeldok, überhaupt nach nichts Ausgesprochenem. Veit hatte immer eine Furcht beim Betreten oder gar Mieten fremder Räume, daß irgendein Mischgeruch von Menschen, die hier hausten oder vor ihm hierhergehört, darin geblieben sein könnte. Irgendein unausrottbarer Duft von Dörrobst oder ungarischer Bartwichse, nach Katzen oder Risotto, nach »Eau de mille fleurs« oder Bratwürsten. Hier aber, nein – etwas Sauberes, frisch Gepflegtes lag über dem Raum, und doch wieder etwas, das – nicht unsympathisch – ein Benutztwerden, ein Bewohntsein verriet.

Wie liebenswürdig und vorsorglich der gute Addo – anstatt auf den Funkturm zu fahren – hier gewirkt haben mußte! Dort auf dem eben nicht großen Waschtisch gewahrte Veit schon seine Seife im Schälchen, sein Mundwasser, seine Nagelfeile, seine Zahnbürste. Und es wunderte ihn selbst, daß der Anblick einer nicht mehr ganz neuen Zahnbürste in so später Stunde einen Menschen rühren, ihm das wohlige Gefühl des Heimischen geben konnte. Mitten in der Nacht in einer fremden Umgebung.

Auch sein Wecker, wahrhaftig, stand schon auf dem Deckchen des Nachttisches. Ein bißchen viel Deckchen waren überhaupt im Raum verteilt und verrieten die Freude kleiner Leute an billigem Zimmerschmuck. Und viele Bilder, einfach in Eiche gerahmt, der Alte Fritz und seine Generale am Lagerfeuer – es war wohl die Situation, wo der alte Zieten nicht geweckt werden sollte. Der hatte es gut, der alte Zieten, der schlief schon! Der Tod Gustav Adolfs bei Lützen, ein alter Stich, Julius Cäsars Ermordung auf dem Forum . . . Großer Gott, ein bißchen viel Krieg und Mord und Sterben für ein kleines Schlafzimmer!

Was war das aber – das komische Kreisrunde zwischen den Bildern? War das in der Tapete ein Muster oder aufgehängte Dekoration? Er faßte es an. Es raschelte. Welkes Laub – Lorbeer! Ach so, Lorbeerkränze – hm. Huldigungen für Julius Cäsar oder Gustav Adolf? . . . Vielleicht hatte sich der Todestag gejährt. Aber nein – die Iden des März lagen sechs Monate zurück und – ja, wann war die Schlacht bei Lützen?

Veit hatte begonnen, eingeladen von dem aufgedeckten sauberen Bett, sich auszuziehen, angeregt von dieser sichtlich auf ihn wartenden Lagerstatt, die vor kurzem noch einem anderen – ja, wem wohl? hoffentlich einem gesunden, braven, sauberen Menschen – zur wohlverdienten Ruhe verholfen hatte. Veit war gern der Nachfolger gesunder, vergnügter, sauberer Menschen in Hotels und so. Auch sein Vorgänger hier – das hoffte er – war von jener Gilde, von der dort an der Wand der ermordete Cäsar sagte: »Laßt wohlbeleibte Männer um mich sein, mit kahlen Köpfen, die des Nachts gut schlafen.« . . . Cäsar – wie kam er jetzt auf den? »Gallia est divisa in partes tres . . .« Nein, das war's nicht! Dort an der Wand wurde er ermordet. »Verruchter Casca, was beginnst du?! . . .« Shakespeare –! Immer entweder Goethe oder Shakespeare fiel einem gebildeten Manne ein – sogar tief in der Nacht – beim Zubettgehen.

Jetzt war er mit dem Arm durch die Ärmel und mit dem Kopf durch den Kragen des Nachthemdes gefahren und stand im letzten Akt der nächtlichen Toilette vor dem Bett. Da sah zufällig sein Auge zu einem Bilde hin, das gerade über den weißen Decken hing. Von magischer Gewalt angezogen, kamen seine Augen nah und näher. Und dann plötzlich – dann taumelte er mit einem Schrei, einem richtigen kurzen Schrei zurück und saß, eh' er's ändern oder hindern konnte, auf dem einzigen Lehnstuhl in diesem Raum.

Saß im Hemd, regungslos. Die Arme schlaff herunterhängend, die Lippen geöffnet, die Augen starr gerichtet auf das Bild, das blaß gewordene Gesicht ohne jene zu Fröhlichkeit und Ironie geneigte Intelligenz, die sonst seine hübschen Züge belebte.

Bin ich jetzt wahnsinnig – oder total betrunken – oder ist das dort ein Spuk, eine Hexerei – oder ein Witz von Addo, der ja aber gar nicht weiß, wer das dort ist . . .?! Oder – oder –?

Vielleicht dient es zur Entschuldigung für das dämliche Benehmen eines total verblüfften, unbeherrschten, nur mit einem Hemd bekleidet im Stuhle Sitzenden, wenn wahrheitsgetreu berichtet wird, daß dieses im heute erst gemieteten Zimmer über Veits noch nicht benutztem Bett hängende Bild eine Photographie war, die – als Kniestück – wohlgetroffen und in einem freundlichen Moment aufgenommen, eine hübsche junge Dame darstellte. Und zwar unverkennbar jene junge Dame, die damals in der Marburger Straße auf der Post die kleine Anzeige geschrieben, mißbilligt und zerknüllt hatte, deren Wortlaut den »Edeldenkenden« betraf.

Und dieser »Edeldenkende« saß jetzt, ein Bild menschlicher Unvollkommenheit, im Nachthemd vor seinem aufgedeckten Bett, in das er zu steigen vergaß, und starrte wie verhext an die Wand.

Dabei fror er gräßlich an den nackten Beinen.

* * *

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