Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Marcel Proust >

Die Herzogin von Guermantes. II. Band

Marcel Proust: Die Herzogin von Guermantes. II. Band - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorMarcel Proust
titleDie Herzogin von Guermantes. II. Band
seriesAuf der Suche nach der verlorenen Zeit
volume3. Band [2]
publisherR. Piper & Co.
year1930
translatorWalter Benjamin und Franz Hessel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140302
projectidacd70899
Schließen

Navigation:

Als man sich nun zu Tisch gesetzt hatte, fiel der Prinzessin von Parma ein, daß sie die Fürstin ... in die Oper einladen wollte, und da sie gern gewußt hätte, ob das Frau von Guermantes nicht etwa unangenehm sein würde, suchte sie diese darüber auszuholen. In diesem Augenblick trat Herr von Grouchy ein, dessen Zug infolge einer Entgleisung eine Stunde lang liegen geblieben war. Er entschuldigte sich, so gut es ging. Wäre seine Frau eine Courvoisier gewesen, sie wäre vor Scham umgekommen. Aber sie war nicht »für nichts und wieder nichts« eine Guermantes. Als ihr Mann seine Verspätung zu entschuldigen versuchte, fiel sie ihm ins Wort:

»Ich sehe, sogar in harmlosen Fällen ist Zuspätkommen Tradition in Ihrer Familie.«

»Setzen Sie sich, Grouchy, lassen Sie sich nicht aus der Fassung bringen«, sagte der Herzog. »Obgleich ich mit meiner Zeit mitgehe, kann ich nicht umhin, anzuerkennen, daß die Schlacht bei Waterloo ihr Gutes gehabt hat, da sie die Wiedereinsetzung der Bourbonen ermöglichte, noch dazu in einer Art, die sie unpopulär machte. Aber ich sehe, Sie sind ein wahrer Nimrod!«

»Ich habe in der Tat einige schöne Stücke mitgebracht. Ich werde mir erlauben, der Herzogin morgen ein Dutzend Fasanen zu schicken.«

Man konnte Frau von Guermantes an den Augen ansehn, daß ihr ein Gedanke durch den Kopf ging. Sie bestand darauf, Herr von Grouchy solle sich nicht die Mühe machen, die Fasanen zu schicken. Sie winkte dem verlobten Lakaien, mit dem ich gesprochen hatte, als ich den Saal mit den Bildern Elstirs verließ, und sagte:

»Poullein, Sie werden die Fasanen des Herrn Grafen abholen und gleich herbringen; nicht wahr, Grouchy, Sie gestatten, daß ich die Gelegenheit benutze, ein paar Aufmerksamkeiten zu erweisen. Basin und ich werden zu zweit nicht zwölf Fasanen aufessen.«

»Aber übermorgen wäre früh genug«, sagte Herr von Grouchy.

»Nein, morgen ist mir lieber.« Die Herzogin bestand darauf.

Poullein war blaß geworden; um das Rendezvous mit seiner Verlobten war es geschehen. Das genügte, um die Herzogin zu zerstreuen, denn sie hielt darauf, allem ein humanes Ansehen zu lassen. »Ich weiß, Sie haben morgen Ausgang«, sagte sie zu Poullein, »Sie brauchen nur mit Georges zu wechseln, er soll morgen ausgehn und übermorgen zu Hause bleiben.«

Aber übermorgen würde Poulleins Verlobte nicht frei sein. Da lag ihm nichts am Ausgehen. Sobald Poullein aus dem Zimmer war, machten alle der Herzogin Komplimente, wie gütig sie zu ihren Leuten sei. – »Aber ich behandle sie nur so, wie ich selbst behandelt zu werden wünschen würde.« –

»Das ists ja gerade. Die Leute können sagen, daß sie bei Ihnen eine gute Stellung haben.« – »Damit ist es nicht so weit her. Aber ich glaube, sie haben mich recht gern. Der da geht mir ein bißchen auf die Nerven; er ist verliebt und glaubt, melancholisch drein schaun zu müssen.«

Da trat Poullein wieder ein. – »In der Tat«, sagte Herr von Grouchy, »er sieht nicht sehr vergnügt aus. Man muß gut zu ihnen sein, aber nicht zu gut.« – »Böse bin ich gerade nicht, das geb ich zu; den ganzen Tag wird er nichts weiter zu tun haben als Ihre Fasanen abzuholen, dann müßig zu Hause zu bleiben und seinen Teil davon zu essen.« – »Da möchte wohl mancher an seiner Stelle sein, der Neid ist blind«, sagte Herr von Grouchy.

»Oriane«, sagte die Prinzessin von Parma, »neulich besuchte mich Ihre Kusine d'Heudicourt; offenbar eine Frau von hoher Intelligenz; nun, sie ist eine Guermantes, das sagt alles, aber es heißt, sie soll eine böse Zunge haben...« Der Herzog sah seine Frau lange mit gespielter Verblüffung an. Frau von Guermantes lachte. Die Prinzessin merkte es schließlich. »Aber ... Sie sind am Ende nicht ... meiner Ansicht?« fragte sie beunruhigt. »Hoheit sind zu gütig, sich um Basins Mienen zu kümmern. Machen Sie doch nicht so ein Gesicht, Basin, als wollten Sie über unsere Verwandte etwas Ungünstiges zu verstehen geben.« »Findet er sie zu boshaft?« fragte lebhaft die Prinzessin. »Oh, durchaus nicht«, gab die Herzogin zurück. »Ich weiß nicht, wer Ihrer Hoheit gesagt hat, daß sie eine böse Zunge hat. Im Gegenteil, sie ist ein gutes Geschöpf, hat nie etwas Schlechtes von jemandem gesagt, niemandem je etwas zuleide getan.« »Ach so«, sagte Frau von Parma erleichtert. »Ich habe auch gar nichts weiter bemerkt. Aber da ich weiß, wie schwer es oft ist, nicht ein bißchen boshaft zu sein, wenn man Geist hat...« »Geist? Das hat sie allerdings noch weniger.« »Noch weniger Geist...?« Die Prinzessin war ganz verblüfft. »Aber Oriane«, unterbrach der Herzog in klagendem Ton und warf nach rechts und links erheiterte Blicke, »Sie hören doch, die Prinzessin sagt Ihnen, daß es eine äußerst intelligente Frau ist«. »Ist sies denn nicht?« »Zum mindesten ist sie äußerst dick.« »Hören Sie nicht auf ihn, Hoheit, er ist nicht aufrichtig; sie ist dumm wie eine Gans«, sagte mit lauter rauher Stimme Frau von Guermantes; sie war viel echteres Altfrankreich als der Herzog, wenn ers nicht absichtlich darauf anlegte, aber sie bevorzugte dabei das Gegenteil seines Genres »Spitzenjabot und süße Courtoisie« und war dann in Wahrheit viel feiner mit ihrem fast bäurischen Tonfall, der herrlich herben Landgeschmack hatte. »Sie ist die beste Frau von der Welt. Und dann weiß ich auch nicht recht, ob man hier noch von Dummheit sprechen kann. Ich glaube, ich habe nie eine ähnliche Kreatur gekannt; es ist ein Fall für einen Arzt, es hat etwas Pathologisches; eine Art »Unschuld« wie sie Kretins und Zurückgebliebene haben, wie in manchen Melodramen oder in der Arlésienne. Wenn sie hier ist, warte ich immer, ob nicht mit einmal der Augenblick kommt, in dem ihr Verstand aufwacht, das macht mir immer etwas Angst.« So verblüfft die Prinzessin über das Urteil war, sie war doch entzückt über die Wendungen der Herzogin. »Von ihr und von Frau von Epinay hab ich Ihr Wort über Taquinius Superbus gehört. Das ist köstlich«, erwiderte sie. Herr von Guermantes erklärte mir das Wort. Ich hatte Lust, ihm zu sagen, sein Bruder, der vorgäbe, mich nicht zu kennen, erwarte mich denselben Abend um elf Uhr. Aber ich hatte Robert nicht gefragt, ob ich über das Rendezvous sprechen dürfe; daß Herr von Charlus sich so gut wie fest mit mir verabredet hatte, stand in Widerspruch zu dem, was er der Herzogin gesagt hatte, und so hielt ich es für taktvoller zu schweigen. »Taquinius Superbus ist nicht übel, aber einen viel hübscheren Ausspruch hat Ihnen Frau von Heudicourt wahrscheinlich nicht erzählt, nämlich das, was Oriane ihr neulich gesagt hat, als sie sie zum Dejeuner einlud.« »Nein! Sagen Sie es!« »Aber so seien Sie doch still, Basin, erstens war es dumm und die Prinzessin wird mich danach für noch einfältiger halten als meine törichte Kusine. Und dann – ich weiß gar nicht, warum ich sage »meine« Kusine. Sie ist Basins Kusine. Ein bißchen verwandt ist sie aber doch mit mir.« »Oh!« rief die Prinzessin bei der Zumutung, sie könne Frau von Guermantes für einfältig halten; heftig bestand sie darauf, nichts könne die Herzogin von der hohen Stufe stürzen, auf die sie ihre Bewunderung erhoben habe. »Und dann haben wir bereits ihre geistigen Qualitäten geleugnet; da nun dieser Ausspruch die Tendenz hat, ihr gewisse Herzensqualitäten abzusprechen, scheint er mir unangebracht.« »Absprechen! Unangebracht! Wie fein sie sich auszudrücken versteht«, sagte der Herzog scheinbar ironisch, damit man die Herzogin bewundere. »Machen Sie sich nicht über Ihre Frau lustig, Basin.« »Ihre königliche Hoheit müssen wissen«, nahm der Herzog wieder auf, »daß Orianes Kusine äußerst intelligent, gut, dick und, was man will ist, aber nicht gerade .. wie soll ich sagen .. verschwenderisch.« »Ja, ich weiß, sie ist knauserig«, unterbrach die Prinzessin. »Ich hätte mir den Ausdruck nicht gestattet, aber Sie haben das treffende Wort gefunden. Diese Eigenart prägt sich in ihrem Haushalt aus und speziell in der Küche, welche ausgezeichnet, aber streng bemessen ist.« »Das führt manchmal sogar zu recht komischen Szenen«, fiel Herr von Bréauté ein. »So habe ich einmal einen Tag in Heudicourt verbracht, als Oriane und Sie, mein lieber Basin, erwartet wurden. Man hatte prächtige Vorbereitungen getroffen, da kam nachmittags ein Lakai mit einer Depesche, daß Sie nicht kommen würden.« »Das wundert mich nicht!« sagte die Herzogin, die nicht nur schwer zu haben war, sondern auch gern sah, daß man es wußte. »Ihre Kusine liest das Telegramm, ist untröstlich, ruft aber, gleich wieder gefaßt, – um nicht für einen armen Rittersmann, wie ichs bin, unnötigen Aufwand zu machen –, den Lakaien zurück.« »Sagen Sie dem Küchenchef«, ruft sie, »er soll das Huhn zurücktun«. Und abends hörte ich, wie sie den Butler fragte: »Nun, und den Rest Rindfleisch von gestern? Servieren Sie den nicht?« »Immerhin muß man zugeben, daß die Kost bei ihr vortrefflich ist«, sagte der Herzog: er glaubte mit solchen Ausdrücken sich »ancien régime« zu zeigen. »Ich kenne kein Haus, in dem man besser speist.« »Und weniger«, unterbrach die Herzogin. »Das ist sehr gesund und es gibt genug für einen sogenannten schlichten Landmann, wie ich es bin«, fuhr der Herzog fort, »man übernimmt sich nicht«.

»Ja, wenn mans als Kur nimmt, ist es offenbar mehr hygienisch als schlemmerhaft. Gar so gut ist die Küche übrigens doch nicht«, erklärte Frau von Guermantes: sie sah es nicht gern, daß man den Titel des besten Tisches von Paris einem andern als dem ihren verlieh. »Mit meiner Kusine ist es so wie mit den konstipierten Dichtern, die alle fünfzehn Jahr einen Einakter oder ein Sonett ausbrüten. Das nennt man dann kleine Meisterwerke, winzige Juwelen, kurz das, was mir am unausstehlichsten ist. Schlecht ist die Küche bei Zénaide nicht, aber man würde sie mittelmäßig finden, wenn sie nicht so sparsam wäre. Manches macht ihr Küchenchef gut, manches verpatzt er. Ich habe dort wie überall schon sehr schlecht diniert, nur hats mir weniger geschadet als anderswo, weil der Magen für Quantität empfindlicher ist als für Qualität.« »Also, um mit der Geschichte zu Ende zu kommen«, schloß der Herzog, »Zénaide bestand darauf, daß Oriane zum Dejeuner käme, meine Frau, die nicht gern ausgeht, sträubte sich, wollte aber herausbekommen, ob man sie nicht unter dem Vorwand eines Essens im intimen Kreise hinterlistig in einen großen Betrieb hineinbugsieren wolle, und suchte vergeblich zu erkunden, wer denn an dem Dejeuner teilnehmen werde. »Komm nur, komm nur«, drängte Zénaide und pries die guten Dinge an, die es zu essen geben werde. »Du wirst ein Maronenpüree vorgesetzt bekommen, weiter sag ich dir nichts, und es wird sieben kleine ›Bouchées à la reine‹ geben.« »Sieben kleine Bouchées«, rief Oriane. »Dann werden wir also mindestens acht bei Tische sein!«« Nach einer Weile hatte die Prinzessin verstanden und brach in ein donnerndes Lachen aus. »Ach, dann werden wir also acht sein, das ist hinreißend! Wie gut das redigiert ist!« Mit äußerster Energie war es ihr gelungen, den Ausdruck, den Frau von Epinay gebraucht hatte, wiederzufinden, und diesmal paßte er besser. »Oriane, das hat die Prinzessin hübsch gesagt, sie sagt, es ist gut redigiert.« »Sie sagen mir da nichts Neues, lieber Freund, ich weiß, daß die Prinzessin sehr geistvoll ist,« antwortete Frau von Guermantes, die leicht an einer Wendung Gefallen fand, die aus dem Munde einer Hoheit kam und zugleich für ihren eignen Geist schmeichelhaft war. »Es macht mich stolz, daß Ihre Hoheit meine bescheidenen Redaktionen schätzt. Übrigens erinnere ich mich nicht, das gesagt zu haben. Habe ich es aber gesagt, wollte ich damit meiner Kusine nur schmeicheln, denn wenn sie sieben Bouchées hatte, hätten die dazugehörigen Münder, wenn ich so sagen darf, sicher das Dutzend überschritten.«

»Sie besaß alle Manuskripte des Herrn von Bornier«, begann die Prinzessin wieder von Frau von Heudicourt zu berichten: sie suchte gute Gründe anzubringen, weshalb sie mit dieser angeknüpft habe. »Das muß sie geträumt haben, ich glaube, sie hat ihn nicht einmal gekannt«, sagte die Herzogin. »Ganz besonders interessant ist, daß diese Korrespondenzen von Leuten aus verschiedenen Ländern stammen«, schloß die Gräfin von Arpajon sich an; sie war mit den ersten herzoglichen, ja sogar regierenden Häusern von Europa verschwägert, und es machte sie glücklich, wenn sie daran erinnern konnte. »Aber gewiß, Oriane«, sagte Herr von Guermantes, nicht ohne Absicht. »Sie erinnern sich doch an das Diner, bei dem Sie Herrn von Bornier neben sich hatten!« »Natürlich, Basin«, unterbrach die Herzogin, »wenn Sie damit sagen wollen, daß ich Herrn von Bornier gekannt habe, er hat mich sogar mehrmals aufgesucht, aber nie habe ich mich entschließen können, ihn einzuladen, sonst hätte ich jedesmal mit Formol desinfizieren lassen müssen. Und dies Diner, an das ich mich nur allzu deutlich erinnere, war durchaus nicht bei Zénaide, die Bornier nie im Leben gesehn hat; sie muß ja, wenn man von der Fille de Roland redet, meinen, es handle sich um eine Prinzessin Bonaparte, von der man behauptete, sie sei mit dem Sohn des griechischen Königs verlobt; nein, es war auf der österreichischen Botschaft. Der charmante Hoyos glaubte mir einen Gefallen zu tun, als er diesen verpesteten Akademiker neben mich auf einen Stuhl pflanzte. Ich meinte eine Schwadron Gendarmen zum Nachbarn zu haben. Ich mußte mir während des ganzen Diners, so gut es ging, die Nase zuhalten und wagte erst beim Käse wieder zu atmen!« Herr von Guermantes, der seinen heimlichen Zweck erreicht hatte, forschte verstohlen in den Gesichtern am Tische, um zu sehen, welchen Eindruck die Worte der Herzogin machten. »Da Sie von Korrespondenzen sprechen« sagte die Herzogin, »ich finde die Gambettas wundervoll.« Sie wollte zeigen, sie scheue sich nicht, für einen Proletarier und Radikalen sich zu interessieren. Herr von Bréauté begriff die ganze Geistesschärfe dieses kühnen Ausspruchs, er warf einen etwas weinseligen und gerührten Blick umher, dann wischte er sein Monokel ab.

»Mein Gott, verdammt öde war die Fille de Roland«, sagte Herr von Guermantes im Behagen seiner Überlegenheit über ein Werk, bei dem er sich so sehr gelangweilt hatte, vielleicht auch im suave mari magno, das wir während eines guten Diners bei dem Gedanken an so unangenehm verbrachte Abende fühlen. »Immerhin waren ein paar schöne Verse drin und patriotisches Gefühl.«

Ich ließ einfließen, daß ich an Herrn von Bornier nichts bewundere. »Ah! Sie haben ihm etwas vorzuwerfen?« fragte der Herzog mich neugierig, der immer, wenn man von jemandem Schlechtes sagte, meinte, es müsse an einem persönlichen Groll liegen, und wenn man Gutes von einer Frau sagte, daß ein kleiner Liebeshandel im Gange sei. »Ich sehe, Sie haben etwas gegen ihn auf dem Herzen. Was hat er Ihnen getan? Das müssen Sie uns erzählen. Doch, doch, es muß etwas zwischen Ihnen gegeben haben, da Sie ihn so heruntermachen. Recht lang ist sie ja, die Fille de Roland, aber doch ziemlich echt empfunden.« »Empfunden ist das richtige Wort für einen Autor, der so empfindlich riecht«, unterbrach ironisch Frau von Guermantes. »Wenn der arme Kleine je mit ihm zusammen war, ist es zu verstehen, daß er die Nase voll hat!« »Ich muß nebenbei Ihrer Hoheit gestehen,« wandte sich der Herzog wieder an die Prinzessin von Parma, »ich bin, von der Fille de Roland ganz abgesehen, in Literatur und sogar in Musik schrecklich altmodisch, die ältesten Chosen gefallen mir. Sie werdens mir vielleicht nicht glauben: wenn sich meine Frau abends ans Klavier setzt, bitte ich sie manchmal um eine alte Melodie von Auber, Boieldieu, ja sogar von Beethoven! Das liebe ich. Bei Wagner dagegen schlafe ich sofort ein.« »Sehr unrecht von Ihnen«, sagte Frau von Guermantes, »trotz seiner unerträglichen Längen hatte Wagner Genie. Lohengrin ist ein Meisterwerk. Selbst im Tristan gibt es hier und da eine interessante Seite. Und der Chor der Spinnerinnen im Fliegenden Holländer ist einfach wunderbar.« »Nicht wahr, Babal,« wandte sich Herr von Guermantes an Herrn von Bréauté. »›In diesen reizenden Gefilden gibt die schöne Welt sich stets ihr Stelldichein‹, das gefällt uns besser. Das ist entzückend. Und Fra Diavolo und die Zauberflöte und das Schweizerhäuschen, und Figaros Hochzeit und Les Diamants de la Couronne, das ist Musik! Mit der Literatur ist es genau so. Balzac vergöttere ich, den Ball in Sceaux, die Mohikaner in Paris.« »Ach mein Lieber, wenn Sie für Balzac vom Leder ziehn wollen, das wird uns zu viel, warten Sie damit, sparen Sies auf für einen Tag, an dem Mémé da ist. Er versteht sich noch besser auf Balzac, er kann ihn auswendig.« Es ärgerte den Herzog, daß seine Frau ihn unterbrach, und er nahm sie einige Augenblicke unter das Feuer eines drohenden Schweigens. Dabei waren seine Jägeraugen wie zwei geladene Pistolen. Inzwischen hatte Frau von Arpajon mit der Prinzessin von Parma Ansichten über tragische Poesie und Ähnliches getauscht, von denen ich erst nichts deutlich hörte, bis dann Frau von Arpajons Stimme mein Ohr traf: »Oh, gewiß, wie Ihre Hoheit meinen, ich gebe zu, daß er uns die Welt häßlich erscheinen läßt, weil er zwischen Schön und Häßlich nicht unterscheiden kann oder vielmehr, weil er sich in seiner unerträglichen Eitelkeit einbildet, alles, was er sagt, sei schön, ich teile ganz die Meinung Ihrer Hoheit, daß in diesem Stück manches Lächerliche und Geschmacklose, daß es schwer zu verstehen und mühevoll zu lesen ist, als wäre es russisch oder chinesisch geschrieben; es ist alles andre, nur kein Französisch, und doch, wenn man sich die Mühe genommen hat, wird man reichlich belohnt, es ist soviel Phantasie darin!« Von dieser kleinen Erörterung hatte ich den Anfang nicht gehört. Schließlich aber merkte ich, daß der Dichter, der Schön und Häßlich nicht unterscheiden konnte, niemand anders als Victor Hugo war, und das so schwer wie etwas Russisches oder Chinesisches zu verstehende Stück – »Lorsque l'enfant paraît le cercle de famille applaudit à grands cris«, eine Dichtung aus der ersten Periode des Dichters, die vielleicht Madame Deshoulières näher steht als dem Victor Hugo der Légende des Siècles. Weit entfernt, Frau von Arpajon lächerlich zu finden, sah ich sie (als erste dieser so wirklichen, banalen, für mich so enttäuschenden Tafelrunde) mit den Augen des Geistes unter dem Spitzenhäubchen, aus dem runde Schmachtlocken quellen, wie es Frau von Rémusat, Frau von Broglie, Frau von Saint-Aulaire getragen haben, lauter hervorragende Frauen, die in ihren entzückenden Briefen so kenntnisreich und passend Sophokles, Schiller und die Nachfolge Christi zitieren, die aber vor den ersten Dichtungen der Romantiker erschraken und soviel Mühe mit ihnen hatten wie meine Großmutter mit den letzten Versen von Mallarmé. »Frau von Arpajon liebt die Poesie sehr«, sagte, von dem lebhaften Ton der Gräfin überrascht, die Prinzessin von Parma zu Frau von Guermantes. »Nichts versteht sie davon«, antwortete leise Frau von Guermantes; sie benutzte den Augenblick, als Frau von Arpajon auf einen Einwurf des Generals von Beautreillis antwortete und zu sehr mit ihren eignen Worten beschäftigt war, um zu hören, was die Herzogin flüsterte. »Sie wird literarisch, seit sie verlassen ist. Ihre Hoheit müssen wissen, von alldem hab ich das meiste zu ertragen, immer kommt sie zu mir, sich auszuweinen, wenn Basin sie nicht besucht hat, das heißt, fast alle Tage. Meine Schuld ist es wahrhaftig nicht, wenn er sie über hat, ich kann ihn nicht zwingen, zu ihr zu gehn, obwohl es mir lieber wäre, er bliebe ihr ein bißchen treu, denn dann bekäme ich sie nicht so viel zu sehn. Aber sie geht ihm auf die Nerven, und das ist nicht weiter erstaunlich. Sie ist kein schlechter Mensch, aber langweilig in einem Grade, den Sie sich nicht vorstellen können. Mir macht sie tagtäglich solche Kopfschmerzen, daß ich jedesmal Pyramidon nehmen muß. Und all das, weil es Basin ein Jahr lang beliebt hat, mich ein bißchen mit ihr zu betrügen. Und obendrein noch einen Lakaien zu haben, der in eine kleine Hure verliebt ist und eine verdrossene Miene aufsetzt, wenn ich die junge Person nicht bitte, einen Augenblick ihr einträgliches Pflaster zu verlassen und mit mir Tee zu trinken! Ach, das Leben ist kein Vergnügen!« schloß seufzend die Herzogin. Frau von Arpajon war Herrn von Guermantes besonders unerträglich, weil er seit kurzem Liebhaber einer andern war, der Marquise von Surgis-le-Duc, wie ich erfuhr. Gerade erschien wieder der Lakai, der um seinen Ausgangstag gekommen war, und servierte. Er schien mir noch recht traurig und gab nicht auf seine Arbeit acht. Als er Herrn von Châtellerault reichte, stellte er sich so ungeschickt an, daß des Herzogs Ellenbogen mehrmals mit dem des Bedienenden zusammenstieß. Der junge Herzog nahm das aber dem Lakaien, der rot wurde, nicht weiter übel, sah ihn vielmehr mit seinen hellblauen Augen lachend an. In seiner guten Laune glaubte ich Gutherzigkeit zu erblicken. Als er aber immer weiter lachte, kam es mir eher so vor, als wüßte er von der Enttäuschung des Dieners und habe vielleicht seine boshafte Freude daran. »Aber, meine Liebe, mit dem, was Sie uns da von Victor Hugo sagen, haben Sie keine neue Entdeckung gemacht« – Frau von Guermantes wandte sich jetzt direkt an Frau von Arpajon, die etwas ängstlich den Kopf gedreht hatte. »Machen Sie sich keine Hoffnung, diesen Anfänger zu lancieren. Alle wissen, daß er Talent hat. Abscheulich ist nur der Victor Hugo der letzten Periode, die Légende des siècles und, ich weiß nicht die andern Titel. Aber die Feuilles d'Automne und die Chants du Crépuscule, in denen ist er oft Dichter, echter Dichter. Sogar in den Contemplations«, fuhr die Herzogin fort und die andern wagten – aus guten Gründen – sie nicht zu unterbrechen, »gibt es noch manches Hübsche. Aber ich muß gestehen, ich wage mich lieber nicht über die Chants du Crépuscule hinaus! Und dann stößt man in den schönen Gedichten von Victor Hugo, und es gibt schöne von ihm, oft auf eine Idee, sogar auf eine tiefe Idee. – Hören Sie dies« – mit echtem Gefühl und aller Kraft ihres Tonfalls hob sie langsam das Traurige des Gedankens hervor, bis er selbständig jenseits ihrer Stimme da war, und sah dabei träumerisch anmutig vor sich hin:

»›Der Schmerz ist eine Frucht, die nie an einem Zweige,
Zu schwach für ihr Gewicht, der Schöpfer wachsen läßt.‹

Oder auch:

›Die Toten dauern kaum
Und werden schneller noch, ach, als in ihren Särgen,
In unsern Herzen Staub!‹«

Und während ein Lächeln der Enttäuschung ihren schmerzlichen Mund reizvoll schweifte, heftete die Herzogin auf Frau von Arpajon den träumerischen Blick ihrer schönen hellen Augen. Die kannte ich nun schon ein wenig und auch die schleppende herrlich herbe Stimme. In Augen und Stimme fand ich viel Combray wieder. Und wenn diese Stimme bisweilen mit Absicht Ackerrauheit annahm, trug mancherlei dazu bei: der rein provinzielle Ursprung eines Zweiges der Familie Guermantes, der länger als die andern ansässig und kühner, wilder, trotziger blieb; dann die Gewohnheit wirklich distinguierter und geistvoller Leute, die wissen, daß es durchaus nicht distinguiert ist, mit spitzen Lippen geziert zu flüstern, und auch die Art und Weise von Adligen, die lieber mit ihren Bauern als mit Bürgern fraternisieren, alles Eigenheiten, die offen – frei vorm Winde segelnd – herauszustellen, der Frau von Guermantes ihre Königinnenrolle erlaubte. Dieselbe Stimme haben offenbar auch Schwestern der Herzogin gehabt, die sie nicht leiden konnte, die waren nicht so intelligent wie Oriane, hatten bürgerlich geheiratet (wenn man dies Wort auf die Verbindung mit unansehnlichen Adligen anwenden darf, die in ihrer Provinz oder zu Paris in einem lichtscheuen Faubourg Saint-Germain vergraben lebten); sie besaßen dieselbe Stimme, hatten sie aber nach Kräften geschmeidigt, abgeschliffen, gemildert; hat ja doch recht selten einer von uns den Mut zu seiner Originalität, man bemüht sich lieber, gepriesenen Vorbildern ähnlich zu werden. Oriane war eben viel intelligenter, viel reicher und vor allem viel mehr Mode als ihre Schwestern, sie hatte nicht umsonst beim Prinzen von Wales Regen und Sonnenschein gemacht; ihr war bewußt, diese dissonierende Stimme war eine Zaubermacht und sie hatte daraus in der Sphäre der Gesellschaft das geschaffen, was in der des Theaters eine Réjane, eine Jeanne Granier (wobei natürlich zwischen Bedeutung und Begabung dieser beiden Künstlerinnen kein Vergleich gezogen werden soll) aus ihren Stimmen gemacht haben, etwas Bewundernswertes, Unterscheidendes, was vielleicht Schwestern der Réjane oder der Granier, die unbekannt geblieben sind, wie ein Gebrechen zu verbergen gesucht haben.

Zu den Beweggründen, ihre heimatliche Eigenart zu entfalten, hatte die Vorliebe der Frau von Guermantes für die Werke von Mérimée, Meilhac und Halévy mit dem Respekt vor dem Natürlichen eine Neigung zum klar Prosaischen hinzugetan, durch die sie zur Poesie gelangte, und hatte ihr eine rein gesellschaftliche Geistigkeit gegeben, die vor meinen Augen Landschaftsbilder beschwor. Übrigens war es der Herzogin durchaus zuzutrauen, daß sie mit diesen Einflüssen ein künstlerisches Bestreben verband und für die meisten Worte die Aussprache wählte, die ihr am meisten echt Ile-de-France, echt Champagne schien, verwandte sie doch, wenn auch nicht in dem Grade wie ihre Schwägerin Marsantes, nur den reinen Wortschatz, dessen ein altfranzösischer Autor sich hätte bedienen können. Und war man des scheckigen modernen Sprachgemischs müde, wurde, wenn man auch wußte, daß Frau von Guermantes viel weniger Dinge ausdrückte, ihr zuzuhören, eine wahre Erholung – war man allein mit ihr und wählte und läuterte sie die Worte ihrer fließenden Konversation noch strenger, war es fast so erquickend, wie einem alten Liede zu lauschen. Wenn ich Frau von Guermantes so ansah und anhörte, erblickte ich, umfangen von dem ewig ruhevollen Nachmittag ihrer Augen, einen Ile-de-France- oder Champagne-Himmel bläulich schräg hersinkend mit demselben Neigungswinkel wie bei Saint-Loup. So kamen in Frau von Guermantes verschiedene Bildungswelten zugleich zum Ausdruck: ältester französischer Adel, dann aus viel späterer Zeit die Art, wie etwa die Herzogin von Broglie unter der Julimonarchie Victor Hugo hätte genießen und tadeln können, und schließlich ein lebhafter Sinn für die Literatur, die von Mérimée und Meilhac ausgeht. Die erste dieser Bildungswelten war mir lieber als die zweite, half mir besser hinweg über die Enttäuschung, die mir Reise und Ankunft ins Faubourg Saint-Germain bereiteten, wo alles ganz anders war, als ich geglaubt hatte, doch gefiel mir die zweite immer noch besser als die dritte. Während Frau von Guermantes fast ohne Absicht Guermantes war, hatte ihr Pailleronismus und ihre Vorliebe für den jüngeren Dumas etwas Bewußtes und Gewolltes. Da dieser Geschmack das Gegenteil von meinem war, lieferte sie mir Literatur, wenn sie vom Faubourg Saint-Germain sprach, und war für mich nie so beschränktes Faubourg Saint-Germain, als wenn sie über Literatur sprach.

Die letzten Verse hatten Frau von Arpajon ergriffen, sie rief: »›Des Herzens Heiligtum muß auch zu Asche werden‹. Das müssen Sie mir auf meinen Fächer schreiben«, sagte sie zu Herrn von Guermantes. »Arme Frau, sie dauert mich!« sagte die Prinzessin von Parma zu Frau von Guermantes. »Ach, Hoheit müssen sich nicht erweichen lassen, sie bekommt nur, was sie verdient.« – »Aber... Sie verzeihen, wenn ich das zu Ihnen sage... sie liebt ihn doch wirklich!« – »Durchaus nicht, dazu ist sie unfähig, sie glaubt ihn zu lieben, wie sie jetzt eben glaubte, Victor Hugo zu zitieren, während sie einen Vers von Musset sagte. Schauen Sie,« – ihre Stimme klang melancholisch – »ein echtes Gefühl würde niemandem näher gehen als mir. Aber ich will Ihnen ein Beispiel geben. Gestern hat sie Basin eine schreckliche Szene gemacht. Hoheit werden vielleicht glauben, weil er Andre liebt, weil er sie nicht mehr liebt; ach nein, weil er ihre Söhne nicht im Jockey-Klub einführen will! Finden Sie das einer Liebenden würdig? Nein, ich behaupte geradezu,« – ihr Ton wurde scharf – »es ist ein Wesen von seltener Gefühllosigkeit.« Herrn von Guermantes' Augen strahlten vor Zufriedenheit, während er seine Frau so aus dem Stegreif über Victor Hugo sprechen und Verse zitieren hörte. Mochte die Herzogin ihn auch oft ärgerlich machen, in solchen Momenten war er stolz auf sie. »Oriane ist fabelhaft. Über alles kann sie sprechen, alles hat sie gelesen. Sie konnte nicht ahnen, daß heut Abend das Gespräch auf Victor Hugo kommen würde. Womit man ihr auch kommen mag, sie ist auf alles gefaßt, mit den größten Gelehrten kann sie es aufnehmen. Der junge Mann muß ganz überwältigt sein.« »Sprechen wir von etwas anderm, sie ist sehr empfindlich«, sagte Frau von Guermantes zu der Prinzessin, dann wandte sie sich an mich: »Sie werden mich sehr altmodisch finden, ich weiß, heutzutage gilt es als Schwäche, Ideen in der Dichtung, Dichtungen, die eine Idee enthalten, zu lieben.« »Altmodisch?« sagte die Prinzessin von Parma; es überfuhr sie ein leichter Schauer bei dieser etwas unbestimmten Neuigkeit, auf die sie nicht gefaßt war, wenn sie auch wußte, in dem Gespräch mit der Herzogin von Guermantes standen ihr immer eine Reihe köstlicher Erschütterungen bevor, atemraubender Schrecken, gesunde Anstrengung, wonach sie instinktiv meinte, sie müsse ein Fußbad nehmen und dann »zur Reagenz« schnell einen kleinen Marsch machen. »Nein, Oriane,« sagte Frau von Brissac, »ich für mein Teil verüble es Victor Hugo nicht, daß er Ideen hat, im Gegenteil, nur daß er sie im Widerwärtigen sucht. Er ist es ja eigentlich gewesen, der uns an das Häßliche in der Literatur gewöhnt hat. Es gibt schon im Leben Häßliches genug. Sollten wir das nicht wenigstens, während wir lesen, vergessen? Ein peinlicher Anblick, von dem wir uns im Leben abwenden, gerade der zieht Victor Hugo an.« »Victor Hugo ist aber doch wohl nicht so realistisch wie Zola?« fragte die Prinzessin von Parma. Beim Namen Zola zuckte keine Muskel im Gesicht des Herrn von Beautreillis. Des Generals Antidreyfusismus lag zu tief in ihm, als daß er sich bemüht hätte, ihn auszudrücken. Wenn diese Dinge berührt wurden, bewahrte er wohlwollendes Schweigen, das auf die Profanen so taktvoll wirkte wie das Verhalten eines Priesters, der es vermeidet, uns von unsern religiösen Pflichten zu sprechen, oder das eines Finanzmanns, der es sich angelegen sein läßt, nie die Unternehmen, die er leitet, zu empfehlen, eines Athleten, der sanft mit uns ist und uns keine Faustschläge versetzt. »Ich weiß, Sie sind mit dem Admiral Jurien de la Gravière verwandt«, sagte, als wäre sie dessen sicher, Frau von Varambon zu mir, die Hofdame der Prinzessin von Parma, eine vortreffliche, aber beschränkte Frau, die ehedem des Herzogs Mutter der Prinzessin zugeführt hatte. Sie hatte noch nie ein Wort mit mir gesprochen, und in der Folgezeit habe ich trotz des Einspruchs der Prinzessin von Parma und meiner eignen Beteuerungen sie nie davon abbringen können, ich müsse irgendwie mit dem Admiral und Akademiker zusammenhängen, der mir doch ganz unbekannt war. Die Hartnäckigkeit, mit der die Hofdame der Prinzessin von Parma in mir durchaus einen Neffen des Admirals Jurien de la Gravière sehen wollte, hatte an und für sich etwas vulgär Lächerliches. Aber ihr Irrtum war nur ein extremer und besonders stumpfsinniger Fall der vielen im allgemeinen leichteren, nuancierteren, unfreiwilligen oder absichtlichen Irrtümer, die hinter unserm Namen auf dem »Zettel« stehn, den uns die Gesellschaft in ihrem Register ausstellt. Ich erinnere mich, ein Freund der Guermantes, der den lebhaften Wunsch äußerte, mich kennen zu lernen, gab mir als Grund an, ich kenne seine Kusine, Frau von Chaussegros, gut, »sie ist charmant, hat Sie sehr gern«. Mit vergeblicher Gewissenhaftigkeit bestand ich darauf, es liege ein Irrtum vor, ich kenne Frau von Chaussegros nicht. »Dann ist es ihre Schwester, die Sie kennen, das bleibt sich gleich. Sie hat Sie in Schottland getroffen.« Ich war nie in Schottland gewesen, ich gab mir redliche aber unnötige Mühe, meinem Unterredner das klar zu machen. Frau von Chaussegros selbst hatte gesagt, sie kenne mich, offenbar im guten Glauben infolge einer erstmaligen Verwechslung, denn nie unterließ sie es, wenn sie mich traf, mir die Hand zu reichen. Und da ich so ziemlich in denselben Kreisen verkehrte wie Frau von Chaussegros, war meine Bescheidenheit gar nicht angebracht. Daß ich mit den Chaussegros befreundet sei, war, wörtlich genommen, ein Irrtum, entsprach aber vom gesellschaftlichen Standpunkt durchaus meiner Situation, wenn man bei einem so jungen Menschen, wie ich es war, schon von Situation sprechen kann. Mochte also der Freund der Guermantes mir auch lauter Falsches über mich sagen, ich wurde dadurch (vom mondänen Standpunkt) in der Vorstellung, die er sich auch weiterhin von mir machte, weder besser noch schlechter. Und schließlich und endlich, wenn sich wirklich jemand von uns eine falsche Vorstellung macht, glaubt, wir seien mit einer Dame befreundet, die wir gar nicht kennen, als allgemein bekannt voraussetzt, daß wir sie auf einer hübschen Reise – die wir nie gemacht haben – kennen lernten, so wird dadurch für Leute, die nicht sowieso Komödie spielen, das Langweilige, immer in derselben Persönlichkeit zu stecken, für einen Augenblick so angenehm aufgehoben, als ob wir die Bretter beträten. Das sind Irrtümer, die uns auf angenehme Weise Vielfältigkeit geben, wenn sie nicht die starre Härte dessen haben, den die törichte Hofdame der Frau von Parma beging und trotz meines Ableugnens lebenslänglich weiter begehen sollte, da sie sichs nun ein für allemal in den Kopf gesetzt hatte, ich sei mit dem langweiligen General Jurien de la Gravière verwandt. »Sie ist kein Lumen«, sagte mir der Herzog, »und dann verträgt sie das viele Trinken nicht, ich glaube, sie steht ein wenig unter der Einwirkung von Bacchus«. In Wirklichkeit hatte Frau von Varambon nur Wasser getrunken, aber der Herzog brachte gern seine Lieblingswendungen an. »Aber Zola ist kein Realist, Hoheit, Zola ist ein Dichter!« sagte Frau von Guermantes; sie war beeinflußt von kritischen Essais, die sie in den letzten Jahren gelesen und ihrer persönlichen Geistesrichtung angepaßt hatte. Bisher hatte sich die Prinzessin von Parma in dem geistigen Bad angenehm hin und her werfen lassen, es war ein recht bewegtes Bad für sie heut Abend, und sie meinte, es würde ihr besonders heilsam sein, sie ließ sich von den Paradoxen, wie sie so hintereinander über sie her brandeten, tragen; aber vor diesem letzten, das maßloser war als die andern, fuhr sie empor aus Furcht, umgeworfen zu werden. Mit stockender Stimme, als ginge ihr der Atem aus, rief sie: »Zola ein Dichter!« »Aber gewiß«, antwortete lachend die Herzogin, entzückt über die beklemmende Wirkung ihrer Worte. »Ich möchte Ihre Hoheit darauf aufmerksam machen, wie er alles, was er berührt, vergrößert. Sie werden mir erwidern, er berühre ausgerechnet die Sache..., die bekanntlich Glück bringt! Aber er macht etwas Ungeheures daraus. Er ist der Homer der Kloake. Er hat gar nicht genug große Buchstaben, um ein gewisses Wort zu schreiben.« Trotz tiefster Ermattung, die sie kommen fühlte, war die Prinzessin entzückt; nie hatte sie sich wohler gefühlt. Nicht einmal gegen einen Aufenthalt in Schönbrunn – das einzige, was ihrem Stolz geschmeichelt haben würde – hätte sie die göttlichen Diners bei Frau von Guermantes, mit ihrem stärkenden Salzgehalt, eingetauscht. »Ich glaube«, wandte sich Frau von Guermantes mit sanftem Lächeln an mich – als vollkommene Gastgeberin wollte sie zeigen; was sie über den Künstler, der mich besonders interessierte, wußte, und mir Gelegenheit geben, mein Wissen leuchten zu lassen, »ich glaube« – sie bewegte leicht ihren Fächer, sie war sich bewußt, in diesem Augenblick die Pflichten der Gastfreundschaft voll und ganz zu erfüllen, und um keine zu versäumen, winkte sie, man solle mir noch einmal die Spargeln mit sauce mousseline reichen, »Zola hat doch über Elstir eine Studie geschrieben, von dem Sie vorhin einige Bilder angesehn haben, nebenbei die einzigen, die ich von ihm liebe.« In Wahrheit konnte sie Elstirs Malerei nicht leiden, aber sie fand alles, was in ihrem Hause war, ausgesucht schön. Ich fragte Herrn von Guermantes, wer der Herr mit dem Zylinder mitten unter vielem Volk auf dem einen Bilde sei, derselbe, dessen Porträt in festlichem Anzug ich ganz in der Nähe unter den Bildern erkannt hatte; es mochte ungefähr aus der Periode stammen, in der Elstirs Kunst noch nicht ganz selbständig war, noch etwas unter Manets Einfluß stand. »Mein Gott«, antwortete er, »ich kenne ihn, es ist ein ganz bekannter Mann und auf seinem Gebiet auch gar nicht so übel, mir gehen die Namen so durcheinander. Seiner liegt mir auf der Zunge, Herr... Herr... na, gleichviel, ich weiß nicht mehr. Swann könnte es Ihnen sagen, er hat Frau von Guermantes dazu gebracht, das Zeug zu kaufen; sie ist ja immer zu liebenswürdig, immer in Sorge, jemanden zu verletzen, wenn sie etwas abschlägt; unter uns, ich glaube, er hat uns da schaurige Schinken aufgehalst. Soviel ich weiß, ist dieser Herr eine Art Mäzen von Herrn Elstir, der ihn lanciert und oft, um ihm aus Verlegenheiten zu helfen, Bilder bei ihm bestellt hat. Zum Dank – wenn Sie das Dank nennen, es ist Geschmacksache – hat er ihn in diese Szene hineingemalt, in der er sich in seinem feierlichen Aufzug ziemlich komisch ausnimmt. Es mag ja ein großer Geistesheld sein, aber offenbar weiß er nicht, bei welchen Gelegenheiten man einen Zylinder aufsetzt. Unter all diesen Mädchen ohne Hut sieht er mit seinem wie ein Kleinstadtadvokat aus, der bummeln geht. Aber sagen Sie mal, Sie scheinen ja ganz versessen auf diese Bilder zu sein. Wenn ich das gewußt hätte, würde ich mich genauer informiert haben, um Ihnen Auskunft geben zu können. Nebenbei bemerkt, es ist nicht nötig, sich so abzumühen, um hinter Herrn Elstirs Malereien zu kommen, als handle sichs um die Quelle von Ingres oder die Kinder Eduards von Paul Delaroche. Man kann daran schätzen, daß es fein beobachtet, amüsant, pariserisch ist, und dann geht man weiter. Ein Kenner braucht man nicht zu sein, um sich das anzusehn. Ich weiß, es sind nur Skizzen, aber ich finde, sie sind nicht genug durchgearbeitet. Swann hatte die Dreistigkeit, uns einen Bund Spargel von Elstir aufschwatzen zu wollen. Das Bild hat sogar ein paar Tage hier gehangen. Es war sonst nichts auf dem Bild, nur ein Bund Spargel, genau solche, wie Sie sie da grade schlucken. Ich aber habe mich geweigert, Herrn Elstirs Spargel zu schlucken. Er wollte dreihundert Franken dafür haben. Dreihundert Franken für einen Bund Spargel. Zwanzig Franken gibt man dafür, selbst wenns die ersten im Jahr sind! Das fand ich denn doch etwas stark. Wenn er in seine Sachen Personen hineinmalt, bekommen sie immer etwas Gemeines, Pessimistisches, das mir mißfällt. Ich wundre mich, daß ein verwöhnter Geist, ein feiner Kopf wie Sie so etwas liebt.« »Wie können Sie das sagen, Basin«, warf die Herzogin ein, die es nicht leiden konnte, daß man etwas, das sich in ihren Salons befand, schlecht machte. »Ich denke nicht daran, in Elstirs Bildern alles ohne Unterschied anzuerkennen. Man muß sich das Gute aussuchen. Aber seine Sachen sind nicht immer ohne Talent. Und man muß zugeben, die, welche ich gekauft habe, sind besonders schön.« »Oriane, in dieser Art ist mir die kleine Studie von Herrn Vibert, die wir auf der Ausstellung der Aquarellisten gesehn haben, tausendmal lieber. Es ist nur eine Kleinigkeit, wenn Sie wollen, nur eine Handvoll, aber Geist ist darin bis in die Fingerspitzen: der schmutzige ausgemergelte Missionär vor dem behaglichen Prälaten, der mit seinem Hündchen spielt, das ist ein ganzes kleines Gedicht an Geschmack und sogar an Tiefe.« »Sie kennen, glaube ich, Herrn Elstir«, sagte die Herzogin zu mir. »Als Mensch ist er sympathisch.« »Er ist intelligent«, sagte der Herzog, »wenn man mit ihm spricht, wundert man sich, daß seine Malerei so gewöhnlich ist.« »Er ist mehr als intelligent, er ist recht geistvoll«, sagte die Herzogin mit der Sicherheit des Kenners. »Hatte er nicht ein Porträt von Ihnen angefangen, Oriane?« fragte die Prinzessin von Parma. »Allerdings, in krebsrot«, antwortete Frau von Guermantes, »aber das wird seinen Namen nicht unsterblich machen. Es ist greulich, Basin wollte es vernichten.« Das war eine Wendung, die Frau von Guermantes oft brauchte. Aber es gab Fälle, in denen sie anders über dies Bild urteilte: »Ich liebe seine Malerei nicht, aber er hat früher einmal ein schönes Porträt von mir gemacht.« Das eine dieser Urteile richtete sich gewöhnlich an die Leute, die der Herzogin von ihrem Porträt sprachen, das andre an die, welche ihr nicht davon sprachen: die sollten erfahren, daß es eins gebe. Das erste Urteil gab ihr die Koketterie, das zweite die Eitelkeit ein. »Von Ihnen ein greuliches Porträt machen? Dann ist es kein Porträt, sondern eine Lüge. Ich, die ich kaum einen Pinsel halten kann, – wenn ich Sie malen würde und nur wiedergäbe, was ich sehe, mir scheint, ich würde ein Meisterwerk machen« sagte naiv die Prinzessin von Parma. »Vermutlich sieht er mich, wie ich selbst mich sehe, das heißt, ganz reizlos«, sagte Frau von Guermantes und ihr Blick bekam etwas zugleich Melancholisches, Bescheidenes und Kokettes, dieser Ausdruck schien ihr am geeignetsten, um so zu wirken wie Elstir sie nicht gezeigt hatte. »Frau von Gallardon dürfte dies Porträt gefallen«, sagte der Herzog. »Weil sie von Malerei nichts versteht?« fragte die Prinzessin von Parma, die wußte, wie sehr Frau von Guermantes ihre Kusine verachtete. »Aber sie ist sonst eine recht gute Frau, nicht wahr?« Der Herzog machte ein erstauntes Gesicht. »Aber Basin, merken Sie nicht, daß die Prinzessin sich über Sie lustig macht? (die Prinzessin dachte nicht daran.) Sie weiß so gut wie Sie, daß Galardonette eine alte Giftkröte ist.« Auf solche altertümlichen Wendungen beschränkte sich der Wortschatz der Frau von Guermantes und bekam dadurch das Schmackhafte der in Wirklichkeit so selten gewordenen Gerichte, wie man sie in den köstlichen Büchern von Pampille beschrieben finden kann, bei denen Gelees, Butter, Saft, die Knödel authentisch sind, sich auf keine Mischung einlassen – wird doch selbst das Salz immer direkt aus den Salzteichen der Bretagne bezogen: an Tonfall und Wortwahl fühlte man, daß die Wendungen der Herzogin im wesentlichen direkt aus Guermantes stammten. Darin unterschied sie sich durchaus von ihrem Neffen Saint-Loup, bei dem lauter neue Ideen und Wendungen überwucherten; wer von Kants Gedanken und Baudelaires Schwermut ergriffen wird, für den ist es schwer, das köstliche Französisch von Henri IV. zu schreiben; so war bei der Herzogin die Reinheit ihrer Sprache ein Zeichen ihrer Begrenztheit, sie bewies, daß ihre Intelligenz sowohl wie ihr Gefühl allem Neuen verschlossen geblieben war. Auch das gefiel mir sehr an dem Geist der Frau von Guermantes: seine Exklusivität, er schloß aus, was gerade der Gegenstand meines eignen Denkens war, und dadurch behielt er so viel, behielt die verführerische blühende Kraft geschmeidiger Körper, die noch keine aufreibende Reflexion, kein geistiges Bedenken, keine nervöse Störung geschwächt hat. Ihr geistiges Wesen, an dem viel Altertümlicheres geformt hatte als an meinem, war für mich ebenso wertvoll wie das, was der Gang der jungen Mädchen von der kleinen Bande am Strand mir gegeben hatte. Frau von Guermantes bot mir – durch Liebenswürdigkeit und Respekt vor geistigen Werten gebändigt und gefügig gemacht – Willenskraft und Charme eines mitleidlosen jungen Mädchens von Adel aus der Umgegend von Combray, die von Kindheit an geritten ist, Katzen erschlagen, Kaninchen die Augen ausgestochen hat, und wenn sie auch vorbildlich tugendhaft geblieben war, in ziemlich weit zurückliegender Zeit, die glänzendste Geliebte des Fürsten von Sagan hätte sein können (in so hohem Grade besaß sie die entsprechende Eleganz). Allein sie war nicht imstande zu begreifen, was ich in ihr gesucht hatte – den Zauber des Namens Guermantes – und wie wenig ich gefunden hatte: einen provinziellen Guermantes-Rest. Beruhten unsere Beziehungen auf einem Mißverständnis, das sich unfehlbar herausstellen mußte, sobald meine Huldigungen anstatt an die verhältnismäßig überlegene Frau, die sie zu sein glaubte, an eine andre ebenso mittelmäßige sich richten würden, von der derselbe unabsichtliche Reiz ausging? Ein ganz natürliches Mißverständnis, wie es zwischen einem jungen Träumer und einer Dame von Welt immer bestehen wird, ihn aber tief erschüttern muß, solange er noch nicht die Natur seiner Einbildungskraft erkannt und mit den unvermeidlichen Enttäuschungen sich noch nicht abgefunden hat, die ihn bei Menschen, wie im Theater, auf Reisen und selbst in der Liebe erwarten. Herr von Guermantes hatte (im Anschluß an Elstirs Spargel und die, welche nach dem poulet financière gereicht worden waren) erklärt, die grünen im Freien gezüchteten Spargel, von denen der charmante Schriftsteller, der E. de Clermont-Tonnerre zeichnet, so drollig sagt: »Sie haben nicht die imponierende Steifheit ihrer Schwestern«, müßten mit Eiern gegessen werden. »Was einem gefällt, mißfällt dem andern, und umgekehrt«, erwiderte Herr von Bréauté. »In der chinesischen Provinz Kanton setzt man Ihnen als köstlichsten Schmaus ganz verfaulte Ortolaneier vor.« Herr von Bréauté war Verfasser einer Studie über die Mormonen, die in der Revue des Deux Mondes erschien, verkehrte nur in hocharistokratischen Kreisen und von diesen nur in solchen, die im Ruf geistiger Interessen standen. Besuchte er eine Dame häufiger, so konnte man daraus schließen, daß sie einen »Salon« hatte. Er gab vor, Gesellschaften seien ihm zuwider, und versicherte jeder Herzogin einzeln, er besuche sie nur um ihres Geistes und ihrer Schönheit willen. Davon waren sie alle überzeugt. Jedesmal wenn er sich, den Tod im Herzen, resigniert entschloß, zu einer großen Soiree bei der Prinzessin von Parma zu gehen, entbot er sie alle dahin, damit sie ihm Mut machten, und so schien er sich dort mitten in intimstem Kreise zu bewegen. Damit der Ruf seiner Geistigkeit sein mondänes Gebahren überlebe, wandte er gewisse Maximen des »Geistes der Guermantes« an und unternahm mitten in der Ballsaison mit eleganten Damen lange wissenschaftliche Reisen, und wenn eine Snobistin, und das bedeutete eine Frau, die sich noch keine gesellschaftliche Situation errungen hatte, sich überall zu zeigen begann, weigerte er sich mit wilder Hartnäckigkeit, sie kennenzulernen, ihr sich vorstellen zu lassen. Sein Haß gegen die Snobs entsprang seinem Snobismus, ließ aber die Naiven, das heißt alle Welt, in dem Wahn, er sei ganz frei davon. »Babal weiß immer alles!« rief die Herzogin von Guermantes. »Das muß ja ein reizendes Land sein, wo man mit Sicherheit darauf rechnet, daß einem der Milchhändler recht faule Eier verkauft, Eier aus dem Kometenjahr. Ich kann mir genau vorstellen, wie ich meine Butterschnitte dahinein tauche. Allerdings muß ich sagen, es kann einem bei deiner Tante Madeleine (Frau von Villeparisis) auch passieren, daß Sachen, die schon verfaulen, gereicht werden, sogar Eier (und als Frau von Arpajon laut protestierte), aber Phili, das wissen Sie doch so gut wie ich. Das Küken ist schon im Ei. Wie die Tierchen nur so artig sein können, drin zu bleiben! Da gibts nicht Omelette, sondern Hühnerhof, nun wenigstens steht das nicht auf dem Menu. Ihr Glück, daß Sie vorgestern nicht zum Diner hingekommen sind, es gab eine Steinbutte in Karbolsäure! Es schmeckte nach Desinfektion im Hospital. Norpois ist wirklich heroisch in seiner Treue: er hat zum zweitenmal davon genommen!« »Ich meine, ich habe Sie doch bei dem Diner gesehen, bei dem sie diesen Herrn Bloch so heftig angefahren hat (Herr von Guermantes sprach, vielleicht um dem jüdischen Namen einen fremdländischeren Klang zu geben, das ch in Bloch nicht wie k, sondern wie in dem deutschen Wort hoch aus); der hatte, ich weiß nicht mehr von welchem Dichter, gesagt, er sei erhaben. Umsonst stieß Châtellerault Herrn Bloch in die Schienbeine, der begriff nichts und meinte, die Kniestöße meines Neffen seien einer Dame zugedacht, die dicht neben ihm saß (hier errötete Herr von Guermantes leicht). Es ging ihm nicht auf, daß er unsere Tante mit seinem mir nichts dir nichts ausgeteilten ewigem »erhaben« verdroß. Kurz, Tante Madeleine, die den Mund auf dem rechten Fleck hat, gabs ihm kräftig: »Oho, Herr Bloch, was haben Sie sich denn dann für Herrn von Bossuet aufgehoben?« (Herr von Guermantes meinte, vor einem berühmten Namen sei »Herr« und »von« bestes ancien régime). Unbezahlbar war das«. »Und was hat der Herr Bloch erwidert?« fragte zerstreut Frau von Guermantes, der im Augenblick nichts Originelles einfiel – und so machte sie wenigstens die deutsche Aussprache ihres Gatten nach. »Ach, glauben Sie mir, Herr Bloch hatte genug, er schlug sich seitwärts in die Büsche.« »Aber gewiß, ich kann mich sehr gut erinnern, Sie an dem Tage gesehn zu haben«, sagte Frau von Guermantes mit besonderm Nachdruck zu mir, als müsse ihr gutes Gedächtnis etwas besonders Schmeichelhaftes für mich haben. »Bei meiner Tante ist es immer sehr interessant. An dem letzten Abend, grad dem, an dem ich Sie getroffen habe, wollte ich Sie fragen, ob der alte Herr, der an uns vorbeikam, nicht François Coppée war. Sie müssen die ja alle bei Namen kennen«. Das sagte sie mit aufrichtigem Neid auf meine Beziehungen zu Dichtern und zugleich aus Liebenswürdigkeit für mich; sie wollte damit in den Augen ihrer Gäste einen jungen Mann, der in der Literatur so bewandert war, zur Geltung bringen. Ich versicherte der Herzogin, ich habe auf der Soirée bei Frau von Villeparisis kein berühmtes Gesicht gesehen. »Wie? Es waren keine großen Schriftsteller da? Sie überraschen mich, es gab doch ein paar unmögliche Köpfe!« Das war etwas unbesonnen von ihr und verriet, daß es mit ihrem Respekt vor Schriftstellern und ihrer Geringschätzung der Gesellschaft nicht so weit her war. Ich erinnerte mich sehr gut jenes Abends wegen eines an sich ganz unbedeutenden Vorfalls. Frau von Villeparisis hatte Bloch der Frau Alphonse von Rothschild vorgestellt, aber mein Kamerad hatte den Namen nicht verstanden, meinte, eine alte, etwas verrückte Engländerin vor sich zu haben und antwortete etwas einsilbig auf den Redeschwall der ehemaligen Schönheit; da machte Frau von Villeparisis sie mit jemand anderem bekannt und sprach diesmal sehr deutlich aus: Baronin Alphonse von Rothschild. Jäh durchfuhren Blochs Inneres mit einem Schlage ein Haufen Gedanken von Millionen und Prestige, und das kam so überraschend, daß ihm das Herz stillstand und sein Hirn fieberte, und laut rief er in Gegenwart der liebenswürdigen alten Dame: »Wenn ich das gewußt hätte!« Die Dummheit seines Ausrufs kam ihm selbst zum Bewußtsein und raubte ihm eine Woche lang den Schlaf. Diese weiter nicht interessanten Worte Blochs blieben mir im Gedächtnis als Beweis, daß man manchmal im Leben unter der Einwirkung einer außergewöhnlichen Erregung sagt, was man denkt. »Ich glaube, Frau von Villeparisis ist ... moralisch ... nicht ganz intakt«, sagte die Prinzessin von Parma; sie wußte, man ging nicht zu der Tante der Herzogin, und aus dem, was diese eben gesagt, ersah sie, daß man offen davon sprechen konnte. Da aber Frau von Guermantes aussah, als wären ihr solche Äußerungen nicht recht, fügte sie hinzu: »Nun, bei einer so hohen Intelligenz geht man darüber hinweg.« »Sie machen sich von meiner Tante die Vorstellung, die man im allgemeinen von ihr hat und die eigentlich ganz falsch ist«, antwortete die Herzogin. »Gerade das hat mir erst gestern Mémé gesagt.« Sie wurde rot, eine Erinnerung, die ich nicht erriet, umflorte ihre Augen. Ich kam auf die Vermutung, Herr von Charlus habe sie gebeten, mich wieder auszuladen, wie er mich durch Robert hatte bitten lassen, nicht zu ihr zu gehen. Ich hatte den Eindruck, des Herzogs Erröten vorhin – es war für mich unverständlich gewesen – als er einen Augenblick von seinem Bruder sprach, könne nicht derselben Ursache zugeschrieben werden. »Meine arme Tante, sie wird immer den Ruf, »ancien régime«, blendender Geist, zügellose Sitten behalten. Dabei gibt es kein bürgerlicheres, ordentlicheres, nüchterneres Gemüt: weil sie die Geliebte eines großen Malers war, wird man sie für eine Beschützerin der Künste halten, aber er hat ihr nie beibringen können, was ein Bild ist; und im Leben war sie alles andre als verderbt, sie war ganz für die Ehe geschaffen, eine geborene Gattin: nachdem sie einen Ehemann, der nebenbei ein Schuft war, verloren, hat sie jede Liaison so ernst genommen, als wäre es eine legitime Verbindung, sie hatte echt eheliche Reizbarkeit und Wutanfälle, echt eheliche Treue. Solche Gefühle sind bei Liaisons bisweilen am aufrichtigsten, es gibt mehr untröstliche Liebhaber als Ehemänner«. »Immerhin, denken Sie einmal an Ihren Schwager Palamede, Oriane, auf den Sie gerade zu sprechen kamen; keine Geliebte könnte sichs träumen lassen, so beweint zu werden wie es die arme Frau von Charlus wurde.« »Ach!« antwortete die Herzogin, »wenn Ihre Hoheit gestatten, bin ich nicht ganz derselben Meinung. Es möchten nicht alle auf dieselbe Weise beweint werden. Da hat jeder seinen besondern Geschmack.« »Nun, er treibt doch seit ihrem Tode einen wahren Kult mit ihr. Allerdings tut man manchmal etwas für die Toten, was man für die Lebenden nicht getan hätte.« »Ja, schon daß man zu ihrem Begräbnis geht, was man für die Lebenden nie tut!« sagte Frau von Guermantes in träumerischem Tonfall, der gar nicht zu ihrem spöttischen Gedanken paßte. Herr von Guermantes warf Herrn von Bréauté einen schalkhaften Blick zu, wie um ihn zum Lachen über die geistreiche Bemerkung der Herzogin zu reizen. »Nun, ich muß bekennen,« fuhr Frau von Guermantes fort, »ich möchte von einem geliebten Manne nicht auf die Art beweint werden, wie es mein Schwager tut.« Des Herzogs Miene verfinsterte sich. Er hatte es nicht gern, wenn seine Frau unüberlegte Meinungen losließ, besonders über Herrn von Charlus. »Sie sind etwas anspruchsvoll. Seine Trauer hat allgemein einen erbaulichen Eindruck gemacht«,sagte er schroff. Aber die Herzogin hatte ihrem Gatten gegenüber die besondre Art Kühnheit, wie sie Bändiger mit ihren wilden Tieren, Pfleger mit ihren Irren haben, die zu reizen sie nicht fürchten. »Ja, erbaulich ist es, wenn Sie wollen, das bestreite ich nicht, er geht jeden Tag auf den Kirchhof, ihr zu erzählen, wen er alles zum Dejeuner gehabt hat, er vermißt sie über alle Maßen, aber wie eine Kusine, wie eine Großmutter, eine Schwester. Es ist nicht Gattentrauer. Nun ja, sie sind wie zwei Heilige miteinander gewesen; das gibt der Trauer einen besondern Charakter.« Herr von Guermantes ärgerte sich über das Geschwätz seiner Frau und heftete starr und drohend bewölkte Augen auf sie. »Ich will damit nichts Schlechtes von dem armen Mémé sagen,« fuhr die Herzogin fort, »der beiläufig heut abend nicht frei war, niemand ist so gut wie er, das muß ich zugeben, er kann entzückend sein, hat ein Zartgefühl, ein Herz, wie Männer es im allgemeinen nicht besitzen Ein Frauenherz hat Mémé!« »Was reden Sie da für absurdes Zeug«, unterbrach heftig Herr von Guermantes. »Mémé hat nichts Weibisches, niemand ist männlicher als er.« »Ich sage ja ganz und gar nicht, daß er weibisch sei. Begreifen Sie doch wenigstens, was ich sage«, entgegnete die Herzogin. »Dieser Basin! Sobald er meint, man wolle seinen Bruder antasten«, fügte sie hinzu, zur Prinzessin von Parma gewandt. »Das ist doch nett, ist doch sehr erfreulich zu hören. Es gibt nichts Schöneres als zwei Brüder, die sich lieben«, sagte die Prinzessin von Parma, und so hätten viele Leute aus dem Volk sprechen können; für fürstliche Familien ist oft gerade volkstümliche Denkweise charakteristisch.

»Da wir von Ihrer Familie sprechen, Oriane«, sagte die Prinzessin, »gestern habe ich Ihren Neffen Saint-Loup gesehen; ich glaube, er wollte Sie um eine Gefälligkeit bitten.« Der Herzog von Guermantes runzelte seine Jupiterbrauen. Eine Gefälligkeit, die er nicht erweisen wollte, sollte auch seine Frau nicht übernehmen, er wußte, es kam auf dasselbe hinaus, die Personen, an die sich die Herzogin wenden müßte, würden es dem Ehepaar auf die gemeinsame Rechnung schreiben, gerade als wenn es von ihm, dem Ehemann, allein ausgegangen wäre. »Warum hat er mich nicht selbst darum gebeten?« fragte die Herzogin, »gestern ist er zwei Stunden hier gewesen und war, weiß Gott, recht langweilig. Er wäre nicht törichter als andre, wenn er, wie so viele Leute von Welt, klug genug wäre, dumm zu bleiben. Schrecklich ist bei ihm nur dieser Bildungsfirnis. Er will offenen Sinn haben, offen für alles, wovon er nichts versteht. Wenn er von Marokko anfängt, das ist fürchterlich.«

»Er kann nicht dahin zurück wegen Rahel«, sagte der Fürst Foix. – »Aber sie sind doch auseinander«, unterbrach Herr von Bréauté. – »Sie sind so wenig auseinander, daß ich sie vor zwei Tagen in Roberts Junggesellenwohnung getroffen habe, sie sahen nicht aus wie Leute, die sich verzankt haben, das kann ich Ihnen versichern«, erwiderte der Fürst Foix, der gern alle möglichen Gerüchte verbreitete, um Robert die Aussicht auf eine Heirat zu vereiteln; auch mochte er sich vielleicht durch die intermittierende Wiederaufnahme einer Beziehung haben täuschen lassen, die tatsächlich abgebrochen war. »Diese Rahel hat mir von Ihnen gesprochen. Ich sehe sie manchmal so im Vorübergehn morgens in den Champs-Elysees; leichte Ware, wie Sie sagen, was man bei Ihnen einen lockeren Vogel nennt, eine Art ›Kameliendame‹, bildlich gesprochen natürlich.« Diese Rede hielt mir der Fürst Von, der Wert darauf legte, in der französischen Literatur und in Pariser Finessen auf dem Laufenden zu sein. »Ja, wegen Marokko wars ...« rief die Prinzessin, sich rasch auf diesen Anknüpfungspunkt stürzend. »Was will er denn mit Marokko«, fragte streng Herr von Guermantes, »da kann Oriane nichts für ihn tun, wie er wohl weiß.« »Er bildet sich ein, die Strategie erfunden zu haben«, nahm Frau von Guermantes wieder auf, »und dann gebraucht er für die einfachsten Dinge unmögliche Ausdrücke, was ihn nicht hindert, Tintenkleckse in seinen Briefen zu machen. Neulich hat er gesagt, er habe zauberhafte Kartoffeln gegessen und eine zauberhafte Proszeniumsloge bekommen.« »Er spricht lateinisch«, überbot der Herzog. »Wie? Lateinisch?« fragte die Prinzessin. »Mein Ehrenwort! Hoheit können Oriane fragen, ob ich übertreibe.« »Durchaus nicht, Hoheit, neulich hat er in einem Satz hintereinanderweg gesagt: ›Ich kenne für das Sic transit gloria mundi kein ergreifenderes Beispiel;‹ ich kann Ihrer Hoheit den ganzen Satz wiederholen, denn nach zwanzigmaligem Fragen und mit Hilfe von Philologen ist es uns gelungen, ihn zu rekonstruieren, aber Robert hat das in einem Atem hingeworfen, man konnte kaum das Lateinische herauserkennen, er benahm sich wie eine Figur aus dem Eingebildeten Kranken! Und das Ganze bezog sich auf den Tod der Kaiserin von Österreich!« »Die arme Frau!« rief die Prinzessin, »sie war ein so bezauberndes Geschöpf.« »Ja«, antwortete die Herzogin, »etwas verrückt, etwas überspannt, aber eine sehr gute Frau, eine nette sehr sympathische Verrückte, nur habe ich nie begreifen können, warum sie sich niemals ein Gebiß gekauft hat, das hielt, ihres wurde immer locker, ehe sie mit ihrem Satz zu Ende war, und sie mußte sich unterbrechen, um es nicht zu verschlucken.« – »Ja, diese Rahel hat mir von Ihnen gesprochen, hat mir gesagt, der kleine Saint-Loup liebe Sie abgöttisch, mehr als sie selbst«, sagte der Fürst Von zu mir, dabei aß er heftig weiter wie ein Scheunendrescher, er war hochrot im Gesicht, und sein dauerndes Lachen entblößte alle seine Zähne. – »Dann muß sie doch eifersüchtig auf mich sein und mich hassen«, antwortete ich. – »Durchaus nicht, sie hat mir lauter Gutes von Ihnen gesagt. Die Mätresse des Fürsten Foix würde vielleicht eifersüchtig sein, wenn er Sie ihr vorzöge. Das verstehn Sie nicht? Begleiten Sie mich heim, ich werde Ihnen das alles erklären.« – »Ich kann nicht, ich gehe um elf Uhr zu Herrn von Charlus.« – »Ach, der hat mich gestern bitten lassen, heut zu ihm zum Diner zu kommen, aber nicht später als ein Viertel vor elf. Aber wenn Sie durchaus zu ihm gehen wollen, begleiten Sie mich wenigstens bis zum Théâtre-Français, da sind Sie in der Peripherie« (er meinte gewiß, das hieße soviel wie »in nächster Nähe« oder vielleicht »im Zentrum«).

Aber die aufgerissenen Augen in seinem schönen, dicken, roten Gesicht machten mir Angst und ich entschuldigte mich damit, daß mich ein Freund abholen wolle. In dieser Antwort schien mir nichts Verletzendes zu liegen. Zweifellos wirkte sie auf den Fürsten ganz anders, denn er sprach nie wieder ein Wort zu mir. – »Ich müßte eigentlich die Königin von Neapel besuchen, es muß ein großer Kummer für sie sein«, sagte oder schien mir wenigstens die Prinzessin von Parma gesagt zu haben. Denn ihre Worte waren nur undeutlich an mein Ohr gekommen durch das hindurch, was der Fürst Von, allerdings sehr leise, zu mir gesagt hatte (er fürchtete gewiß, wenn er lauter sprach, von Herrn von Foix gehört zu werden). »Ach, ich glaube, es macht ihr weiter keinen Kummer«, entgegnete die Herzogin. »Keinen Kummer? Sie bewegen sich immer in Extremen, Oriane«, sagte der Herzog und nahm damit wieder seine Rolle auf: er spielte die Klippe, die sich der Welle entgegenstellt und sie so zwingt, ihre Schaumkrone höher zu schleudern. »Basin weiß noch besser als ich, daß ich die Wahrheit sage«, antwortete die Herzogin, »aber er fühlt sich verpflichtet, eine gestrenge Miene aufzusetzen, weil Sie zugegen sind, er fürchtet, Sie könnten es skandalös von mir finden.« »Aber ich bitte Sie«, rief die Prinzessin. Um keinen Preis wollte sie, daß man ihretwegen an den herrlichen Mittwochen bei der Herzogin von Guermantes etwas ändere, dieser verbotenen Frucht, von der zu kosten selbst die Königin von Schweden bisher noch kein Recht hatte. »Sie: hat ihm ja selbst, als er mit der üblichen Kondolenzmiene sagte: »Majestät sind in Trauer. Um wen? Ist es ein Kummer für Eure Majestät?« – geantwortet: »Nein, es ist keine große Trauer, nur eine kleine, eine ganz kleine Trauer: meine Schwester ist gestorben.« In Wahrheit ist sie sehr froh darüber. Basin weiß es wohl, sie hat uns am selben Tage zu einem Fest eingeladen und mir zwei Perlen geschenkt. Ich wollte, sie verlöre alle Tage eine Schwester Sie weint nicht über den Tod ihrer Schwester, sie lacht laut darüber. Sie sagt sich vermutlich wie Robert, daß sic transit, na, ich weiß nicht weiter« (das war Bescheidenheit, sie wußte es noch sehr gut).

Es war übrigens nur eine Geistreichelei von Frau von Guermantes und ganz unangebracht, denn die Königin von Neapel war wie die Herzogin von Alençon, die auch tragisch endete, hochherzig und beweinte die Ihren aufrichtig. Frau von Guermantes kannte die bayrischen Schwestern, ihre Kusinen, zu gut, um das nicht zu wissen. »Er möchte lieber nicht nach Marokko zurück.« Die Prinzessin griff Roberts Namen auf, den ihr Frau von Guermantes unabsichtlich hingereicht hatte. »Ich glaube, Sie kennen den General von Monserfeuil.« »Sehr flüchtig«, erwiderte die Herzogin, dabei war sie mit diesem Offizier gut befreundet. Die Prinzessin setzte Saint-Loups Wünsche auseinander. »Mein Gott, falls ich ihn sehe, – möglich, daß ich ihn treffe«, erwiderte die Herzogin, um nicht den Anschein zu erwecken, als schlüge sie die Bitte ab; ihre Beziehungen zum General von Monserfeuil schienen, seit es ihn um etwas zu bitten galt, sich rasch gelockert zu haben. Dem Herzog aber war ihre Antwort zu unbestimmt, er unterbrach seine Frau: »Sie wissen doch, daß Sie ihn nicht sehen werden, Oriane, und dann haben Sie ihn schon um zweierlei gebeten und ohne Erfolg. Bei meiner Frau ist die Liebenswürdigkeit eine wahre Leidenschaft« – er sprach immer wütender, um die Prinzessin zu zwingen, ihre Bitte zurückzuziehen, ohne daß dabei ein Zweifel an der Liebenswürdigkeit der Herzogin aufkam; Frau von Parma sollte lieber ihm mit seinem launischen Charakter an allem Schuld geben. »Robert könnte bei Monserfeuil alles, was er will, durchsetzen. Allein, da er nicht weiß, was er will, schiebt er uns vor, weil er weiß, das ist die beste Art, die Sache zum Scheitern zu bringen. Oriane hat sich in schon zu vielen Angelegenheiten an Monserfeuil gewandt. Ihre Fürbitte wäre jetzt für ihn ein Grund, nein zu sagen.« »Nun, wenns so steht, ist es besser, die Herzogin unternimmt nichts«, sagte Frau von Parma. »Freilich«, sagte der Herzog. »Der arme General, er ist wieder bei den Wahlen unterlegen«, sagte die Prinzessin von Parma, um das Thema zu wechseln. »Oh, das ist nicht so schlimm, es ist erst das siebente Mal«, sagte der Herzog; da er selbst die Politik hatte aufgeben müssen, machten ihm die Wahlniederlagen anderer ein gewisses Vergnügen. »Er hat sich getröstet mit dem Versuch, seiner Frau wieder ein Kind zu machen.« »Wie? Die arme Frau von Monserfeuil schon wieder in andern Umständen«, rief die Prinzessin. »Allerdings«, erwiderte die Herzogin, »das einzige Arrondissement, in dem der arme General nie Mißerfolg gehabt hat...«

Von nun an wurde ich beständig, manchmal auch im kleinen Kreise, zu den Mahlzeiten eingeladen, bei denen ich mir früher die Gäste wie die Apostel der Sainte-Chapelle vorgestellt hatte. Sie vereinten sich in der Tat wie die ersten Christen nicht nur, um eine übrigens ausgezeichnete materielle Nahrung zu teilen, sondern wie zu einer Art weltlichem Heiligen Abendmahl; nach ein paar Diners hatte ich schon alle Freunde meiner Gastgeber kennengelernt; ich wurde ihnen mit deutlich hervorgehobenem Wohlwollen vorgestellt (als wäre ich schon lange ein Liebling ihrer väterlichen Gunst); da war keiner, der nicht gefürchtet hätte, seine Pflichten gegen Herzog oder Herzogin zu verletzen, wenn er einen Ball geben würde, bei dem ich nicht auf der Liste der Geladenen stand; bei einem Glase Yquem, wie ihn die Keller der Guermantes bargen, delektierte ich mich an Ortolanen, die nach verschiedenen vom Herzog sorgsam ausgearbeiteten und umgearbeiteten Rezepten zubereitet waren. Allein für einen, der schon öfters an der mystischen Tafel gesessen hatte, war der fromme Genuß dieser letzteren nicht unerläßlich. Alte Freunde des Herzogpaares besuchten es nach Tisch, »zum Zahnstochern«, wie Frau Swann gesagt haben würde, ohne extra eingeladen zu sein, und nahmen im Winter unter den Lichtern des Salons eine Tasse Lindenblütentee, im Sommer eine Orangeade im nächtlichen Dunkel des kleinen rechteckigen Gartens. Bei diesen späten Besuchen im Garten hatte man nie etwas andres vorgesetzt bekommen als solch eine Orangeade. Sie hatte etwas Rituelles. Noch andre Erfrischungen zu reichen, wäre als Verletzung der Tradition erschienen, wie etwa ein großer Rout im Faubourg Saint-Germain kein Rout mehr ist, wenn musiziert oder Theater gespielt wird. Man kam – und wären selbst fünfhundert Personen zugegen gewesen – sozusagen nur, der Herzogin von Guermantes einen Besuch zu machen. Als ich durchsetzte, daß außer der Orangeade noch eine Karaffe gekochten Kirsch- oder Birnensafts gereicht wurde, bewunderte man meinen Einfluß sehr. Dadurch wurde mir der Fürst von Agrigent verhaßt, der wie alle phantasielosen und dabei geizigen Menschen neugierig war auf das, was ein andrer trank, und um Erlaubnis bat, davon zu kosten. So verminderte Herr von Agrigent jedesmal meine Ration und verdarb mir meinen Genuß. Denn von diesem Fruchtsaft ist die Quantität immer zu klein, um den Durst zu stillen. Nichts bekommt man weniger über als diese Umwandlung der Farbe einer Frucht, die in gekochtem Zustand in die Blütezeit zurückzureichen scheint, in einen Geschmack. Purpurn wie ein Obstgarten im Frühling oder auch farblos und frisch wie der Zephir unter Obstbäumen, läßt sich der Saft Tropfen für Tropfen einatmen und anschauen, und regelmäßig hinderte mich Herr von Agrigent, meine Lust zu befriedigen. Trotz dieser Fruchtsäfte blieb die traditionelle Orangeade wie der Lindenblütentee bestehen. Unter so bescheidener Gestalt fand gleichwohl die weltliche Kommunion statt. Das unterschied denn doch die Freunde von Herrn und Frau von Guermantes – entsprechend dem ersten Bilde, das ich mir von ihnen gemacht hatte – von andern Menschen, unterschied sie stärker, als mich jetzt ihr enttäuschender Anblick annehmen ließ. Es kamen auch manche alte Herren zur Herzogin, um gleichzeitig mit dem obligaten Getränk einen oft recht wenig liebenswürdigen Empfang entgegen zu nehmen. Aus Snobismus konnten sie nicht gut kommen, denn sie nahmen selbst einen Rang ein, über dem es keinen höheren gab; auch nicht aus Liebe zum Luxus; den liebten sie vielleicht, hätten ihn aber in einer gesellschaftlich tieferen Schicht glänzend finden können, denn die reizende Frau eines steinreichen Finanzmanns riß sich darum, sie an denselben Abenden bei sich zu haben, zu grandiosen Jagden, die sie zwei Tage lang zu Ehren des Königs von Spanien geben wollte. Diese Einladung hatten sie abgelehnt und waren auf gut Glück in das Haus Guermantes gekommen, um zu sehen, ob die Herzogin empfange. Sie waren nicht einmal sicher, bei ihr Anschauungen zu begegnen, die den ihren durchaus entsprachen, auch auf Herzens wärme konnten sie nicht rechnen; Frau von Guermantes gab über die Dreyfusaffäre, die Republik, die antiklerikalen Gesetze, ja, halblaut, sogar über die alten Herren selbst, ihre Gebrechen, die Ode ihrer Konversation, manchmal Bemerkungen zum Besten, die diese besser überhörten. Daß sie trotzdem gewohnheitsmäßig hier erschienen, war zweifellos ein Ergebnis ihrer guten Erziehung zum mondänen Feinschmecker, ihrer klaren Erkenntnis, hier sei die Speise: Gesellschaft vollkommen erste Qualität, von wohlbekannter zuverlässiger Schmackhaftigkeit, ungemischt, ungefälscht, ihnen nach Herkunft und Geschichte so vertraut wie die, die sie ihnen vorsetzte; und so blieben sie mit ihrer Vorliebe »adliger« als sie es selbst wußten. Unter diesen Gästen, denen ich nach Tisch vorgestellt wurde, befand sich zufällig der General von Monserfeuil, von dem die Prinzessin von Parma gesprochen hatte; er war ständiger Gast im Salon der Frau von Guermantes, aber sie hatte nicht gewußt, daß er gerade diesen Abend kommen würde. Als er meinen Namen hörte, verneigte er sich vor mir, als wäre ich Vorsitzender des obersten Kriegsrats. Ich hatte es einfach natürlicher Ungefälligkeit zugeschrieben, worin sie der Herzog, wie in ihren Geistesblitzen – wenn nicht gar in Liebesdingen – als Komplize unterstützte, wenn die Herzogin sich so gut wie geweigert hatte, ihren Neffen Herrn von Monserfeuil zu empfehlen. Und ich sah darin um so schlimmere Gleichgültigkeit, als ich einigen der Prinzessin entschlüpften Worten zu entnehmen glaubte, Roberts Posten sei gefährlich und die Vorsicht geböte, ihn davon zu entfernen. Nun aber empörte mich die tatsächliche Bosheit der Frau von Guermantes: als die Prinzessin schüchtern vorschlug, selbst und auf eigne Verantwortung mit dem General darüber zu sprechen, bot die Herzogin alles auf, um sie davon abzubringen. »Hoheit,« rief sie, »Monserfeuil hat keinerlei Ansehn noch Einfluß bei der neuen Regierung. Es wäre ein Schlag ins Wasser.« »Ich glaube, er kann uns hören«, flüsterte die Prinzessin, damit die Herzogin leiser spreche. »Keine Furcht, Hoheit, er ist stocktaub«, sagte die Herzogin, ohne die Stimme zu senken, und der General hörte deutlich, was sie sagte. »Nämlich, ich glaube, Herr von Saint-Loup steht auf einem nicht ungefährlichen Posten«, sagte die Prinzessin. »Was wollen Sie?« erwiderte die Herzogin, »da gehts ihm wie andern auch, nur mit dem Unterschied, daß er sich selbst um diesen Posten beworben hat. Und dann, es ist wirklich nicht gefährlich, sonst hätte ich, wie Sie sich denken können, mich um die Angelegenheit gekümmert. Ich hätte bei Tisch zu Saint-Joseph davon gesprochen. Er hat viel mehr Einfluß und ist von einem Arbeitseifer...! Sie sehen, er ist schon fortgegangen. Nebenbei es wäre auch nicht so heikel wie mit dem andern, der gerade drei seiner Söhne in Marokko hat und nie um ihre Versetzung hat nachsuchen wollen; er könnte uns das einwenden. Da Ihrer Hoheit daran liegt, werde ich mit Saint-Joseph darüber sprechen... wenn ich ihn sehe, oder mit Beautreillis. Aber wenn ich die nicht sehe, bedauern Sie Robert nicht zu sehr. Neulich hat man uns die Lage seines Postens erklärt. Ich glaube, er kann nirgends besser dran sein als dort.«

»Was für eine hübsche Blume, so etwas habe ich noch nie gesehn, solche Köstlichkeiten haben eben nur Sie, Oriane!« sagte die Prinzessin; aus Angst, General von Monserfeuil könne die Herzogin doch gehört haben, suchte sie vom Thema abzukommen. Ich erkannte eine Pflanze der Art, wie Elstir sie in meinem Beisein gemalt hatte. »Ich bin entzückt, daß sie Ihnen gefällt; reizend sind diese Blumen; sehen Sie nur, was für niedliche samtene lila Halskrausen sie haben; aber wie es öfters sehr hübschen und gut gekleideten Personen geht, sie haben einen häßlichen Namen und riechen schlecht. Trotzdem liebe ich sie sehr. Ein bißchen traurig ist nur, daß sie mir eingehn werden.« »Aber sie sind doch im Topf, es sind keine abgeschnittenen Blumen«, sagte die Prinzessin. »Das nicht,« sagte lachend die Herzogin, »aber es kommt auf dasselbe heraus, weil es Damen sind. Es ist eine Pflanzenart, bei der Damen und Herren nicht auf demselben Fuße leben. Mir gehts wie Leuten, die eine Hündin haben. Ich brauchte einen Ehemann für meine Blumen. Sonst werde ich keine Jungen kriegen!« »Merkwürdig! Also in der Natur...« »Ja! Es gibt gewisse Insekten, die sich damit befassen, die Ehe zu vollziehen, wie bei regierenden Fürsten, als Bevollmächtigte, ohne daß Bräutigam und Braut sich je gesehen haben. Ich schwöre Ihnen, ich ermahne meinen Diener, meine Pflanze soviel wie möglich ins Fenster zu stellen, bald nach dem Hof, bald nach dem Garten zu, in der Hoffnung, das unentbehrliche Insekt wird kommen. Aber das wäre ein seltener Glücksfall. Denken Sie doch, es müßte gerade eine Person derselben Spezies und andern Geschlechtes besucht haben und auf den Gedanken kommen, hier im Hause seine Karte abzugeben. Bisher ist es noch nicht gekommen, ich glaube, meine Pflanze trägt ihr Kränzlein noch in Ehren, ein bißchen Leichtsinn wäre mir offengestanden lieber. Ach, es ist wie mit dem schönen Baum da im Hof; er wird kinderlos sterben, weil seine Gattung in unsern Breiten sehr selten ist. Bei ihm befaßt sich der Wind damit, die Vereinigung zu vollziehen, aber die Mauer ist etwas hoch.« »In der Tat,« sagte Herr von Bréauté, »Sie hätten nur ein paar Zentimeter davon niederlegen lassen brauchen, das hätte genügt. Man muß sich auf solche Maßnahmen verstehen. Das Vanillenaroma in dem ausgezeichneten Gefrorenen, das Sie uns vorhin haben reichen lassen, kommt von der sogenannten Vanillenpflanze. Diese trägt sowohl männliche als weibliche Blüten, aber eine Art harte Scheidewand trennt sie und hindert allen Verkehr. Man konnte denn auch nie Früchte davon erzielen, bis eines Tages ein junger Neger aus la Réunion, namens Albins (was beiläufig für einen Schwarzen ein ziemlich komischer Name ist, da es weiß bedeutet), auf den Gedanken kam, mit Hilfe eines Stichels die getrennten Organe in Verbindung zu setzen.« »Babal, Sie sind göttlich, Sie wissen alles« rief die Herzogin. »Aber auch Sie, Oriane, haben mich Dinge gelehrt, von denen ich nichts ahnte«, sagte die Prinzessin. »Hoheit, mir hat Swann immer viel von Botanik erzählt. Manchmal wenn es uns zu langweilig war, zu einem Tee oder einer Matinee zu gehen, fuhren wir aufs Land und da zeigte er mir sehr interessante Blumenhochzeiten, es war viel amüsanter als bei Menschen, und ohne Lunch und Kirche. Wir hatten nie Zeit genug, sehr weit zu fahren. Jetzt, da es Automobile gibt, könnte das reizend sein. Leider hat er in der Zwischenzeit selbst eine noch viel seltsamere Heirat gemacht, die alles erschwert. Ach Hoheit! das Leben ist doch fürchterlich, man verbringt seine Zeit damit, zu tun, was einen langweilt, und lernt man dann durch Zufall jemand kennen, mit dem man interessante Dinge ansehn könnte, muß er so eine Swannehe schließen. Vor die Wahl gestellt, auf die botanischen Spaziergänge zu verzichten oder mit einer Person verkehren zu müssen, deren Umgang entehrt, hab ich von den zwei Übeln das erste gewählt. Nun, eigentlich brauchte man gar nicht soweit zu gehen. Schon in meinem Stückchen Garten passieren am helllichten Tage unpassendere Dinge als Nachts... im Bois de Boulogne! Nur fällt es nicht auf, denn zwischen Blumen spielt sich das sehr einfach ab, man sieht einen kleinen orangegelben Regen, oder auch ein ganz bestäubtes Insekt, das sich die Füßchen putzt oder eine Dusche nimmt, bevor es in eine Blume schlüpft. Und schon ist alles geschehen!« »Die Kommode, auf der die Pflanze steht, ist auch blendend, es ist Empire, glaube ich«, sagte die Prinzessin, die mit den Forschungen Darwins und seiner Nachfolger nicht vertraut war und den Sinn der Scherze, die die Herzogin machte, schlecht verstand. »Nicht wahr, das ist schön. Ich bin entzückt, daß es Ihrer Hoheit gefällt. Es ist ein prachtvolles Stück. Wissen Sie, ich habe den Empirestil immer sehr geliebt, selbst, als es nicht Mode war, ihn zu lieben. Ich erinnere mich noch, wie böse meine Schwiegermutter auf mich wurde, weil ich in Guermantes all die herrlichen Empiremöbel, die Basin von den Montesquiou geerbt hatte, vom Boden herunterholen ließ und den Flügel, den ich bewohnte, damit möblierte.« Herr von Guermantes lächelte. Dabei mußte er sich doch erinnern, daß sich diese Dinge ganz anders zugetragen hatten. Aber da die Scherze der Fürstin des Laumes über den schlechten Geschmack ihrer Schwiegermutter während der kurzen Zeit, die der Fürst in seine Frau verliebt war, auf der Tagesordnung standen, überlebte eine gewisse Geringschätzung für die geistige Minderwertigkeit der Mutter seine Liebe zu der Gattin, eine Geringschätzung, die sich übrigens mit großer Anhänglichkeit und Ehrfurcht vereinigen ließ. »Die Jena haben auch so einen Fauteuil mit Wedgewoodinkrustationen, er ist schön, aber meiner ist mir lieber«, sagte die Herzogin mit einem Ausdruck von Unparteilichkeit, als habe sie von den beiden Möbeln keines besessen; »übrigens muß ich zugeben, daß sie herrliche Sachen besitzen, wie ich sie nicht habe.« Die Prinzessin von Parma blieb schweigsam. »Ach richtig, Hoheit kennen die Kollektion der Jena nicht. Oh, Sie müssen durchaus einmal mit mir hinkommen. Das ist eins der prachtvollsten Dinge, die es in Paris gibt, und dabei kein totes Museum.« Dieser Vorschlag war sehr kühn und echt »Guermantes« von der Herzogin, da die Jena für die Prinzessin reine Usurpatoren waren, deren Sohn, wie ihr eigener, den Titel eines Herzogs von Guastalla trug; und so konnte die Herzogin, als sie diese Zumutung aussprach, sich nicht enthalten (so sehr überwog ihre Liebe zur eigenen Originalität ihre Ehrerbietung für die Prinzessin von Parma) den andern Gästen belustigt zuzulächeln. Und die bemühten sich, auch zu lächeln, etwas erschreckt allerdings, aber zugleich bewundernd und vor allem entzückt bei dem Gedanken, Zeugen zu sein des »Neuesten« von Oriane, das sie nun »brühwarm« weiter erzählen konnten. Sie waren nur halb verblüfft, wußten sie doch, die Herzogin besaß die Kunst, für eine hübsche gelungene Pikanterie alle Courvoisier-Vorurteile preiszugeben.

Hatte sie nicht letzthin die Prinzessin Mathilde mit dem Herzog von Aumale zusammengebracht, der dem eignen Bruder der Prinzessin den berühmten Brief geschrieben hatte: »In meiner Familie sind alle Männer tapfer und alle Frauen keusch«. Da Fürsten nun sogar in den Momenten Fürsten bleiben, wo sie zu vergessen scheinen, daß sie es sind, hatten der Herzog von Aumale und die Prinzessin Mathilde bei Frau von Guermantes einander so gut gefallen, daß sie später sich gegenseitig besuchten und damit zeigten, sie konnten das Vergangene vergessen wie Louis XVIII., als er Fouché, der für seines Bruders Tod gestimmt hatte, zum Minister machte. Dieselben Annäherungsabsichten hegte Frau von Guermantes in bezug auf die Prinzessin Murat und die Königin von Neapel. Einstweilen schien die Prinzessin von Parma verlegen zu sein, wie es etwa die Erben der niederländischen und belgischen Krone, beziehungsweise der Prinz von Oranien und der Herzog von Brabant, hätten sein können, hätte man ihnen Herrn von Mailly-Nesle, Prinzen von Oranien, und Herrn von Charlus, Herzog von Brabant, vorstellen wollen. Aber da rief die Herzogin, welcher Swann und Herr von Charlus (der allerdings entschlossen war, seinerseits die Jena zu ignorieren) mit großer Mühe schließlich beigebracht hatten, den Empirestil zu lieben: »Mir fehlen wahrhaftig die Worte, Hoheit, um auszudrücken, wie sehr Ihnen das gefallen wird. Mir selbst hat allerdings der Empirestil immer schon großen Eindruck gemacht. Aber bei den Jena, da wird es zu einer Art Vision. Es ist, wie soll ich sagen ... wie ein Eindringen des ägyptischen Feldzugs, und auch ein Aufsteigen der Antike in unsere Welt, all das überflutet unsere Häuser, Sphinxe lagern sich zu Füßen unserer Sessel, Schlangen ringeln sich um die Kandelaber, eine mächtige Muse hält eine kleine Fackel über unsre Partie Bouillote oder hat in aller Stille unsern Kamin bestiegen, um sich an die Standuhr zu lehnen, und dann all die pompejanischen Lampen, die kleinen Betten in Bootsgestalt, die aussehn, als wären sie im Nil gefunden, man meint, Moses müßte heraussteigen, die antiken Viergespanne, die an Nachttischen entlang galoppieren ...« »Man sitzt nicht sehr bequem in den Empiremöbeln«, riskierte die Prinzessin. »Nein,« sagte die Herzogin, »aber,« fuhr sie eindringlich und lächelnd fort, »ich sitze gerne schlecht auf den Mahagonistühlen mit den granatroten Samt- und grünen Seidenpolstern. Ich liebe diesen unkomfortablen Geschmack von Kriegern, für die es nur den kurulischen Stuhl gibt und die mitten im großen Salon die Liktorenbündel aneinanderstellten und Lorbeerkränze häuften. Ich versichere Ihnen, man kommt gar nicht dazu, daran zu denken, wie man sitzt, wenn man vor sich ein großes Weibstück von Viktoria al fresco auf die Wand gemalt sieht. Mein Herr Gemahl wird finden, ich sei eine schlechte Royalistin; ich bin nicht sehr gesinnungstüchtig, aber glauben Sie; mir, wenn man bei diesen Leuten ist, gewinnt man schließlich all diese großen N, all diese Napoleonbienen lieb. Mein Gott, man ist ja unter den Königen lange genug mit Ruhm nicht sehr verwöhnt worden, wenn man dann an diese Krieger denkt, die soviel Kränze heimbrachten, daß manche davon auf den Armlehnen der Sessel hängen blieben, ich finde, das hat einen gewissen Chik! Hoheit müßten ...« »Mein Gott, wenn Sie glauben,« sagte die Prinzessin, »aber mir scheint, es wird nicht leicht sein.« »Hoheit werden sehen, das läßt sich alles sehr gut einrichten. Es sind gute Leute und gar nicht dumm. Wir haben Frau von Chevreuse hingebracht (die Herzogin kannte die Macht des Beispiels), sie ist entzückt gewesen. Der Sohn des Hauses ist sogar sehr angenehm ... – Jetzt muß ich etwas sagen, was sich eigentlich nicht schickt, er hat ein Zimmer und vor allem ein Bett, in dem man schlafen möchte – ohne ihn! Und was sich noch weniger schickt, ich habe ihn einmal besucht, als er krank war und darin lag. Neben ihm auf dem Bettrand war eine längliche hingestreckte Sirene gemeißelt, entzückend, mit einem Fischschwanz aus Perlmutter, in den Händen eine Art Lotosblumen.« Frau von Guermantes sprach jetzt langsamer, um ihre Worte deutlicher hervorzuheben, sie schien sie mit den schönen, etwas schmollenden Lippen, mit dem webendem Spiel der langen ausdrucksvollen Hände zu modellieren, sanft, fest und tief ruhte ihr Blick auf der Prinzessin: »O und daneben die Palmzweige und die: Goldkrone, es war ergreifend; es war genau das Arrangement wie auf Gustave Moreaus Jungem Mann mit dem Tod (Ihre Hoheit kennen gewiß dies Meisterwerk).« Die Prinzessin, die nicht einmal den Namen des Malers kannte, machte heftige Kopfbewegungen und lächelte eifrig, um ihre Bewunderung für dies Gemälde zu bekunden. Aber ihre intensive Gebärdensprache vermochte nicht das Aufleuchten zu ersetzen, das in unserm Auge fehlt, so lange wir nicht wissen, wovon man zu uns spricht. – »Er ist ein hübscher junger Mensch, nicht wahr?« fragte sie. – »Nein, er sieht aus wie ein Tapir. Er hat Augen wie eine Königin Hortense für Lampenschirme. Aber er wird sich wohl gedacht haben, es wäre für einen Mann etwas lächerlich, diese Ähnlichkeit weiter zu treiben, und so verliert sich der Ausdruck in wachsglänzenden Backen, die ihm etwas von einem Mamlucken geben. Die sehen aus, als würden sie jeden Morgenfrisch gebohnert.« – Sie kam wieder auf das Bett des jungen Herzogs zu sprechen: »Swann war ganz betroffen von der Ähnlichkeit der Sirenen mit Gustave Moreaus Tod. Nebenbei«, fuhr sie rascher aber, um der komischen Wirkung willen ernst bleibend, fort: »Es liegt kein Anlaß vor, zu erschrecken, es war ein Katarrh, und dem jungen Manne geht es ausgezeichnet.« »Man sagt, er sei ein Snob?« fragte Herr von Bréauté mißgünstig und scharf, er erwartete wohl eine sehr präzise Antwort, als wenn er gefragt hätte: »Ist es wahr, was ich gehört habe: er hat nur vier Finger an der rechten Hand?« »Mein Gott,« antwortete Frau von Guermantes, mit mild nachsichtigem Lächeln, »vielleicht wirkt er ein klein wenig snobistisch, weil er noch ganz jung ist, aber es würde mich wundern, wenn er ein wirklicher Snob wäre, denn er ist intelligent (sie schien der Meinung zu sein, Snobismus und Intelligenz seien unvereinbar). Er hats hinter den Ohren. Mit mir war er sehr komisch«, setzte sie, kennerisch, schmeckerisch hinzu und lachte dabei, als müsse man eine heitere Miene aufsetzen, wenn man von jemandem behauptet, er sei komisch, oder als kämen ihr grade witzige Einfälle des Herzogs von Guastalla in den Sinn. »Da er beiläufig nirgends eingeführt ist, wird er seinen eventuellen Snobismus nicht entfalten können«. – Sie bedachte nicht, daß diese Wendung nicht gerade sehr ermutigend für die Prinzessin von Parma war. »Was wird aber der Fürst Guermantes, der sie Frau Jena nennt, sagen, wenn er erfährt, daß ich sie besucht habe?« »Ach was!« rief die Herzogin lebhaft, »Sie wissen doch, wir haben Gilbert (das reute sie jetzt bitter) einen ganzen Spielsaal in Empire abgegeben, den wir von Quiou-Quiou geerbt haben, etwas ganz Prachtvolles! Hier war kein Platz dafür und doch finde ich, es sah bei uns besser aus als bei ihm. Etwas wunderbar Schönes, halb etruskisch, halb ägyptisch...« »Ägyptisch?« fragte die Prinzessin, für die etruskisch wenig besagte. »Mein Gott, von beidem ein bißchen. Swann hat uns das gesagt, er hats mir erklärt, allein Sie wissen, ich bin ein armes ungebildetes Geschöpf. Und dann darf man nicht vergessen, das Ägypten des Empire hat mit dem wirklichen Ägypten keinen Zusammenhang, wie auch die Empirerömer mit den wirklichen Römern, das Empireetrurien...« »Ach wirklich?« »Gewiß, das ist so wie mit den Kostümen, die man im zweiten Kaiserreich Louis XV. nannte, damals als Anna de Monchy noch jung war oder die Mutter unseres lieben Brigode. Vorhin sprach Basin Ihnen von Beethoven. Neulich hat man uns etwas von ihm vorgespielt, etwas sehr Schönes übrigens, ein bißchen kalt, darin war ein russisches Thema. Rührend, wenn man denkt, daß er das für russisch hielt. Und ebenso haben chinesische Maler sich eingeredet, Bellini zu kopieren. So geht es mit Kunstwerken beiläufig sogar im eigenen Lande, jedesmal, wenn einer die Dinge in etwas neuer Art ansieht, sehn neunundneunzig Prozent der Leute nichts von dem, was er ihnen zeigt. Bis sie etwas erkennen, müssen mindestens vierzig Jahre vergehn.« »Vierzig Jahre?« rief die Prinzessin erschrocken. »Freilich«, erwiderte die Herzogin, und indem sie ihre Worte (es waren fast meine eigenen Worte, ich hatte gerade einen analogen Gedanken vor ihr geäußert) mehr und mehr mit einer Betonung aussprach, in der sie sich abhoben wie Kursiv in einer Druckschrift, fuhr sie fort: »Er ist wie ein erstes einzelnes Individuum einer Art, die es noch nicht gibt, die sich aber später stark vermehren wird, ist mit einem besondern Sinn begabt, den der Menschenschlag seiner Zeit nicht besitzt. Auf mich selber kann ich nicht hinweisen, ich habe immer alle interessanten Kundgebungen, so neu sie auch sein mochten, gleich zu Anfang ihres Erscheinens geliebt. Aber da war ich neulich mit der Großfürstin im Louvre und wir kamen an der Olympia von Manet vorüber. Über die erstaunt jetzt niemand mehr. Sie wirkt wie etwas von Ingres. Und ich habe doch Gott weiß wie viel Lanzen für dies Bild gebrochen, das ich gar nicht liebe, das aber sicher seinen Meister lobt. Vielleicht ist es im Louvre nicht ganz am Platze.« »Geht es der Großfürstin gut?« fragte die Prinzessin von Parma, der es erheblich natürlicher war, an die Tante des Zaren zu denken als an Manets Bild. »Ja, wir haben von Ihnen gesprochen,«sagte die Herzogin, fuhr dann aber, bei ihrem Gedankengang bleibend, fort: »Im Grunde ist es doch, wie mein Schwager Palamede sagt, man hat zwischen sich und jedem andern die trennende Wand einer fremden Sprache. Allerdings ist das bei niemandem so deutlich zu spüren wie bei Gilbert. Wenn es Ihnen Vergnügen macht, zu den Jena zu gehen, – Sie sind zu weise, um Ihre Handlungen davon abhängig zu machen, was etwa der arme Gilbert denken konnte, der ein liebes unschuldiges Geschöpf ist, aber Anschauungen aus einer andern Welt hat. Ich fühle mich meinem Kutscher, meinen Pferden näher, verwandter als diesem Mann, der sich immer auf das beruft, was man unter Philipp dem Kühnen oder unter Louis dem Dicken gedacht hätte. Denken Sie, wenn er auf dem Lande spazieren geht, schiebt er gutmütig lächelnd die Bauern mit seinem Stock beiseite und sagt: »Platz da, Volk!« Wenn er mit mir spricht, ist mir zumute, als redete eine der Steingestalten zu mir, wie sie auf gotischen Grabmälern ruhen. Wenn dieser lebendige Stein auch mein Vetter ist, er macht mir Angst, und ich habe nur den einen Wunsch, ihn in seinem Mittelalter zu lassen. Davon abgesehen, gebe ich zu, daß er nie jemanden ermordet hat.«

»Gerade habe ich mit ihm bei Frau von Villeparisis diniert«, sagte der General, aber ohne zu lächeln oder den Scherzen der Herzogin beizustimmen. »War Herr von Norpois da?« fragte der Fürst Von, der immer noch an die Académie des Sciences Morales dachte. »Ja«, sagte der General. »Er hat sogar von Ihrem Kaiser gesprochen.« »Kaiser Wilhelm soll sehr intelligent sein, aber Elstirs Malerei liebt er nicht. Womit ich übrigens nichts gegen ihn sagen will«, mischte die Herzogin sich ein. »Ich teile seinen Geschmack. Obwohl Elstir ein schönes Porträt von mir gemacht hat. Ach! Sie kennen es nicht. Ähnlich ist es nicht, aber eigenartig. Er ist sehr interessant bei den Sitzungen. Aus mir hat er eine Art alte Frau gemacht. Es ahmt die Spital Vorsteherinnen von Hals nach. Ich denke, Sie kennen dies zauberhafte Werk, um einen Lieblingsausdruck meines Neffen zu gebrauchen«, wandte sich die Herzogin an mich und ließ leicht ihren schwarzen Federfächer spielen. Sie saß mehr als aufrecht auf ihrem Stuhl und warf mit edlem Schwung den Kopf zurück; wenn sie auch immer große Dame war, manchmal spielte sie noch ein bißchen große Dame. Ich sagte, ich sei einmal in Amsterdam und im Haag gewesen, um aber, zumal meine Zeit beschränkt war, nicht zu viel auf einmal zu sehen, habe ich Haarlem beiseite gelassen. »Ach, der Haag! Das ist ein Museum!« rief Herr von Guermantes. Er habe gewiß Venneers Ansicht von Delft bewundert, sagte ich. Aber der Herzog war mehr eitel als unterrichtet. Wie immer, wenn man ihm von einem Werk in einem Museum oder in der Ausstellung sprach, an das er sich nicht erinnerte, begnügte er sich, mit süffisanter Miene zu antworten: »Wenn das da zu sehen ist, hab ichs gesehen!« »Wie! Sie sind in Holland gewesen und nicht nach Haarlem gegangen?« rief die Herzogin. »Wenn Sie auch nur eine Viertelstunde Zeit gehabt hätten –, so etwas Außerordentliches wie die Bilder von Hals muß man gesehen haben. Ich möchte geradezu behaupten, jemand, der sie nur, wenn sie im Freien ausgestellt wären, vom Verdeck des Omnibus aus im Vorbeifahren sehen könnte, müßte die Augen weit aufmachen.« Ein solches Verkennen der Art, wie sich künstlerische Eindrücke in uns bilden, verletzte mich; das schien ja vorauszusetzen, unser Auge könne wie ein einfacher Apparat, der Momentaufnahmen macht, Bilder registrieren.

Herr von Guermantes hatte seine Freude daran, daß sie so kompetent mit mir über Dinge sprach, die mich interessierten, mit Wohlgefallen verfolgte er ihre berühmte Sicherheit, hörte, was sie von Frans Hals sagte, und dachte: »Sie ist doch in allem fabelhaft bewandert. Mein junger Gast muß sich sagen, daß er da eine große Dame der alten Zeit im wahren Sinne des Wortes vor sich hat, wie es heut keine zweite gibt.«

So hatten sich nun beide für mich aus dem Namen Guermantes entfernt, in den sie einst meine Phantasie einfaßte und darin ein unvorstellbares Leben führen ließ; jetzt waren sie wie andere Männer und andre Frauen, nur ein bißchen zurückgeblieben hinter ihren Zeitgenossen, aber nicht beide gleichmäßig; es ging ihnen wie so vielen Ehepaaren des Faubourg Saint-Germanin, von denen die Frau es verstanden hat, im Goldnen Zeitalter Halt zu machen, während der Mann zu seinem Unglück in undankbarere Epochen der Vergangenheit geriet, sie noch ganz Louis XV., er pompösestes Louis-Philippe. Daß Frau von Guermantes wie die andern Frauen war, hatte mich erst enttäuscht, dann aber trat eine Reaktion ein, der viele gute Wein half nach, und ich war beinah entzückt darüber. Einen Don Juan d'Austria, eine Isabella von Este gibt es für uns nur in der Welt der Namen, und sie haben mit der Weltgeschichte so wenig gemein wie die Gegend um Méséglise mit der Gegend um Guermantes. Isabella von Este war in Wirklichkeit wohl nur eine ganz kleine Prinzessin, denen ähnlich, die unter Louis XIV. an Hof keinen besondern Rang erreichten. Uns aber scheint sie von ganz einziger Substanz zu sein und somit unvergleichlich, in geringerem Format können wir sie nicht auffassen; ein Souper mit Louis XIV. hätte für uns wohl ein gewisses Interesse, von einer Begegnung mit Isabella von Este aber würden wir die Vision einer übernatürlichen Romanheldin erwarten. Haben wir uns aber wissenschaftlich mit Isabella von Este beschäftigt, sie dabei allmählich aus ihrer Märchenwelt in die der Geschichte verpflanzt und festgestellt, daß ihr Leben und Denken nichts von dem Geheimnisvollen und Seltsamen hatte, wie es ihr Name uns suggerierte, dann sind wir, sobald die Enttäuschung durchgemacht ist, dieser Prinzessin sehr dankbar, daß sie Mantegnas Malerei fast ebenso gut gekannt hat wie Herr Lafenestre, dessen Kenntnisse wir bis dahin geringschätzten und, wie Francoise sagen würde, plus bas que terre. Nachdem ich die unzugänglichen Höhen des Namens Guermantes erklommen hatte, fand ich nun beim Abstieg übers tägliche Leben der Herzogin zu meiner Überraschung die wohlbekannten Namen Victor Hugo, Frans Hals und, leider auch, Vibert, und es ging mir wie einem Reisenden, der, um die eigentümlichen Sitten in einem wilden Tal von Mittelamerika oder Nordafrika sich vorzustellen, der geographischen Entfernung und den fremdartigen Bezeichnungen der exotischen Flora Rechnung getragen hat und nun hinter riesiger Aloe und Manzanilla Einwohner entdeckt, die (womöglich noch vor den Ruinen eines römischen Theaters oder einer der Venus geweihten Säule) in die Lektüre von Mérope oder Alzire vertieft sind. Und so fern, abseits und hoch über den gebildeten bürgerlichen Frauen, die ich kennengelernt hatte, Frau von Guermantes dieselbe Bildung wie jene erworben hatte, dank der sie sich nun – ohne Eigennutz, ohne begreiflichen Ehrgeiz – bemühte, auf das Niveau dieser Frauen, die sie doch nie kennenlernen sollte, hinabzusteigen –, diese Bemühung war gerade in ihrer Nutzlosigkeit rühmlich und fast so rührend, wie wenn ein Politiker oder Arzt phönizische Altertümer studiert. »Ich hätte Ihnen einen sehr schönen zeigen können«, unterhielt sie mich weiter liebenswürdig von Frans Hals, »manche behaupten, es sei der allerschönste, ich habe ihn von einem deutschen Vetter geerbt. Leider ist er dem Schlosse, »lehnseigen«, Sie kennen den Ausdruck nicht, ich auch nicht« – sie wollt«: sich wieder in ihrer vermeintlich modernen Weise über alte Gebräuche lustig machen, mit denen sie doch unbewußt fest verknüpft war. – »Ich freue mich, daß Sie meine Elstir gesehen haben, aber ich hätte mich, offengestanden, noch viel mehr gefreut, wenn ich Ihnen die Honneurs meines Hals, dieses »lehnseigenen« Bildes hätte machen können.« »Ich kenne es«, sagte der Fürst Von, »es ist doch das vom Großherzog von Hessen.« »Sehr richtig, sein Bruder hatte meine Schwester geheiratet«, sagte Herr von Guermantes, »und seine Mutter ist beiläufig eine Kusine von Orianes Mutter.« »Was aber Herrn Elstir betrifft«, fuhr der Fürst Von fort, »so möchte ich mir, ohne ein Urteil über seine Werke, die ich nicht kenne, zu haben, mir die Bemerkung erlauben, daß der Haß, mit dem der Kaiser ihn verfolgt, nicht übernommen werden sollte. Der Kaiser ist zwar erstaunlich geistvoll.« »Ja, ich habe zweimal mit ihm zusammen diniert, einmal bei meiner Tante Sagan, einmal bei meiner Tante Radziwill, ich muß sagen, ich fand ihn merkwürdig. Einfach schien er mir durchaus nicht! Aber er hat etwas Amüsantes, etwas »Durchgesetztes« – sie hob dies Wort hervor – »mir gehts mit ihm wie mit grünen Nelken, die ich erstaunlich finde, ohne daß sie mir sonderlich gefallen; erstaunlich, daß man so etwas zustande gebracht hat, man hätte es aber nach meiner Meinung ebenso gut unterlassen können. Ich hoffe, mein Vergleich »chokiert« Sie nicht.« »Der Kaiser ist ungewöhnlich intelligent«, erwiderte der Fürst, »er liebt die Künste leidenschaftlich; er hat über Kunstwerke ein in gewissem Sinne unfehlbares Urteil, er irrt sich nie. Wenn etwas schön ist, erkennt er es sofort und haßt es. Wenn er etwas nicht leiden kann, ist es zweifellos ausgezeichnet.« Alle lächelten. »Sie beruhigen mich«, sagte die Herzogin. »Ich möchte den Kaiser mit einem alten Archäologen vergleichen«, begann wieder der Fürst. Er sprach das Wort Archäologe französisch nicht richtig (das heißt, das ch nicht wie k) aus, versäumte aber keine Gelegenheit, es zu gebrauchen; Arschäologe sagte der Fürst. »Mit einem alten Arschäologen, den wir in Berlin haben. Vor den alten assyrischen Denkmälern weint der alte Arschäologe. Wenn es aber moderne Fälschung, nicht echt ist, weint er nicht. Will man also feststellen, ob ein arschäologisches Stück wirklich antik ist, bringt man es zu dem alten Arschäologen. Weint er, kauft man das Stück für das Museum an. Bleiben seine Augen trocken, schickt man es zum Händler zurück und belangt ihn wegen Fälschung. So merke ich mir jedesmal, wenn ich in Potsdam zu Tisch bin, alles, wovon der Kaiser mir sagt: »Fürst, das müssen Sie sehen, das ist ganz genial« und hüte mich, mir das anzusehen, und wenn er gegen eine Ausstellung wettert, lauf ich hin, sobald ich kann.« »Ist Norpois nicht für eine anglo-französische Annäherung?« fragte Herr von Guermantes. »Wozu sollte Ihnen die nützen?« fragte mit pfiffig verdrossener Miene Fürst Von, der die Engländer nicht leiden konnte. »Sie sind zu dumm. Ich weiß, militärisch würden sie Ihnen sowieso nicht helfen. Aber nach der Borniertheit ihrer Generäle kann man sich doch ein Urteil über sie bilden. Einer meiner Freunde sprach unlängst mit Botha, Sie wissen, dem Burenfeldherrn. Der sagte ihm: ›Schrecklich, was das für eine Armee ist! Ich habe ja sonst die Engländer sehr gern, aber wenn man denkt, daß ich, ein Bauer, sie in allen Schlachten verdroschen habe. Und als ich in der letzten einer zwanzigfachen Übermacht unterlag und gezwungen war, mich zu ergeben, hab ichs doch noch fertig gebracht, zweitausend Gefangene zu machen! Das war allerhand, da ich nur ein Bauernanführer bin, aber sollten diese Trottel sich je mit einer richtigen europäischen Armee zu messen haben, die Armen, wie würde es ihnen ergehn. Sie brauchen sich nur ihren König anzusehn, den Sie so gut kennen wie ich: der gilt in England für einen großen Mann.‹« Ich hörte kaum auf diese Geschichten, sie waren von der Art, wie Herr von Norpois sie meinem Vater erzählte; sie gaben den träumerischen Gedankengängen, die ich liebte, keine Nahrung. Und hätten sie auch Gehalt, der ihnen fehlte, besessen, er hätte von sehr anregender Art sein müssen, um mein inneres Leben in diesen Stunden des Gesellschaftsdaseins aufzuwecken, während welcher ich nur meine Epidermis, meine gutgekämmten Haare und mein Frackhemd bewohnte und, das besagt, nichts von dem erleben konnte, was für mich im Leben Genuß war. »Oh! Ich bin nicht Ihrer Meinung«, sagte Frau von Guermantes, die den deutschen Fürsten taktlos fand, »ich finde König Eduard reizend, so einfach und dabei viel gescheiter, als man glaubt. Und die Königin ist heute noch die größte Schönheit, die ich auf der Welt kenne.« »Aber Durchlaucht«, sagte verdrießlich der Fürst, ohne zu bemerken, daß er mißfiel, »wenn der Prinz von Wales ein einfacher Privatmann wäre, würde kein Klub ihn behalten und sich herbeilassen, ihm die Hand zu reichen. Die Königin ist entzückend, ungewöhnlich sanft und beschränkt. Aber schließlich ist es doch etwas anstößig, wie dies Königspaar von seinen Untertanen buchstäblich ausgehalten wird, von den reichen jüdischen Finanzleuten alle Ausgaben sich bezahlen läßt, die es selbst machen müßte, und sie dafür zu Baronets ernennt. Es ist wie mit dem Fürsten von Bulgarien ...« »Das ist unser Vetter«, sagte die Herzogin, »er hat Geist.« »Er ist auch mein Vetter«, sagte der Fürst, »aber das ist für uns kein Grund, ihn für einen braven Mann zu halten. Nein, uns müßten Sie sich nähern; es ist des Kaisers höchster Wunsch, aber er will, daß es von Herzen kommt. Er sagt: ich will, daß man mir die Hand drückt, nicht, daß man den Hut zieht! Mit uns würden Sie unbesieglich sein. Das wäre praktischer, als die anglo-französische Annäherung, die Herr von Norpois predigt.« »Sie kennen ihn, wie ich gehört habe,« sagte die Herzogin von Guermantes zu mir, um mich in die Unterhaltung zu ziehen. Mir fiel ein, daß Herr von Norpois gesagt hatte, es habe damals so ausgesehn, als wolle ich ihm die Hand küssen; sicher hatte er, so dachte ich mir, diese Geschichte der Frau von Guermantes erzählt und auf alle Fälle von mir nur häßlich gesprochen; hatte er doch trotz seiner Freundschaft zu meinem Vater, sich nicht gescheut, mich lächerlich zu machen; trotzdem tat ich jetzt nicht, was ein Mann von Welt getan hätte. Der hätte gesagt, er könne Herrn von Norpois nicht leiden und habe ihn das fühlen lassen; das hätte er gesagt, damit es so aussehe, als habe er selber bewußt dem Botschafter Anlaß zu boshafter Nachrede gegeben, die dann eben nur noch eine verlogene und eigennützige Vergeltungsmaßregel gewesen wäre. Ich dagegen sagte, zu meinem großen Bedauern müsse ich annehmen, Herr von Norpois könne mich nicht leiden. »Da irren Sie sich sehr«, erwiderte Frau von Guermantes. »Er hat Sie sehr gern. Sie können Basin fragen, falls ich in dem Ruf stehen sollte, zu liebenswürdig zu sein, er ist es gewiß nicht. Er wird Ihnen versichern, daß wir Norpois über niemanden so nett haben reden hören wie über Sie. Letzthin hat er Ihnen im Ministerium einen charmanten Posten verschaffen wollen. Da er aber erfuhr, Sie seien leidend und würden ihn nicht annehmen können, hat er aus Taktgefühl gegen ihren Vater, den er ungewöhnlich hochschätzt, gar nicht erst von seiner guten Absicht gesprochen.« Herr von Norpois war wahrhaftig der Letzte, von dem ich eine Gefälligkeit erwartet hätte. In Wahrheit war er ironisch und sogar ziemlich boshaft, und manche, die wie ich durch sein Gebahren eines Heiligen Ludwig, der unter der Eiche B echt spricht, durch den leicht gerührten Klang; seiner Stimme, die allzu melodisch den Lippen entquoll, sich hatten betören lassen, glaubten gleich an infame Perfidie, wenn sie von einer kleinen Bosheit hörten, die dieser Mann, dem die Worte so aus dem Herzen zu kommen schienen, über sie gesagt habe. Solche Bosheiten gab er ziemlich häufig zum Besten. Aber das hinderte ihn nicht, Sympathien zu haben, Menschen, die er gern hatte, zu loben und mit Vergnügen sich ihnen gefällig zu erweisen. »Es wundert mich übrigens nicht, daß er Sie schätzt«, sagte mir Frau von Guermantes, »er ist intelligent«. Und zu den andern gewandt, fuhr sie mit einer Anspielung auf ein mir unbekanntes Heiratsprojekt hinzu: »Ich kann verstehn, daß meine Tante, die ihn als alte Geliebte schon nicht mehr besonders ergötzt, als junge Gattin ihm überflüssig vorkommt. Umsomehr, als sie, wie ich annehme, ihm schon seit langem nicht mehr eine richtige Geliebte ist, sie hat sich mehr der Frömmigkeit ergeben. Boas-Norpois kann wie in Victor Hugos Versen sagen: ›Verlassen hat das Weib, mit dem ich schlief, o Herr, seit langem schon mein Bett, um deinem sich zu weihn.‹ Meine arme Tante ist wahrhaftig wie die hochmodernen Künstler, die ihr ganzes Leben lang gegen die Akademie losgezogen sind und nun auf ihre alten Tage ihre eigne kleine Akademie gründen; oder auch wie die entlaufenen Mönche, die eine persönliche Religion nachträglich sich fabrizieren. Dann hätten sie ja ebensogut in der Kutte bleiben können. »Wer weiß,« fügte sie mit träumerischer Miene hinzu, »vielleicht hat sie schon an Witwenschaft gedacht. Nichts ist so traurig wie eine Trauer, die man nicht tragen kann.« »Oh! Wenn Frau von Villeparisis Frau von Norpois würde, ich glaube, unser Vetter Gilbert bekäme ein hitziges Fieber«, sagte der General Saint-Joseph. »Der Fürst Guermantes ist reizend, aber in der Tat sehr mit Fragen der Herkunft und Etikette beschäftigt«, sagte die Prinzessin von Parma. »Ich habe zwei Tage bei ihm auf dem Lande zugebracht, in einer Zeit, als leider die Fürstin krank war. »Baby« begleitete mich (so nannte man Frau von Hunolstein wegen ihres gewaltigen Leibesumfangs). Der Fürst erwartete mich unten an der Freitreppe, reichte mir den Arm und tat, als sehe er Baby nicht. So stiegen wir ins erste Stockwerk hinauf, und am Eingang zu den Salons trat er zurück, um mich voranzulassen, und sagte: »Ah! Guten Tag, Frau von Hunolstein (seit ihrer Scheidung nennt er sie nie anders) –dabei tat er, als bemerke er Baby erst in diesem Augenblick, um zu zeigen, es gehöre sich nicht, daß er hinunterkomme, um sie unten zu begrüßen.« »Das wundert mich gar nicht,« sagte der Herzog, der selbst ganz modern zu sein, mehr als irgend jemand Herkunft zu mißachten glaubte und sich sogar für einen Republikaner hielt, »ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß ich mit meinem Vetter nicht eben viele Ansichten teile. Hoheit können sich denken, daß wir in fast allen Dingen zu einander passen wie Tag und Nacht. Aber das muß ich sagen, wenn meine Tante Norpois heiraten würde, dann wäre ich einmal derselben Meinung wie Gilbert. Als Tochter von Florimond de Guise eine solche Ehe schließen – da lachen ja die Hühner, wie man sagt. Was soll ich Ihnen sagen?« Diese letzten Worte, die der Herzog sonst mitten im Satz vorbrachte, waren hier ganz sinnlos. Aber er hatte dauernd das Bedürfnis, sie einfließen zulassen, kamen sie sonst nirgends unter, so mußten sie eben an das Ende seiner Periode. Das war bei ihm unter anderm eine Art metrisches Bedürfnis. »Übrigens möchte ich bemerken,« fuhr er fort, »daß die Norpois sehr ordentliche Edelleute sind von guter Herkunft und gutem Stamm.«

»Wozu machen Sie sich erst über Gilbert lustig, wenn Sie dann gerade so sprechen wie er!« sagte Frau von Guermantes, für welche die »Güte« der Herkunft nicht anders als die des Weins genau wie für den Fürsten und für den Herzog von Guermantes in ihrem Alter bestand. Aber nicht so freimütig wie ihr Vetter und raffinierter als ihr Gatte, hielt sie darauf, in der Konversation den Geist der Guermantes nicht zu verleugnen und verachtete mit Worten den Rang, was sie nicht hinderte, ihn mit Taten zu ehren. »Sind Sie nicht am Ende ein bißchen mit ihm vervettert?« fragte der General von Saint-Joseph. »Mir ist doch so, als wäre Norpois mit einer La Rochefoucauld verheiratet gewesen.« »Das hängt ganz anders zusammen; sie war aus der Linie der Herzöge von La Rochefoucauld, meine Großmutter stammt von den Herzögen von Doudeauville ab. Sie ist die richtige Großmutter von Edouard Coco, dem tugendhaftesten Menschen der Familie«, erwiderte der Herzog, der von Tugend etwas oberflächliche Anschauungen hatte, »und die beiden Zweige haben sich seit Louis XIV. nicht mehr vereinigt; es wäre also eine etwas weitläufige Verwandtschaft.« »Das ist interessant, das wußte ich gar nicht«, sagte der General. »Nebenbei bemerkt«, fuhr Herr von Guermantes fort, »war seine Mutter, glaube ich, die Schwester des Herzogs von Montmorency und hatte erst einen La Tour d'Auvergne geheiratet. Aber da diese Montmorency kaum noch Montmorency und diese La Tour d'Auvergne gar nicht mehr La Tour d'Auvergne sind, sehe ich nicht, wie ihm das eine große Stellung geben soll. Er sagt, was ja das Beträchtlichste wäre, er stamme von Saintrailles ab, und da wir von diesem in direkter Linie abstammen ...«

In Combray gab es eine rue de Saintrailles, an die ich nie wieder gedacht hatte. Sie ging von der rue de la Bretonnerie zu der rue de l'Oiseau. Und da Saintrailles, der Gefährte der Jeanne d'Arc, eine Guermantes geheiratet und dabei in die Familie die Grafschaft Combray gebracht hatte, war sein Wappen unter dem der Guermantes einem Kirchenfenster von Saint-Milaire eingefügt. Mit einmal sah ich wieder schwärzliche Sandsteinstufen, und ein Tonwechsel gab dem Worte Guermantes den vergessenen Klang, in dem ich es einst gehört; der war ganz anders als der, welcher die liebenswürdigen Gastgeber bezeichnete, bei denen ich heut abend dinierte. Der Name Herzogin von Guermantes war für mich ein Kollektivname, nicht nur weil die Geschichte alle die Frauen aneinanderreihte, die ihn getragen hatten, sondern auch weil meine kurze Jugend in der einen Herzogin von Guermantes schon so viele verschiedene Frauen sich hatte einander überlagern sehen und jede verschwinden, wenn die folgende deutlich genug geworden war. Im Lauf von Jahrhunderten ändern die Worte nicht so sehr ihren Sinn wie für uns im Zeitraum einiger Jahre die Namen. Unser Gedächtnis und unser Herz sind nicht groß genug, um treu sein zu können. Wir haben nicht genug Platz in unserm gegenwärtigen Denken, um die Toten neben den Lebenden zu bewahren. Wir sind gezwungen, aufzubauen über dem Vorhergegangenen und finden es nur bei einer gelegentlichen Nachgrabung wieder, wie sie eben die Erwähnung des Namens Saintrailles ins Werk gesetzt hatte. Ich hielt es nicht für nötig, das alles zu erklären, und etwas vorher hatte ich sogar stillschweigend gelogen, als ich Herrn von Guermantes nicht antwortete auf seine Frage: »Sie kennen unsere Klitsche nicht?« Vielleicht wußte er auch, daß ich sie kannte und insistierte nur aus guter Erziehung nicht weiter.

Frau von Guermantes weckte mich aus meiner Träumerei. »Ich finde das alles tötlich. Nun, es ist nicht immer so langweilig bei mir. Ich hoffe, Sie kommen recht bald wieder zum Diner, und dann soll es zur Entschädigung etwas andres als Genealogie geben«, sagte die Herzogin halblaut zu mir. Sie konnte nicht ahnen, worin für mich der Reiz lag, bei ihr zu sein, und war nicht demütig genug, um mir nur wie ein Herbarium voll altmodischer Pflanzen gefallen zu wollen.

Was Frau von Guermantes für eine Enttäuschung meiner Erwartungen hielt, war im Gegenteil schließlich – der Herzog und der General redeten nämlich immer weiter über Genealogie – gerade das, was mir den Abend vor einer völligen Enttäuschung bewahrte. Denn bisher war ich natürlich tief enttäuscht. Da jeder der Tischgäste den geheimnisvollen Namen, unter dem allein ich ihn gekannt und aus der Entfernung geträumt hatte, in einen Körper und eine Intelligenz vermummte, die so wie die aller meiner Bekannten oder minderwertiger waren, hatte er mir einen flachen banalen Eindruck gemacht wie ihn die Einfahrt in den dänischen Hafen Helsingör jedem, der fiebernd Hamlet gelesen, machen mag. Wohl hatten geographische Regionen und altertümliche Vergangenheit, welche Hochwald und gotische Glockentürme in die Namen dieser Menschen eingehen ließen, in bestimmtem Maße ihr Gesicht, ihren Geist und ihre Vorurteile geformt, blieben aber darin nur wie die Ursache in der Wirkung enthalten, das heißt nur so, daß vielleicht der Verstand sie herauslösen, die Phantasie aber nie sie darin aufspüren konnte.

Nun gaben mit einem Schlage die altertümlichen Vorurteile den Freunden von Herrn und Frau von Guermantes ihre verlorne Poesie wieder. Sicherlich machen die Kenntnisse, welche die Adligen besitzen, aus ihnen gebildete Etymologen der Namen, nicht der Worte (und das auch nur im Verhältnis zum ungebildeten Durchschnitt der Bürger; denn kann bei gleicher Mittelmäßigkeit ein Frommer über die Liturgie uns besser Auskunft geben als ein Freidenker, so wird doch ein antiklerikaler Archäologe seinen Pfarrer über alles, was dessen eigne Kirche betrifft, belehren können); diese Kenntnisse hatten aber, wenn wir bei der Wahrheit, das heißt beim Geiste bleiben wollen, für die großen Herren nicht einmal den Reiz, den sie für einen Bürger gehabt hätten. Sie mochten besser wissen als ich, daß die Herzogin von Guise Fürstin Cleve, Orléans und Porcien war usw., aber vor diesen Namen hatten sie das Gesicht der Herzogin von Guise gekannt, das seither ihr Name ihnen spiegelte. Ich hatte mit der Fee begonnen, wenn sie auch bald entschwinden sollte; jene mit der Frau.

In bürgerlichen Familien entsteht bisweilen Eifersucht, wenn die jüngere Schwester sich vor der älteren verheiratet. So führte auch die aristokratische Gesellschaft, besonders die der Courvoisier, aber auch die der Guermantes die Höhe ihres Adels auf einfache häusliche Vorrechte zurück und zwar auf Grund einer Spielerei, die ich zuerst (und das war für mich ihr einziger Reiz) in Büchern gefunden hatte. Scheint Tallemant des Réaux statt von den Rohan nicht von den Guermantes zu sprechen, wenn er mit deutlichem Behagen erzählt, wie Herr von Guéménée seinem Bruder zuruft: »Du kannst hier eintreten, es ist nicht der Louvre!« und vom Chevalier de Rohan (weil er ein natürlicher Sohn des Herzogs von Clermont war) sagt: »Der wenigstens ist ein Fürst!« Nur eins war mir bei dieser Unterhaltung peinlich: den abgeschmackten Geschichten über den liebenswürdigen Erbgroßherzog von Luxembourg wurde in diesem Salon ebensoviel Glauben geschenkt wie bei Saint-Loups Kameraden. Entschieden war das eine Epidemie, die vielleicht nur zwei Jahre dauern würde, aber alle ergriffen hatte. Man wiederholte immer dieselben unwahren Berichte und fügte neue hinzu. Und die Prinzessin von Luxembourg selbst, die ihren Neffen zu verteidigen schien, lieferte, wie ich bemerkte, nur neue Waffen, ihn anzugreifen. »Sie tun unrecht, ihn zu verteidigen«, sagte mir Herr von Guermantes, wie schon Saint-Loup mir gesagt hatte: »Lassen wir ruhig die einstimmige Meinung unserer Verwandten beiseite, sprechen Sie über ihn mit seinen Dienstboten, das sind im Grunde die Leute, die uns am besten kennen. Herr von Luxembourg hatte seinem Neffen seinen kleinen Neger gegeben. Der Neger kam weinend wieder zurück: ›Großherzog mich geschlagen, ich nicht Schuft, Großherzog böse, das ist stark‹. Und ich spreche aus Sachkenntnis, es ist ein Vetter von Oriane.« Wie oft ich übrigens an diesem Abend die Worte Vetter und Kusine gehört habe, kann ich gar nicht sagen. Herr von Guermantes rief bei fast jedem Namen, der laut wurde: »Das ist ja ein Vetter von Oriane« und freute sich darüber, wie einer, der sich im Walde verirrt hat, nun unter zwei in einander entgegengesetzte Richtungen zeigenden Pfeilen eines Wegweisers mit einer sehr kleinen Kilometerzahl dahinter liest: »Belvedere Casimir-Perier« und »Croix du Grand-Veneur« und erkennt, daß er auf dem rechten Weg ist. In ganz anderer Absicht (die war hier ein Ausnahmefall) wandte die Worte Vetter und Kusine die Frau des türkischen Botschafters an, die nach dem Diner erschienen war. Diese Frau war von mondänem Ehrgeiz verzehrt und besaß ein erstaunliches Anempfindungsvermögen: sie lernte mit gleicher Leichtigkeit die Geschichte des Rückzugs der Zehntausend oder die sexuelle Entartung bei den Vögeln. Es wäre nicht möglich gewesen, sie auf einem Fehler zu ertappen, wenn sie von den letzten deutschen Werken sprach, ob sie nun von Nationalökonomie oder Geisteskrankheiten, von den verschiedenen Formen der Onanie oder von der Philosophie Epikurs handelten. Es war, nebenbei bemerkt, gefährlich, dieser Frau zuzuhören, denn über die Menschen irrte sie sich dauernd und bezeichnete einem die unbescholtensten Frauen als Ausbünde von Leichtsinn, warnte vor einem Herrn, der die reinsten Absichten hatte, und erzählte lauter Geschichten, die wie aus Romanen klangen, und zwar nicht wegen ihres ernsten Inhalts, sondern wegen ihrer Unwahrscheinlichkeit.

Sie war zu jener Zeit noch kaum in die Gesellschaft eingeführt. Wohl verkehrte sie seit einigen Wochen bei den allerersten Damen wie der Herzogin von Guermantes, war aber im allgemeinen notgedrungen auf den Verkehr mit Angehörigen vornehmer, aber obskurer Seitenlinien beschränkt, mit denen die Guermantes nicht mehr verkehrten. Sie hoffte durchaus mondän zu wirken, wenn sie die großen Namen von ihr befreundeten Leuten vorbrachte, mit denen man wenig verkehrte. Dann glaubte Herr von Guermantes immer erst, es handle sich um Leute, die häufig bei ihm dinierten, war ganz aufgeregt vor Freude, sich in vertrauter Gegend zu finden und stieß sein Feldgeschrei aus: »Das ist ja ein Vetter von Oriane! Den kenn ich wie meine Tasche. Er wohnt rue Vaneau. Seine Mutter war eine geborene d'Uzès.« Dann mußte aber die Botschafterin bekennen, daß ihr Beispiel einer geringeren Sorte entstammte. Sie suchte ihre Freunde mit denen des Herrn von Guermantes in Verbindung zu bringen und ihm seitlich beizukommen: »Ich weiß schon, wen Sie meinen. Nein, die sind es nicht, es sind Vettern von ihnen.« Aber mit solch einer abebbenden Replik hatte die arme Botschafterin kein Glück. Denn Herr von Guermantes erwiderte enttäuscht: »So? Dann weiß ich nicht, wen Sie meinen können.« Die Botschafterin entgegnete nichts; kannte sie schon immer nur die Vettern von denen, auf die es ankam, so waren diese Vettern recht oft sogar nicht einmal richtige Verwandte. Und wieder kam von Herrn von Guermantes her eine neue Flut von: »Das ist ja ein Vetter von Oriane«; diese Worte schienen dem Herzog in seinen Sätzen einen ebenso nützlichen Dienst zu leisten wie den lateinischen Dichtern gewisse bequeme Epitheta, die ihnen für ihre Hexameter einen Daktylus oder Spondeus liefern. Sehr natürlich angewandt schien mir die Explosion: »Das ist ja eine Kusine von Oriane« auf die Fürstin Guermantes, die in der Tat mit der Herzogin nah verwandt war. Offenbar liebte die Botschafterin diese Fürstin nicht. Sie sagte leise zu mir: »Sie ist dumm. Schön, nein, das ist sie nicht. Den Ruhm hat sie sich angemaßt. Und im übrigen«, fügte sie mit überlegter, abstoßender Bestimmtheit hinzu, »mir ist sie unsympathisch«. Oft erstreckte sich die Vetternschaft viel weiter; Frau von Guermantes hielt es für ihre Pflicht, zu Personen »Tante« zu sagen, bei denen sie mindestens bis zu Louis XV. zurückgehn mußte, um einen gemeinsamen Ahnen zu finden; dementsprechend konnte denn auch jedesmal wenn die schlechten Zeiten es mit sich brachten, daß eine amerikanische Milliardärin einen Fürsten geheiratet hatte, dessen Ururgroßvater, wie der von Frau von Guermantes, eine Tochter von Louvois geheiratet hatte, diese Fremde sich das Vergnügen leisten, bei ihrem ersten Besuch im Hause Guermantes, wo sie übrigens mehr oder weniger schlecht aufgenommen und mehr oder weniger kritisiert wurde, zu Frau von Guermantes »Tante« zu sagen, was diese mit mütterlichem Lächeln hinnahm. Aber mir kam es nicht sehr darauf an, was die »Herkunft« für Herrn von Guermantes und Herrn von Beauserfeuil bedeutete; in ihren Unterhaltungen darüber suchte ich einen rein poetischen Genuß. Ohne selbst etwas von diesem Genuß zu wissen, verschafften sie ihn mir, Ackerbauern oder Matrosen ähnlich, die von Landbau oder Ebbe und Flut sprechen, besprachen sie Dinge, die zu wenig von ihnen selbst abgelöst waren, als daß sie deren Schönheit hätten genießen können; das zu tun, war meine Aufgabe und mein Gewinn. Bisweilen gemahnte ein Name nicht so sehr an ein altes Geschlecht als an eine besondre Begebenheit, ein historisches Datum. Als Herr von Guermantes daran erinnerte, daß Herrn von Bréautés Mutter eine Choiseul und seine Großmutter eine Lucinge war, glaubte ich unter dem banalen Hemd mit den einfachen Perlmutterknöpfen in zwei Kristallkugeln die heiligen Reliquien, die Herzen der Frau von Praslin und des Herzogs von Berri bluten zu sehn. Andre Reliquien waren wollüstiger, das zarte lange Haar der Frau Tallien oder der Frau von Sabran.

Bei Herrn von Guermantes, der über die Vorfahren besser Bescheid wußte als seine Frau, kamen Erinnerungen zu Tage, die seinem Gespräch die Schönheit einer altertümlichen Behausung gaben, die zwar keine wahren Meisterwerke enthält, aber voll ist von authentischen, mittelmäßigen und majestätischen Gemälden, deren Gesamtheit großen Eindruck macht. Als der Fürst von Agrigent fragte, warum Fürst X. vom Herzog von Aumale als von seinem Onkel gesprochen habe, erwiderte Herr von Guermantes: »Weil der Bruder seiner Mutter, der Herzog von Württemberg, eine Tochter Louis-Philippes geheiratet hat.« Da sah ich vor mir einen ganzen Altarschrein, wie ihn Carpaccio oder Memling ausgemalt hat, im ersten Fach die Fürstin auf dem Hochzeitsfest ihres Bruders, des Herzogs von Orléans, in einem schlichten Gartenkleid erscheinend, um ihre Verstimmung darüber kundzutun, daß ihre Gesandten, die für sie um die Hand des Fürsten von Syrakus anhalten sollten, zurückgewiesen worden waren, und so fort bis zum letzten, in dem sie einem Knaben das Leben schenkt, dem Herzog von Württemberg (dem Onkel des Fürsten, mit dem ich soeben diniert hatte) in jenem Schlosse »Phantasie«, einer der Stätten, die ebenso adlig sind wie gewisse Familien. Auch mit diesen Schlössern, die mehr als eine Generation überdauern, verknüpfen sich die Namen mancher historischen Persönlichkeiten. So lebten auf »Phantasie« nebeneinander Erinnerungen an die Markgräfin von Bayreuth, an jene andre etwas phantastische Fürstin (die Schwester des Herzogs von Orléans), der, wie man sagte, der Name des Schlosses ihres Gatten so gut gefiel, an den König von Bayern und endlich an den Fürsten X., der eben dies Schloß als Adresse angab, wohin ihm der Herzog von Guermantes schreiben solle; denn er hatte es geerbt und vermietete es nur während der Wagneraufführungen an den Fürsten Polignac, der auch ein prächtiger »Phantast« war. Und als dann Herr von Guermantes, um zu erklären, wie er mit Frau von Arpajon verwandt sei, einfach eine lange Kette ineinander gelegter Hände von drei bis fünf Ahnen zurückverfolgen mußte, bis zu Marie-Louise oder Colbert, ergab sich wieder der seltsame Fall: ein großes historisches Ereignis tauchte vorübergehend auf, aber nur verhüllt, entstellt, reduziert, als der Name einer Besitzung, der Vorname einer Frau laut wurde, die er erwähnte, weil sie die Enkelin von Louis-Philippe und Marie-Amélie war; und diese beiden erschienen in diesem Zusammenhang nicht als König und Königin von Frankreich, sondern nur als Großeltern, die eine Erbschaft hinterlassen. (Ähnlich, wenn auch aus andern Gründen, sieht man in einem Diktionär von Balzacs Gesamtwerk, in dem die berühmtesten Persönlichkeiten nur entsprechend ihrer Stellung in der »Menschlichen Komödie« vorkommen, Napoleon einen viel kleineren Platz einnehmen als Rastignac und diesen Platz auch nur, weil er zu den Fräulein von Cinq-Cygne gesprochen hat). Der Adel ist ein schwerfälliges Gebäude, in das nur hie und da ein Fenster ein wenig Tageslicht hereinläßt und das denselben Mangel an Schlankheit, aber auch dieselbe blind massive Wucht hat wie die romanische Architektur, die ganze Geschichte ist darin beschlossen und eingemauert und lauert mürrisch dahinter.

So füllten sich die Räume meines Gedächtnisses nach und nach mit Namen, die sich wechselseitig ordneten und zusammensetzten, mehr und mehr Beziehungen untereinander anknüpften und so die vollendeten Kunstwerke nachahmten, in denen kein Pinselstrich isoliert bleibt und jeder Teil vom andern Sinn empfängt und ihm Sinn gibt.

Der Name des Herrn von Luxembourg war wieder aufs Tapet gekommen. Die Frau des türkischen Botschafters erzählte, der Großvater der jungen Frau (der Besitzer des gewaltigen Vermögens, das aus Mehl und Teigwaren stammte) habe einmal Herrn von Luxembourg zum Dejeuner eingeladen und dieser habe abgesagt und dabei auf den Briefumschlag »Herrn von Müller« geschrieben; worauf der Großvater geantwortet habe: »Daß Sie nicht kommen konnten, mein lieber Freund, bedaure ich umso mehr, als ich mich sonst im engsten Kreise Ihrer Gesellschaft hätte erfreuen können, denn wir waren ganz unter uns und bei Tisch hätten nur der Müller, sein Sohn und – Sie gegessen.« Diese Geschichte war mir recht widerwärtig, ich wußte, es war ausgeschlossen, daß mein lieber Herr von Nassau den Großvater seiner Frau (von dem er noch dazu eine Erbschaft zu erwarten hatte) »Müller« betitelt hätte; obendrein aber erhellte die Albernheit der Geschichte gleich aus den ersten Worten, die Anschrift »Müller« war allzu offensichtlich gewählt, um auf den Titel der bekannten Fabel Lafontaines »Der Müller, sein Sohn und der Esel« zu kommen. Aber im Faubourg Saint-Germain herrscht eine törichte Freude an Späßen, die oft durch Böswilligkeit verschlimmert wird, alle fanden die Antwort ausgezeichnet, waren darüber einig, daß der Großvater ein guter Kopf und geistvoller sei als der Mann seiner Enkelin. Der Herzog von Châtellerault wollte die Gelegenheit benutzen, um anknüpfend die Geschichte zu erzählen, die ich schon im Café gehört hatte: »Alle legten sich hin«, aber gleich bei den ersten Worten, als er das Ansinnen des Herrn von Luxembourg berichtete, vor seiner Frau solle Frau von Guermantes sich erheben, unterbrach ihn die Herzogin und protestierte: »Nein, lächerlich ist er allerdings, aber doch nicht so lächerlich.« Ich war innerlich überzeugt, die Geschichten über Herrn von Luxembourg seien alle gleich falsch und jedesmal, wenn einer der Mitspielenden oder Zeugen dabei sei, werde ich dasselbe Dementi zu hören bekommen. Bei dem der Frau von Guermantes war ich allerdings im Zweifel, ob es auf Wahrheitsliebe oder Eigenliebe zurückzuführen sei. Jedenfalls wurde letztere bei ihr von Böswilligkeit überwogen, denn lachend fügte sie hinzu: »Ich habe übrigens auch mal eins von ihm abbekommen: er hat mich zum Tee eingeladen, um mich mit der ›Großherzogin von Luxembourg‹ bekannt zu machen; so nennt er geschmackvollerweise seine Frau, wenn er an seine Tante schreibt. Ich habe ihm geantwortet, ich sei zu meinem Bedauern verhindert, und habe hinzugefügt: ›Was die ›Großherzogin von Luxembourg‹ in Anführungszeichen betrifft, so sag ihr, wenn sie mich besuchen will, ich bin jeden Donnerstag von fünf Uhr ab zu Hause.‹ Dann hab ich noch einmal eins abbekommen. Als ich in Luxembourg war, telephonierte ich an ihn und ließ ihn an den Apparat bitten. Da hieß es, Seine Hoheit gehen gerade zu Tisch, kommen gerade von Tisch, zwei Stunden vergingen ohne Resultat; da hab ich ein andres Mittel angewandt: ›Wollen Sie bitte dem Grafen von Nassau sagen, ich möchte ihn sprechen!‹ Das traf: gleich kam er angelaufen.« Alle lachten über die Geschichte der Herzogin und ähnliche andre, die, wie ich überzeugt bin, auch erlogen waren, denn einem klügeren, besseren, feinfühligeren, mit einem Wort, entzückenderen Menschen als diesem Luxembourg-Nassau bin ich nie begegnet. Man wird in der Folge sehn, daß ich mit meiner Meinung Recht behielt. Immerhin sagte Frau von Guermantes unter all den »Gemeinheiten«, die sie losließ, doch einmal etwas Nettes. »Er ist nicht immer so gewesen. Bevor er den Verstand verlor und sich benahm wie in Büchern der Mann, der sich einredet, König geworden zu sein, war er gar nicht dumm und im Anfang seiner Verlobungszeit sprach er recht sympathisch davon wie von einem unerhofften Glück. »Es wird wie im Märchen sein, ich werde in einer großen Zauberkarosse in Luxembourg einziehn müssen«, sagte er zu seinem Onkel d'Ornessan, der ihm zur Antwort gab – Sie wissen ja, groß ist das Land Luxembourg nicht: ›Mit der Zauberkarosse kommst du, fürcht ich, nicht hinein. Ich rate dir lieber zu einer Ziegenkarre.‹ Darüber ärgerte Nassau sich gar nicht. Er hat uns gleich als erster den Witz erzählt und drüber gelacht. Ornessan hat Geist, kein Wunder, seine Mutter ist eine Montjeu. Es geht ihm recht schlecht, dem armen Ornessan.« Diesem Namen war es zu verdanken, daß die faden Bosheiten für eine Weile aussetzten, die sonst kein Ende genommen hätten. Denn nun erklärte Herr von Guermantes, die Urgroßmutter des Herrn von Ornessan sei eine Schwester der Marie von Castille-Montjeu, Gattin von Timoleon von Lothringen, gewesen und somit eine Tante von Oriane. Das Gespräch kam wieder auf Genealogie; die alberne Frau des türkischen Botschafters flüsterte mir ins Ohr: »Sie scheinen ja bei dem Herzog von Guermantes einen Stein im Brett zu haben, na, dann nehmen Sie sich in acht«, und als ich um eine Erklärung bat: »Nun, ich will damit sagen, deutlicher brauch ich ja wohl nicht zu werden, er ist ein Mann, dem man ohne Gefahr seine Tochter anvertrauen könnte, aber nicht seinen Sohn.« Wenn nun je ein Mann die Frauen leidenschaftlich und ausschließlich geliebt hat, so wars der Herzog von Guermantes. Aber für die Botschafterin war der Irrtum, das naiv geglaubte Gegenteil der Wahrheit, eine Art Lebenselement, außerhalb dessen sie sich nicht bewegen konnte. »Sein Bruder Mémé, der mir beiläufig aus andern Gründen (er grüßte sie nicht) tief unsympathisch ist, fühlt aufrichtigen Kummer über die Sitten des Herzogs. Ebenso ihre Tante Villeparisis. Oh, die liebe ich sehr! Das ist eine Heilige, der echte Typus der großen Dame der alten Zeit. Sie ist nicht nur die Tugend selbst, sondern auch die Diskretion. Sie sagt immer noch, ›Herr von Norpois‹ zu dem Botschafter, den sie alle Tage sieht und der beiläufig in der Türkei in bestem Andenken steht.«

Ich gab der Botschafterin gar keine Antwort, hörte nur auf die Genealogien. Nicht alle waren von Bedeutung. Eine der überraschenden Verbindungen, die Herr von Guermantes im Laufe der Unterhaltung mitteilte, stellte sich sogar als Mesalliance heraus, aber auch sie hatte ihren Charme: sie verband unter der Julimonarchie den Herzog von Guermantes und den Herzog von Fezensac mit den beiden entzückenden Töchtern eines berühmten Seefahrers und gab somit den beiden Herzoginnen das unvermutet Pikante einer exotisch bürgerlichen, einer Louis-Philippisch indianischen Grazie. Oder: unter Louis XIV. hatte ein Norpois die Tochter des Herzogs von Mortemart geheiratet, und der erlauchte Titel gab aus der Ferne jener Zeit dem Namen Norpois, den ich bisher blaß fand und für neu halten konnte, Prägung und ziselierte Medaillenschönheit tief in ihn ein. Und dabei gewann nicht nur der weniger bekannte Name durch die Annäherung: der andre, im starken Glanz verblassende, bekam unter diesem neuen verdüsternden Aspekt für mich etwas Eindringlicheres, wie mitten unter den Porträts eines blendenden Koloristen eins ganz in Schwarz bisweilen das ergreifendste ist. Die neue Beweglichkeit, die all diese Namen für mich erhielten, als sie sich jetzt neben andre stellten, von denen ich sie weit entfernt gewähnt hätte, beruhte nicht nur auf meiner Unwissenheit; den Wechseltanz, den sie in meinem Geist vollführten, hatten sie nicht minder behende in alter Zeit tatsächlich ausgeführt, als ein Titel, der für immer zu einem Stück Land gehörte, mit diesem von einer Familie auf die andre überging: so konnte ich zum Beispiel in dem ritterlich schönen Bauwerk, das der Titel Herzog von Nemours oder Herzog von Chevreuse darstellt, wie in die gastliche Behausung eines Einsiedlerkrebses gekauert, einen Guise, einen Prinz von Savoyen, einen Orleans, einen Luynes einen nach dem andern entdecken. Bisweilen bewarben sich mehrere gleichzeitig um dieselbe Muschel: um das Fürstentum Oranien die königliche Familie der Niederlande und die Herren von Mailly-Nesle, um das Herzogtum Brabant der Baron von Charlus und die belgische Königsfamilie, und soviel andre um die Titel eines Fürsten von Neapel, Herzogs von Parma oder von Reggio. Manchmal hingegen war die Muschel schon lange unbewohnt und ihre Besitzer längst verstorben; und ich hätte doch nie geahnt, daß dieser oder jener Schloßname vor schließlich noch gar nicht so langer Zeit ein Familienname war. Daher mein Erstaunen, als Herr von Guermantes auf eine Frage des Herrn von Monserfeuil antwortete: »Nein, meine Kusine ist wilde Royalistin, ihr Vater war der Marquis von Féterne, der im Krieg der Chouans eine Rolle gespielt hat«, und ich mit einmal den Namen Féterne, der seit meinem Aufenthalt in Balbec der Name eines Schlosses für mich gewesen war, werden sah, was ich ihm nicht zugetraut hätte: ein Familienname; es war dasselbe Erstaunen wie vor einem Zaubermärchen, in dem Türme und Treppe lebendig werden und sich in Personen verwandeln. In diesem Sinne kann man sagen: die Geschichte, selbst die einfach genealogische, macht alte Steine lebendig. Es hat in der Pariser Gesellschaft Männer gegeben, die eine ebenso ansehnliche Rolle gespielt haben, wegen ihrer Eleganz oder ihres Geistes umworbener und dabei von ebenso hoher Herkunft waren wie der Herzog von Guermantes oder der Herzog von La Trémoille. Heut sind sie vergessen, denn da sie keine Nachkommen gehabt haben, klingt ihr Name, den man fast nie hört, unbekannt, höchstens lebt er noch als Dingname, in dem wir keinen Menschennamen zu entdecken trachten, in irgend einem Schloß, irgend einem entlegenen Dorf weiter. Bald wird der Wandrer, der tief in der Bourgogne in dem Dörfchen Charlus Rast macht, um die Kirche anzusehn, und nicht interessiert genug oder zu eilig ist, um die Grabsteine zu betrachten, nicht mehr wissen, daß dieser Name Charlus einmal der eines Mannes war, der die Größten seinesgleichen nannte. Diese Überlegung gemahnte mich, daß ich aufbrechen mußte, denn während ich Herrn von Guermantes' genealogischen Erörterungen zuhörte, nahte die Stunde, zu der ich mit seinem Bruder verabredet war. Wer weiß, dachte ich weiter, ob eines Tages Guermantes selbst mehr sein wird als ein Ortsname – außer für Archäologen, die sich zufällig in Combray aufhalten und Geduld genug haben, vor dem Kirchenfenster von Gilbert le Mauvais den Vortrag von Theodores Nachfolger anzuhören oder im Führer des Pfarrers zu lesen? So lange aber ein großer Name nicht erloschen ist, wirft er volles Licht auf die, welche ihn tragen; und zweifellos lag mein Interesse an diesen Familiengeschichten zum Teil daran, daß man von der Gegenwart ausgehend sie Stufe um Stufe bis weit über das vierzehnte Jahrhundert hinaus verfolgen, von allen Vorfahren des Herrn von Charlus, des Fürsten von Agrigent und der Prinzessin von Parma Memoiren und Briefwechsel nachlesen kann bis zurück in eine Vergangenheit, in welcher das erste Auftauchen einer bürgerlichen Familie von undurchdringlicher Nacht verhüllt sein würde, während wir in der hellen retrospektiven Projektion eines Namens Ursprung und Fortdauer gewisser nervöser Eigentümlichkeiten, gewisser Laster und Verirrungen dieses oder jenes Guermantes erkennen. Wir finden sie pathologisch denen von heute fast gleich und sehen, wie sie von Jahrhundert zu Jahrhundert bei ihren Korrespondenten besorgte Anteilnahme erregen, ob sie nun vor der Pfalzgräfin und Frau von Motteville oder nach dem Fürsten von Ligne gelebt haben.

Übrigens war bei mir die historische Neugier ziemlich schwach im Vergleich zum ästhetischen Genuß. Die Gäste der Herzogin, die trotz ihrer klangvollen Namen, Fürst von Agrigent oder von Cystira, in ihren Masken aus Fleisch, geistiger Armut oder Mittelmäßigkeit in alltägliche Menschen sich mir verwandelt hatten (und das in solchem Grade, daß ich bei meiner Landung auf der Strohmatte im Vestibül nicht, wie ich geglaubt, die Schwelle, sondern das Ende der Zauberwelt der Namen betrat) – verloren nun, als ich all die alten Namen nennen hörte, ihre körperliche Gegenwart. Sogar der Fürst von Agrigent wurde, als ich vernahm, seine Mutter sei eine Damas und Enkelin des Herzogs von Modena, befreit von dem Gesicht und den Worten, die mich hinderten, ihn zu erkennen, wie von einer chemischen Verbindung, die sich nicht hält, und bildete mit Modena und Damas, obwohl dies nur Titel waren, eine unendlich verlockendere Kombination. Jeden Namen verschob die Anziehungskraft eines andern Namens, von dem ich bisher die Verwandtschaft mit ihm nicht geahnt hatte, er verließ den festen Platz, den er vorhin in meinem Gehirn inne gehabt, wo Gewohnheit ihn glanzlos gemacht hatte, und verband sich mit den Mortemart, den Stuart und Bourbon zu Zweigen von anmutigerer Gestalt und wechselnder Farbe. Sogar der Name Guermantes bekam von all den schönen erloschenen und darum um so glühender angefachten Namen, mit denen er, wie ich jetzt erst erfuhr, verknüpft war, eine neue, rein poetische Bestimmtheit. Wohl konnte ich höchstens am äußersten Ende jeder Schwellung des edlen Stammes diesen zum Gesicht eines weisen Königs oder einer erlauchten Fürstin sich entfalten sehen wie zu dem des Vaters von Henri IV. oder dem der Herzogin von Longueville. Da aber diesen Gesichtern – im Gegensatz zu denen meiner Tischgenossen – kein Überrest von materieller Erfahrung oder gesellschaftlicher Mittelmäßigkeit anhaftete, blieben sie in ihrer schönen Zeichnung und ihren wechselnden Reflexen den Namen, die, in regelmäßigen Abständen jeder in anderer Farbe, sich vom Stammbaum der Guermantes ablösten, wesensgleich und entstellten nicht durch fremden trüben Stoff die durchsichtig bunten Knospen hüben und drüben, die wie die Vorfahren Jesu auf dem Jessebaum alter Kirchfenster zu beiden Seiten des gläsernen Baumes blühten.

Zu wiederholten Malen hatte ich mich schon zurückziehn wollen, aus verschiedenen Gründen, vor allem, weil meine Gegenwart diese Versammlung bedeutungslos machen mußte, und es war doch eine der Versammlungen, die ich mir lange Zeit hindurch so schön vorgestellt hatte, und ohne den störenden Zeugen wäre sie es gewiß auch gewesen. Nun sollte wenigstens mein Weggehen es den Gästen möglich machen, sobald der Profane nicht mehr da war, zu ihrer Geheimsitzung sich zu konstituieren. Dann konnten sie die Mysterien feiern, zu deren Begehung sie zusammengekommen waren, denn das waren sie doch augenscheinlich nicht, um von Frans Hals oder vom Geiz zu sprechen, noch dazu, so wie es auch Leute der Bourgeoisie tun. So oberflächliche Dinge sagte man wohl nur, weil ich dabei war; mein Gewissen regte sich, angesichts all dieser hübschen Frauen, die meine Gegenwart trennte und hinderte, in dem erlesensten ihrer Salons das geheimnisvolle Leben des Faubourg Saint-Germain zu führen. Aber diesen Abgang, zu dem ich jeden Augenblick mich anschickte, schoben Herr und Frau von Guermantes in ihrer Opferwilligkeit immer wieder hinaus und hielten mich zurück. Und was noch merkwürdiger war, mehrere der Damen, die in seligem Eifer, schön angetan im Schmuck ihrer Juwelen, hergekommen waren, um einem Fest beizuwohnen, das durch meine Schuld sich so wenig von denen, die es auch außerhalb des Faubourg Saint-Germain gab, unterschied, – wie man sich in Balbec in einer Umgebung befindet, die sich von der gewohnten unterscheidet, – mehrere dieser Damen zeigten, als sie aufbrachen, gar keine Enttäuschung, wie zu erwarten war, sondern dankten Frau von Guermantes überschwenglich für den entzückenden Abend, den sie verbracht hätten, als ob es an den andern Tagen, an denen ich nicht dabei war, genau so zuginge. Machten all diese Leute wirklich immer wieder für Diners wie dieses Toilette, ließen sie wirklich solchen Diners zuliebe keine Bürgerinnen in ihre streng geschlossenen Salons eindringen? Genau so, auch wenn ich nicht dabei war? Einen Augenblick vermutete ichs, aber es war zu absurd. Der einfache gesunde Menschenverstand schloß diesen Verdacht aus. Und dann, hätte ich ihn aufkommen lassen, was wäre von dem Namen Guermantes übrig geblieben, der seit Combray schon so heruntergekommen war? Diese Blumenmädchen waren übrigens erstaunlich leicht von andern zufriedenzustellen und ebensosehr darauf aus, andere zufriedenzustellen; mehr als eine, zu der ich während des ganzen Abends nur zwei- dreimal ein paar Worte gesagt, deren Blödheit mir die Schamröte ins Gesicht getrieben hatte, ließ es sich nicht nehmen, bevor sie den Salon verließ, auf mich zuzukommen und während ihre schönen Augen zärtlich auf mir ruhten und sie den Orchideenzweig über ihrer Brust wieder aufrichtete, mir zu versichern, es sei ihr ein großes Vergnügen gewesen, mich kennen zu lernen, und sie wünsche »etwas zu arrangieren« – das war eine verschleierte Anspielung auf eine Einladung zum Diner –, nachdem sie mit Frau von Guermantes einen Tag verabredet habe. Keine der Blumendamen brach vor der Prinzessin von Parma auf. Daß diese noch da war (man darf nicht vor einer Hoheit fortgehn), war einer der beiden Gründe, – die ich nicht erraten hatte – weshalb die Herzogin mich durchaus nicht fortlassen wollte. Als endlich Frau von Parma sich erhob, war es wie eine Erlösung. Alle Damen machten einen Hofknix vor ihr, sie hob sie auf und erteilte ihnen mit einem Kuß, gleichsam als Segen, den sie auf Knien erfleht hatten, die Erlaubnis, nach ihrem Mantel und ihren Leuten zu verlangen. So gab es denn vor der Tür eine Art lautes Verzeichnis großer Namen aus der Geschichte Frankreichs. Die Prinzessin von Parma hatte nicht erlaubt, daß Frau von Guermantes mit hinunterkäme, sie bis ins Vestibül zu begleiten: sie sollte sich nicht erkälten; und dazu hatte der Herzog erklärt: »Aber Oriane, da Hoheit es gestattet, denken Sie doch an das, was der Doktor Ihnen gesagt hat.« »Ich glaube, es war der Prinzessin von Parma ein großes Vergnügen, mit Ihnen zu dinieren.« Ich kannte die Formel. Der Herzog war quer durch den ganzen Salon gekommen, um sie mit betonter Verbindlichkeit vor mir auszusprechen, als überreiche er mir ein Diplom oder böte mir Petitsfours an. Von dem Genuß, den ihm offenbar dieser Akt bereitete, bekam sein Gesicht für den Augenblick einen Ausdruck von Sanftmut, und ich merkte, es war eine der Obliegenheiten, die er bis ins höchste Alter erfüllen würde als leichte ehrenvolle Funktion, die man noch bei äußerster Gebrechlichkeit beibehält. Gerade als ich fortgehn wollte, kam die Ehrendame der Prinzessin noch einmal in den Salon zurück, da sie vergessen hatte, wundervolle Nelken aus Guermantes mitzunehmen, welche die Herzogin Frau von Parma gegeben hatte. Die Ehrendame war rot im Gesicht, man merkte, sie hatte etwas abbekommen; zu allen Menschen gütig, konnte die Prinzessin die Dummheiten ihrer Begleiterin nicht geduldig mit ansehn. Eilig machte sich diese mit den Nelken davon; um aber ein trotziges Behagen nach außen hin zu wahren, ließ sie, als sie an mir vorbeikam, die Worte fallen: »Die Prinzessin findet, ich komme zu spät, sie möchte schon fort sein und dabei doch ihre Nelken haben. Gott! Ich bin doch kein Vögelchen, ich kann nicht an zwei Orten zugleich sein.« Daß man nicht vor einer Hoheit sich erheben darf, war aber nicht der einzige Grund, weshalb ich nicht unverzüglich fort konnte; es gab noch einen andern. Der vielgepriesene Luxus, auf den sich die Courvoisier nicht verstanden, während die Guermantes, ob steinreich oder halb ruiniert ihn ihren Freunden glanzvoll zugute kommen ließen, war nicht einzig ein materieller Luxus, wie ich ihn häufig bei Robert von Saint-Loup kennengelernt hatte, sondern zugleich ein Luxus in charmanten Worten und liebenswürdigem Benehmen, eine reiche Eleganz im Ausdruck, die von wahrem inneren Reichtum gespeist wurde. Da dieser aber im mondänen Müßiggang ohne Anwendung blieb, ergoß er sich und suchte einen Ausweg in einer Art flüchtigem und dadurch etwas beklommenem Überschwang; bei Frau von Guermantes konnte man ihn für wahre Zuneigung halten. Und die empfand sie wirklich im Augenblick, da sie diesem Überschwang nachgab; die Gegenwart des Freundes oder der Freundin, die mit ihr war, gab ihr eine Art Trunkenheit, die aber nichts Sinnliches hatte, vielmehr dem Rausch glich, den Musik manchen Menschen gibt. Dann konnte sie ein Medaillon oder eine Blume von ihrer Brust nehmen und dem Wesen geben, mit dem zusammen sie sich den Abend länger gewünscht hätte, obwohl sie voll Schwermut fühlte, eine solche Verlängerung würde zu nichts als leerem Geplauder führen, das nichts aufnehmen würde von dem Nervenreiz der flüchtigen Erregung und wie erste Frühlingswärme nur ein Gefühl von Müdigkeit und Trauer hinterlassen. Der Freund aber, zu dem sie so waren, durfte sich nicht durch Versprechungen, berauschender als er sie je vernommen, wie diese Frauen sie vorbrachten, irre führen lassen; da sie die Süße des Augenblicks so stark empfinden, machen sie aus ihm mit einem Zartgefühl und Adel, wie normale Geschöpfe sie nicht kennen, ein hinreißendes Meisterwerk von Anmut und Güte, und haben dann im nächsten Augenblick von sich aus nichts mehr zu geben. Ihre Neigung überlebt nicht die Ekstase, die sie eingab; und das geistige Raffinement, das sie jetzt befähigt, alles zu erraten, was wir gern hören möchten, und es uns zu sagen, wird ihnen ein paar Tage später gestatten, unsere Lächerlichkeiten zu entdecken und damit einen andern, der sie besucht, zu ergötzen, einen andern, mit dem sie dann gerade einen dieser »musikalischen Momente« genießen, die so kurz sind.

Im Vestibül bat ich einen Lakaien um meine Snowboots, die ich zum Schutz gegen den Schnee, der in leichten, schnell zu Schmutz zerrinnenden Flocken gefallen war, mitgenommen hatte, ohne darauf zu kommen, daß so etwas nicht gerade elegant war; nun fühlte ich durch das verächtliche Lächeln ringsumher eine Beschämung, die ihren Höhepunkt erreichte, als ich bemerkte, daß Frau von Parma noch nicht fort war und zusah, wie ich meine amerikanischen Gummischuhe anzog. Die Prinzessin näherte sich mir. »Oh! Das ist eine gute Idee«, rief sie, »wie praktisch das ist! Sehr klug von Ihnen. Wir müssen uns so etwas anschaffen«, wandte sie sich dann an ihre Ehrendame, während die Ironie der Lakaien sich in Respekt verwandelte und die Gäste mich umdrängten, um sich zu erkundigen, wo ich diese Wunderdinge gefunden habe. »Damit haben Sie nichts zu fürchten, selbst wenn es wieder schneit und Sie einen weiten Weg haben; so gibts keine schlimme Jahreszeit mehr«, sagte mir die Prinzessin. »Oh! In dieser Hinsicht können Königliche Hoheit sich beruhigen«, unterbrach die Ehrendame mit schlauer Miene, »es wird nicht wieder schneien«. »Was wissen Sie davon«, fragte ärgerlich die vortreffliche Prinzessin von Parma, die außer der Dummheit ihrer Hofdame nichts verdroß. »Ich kann Ihrer Königlichen Hoheit versichern, es kann nicht wieder schneien, das ist materiell unmöglich«. »Weshalb denn?« »Es kann nicht mehr schneien, man hat die nötigen Maßregeln getroffen, man hat Salz gestreut!« Der harmlosen Dame fiel der Zorn der Prinzessin und die Heiterkeit der andern nicht auf; statt zu schweigen, sagte sie, unbeirrt durch meine Proteste gegen die Verwandtschaft mit dem Admiral Jurien de la Gravière, mit anmutigem Lächeln zu mir: »Was kann Ihnen übrigens das bißchen Nässe anhaben? Der junge Herr ist seefest. Gutes Blut läßt sich nicht verleugnen.«

Als Herr von Guermantes die Prinzessin von Parma hinausbegleitet hatte, kam er zu mir, nahm meinen Mantel und sagte: »Ich will Ihnen in Ihre Pelle helfen.« Er lächelte nicht einmal mehr, wenn er so etwas sagte; die gewöhnlichsten Redensarten waren infolge der affektierten Natürlichkeit der Guermantes gerade besonders aristokratisch geworden.

Ekstase, die in Schwermut endet, weil sie künstlich gewesen ist – das sollte nun auch ich, obwohl in ganz anderer Weise erleben als Frau von Guermantes, als ich jetzt ihr Haus verlassen hatte und in dem Wagen saß, der mich zum Hause des Herrn von Charlus fuhr. Wir können uns nach Belieben der einen oder andern von zwei Kräften überlassen: die eine steigt aus uns selbst empor, entströmt unsern tiefen Eindrücken, die andre kommt uns von außen. Die erste bringt in natürlicher Art eine Freude mit sich, die Freude, die das Leben der Schaffenden entbindet. Die andre Strömung, welche die Bewegtheit der andern Menschen da draußen in uns überzuleiten versucht, ist nicht von Genuß begleitet; aber wir können ihr durch Rückwirkung Genuß beigeben in Form eines Rausches, der so künstlich ist, daß er schnell in Überdruß und Traurigkeit umschlägt; daher das mürrische Gesicht so vieler Weltleute, daher ihre vielen nervösen Zustände, die bis in Selbstmord ausarten können. Im Wagen, der mich zu Herrn von Charlus brachte, fiel ich der zweiten Art Ekstase zur Beute, die sehr verschieden ist von der, in welche uns ein persönlicher Eindruck versetzt, wie ich ihn in andern Wagen gehabt hatte, einmal in Combray in der kleinen Kutsche des Doktors Percepied, aus der ich sah, wie die Kirchtürme von Martainville sich auf die Abenddämmerung malten, und eines Tages in Balbec in der Kalesche von Frau von Villeparisis, als ich die Erinnerung aufzuhellen versuchte, die eine Baumallee in mir hervorrief. In diesem dritten Wagen aber hatte ich ganz anderes vor dem geistigen Auge: die Tischgespräche bei Frau von Guermantes, die mir so langweilig vorgekommen waren, zum Beispiel die Erzählungen des Fürsten Von über den deutschen Kaiser, den General Botha und das englische Heer. Die hatte ich in das innere Stereoskop geschoben, in das wir blicken, sobald wir nicht mehr wir selbst sind, und nur noch eine Gesellschaftsseele besitzen; dann wollen wir unser Leben nur noch von den andern empfangen und geben dem, was sie gesagt und getan haben, Relief. Wie ein Betrunkener, der zärtliche Regungen zu dem Kellner fühlt, der ihn bedient, fühlte ich mich zu meiner Überraschung ergriffen von einem Glück, das ich im Moment des Erlebens doch tatsächlich gar nicht empfunden hatte, dem Glück, zusammen mit einem Manne diniert zu haben, der Wilhelm II. so gut kannte und Anekdoten von ihm zu erzählen wußte, die wahrhaftig recht geistreich waren. Und als mir mit dem Akzent des deutschen Fürsten die Geschichte vom General Botha einfiel, lachte ich laut auf, gerade als wäre dies Lachen, wie mancher Beifall, der innere Bewunderung verstärkt, notwendig, um das Komische der Geschichte zu bekräftigen. Hinter meinen Vergrößerungsgläsern nahmen selbst die Urteile von Frau von Guermantes, die mir töricht vorgekommen waren (zum Beispiel das über Frans Hals, den man von der Trambahn aus hätte sehen müssen) ungewöhnliche Lebendigkeit und Tiefe an. Und ich muß sagen, wenn diese Ekstase auch schnell nachließ, sie war doch nicht ganz sinnlos. Wie wir eines schönen Tages über unsre Bekanntschaft mit einer Person, die wir sehr verachten, glücklich sein können, weil gerade sie mit einem jungen Mädchen, das wir lieben, befreundet ist – sie kann uns der Geliebten vorstellen und uns so nützlich und angenehm sein, was wir ihr nie zugetraut hätten –, so gibt es keine scheinbar noch so belanglose Unterhaltung, aus der man nicht doch eines Tages Nutzen ziehen könnte. Was Frau von Guermantes mir über Gemälde gesagt hatte, die auch nur von der Trambahn aus zu sehen interessant wäre, war falsch, enthielt aber ein Stück Wahrheit, das mir in der Folge wertvoll wurde.

So waren auch die Verse von Victor Hugo, die sie uns zitiert hatte, allerdings aus einer Zeit, die vor der Epoche lag, in der er mehr wurde als eine neue Erscheinung, in der seine Entwicklung zu einer noch unbekannten, reicher organisierten literarischen Gattung führte. In diesen ersten Dichtungen denkt Victor Hugo noch, anstatt sich wie die Natur damit zu begnügen, zu denken zu geben. »Gedanken« drückt er da noch in der direktesten Form aus, fast in dem Sinne, wie der Herzog das Wort gebrauchte, als er, weil es ihm veraltet und umständlich vorkam, wenn die Besucher seiner großen Feste in Combray ins Schloßalbum hinter ihren Namenszug eine philosophisch-poetische Betrachtung setzten, die Neuangekommenen warnend beschwor: »Ihren Namen, Teuerster, aber keine Gedanken!« Solche »Gedanken« also (in der Légende des Siècles gibt es dergleichen fast eben so wenig wie »Arien« oder »Melodien« in der zweiten wagnerischen Manier) waren es, was Frau von Guermantes an dem frühen Hugo liebte. Aber nicht ganz mit Unrecht. Sie waren rührend und bereits umbrandeten sie, obwohl die Form noch nicht die Tiefe hatte, zu der sie erst später gelangen sollte, Fülle der Worte und reich gegliederte Reime und unterschieden sie von Versen, wie man sie zum Beispiel bei Corneille entdecken kann, Versen, in denen ein intermittierender verhaltener und darum um so inniger ergreifender Romantismus eben doch noch nicht zu den leiblichen Quellen des Lebens durchgedrungen ist, noch nicht den unbewußten, der Verallgemeinerung zugänglichen Organismus, in welchem die Idee Zuflucht findet, umgewandelt hat. So hatte ich Unrecht, mich bisher auf die Lektüre der letzten Verssammlungen Hugos zu beschränken. Von den ersten war es gewiß nur ein verschwindend kleiner Teil, mit dem Frau von Guermantes ihre Unterhaltung schmückte. Aber gerade wenn man einen isolierten Vers zitiert, verzehnfacht man seine Anziehungskraft. Die, welche beim Diner mein Gedächtnis aufgenommen oder wiedergefunden hatte, zogen nun ihrerseits magnetisch die Stücke an, inmitten derer sie gewohnt waren, sich eingeschlossen zu befinden, und beschworen sie so stark, daß meine elektrisierten Hände nicht länger als achtundvierzig Stunden der Macht widerstehen konnten, die sie zu dem Bande zog, in dem die Orientales und die Chants du Crépuscule vereinigt waren. Ich fluchte auf Françoises Lakaien, der mein Exemplar der Feuilles d'Automne in seine Heimat verschenkt hatte, und schickte ihn, ohne einen Augenblick zu verlieren, ein neues zu kaufen. Ich las die Bände von Anfang bis zu Ende wieder durch und fand erst Ruhe, als ich mit einmal die von Frau von Guermantes zitierten Verse entdeckte; die in dem Lichte, in das sie sie getaucht hatte, mich erwarteten. Aus all diesen Gründen glich mein Gewinn aus den Gesprächen mit der Herzogin Kenntnissen, wie man sie aus einer Schloßbibliothek schöpft, die zwar veraltet, unvollständig, zur Bildung ungeeignet ist und nichts von dem, was wir lieben, enthält, uns aber bisweilen merkwürdige Auskünfte gibt, oder gar eine schöne Seite zitiert, die wir nicht kannten, und dann freuen wir uns später in der Erinnerung, daß wir diese Kenntnis unserm Aufenthalt auf einem prachtvollen Herrensitz verdanken. Weil wir dort Balzacs Vorrede zur Chartreuse oder unveröffentlichte Briefe Jouberts gefunden haben, fühlen wir uns versucht, den Wert des Lebens, das wir dort geführt, zu überschätzen; der unverhoffte Fund einer Abendstunde läßt uns die galante Leere dieses Lebens vergessen. Von diesem Standpunkt aus angesehen, offenbarte die vornehme Gesellschaft, nachdem sie im ersten Moment den Erwartungen meiner Phantasie nicht entsprochen hatte und mir erst mehr durch das, was sie mit andern Gesellschaftskreisen gemeinsam hatte als das, was sie von jenen unterschied, aufgefallen war, nach und nach sich mir in ihrer Besonderheit. Die hohen Adligen sind fast die einzigen Menschen, von denen man soviel lernt wie von den Bauern; ihre Unterhaltung ist geschmückt mit allem, was mit dem Land, den Stätten, wie sie ehedem bewohnt waren, und alten Gebräuchen zusammenhängt, lauter Dingen, von denen die Finanzwelt absolut nichts weiß. Nehmen wir an, ein in seinen Ansprüchen und Anschauungen durchaus maßvoller Aristokrat habe sich schließlich ganz in die Zeit gefunden, in der er lebt, – seine Mutter, seine Onkel, seine Großtanten bringen ihn, wenn er an die Kindheit zurückdenkt, in eine Sphäre, in der ein Leben möglich war, wie es heute fast unbekannt ist. In dem Sterbezimmer eines Toten von heute hätte Frau von Guermantes die Verstöße gegen die Gebräuche nach außen hin zwar nicht merken lassen, aber sofort bemerkt. Es verletzte sie, bei einem Begräbnis Frauen und Männer zusammen zu sehen, da es doch eine besondre Zeremonie gibt, die nur für die Frauen begangen wird. Das Tuch, von dem Bloch zweifellos gemeint hätte, es werde ausschließlich bei Begräbnissen verwendet, weil in den Trauerfeierberichten immer von den Tuchzipfeln gesprochen wird, hatte Herr von Guermantes, wie er sich erinnern konnte, als Kind bei der Trauung des Herrn von Mailly-Nesle über die Vermählten halten sehen. Während Saint-Loup seinen kostbaren »Stammbaum«, alte Porträts der Familie Bouillon, Briefe von Louis XIII. verkauft hatte, um sich Bilder von Carrière und »Modern style«-möbel anzuschaffen, hatten Herr und Frau von Guermantes einem Gefühle nachgegeben, in dem die glühende Liebe zur Kunst vielleicht nur eine geringere Rolle spielte und bei dem sie selber geistig mittelmäßiger blieben, und ihre wunderbaren Boulemöbel behalten, die für einen Künstler denn doch ein viel verführerisches Ensemble bildeten. So wäre auch ein Literat von ihrer Unterhaltung entzückt gewesen; sie bot ihm – ein Hungriger kann keinen Hungrigen brauchen – ein lebendes Lexikon aller Ausdrücke, die täglich mehr in Vergessenheit geraten: »Sankt-Josephs-Krawatten«, »blaue Marien-Kinder« usw., Ausdrücke, wie man sie nur noch bei Menschen findet, die sich zu liebenswürdigen, wohlwollenden Bewahrern des Vergangenen machen. Ihre Gesellschaft ist für einen Schriftsteller viel genußreicher als die anderer Schriftsteller, aber dieser Genuß ist nicht ohne Gefahr, er kann ihn zu dem Glauben verführen, die Dinge der Vergangenheit seien an und für sich reizvoll, und veranlassen, sie so, wie sie sind, in sein Werk zu übernehmen, das dann totgeboren ist, langweilig wirkt – worüber er sich tröstet in dem Gedanken: »Es ist hübsch, weil es wahr ist, die Ausdrücke sind echt«. Bei Frau von Guermantes hatten die aristokratischen Gespräche noch den besondern Reiz, daß sie in vorzüglichem Französisch geführt wurden. Dadurch wurde auch ihre spöttische Heiterkeit über die seltsamen Ausdrücke, die Saint-Loup gebrauchte: »Viatikum« – »kosmisch« – »pythisch« – so wie über seine bei Bing gekauften Möbel gerechtfertigt.

Trotz alldem blieben mir die Geschichten, die ich bei Frau von Guermantes gehört hatte – und darin unterschieden sie sich von dem, was ich vor dem Weißdorn gefühlt, an einer »Madeleine« geschmeckt hatte –, wesensfremd. Für einen Augenblick in mich, der nur physisch von ihnen besessen war, eingedrungen, waren sie, hätte man meinen sollen, bei ihrer sozialen, nicht individuellen Natur ungeduldig, mich wieder zu verlassen ... Ich bewegte mich in dem Wagen wie die Seherin auf dem Dreifuß. Ich sah einem neuen Diner entgegen, bei dem ich selbst eine Art Fürst X., eine Art Frau von Guermantes werden und diese Geschichten erzählen könnte. Inzwischen machten sie meine Lippen erbeben, die sie herstammelten, und vergebens versuchte ich meinen Geist, den eine zentrifugale Kraft im Taumel entführte, in meine Gewalt zurückzubekommen. So geschah es, daß ich mit fieberhafter Ungeduld, nicht länger mehr ihre Last allein in einem Wagen tragen zu müssen – in dem ich mir übrigens über die mangelnde Zwiesprache dadurch hinweghalf, daß ich laut redete – an der Tür des Herrn von Charlus klingelte. Mit langen Monologen, in denen ich mir alles, was ich ihm erzählen wollte, wiederholte, ohne recht zu bedenken, was er mir wohl zu sagen haben könne, verging die Zeit, die ich in einem Salon wartete, den ein Diener mir geöffnet hatte; ich war viel zu aufgeregt, um diesen Salon zu betrachten. Ich hatte nur den einen Wunsch, Herr von Charlus sollte die Berichte anhören, die mir auf der Zunge brannten; qualvoll enttäuschend war der Gedanke, daß der Herr des Hauses vielleicht schon schlief und ich dann heimgehen müßte, meinen Wortrausch zu Hause auszuschlafen. Nun war ich schon fünfundzwanzig Minuten hier, man hatte mich vielleicht vergessen in diesem Salon, von dem ich trotz meines langen Wartens nichts weiter hätte aussagen können, als daß er sehr groß und grün war, und daß ein paar Porträts in ihm hingen. Das Bedürfnis, zu sprechen, hindert nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen, und wenn hier jede Beschreibung der äußeren Umgebung fehlt, so beschreibt das einen inneren Zustand. Schon war ich im Begriff, den Salon zu verlassen, ich wollte versuchen, jemanden zu rufen und wenn ich niemand finden sollte, meinen Weg in die Vorzimmer zurückfinden und mir öffnen lassen, da, als ich bereits aufgestanden und ein paar Schritt über den Mosaikfußboden gegangen war, trat ein Diener ein und sagte in eifrigem Ton: »Der Herr Baron hat bis jetzt Besprechungen gehabt. Es warten noch mehrere Personen auf ihn. Ich werde mein Möglichstes tun, damit er den Herrn empfange, ich habe schon zweimal an den Sekretär telephonieren lassen.« »Nein, bemühen Sie sich nicht, ich war verabredet mit dem Herrn Baron, aber es ist schon recht spät, und wenn er heut Abend beschäftigt ist, werde ich ein andres Mal wiederkommen.« »Oh, nein, bitte nicht fortzugehen!« rief der Diener. »Der Herr Baron könnte unzufrieden sein. Ich werde noch einmal versuchen.« Mir fiel ein, was ich von den Dienern des Herrn von Charlus und ihrer Ergebenheit ihrem Herrn gegenüber hatte erzählen hören. Man konnte von ihm zwar nicht gerade wie von dem Prinzen von Conti sagen, er bemühe sich ebensosehr dem Diener zu gefallen wie dem Minister, aber er hatte es verstanden, aus der kleinsten Dienstleistung, die er verlangte, eine Art Gunst zu machen, und wenn er Abends über seine in respektvoller Entfernung um ihn versammelten Lakaien den Blick streifen ließ und dann sagte: »Coignet, den Leuchter!« oder »Ducret, das Hemd!«, zogen sich die andern murrend vor Neid zurück, vor Neid auf den, welchen der Herr ausgezeichnet hatte. Zwei von ihnen hatten geradezu einen Haß aufeinander und versuchten, einer dem andern die Gunst des Herrn zu entreißen; wenn der Baron sich früher zurückgezogen hatte, kamen sie unter irgendeinem absurden Vorwand hinauf in sein Zimmer, ihm eine Bestellung auszurichten, weil sie hofften, dann für diesen Abend mit der Würde des Leuchterhaltens oder Hemdreichens belehnt zu werden. Richtete er an einen von ihnen in einer Sache, die nicht zum Dienst gehörte, direkt das Wort, oder sagte er gar Winters im Garten zu einem seiner Kutscher, der, wie er wußte, erkältet war, nach Verlauf von zehn Minuten: »Bedecken Sie sich«, so sprachen die andern, neidisch auf die Gnade, die ihm zuteil geworden, vierzehn Tage lang nicht mit ihm. Ich wartete noch zehn Minuten, und dann, nachdem man mich gebeten, nicht zu lang zu bleiben, weil der Herr Baron abgespannt sei und mehrere bedeutende Persönlichkeiten, die seit Tagen mit ihm verabredet waren, schon hatte abweisen lassen müssen, führte man mich zu ihm hinein. Diese Inszenierung rings um Herrn von Charlus hatte in meinen Augen viel weniger Größe als die Einfachheit seines Bruders Guermantes; aber schon war die Tür aufgegangen, und ich bemerkte den Baron in chinesischem Schlafrock mit bloßem Hals auf ein Kanapee ausgestreckt. Zugleich fiel mir ein Zylinder ins Auge, seidenglänzend neben einem Pelz auf einem Stuhl, als ob der Baron eben erst nach Hause gekommen wäre. Der Kammerdiener zog sich zurück. Ich glaubte, Herr von Charlus werde mir entgegenkommen. Ohne eine Bewegung zu machen, heftete er auf mich unbarmherzig strenge Augen. Ich näherte mich, sagte ihm guten Tag; er reichte mir nicht die Hand, antwortete mir nicht, forderte mich nicht auf, Platz zu nehmen. Nach einer Weile fragte ich ihn, wie man einen unhöflichen Arzt fragt, ob es nötig sei, daß ich stehen bleibe. Ich tat es ohne böse Absicht, aber der kalte Zorn in seinem Gesicht wurde noch stärker. Ich wußte nebenbei bemerkt noch nicht, daß er auf seinem Landsitz im Schlosse Charlus die Gewohnheit hatte – so sehr liebte er es, den König zu spielen –, nach Tisch im Rauchzimmer in einem Fauteuil sich auszustrecken und seine Gäste um sich herum stehen zu lassen. Den einen bat er um Feuer, dem andern bot er eine Zigarre an und sagte dann nach einer Weile: »Aber, Argencourt, setzen Sie sich doch, nehmen Sie einen Stuhl, mein Lieber etc.« Er hatte sie etwas länger stehen lassen, nur um ihnen zu zeigen, daß man seine Erlaubnis abwarten mußte, um Platz zu nehmen. »Setzen Sie sich in den Louis-XIV.-Stuhl«, sagte er jetzt zu mir in gebieterischem Ton, mehr, damit ich mich von ihm entfernen sollte, als um mich zum Platznehmen einzuladen. Ich nahm einen Fauteuil in der Nähe. »Aha! Das nennen Sie einen Louis-XIV.-Stuhl! Ich sehe, Sie sind Kenner«, rief er höhnisch. Ich war so verblüfft, daß ich mich nicht rührte, weder um wegzugehn, wie ich es hätte tun sollen, noch um mich wo anders hinzusetzen, wie er es wollte. »Mein Herr,« begann er, jedes Wort abwägend und die unverschämtesten mit einem Doppelpaar Konsonanten anhebend, »die Unterredung, die auf die Bitte einer Person, die nicht genannt zu werden wünscht, Ihnen zu gewähren ich mich herabgelassen habe, wird hinter unsere Beziehungen den Schlußpunkt setzen. Ich will Ihnen nicht verhehlen, daß ich Besseres erwartet hatte; vielleicht hieße es dem Sinn der Worte ein wenig Gewalt antun – und das soll man nicht, auch denen gegenüber nicht, die den Wert der Worte nicht verstehen, aus Achtung vor sich selbst soll mans nicht – wenn ich sage, daß ich für Sie Sympathie gehabt hatte. Immerhin glaube ich, das Wort »Wohlwollen« in einem ausgesprochen gönnerhaften Sinn dürfte nicht über das hinausgehen, was ich empfand und zu bekunden beabsichtigte. Ich hatte Sie gleich bei meiner Rückkehr nach Paris noch in Balbec selbst wissen lassen, daß Sie auf mich zählen könnten.« Ich erinnerte mich an die agressive Beleidigung, mit der Herr von Charlus sich in Balbec von mir getrennt hatte, und deutete eine ableugnende Geste an. »Wie?« rief er zornig, und jetzt war sein verzerrtes weißes Gesicht von seinem gewöhnlichen Gesicht tatsächlich so verschieden wie von der gewohnten lachenden Wasserfläche das Meer eines stürmischen Morgens mit seinen tausend Schaum- und Geiferschlangen, »wie? Sie wollen behaupten, daß Sie meine Botschaft – fast war es eine Erklärung –, Sie sollten meiner gedenken, nicht erhalten haben? Womit war denn das Buch, das ich Ihnen zukommen ließ, geschmückt?« »Mit einem sehr hübschen Blumengeflecht«, sagte ich. »Ach?« erwiderte er mit verächtlicher Miene, »die französische Jugend kennt die Meisterwerke unseres Landes schlecht. Was würde man von einem jungen Berliner sagen, der die Walküre nicht kennte? Übrigens scheint es, daß Sie Ihre Augen nicht zum Sehen haben; haben Sie mir doch selbst gesagt, Sie hätten vor diesem Meisterwerk zwei Stunden zugebracht. Ich sehe, Sie wissen mit Blumen nicht besser Bescheid als mit Stilen. Keinen Widerspruch, was die Stile betrifft!« – er kreischte vor Wut – »Sie wissen ja nicht einmal, worauf Sie sich setzen. Sie bieten Ihrem Hinterteil eine Directoire-Chauffeuse als Louis-XIV.-Bergère an. Nächstens werden Sie den Schoß von Frau von Villeparisis für eine Toilette halten und Gottweiß was daran vornehmen. Gerade so haben Sie auf dem Einband des Buches von Bergotte die Vergißmeinnicht vom Schlußstein der Kirche zu Balbec nicht wiedererkannt. Gab es eine Möglichkeit, Ihnen einleuchtender zu sagen: ›Vergessen Sie mich nicht!‹«

Ich sah Herrn von Charlus an. Sein prachtvoller und dabei abstoßender Kopf übertraf fraglos die Köpfe aller seiner Verwandten; er war wie ein gealterter Apollon; aber aus seinem bösen Munde schien olivengrüner galliger Saft fließen zu wollen; seine Intelligenz, das war nicht zu leugnen, überblickte weithin viele Dinge, die dem Herzog von Guermantes immer unbekannt bleiben würden. Aber mochte er seine Haßgefühle mit noch so schönen Worten färben, man fühlte selbst, wenn dabei bald verletzter Stolz, bald enttäuschte Liebe oder ein Groll, Sadismus, Neckerei oder fixe Ideen mit im Spiele waren, dieser Mensch war imstande zu morden und logisch und mit schönen Worten zu beweisen, daß er recht gehabt habe, es zu tun, und dabei immer noch meilenweit über seinem Bruder, seiner Schwägerin usw. stehe. »Wie in den ›Lanzen‹ von Velasquez«, fuhr er fort, »der Sieger auf den zugeht, der der Geringste ist – und das muß jedes edle Wesen tun –, so habe ich, da ich alles war und Sie nichts, den ersten Schritt Ihnen entgegen getan. Töricht haben Sie erwidert auf das, was Größe zu nennen, nicht meine Sache ist. Aber ich habe mich nicht entmutigen lassen. Unsere Religion predigt Geduld. Die ich Ihnen gegenüber bewiesen habe, wird mir, hoffe ich, angerechnet werden, auch daß ich nur gelächelt habe zu dem, was man als Unverschämtheit auffassen könnte, wenn es in Ihrem Bereich überhaupt möglich wäre, unverschämt zu sein gegen jemanden, der so hoch über Ihnen steht; nun, das alles, mein Herr, kommt jetzt nicht mehr in Betracht. Ich habe Sie der Probe unterworfen, die der einzige hervorragende Mann unserer Klasse geistvoll die Probe der zu großen Liebenswürdigkeit nennt, die er mit Recht für die allerschrecklichste erklärt, die einzige, die Weizen und Streu scheidet. Ich würde es Ihnen wohl kaum zum Vorwurf machen, daß Sie sich ihr erfolglos unterzogen haben, denn die, welche sie siegreich bestehen, sind recht selten. Zum Wenigsten aber, und das ist die Schlußfolgerung, die ich aus den letzten Worten, die wir auf Erden wechseln, zu ziehen gedenke, wünsche ich vor Ihren verleumderischen Erfindungen gesichert zu sein.« Bisher war es mir nicht in den Sinn gekommen, der Zorn des Herrn von Charlus könne durch eine unfreundliche Äußerung veranlaßt worden sein, die man ihm hinterbracht habe; ich befragte mein Gedächtnis; ich hatte zu niemandem über ihn gesprochen. Irgend ein boshafter Mensch hatte sich das aus den Fingern gesogen. Ich beteuerte Herrn von Charlus, ich habe absolut nichts über ihn gesagt. »Ich kann nicht annehmen, Sie erzürnt zu haben, weil ich zu Frau von Guermantes gesagt habe, ich sei mit Ihnen liiert.« Er lächelte verächtlich, ließ seine Stimme bis in die höchsten Register steigen, traf ganz gelinde die schrillste gröbste Note und kam dann mit äußerster Langsamkeit und sichtlichem Behagen an den bizarren Klängen, die er auf der absteigenden Tonleiter streifte, in eine natürliche Stimmlage zurück. »Oh, mein Herr, ich finde, Sie schaden sich selber, wenn Sie sich beschuldigen, gesagt zu haben, wir seien liiert. Ich erwarte keine besonders große Exaktheit im Ausdruck von jemandem, der ein Chippendalemöbel leichthin für einen Rokokostuhl halten könnte, aber ich kann mir nicht denken« – jetzt kam mehr und mehr etwas neckisch Liebkosendes in seine Stimme, und um die Lippen spielte schließlich ein charmantes Lächeln – »ich kann mir nicht denken, daß Sie gesagt oder geglaubt haben, wir seien liiert! Daß Sie sich gerühmt hätten, mir vorgestellt worden zu sein, mit mir gesprochen zu haben, mich flüchtig zu kennen, fast ohne Bemühung von Ihrer Seite es soweit gebracht zuhaben, eines Tages mein Schützling werden zu können, das fände ich ganz natürlich und vernünftig von Ihnen. Bei dem gewaltigen Altersunterschied, der zwischen uns besteht, kann ich, ohne mich lächerlich zu machen, zugeben, diese Vorstellung, diese Gespräche, dieser kleine Ansatz zu Beziehungen waren für Sie – nun, ich kann nicht selbst sagen, eine Ehre, doch zum mindesten ein Vorteil, und Ihre Torheit bestand nicht darin, daß Sie die Sache unter die Leute gebracht haben, sondern daß Sie nicht verstanden, diesen Vorteil sich zu erhalten. Ich möchte noch hinzufügen« – für einen Augenblick ging seine Stimme von hochmütigem Zorn zu sanfter Schwermut über und ich meinte schon, er werde anfangen zu weinen –, »als Sie den Vorschlag, den ich Ihnen in Paris machte, unbeantwortet ließen, kam mir das so unglaublich vor von Ihrer Seite, der Sie mir doch wohlerzogen erschienen und aus guter bürgerlicher Familie (bei dem Adjektiv bürgerlich pfiff ein wenig Frechheit durch seine Stimme), daß ich naiv an all das Zeug zu glauben geneigt war, das nie vorkommt, verlorene Briefe, irrtümliche Adresse usw. Ich gebe zu, das war meinerseits eine große Naivität, aber wollte nicht Sankt Bonaventura lieber glauben, daß ein Stier stehlen denn daß sein Bruder lügen könne? Nun, das alles ist vorbei, die Sache hat Ihnen nicht gefallen, es ist nicht mehr die Rede davon. Nur will mir scheinen, Sie hätten (jetzt waren wirklich Tränen in seiner Stimme), und wäre es auch nur in Anbetracht meines Alters, mir schreiben können. Ich hatte für Sie ungewöhnlich Verlockendes im Sinn, wovon ich mich wohl gehütet habe, Ihnen zu sprechen. Sie haben vorgezogen, abzulehnen, ohne etwas zu wissen; das ist Ihre Sache. Aber wie ich Ihnen sagte, man kann doch schreiben. Ich an Ihrer Stelle, und selbst an meiner, hätte es getan. Deshalb ist mir meine lieber als Ihre, ich sage deshalb, denn ich glaube, es ist gleich, wo man steht, und ich habe mehr Sympathie für einen intelligenten Arbeiter als für so manchen Herzog. Dennoch kann ich sagen, ich ziehe meine Lage vor, denn was Sie getan haben, hätte ich, glaube ich, in meinem ganzen Leben, das nachgerade lang zu werden beginnt, nie getan« (sein Gesicht war ins Dunkle gekehrt, ich konnte nicht sehen, ob ihm Tränen aus den Augen kamen, wie seine Stimme es vermuten ließ). »Ich sagte Ihnen, ich bin Ihnen hundert Schritt entgegengekommen, der Erfolg war, daß Sie zweihundert zurückwichen. Jetzt ist es an mir, mich zu entfernen, von jetzt an werden wir uns nicht mehr kennen. Ich werde Ihren Namen vergessen, aber nicht Ihren Fall, auf daß an Tagen, da ich mich versucht fühle anzunehmen, die Menschen haben Herz, Höflichkeit oder auch nur Einsicht genug, um eine Chance, die nicht wiederkehrt, sich nicht entgehen zu lassen, – auf daß ich an solchen Tagen mir vergegenwärtige, daß ich sie damit zu hoch einschätze. Nein, daß Sie gesagt haben, Sie kennten mich, als das noch der Wahrheit entsprach – denn jetzt wird es bald nicht mehr wahr sein – das kann ich nur natürlich finden und nehme es als Huldigung und somit als angenehm hin. Leider aber haben Sie anderweitig und unter andern Umständen sich ganz anders vernehmen lassen.« »Herr Baron, ich schwöre Ihnen, ich habe nichts gesagt, was Sie verletzen konnte.« »Wer sagt Ihnen, daß ich mich verletzt fühle?« rief er wütend und richtete sich mit heftigem Ruck auf der Chaiselongue empor, auf der er bisher unbeweglich liegen geblieben war, und während fahle geifernde Schlangen in seinem Gesicht sich wanden, wurde seine Stimme abwechselnd schrill und schwer wie Sturm, der bald dumpf vergrollt bald neu losbricht. (Die Stärke seiner gewöhnlichen Stimme, bei deren Ton sich schon auf der Straße Unbekannte umdrehten, hatte sich verhundertfacht, wie ein forte, das statt auf dem Klavier im Orchester gespielt wird und obendrein in ein fortissimo übergeht. Herr von Charlus heulte.) »Meinen Sie, es stände in Ihrem Machtbereich, mich zu beleidigen? Sie wissen wohl nicht, mit wem Sie sprechen? Glauben Sie, der giftige Speichel von fünfhundert Männerchen Ihrer Sippschaft, wenn sie sich einer auf den andern hocken, könne auch nur bis zu meinen erlauchten Zehen spritzen?« Schon seit einer Weile war mein Wunsch, Herrn von Charlus zu überzeugen, ich habe nie etwas Schlechtes von ihm gesagt oder gehört, verdrängt durch eine tolle Wut auf seine Worte, die, wie ich meinte, einzig und allein sein ungeheurer Hochmut ihm eingab. Sie mochten übrigens wenigstens zum Teil von diesem Hochmut herrühren. Fast alles andre kam aus einem Gefühl, das ich noch nicht kannte, und so war es nicht meine Schuld, wenn ich es nicht in Anschlag brachte. Wäre mir in den Sinn gekommen, was Frau von Guermantes mir gesagt hatte, ich hätte zum mindesten, statt dieses mir unbekannten Gefühls, seinem Hochmut ein wenig Wahnsinn beimessen können. Aber in diesem Augenblick lag mir der Gedanke an Wahnsinn ganz fern. In ihm war, so meinte ich, nur Hochmut, in mir war nur Wut. Und gerade in dem Augenblick, als Herr von Charlus aufhörte zu brüllen, um majestätisch und zugleich mit einer Grimasse, die Ekel auf seine obskuren Verleumder spie, von seinen erlauchten Zehen zu sprechen, konnte sich meine Wut nicht länger bezähmen. Impulsiv mußte ich auf irgend etwas losschlagen, ein Rest Zurechnungsfähigkeit ließ mich den so bedeutend älteren Mann und dann auch, wegen ihrer Würde als Kunstgegenstände, die deutschen Porzellanfiguren, die rings um ihn standen, respektieren, ich stürzte mich auf den neuen Zylinder des Barons, warf ihn auf die Erde, trat ihn mit Füßen, packte wild an, ihn ganz zu zerfetzen, zerrte das Futter heraus, riß die Krone entzwei, ohne auf Herrn von Charlus' weiteres anhaltendes Zetern zu hören, dann durchquerte ich das Zimmer, um wegzugehn, und öffnete die Tür. Da standen rechts und links zu meiner großen Verblüffung zwei Lakaien, die sich alsbald langsam entfernten, um sich den Anschein zu geben, als wären sie da nur im Dienst vorübergekommen. (Ich habe später ihre Namen erfahren, der eine hieß Burnier, der andre Charmel). Nicht einen Augenblick ließ ich mich durch ihre nachlässige Haltung täuschen. Die Erklärung, die sie nahelegte, war unwahrscheinlich; drei andre schienen wahrscheinlicher; die eine: der Baron empfing bisweilen Gäste, gegen die er Beistand nötig haben konnte (aber weshalb?), und hielt es für erforderlich, einen Hilfsposten in der Nähe zu haben. Die zweite: die Lakaien waren aus Neugier horchen gekommen und hatten nicht erwartet, daß ich so schnell fortgehen würde. Die dritte: die ganze Szene, die Herr von Charlus mir gemacht hatte, war vorbereitet und gespielt, er hatte selbst die Lakaien aufgefordert zu horchen, er liebte das Schauspiel und wollte ihnen zugleich ein »nunc erudimini« geben, das jedem von Nutzen sein könnte.

Mein Zorn hatte den des Barons nichtbeschwichtigt, mein Fortgehn aus dem Zimmer schien ihm sehr schmerzlich zu sein, er rief mich zurück, ließ mich zurückrufen, vergaß schließlich, daß er eben noch von seinen ›erlauchten Zehen‹ gesprochen und mich damit zum Zeugen seiner eignen Vergöttlichung zu machen geglaubt hatte, eilig kam er mir nachgelaufen, holte mich im Vestibül ein und vertrat mir den Weg zur Tür. »So seien Sie doch nicht kindisch,« sagte er, »kommen Sie für eine Minute wieder herein; wer sein Kind liebt, züchtigt es, und habe ich Sie sehr gezüchtigt, so liebe ich Sie eben sehr.« Mein Zorn war vergangen, ich beachtete das Wort »züchtigen« weiter nicht und folgte dem Baron, der einen Lakaien rief und, ohne sich zu genieren, die Trümmer des zerfetzten Hutes wegbringen ließ, den man durch einen andern ersetzte. »Wenn Sie mir sagen wollen, Herr Baron,« sagte ich zu Herrn von Charlus, »wer mich so perfid verleumdet hat, so bleibe ich, seinen Namen zu erfahren und ihn Lügen zu strafen.« »Wer? Das wissen Sie nicht? Behalten Sie nicht im Gedächtnis, was Sie sagen? Meinen Sie, die Personen, die mir den Dienst leisten, mich über dergleichen zu benachrichtigen, bitten nicht zunächst um Wahrung des Geheimnisses? Und glauben Sie, ich werde es nicht wahren, wenn ich es versprochen habe?« »Es ist also ausgeschlossen, daß Sie es mir sagen?« fragte ich und suchte noch ein letztes Mal in meinem Gedächtnis – aber umsonst –, mit wem ich von Herrn von Charlus gesprochen haben könnte. »Haben Sie denn nicht gehört, daß ich dem Betreffenden Verschwiegenheit versprochen habe?« rief er mit gellender Stimme. »Ich sehe, Sie haben wie an schändlichem Geschwätz, auch an unnützer Beharrlichkeit Ihr Vergnügen. Sie sollten doch wenigstens soviel Einsicht haben, die Gelegenheit einer letzten Unterredung zu nutzen, um etwas vorzubringen, was nicht ganz nichtig ist.« »Mein Herr«, sagte ich und ging zur Tür, »Sie beschimpfen mich, ich bin wehrlos, weil Sie mehrere Mal so alt sind als ich, die Partie ist ungleich; andrerseits kann ich Sie nicht überzeugen, ich habe Ihnen geschworen, daß ich nichts gesagt habe.« »Dann lüge ich also!« rief er mit schrecklicher Stimme und war mit einem Satz zwei Schritte vor mir. »Man hat Sie belogen.« Jetzt wurde seine Stimme sanft, innig, melancholisch, wie wenn in Sinfonien, die ohne Pause zwischen den einzelnen Sätzen gespielt werden, ein graziöses liebenswürdiges idyllisches Scherzo auf die Donnerschläge des ersten Satzes folgt. »Das ist sehr gut möglich. Im Prinzip ist ein hinterbrachter Ausspruch selten wahr. Es ist Ihre Schuld, wenn Sie die Gelegenheiten, mich zu sehen, die ich Ihnen bot, nicht wahrgenommen haben, um mir durch offne Worte des täglichen Gesprächs, die Vertrauen erwecken, das einzige unfehlbare Schutzmittel zu liefern gegen eine Äußerung, die Sie als heimtückisch hinstellte. Jedenfalls, ob wahr oder falsch, diese Äußerung hat ihre Wirkung getan. Ich kann mich von dem Eindruck, den sie in mir hervorgerufen hat, nicht freimachen. Ich kann nicht einmal sagen: wer sein Kind liebt, züchtigt es, denn ich habe Sie wohl gezüchtigt, aber ich liebe Sie nicht mehr.« Bei diesen Worten aber hatte er mich genötigt, mich wieder zu setzen, und hatte geklingelt. Ein andrer Lakai trat ein. »Bringen Sie zu trinken und lassen Sie das Coupé anspannen.« Ich sagte, ich habe keinen Durst, es sei recht spät und ich habe selbst einen Wagen draußen. »Den wird man wohl bezahlt und weggeschickt haben«, sagte er, »sorgen Sie sich nicht darum. Ich lasse anspannen, man wird Sie nach Hause bringen .. Falls Sie fürchten, es sei zu spät ...ich hätte Ihnen hier ein Zimmer geben können ...« Ich sagte, meine Mutter würde sich beunruhigen. »Nun ja, wahr oder falsch, die Äußerung hat ihre Wirkung getan. Meine ein wenig vorzeitige Sympathie hatte zu früh geblüht; wie jene Apfelbäume, von denen Sie poetisch in Balbec sprachen, hat sie dem ersten Frost nicht standhalten können.« Wäre seine Sympathie für mich nicht zerstört worden, Herr von Charlus hätte sich gleichwohl nicht anders benehmen können, als er tat: während er mir sagte, wir seien entzweit, ließ er mich bleiben, trinken, bat mich, hier zu übernachten, wollte mich nach Hause fahren lassen. Es sah sogar aus, als fürchte er sich vor dem Augenblick, an dem er mich verlassen und allein bleiben werde; es war dieselbe etwas beklommene Angst, wie sie seine Schwägerin und Kusine Guermantes vor einer Stunde mir empfunden zu haben schien, als sie mich hatte nötigen wollen, noch ein wenig zu bleiben, auch eine Art flüchtiges Gefallen an mir bekundete, und sich bemühte, den Augenblick hinzuziehn. »Leider«, fuhr er fort, »habe ich nicht die Gabe, wieder aufblühen zu lassen, was einmal vernichtet ist. Meine Sympathie für Sie ist ganz hin. Nichts kann sie auferwecken. Ich glaube, es ist meiner nicht unwürdig zu bekennen, daß ich das bedaure. Ich komme mir immer ein wenig vor wie der Boas von Victor Hugo: ›Verwitwet und allein und Abend über mir.‹«

Ich durchschritt mit ihm wieder den großen grünen Salon. Ich sagte leichthin, ich fände ihn sehr schön. »Nicht wahr«, antwortete er, »man muß doch etwas lieben. Die Täfelung ist von Bagard. Und das Hübsche daran, sehen Sie, ist, daß sie eigens für die Beauvaissessel und für die Konsolen gemacht ist. Wie Sie bemerken, wiederholt sich auf ihr dasselbe dekorative Motiv wie auf diesen. Es gab nur zwei Wohnstätten, wo das ebenso war: der Louvre und das Haus des Herrn von Hinnisdal. Aber natürlich, als ich mich in dieser Straße niederlassen wollte, fand sich gleich ein altes Palais Chimay, das niemals jemand gesehen hatte, da es nur für mich hergekommen ist. Im großen ganzen ist es gut. Es könnte vielleicht besser sein, aber schließlich ist es nicht übel. Nicht wahr, da sind hübsche Sachen: das Porträt meiner Oheime, des Königs von Polen und des Königs von England, von Mignard. Aber was erzähle ich Ihnen da, Sie wissen es so gut wie ich, da Sie in diesem Salon gewartet haben. Nein? So! Dann hat man Sie in den blauen Salon geführt.« Das Gesicht, das er zu diesen Worten machte, sollte Hohn über meinen Mangel an Wißbegier oder persönliche Erhabenheit ausdrücken, die ihn abhielt, sich darum zu kümmern, wo man mich warten ließ. »Dort in dem Kabinett sind alle Hüte, die Mademoiselle Elisabeth, die Fürstin von Lamballe und die Königin getragen haben. Das interessiert Sie nicht, man sollte meinen, Sie sehen nicht. Vielleicht ist bei Ihnen der Sehnerv erkrankt. Wenn Sie mehr diese Art Schönheit lieben, hier ist ein Regenbogen von Turner; dort zwischen den beiden Rembrandt hebt er an zu leuchten zum Zeichen unsrer Versöhnung. Hören Sie: Beethoven schließt sich ihm an.« In der Tat erklangen die ersten Akkorde des letzten Satzes der Pastorale »Frohe und dankbare Gefühle nach dem Sturm«, nicht weit von uns, vermutlich im ersten Stock gespielt. Naiv fragte ich, wie es käme, daß man das spiele, und wer die Musiker seien. »Ja, das weiß man nicht. Man weiß nie. Es ist unsichtbare Musik. Hübsch, nicht wahr?« Sein Ton war leicht impertinent, erinnerte aber etwas an Swanns Akzent und ließ auf dessen Einfluß schließen. »Aber daraus machen Sie sich nichts. Sie wollen nach Hause auf die Gefahr hin, Beethoven und mir gegenüber es an Respekt fehlen zu lassen. Sie sprechen sich selber Gericht und Verdammung«, fügte er in innig traurigem Ton hinzu, als es für mich Zeit wurde zu gehn. »Sie werden mich entschuldigen, wenn ich Sie nicht hinunterbegleite, wie es die gute Lebensart eigentlich von mir verlangt. Da ich aber wünsche, Sie nicht wiederzusehn, liegt mir wenig daran, noch fünf Minuten länger mit Ihnen zusammen zu sein. Aber ich bin müde und habe viel zu tun. Allein...« er bemerkte, daß schönes Wetter war – »ich will doch ausfahren. Es ist herrlicher Mondschein, den will ich mir im Bois ansehen, nachdem ich Sie nach Hause gebracht habe. Aber Sie können sich nicht ordentlich rasieren; selbst an einem Abend, an dem Sie zum Diner eingeladen sind, lassen Sie ein paar Haare stehn«. Er faßte nach meinem Kinn mit zwei Fingern, die sozusagen magnetisiert waren und nachdem sie einen Augenblick widerstanden hatten, bis zu meinen Ohren hinaufglitten wie die Finger eines Friseurs. »Ach, es wäre angenehm, diesen ›blauen Mondschein‹ im Bois mit jemandem wie Sie anzuschaun«, sagte er plötzlich mit halb unabsichtlicher Weichheit und dann mit trauriger Miene: »Denn Sie sind doch nett, Sie könnten netter sein als alle andern« – väterlich berührte er mir die Schulter – »früher, muß ich gestehn, fand ich Sie recht unbedeutend.« Ich hätte glauben sollen, daß er mich auch jetzt so fand. Ich brauchte nur an die Wut zu denken, mit der er vor kaum einer halben Stunde zu mir gesprochen hatte. Trotzdem hatte ich den Eindruck, daß er in diesem Augenblick aufrichtig war; sein gutes Herz schien mir über das, was ich als einen fast irrsinnigen Zustand von Empfindlichkeit und Hochmut ansah, das Übergewicht zu bekommen. Der Wagen stand vor uns und erzog das Gespräch immer noch in die Länge. »Also steigen Sie ein«, sagte er dann mit einmal, »in fünf Minuten werden wir bei Ihnen sein. Und ich werde Ihnen ein Lebewohl sagen, mit dem unsre Beziehungen jäh und für immer abbrechen. Da wir uns auf alle Zeit trennen müssen, ist es besser, wir tun es musikalisch mit einem vollkommenen Akkord.« Trotz der feierlichen Versicherungen, wir würden uns nie wiedersehen, hätte ich schwören mögen, Herrn von Charlus sei es peinlich, sich vorhin sehr vergessen zu haben, er fürchte, mir weh getan zu haben, und würde gar nichts dagegen haben, mich noch einmal wiederzusehn. Ich täuschte mich nicht, denn nach einer Weile sagte er: »Richtig! Ich habe ja die Hauptsache vergessen. Zum Andenken an Ihre Frau Großmutter habe ich eine interessante Ausgabe der Briefe von Frau von Sévigné binden lassen. So wird diese Zusammenkunft denn doch unsre letzte nicht sein. Man muß sich trösten mit dem Gedanken, daß komplizierte Angelegenheiten sich selten in einem Tage erledigen lassen. Bedenken Sie, wie lange der Wiener Kongreß gedauert hat.« »Aber ich könnte das Buch ja abholen lassen, ohne Sie zu stören«, sagte ich verbindlich. »Wollen Sie wohl schweigen, törichtes Kind«, erwiderte er zornig, »und sich nicht das groteske Ansehn geben, als achteten Sie die Ehre gering, wahrscheinlich (ich sage nicht: bestimmt, denn vielleicht wird Ihnen ein Lakai die Bände übergeben) noch einmal von mir empfangen zu werden.« Er beruhigte sich wieder. »Nun, mit solchen Worten will ich Sie nicht verlassen. Keine Dissonanz vor dem ewigen Schweigen des Dominantakkords.« Er fürchtete wohl für seine eigenen Nerven ein Alleinsein gleich nach scharfen feindlichen Abschiedsworten. »Sie wollten also nicht bis zum Bois mitkommen«, sagte er, nicht fragend, sondern bestätigend. Diesen Tonfall wählte er, wie mir schien, nicht weil er es mir nicht anbieten wollte, sondern weil er für seine Eitelkeit eine Ablehnung fürchtete. »Nun ja« – er zögerte immer noch – »es ist der Augenblick, in dem, wie Whistler sagt, die Bürger nach Hause gehn (er wollte mich vielleicht bei meiner Eitelkeit fassen), der Augenblick, da es lohnt, die Augen aufzutun. Aber Sie wissen nicht einmal, wer Whistler ist.« Ich wechselte das Thema und fragte ihn, ob die Fürstin Jena eine intelligente Frau sei. Herr von Charlus schnitt mir das Wort ab und sagte im verächtlichsten Ton, den ich je von ihm gehört hatte: »Oh! Mein Herr, Sie spielen da auf Benennungen einer Rangeinteilung an, mit der ich nichts zu schaffen habe. Es mag ja eine Aristokratie bei den Einwohnern von Tahiti geben, aber ich gestehe, daß ich sie nicht kenne. Der Name, den Sie soeben aussprachen, ist aber seltsamerweise vor einigen Tagen mir zu Ohren gekommen. Man fragte mich, ob ich geneigt sei, mir den jungen Herzog von Guastalla vorstellen zu lassen. Das Anliegen nahm mich wunder, denn der Herzog von Guastalla hat es nicht nötig, sich mir vorstellen zu lassen aus dem einfachen Grunde, weil er mein Vetter ist und mich von jeher kennt; er ist der Sohn der Prinzessin von Parma und als wohlerzogener junger Verwandter versäumt er nie, mir am Neujahrstage seine Aufwartung zu machen. Aber, als ich mich dann näher erkundigte, handelte es sich gar nicht um meinen Verwandten, sondern um den Sohn der Person, die Sie interessiert. Da es eine Fürstin dieses Namens nicht gibt, habe ich angenommen, es handle sich um ein armes Geschöpf, das unter dem Pont de Jena sein Lager aufgeschlagen und romantisch den Titel einer Fürstin von Jena angenommen habe, wie man sagt die Pantherkatze von Batignolles oder der Stahlkönig. Aber nein, es handelte sich um eine reiche Person, von der ich auf einer Ausstellung sehr schöne Möbel bewundert hatte, Möbel, die übrigens im Gegensatz zum Namen ihrer Besitzerin echt waren. Der angebliche Herzog von Guastalla mochte dann wohl der Wechselmakler meines Sekretärs sein, mit Geld kann man sich ja viel verschaffen. Aber nein: der Kaiser, so scheint es, hat es sich einfallen lassen, diesen Leuten einen Titel zu geben, der durchaus nicht zur Verfügung stand. Das ist vielleicht ein Beweis von Macht oder Unwissenheit oder Bosheit, vor allem spielte er damit, finde ich, diesen unfreiwilligen Usurpatoren einen schlechten Streich. Nun ich kann Ihnen darüber weiter keine Aufklärung geben, meine Kompetenz beschränkt sich auf das Faubourg Saint-Germain, wo Sie unter den vielen Courvoisier und Gallardon, wenn Sie jemand finden, der Sie einführt, alte Greuel direkt aus Balzac finden können, die Ihnen Spaß machen werden. Natürlich hat das alles nichts zu tun mit dem Prestige, das die Fürstin Guermantes umgibt, aber ohne mich und mein Sesam ist ihre Stätte unzugänglich.« »Ist es wirklich sehr schön, Herr Baron, im Haus der Fürstin Guermantes?« »Nicht sehr schön, sondern das Schönste, was es gibt; nach der Fürstin selbst wohlverstanden.« »Ist die Fürstin Guermantes der Herzogin von Guermantes überlegen?« »Oh! Sie lassen sich gar nicht vergleichen.« (Bemerkenswert ist, daß die Leute der vornehmen Gesellschaft, wenn sie etwas Phantasie haben, je nach ihren Sympathien oder Feindschaften die, deren Stellung ganz fest und gesichert schien, krönen oder entthronen.)

»Die Herzogin von Guermantes« (daß er nicht einfach Oriane sagte, sollte wohl ihre Distanz zu mir markieren) »ist entzückend und steht viel höher als Sie ahnen können. Aber sie ist nicht mit gleichen Maßen zu messen wie ihre Kusine. Diese ist genau das, was sich die Leute von den Markthallen unter einer Fürstin Metternich vorstellen könnten, aber die Metternich glaubte Wagner lanciert zu haben, weil sie Victor Maurel kannte. Die Fürstin Guermantes oder vielmehr ihre Mutter hat den richtigen gekannt. Das ist wohl ein Prestige! Ohne von der unsagbaren Schönheit dieser Frau zu sprechen ... Allein schon die Esther-Gärten!« »Kann man die nicht besuchen?« »Aber nein, man müßte eingeladen sein, doch wird nie jemand eingeladen, wenn ich nicht vermittle.« Kaum ausgeworfen, zog er den Köder dieses Anerbietens wieder zurück und reichte mir die Hand, denn wir waren bei meiner Wohnung angekommen. »Meine Rolle ist zu Ende, mein Herr; ich will nur noch einige Worte hinzufügen. Ein andrer wird Ihnen vielleicht eines Tages seine Sympathie anbieten, wie ich es getan habe. Möge das gegenwärtige Beispiel Ihnen zur Lehre dienen. Lassen Sie es nicht unbeachtet. Eine Sympathie ist immer etwas Wertvolles. Was man im Leben nicht allein vermag, weil es Dinge gibt, die man von sich aus weder verlangen, noch tun, noch wollen, noch lernen kann, das kann man zu mehreren, ohne daß man dreizehn zu sein braucht wie in Balzacs Roman, noch vier wie in den Drei Musketieren. Adieu.«

Er mochte wohl müde sein und den Gedanken an die Mondscheinpromenade aufgegeben haben, denn er bat mich, dem Kutscher zu sagen, er solle umkehren. Gleich danach machte er eine jähe Bewegung, als wolle er das Gesagte zurücknehmen. Aber ich hatte schon den Befehl ausgerichtet, und um mich nicht noch mehr zu verspäten, ging ich an meine Tür und läutete, ohne weiter daran zu denken, daß ich Herrn von Charlus über den Deutschen Kaiser und den General Botha Dinge sagen wollte, von denen ich doch vorhin noch wie besessen war, die aber sein unerwartet niederschmetternder Empfang weit von mir weggeweht hatte.

Zu Hause sah ich auf meinem Schreibtisch einen Brief, den Françoises junger Lakai an einen seiner Freunde geschrieben und dort liegen gelassen hatte. Seit meine Mutter fort war, schreckte er vor keiner Rücksichtslosigkeit zurück; ich machte mich einer noch größeren schuldig als er und las den Brief, der ohne Umschlag ganz offen dalag und – das war meine einzige Entschuldigung – sich mir darzubieten schien.

 

Lieber Freund und Vetter,

Ich hoffe, mit der Gesundheit geht es noch immer gut und ebenso der ganzen kleinen Familie, besonders meinem jungen Patenkind Joseph, den noch nicht zu kennen das Vergnügen habe, aber euch allen vorziehe, indem daß er mein Patenkind ist, des Herzens Heiligtum muß auch zu Asche werden, die heiligen Reste, tastet sie nicht an. Übrigens, lieber Freund und Vetter, wer sagt Dir, daß Du und Deine liebe Frau, meine liebe Base Marie, nicht morgen schon alle beide auf den Grund des Meeres geschleudert werdet, wie der Matrose, der oben am Hauptmast hängt, denn dies Leben ist ein Tal der Tränen. Lieber Freund, ich muß Dir sagen, daß meine Hauptbeschäftigung jetzt, da wirst Du gewiß staunen, die Poesie ist, die ich mit Wonne liebe, denn man muß doch die Zeit vertreiben. Also lieber Freund sei nicht zu verwundert, wenn ich noch nicht auf Deinen letzten Brief geschrieben habe, und kannst Du nicht verzeihn, so kannst Du doch vergessen. Wie Du weißt, ist die Mutter unserer gnädigen Frau mit unaussprechlichen Schmerzen verschieden, die sie sehr mitgenommen haben, denn sie hat sogar drei Ärzte kommen lassen. Der Tag ihres Begräbnisses war ein schöner Tag, denn alle Bekannten unseres Herrn waren in Haufen gekommen sowie mehrere Minister. Man hat über zwei Stunden bis zum Friedhof gebraucht, da werdet ihr in eurem Dorfe große Augen machen, denn bei der alten Michu wirds nicht so lange dauern. Mein Leben wird nur noch ein langes Schluchzen sein. Ich amüsiere mich mächtig mit dem Motorrad, das ich letzthin gelernt habe. Was würdet ihr wohl sagen, liebe Freunde, wenn ich so in voller Fahrt in les Ecorces ankäme. Aber darüber will ich nicht länger schweigen, denn ich fühle, des großen Leides Rausch hat ihm den Sinn geraubt. Ich verkehre mit der Herzogin von Guermantes, Leute, wo Du noch nicht einmal den Namen gehört hast in unserer ungebildeten Gegend. Daher werde ich Dir mit Vergnügen die Bücher von Racine und Victor Hugo, eine Auswahl von Chenedolle und Alfred de Musset schicken, denn ich möchte die Gegend, die mir das Licht der Welt geschenkt hat, von der Unwissenheit heilen, die notwendig zum Verbrechen führt. Ich weiß Dir sonst nichts Neues zu schreiben und sende Dir wie der Pelikan erschöpft von langer Reise die schönsten Grüße wie auch Deiner Frau, meinem Patenkind und Deiner Schwester Rose. Möge man von ihr nicht sagen können: »Und diese Rose lebte nur, solange Rosen leben«, wie Victor Hugo sagt, Sonett von Arvers, Alfred de Musset und all die großen Geister, die man deshalb auf den Flammen des Scheiterhaufens hat sterben lassen wie Jeanne d'Arc. Bald auf deine nächsten Zeilen hoffend, empfange meine Küsse wie von einem Bruder.

Périgot (Joseph).

 

Wir fühlen uns von jedem Leben angezogen, das uns etwas Unbekanntes vor Augen stellt: da gibt es eine letzte Illusion zu zerstören. Gleichwohl bieten die geheimnisvollen Worte, mit denen Herr von Charlus mich dahingebracht hatte, mir die Fürstin Guermantes als ein außergewöhnliches, von allem, was ich kannte, verschiedenes Wesen vorzustellen, keine hinreichende Erklärung für die Bestürzung und bald darauf die Furcht, in die ich geriet – Furcht, ich sei das Opfer eines schlechten Scherzes, den sich jemand mit mir machte, damit man mich in einem Haus, in das ich ungeladen käme, vor die Tür setze –, als ich ungefähr zwei Monate nach dem Diner bei der Herzogin, während diese in Cannes war, einen Briefumschlag öffnete, der nach nichts Ungewöhnlichem aussah und darin auf einer Karte die gedruckten Worte las: »Die Fürstin Guermantes, geborene Herzogin in Bayern, empfängt am ***«. Bei der Fürstin Guermantes eingeladen zu werden, war nun wohl vom gesellschaftlichen Standpunkt vielleicht nicht schwieriger als bei der Herzogin zu dinieren, und meine schwachen heraldischen Kenntnisse reichten hin, um zu wissen, daß der Titel Fürst nichts Höheres ist als der Titel Herzog. Sodann sagte ich mir, das geistige Wesen einer großen Dame kann nicht dem ihrer Standesgenossen gegenüber von so heterogener Art sein, wie Herr von Charlus es behauptete, auch nicht einer andern Frau gegenüber. Aber meine Phantasie arbeitete wie Elstir, wenn er, um einen perspektivischen Eindruck wiederzugeben, von den physikalischen Kenntnissen, die er sonst besitzen mochte, ganz absah; sie malte mir, nicht, was ich wußte, sondern, was sie sah; was sie sah: das heißt, was ihr der Name zeigte. Wie eine Note, eine Farbe, eine Quantität durch ein mathematisches oder ästhetisches »Vorzeichen«, das sie bestimmt, von den umgebenden Worten sich unterscheidet, so hatte der Name Guermantes mit dem Titel Fürstin davor auch, als ich die Herzogin von Guermantes noch nicht kannte, immer eine ganz andere Vorstellung in mir wachgerufen. Dieser Titel bringt einen ganz in das Bereich der Memoiren aus der Zeit von Louis XIII. und Louis XIV., des englischen Hofes, der Königin von Schottland und der Herzogin von Aumale, und ich stellte mir im Haus der Fürstin Guermantes als Gäste mehr oder weniger die Herzogin von Longueville und den großen Condé vor, Leute, deren Gegenwart es recht unwahrscheinlich machte, daß ich je in diesen Salon eindringe.

Vieles, was Herr von Charlus mir gesagt, hatte meine Phantasie kräftig aufgepeitscht, sie vergessen lassen, wie sehr bei der Herzogin von Guermantes die Wirklichkeit sie enttäuscht hatte (mit Personennamen geht es wie mit Ortsnamen) und sie auf Orianes Kusine eingestellt. Übrigens täuschte Herr von Charlus mich nur darum eine Zeit lang über den vermeintlichen Wert und die Charaktermannigfaltigkeit der Weltleute, weil er sich selber über sie täuschte. Das lag vielleicht daran, daß er nichts tat, weder schrieb noch malte, nicht einmal ernst und gründlich las. Dennoch war er den Weltleuten entschieden überlegen und wenn er auch den Stoff seiner Konversation ihnen und dem Schauspiel, das sie boten, entnahm, wurde er deshalb von ihnen doch nicht verstanden. Da er als Künstler sprach, konnte er höchstens den trügerischen Charme der Weltleute haben. Und das auch nur für Künstler, für die er dieselbe Rolle hätte spielen können wie das Renntier für die Eskimos; dies wertvolle Tier reißt nämlich an den Felsen der Eiswüste Flechten und Moose für sie ab, die sie weder finden noch verwerten könnten; wenn aber das Renntier sie verdaut hat, werden sie für die Bewohner des äußersten Nordens zu assimilierbarer Nahrung.

Hinzufügen möchte ich, daß die Bilder, die Herr von Charlus von der Gesellschaft entwarf, durch die Mischung von wildem Haß und frommer Sympathie sehr belebt wurden. Sein Haß richtete sich vor allem gegen die jungen Männer, seine Verehrung galt vorwiegend gewissen Frauen.

War unter diesen die Fürstin Guermantes von Herrn von Charlus auf den höchsten Thron gesetzt worden, so genügten seine geheimnisvollen Worte vom »unzugänglichen Palast Aladins«, den seine Kusine bewohnte, doch nicht, um meine Bestürzung zu erklären.

Trotz allem, was bei diesen künstlichen Vergrößerungen auf verschiedene subjektive Gesichtspunkte zurückgeht, von denen ich zu sprechen haben werde, besteht doch eine gewisse objektive Realität in all diesen Wesen, und somit ergeben sich Unterschiede zwischen ihnen. Wie sollte es auch anders sein? Die Menschheit, mit der wir verkehren und die unsern Träumen so wenig ähnlich sieht, ist doch dieselbe wie die, welche wir in Memoiren und Briefen hervorragender Leute beschrieben gesehen und kennen zu lernen uns gewünscht haben. Von dem nichtssagenden alten Herrn, mit dem wir dinieren, haben wir in einem Buch über den Krieg Siebzig ergriffen den stolzen Brief gelesen, den er an den Prinzen Friedrich Karl gerichtet hat. Beim Diner langweilen wir uns, weil unsre Phantasie abwesend ist, bei der Lektüre eines Buches aber leistet sie uns Gesellschaft, und wir unterhalten uns. Und doch dreht es sich in beiden Fällen um dieselben Personen. Gern hätten wir Frau von Pompadour gekannt, die so sehr die Künste protegierte, würden uns aber bei ihr ebenso gelangweilt haben wie bei einer der modernen Egerien, zu denen noch ein zweites Mal zu gehen wir uns nicht entschließen können, weil sie so mittelmäßig sind. Und doch bleiben die Unterschiede bestehen. Die Menschen sind einander nie ganz gleich, die Art, wie sie sich uns gegenüber geben, verrät, man könnte sagen bei gleichem Grad von Freundschaft, Unterschiede, die schließlich einen Ausgleich bedeuten. Als ich Frau von Montmorency kennen lernte, sagte sie mir gern Unangenehmes, aber wenn ich Hilfe brauchte, bot sie, um wirksam helfen zu können, ohne Bedenken ihren ganzen Kredit auf. Manche andre wie etwa Frau von Guermantes hätte mir nie wehtun wollen, sagte von mir nur, was mir Freude machen konnte, überhäufte mich mit allen Liebenswürdigkeiten, die den geistigen Luxus der Guermantes bilden; hätte ich sie aber außerhalb dieser Sphäre um die geringste Kleinigkeit gebeten, sie hätte nicht einen Finger gerührt, um mir das Gewünschte zu verschaffen, es wäre mir bei ihr ergangen wie auf den Schlössern, wo man ein Automobil und einen Kammerdiener zur Verfügung hat, aber unmöglich ein Glas Obstwein bekommen kann, das in der Festordnung nicht vorgesehen ist. Welche von beiden war nun meine wirkliche Freundin: Frau von Montmorency, die mich so gern ärgerte und stets bereit war, mir zu helfen, oder Frau von Guermantes, die unter dem geringsten Verdruß, den man mir bereiten könnte, litt und nicht zu der geringsten Mühe fähig war, um mir nützlich zu sein? Andrerseits sagte man, Frau von Guermantes rede nur von oberflächlichen Dingen und ihre Kusine bei mäßiger geistiger Begabung stets von Interessantem. Die geistigen Formen sind so mannigfach, so widersprechend, nicht nur in der Literatur, auch in der Gesellschaft; nicht nur Baudelaire und Mérimée haben das Recht, sich gegenseitig zu verachten. Diese Besonderheiten bilden bei allen Personen ein zusammenhängendes tyrannisches System von Blicken. Reden, Handlungen, das, wenn wir es vor uns haben, allen andern überlegen scheint. Bei Frau von Guermantes hatte ich den Eindruck, ihre wie ein Theorem aus ihrer Geistesart abgeleiteten Worte seien die einzig richtigen. Und ich war im Grunde ihrer Meinung, wenn sie fand, Frau von Montmorency sei stupide und ihr Geist sei offen für alles, was sie nicht begreife, oder wenn die Herzogin von einer ihrer Bosheiten hörte und zu mir sagte: »Das nennen Sie eine gute Frau, ich nenne das ein Untier.« Aber solche Tyrannei der Wirklichkeit vor uns, solche Augenscheinlichkeit des Lampenlichtes, vor dem fern schon wie eine Erinnerung die Morgenröte verblaßt, verschwand, wenn ich fern von Frau von Guermantes war und eine andre Dame sich mit mir auf gleiches Niveau stellte und die Herzogin als tief unter uns stehend ansah: »Oriane interessiert sich im Grunde für nichts und für niemanden« oder gar (was in Gegenwart der Herzogin ganz unglaublich geschienen hätte, so sehr unterstrich sie selbst das Gegenteil): »Oriane ist ein Snob«. Da keine Mathematik es zuläßt, Frau von Arpajon und Frau von Montpensier in homogene Größen umzuwandeln, hätte ich auf die Frage, welche von beiden mir höher zu stehen scheine, keine Antwort gewußt.

Als besonders charakteristisch für den Salon der Fürstin Guermantes wurde am häufigsten eine gewisse Exklusivität angeführt, die zum Teil auf der königlichen Abkunft der Fürstin, vor allem aber auf der nahezu verknöcherten Starrheit der aristokratischen Vorurteile des Fürsten beruhte, über welche übrigens Herzog und Herzogin oft sich weidlich vor mir lustig gemacht hatten, so daß es mir natürlich um so unwahrscheinlicher vorkam, daß dieser Mann mich eingeladen habe, für den nur Hoheiten und Herzöge zählten und der bei jedem Diner eine Szene machte, weil er bei Tisch nicht den Platz bekommen hatte, den er unter Louis XIV. hätte beanspruchen können – welcher Platz das war, das wußte nur er allein dank seiner unerhörten Beschlagenheit in Sachen der Geschichte und Genealogie. Daher entschieden viele Leute der Gesellschaft bei Vergleichen zwischen den Vetterpaaren zu Gunsten des Herzogs und der Herzogin. »Herzog und Herzogin sind viel moderner, viel intelligenter, sie bekümmern sich nicht wie die beiden andern ausschließlich um die Zahl der Ahnen, ihr Salon ist dem ihres Vetters um dreihundert Jahre voraus«, das waren übliche Redensarten, und die fielen mir jetzt ein, während ich die Einladungskarte ansah, und es durchschauerte mich, denn danach schien es noch wahrscheinlicher, daß einer, der mich mystifizieren wollte, sie mir geschickt habe.

Wären Herzog und Herzogin von Guermantes nicht in Cannes gewesen, ich hätte versuchen können, durch sie herauszubekommen, ob die Einladung, die ich erhalten hatte, echt sei. Der Zweifel, in dem ich mich befand, ist nicht einmal – wie ich mir einen Augenblick schmeichelte – auf ein Gefühl zurückzuführen, wie es der Weltmann nicht kennt und das daher ein Schriftsteller, mag er davon abgesehn auch zur Kaste der Weltleute gehören, um »objektiv« zu sein und jede Klasse in ihrer Besonderheit darzustellen, wiedergeben müßte. Ich habe in der Tat kürzlich in einem entzückenden Band Memoiren ein Gefühl der Unsicherheit notiert gefunden, die der, in welche mich die Einladungskarte der Fürstin versetzte, ganz analog ist: »Georges und ich (oder Hély und ich, ich habe das Buch nicht zur Hand, um nachzuprüfen) wir brannten darauf, bei Frau Delessert empfangen zu werden, und als wir eine Einladung von ihr erhielten, wollten wir uns aus Vorsicht, jeder für sich, vergewissern, daß wir nicht auf einen Aprilscherz hereinfielen.« Der Erzähler ist kein Geringerer als Graf von Haussonville (der Haussonville, der die Tochter des Herzogs von Broglie geheiratet hat), und der andre junge Mann, der sich »seinerseits« vergewissern wird, ob er nicht das Opfer einer Mystifikation sei, ist, je nachdem er Georges oder Hély heißt, einer der beiden unzertrennlichen Freunde des Herrn von Haussonville, Herr von Harcourt oder Fürst Chalais.

An dem Tage, da die Soiree bei der Fürstin Guermantes stattfinden sollte, erfuhr ich, seit gestern seien der Herzog und die Herzogin wieder in Paris. Der Ball bei der Fürstin hätte sie nicht zur Rückkehr veranlaßt, aber einer ihrer Vettern war sehr krank, und dann wollte der Herzog eine Redoute nicht versäumen, welche in dieser Nacht stattfand und auf der er als Louis XI. und seine Frau als Isabella von Bayern erscheinen sollten. Ich beschloß am Vormittag zu ihr zu gehn. Aber die beiden waren früh ausgegangen und noch nicht zurückgekommen; zunächst spähte ich von einem kleinen Zimmer, das ich für einen guten Wachposten hielt, aus, ob ihr Wagen käme. Eigentlich hatte ich mein Observatorium sehr schlecht gewählt, ich konnte von dort aus kaum unsern Hof sehn, dafür aber bemerkte ich mehrere andre, was mir zwar nicht von Nutzen war, mich aber eine Zeitlang zerstreute. Nicht nur in Venedig gibt es solche Aussichten auf mehrere Häuser zugleich, wie sie für Maler etwas Verlockendes haben, sondern genau so in Paris. Ich komme nicht ganz zufällig auf Venedig. An venezianische Armenviertel erinnern gewisse Armenviertel von Paris, wenn morgens ihren hohen klaffenden Schornsteinen die Sonne ein lebhaftes Rosa, helles Rot gibt; dann blüht ein ganzer Garten über den Häusern und blüht in so mannigfachen Farbstufungen, als habe ein Liebhaber von Delfter oder Haarlemer Tulpen seine Blumen über die Stadt gepflanzt. Und dann sind die Häuser den gegenüberliegenden, die auf denselben Hof hinausgehen, so nah benachbart, daß dort jedes Fenster zu einem Bilderrahmen wird, in dem eine Köchin verträumt zu Boden schaut oder etwas tiefer im Hintergrund ein junges Mädchen von einer Alten, deren Hexengesicht im Schatten verschwimmt, sich das Haar kämmen läßt; jeder Hof ist Zwischenraum genug, um den Lärm zu dämpfen, läßt in einem Rechteck, das die geschlossenen Fenster unter Glas setzen, schweigsame Gebärden sichtbar werden und gibt so den Nachbarn eine Ausstellung von hundert niederländischen Gemälden, eins neben dem andern. Freilich hatte man vom Hause Guermantes nicht dieselbe Art Aussichten, aber doch auch sehr interessante, besonders von dem merkwürdigen trigonometrischen Punkt, an dem ich mich aufgestellt hatte; da hielt nichts den Blick auf bis zu den fernen Höhen, die von etwas verschwimmenden Terrains gebildet wurden, welche abschüssig dem Hause der Fürstin Silistrie und der Marquise von Plassac vorgelagert waren, sehr vornehmen Kusinen von Herrn von Guermantes, die ich nicht kannte. Bis zu diesem Haus (es gehörte ihrem Vater, Herrn von Bréquigny) nichts als niedrige Häusergruppen in den verschiedensten Richtungen, die ohne den Blick aufzuhalten die Entfernung hierhin und dorthin schräg verlängerten. Das Türmchen aus rotem Ziegelstein auf der Remise, in der der Marquis von Frécourt seine Wagen untergebracht hatte, lief zwar in eine höherragende Spitze aus, aber die war so schmal, daß sie nichts verdeckte; sie erinnerte an die hübschen alten Bauwerke in der Schweiz, die sich einzeln am Fuß eines Berges erheben. All diese undeutlichen divergierenden Einzelheiten, auf denen das Auge ruhte, ließen das Haus der Frau von Plassac ferner erscheinen, als wenn es durch mehrere Straßen oder viele Vorberge von uns getrennt gewesen wäre, während es in Wirklichkeit ziemlich nah lag; dabei wirkte es fern wie eine Alpenlandschaft. Standen seine breiten viereckigen Fenster, wie Splitter von Bergkristall in der Sonne flimmernd, beim Aufräumen offen, entdeckte man die kaum zu erkennenden Lakaien, die da in den verschiedenen Etagen Teppiche klopften mit demselben Vergnügen wie in einer Landschaft von Turner oder Elstir einen Reisenden in der Postkutsche oder einen Bergführer auf verschiedenen Höhenlagen des Sankt-Gotthard. Allein auf meinem »Aussichtspunkt« lief ich Gefahr, gar nicht zu sehen, wann Herr und Frau von Guermantes nach Hause kamen; als ich am Nachmittag frei war, meinen Beobachtungsposten wieder zu beziehen, stellte ich mich daher einfach auf die Treppe, von wo das Öffnen des Tores mir nicht entgehen konnte, wenn auch von hier aus die alpine Schönheit des Hauses Bréquigny und Tresmes mit ihren durch die Entfernung winzigen, beim Reinemachen bestrahlten Lakaien nicht zu sehen war. Diese Wartezeit auf der Treppe sollte für mich sehr bedeutsame Folgen haben und mir eine Landschaft enthüllen, die zwar nicht von Turner, aber seelisch sehr wichtig war, doch ist es besser, den Bericht darüber noch etwas hinauszuschieben und zunächst von meinem Besuch bei den Guermantes, die nun nach Hause gekommen waren, zu erzählen.

Der Herzog empfing mich allein in seiner Bibliothek. Als ich im Begriff war einzutreten, kam ein kleiner weißhaariger Mann heraus, von ärmlichem Aussehen mit kleiner schwarzer Krawatte, wie sie der Notar von Combray und mehrere Freunde meines Großvaters trugen, aber schüchterner als diese; er machte mir tiefe Verbeugungen und wollte mich durchaus erst vorbeilassen, ehe er hinunterstieg. Der Herzog rief ihm aus der Bibliothek etwas nach, das ich nicht verstand, und der andre erwiderte mit weiteren Verbeugungen, die sich an die Wand richteten, denn der Herzog konnte ihn nicht sehen; trotzdem verbeugte er sich immer wieder zwecklos, wie manche Leute beim telephonieren lächeln. Er hatte eine Fistelstimme und grüßte mich noch einmal mit der Unterwürfigkeit von Geschäftsleuten. Vielleicht war es wirklich ein Geschäftsmann aus Combray, er hatte ganz die kleinstädtischen veralteten sanften Manieren der kleinen Leute, der bescheidenen Alten von da unten. »Oriane werden Sie gleich zu sehen bekommen«, sagte der Herzog zu mir, als ich eingetreten war. »Da Swann gleich kommen muß, um ihr die Korrekturbogen seiner Studie über die Münzen des Malteser Ordens zu bringen, und, was schlimmer ist, eine Riesenphotographie, auf der er beide Seiten der Münzen hat reproduzieren lassen, wollte Oriane sich lieber erst anziehen, um dann, bis wir zum Diner gehen, mit ihm zusammenbleiben zu können. Wir haben schon soviel Sachen, daß wir gar nicht wissen, wohin damit, und ich frage mich, wo wir diese Photographie hintun sollen. Ich habe eine zu liebenswürdige Frau, sie macht zu gern andern eine Freude. Sie hat gemeint, es wäre nett, Swann darum zu bitten, um all die Großmeister des Ordens nebeneinander sehen zu können, deren Medaillen er auf Rhodos gefunden hat. Denn wenn ich Malta sagte, so ist Rhodos gemeint, aber es ist derselbe Johanniterorden von Jerusalem. Im Grunde interessiert sie sich dafür nur, weil Swann sich damit beschäftigt. Unsere Familie ist sehr in diese ganze Geschichte vermengt, noch heute ist mein Bruder, den Sie kennen, einer der höchsten Würdenträger des Malteserordens. Hätte ich aber Oriane von alldem geredet, sie hätte mir überhaupt nicht zugehört. Dagegen brauchte Swann bei seinen Forschungen über die Templer (unerhört diese Leidenschaft bei Leuten der einen Religion, die der andern zu studieren) nur auf die Geschichte der Ritter von Rhodos, der Erben der Templer, zu kommen, und gleich will Oriane die Köpfe dieser Ritter sehen. Das waren recht kleine Burschen neben den Lusignan, den Königen von Cypern, von denen wir in direkter Linie abstammen. Aber da Swann sich bisher mit ihnen nicht befaßt hat, will auch Oriane nichts über die Lusignan wissen.« Ich kam nicht dazu, dem Herzog gleich zu sagen, warum ich gekommen sei. Es erschienen einige Verwandte oder Freundinnen, wie Frau von Silistrie und die Herzogin von Montrose, um der Herzogin, die oft vor dem Diner empfing, einen Besuch zu machen, und blieben, da Oriane noch nicht da war, eine Weile bei dem Herzog. Die erste dieser Damen (die Fürstin Silistrie) war einfach angezogen, sah trocken und liebenswürdig aus und hatte einen Stock in der Hand. Ich fürchtete erst, sie habe sich verletzt oder sei schwächlich. Sie war im Gegenteil sehr munter. Mit Trauer sprach sie mit dem Herzog von einem seiner Vettern – nicht aus der Linie Guermantes, sondern aus einer womöglich noch glänzenderen –, dessen Gesundheitszustand bereits seit einiger Zeit sehr angegriffen war und sich plötzlich verschlimmert hatte. Augenscheinlich aber stellte der Herzog, bei allem Mitgefühl für das Schicksal seines Vetters und trotzdem er immer wieder sagte: »Armer Mama! Ein so guter Junge« ihm eine günstige Diagnose. Das Diner nämlich, das der Herzog mitmachen wollte, würde, wie er meinte, amüsant sein, der Gedanke an die große Soiree bei der Fürstin Guermantes war ihm nicht unangenehm, vor allem aber sollte er um ein Uhr Nachts mit seiner Frau zu einem großen Souper und Maskenball gehen, zu dem für ihn ein Kostüm Louis XI. und für die Herzogin ein Kostüm Isabella von Bayern bereit lag. Und der Herzog gedachte in diesen vielerlei Zerstreuungen durch das Leiden des guten Amanien von Asmond sich nicht stören zu lassen. Zwei weitere Damen mit Spazierstöcken, Frau von Plassac und Frau von Tresmes, beide Töchter des Grafen von Bréquigny, kamen sodann, Basin zu besuchen, und erklärten, der Zustand des Vetters Mama sei hoffnungslos. Der Herzog zuckte die Achseln und fragte, um das Thema zu wechseln, ob sie heut Abend zu Marie Gilbert gingen. Sie antworteten, nein, da doch Amanien dem Tode nah sei, sogar zu dem Diner, auf das der Herzog gehen wollte und dessen Teilnehmer sie ihm aufzählten, den Bruder des Königs Theodosius, die Infantin Maria Conception usw. hatten sie abgesagt. Da der Marquis von Osmond mit ihnen um einen Grad entfernter verwandt war als mit Basin, so schien dem Herzog ihr »Abfall« eine Art indirekten Tadels seines Benehmens. Obwohl sie von den Höhen des Hauses Brequigny eigens herabgestiegen waren, um die Herzogin zu sehen (oder vielmehr, um ihr von des Vetters beunruhigendem und für Verwandte mit gesellschaftlichen Zusammenkünften unvereinbaren Krankheitszustand Mitteilung zu machen), blieben sie nicht lange; und ausgerüstet mit ihren Alpenstöcken machten sich Walpurge und Dorothée (das waren die Vornamen der beiden Schwestern) wieder auf den steilen Weg zu ihrem hohen Sitz. Ich habe nie daran gedacht, die Guermantes zu fragen, was es mit den Stöcken für eine Bewandtnis habe, die in einem gewissen Teil des Faubourg Saint-Germain so häufig waren. Vielleicht sahen sie die ganze Parochie als ihr Krongut an, nahmen nicht gern eine Droschke und machten lange Spaziergänge, und irgendein alter Knochenbruch, wie sie ihn sich bei ihrer maßlosen Jagdleidenschaft durch Stürze vom Pferd zugezogen haben mochten, oder einfach Rheumatismus infolge der Feuchtigkeit auf dem linken Seineufer oder in den alten Schlössern machte ihnen den Stock unentbehrlich. Vielleicht hatten sie auch gar keine so weite Exkursion ins Quartier vorgehabt, waren nur in ihren Garten hinuntergegangen (der lag ganz nah bei dem der Herzogin), um Obst, das sie zum Einmachen brauchten, zu pflücken, und kamen auf dem Heimweg heran, um Frau von Guermantes guten Abend zu sagen; immerhin brachten sie nicht auch noch eine Heckenschere oder Gießkanne mit zu ihr herauf.

Der Herzog schien gerührt, daß ich gleich am Tag ihrer Rückkehr zu ihnen gekommen war. Aber sein Gesicht verfinsterte sich, als ich zu ihm sagte, ich habe seine Frau bitten wollen, sich zu erkundigen, ob ihre Kusine mich tatsächlich eingeladen habe. Damit rührte ich an eine der Gefälligkeiten, die Herr und Frau von Guermantes nicht gern erwiesen. Der Herzog sagte mir, es sei zu spät; wenn die Fürstin mir keine Einladung geschickt habe, würde es dann so aussehn, als bitte er um eine; seine Vettern hätten ihm das schon einmal abgeschlagen und nun möchte er nicht im entferntesten den Anschein erwecken, als mische er sich in die »Probleme« ihrer Gästelisten, und schließlich wisse er noch gar nicht, ob er und seine Frau, die zum Essen fort wären, nicht gleich nach Tisch heimgehn würden und dann wäre die beste Entschuldigung, nicht zur Soiree der Fürstin gekommen zu sein, wenn sie ihr ihre Rückkehr nach Paris verheimlichten, sonst hätten sie sie ihr eiligst mitgeteilt und in meiner Angelegenheit ein Wort geschrieben oder angerufen, und auch das sicherlich zu spät, denn so oder so seien die Listen der Fürstin bestimmt schon abgeschlossen. »Sie stehn doch nicht schlecht mit ihr?«, fragte er etwas mißtrauisch, die Guermantes fürchteten immer, sie könnten über die letzten Zerwürfnisse nicht auf dem Laufenden sein und man suche sich über sie hinweg zu versöhnen. Schließlich sagte der Herzog – er war ja gewohnt, alle Entscheidungen, die nicht besonders liebenswürdig ausfielen, auf sich zu nehmen –, unvermittelt, als fahre ihm der Gedanke gerade durch den Kopf: »Wissen Sie, lieber Kleiner, eigentlich möchte ich am liebsten Oriane überhaupt nicht sagen, daß Sie mit mir davon gesprochen haben. Sie wissen, wie liebenswürdig sie ist, und dann hat sie Sie doch auch schrecklich gern, sie würde gleich zu ihrer Kusine schicken wollen, was ich auch dagegen einwenden mag, und wenn sie dann nach Tisch abgespannt ist, gibt es keine Entschuldigung mehr, sie ist gezwungen, auf die Soiree zu gehn. Nein, ich werde ihr bestimmt nichts sagen. Nun, Sie werden sie ja gleich sehn. Kein Wort davon, bitte! Wenn Sie sich entschließen, auf die Soiree zu gehn, ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie es uns freuen wird, den Abend mit Ihnen zu verbringen.« Die Motive der Menschlichkeit sind heilig; wir beugen uns vor ihnen, wenn man sich vor uns auf sie beruft, ob wir nun diese Berufung für aufrichtig halten oder nicht; es durfte nicht aussehn, als legte ich meine Einladung und die mögliche Ermüdung der Frau von Guermantes auf die Waage, ich versprach, ihr nichts von dem Zweck meines Besuches zu sagen, gerade, als wäre ich auf die kleine Komödie, die Herr von Guermantes mir gespielt hatte, hereingefallen. Ich fragte den Herzog, ob ich nach seiner Meinung wohl Aussicht habe, bei der Fürstin Frau von Stermaria zu treffen. »Aber nein«, sagte er mit Kennermiene, »ich kenne den Namen, den Sie da nennen, ich habe ihn in den Jahrbüchern der Klubs gesehen, das ist nicht die Art Gesellschaft, die bei Gilbert verkehrt. Da werden Sie nur Leute treffen, die über die Maßen comme il faut und sehr langweilig sind, Herzoginnen mit Titeln, die man längst erloschen glaubte und die für solche Gelegenheiten hervorgeholt werden, viele Koburg, ausländische Hoheiten, aber da ist keine Spur von Stermaria zu erhoffen. Gilbert würde schon von Ihrer Vermutung krank werden.«

»Ach, Sie lieben doch die Malerei, da muß ich Ihnen ein prachtvolles Bild zeigen, das ich meinem Vetter, zum Teil im Austausch gegen die von Elstir, die wir unbedingt nicht mochten, abgekauft habe. Man hat es mir als einen Philippe de Champagne verkauft, aber ich glaube, es ist mehr. Soll ich Ihnen sagen, was ich mir denke? Ich glaube, es ist ein Velasquez und aus der besten Periode.« Dabei sah mir der Herzog in die Augen, um meinen Eindruck zu beobachten oder zu verstärken; ein Lakai trat ein. »Die Frau Herzogin lassen den Herrn Herzog fragen, ob Durchlaucht bitte Herrn Swann empfangen wollen, da die Frau Herzogin noch nicht fertig sind.« »Lassen Sie Herrn Swann eintreten«, sagte der Herzog, nachdem er auf die Uhr gesehn und sich vergewissert hatte, daß er selbst mit dem Anziehn noch ein paar Minuten Zeit hatte. »Natürlich ist meine Frau, die ihn hergebeten hat, nicht fertig. Es hat keinen Zweck, vor Swann von der Soiree bei Marie Gilberte zu sprechen. Ich weiß nicht, ob er eingeladen ist. Gilbert liebt ihn sehr, weil er ihn für das Kind eines natürlichen Sohnes des Herzogs von Berri hält, das ist eine lange Geschichte. (Denn sonst – Sie können sich ja denken – mein Vetter, der Krämpfe bekommt, wenn er auf hundert Schritt einen Juden sieht.) Aber jetzt mit der Dreyfusaffäre verschlimmert sich alles. Swann hätte einsehn müssen, daß er, mehr als irgend ein andrer, jede Verbindung mit diesen Leuten abbrechen mußte, statt dessen hält er noch fatale Reden.« Der Herzog rief den Lakaien zurück, um zu hören, ob der, den er zum Vetter d'Osmond geschickt hatte, wieder da sei. Er hatte nämlich folgenden Plan: da er begründeterweise annahm, sein Vetter liege im Sterben, lag ihm daran, vor dem Tode, das heißt, bevor die Trauer obligatorisch war, sich nach dem Befinden zu erkundigen. War er dann gedeckt durch die offizielle Bestätigung, Amanien sei noch am Leben, machte er sich schnell davon zu seinem Diner, zur Soiree des Fürsten und zur Redoute, auf der er Louis XI. sein sollte und ein sehr pikantes Rendezvous mit einer neuen Geliebten hatte, um sich dann erst am nächsten Morgen wieder zu erkundigen, wenn die Vergnügungen vorüber waren. Dann würde man, war der Vetter im Lauf des Abends verschieden, Trauer anlegen. »Nein, Durchlaucht, er ist noch nicht zurück.« »Schockschwerenot, hier wird alles immer erst im letzten Augenblick getan«, sagte der Herzog, wütend bei dem Gedanken, Amanien könne nun Zeit gehabt haben, für eine Abendzeitung »abzukratzen« und ihn seine Redoute verpassen zu lassen. Er ließ sich den Temps bringen, in dem aber noch nichts stand.

Ich hatte Swann seit langem nicht gesehn. Hatte er sich früher den Schnurrbart gestutzt, fragte ich mich, trug er das Haar nicht zurückgekämmt? Denn ich fand etwas an ihm verändert. Das lag aber nur daran, daß er tatsächlich sehr »verändert« war; er war sehr leidend, und Krankheit ruft im Gesicht ebenso tiefe Veränderungen hervor wie die, daß man sich den Bart stehn läßt oder den Scheitel anders legt. (Der Krankheit, die Swann hatte, war einst seine Mutter erlegen, sie hatte sie genau in dem Alter bekommen, in dem er jetzt stand. Vererbung zeichnet in unser Dasein so viel kabbalistische Zeichen und Zaubersprüche, als ob es tatsächlich Hexen gäbe. Und wie für die Menschheit im allgemeinen, gibt es auch für die Familien im besondern eine bestimmte Lebensdauer, das heißt für die Familienmitglieder, die einander ähnlich sind.) Swann war mit einer Eleganz gekleidet, die, wie bei seiner Frau, zu dem, was er war, hinzutat, was er gewesen war. Im eng anliegenden perlgrauen Gehrock kam seine hohe schlanke Gestalt zur Geltung, er trug weiße Handschuhe mit schwarzen Streifen und einen grauen Zylinder von der ausladenden Form, wie sie Delion nur noch für ihn, den Fürsten Sagan, Herrn von Charlus, den Marquis von Modena, Herrn Charles Haas und den Grafen Louis von Turenne machte. Mich überraschte das charmante Lächeln und der herzliche Händedruck, mit denen er meinen Gruß erwiderte, denn ich hatte nicht erwartet, daß er mich nach so langer Zeit gleich wiedererkennen würde; ich sprach ihm meine Verwunderung aus; darauf lachte er, war ein bißchen entrüstet und drückte mir noch einmal die Hand, als bedeute es, den gesunden Zustand seines Gehirns oder die Aufrichtigkeit seines Gefühls in Zweifel ziehn, wenn man vermutete, er erkenne mich nicht wieder. Und doch war das der Fall; er identifizierte mich, wie ich viel später erfahren habe, erst nach einigen Minuten, als im Gespräch mein Name fiel. Aber keine Veränderung in seinem Gesichtsausdruck, seinen Worten und dem, was er mir sagte, verrieten die Entdeckung, die er durch ein Wort des Herrn von Guermantes machte, so sicher beherrschte er das Spiel des Gesellschaftslebens. Dahinein brachte er das Spontane der Umgangsformen, die persönliche Note, selbst in Fragen der Kleidung, wie sie für die Guermantes charakteristisch war. Wie der alte Clubman mich begrüßte, ohne mich zu erkennen, das war nicht der kalte steife Gruß des rein formellen Weltmanns, sondern ein Gruß voll wirklicher Liebenswürdigkeit, echter Anmut, wie zum Beispiel die Herzogin von Guermantes (sie lächelte einem, dem sie begegnete, manchmal sogar zu, bevor er grüßte) sie schon aus Opposition gegen die üblichen mechanischen Grußformen der Damen des Faubourg Saint-Germain zeigte. So war auch sein Hut, den er nach einer mehr und mehr verschwindenden Sitte neben sich auf den Boden stellte, mit grünem Leder gefüttert, was ganz ungewöhnlich war; das ließ er angeblich so machen, weil es erheblich weniger schmutzte, in Wirklichkeit, weil es sehr kleidsam war. »Ach, Charles, Sie sind doch ein großer Kenner, da muß ich Ihnen etwas zeigen; dann aber, Kinder, werde ich euch um Erlaubnis bitten, euch einen Augenblick allein zu lassen, um in meinen Frack zu schlüpfen, übrigens wird, denke ich, Oriane nicht mehr lange auf sich warten lassen.« Und er zeigte Swann seinen »Velasquez«. »Mir scheint, das kenne ich schon«, sagte Swann mit einer Grimasse, wie sie Kranke machen, denen schon das bloße Sprechen eine Anstrengung ist. »Ja, Sie haben das Bild wahrscheinlich bei Gilbert gesehn«, sagte der Herzog; er wurde ernst, weil der Kenner zögerte, Bewunderung auszudrücken. »Ja, allerdings, ich erinnere mich.« »Wofür halten Sie es?« »Nun, wenn es bei Gilbert war, ist es vermutlich einer Ihrer Vorfahren«, sagte Swann mit einer Mischung von Ironie und Ehrerbietung vor einer Größe, die zu mißachten er unhöflich und lächerlich gefunden hätte, von der er aber aus Geschmack lieber in scherzhaftem Ton sprechen wollte.

»Aber gewiß doch«, sagte der Herzog heftig. »Boson ist es, ich weiß nicht mehr, welche Nummer Guermantes. Aber darauf pfeif ich. Sie wissen, ich bin nicht so feudal wie mein Vetter. Ich habe den Namen Rigaud nennen hören, Mignard, sogar Velasquez!« Er heftete auf Swann den Blick des Inquisitors und des Folterers, um in seinen Gedanken zu lesen und zugleich seine Antwort zu beeinflussen. »Nun also, bitte, ohne zu schmeicheln« – brachte man ihn dazu, eine Meinungsäußerung, die er gern hören wollte, künstlich zu provozieren, so war er imstande, gleich darauf zu glauben, sie sei spontan gewesen – »glauben Sie, daß es von einem der großen Bonzen ist, die ich genannt habe?« »Nnnein«, sagte Swann. »Na also, ich verstehe ja nichts davon, es ist nicht meine Sache, zu entscheiden, von wem der Schinken ist. Aber Sie, ein Liebhaber, ein Meister des Fachs, wem schreiben Sie es zu? Sie sind doch Kenner genug, um eine Idee zu haben! Wem schreiben Sie es zu?« Swann zauderte einen Augenblick vor dem Bilde, das er offensichtlich scheußlich fand. »Der Mißgunst!« antwortete er dann lachend. Der Herzog durfte sich seine Wut nicht anmerken lassen. Als sie vorbei war, sagte er: »Sie sind beide sehr nett, warten Sie einen Augenblick auf Oriane, ich ziehe meinen Schwalbenschwanz an und bin gleich wieder da. Ich werde meiner Eheliebsten sagen lassen, daß Sie beide auf sie warten.« Ich unterhielt mich eine Weile mit Swann über die Dreyfusaffäre und fragte ihn, wie es käme, daß alle Guermantes Dreyfusgegner seien. »Zunächst, weil all diese Leute im Grunde Antisemiten sind«, sagte Swann, obwohl er aus Erfahrung wissen mußte, daß einige von ihnen es nicht waren; aber wie alle Leute, die eine leidenschaftliche Überzeugung haben, setzte er bei denen, die sie nicht teilten, lieber eine vorgefaßte Meinung, ein unüberwindliches Vorurteil voraus als Gründe, über die sich streiten ließ. Und dann war er jetzt einem vorzeitigen Lebensende nah, ein müde gehetztes Wild, ihm waren diese Verfolgungen entsetzlich, und er kehrte in den Schoß der väterlichen Religion zurück. »Für den Fürsten Guermantes trifft das wohl zu,« sagte ich, »man hatte mir gesagt, daß er Antisemit ist.« »Oh, von dem will ich gar nicht reden. Bei dem geht es so weit, daß, als er Offizier war und einmal entsetzliches Zahnweh hatte, er lieber die Schmerzen weiter aushielt, anstatt den einzigen Zahnarzt der Gegend, der Jude war, zu konsultieren; und später hat er einmal einen Flügel seines Schlosses, in dem Feuer ausgebrochen war, niederbrennen lassen, weil er sonst im Nachbarschloß um Spritzen hätte bitten müssen, und das gehörte den Rothschild.« »Gehen Sie vielleicht heut Abend zu ihm?« »Ja«, antwortete er, »obgleich ich recht abgespannt bin. Aber er hat mir einen Rohrpostbrief geschickt, er habe etwas mit mir zu besprechen. Und da ich fühle, ich werde die nächsten Tage zu leidend sein, um hinzugehn oder ihn zu empfangen, das wird mich aufregen, so ziehe ichs vor, die Sache gleich zu erledigen.« »Aber der Herzog von Guermantes ist kein Antisemit.« »Sie sehn ja, er ist es doch, da er Dreyfusgegner ist«, sagte Swann, ohne zu merken, daß er eine petitio principii machte. »Was nicht hindert, daß es mich bekümmert, diesen Mann – was sage ich, diesen Herzog – enttäuscht zu haben, da ich seinen angeblichen Mignard oder was es sonst sein sollte, nicht bewundert habe.« »Aber wenigstens«, kam ich wieder auf die Dreyfusaffäre zurück, »die Herzogin, die ist doch klug.« »Ja, charmant ist sie. Nach meiner Meinung ist sie es, nebenbei bemerkt, noch mehr gewesen, als sie noch Fürstin des Laumes hieß. Ihr Geist hat etwas Scharfkantiges bekommen, das war alles weicher bei der jugendlichen Fürstin, aber schließlich und endlich, ob jünger oder älter, ob Mann oder Weib, was wollen Sie, diese Leute sind von einer andern Rasse, man hat nicht ungestraft tausend Jahre Feudalismus im Blut. Natürlich reden sie sich ein, das habe nichts mit ihren Meinungen zu tun.« »Aber Robert de Saint-Loup ist doch für Dreyfus?« »Nun, um so besser, zumal, wie Sie wissen, seine Mutter sehr gegen Dreyfus ist. Man hatte mir das von ihm gesagt, aber ich war nicht sicher. Das macht mir große Freude. Es wundert mich nicht: er ist sehr intelligent. Es ist recht auffallend.«

Der Dreyfusismus hatte Swann ganz naiv gemacht, seinen Anschauungen einen bemerkenswerteren Impuls gegeben und sie noch mehr aus ihrer gewohnten Bahn gebracht als ehedem seine Heirat mit Odette; seine neue Deklassierung hätte besser eine Reklassierung geheißen und gereichte ihm nur zur Ehre, denn sie lenkte ihn zurück auf den Weg, den die Seinen gekommen waren und von dem ihn sein Umgang mit den Aristokraten abgelenkt hatte. Aber gerade in dieser Situation, in der es ihm bei seinem Scharfblick und dank dem geistigen Erbgut seiner Abkunft gegeben war, eine Wahrheit zu erkennen, die den Weltleuten noch verborgen blieb, zeigte sich bei Swann lächerliche Verblendung. Alles, was er zu bewundern, und alles, was er zu verachten geneigt war, erprobte er nun an einem neuen Kriterium, dem Dreyfusismus. Daß er Frau Bontemps wegen ihrer Dreyfusfeindschaft dumm fand, war nicht erstaunlicher, als daß er sie zur Zeit seiner Heirat intelligent gefunden hatte. Ebenso wenig fiel es ins Gewicht, wenn jetzt die neue Welle auch seine politischen Urteile ereilte und ihn ganz vergessen ließ, daß er früher in Clémenceau einen Geldmenschen und Spion Englands gesehen hatte (das war eine absurde Auffassung des Kreises Guermantes), während er jetzt erklärte, er habe ihn immer für einen Mann von Gewissen, einen Mann von Eisen wie Cornély gehalten. »Nein, nie habe ich Ihnen etwas andres gesagt. Das verwechseln Sie.« Aber die Welle ging bei Swann über die politischen Urteile hinweg und warf auch noch seine literarischen um, ja sogar die Art, wie er sie ausdrückte. Barrès hatte alles Talent verloren und auch seine Jugendwerke waren schwächlich, man konnte sie kaum mehr lesen. »Versuchen Sie es, Sie kommen nicht bis zu Ende. Welch ein Unterschied zu Clémenceau! Ich persönlich bin nicht antiklerikal, aber wie man fühlt, daß neben ihm Barrès marklos ist! Das ist ein großer Kerl, der alte Clémenceau. Und wie er seine Sprache beherrscht!« Nebenbei bemerkt, hätten die Dreyfusgegner kein Recht gehabt, diese Verstiegenheiten zu kritisieren. Für sie war man für Dreyfus, weil man von jüdischer Herkunft war. Trat ein frommer Katholik wie Samiette auch für die Revision ein, so war er eben von Frau Verdurin beherrscht, die sich wild radikal benahm. Sie hatte es vor allem gegen die »Pfaffen«. Samiette war also mehr dumm als schlecht und ahnte nicht, wie die Patronne ihm schadete. Warf man ein, Brichot sei ebenso befreundet mit Frau Verdurin und dabei Mitglied der Patrie Française, so war er eben intelligenter. »Sie sehen ihn manchmal?« fragte ich Swann, als wir von Saint-Loup sprachen. »Nein, nie. Er hat mir neulich geschrieben, ich möchte den Herzog von Mouchy und einige andre bitten, im Jockey für ihn zu stimmen, wo er übrigens hineingekommen ist so glatt wie ein Brief auf die Post.« »Trotz der Affäre?« »Die hat man nicht zur Sprache gebracht. Beiläufig muß ich Ihnen sagen, seit all dem hab ich keinen Fuß mehr in den Klub gesetzt.«

Herr von Guermantes trat wieder ein und bald danach seine Frau, zum Ausgehn fertig, hoch und stolz in einem roten Atlaskleid, dessen Rock mit Pailletten gesäumt war. Im Haar hatte sie eine große purpurn gefärbte Straußenfeder und um die Schultern einen ebenfalls roten Tüllschal. »Wie gut sich das macht, wenn ein Hut grün gefüttert ist,« sagte die Herzogin, der nichts entging. »Bei Ihnen, Charles, ist übrigens alles hübsch, was Sie anhaben und was Sie sagen, was Sie lesen und was Sie tun.« Das schien Swann nicht zu hören, er betrachtete die Herzogin, wie er es mit dem Bilde eines Meisters getan hätte, dann suchte er ihren Blick und verzog den Mund zu einer Grimasse der Bewunderung. Frau von Guermantes lachte laut. »Mein Kleid gefällt Ihnen, das freut mich sehr. Aber ich muß sagen, mir gefällt es nicht besonders«, sie machte ein verdrossnes Gesicht. »Mein Gott, ist das langweilig sich anzuziehn und auszugehn, wenn man so gern zu Hause bliebe!« »Die Rubine sind herrlich!« »Ah, Charles, mein Lieber, da sieht man doch, Sie kennen sich aus, Sie sind nicht wie dieser Tölpel, der Monserfeuil, der mich gefragt hat, ob sie echt seien. Und ich muß selbst sagen, ich habe nie so schöne gesehn. Es ist ein Geschenk der Großherzogin. Für meinen Geschmack sind sie ein bißchen umfangreich, ein bißchen volles Rotweinglas, ich habe sie angetan, weil wir heut abend bei Marie Gilbert die Großherzogin sehen werden.« Bei diesen Worten ahnte sie nicht, daß sie der Behauptung des Herzogs widersprach. »Wen gibt es denn bei der Fürstin?« fragte Swann. »Ach, nichts besonderes«, beeilte sich der Herzog zu antworten, der aus Swanns Frage schloß, er sei nicht geladen. »Aber Basin! Doch wohl den ganzen Heeresbann, ein Massenaufgebot. Das Gemetzel wird tödlich werden. Was hübsch sein wird,« fuhr sie mit einem zarten Blick auf Swann fort, »wenn das Gewitter, das in der Luft liegt, nicht losbricht, das sind die wundervollen Gärten. Sie kennen sie. Ich bin vor einem Monat dagewesen, als gerade der Flieder blühte, man kann sich keine Vorstellung machen, wie schön das war. Und dann der Springbrunnen, wahrhaftig Versailles in Paris!« »Was ist die Fürstin für eine Frau?« fragte ich. »Sie wissen ja schon, – Sie haben sie hier gesehn –, daß sie schön ist wie der Tag und auch ein bißchen einfältig, sehr nett trotz all ihrer germanischen Erhabenheit, voll Gemüt und Ungeschick.« Swann war zu klug, um nicht zu merken, daß Frau von Guermantes in diesem Augenblick »in Esprit Guermantes machen« wollte, ohne sich in große Kosten zu stürzen, denn sie tischte nur wieder in weniger vollendeter Form ältere Bonmots auf. Um aber der Herzogin doch zu zeigen, daß er ihre witzige Absicht merke, lächelte er, als ob sie wirklich witzig gewesen wäre, ein bißchen gezwungen, und diese besondre Art Unaufrichtigkeit berührte mich so peinlich wie früher, wenn ich meine Eltern mit Herrn Vinteuil über die Korruption in gewissen Kreisen sprechen hörte (und sie wußten doch, daß die, welche in Montjouvain herrschte, größer war) oder wenn Legrandin vor Dummköpfen besonders nuancierte Dinge vorbrachte und feine Epitheta wählte, die, wie er wußte, sein reiches oder chikes, aber ungebildetes Publikum nicht verstehen konnte. »Was reden Sie da, Oriane?« sagte Herr von Guermantes. »Marie dumm? Sie hat alles gelesen und ist musikalisch wie eine Geige.« »Mein armer guter Basin, Sie sind ein neugeborenes Kind. Als ob man das alles nicht sein könnte und dabei ein bißchen einfältig. Einfältig ist übrigens zu viel gesagt, nein, sie ist nebelhaft, so richtig Hessen-Darmstadt, heiliges Römisches Reich und quackquack. Schon ihre Aussprache geht mir auf die Nerven. Im übrigen muß ich zugeben, daß sie eine charmante Art Verdrehtheit hat. Zunächst schon die Idee, von ihrem deutschen Thron herabzusteigen, um gut bürgerlich einen einfachen Privatmann zu heiraten.

Allerdings, sie hat ihn sich ausgesucht! Aber richtig,« wandte sie sich zu mir, »Sie kennen Gilbert nicht! Um Ihnen eine Vorstellung von ihm zu geben: er hat sich früher einmal krank zu Bett gelegt, weil ich bei Frau Carnot meine Karte abgegeben habe ... Aber mein guter Charles,« die Herzogin wechselte schnell das Thema, da die Geschichte von der Karte bei Frau Carnot Herrn von Guermantes zu erzürnen schien, »nun haben Sie mir doch nicht die Photographie unserer Ritter von Rhodos geschickt, die ich durch Sie liebgewonnen, mit denen ich so gern Bekanntschaft gemacht hätte.« Der Herzog hatte die ganze Zeit seine Frau scharf fixiert. »Oriane, Sie sollten wenigstens genau die Wahrheit erzählen und nicht die Hälfte unter den Tisch fallen lassen,« und dann berichtigte er, sich an Swann wendend: »Man muß hinzufügen, die Frau des damaligen englischen Botschafters, eine sehr gute Frau, die aber ein bißchen auf dem Mond lebte und öfters solche Streiche machte, hatte den barocken Einfall, uns zusammen mit dem Präsidenten und seiner Frau einzuladen. Wir waren, sogar Oriane, ziemlich überrascht, zumal die Botschafterin ungefähr dieselben Leute kannte wie wir und uns nicht ausgerechnet zu einer so seltsamen Reunion einzuladen brauchte. Da war ein Minister, der gestohlen hat, na, Schwamm drüber, man hatte uns nicht gewarnt, wir gingen in die Falle, und ich muß übrigens anerkennen, daß alle diese Leute sehr höflich waren. Nun, damit wäre es schon genug gewesen. Frau von Guermantes, die mir nicht oft die Ehre erweist, mich um Rat zu fragen, hat geglaubt, sie müsse in der nächsten Woche ihre Karte im Elysée abgeben. Gilbert ist vielleicht etwas zu weit gegangen, wenn er das als Flecken auf unserm Namen ansah. Aber man darf nicht vergessen, daß – Politik beiseite – Herr Carnot, der übrigens seinen Posten sehr anständig ausgefüllt hat, Enkel eines Mitglieds des Revolutiontribunals ist, eines Mannes, der an einem Tage elf der Unsern umgebracht hat.« »Warum sind Sie dann aber jede Woche nach Chantilly zum Diner gefahren, Basin? War der Herzog von Aumale nicht auch Enkel eines Mitglieds des Revolutiontribunals, nur mit dem Unterschied, daß Carnot ein braver Mann war und Philippe Egalité eine gemeine Canaille?« »Verzeihung, wenn ich unterbreche – ich habe die Photographie geschickt,« sagte Swann. »Ich begreife nicht, daß man sie Ihnen nicht gegeben hat.« »Das wundert mich nicht so sehr,« sagte die Herzogin. »Meine Dienstboten sagen mir nur, was ihnen angebracht scheint. Wahrscheinlich haben sie etwas gegen den Johanniterorden.« Und sie klingelte. »Sie wissen, Oriane, wenn ich nach Chantilly zum Diner ging, geschah es ohne Elan.« »Ohne Elan, aber mit Nachthemd für den Fall, daß der Prinz Sie auffordern sollte, über Nacht zu bleiben, was er übrigens selten tat – als echter Flegel, der er war, wie alle Orléans. Wissen Sie eigentlich, mit wem wir heute bei Frau von Saint-Euverte dinieren?« fragte sie dann ihren Gatten. »Außer den bekannten Gästen, ist, in letzter Stunde, der Bruder des Königs Theodosius geladen.« Bei dieser Neuigkeit sprach aus der Miene der Herzogin Zufriedenheit und aus ihren Worten Mißvergnügen. »Ach mein Gott, schon wieder Prinzen.« »Aber der ist nett und intelligent«, sagte Swann. »Doch nicht ganz«, erwiderte die Herzogin, sie schien nach Worten zu suchen, um ihren Gedanken mehr Neuheit zu geben. »Ist Ihnen bei den Prinzen noch nicht aufgefallen, daß die nettesten es eben nicht ganz sind? Doch, doch, glauben Sie mir! Sie müssen immer über alles eine Meinung haben. Und da sie selbst keine haben, bringen sie die erste Hälfte ihres Lebens damit zu, uns nach der unsern zu fragen, und die zweite, sie uns wieder vorzusetzen. Sie müssen unbedingt sagen, das ist gut gespielt worden und das ist nicht so gut gespielt worden. Einer wie der andre. Sehn Sie, dieser kleine Theodosius junior (ich komme nicht auf seinen Namen) hat mich gefragt, wie man das nenne, so ein Orchestermotiv. Ich habe ihm geantwortet« – ihre Augen strahlten, die schönen roten Lippen lachten: »Das nennt man Orchestermotiv.« Na, im Grunde war er nicht zufrieden. Ach, mein guter Charles«, sagte sie dann, »kann das langweilig sein, so ein Diner bei Leuten! An manchen Abenden möchte man lieber sterben! Allerdings ist Sterben vielleicht ganz ebenso langweilig, man weiß ja nicht, wie es ist.« Ein Lakai erschien. Es war der junge Verlobte, der mit dem Portier Auseinandersetzungen gehabt, bis die Herzogin in ihrer Güte einen Scheinfrieden zwischen ihnen gestiftet hatte. »Soll ich heut abend Nachricht vom Herrn Marquis von Osmond einholen«, fragte er. »Gott bewahre, nicht vor morgen früh! Ich will auch nicht, daß Sie heut abend zu Haus bleiben. Sonst kommt womöglich sein Lakai, den Sie kennen, her, bringt Ihnen Nachrichten und sagt, Sie sollen uns holen. Gehn Sie aus, gehn Sie, wohin Sie wollen, amüsieren Sie sich, bleiben Sie über Nacht fort, vor morgen früh will ich Sie hier nicht sehn.« Gewaltige Freude überflutete das ganze Gesicht des Lakaien. Endlich würde er Stunden und Stunden mit seiner Braut zusammensein, die er so gut wie gar nicht mehr zu sehn bekam, seit nach einer neuen Szene mit dem Portier die Herzogin ihm freundlich auseinandergesetzt hatte, es sei besser nicht mehr auszugehen, um neue Konflikte zu vermeiden. Bei dem Gedanken, endlich einen freien Abend zu haben, schwamm er in Wonne, was die Herzogin bemerkte und begriff. Sie fühlte eine Art Herzbeklemmung, einen Schauer in allen Gliedern, ein Glück mit ansehn zu müssen, das man hinter ihrem Rücken heimlich genoß, es reizte sie, machte sie eifersüchtig. »Nein, Basin, im Gegenteil, er soll hier bleiben, sich nicht aus dem Hause rühren.« »Aber Oriane, das ist absurd, alle Ihre Leute sind da, obendrein werden Sie um Mitternacht die Ankleidefrau und den Kostümschneider da haben für unsre Redoute. Er ist zu nichts zu brauchen, und da er allein mit dem Lakaien von Mama befreundet ist, möcht ich ihn tausendmal lieber weit weg expedieren.« »Überlassen Sie das mir, Basin, gerade heut werde ich ihm im Lauf des abends etwas sagen lassen müssen, ich weiß noch nicht, um welche Zeit. Daß Sie mir ja keinen Augenblick aus dem Haus gehn«, sagte sie zu dem Lakaien, der nun verzweifelte. Wenn im Hause der Herzogin immer Streit war und die Leute nicht lange blieben, so konnte doch die Person, die an diesem beständigen Kriegszustand schuld war, nicht abgeschafft werden: aber es war gar nicht der Portier; allerdings für die grobe Arbeit, für die Plackereien, die Mühe machten, für den Streit, der mit Schlägen endete, vertraute ihm die Herzogin das derbe Werkzeug an; und er spielte seine Rolle, ohne zu ahnen, daß sie ihm nur anvertraut war. Wie die Dienstboten bewunderte er die Güte der Herzogin; und die entlassenen Lakaien, die nichts durchschauten, besuchten oft Françoise und sagten, das Haus des Herzogs wäre die beste Stellung von Paris gewesen, wenn die Portierloge nicht wäre. Die Herzogin spielte die Loge aus, wie man lange Zeit den Klerikalismus, das Freimaurertum, die jüdische Gefahr usw. ausgespielt hat... Ein Lakai trat ein. »Warum hat man mir nicht das Paket heraufgebracht, das Herr Swann hergeschickt hat? Und was ich sagen wollte (Sie wissen, Charles, Mama ist sehr krank), ist Jules, der Nachricht vom Herrn Marquis von Osmond einholen ging, zurück?« »Er ist diesen Augenblick gekommen, Durchlaucht. Man erwartet von einem Augenblick zum andern, daß es mit dem Herrn Marquis zu Ende geht.« »Also er lebt!« rief der Herzog mit einem Seufzer der Erleichterung. »Wo Leben ist, ist auch noch Hoffnung«, wandte er sich mit froher Miene zu uns. »Man hat ihn mir schon tot und begraben geschildert. In acht Tagen wird er munterer sein als ich.« »Die Ärzte haben gesagt, daß er den Abend nicht überstehen würde. Der eine wollte in der Nacht noch einmal kommen. Ihr Chef hat gesagt, das sei überflüssig. Der Herr Marquis müßte eigentlich schon tot sein; nur die Kampferspritzen haben ihn am Leben erhalten.« »Still, Sie Idiot!« schrie der Herzog in höchster Wut. »Wer fragt Sie denn nach alldem? Nichts haben Sie verstanden, was man Ihnen gesagt hat.« »Nicht mir, es war Jules.« »Wollen Sie wohl still sein!« brüllte der Herzog, dann wandte er sich zu Swann: »Gottlob, er lebt. Er wird nach und nach wieder zu Kräften kommen. Er lebt! Nach solch einer Krise. Das ist ausgezeichnet. Man kann nicht alles auf einmal verlangen. Muß gar nicht unangenehm sein, so eine kleine Kampferspritze.« Der Herzog rieb sich die Hände. »Er lebt, was will man mehr? Nachdem er das durchgemacht hat, was er durchgemacht hat, ist das schon recht schön. Er ist zu beneiden um solch eine Konstitution. Ja, die Kranken! Unsereins wird nicht so gehegt und gepflegt. Da hat mir heut früh so ein niederträchtiger Kerl von Koch eine Hammelkeule mit Sauce Béarnaise gemacht, die war wunderbar geraten, das muß ich zugeben, aber grade deshalb hab ich soviel davon gegessen, daß sie mir noch auf dem Magen liegt. Darum wird sich aber kein Mensch nach mir erkundigen wie nach dem lieben Amanien. Man erkundigt sich sogar viel zu viel nach ihm. Das greift ihn an. Er kommt ja nicht zu Atem. Man bringt ihn noch um, wenn man immerfort zu ihm schickt.« »Nun?« sagte die Herzogin zu dem Lakaien, der sich zurückzog. »Ich habe doch gewünscht, man soll mir das Paket mit der Photographie, die Herr Swann mir geschickt hat, heraufbringen.« »Durchlaucht, es ist so groß, ich wußte nicht, ob es hier durch die Tür gehn würde. Wir haben es im Vestibül gelassen. Wünschen Durchlaucht, daß ich es heraufbringe?« »Nein, dann nicht, das hätte man mir sagen sollen. Wenn es so groß ist, werde ichs mir nachher ansehn, wenn ich hinunterkomme.« »Ich habe noch vergessen, Durchlaucht zu bestellen, daß die Frau Gräfin Molé heut früh eine Karte für die Frau Herzogin abgegeben hat.« »Wie? Heute früh?« sagte die Herzogin in unwilligem Ton: sie fand, eine so junge Frau dürfe sich nicht erlauben, morgens ihre Karte abzugeben. »Gegen zehn Uhr, Durchlaucht.« »Zeigen Sie mir die Karten.« »Jedenfalls, wenn Sie sagen, Oriane, es sei ein komischer Einfall von Marie gewesen, Gilbert zu heiraten« – der Herzog kam auf das erste Thema zurück – »haben Sie eine eigentümliche Art, Geschichte zu schreiben. Wenn bei dieser Heirat einer töricht war, dann wars Gilbert: ausgerechnet eine so nahe Verwandte des Königs von Belgien zu heiraten, der den Namen Brabant, der uns gehört, usurpiert hat. Mit einem Wort, wir sind von demselben Blut wie die Hessen, und sind von der älteren Linie. Es ist immer stupide von sich zu sprechen«, wandte er sich an mich, »aber wenn wir in Darmstadt oder auch in Kassel waren und in dem ganzen Kurhessen, haben die Landgrafen alle immer liebenswürdig darauf bestanden, daß wir den Vortritt und den ersten Platz hatten, da wir ältere Linie sind..« »Aber, Basin, Sie werden mir doch nicht am Ende erzählen wollen, daß diese Person, die Major in allen Regimentern ihres Landes war, die man mit dem König von Schweden verloben wollte...« »Oh, Oriane! das ist zu stark, man sollte meinen, Sie wüßten nicht, daß der Großvater des Königs von Schweden noch in Pau seinen Acker bestellt hat, als wir schon seit neunhundert Jahren in ganz Europa die Ersten waren.« »Was nicht hindert, daß, wenn es auf der Straße heißt: Da kommt der König von Schweden, alle Leute bis zur Place de la Concorde laufen, um ihn zu sehn, und wenn man sagt: Da kommt Herr von Guermantes, weiß niemand, wer das ist.« »Soll das ein Grund sein?« »Im übrigen verstehe ich gar nicht: da nun einmal der Titel Herzog von Brabant auf die belgische Königsfamilie übergegangen ist, wie können Sie darauf Anspruch erheben?«

Der Lakai kam mit der Karte der Gräfin Molé zurück oder vielmehr mit dem, was sie als Karte dagelassen hatte. Da sie angeblich keine bei sich hatte, hatte sie einen Brief aus der Tasche gezogen, den sie bekommen hatte, ihn aus seiner Hülle genommen und den Umschlag mit ihrer Adresse »Gräfin Molé« als Visitenkarte eingeknifft. Da dieser Umschlag dem Briefformat, das dieses Jahr Mode war, entsprechend, ziemlich groß war, hatte diese mit der Hand geschriebene »Karte« fast den doppelten Umfang einer gewöhnlichen Visitenkarte. »Das ist die sogenannte Einfachheit von Frau Molé«, sagte die Herzogin ironisch. »Sie will uns einreden, daß sie keine Karte bei sich hatte und ihre Originalität zeigen. Aber das kennen wir schon, nicht wahr, mein guter Charles, wir sind ein wenig zu alt und selber originell genug, um von einem Dämchen, das seit vier Jahren ausgeht, Esprit zu lernen. Sie ist charmant, aber doch keine genügend gewichtige Persönlichkeit, um die Leute so billig verblüffen zu wollen und als Karte einen Briefumschlag abzugeben, noch dazu um zehn Uhr morgens. Die Mutter Maus wird dem Mäuschen zeigen, daß sie in diesem Kapitel ebenso bewandert ist.« Swann mußte lachen bei dem Gedanken, daß die Herzogin, die nebenbei bemerkt auf den gesellschaftlichen Erfolg von Frau Molé etwas eifersüchtig war, dank dem »Geist der Guermantes« sicher auf eine impertinente Erwiderung dieses Besuchs kommen würde. – »Was den Titel Herzog von Brabant betrifft, so habe ich Ihnen hundertmal gesagt, Oriane ...« fing der Herzog wieder an, aber die Herzogin unterbrach, ohne auf ihn zu hören: »Aber mein lieber Charles, ich sehne mich nach Ihrer Photographie.« »Ah! extinctor draconis labrator Anubis«, sagte Swann. »Ja, hübsch, was Sie mir darüber im Vergleich zu San Giorgio in Venedig gesagt haben. Aber ich verstehe nicht, warum Anubis.« »Wie ist denn der, der ein Ahne Babals ist?« fragte Herr von Guermantes. »Ich möchte alle sehn«, sagte die Herzogin. »Hören Sie, Charles, wir wollen hinuntergehn, bis der Wagen vorfährt,« sagte der Herzog, »Sie machen uns Ihren Besuch im Vestibül, denn meine Frau gibt ja doch keine Ruhe, bis sie Ihre Photographie gesehn hat. Ich bin offengestanden weniger ungeduldig«, setzte er selbstzufrieden hinzu. »Ich bin ein ruhiger Mensch, aber sie würde uns sonst noch umbringen.« »Ich bin ganz mit Ihnen einverstanden, Basin,« sagte die Herzogin, »gehn wir ins Vestibül, da wissen wir wenigstens, warum wir aus Ihrem Zimmer herkommen, während wir nie wissen werden, warum wir von den Grafen von Brabant herkommen.« »Ich habe Ihnen hundertmal wiederholt, wie der Titel in das Haus Hessen gekommen ist«, sagte der Herzog (während wir gingen, um die Photographie zu sehen und ich an die dachte, die mir Swann in Combray mitgebracht hatte), »durch Heirat eines Brabant mit der Tochter des letzten Landgrafen von Thüringen und Hessen im Jahre 1241, so daß eigentlich richtiger der Titel Fürst von Hessen in das Haus Brabant gekommen ist als der Titel Herzog von Brabant in das Haus Hessen. Sie erinnern sich doch wohl auch, daß unser Kriegsruf der der Herzöge von Brabant war: Limbourg à qui l'a conquis, bis wir das Wappen der Brabant gegen das der Guermantes vertauscht haben, woran wir, finde ich, nebenbei nicht recht taten, das Beispiel der Gramont ist nicht dazu angetan, mir eine andre Meinung beizubringen.« »Aber,« erwiderte Frau von Guermantes, »erobert hat es doch der König von Belgien ... Und der belgische Thronerbe nennt sich Herzog von Brabant.« »Aber, Kind, was Sie da sagen, hat weder Hand noch Fuß. Sie wissen so gut wie ich, es gibt Rechtstitel, die vollkommen bestehen bleiben, auch wenn das Territorium von einem Usurpator besetzt wird. So nennt sich zum Beispiel der König von Spanien auch gerade Herzog von Brabant und beruft sich dabei auf einen Besitz, der jünger als unserer, aber älter als der des Königs von Belgien ist. Er heißt auch Herzog von Burgund, König von Ost- und Westindien, Herzog von Mailand. Dabei besitzt er Burgund, Indien und Brabant so wenig wie ich selbst das letztere besitze oder der Fürst von Hessen es besitzt. Der König von Spanien läßt sich auch feierlich König von Jerusalem nennen, und ebenso der österreichische Kaiser und weder der eine noch der andre besitzen Jerusalem.« Er hielt einen Augenblick inne: der Name Jerusalem konnte am Ende Swann unangenehm berühren wegen der »schwebenden Affären«, das war ihm peinlich, und um so schneller fuhr er dann fort: »Was Sie da sagen, können Sie von allem sagen. Wir sind Herzöge von Aumale gewesen und dies Herzogtum ist ebenso rechtmäßig an das Haus Frankreich übergegangen wie Joinville und Chevreuse an das Haus d'Albert. Wir erheben auf diese Titel nicht mehr Anspruch als auf den des Marquis von Noirmoutiers, der unser war und ganz rechtmäßig Apanage des Hauses La Trémoille geworden ist, aber wenn gewisse Zessionen rechtsgültig sind, folgt nicht daraus, daß es alle sind. Zum Beispiel,« wandte er sich zu mir, »der Sohn meiner Schwägerin trägt den Titel Fürst von Agrigent, den wir von Johanna der Wahnsinnigen überkommen haben, wie die La Trémoille den Titel Fürst von Tarent. Nun hat Napoleon den Titel Tarent einem Soldaten gegeben, der im übrigen im Kommiß sehr brav gewesen sein mag, aber da hat der Kaiser über etwas verfügt, was ihm noch weniger gehörte als Napoleon III. das, worüber er verfügte, als er einen Herzog von Montmorency machte, denn Périgord hatte immerhin eine Montmorency zur Mutter, während der Tarentiner Napoleons I. von Tarent nichts hatte als Napoleons Willen, ihn dazu zu machen. Das hat Chaix d'Est-Ange nicht gehindert, mit einer Anspielung auf Ihren Onkel Condé den kaiserlichen Staatsanwalt zu fragen, ob er den Titel Herzog von Montmorency in den Gräben von Vincennes aufgelesen habe.«

»Hören Sie, Basin, mit dem größten Vergnügen folge ich Ihnen in die Gräben von Vincennes und selbst nach Tarent. Und dabei, mein lieber Charles, fällt mir ein, was ich Ihnen gerade sagen wollte, als Sie mir von Ihrem San Giorgio von Venedig sprachen. Wir haben nämlich, Basin und ich, die Absicht, das nächste Frühjahr in Italien und Sizilien zu verbringen. Wenn Sie mit uns kämen, denken Sie, das wäre etwas ganz anderes! Ich spreche nicht nur von der Freude, mit Ihnen zusammen zu sein, stellen Sie sich doch vor nach alldem, was Sie mir so oft von den Denkmalen der normannischen Eroberung und den antiken Denkmalen erzählt haben, stellen Sie sich vor, was das für eine Reise würde zusammen mit Ihnen! Da würde auch Basin, was sage ich, sogar Gilbert sein Teil abbekommen, denn das fühl ich, ich würde mich sogar für die Ansprüche auf die Krone von Neapel und all den Kram interessieren, wenn Sie es mir in den alten romanischen Kirchen oder in den kleinen Dörfern erklären, die hoch oben nisten wie auf den Bildern der Primitiven. Aber nun wollen wir Ihre Photographie ansehen. Machen Sie den Umschlag ab«, sagte sie zu einem Lakaien. »Aber Oriane, nicht heute Abend! Sie werden sie morgen ansehn«, beschwor sie der Herzog; er hatte mir schon Zeichen des Schreckens gemacht, als er sah, wie riesenhaft die Photographie war. »Aber es macht mir doch Vergnügen, sie mit Charles zusammen anzusehn«, sagte die Herzogin, und ihr Lächeln war von künstlicher Lüsternheit und zugleich psychologisch schlau, denn um recht liebenswürdig zu Swann zu sein, sprach sie von dem Vergnügen, das sie beim Anschauen dieser Photographie haben würde wie von einem, das etwa ein Kranker sich von dem Genuß einer Orange verspricht oder – als habe sie mit Freunden etwas Drolliges ausgeheckt und dabei zugleich einem Interviewer über Neigungen Auskunft gegeben, die schmeichelhaft für sie waren. »Nun dann wird er Sie extra dazu besuchen kommen«, erklärte der Herzog, und seine Frau mußte ihm nachgeben. »Sie können drei Stunden zusammen davorsitzen, wenn Ihnen das Spaß macht,« fügte er ironisch hinzu. »Aber wo wollen Sie denn ein Spielzeug von dem Umfang unterbringen?« »In meinem Zimmer, ich will es immer vor Augen haben.« »Alles, was Sie wollen! Wenn es in Ihrem Zimmer ist, habe ich keine Chance, es je zu sehen zu bekommen«, sagte der Herzog, ohne zu bedenken, wie leichtfertig er damit den negativen Charakter seiner ehelichen Beziehungen enthüllte. »Also Sie werden das sehr sorgsam herausnehmen«, befahl Frau von Guermantes dem Bedienten (aus Liebenswürdigkeit zu Swann häufte sie ihre Ermahnungen). »Sie werden auch den Umschlag nicht beschädigen«. »Sogar den Umschlag müssen wir respektieren«, flüsterte mir der Herzog ins Ohr und hob die Arme zum Himmel. »Aber Swann«, sagte er darauf, »ich bin ja nur ein armer prosaischer Ehemann, aber was ich bewundere, ist, daß Sie einen Umschlag von diesem Umfang haben finden können. Wo haben Sie so etwas aufgetrieben?« »Das Photogravürenhaus macht oft solche Sendungen zurecht. Aber das hat ein Tölpel gemacht, ich sehe, er hat »Herzogin von Guermantes« daraufgeschrieben ohne Anrede.« »Ich vergebe es ihm«, sagte die Herzogin etwas zerstreut, ihr schien plötzlich ein Gedanke gekommen zu sein, der sie erheiterte, sie unterdrückte ein Lächeln; schnell wandte sie sich wieder zu Swann: »Nun, wie denken Sie darüber? Kommen Sie mit uns nach Italien?« »Gnädige Frau, ich glaube, es wird nicht möglich sein.« »Nun dann hat Frau von Montmorency mehr Glück. Mit ihr sind Sie in Venedig und Vicenza gewesen. Sie hat mir gesagt, mit Ihnen sehe man Dinge, die man sonst nie zu sehen bekäme, von denen nie jemand gesprochen hat; Sie hätten ihr unerhörte Dinge gezeigt, und selbst bei den bekannten Dingen habe sie Einzelheiten begreifen können, an denen sie ohne Sie zwanzigmal vorübergegangen wäre, ohne sie je zu bemerken. Sie ist entschieden mehr begünstigt worden als wir ... Sie werden den riesigen Umschlag von Herrn Swanns Photographien nehmen«, sagte sie zu dem Diener, »und ihn heut Abend um halb elf als Visitenkarte von mir bei der Gräfin Mole abgeben«. Swann lachte. »Immerhin wüßte ich gern«, fragte ihn Frau von Guermantes, »wie Sie zehn Monate vorher wissen können, daß es unmöglich sein wird«. »Meine liebe Herzogin, ich werde es Ihnen sagen, wenn Sie Wert darauf legen, zunächst aber sehen Sie doch, daß ich sehr leidend bin.« »Ja, mein guter Charles, ich finde, Sie sehen gar nicht wohl aus, Ihr Teint will mir nicht gefallen, aber ich frage Sie das ja nicht für heut über acht Tage, sondern für heut in zehn Monaten. In zehn Monaten hat man Zeit sich zu kurieren, nicht wahr?« In diesem Augenblick meldete ein Lakai, der Wagen sei vorgefahren. »Also zu Pferd, zu Pferd, Oriane«, sagte der Herzog, der schon seit einer Weile vor Ungeduld stampfte, als wäre er selbst eins der Pferde, die warteten. »Nun, kurz mit einem Wort, weshalb werden Sie nicht nach Italien kommen können?« fragte dringend die Herzogin und erhob sich, um sich von uns zu verabschieden. »Aber liebe Freundin, ich werde dann bereits einige Monate tot sein. Nach den Ärzten, die ich Ende des Jahres konsultiert habe, wird mein Leiden, das mir übrigens auch sogleich ein Ende machen kann, jedenfalls mir nicht mehr als drei, vier Monate zu leben lassen, und das ist schon ein Maximum«, antwortete Swann lächelnd, während der Lakai die Glastür des Vestibüls für die Herzogin öffnete. »Was sagen Sie mir da?« rief die Herzogin, blieb einen Augenblick auf ihrem Weg zum Wagen stehn und hob die schönen blauen melancholischen Augen, aber es war Unsicherheit in ihrem Blick. Zum erstenmal im Leben stand sie zwischen zwei einander so widersprechenden Pflichten wie die, in den Wagen zu steigen, um zum Diner auszufahren, und die, einem, der bald sterben wird, Mitgefühl zu bezeugen; sie fand im Kodex der Konventionen nichts, was ihr die Vorschrift angab, der sie zu befolgen habe; da sie nicht wußte, welche Pflicht sie bevorzugen solle, hielt sie es für richtig, zu tun als glaube sie nicht, daß die zweite Alternative überhaupt gestellt werden könne, so daß sie der ersten gehorchen konnte, die in diesem Augenblick weniger Mühe erforderte, und dachte, die beste Art, den Konflikt zu lösen, sei, ihn zu leugnen. »Sie machen Scherz«, sagte sie zu Swann. »Das wäre ein geschmackvoller Scherz«; antwortete Swann ironisch. »Ich weiß nicht, warum ich es Ihnen sage, ich habe Ihnen bisher noch nicht von meiner Krankheit gesprochen. Aber da Sie mich fragen und ich jetzt von einem Tag auf den andern sterben kann ... Aber vor allem möcht ich nicht, daß Sie sich verspäten, Sie müssen zum Diner«, setzte er hinzu: er wußte, für die andern gehen die eigenen gesellschaftlichen Verpflichtungen dem Tode eines Freundes vor, und versetzte sich in seiner großen Höflichkeit in ihre Lage. Der Herzogin aber gestattete ihre Höflichkeit das undeutliche Gefühl, es könne das Diner, zu dem sie ging, für Swann weniger ins Gewicht fallen als sein eigner Tod. Mit gesenkten Schultern ging sie weiter ihren Weg zum Wagen und sagte: »Ach, denken Sie doch nicht an dies Diner. Das ist weiter nicht wichtig.« Aber diese Worte verdrossen den Herzog, er rief: »Wie lange wollen Sie denn noch plaudern, Oriane, und mit Swann Jeremiaden austauschen, Sie wissen doch, Frau von Saint-Euverte hält darauf, daß man sich mit dem Schlage acht zu Tisch setzt. Sie wissen nicht, was Sie wollen. Ihre Pferde warten nun schon fünf Minuten. Entschuldigen Sie uns, Charles«, wandte er sich zu Swann, »aber es ist zehn Minuten vor acht. Oriane kommt immer zu spät, wir brauchen mehr als fünf Minuten, um zu der alten Saint-Euverte zu fahren.«

Frau von Guermantes schritt entschlossen auf den Wagen zu und sagte Swann noch ein letztes Lebewohl. »Wir müssen darüber noch sprechen, wissen Sie. Ich glaube kein Wort von dem, was Sie sagen, aber wir müssen es zusammen besprechen. Man hat Sie ganz töricht erschreckt, kommen Sie doch zum Frühstück, welchen Tag Sie wollen (bei Frau von Guermantes ließ sich immer alles beim Frühstück entscheiden). Sie werden mir Tag und Stunde bestimmen«, und sie hob ihren roten Rock und setzte den Fuß auf den Wagentritt. Schon wollte sie einsteigen, da sah der Herzog diesen Fuß und rief mit Donnerstimme: »Oriane, was machen Sie, Unglückliche? Sie haben Ihre schwarzen Schuhe anbehalten! Zu einer roten Toilette! Schnell gehn Sie zurück und ziehen die roten Schuhe an, oder,« er wandte sich an den Lakaien, »sagen Sie sofort der Zofe der Frau Herzogin, sie soll rote Schuhe herunterbringen.« »Aber mein Lieber,« erwiderte die Herzogin sanft – es war ihr peinlich, daß Swann, der mit mir herauskam, aber den Wagen erst vorbeilassen wollte, es gehört hatte –, »da wir doch schon verspätet sind ...« »Ach nein, wir haben vollauf Zeit. Es ist erst zehn vor, wir brauchen doch nicht zehn Minuten bis zum Park Monceau. Na und schließlich, was wollen Sie, dann wirds eben halb neun, die werden sich gedulden, Sie können doch nicht mit einem roten Kleid und schwarzen Schuhen kommen. Außerdem werden wir nicht die letzten sein, es kommen ja die Sassenage, die sind immer erst zwanzig vor neun da.« Die Herzogin ging in ihr Zimmer hinauf. »Ach ja,« sagte Herr von Guermantes zu uns, »die armen Ehemänner, man macht sich über sie lustig, aber sie haben doch auch ihr Gutes. Wenn ich nicht wäre, Oriane wäre in schwarzen Schuhen zum Diner gekommen.« »Das ist nicht häßlich,« sagte Swann, »ich hatte die schwarzen Schuhe gesehn, sie haben mich durchaus nicht gestört.« »Das will ich auch nicht sagen,« erwiderte der Herzog, »aber es ist eleganter, wenn sie von derselben Farbe sind wie das Kleid. Und dann seien Sie unbesorgt, kaum wäre sie angekommen, so hätte sie es bemerkt und dann hätte ich die Schuhe holen müssen. Ich hätte um neun Uhr zu essen bekommen. Adieu, Kinderchen,« er schob uns sanft zurück, »geht, bevor Oriane wieder herunter kommt. Nicht als ob sie Sie beide nicht gern sähe. Im Gegenteil, sie sieht Sie zu gern. Findet sie Sie noch hier, dann fängt sie wieder zu reden an, sie ist schon sehr abgespannt, dann kommt sie tot zum Diner. Und ich muß Ihnen offen gestehn, ich sterbe vor Hunger. Ich habe heut früh, als ich aus dem Zug kam, sehr schlecht gefrühstückt. Es gab wohl eine dolle Sauce Béarnaise, aber ich hätte trotzdem nichts dagegen, aber durchaus nichts, mich zu Tisch zu setzen. Fünf vor acht! Diese Frauen! Sie wird uns noch beiden Magenweh machen. Sie ist durchaus nicht so kräftig wie man glaubt.« Der Herzog genierte sich gar nicht, zu einem Totkranken von den kleinen Beschwerden seiner Frau und von seinen eignen zu sprechen, sie interessierten ihn mehr, kamen ihm wichtiger vor. Und nur aus guter Erziehung und natürlicher Munterkeit rief er, nachdem er uns freundlich hinausexpediert hatte, mit Stentorstimme Swann, der schon im Hof war, von weitem nach: »Und Sie, lassen Sie sich von den Ärzten keine Dummheiten einreden. Teufel auch! Das sind Esel. Sie haben eine Bombengesundheit. Sie werden uns alle begraben!«

 << Kapitel 3 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.