Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Marcel Proust >

Die Herzogin von Guermantes. II. Band

Marcel Proust: Die Herzogin von Guermantes. II. Band - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorMarcel Proust
titleDie Herzogin von Guermantes. II. Band
seriesAuf der Suche nach der verlorenen Zeit
volume3. Band [2]
publisherR. Piper & Co.
year1930
translatorWalter Benjamin und Franz Hessel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140302
projectidacd70899
Schließen

Navigation:

Zweites Kapitel

 

Albertines Besuch, Aussicht auf eine reiche Heirat für einige Freunde Saint-Loups.
Der »Geist der Guermantes« vor der Prinzessin von Parma.
Seltsamer Besuch hei Herrn von Charlus.
Ich begreife immer weniger seinen Charakter.
Die roten Schuhe der Herzogin.

 

Obwohl es einfach nur ein Herbstsonntag war, fühlte ich mich neugeboren, das Dasein lag unberührt vor mir, denn am Morgen hatte es nach einer Reihe milder Tage einen kalten Nebel gegeben, der erst gegen Mittag aufstieg. Ein Wetterwechsel genügt, die Welt und uns selbst neuzuschaffen. Früher, wenn der Wind in meinen Kamin blies, hörte ich in seinem Klopfen wie in den berühmten Geigenstrichen, mit denen die C-moll-Symphonie beginnt, den unwiderstehlichen Ruf eines geheimnisvollen Geschicks. Jede sichtbare Änderung in der Natur verlockt, uns ähnlich umzuwandeln, und paßt dem neuen Modus der Dinge harmonisch unsere Wünsche an. Der Nebel hatte, kaum daß ich aufgewacht war, statt des zentrifugalen Wesens, das man an schönen Tagen ist, einen in sich versunkenen Menschen aus mir gemacht, den es nach der warmen Ecke und dem geteilten Lager verlangt, einen fröstelnden Adam, der sich nach einer seßhaften Eva in der anders gewordenen Welt umschaut.

Im sanften Grau einer Morgenlandschaft und dem Geschmack einer Tasse Schokolade erschuf ich mir die ganze Eigenart des physischen, geistigen und seelischen Lebens, das ich ungefähr vor einem Jahr nach Doncières mitgebracht hatte. Die längliche Form eines kahlen Hügels – der auch unsichtbar immer zugegen ist – war sein Wappen; es schuf in mir eine Reihe von allen andern ganz verschiedener Genüsse, die ich Freunden nicht ausdrücken konnte, da die Eindrücke, die sich zu reicher Harmonie ineinander verwoben, sie für mich ohne meine Absicht viel deutlicher charakterisierten als Tatsachen, die ich hätte erzählen können. Von diesem Standpunkt aus war die neue Welt, in die der Nebel dieses Morgens mich tauchte, eine Welt, die ich schon kannte (und das gab ihr nur noch mehr Wahrheit) und seit einiger Zeit vergessen hatte (und davon hatte sie ihre ganze Frische). Und ich konnte einige Nebelbilder, die mein Gedächtnis sich angeeignet hatte, betrachten, namentlich Bilder vom Morgen in Doncières, sei es am ersten Tag in der Kaserne, sei es ein andres Mal auf einem Schloß in der Nachbarschaft, auf das Saint-Loup mich für vierundzwanzig Stunden mitgenommen hatte: vom Fenster, dessen Vorhänge ich in der Dämmerung gehoben hatte, ehe ich mich noch einmal hinlegte, waren mir im ersten ein Reiter, im zweiten (an der schmalen Grenze von Teich und Wald, von denen alles andere in der sanft fließenden Einförmigkeit des Nebels verschwand) ein Kutscher, der einen Riemen putzte, wie die seltenen Personen erschienen, die auf einem verblaßten Fresko das Auge, das sich der geheimnisvollen Undeutlichkeit der Halbschatten anpassen muß, kaum erkennt.

Heut betrachtete ich von meinem Bett aus diese Erinnerungsbilder, denn ich hatte mich noch einmal hingelegt, um auszuruhen bis zu der Stunde, in der ich – die Abwesenheit meiner für einige Tage nach Combray verreisten Eltern benutzend – heut abend zu einer kleinen Aufführung zu gehen beabsichtigte, die bei Frau von Villeparisis gegeben wurde. Wären sie zurückgekommen, hätte ich es vielleicht nicht gewagt; wohl hätte meine Mutter, die in ihrem gewissenhaften Kult des Gedächtnisses meiner Großmutter nur freie und aufrichtige Zeichen der Trauer verlangte, mir diesen Ausgang nicht verboten, aber sie hätte ihn mißbilligt. Von Combray aus hingegen hätte sie auf eine Anfrage mir nicht mit einem traurigen: »Tu, was du willst, du bist groß genug, um zu wissen, was du zu tun hast«, geantwortet, sondern sich Vorwürfe gemacht, mich allein in Paris gelassen zu haben und, von ihrem Gram auf meinen schließend, mir Ablenkung gewünscht, die sie sich selbst versagte, zumal sie überzeugt war, meine Großmutter, die vor allem um meine Gesundheit und das Gleichgewicht meiner Nerven besorgt gewesen war, würde mir dazu geraten haben.

Schon am Morgen hatte man die neue Warmwasserheizung in Betrieb gesetzt. Ihr unangenehmes Geräusch, das von Zeit zu Zeit eine Art Schluckauf hervorstieß, hatte keine Beziehung zu meinen Erinnerungen an Doncières. Aber je länger sie ihm in mir begegneten, um so mehr ließ der Nachmittag es in eine Art Verwandtschaft zu ihnen geraten, und jedes Mal, wenn ich von neuem die Zentralheizung hörte, deren Geräusch mir inzwischen schon wieder etwas fremd geworden war, erweckte sie diese Erinnerungen.

Im Hause war nur Françoise. Der graue Tag fiel wie ein feiner Regen und spann unablässig durchsichtige Netze, in denen die Sonntagsspaziergänger Silberglanz bekamen. Zu meinen Füßen hingeworfen lag der Figaro, den ich gewissenhaft täglich besorgen ließ, seit ich einen Artikel hingeschickt hatte, der noch nicht erschienen war; obgleich die Sonne nicht schien, merkte ich doch an der Intensität des Lichtes, daß der Nachmittag erst halb vergangen war. Bei schönem Wetter hätten die Tüllvorhänge der Fenster nicht so duftig, so nah am Zerfall ausgesehen; sie hatten die selbe Mischung von Zart und Spröde wie Libellenflügel und venezianisches Glas. Es bedrückte mich, an diesem Sonntag allein zu sein, um so mehr, als ich am Morgen Fräulein von Stermaria einen Brief hatte bringen lassen. Robert von Saint-Loup, den seine Mutter nach schmerzlichen Versuchen, die scheiterten, endlich dazu gebracht hatte, mit seiner Mätresse zu brechen – vor kurzem hatte man ihn nach Marokko geschickt, um die zu vergessen, die er seit einiger Zeit schon nicht mehr liebte – hatte mir ein Wort geschrieben, das ich gestern bekommen hatte: Er werde auf einen sehr kurzen Urlaub nach Frankreich kommen. Da er Paris nur auf der Durchreise berühren würde (seine Familie fürchtete, er könne dort wieder mit Rahel anknüpfen), teile er zum Zeichen, daß er an mich gedacht, mir mit, er habe in Tanger Fräulein oder vielmehr Frau von Stermaria (denn sie hatte sich nach drei Monaten Ehe scheiden lassen) getroffen. Und eingedenk dessen, was ich ihm in Balbec gesagt, hatte er die junge Frau in meinem Namen um ein Rendezvous gebeten. Sie wolle in diesen Tagen sehr gern einmal mit mir essen, hatte sie ihm geantwortet, sie komme auf der Rückreise in die Bretagne durch Paris. Ich solle ihr nun schnell schreiben, riet er, sie sei sicher schon angekommen. Saint-Loups Brief hatte mich nicht gewundert, obwohl ich keine Nachricht von ihm hatte, seit er mich zur Zeit, als meine Großmutter krank war, der Treulosigkeit und des Verrats beschuldigt hatte. Ich hatte mir denken können, was damals geschehen war. Rahel, die gern seine Eifersucht reizte – sie besaß auch noch andere Gründe, etwas gegen mich zu haben – hatte ihrem Liebhaber eingeredet, ich habe in seiner Abwesenheit heimtückische Versuche gemacht, mit ihr anzuknüpfen. Er glaubte vermutlich immer noch, das sei wahr, aber er war nicht mehr in sie verliebt, und so war es ihm, ob wahr oder nicht, ganz gleichgültig geworden, und unsere Freundschaft blieb bestehen. Bei einem späteren Wiedersehen wollte ich auf seine Vorwürfe zu sprechen kommen, aber da hatte er nur ein gutes liebevolles Lächeln, wie zu seiner Entschuldigung, und wechselte dann das Thema. Bei all dem sollte er etwas später in Paris Rahel doch noch einige Male wiedersehen. Die Geschöpfe, die eine große Rolle in unserm Leben gespielt haben, verschwinden selten und mit einem Male endgültig; zeitweise lassen sie sich wieder darauf nieder (so daß dann manche schon an neubeginnende Liebe glauben), ehe sie es für immer verlassen. Der Bruch mit Rahel war Saint-Loup sehr schnell weniger schmerzlich geworden, dank der angenehmen Beruhigung, die ihm die unaufhörlichen Geldforderungen seiner Freundin brachten. Eifersucht, welche die Liebe verlängert, kann nicht viel mehr Vorstellungen enthalten als die andern Formen der Phantasie. Wenn man drei oder vier Bilder auf die Reise mitnimmt, die dann auch noch unterwegs verloren gehen werden (die Lilien und Anemonen vom Ponte Vecchio, die persische Kirche im Nebel usw.), ist der Koffer schon recht voll. Wenn man eine Geliebte verläßt, möchte man, bis man sie etwas vergessen hat, sie solle nicht in Besitz von drei oder vier möglichen andern Liebhabern geraten, die man sich vorstellt, wie sie sie aushalten, das heißt auf die man eifersüchtig ist; alle die, welche man sich nicht vorstellt, machen nichts aus. Nun geben uns die häufigen Geldforderungen einer verlassenen Geliebten ebensowenig eine vollständige Vorstellung von ihrem Leben wie Fiebertabellen sie von ihrer Krankheit geben würden. Die Tabellen sind aber immerhin ein Zeichen, daß sie krank ist, und die Geldforderungen lassen, allerdings nur ungefähr, vermuten, daß die Verlassene oder Verlassende nichts Rechtes an reichen Beschützern gefunden habe. So wird jede Bitte mit der Freude empfangen, die aus einer Ruhepause im Schmerz des Eifersüchtigen entspringt, und es folgt ihr gleich eine Geldsendung, denn man will, es soll ihr nichts mangeln außer der Liebhaber (einer der drei Liebhaber, die man sich vorstellt), solange bis man sich selbst ein wenig erholt hat und, ohne schwach zu werden, den Namen seines Nachfolgers erfahren kann. Manchmal kam Rahel ziemlich spät am Abend noch einmal zu ihrem früheren Liebhaber und bat ihn um die Erlaubnis, bis zum Morgen neben ihm schlafen zu dürfen. Das tat Robert wohl, ihm wurde bewußt, wieviel sie doch intim zusammen gelebt hatten, einfach durch die Tatsache, daß er sie gar nicht im Schlafen störte, auch wenn er für sich allein eine große Hälfte des Bettes einnahm. Er sah daraus, sie lag neben seinem Körper bequemer, als sie anderswo gelegen hätte, sie fühlte sich an seiner Seite – selbst im Hotel – wie in einem von altersher vertrauten Zimmer, in dem man seine Gewohnheiten hat und besser schläft. Er fühlte, seine Schultern, seine Beine, sein ganzes Ich waren, selbst wenn er aus Schlaflosigkeit oder, weil er an Dinge, die er zu tun hatte, dachte, sich zu viel bewegte, etwas so Gewohntes, daß es sie nicht belästigen konnte; die Empfindung seiner Gegenwart erhöhte sogar noch bei ihr das Gefühl zu ruhen.

Um wieder auf mich zurückzukommen, Roberts Brief erregte mich um so mehr, als ich zwischen den Zeilen las, was er nicht ausdrücklicher zu schreiben gewagt hatte. »Du kannst sie sehr gut ins Cabinet particulier einladen«, sagte er mir. »Es ist eine reizende junge Person, der angenehmste Charakter, ihr werdet euch vollkommen verstehen, und ich bin im voraus sicher, du wirst einen sehr netten Abend mit ihr verbringen.« Da meine Eltern Ende der Woche, Sonnabend oder Sonntag, zurückkommen wollten und ich dann alle Abend zu Hause essen mußte, hatte ich sofort an Frau von Stermaria geschrieben und ihr vorgeschlagen, einen beliebigen Tag bis Freitag zu wählen. Man hatte geantwortet, ich werde am gleichen Abend gegen acht Uhr einen Brief bekommen. Die Zeit bis dahin wäre mir ziemlich schnell vergangen, wenn über den Nachmittag, der dazwischen lag, ein Besuch mir hinweg geholfen hätte. Wenn Gespräche die Stunden umhüllen, kann man sie nicht messen, nicht einmal wahrnehmen, sie schwinden hin, weit von der Stelle, von der sie uns entwich, erscheint die entwendete hurtige Zeit erst wieder. Sind wir aber allein, führt uns Erwartung immer wieder, eintönig wie ein Uhrenticken, den noch fernen und unablässig erhofften Augenblick vor und läßt die Stunden von allen Minuten teilen oder vielmehr multiplizieren, die wir in der Gesellschaft von Freunden gar nicht gezählt hätten. Und indem mein beständig wiederkehrendes Begehren diesen Nachmittag, welchen ich allein zu Ende bringen sollte, mit dem glühenden Genuß, welchen ich leider erst in einigen Tagen mit Frau von Stermaria haben sollte, konfrontierte, schien er mir recht leer und recht melancholisch.

Bisweilen hörte ich das Geräusch des Fahrstuhls, der stieg, aber hinterdrein ein zweites Geräusch, nicht das erhoffte des Anhaltens in meiner Etage, sondern ein sehr anderes, das der Fahrstuhl machte, um seinen Aufstieg in die höheren Etagen fortzusetzen, dies ist, da es so oft das Verlassen meiner Etage bezeichnete, wenn ich Besuch erwartete, später, selbst wenn ich nach Besuch gar kein Verlangen hatte, für mich ein Geräusch geblieben, das mir an sich wehtat, eine Verurteilung, allein zu bleiben mir verkündete. Müde, resigniert und noch auf Stunden an seine unvordenkliche Pflicht gebunden, spann der graue Tag seine Perlmutterstickerei, und es war so traurig zu denken, daß ich mit ihm allein zusammen bleiben sollte, er kannte mich so wenig wie eine Näherin, die, um besser zu sehen, am Fenster sitzt und ihre Arbeit macht und sich gar nicht um den kümmert, der im Zimmer ist. Plötzlich, und ohne daß ich es hatte klingeln hören, machte Françoise die Tür auf und ließ Albertine herein, die lächelnd, schweigend und rundlich erschien und in der Fülle ihres Leibes – bereit, daß ich sie weiterlebe – die Tage enthielt, die nun zu mir hereingetreten waren, sie, die ich in jenem Balbec verbracht hatte, wohin ich nicht wieder zurückgekehrt war. Wenn wir jemanden wiedersehen, zu dem unsere Beziehungen – mögen sie noch so unbedeutend sein – sich verändert haben, ist es wohl immer wie eine Gegenüberstellung zweier Epochen. Dazu braucht nicht gerade eine frühere Geliebte uns einen Freundschaftsbesuch zu machen, es genügt, daß uns in Paris jemand aufsucht, den wir in einem Zusammenhang bestimmter Lebensgewohnheiten gekannt haben, der nicht mehr ist und wenn auch erst seit einer Woche. In jedem lachenden, forschenden und verlegenen Zug in Albertines Miene konnte ich entziffern: »Und Frau von Villeparisis? Und der Tanzlehrer? Und der Konditor?« Als sie sich setzte, schien ihr Rücken zu sagen: »Na, hier ist ja gar keine Klippe; Sie erlauben, daß ich trotzdem mich neben Sie setze, wie ich es in Balbec getan hätte?« Sie war eine Zauberin, die mir den Spiegel der Zeit vorhielt. Darin glich sie all denen, die wir selten wiedersehen, die aber früher intimer mit uns gelebt haben. Aber bei Albertine kam noch etwas andres hinzu. Wohl hatte schon in Balbec bei unsern täglichen Begegnungen immer, wenn ich sie bemerkte, mich ihre Veränderlichkeit überrascht. Jetzt aber war sie kaum wiederzuerkennen. Abgelöst, von dem rosa Dunst, in dem sie gebadet hatten, traten ihre Züge hervor wie bei einer Statue. Sie hatte ein anderes Gesicht, oder vielmehr sie hatte endlich ein Gesicht; ihr Körper war gewachsen. Es blieb fast nichts von der Hülle, die sie umgeben hatte, von deren Oberfläche sich in Balbec ihre künftige Form kaum abhob.

Albertine kam diesmal früher als sonst nach Paris zurück. Gewöhnlich traf sie hier erst im Frühling ein, dann hatten mich schon einige Wochen die Stürme über den ersten Blumen aufgeregt, und meine Freude unterschied nicht zwischen Albertines Wiederkehr und der der schönen Jahreszeit. Man brauchte mir nur zu sagen, sie sei in Paris, habe bei uns vorgesprochen, und ich sah sie wieder wie eine Rose am Meeresstrand. Ich weiß nicht recht, war es das Begehren nach ihr oder nach Balbec, was sich dann meiner bemächtigte: vielleicht war das Begehren nach ihr selbst eine träge, lockere, unvollständige Form, Balbec zu besitzen, als wäre, eine Sache körperlich besitzen, sich in einer Stadt festsetzen, dasselbe wie ihr geistiger Besitz. Und übrigens schien sie mir auch rein körperlich, wenn sie nicht gerade von meiner Phantasie vor dem Meereshorizont gewiegt wurde, sondern still vor mir stand, oft eine recht ärmliche Rose, vor der ich die Augen hätte schließen mögen, um gewisse Fehler an den Blütenblättern nicht zu sehen und zu glauben, ich atme Strandluft.

Hier kann ich es sagen, obgleich ich damals nicht wußte, was in der Folge geschehen sollte. Gewiß ist es verständiger, sein Leben den Frauen zu opfern als Briefmarken, alten Tabaksdosen, ja selbst Bildern und Statuen. Nur sollte das Beispiel der andern Sammlungen uns darauf hinweisen, zu wechseln, nicht eine einzige Frau zu haben, sondern viele. Die reizenden Mischungen, die ein junges Mädchen mit einem Strand, mit dem Haargeflecht einer Kirchenstatue, mit einem Kupferstich, mit allem eingeht, um dessentwillen man in einer von ihnen jedesmal, wenn sie eintritt, ein reizendes Bild liebt, diese Mischungen sind nicht sehr dauerhaft. Lebe ganz mit einer Frau und du wirst nichts mehr von dem sehen, das dich sie lieben machte. Allerdings kann, wenn die beiden Elemente sich getrennt haben, Eifersucht sie von neuem verbinden. Wenn nach langem gemeinsamem Leben ich schließlich in Albertine nur noch eine gewöhnliche Frau sehen sollte, hätte vielleicht eine Liebschaft, die sie mit jemand anderm in Balbec anknüpfte, genügt, um Strand und Brandung wieder in ihr zu verkörpern, mit ihr zu verschmelzen. Nur entzücken diese nachträglichen Mischungen nicht mehr unsere Augen, dem Herzen sind sie fühlbar und verhängnisvoll. Unter einer so gefährlichen Form kann man die Erneuerung des Wunders nicht erwünscht finden. Aber ich nehme Jahre vorweg. Und ich habe hier nur zu bedauern, nicht weise genug geblieben zu sein, um einfach meine Sammlung von Frauen gehabt zu haben, wie man alte Lorgnetten sammelt, von denen man nie genug hinter ihrer Vitrine haben kann, wo immer ein leerer Platz eine neue noch seltnere Lorgnette erwartet.

Entgegen der üblichen Reihenfolge ihrer Sommerfrischen kam sie dies Jahr direkt von Balbec und war auch dort nicht so lange geblieben wie gewöhnlich. Es war lange her, seit ich sie zuletzt gesehen hatte. Und da ich die Leute, mit denen sie in Paris verkehrte, nicht einmal dem Namen nach kannte, wußte ich während der Zeiträume, in denen sie nicht zu mir kam, nichts von ihr. Und das waren oft ziemlich lange. Dann, eines schönen Tages tauchte Albertine plötzlich auf, ihre rosige Erscheinung, ihre verschwiegenen Besuche gaben mir wenig Kunde von dem, was sie in der Zwischenzeit getan haben mochte; die blieb in das Dunkel ihres Lebens getaucht, das meine Augen auch gar nicht zu durchdringen trachteten.

Diesmal aber schienen gewisse Zeichen darauf zu deuten, daß in ihrem Leben Neues vorgefallen sein mußte. Vielleicht durfte man ihnen aber auch einfach nur entnehmen, daß man in Albertines damaligem Alter sich sehr schnell ändert. Ihre Intelligenz trat zum Beispiel mehr hervor, und als ich auf den Tag zu sprechen kam, an dem sie mit soviel Eifer ihre Meinung durchsetzen wollte, man müsse Sophokles »Mein lieber Racine« schreiben lassen, fing sie selbst zuerst herzlich zu lachen an. »Andrée hatte recht«, sagte sie, »ich war dumm, Sophokles mußte schreiben: ›Monsieur‹«. Ich antwortete ihr, Andrées »Monsieur« und »lieber Herr Racine« wären nicht weniger komisch als ihr »mein lieber Racine« und Gisèles »mein lieber Freund«, dumm seien aber im Grunde nur die Lehrer, die immer noch Sophokles einen Brief an Racine richten ließen. Da konnte Albertine mir nicht mehr folgen. Sie sah nicht, was daran Törichtes war; ihre Intelligenz fing an sich zu öffnen, war aber noch nicht entwickelt. Es gab anderes Neue an ihr, das anziehender war; ich fühlte in dem jungen Mädchen, das sich an mein Bett gesetzt hatte, etwas von früher Verschiedenes, in den Linien, die in Blick und Gesichtszügen Willen ausdrücken, eine Veränderung der Stirn, eine Halbbekehrung, als wären die Widerstände zerstört, an denen ich eines Abends in Balbec gescheitert war; er lag schon fern, dieser Abend, an dem wir ein dem Paar von heut Nachmittag symmetrisches Paar bildeten, nur insofern umgekehrt als damals sie lag und ich an ihrem Bett saß. Ich wollte mich überzeugen, ob sie sich jetzt würde küssen lassen, wagte es aber nicht; jedesmal, wenn sie sich erhob, um zu gehen, bat ich sie, noch zu bleiben. Das war nicht leicht zu erreichen, denn obwohl sie nichts zu tun hatte (sonst wäre sie längst fortgesprungen), war sie doch eine genaue Person und überdies mit mir wenig liebenswürdig und es schien ihr in meiner Gesellschaft durchaus nicht zu gefallen. Allein, jedesmal, wenn sie nach der Uhr gesehen hatte, setzte sie sich auf meine Bitte wieder, und so hatte sie schon mehrere Stunden mit mir verbracht, ohne daß ich sie um etwas gebeten hätte. Die Worte, die ich ihr sagte, fügten sich an die, welche ich ihr in den vorhergehenden Stunden gesagt hatte, und kamen nie an das, woran ich dachte, was ich begehrte; sie liefen endlos parallel dazu. Nichts hindert so sehr wie das Begehren, daß, was man sagt, dem ähnlich wird, was man in Gedanken trägt. Die Zeit drängt und doch scheint es, als wolle man noch Zeit gewinnen, während man von Dingen spricht, die nichts mit dem zu tun haben, was einen beschäftigt. Man plaudert, während doch der Satz, den man aussprechen möchte, schon von einer Gebärde begleitet sein müßte, wenn man nicht gar, um den Genuß des Unmittelbaren zu haben und seine Neugier auf die bevorstehende Reaktion zu befriedigen, die Gebärde macht, ohne ein Wort zu sagen, ohne um Erlaubnis zu bitten. Wohl liebte ich Albertine durchaus nicht: Tochter des Nebels da draußen, konnte sie nur eine eingebildete Begier befriedigen, welche der Wetterumschlag in mir wachgerufen hatte, ein Zwischending, das die Begierden verband, die die Kochkunst und die Monumentalbildhauerei jede auf ihre Weise zum Teil stillen können; denn sie ließ mich davon träumen, meinem Fleisch eine anders geartete warme Materie zu vermischen und zugleich an einen Punkt meines ausgestreckten Körpers einen anders gerichteten Körper zu heften, ähnlich dem Leib der Eva, der kaum mit den Füßen an Adams Hüfte haftet und fast senkrecht zu seinem Leibe steht in den romanischen Bas-reliefs der Kathedrale von Balbec, die so edel und ruhevoll, fast noch wie ein antiker Fries die Erschaffung des Weibes darstellen: Gott ist dort immer begleitet von zwei Dienern, zwei kleinen Engeln, in denen man – sie gleichen geflügelten, schwirrenden Sommergeschöpfen, die der Winter überrascht und verschont hat – Eroten von Herkulanum wiedererkennt: sie sind noch am Leben mitten im dreizehnten Jahrhundert und tragen über die ganze Fassade des Portals ihren letzten Flug hin, müde, doch nicht ohne die Anmut, die man von ihnen erwarten kann.

Den Genuß, der mein Sehnen gestillt und so von meiner Träumerei mich befreit haben würde, hätte ich ebenso gern bei einer andern hübschen Frau gesucht, und hätte man mich gefragt, worauf – indes ich endlos dahinplaudernd Albertine das Einzige, woran ich dachte, verschwieg – meine optimistische Hypothese, dieser Genuß könne mir gewährt werden, beruhe, ich hätte vielleicht geantwortet, sie rühre vom Auftauchen bestimmter Worte her, die früher nicht zu Albertines Wortschatz gehörten, wenigstens nicht in der Anwendung, die sie jetzt (während der vergessene Klang ihrer Stimme wieder den Umriß ihrer Persönlichkeit zeichnete) ihnen gab. Sie hatte gesagt, Elstir sei dumm, und als ich laut Einspruch dagegen erhob, erwiderte sie lächelnd:

»Sie verstehen mich nicht, ich will sagen, er war in diesem Fall dumm, ich weiß sehr wohl, er ist jemand durchaus Hervorragendes«.

Und um vom Golf in Fontainebleau zu sagen, er sei elegant, erklärte sie:

»Das ist Auslese«.

Als von einem Duell, das ich gehabt hatte, die Rede war, sagte sie von meinen Sekundanten: »Das sind Zeugen von Rang«, und mein Gesicht ansehend, bekannte sie, sie würde mich gern »Schnurrbart tragen« sehen. Sie verstieg sich sogar – und da schienen mir meine Chancen sehr zu steigen – zu einer Wendung, von der ich geschworen hätte, sie habe sie im vorigen Jahr noch nicht gekannt: es sei, seit sie Gisèle zuletzt gesehen, ein »gewisser Zeitraum« vergangen. Gewiß verfügte Albertine schon, als ich in Balbec war, über einen beträchtlichen Vorrat von Ausdrücken, die sofort verraten, daß man einer wohlhabenden Familie entstammt – von Jahr zu Jahr gibt sie die Mutter an die Tochter ab, wie sie ihr in dem Maße, als sie heranwächst, bei wichtigen Gelegenheiten ihren eigenen Schmuck schenkt. Daß Albertine kein Kind mehr war, hatte man schon gemerkt, als sie einmal, um einer Fremden für ein Geschenk zu danken, sagte: »Das kann ich gar nicht annehmen«. Frau Bontemps hatte sichs nicht versagen können, ihrem Mann einen Blick zuzuwerfen, und der hatte geantwortet: »Ja, ja, sie geht eben ins vierzehnte Jahr«.

Noch deutlicher zeigte sich Albertines Erwachsenheit, als sie von einem jungen Mädchen, das sich schlecht benahm, sagte: »Man kann nicht einmal sehen, ob sie hübsch ist, sie schminkt sich zu stark.« Schließlich nahm sie, obwohl sie noch junges Mädchen war, Manieren der Frauen ihres Milieus und ihrer Klasse an, wenn sie von einem, der Grimassen schnitt, sagte: »Ich kann ihn nicht ansehen, ohne Lust zu bekommen, auch Grimassen zu schneiden«, und wenn man sich mit Nachmachen amüsierte, äußerte: »Das komischste, wenn ihr die nachmacht, ist, daß ihr ihr ähnelt.« Das entstammte alles dem Wortschatz ihrer Gesellschaft. Aber Wendungen wie: »jemand Hervorragendes« schien mir gerade Albertines Milieu ihr nicht liefern zu können – sie verwandte den Ausdruck, wie mein Vater, wenn er von einem ihm noch unbekannten Kollegen, dessen Geistesgaben man ihm rühmte, sagte: »Das scheint jemand ganz Hervorragendes zu sein«. »Auslese« schien mir, selbst auf Golf angewandt, mit der Familie Simonet so unvereinbar, wie es mit dem Beiwort »natürliche« in einem Buch mehrere Jahrhunderte vor Darwin gewesen wäre. »Gewisser Zeitraum« kam mir noch verheißungsvoller vor. Und schließlich war mir ganz offenbar, es müßten Umwälzungen stattgefunden haben, von denen ich nichts wußte, die aber zu den größten Hoffnungen mich berechtigten, als Albertine im selbstsicheren Tone eines Menschen, dessen Meinung nicht ohne Belang ist, zu mir sagte:

»Das ist meines Erachtens das beste, was geschehen konnte ... Ich bin der Meinung, es ist die beste Lösung, die elegante Lösung.«

Das war so neu, so sichtlich ließ dies Strandgut auf abenteuerliche Abwege in Gegenden, die sie früher nicht gekannt hatte, schließen, daß ich bei den Worten »meines Erachtens« Albertine an mich zog und bei »ich bin der Meinung« auf mein Bett setzte.

Zweifellos empfangen wenig kultivierte Frauen, die einen sehr gebildeten Mann heiraten, solche Ausdrücke als Heiratsgut des Gatten. Und bald nach der Verwandlung, die der Hochzeitsnacht folgt, kann man, wenn sie ihre Besuche machen und mit ihren alten Freundinnen sehr zurückhaltend sind, mit Erstaunen bemerken, sie sind Frauen geworden, wenn sie von einer Person apodiktisch behaupten, sie sei intelligent und dabei das Wort intelligent mit zwei l aussprechen; aber das ist gerade ein Zeichen der Veränderung, und solch eine Veränderung fiel mir auf gegenüber dem alten Wortschatz von Albertine, den ich gekannt hatte – seine größten Kühnheiten waren, von einer sonderbaren Person zu sagen: »Das ist ein Typ«, oder wenn man ihr ein Spiel vorschlug: »Ich habe kein Geld zu verlieren« oder etwa, wenn eine ihrer Freundinnen ihr einen Vorwurf machte, den sie ungerecht fand: »Ich finde dich großartig«, eine Wendung gutbürgerlicher Überlieferung, die ein junges Mädchen, das weiß, es hat recht, im Zorn, wie man sagt »ganz natürlich« anwendet, das heißt, sie hat es von ihrer Mutter gelernt wie Beten und Grüßen. Das alles hatte Frau Bontemps ihr gleichzeitig mit dem Judenhaß und der Vorliebe für Schwarz, worin man immer anständig und comme il faut ist, beigebracht, sie hatte sie das nicht ausdrücklich gelehrt, es hatte sich ihr mitgeteilt, wie das Zwitschern der neugeborenen Finkenjungen sich nach dem der alten Finken bildet und richtige Finken aus ihnen macht. Aber trotzdem: »Auslese« schien mir von anderer Herkunft, und »ich bin der Meinung« machte mir Mut. Albertine war nicht mehr dieselbe, also würde sie auch nicht mehr so wie früher handeln und reagieren.

Ich empfand nicht allein keine Liebe mehr zu ihr, ich hatte auch nicht mehr zu fürchten, wie das in Balbec möglich war, ich könne in ihr eine Freundschaft zu mir zerstören, denn die existierte nicht mehr. Ohne Zweifel war ich ihr seit langem sehr gleichgültig geworden. Ich verhehlte mir nicht, für sie gehörte ich ganz und gar nicht mehr zu der »kleinen Bande«, und hatte mich doch damals so bemüht, in sie aufgenommen zu werden, war, als es mir dann gelang, so glücklich gewesen. Da sie überdies nicht mehr so aufrichtig und gütig aussah wie in Balbec, machte ich mir nicht viel Skrupeln; allein entscheidend wurde für mich eine letzte philologische Entdeckung. Wie ich weiter Ring um Ring an die Kette von Worten knüpfte, unter der ich meine geheime Begier verbarg, und jetzt dabei Albertine auf meinem Bett sitzen hatte, kam ich auf eins der Mädchen von der kleinen Bande zu sprechen, das winziger war als die andern; ich fand es aber doch recht hübsch. »Ja«, sagte Albertine, »die sieht aus wie eine kleine Musme.« Ganz sicher war, als ich sie kennen lernte, Albertine das Wort »Musme« unbekannt. Hätten die Dinge ihren normalen Verlauf genommen, sie hätte diesen Ausdruck nie zu hören bekommen und ich meinerseits hätte keinen Nachteil darin gesehen, denn er ist von haarsträubender Scheußlichkeit ... Wenn man ihn hört, bekommt man dasselbe Zahnweh, wie wenn man ein zu großes Stück Eis in den Mund nimmt. Aber bei Albertine, hübsch wie sie war, konnte sogar »Musme« mir nicht mißfallen. Statt dessen schien es mir, wenn nicht eine äußere Einweihung, doch immerhin eine innere Entwicklung zu offenbaren. Leider war es inzwischen Zeit zum Abschied geworden, wenn ich noch wollte, daß sie rechtzeitig zum Essen heimkäme und auch ich früh genug für mein Essen aufstünde. Das bereitete mir Françoise, und die ließ es nicht gern lange stehen, sie mochte es außerdem schon gegen einen der Artikel ihres Kodex gefunden haben, daß Albertine mir in Abwesenheit meiner Eltern einen so ausgedehnten Besuch machte, durch den sich alles verspätete. Aber vor »Musme« wurden diese Gründe hinfällig, und geschwind sagte ich:

»Stellen Sie sich vor, ich bin gar nicht kitzlich, Sie könnten mich eine Stunde lang kitzeln, ohne daß ich es überhaupt spüre.«

»Wirklich!«

»Ganz sicher.«

Ohne Zweifel merkte sie, das war der ungeschickte Ausdruck eines Begehrens, denn wie jemand, der uns eine Empfehlung anbietet, um die wir nicht zu bitten wagten, die aber, wie unsere Worte ihm beweisen, uns nützlich sein könnte, fragte sie mich mit weiblicher Demut:

»Soll ichs versuchen?«

»Wenn Sie wollen; aber dann wäre es bequemer, Sie legen sich ganz auf mein Bett.«

»So?«

»Nein, ganz herein.«

»Bin ich auch nicht zu schwer?«

Als sie das gesagt hatte, ging die Tür auf, und Françoise kam mit einer Lampe herein. Albertine hatte gerade noch Zeit, sich wieder auf den Stuhl zu setzen. Vielleicht hatte Françoise an der Tür gelauscht oder gar durchs Schlüsselloch gespäht und diesen Moment gewählt, um uns zu überraschen. Aber so etwas brauchte ich gar nicht vorauszusetzen, sie hatte es nicht nötig, sich mit den Augen von dem zu überzeugen, was ihr Instinkt hinreichend gewittert haben mochte, denn im beständigen Zusammenleben mit mir und meinen Eltern hatten Furcht, Vorsicht, Aufmerksamkeit und List ihr schließlich von uns die instinktive und fast hellseherische Kenntnis gegeben, wie sie der Matrose vom Meer, das Wild vom Jäger, und von der Krankheit, wenn nicht der Arzt, doch oft der Kranke hat. Was sie alles zu wissen bekam, ist nicht minder verblüffend als es der hohe Stand gewisser Kenntnisse bei den Alten ist, wenn man bedenkt, daß sie kaum irgendwelche Mittel; sich zu informieren, besaßen (die von Françoise waren nicht zahlreicher. Ein paar Worte, kaum der zwanzigste Teil unseres Tischgesprächs, im Fluge vom Butler aufgefangen und im Office genau übermittelt). Auch beruhten ihre Irrtümer wie die der Alten, wie die Fabeln, die Plato glaubte, eher auf einer falschen Auffassung von der Welt und vorgefaßten Ideen als auf der Ungenauigkeit der tatsächlichen Hilfsquellen. So konnte noch in unsern Tagen die größten Entdeckungen im Leben der Insekten ein Gelehrter machen, der über kein Laboratorium, über keinen Apparat verfügte. Hatten aber die Einschränkungen, die ihre Bedientenstellung mit sich brachte, sie nicht gehindert, ein Wissen zu erwerben, wie sie es unbedingt zu der Kunst brauchte, die sie damit bezweckte – nämlich, uns zu beschämen, wenn sie uns mitteilte, was sie herausbekommen hatte –, so hatte der Zwang noch mehr getan; nicht allein, daß die Fessel den Flug nicht hemmte, sie hatte ihm noch kräftig nachgeholfen. Gewiß vernachlässigte Françoise auch kein Hilfsmittel, zum Beispiel die der Sprechweise und der Haltung. Nie glaubte sie, was wir ihr sagten und wovon wir wünschten, daß sie es glaube, und ohne Schatten eines Zweifels nahm sie alles hin, was eine Person ihres Standes ihr Absurdestes erzählte, zumal wenn es gleichzeitig unsern Meinungen zuwider war; und so sehr ihre Art, unsere Äußerungen mit anzuhören, Unglauben bezeugte, so sehr zeigte der Tonfall, in dem sie hinterbrachte (die indirekte Rede erlaubte ihr, uns ungestraft gröblichst zu beschimpfen), was ihr eine Köchin erzählt habe, die ihrer Herrschaft gedroht und lauter Vergünstigungen durchgesetzt habe, als sie vor aller Welt sie mit »Schweinebande« traktierte – daß dies für sie das wahre Evangelium war. Sie setzte sogar hinzu: »Wenn ich die Dame gewesen wäre, ich hätte mich tüchtig geärgert.« Da mochten wir trotz unserer ursprünglich geringen Sympathie für die Dame im vierten Stockwerk über die Erzählung eines so schlechten Beispiels wie über eine unwahrscheinliche Fabel die Achsel zucken, sie verstand beim Bericht den schneidend scharfen Ton erbitterter und kategorischer Versicherung zu finden. Das Wichtigste aber war: wie Schriftsteller, wenn Tyrannei eines Monarchen oder einer Poetik sie fesselt, zu einer Konzentrationskraft kommen, die ihnen die Herrschaft politischer Freiheit und literarischer Anarchie erspart hätte, so redete Françoise, da sie uns nicht frei heraus antworten konnte, wie Tiresias und hätte geschrieben wie Tacitus. Alles, was sie nicht direkt ausdrücken konnte, verstand sie in eine Wendung zu legen, an der wir nichts aussetzen konnten, ohne uns selbst anzuklagen, ja, in weniger als eine Wendung, in ein Schweigen, in die Art, wie sie einen Gegenstand hinstellte.

Ließ ich aus Versehen auf meinem Tisch mitten unter andern Briefen einen bestimmten, den sie nicht hätte sehen sollen, liegen, zum Beispiel weil darin über sie in einer Weise gesprochen wurde, die bei dem Empfänger eine ebenso unfreundliche Gesinnung voraussetzte wie der Absender sie ausdrückte, so fiel, wenn ich Abends unruhig heimkam und geradewegs in mein Zimmer ging, auf meinen zu regelmäßigem Stoß geschichteten Briefen das kompromittierende Dokument mir sofort in die Augen, wie es unvermeidlich Françoise in die Augen gefallen war, die es mit einer Deutlichkeit obenauf und fast abseits gelegt hatte, die sprechend war, Beredsamkeit besaß und mich schon, wenn ich in der Tür stand wie ein Schrei erschreckte. Sie leistete Hervorragendes in solchen Inszenierungen, die den Zuschauer in ihrer Abwesenheit unterrichten sollten; wenn sie nachher auftrat, wußte er schon, sie wisse alles. Um derart einen unbelebten Gegenstand sprechen zu lassen, besaß sie die zugleich geniale und geduldige Kunst von Irvings und Frédéric Lemaître. Als sie jetzt über Albertine und mich die angezündete Lampe hielt, die keine der noch sichtbaren Mulden, die der Körper des jungen Mädchens in die Bettdecke gedrückt hatte, im Schatten ließ, sah Françoise aus wie »Die Gerechtigkeit, die das Verbrechen beleuchtet«. Albertines Gesicht verlor in dieser Beleuchtung nicht. Die machte auf ihren Backen den Sonnenfirnis sichtbar, der mich schon in Balbec entzückt hatte. Dies Gesicht, das im Freien bisweilen eine Art fahler Blässe hatte, zeigte jetzt, je mehr die Lampe es erhellte, so glänzend gleichmäßig getönte, feste und glatte Flächen, daß man sie mit dem ungebrochenen Inkarnat gewisser Blumen hätte vergleichen können. In meiner Überraschung über Françoises unerwartetem Eintreten rief ich:

»Wie? Schon die Lampe? Mein Gott, wie das blendet!« Mit dem zweiten Satz wollte ich wohl meine Verwirrung verbergen, mit dem ersten meine Verspätung entschuldigen. Françoise erwiderte mit grausamem Doppelsinn: »Ist es besser, wenn ich sie ausmache?«

»Hausdrache«, flüsterte Albertine mir ins Ohr. Sie sprach mich so im gleichen Atem als ihren Herrn und Komplizen an, und mich entzückte der lebhafte vertrauliche Ton, mit dem sie fragend diese psychologische Behauptung vorbrachte.

Als Françoise dann das Zimmer verlassen hatte und Albertine wieder auf meinem Bett saß, sagte ich: ›Wissen Sie, was ich fürchte? Wenn wir so fortfahren, werde ich nicht anders können, ich werde Sie küssen.‹

›Das wäre ein schönes Unglück.‹

Ich folgte nicht gleich dieser Einladung, ein anderer hätte sie sogar überflüssig finden können, denn Albertine sagte das so sinnlich und süß, daß sie einen schon beim Sprechen zu küssen schien. Ein Wort von ihr war eine Liebkosung und ihr Gespräch eine Kette von Küssen. Und dennoch war mir diese Einladung recht angenehm. Sie wäre mir das auch gewesen, wenn sie von einem andern hübschen Mädchen im gleichen Alter gekommen wäre; aber daß Albertine mir jetzt so leicht zugänglich war, gab mir mehr als ein bloßes Vergnügen, ich sah mehrere schöne Bilder nebeneinander. Zuerst Albertine am Strand, fast auf das Meer als Hintergrund gemalt, nicht wirklicher für mich als Bühnenbilder, bei denen man nicht weiß, ist es die Schauspielerin, die in dieser Szene auftreten soll, oder eine Figurantin, welche sie für den Augenblick ersetzt oder nur eine Projektion. Dann hatte sich das wirkliche Weib von dem Lichtbündel abgelöst und war zu mir gekommen, doch nur, um mich bemerken zu lassen, daß sie in der wirklichen Welt durchaus nicht so leicht zu lieben war, wie man es von ihrer Erscheinung auf dem Zauberbilde erwartete. Ich hatte erfahren, es war nicht möglich, sie zu berühren, sie zu küssen, man konnte nur mit ihr sprechen, sie war für mich nicht mehr Weib, als die Trauben aus Jade, wie sie in alter Zeit als unverzehrbarer Tafelschmuck dienten, Weintrauben waren. Und jetzt erschien sie mir auf der dritten Ebene wirklich, wie ich sie auf dem zweiten Bilde kennen gelernt hatte, und leicht zu lieben wie auf dem ersten; und das war umso süßer für mich, als ich solange geglaubt hatte, sie sei nicht leicht zu lieben. Was ich mehr gewonnen hatte an Wissen vom Leben (das nicht so einheitlich, nicht so einfach war, wie ich erst geglaubt), ging vorerst auf Agnostizismus hinaus. Was kann einer mit Sicherheit behaupten, da sich als falsch erwies, was er zuerst für wahrscheinlich hielt, um dann doch drittens wieder wahr zu werden? Und ach! ich war noch nicht mit allem, was ich an Albertine entdecken sollte, am Ende. Und abgesehen selbst von dem romanhaften Reiz, die reichere Anzahl von Ebenen kennen zu lernen, welche das Leben eine nach der anderen enthüllte (den entgegengesetzten Reiz hatte Saint-Loup genossen, als er bei den Diners in Rivebelle unter den Masken, die ihm das Dasein übereinanderschob, in einem stillen Gesicht die Züge wiederentdeckte, die er ehedem mit seinen Lippen berührt hatte), zu wissen, es lag im Bereich der Möglichkeit, Albertines Backen zu küssen, war vielleicht ein noch größeres Vergnügen als sie wirklich zu küssen. Es ist etwas ganz anderes, ob man eine Frau besitzt, an die sich nur unser Körper anfügt, weil sie ein Stück Fleisch ist, oder ein junges Mädchen, das man am Strande und mitten unter ihren Freundinnen an manchen Tagen gesehen hat, ohne auch nur zu wissen, warum gerade an diesen Tagen und nicht an andern, so daß man Angst bekam, man werde sie nicht wieder zu sehen bekommen. Gefällig hatte uns das Leben den Roman dieses kleinen Mädchens in seiner ganzen Ausdehnung enthüllt, hatte uns, sie zu sehen, ein optisches Instrument geliehen, sodann ein zweites, und hatte dem sinnlichen Begehren eine Begleitung gegeben, die es verhundertfacht, es abwandelt in geistigere Begierden, die nicht so leicht gestillt werden können. Gilt es nur, ein Stück Fleisch zu packen, tauchen sie nicht aus ihrem starren Schlummer auf und lassen es allein, gilt es aber, ein ganzes Gefild von Erinnerungen in Besitz zu nehmen, aus dem sie sich vertrieben fühlen, nach dem sie Heimweh haben, dann erheben sie stürmisch sich neben ihm, und durch sie wird es groß; zwar können sie dem sinnlichen Begehren nicht bis zur Erfüllung, bis zur Assimilation einer unkörperlichen Wirklichkeit folgen (die ist in der ersehnten Form unmöglich), aber sie warten auf halbem Weg, bis es zu ihnen kommt, und ist die Zeit der Erinnerung, der Rückkehr gekommen, so geleiten sie es aufs neue. Durfte ich statt der Backen der ersten besten, sie mögen frisch sein, aber bleiben anonym, ohne Geheimnis und ohne Zauber, die küssen, von denen ich solange geträumt hatte, ich würde Geschmack und Duft einer Farbe erfahren, die ich so oft schon betrachtet hatte. Man hat eine Frau, ein einfaches Bild im Rahmen des Lebens, wie Albertine im Profil gegen das Meer gesehen, und nun kann man dies Bild ablösen, an sich nehmen und nach und nach sein Volumen und seine Farben untersuchen, als habe man es hinter die Gläser eines Stereoskops geschoben. Daher sind einzig interessant die Frauen, die etwas schwer zu erobern sind, die man nicht gleich besitzt, von denen man auch nicht gleich weiß, ob man sie jemals wird besitzen können. Denn sie kennen lernen, ihnen sich nähern, sie erobern, bedeutet, das Menschenbild nach Form, Größe und Umriß variieren, es ist eine Lektion über Relativismus der Wertung, und schön ist es dies Bild wieder anzusehn, wenn es von neuem schmale Silhouette im Ensemble des Lebens geworden ist. Frauen, die man zunächst bei der Kupplerin kennen lernt, interessieren nicht, weil sie unveränderlich bleiben.

Und dann waren rings um Albertine vereint alle Eindrücke einer Reihe von Seebildern, die mir besonders lieb geworden waren. Mir wars, als hätte ich auf den beiden Backen des jungen Mädchens den ganzen Strand von Balbec küssen können.

»Wenn Sie wirklich erlauben, daß ich Sie küsse, möchte ich es lieber auf später verschieben und mir den Moment richtig aussuchen. Nur dürften Sie dann nicht vergessen, daß Sie es mir versprochen haben. Ich brauche einen ›Bon für einen Kuß.‹«

»Muß ich ihn unterschreiben?«

»Aber wenn ich ihn gleich nehme, werde ich trotzdem später einen bekommen?«

»Sie machen mir Spaß mit Ihren Bons, ich werde Ihnen von Zeit zu Zeit wieder welche ausstellen.«

»Sagen Sie mir noch eins, wissen Sie, in Balbec, als ich Sie noch nicht kannte, hatten Sie oft einen harten, verschlagenen Blick, Sie können mir nicht sagen, woran Sie damals dachten?«

»Ich kann mich nicht erinnern.«

»Warten Sie, ich helfe Ihnen; eines Tages ist Ihre Freundin Gisèle mit einem Satz über den Stuhl gesprungen, auf dem ein alter Herr saß. Versuchen Sie doch, sich zu erinnern, was Sie sich in dem Augenblick gedacht haben.«

»Gisèle war die, mit der wir am wenigsten verkehrten, sie gehörte, wenn Sie wollen, zur Bande, aber nicht ganz und gar. Ich werde gedacht haben, sie sei schlecht erzogen und sei gewöhnlich.«

»Das ist alles?«

Ich hätte sie gern, bevor ich sie küßte, von neuem anfüllen mögen mit dem Geheimnis, das sie am Strand, ehe ich sie kennen lernte, für mich hatte, in ihr die Gegend finden, in der sie zuvor gelebt hatte; oder wenn ich die nicht kennen lernen sollte, könnte ich doch statt ihrer wenigstens alle Erinnerungen unseres Lebens in Balbec in sie eingehen lassen, das Geräusch der unter meinem Fenster brandenden Wellen, die Stimmen der Kinder. Während ich aber den Blick über die schöne rosige Rundung ihrer Backen gleiten ließ, deren Flächen sanft einbiegend unter den ersten Höhenzügen ihres schönen schwarzen Haares vergingen, das in bewegten Ketten hinlief, steile Hügel türmte und Talwellen grub, mußte ich mir sagen: »Endlich werde ich, was mir in Balbec nicht gelang, den Geschmack der unbekannten Rose kennen lernen, der Backen von Albertine. Und da die Kreise, durch die wir im Lauf unseres Daseins Dinge und Wesen gehen lassen können, nicht eben zahlreich sind, werde ich meins in gewissem Sinn als vollendet ansehen können, wenn ich das blühende Gesicht, das unter allen ich mir gewählt habe, aus seinem fernen Rahmen genommen und in die neue Ebene gebracht habe, wo ich endlich mit meinen Lippen es erkennen werde«. Das sagte ich mir, weil ich glaubte, es gäbe ein Erkennen mit den Lippen, sagte mir, ich werde den Geschmack dieser fleischlichen Rose kennen lernen, weil ich nicht bedacht hatte, daß dem Menschen, obwohl er kein so rudimentär gebliebenes Geschöpf ist wie der Seeigel oder selbst der Walfisch, doch eine gewisse Anzahl wesentlicher Organe fehlen, namentlich daß er kein zum Küssen dienendes besitzt. Dies fehlende Organ ersetzt er durch die Lippen und gelangt so vielleicht zu einem etwas befriedigenderen Resultat, als wenn er, um seine Geliebte zu streicheln, auf ein Horn angewiesen wäre. Aber die Lippen sind dazu geschaffen, dem Gaumen den Geschmack dessen, was sie reizt, zu vermitteln, und müssen sich, ohne ihren Irrtum zu begreifen und ihre Enttäuschung einzugestehen, damit begnügen, an der Oberfläche zu schweifen und sich an der Geschlossenheit der begehrten undurchdringlichen Backe zu stoßen. Übrigens könnten in diesem Moment bei direkter Berührung mit dem Fleisch – selbst wenn man annimmt, sie würden erfahrener und begabter – die Lippen sicher gar nicht mehr schmecken, was die Natur in dieser Lage zu ergreifen sie hindert, denn in dieser trostlosen Zone, wo sie ihre Nahrung nicht finden können, sind sie ganz allein, seit langem hat sie der Blick und sodann der Geruch im Stiche gelassen. In dem Maße, als zunächst mein Mund sich den Backen zu nähern begann, die zu küssen meine Blicke ihm vorgeschlagen hatten, bewegten sich auch diese von der Stelle und sahen andere Backen; der Hals wurde aus größerer Nähe und wie durch die Lupe sichtbar und seine Grobkörnigkeit wirkte so derb, daß dadurch der Charakter des Gesichtes sich änderte.

Die letzten Tricks der Photographie – die einer Kathedrale alle Häuser zu Füßen legen, welche wir oft aus der Nähe fast so hoch wie die Türme gesehen haben, die Gebäude wie ein Regiment bald in Reihen, bald ausgeschwärmt, bald in gedrängter Masse aufrücken lassen, die beiden Säulen der Piazzetta, die eben noch so weit von einander waren, einander nähern, die nahe Salute entfernen und einen endlosen Horizont unter die Wölbung einer Brücke, in den Rahmen eines Fensters, durch das Laub eines im Vordergrund stehenden kräftiger getönten Baumes hindurch, einem blaß abgeschatteten Hintergrund einfügen und ein und derselben Kirche nacheinander die Arkaden aller andern zum Rahmen geben –ich wüßte sonst nichts, das so wie der Kuß aus dem, was wir für die endgültige Gestalt eines Dinges halten, hunderterlei Anderes herausholen könnte, daß es genau so gut ist, da jedes sich auf eine nicht minder berechtigte Perspektive bezieht. Kurz, wie schon in Balbec Albertine mir oft verschieden schien, so sah ich jetzt – als hätte ich das Wechseln aller Perspektiven und Farbtöne, die bei unsern verschiedenen Begegnungen mit ihr eine Person uns zeigt, ungeheuer beschleunigt, um sie in ein paar Sekunden zusammenzufassen und so experimentell das Phänomen nachzuschaffen, das die Individualität eines Wesens abwandelt und alle Möglichkeiten, die es enthält, eine aus der andern, wie aus einem Etui zu ziehen –, so sah ich jetzt auf dem kurzen Wege meiner Lippen zu ihren Backen, zehn Albertinen; dies eine junge Mädchen war wie eine Göttin mit mehreren Köpfen, und wenn ich mich dem, welchen ich zuletzt gesehen, zu nähern suchte, machte er einem anderen Platz. Diesen Kopf sah ich wenigstens noch, solange ich ihn nicht berührt hatte, und ein leiser Duft kam von ihm bis zu mir. Da aber leider für den Kuß unsere Naslöcher und Augen ebenso schlecht angebracht, wie unsere Lippen schlecht beschaffen sind, hörten mit einmal meine Augen auf zu sehen, die Nase, als die Reihe an sie kam, drückte sich platt und nahm keinen Geruch mehr wahr, und ohne darum den Geschmack der ersehnten Rosenfarbe näher kennen zu lernen, merkte ich an diesen unerfreulichen Zeichen, daß ich im Begriff war, Albertines Backe zu küssen.

Weil wir jetzt die umgekehrte Szene spielten wie in Balbec, weil jetzt ich lag, sie aber aufrecht war, einem brutalen Angriff ausweichen und den Genuß nach ihrem Belieben lenken konnte, ließ sie vielleicht deshalb mich jetzt so leicht nehmen, was sie mir damals mit strenger Miene verwehrt hatte? (Sicherlich unterschied sich ihre Miene von damals von dem wollüstigen Ausdruck, den heut ihr Gesicht annahm, als meine Lippen sich ihm näherten, nur durch eine unendlich kleine Abweichung der Linien, aber darin war die ganze Entfernung enthalten, die zwischen der Gebärde dessen, der einem Verwundeten den Gnadenstoß gibt, und dessen, der ihm beisteht, und zwischen einem herrlichen und einem scheußlichen Porträt besteht). Ich wußte nicht, ob ich für die Veränderung in Albertines Haltung einem unfreiwilligen Wohltäter, der in den letzten Monaten in Balbec oder Paris für mich gearbeitet hatte, Ehre und Dank schuldete, und ich nahm an, die Lage, in der wir uns befanden, sei die Hauptursache dieser Veränderung. Da versah mich Albertine noch mit einem andern und zwar dem: »Ach, damals in Balbec kannte ich Sie noch nicht und konnte nicht wissen, ob Sie nicht schlimme Absichten hätten«. Dieser Grund überraschte mich aufs äußerste. Albertine sagte das gewiß ganz aufrichtig. Für eine Frau ist es sehr schwer, in den Bewegungen ihrer Glieder, in den Gefühlen ihres Körpers, wenn sie mit einem guten Bekannten allein zusammen ist, den unbekannten Fehltritt zu erkennen, zu dem, wie sie gefürchtet hatte, ein Fremder sie mit Vorbedacht verleiten wollte.

Was immer für Umformungen in ihr Leben gekommen sein mochten, aus denen sich vielleicht erklären ließ, weshalb sie meinem augenblicklichen und rein physischen Begehren bequem gewährte, was sie in Balbec meiner Liebe mit Abscheu verweigert hatte, – eine noch viel erstaunlichere vollzog sich an eben diesem Abend in Albertine, sobald ihre Liebkosungen bei mir die Befriedigung herbeigeführt hatten, die ihr nicht entgehen konnte. Ich hatte davon bei ihr das leise Zurückzucken verletzter Scham befürchtet, wie Gilberte es in einem ähnlichen Augenblick hatte hinter dem Lorbeergebüsch in den Champs-Elysées.

Ganz das Gegenteil geschah. Schon als ich sie auf mein Bett gelegt und zu streicheln begonnen, hatte Albertine einen Ausdruck bekommen, den ich an ihr nicht kannte, etwas gutwillig Gefügiges, fast kindisch Einfältiges. Dadurch, daß er alle gewohnte Befangenheit und Prätention von ihr nahm, hatte der Augenblick, der dem Genuß vorangeht – darin dem, der dem Tode folgt, gleich – ihren verjüngten Zügen etwas von der Unschuld des ersten Lebensalters wiedergegeben. Und zweifellos wird jedes Wesen, das plötzlich sein Talent aufbieten muß, bescheiden, anmutig und beflissen; vor allem ist es, wenn es uns mit diesem Talent einen großen Genuß zu verschaffen versteht, darüber selbst glücklich und will ihn uns möglichst vollkommen geben. Aber dieser neue Gesichtsausdruck Albertines war nicht nur selbstlos, gewissenhaft, und freigebig von Beruf, es lag in ihm eine konventionelle, jähe Ergebenheit, und damit war sie weiter als bis in die eigene Kindheit, sie war in die Jugend ihrer Rasse zurückgekommen. Ganz anders als ich, der nichts als eine physische Befriedigung gewünscht und schließlich erreicht hatte, schien Albertine zu finden, es wäre etwas roh von ihr, wenn sie glaube, der materielle Genuß finde ohne ein seelisches Gefühl statt und es sei mit ihm etwas zu Ende. Eben noch so in Eile, sagte sie – sie fand gewiß, Küsse begreifen Liebe ein, und Liebe gehe jeder andern Pflicht vor –, als ich sie jetzt daran erinnerte, daß sie zum Essen müsse:

»Ach, das macht nichts, ich habe Zeit.«

Sie genierte sich offenbar, gleich aufzustehen nach dem, was sie getan, genierte sich aus Schicklichkeit wie Françoise, wenn sie, ohne Durst zu haben, das Glas Wein, das Jupien ihr anbot, mit anständiger Heiterkeit annehmen zu müssen glaubte und dann nicht gleich nach dem letzten Schluck fortzugehen wagte, mochte auch noch so gebietende Pflicht rufen. Albertine war – und das mochte zusammen mit noch einem, den man später sehen wird, einer der Gründe sein, die sie mir unbewußt begehrenswert machten – eine der Inkarnationen der kleinen französischen Bäuerin, deren steinernes Modell in Saint-André-des-Champs steht. Von Françoise, die allerdings bald ihre Todfeindin werden sollte, erkannte ich in ihr die Höflichkeit gegen den Gast, den Fremden wieder, den Anstand und die Achtung vor der Lagerstatt. Françoise, die nach dem Tode meiner Großmutter immer nur in einem klagenden Ton sprechen zu können glaubte, hätte es in den Monaten, die der Hochzeit ihrer Tochter vorangingen, anstößig gefunden, wenn diese beim Spazierengehen mit ihrem Verlobten nicht seinen Arm genommen hätte. Ganz still neben mir liegend, sagte Albertine:

»Sie haben hübsches Haar, Sie haben schöne Augen, Sie sind nett.«

Als ich sie darauf aufmerksam machte, es sei schon spät und hinzufügte: »Sie glauben mir nicht?«, antwortete sie – und das mochte wahr sein, aber erst seit zwei Minuten und nur für einige Stunden:

»Ich glaube Ihnen immer.«

Sie sprach von mir, meiner Familie, meinem gesellschaftlichen Milieu. Sie sagte zu mir: »Oh, ich weiß, Ihre Eltern verkehren mit sehr feinen Leuten. Sie sind befreundet mit Robert Forestier und Suzanne Delage.« Zunächst sagten mir diese Namen absolut nichts. Aber dann fiel mir ein, daß ich in der Tat in den Champs-Elysées mit Robert Forestier gespielt hatte; ich hatte ihn aber nie wiedergesehen. Suzanne Delage war die Großnichte von Frau Blandais, und ich hatte einmal zu einer Tanzstunde bei ihren Eltern gehen und sogar in einer Dilettantenaufführung eine kleine Rolle übernehmen sollen. Aber Furcht vor Lachkrampf und Nasenbluten hatte mich abgehalten, und ich hatte sie nie gesehen. Allenfalls war, wenn ich damals richtig verstanden hatte, die Erzieherin mit dem Federhut bei den Swann auch bei ihren Eltern gewesen, aber vielleicht war es auch nur eine Schwester dieser Erzieherin oder eine Freundin. Ich versicherte Albertine, Robert Forestier und Suzanne Delage nähmen in meinem Leben wenig Platz ein. »Schon möglich, aber Ihre Mütter verkehren miteinander, und danach kann man Sie einordnen. Ich begegne Suzanne Delage oft in der Avenue de Messine, sie hat Chik.«

Unsere Mütter kannten sich nur in der Phantasie von Frau Bontemps, die erfahren hatte, ich habe früher mit Robert Forestier gespielt, dem ich, wie ich mir sagen ließ, Verse rezitiert habe, und daraus hatte sie geschlossen, wir seien durch Familienbeziehungen verbunden. So oft Mamas Name in der Unterhaltung fiel, erklärte sie, wie man mir gesagt hat: »Ja, das ist der Kreis der Delage, der Forestier usw.« und gab damit meinen Eltern eine gute Note, die sie nicht verdienten.

Nebenbei bemerkt waren Albertines gesellschaftliche Begriffe außerordentlich töricht. Für sie standen die Simonnet mit zwei n nicht nur unter den Simonet mit einem n, sondern unter allen denkbaren andern Leuten. Daß jemand denselben Namen trägt wie wir, ohne zu unserer Familie zu gehören, gibt viel Grund, verächtlich von ihm zu denken. Gewiß gibt es Ausnahmen. Es kann vorkommen, daß zwei Simonnet (die einander bei einer der Zusammenkünfte vorgestellt werden, wo man das Bedürfnis hat, sich über irgend etwas Beliebiges zu unterhalten und obendrein optimistisch aufgelegt ist. zum Beispiel in einem Leichenzug, der sich auf den Kirchhof begibt), wenn sie merken, daß sie beide denselben Namen tragen, mit beiderseitigem Wohlwollen und ohne Resultat herauszubekommen suchen, ob sie nicht irgendwie verwandt sind. Aber das ist nur ein Ausnahmefall. Viele Menschen sind etwas anrüchig, aber wir wissen es nicht oder kümmern uns bei ihnen nicht darum. Wenn sie aber unsern Namen tragen und wir bekommen Briefe, die an sie gerichtet sind oder umgekehrt, fangen wir, oft mit Recht, an, mißtrauisch gegen sie zu werden. Wir fürchten Verwechslungen, kommen ihnen mit einer Grimasse des Abscheus zuvor, wenn man uns von diesen Leuten spricht. Lesen wir unsern Namen, von ihnen getragen, in der Zeitung, kommt es uns vor, als haben sie ihn unrechtmäßig sich angemaßt. Die Sünden der andern Glieder des Gesellschaftskörpers sind uns gleichgültig. Umso schwerer belasten wir unsere Namensvettern. Unser Haß gegen die andern Simonnet wird dadurch noch stärker, daß er nicht individuell ist, sondern sich vererbt. Nach zwei Generationen erinnert man sich nur noch der beleidigenden Miene, die die Großeltern aufsetzten, wenn von den andern Simonnet die Rede war; weshalb, weiß man nicht, man würde sich aber nicht wundern, zu hören, es habe mit einem Mord angefangen. Bis es schließlich ziemlich häufig damit endet, daß eines Tages ein Simonnet und eine Simonnet, die gar nicht miteinander verwandt sind, sich heiraten.

Nicht nur von Robert Forestier und Suzanne Delage sprach mir Albertine; in dem Gefühl, zu Vertraulichkeit verpflichtet zu sein, wie es die Annäherung der Körper mit sich bringt – im Anfang wenigstens, ehe sie demselben Wesen gegenüber eine besondere Verschlagenheit und Verschwiegenheit bewirkt –, erzählte sie mir über ihre Familie und einen Onkel von Andrée eine Geschichte, von der sie mir in Balbec kein Wort hatte sagen wollen; es sollte jetzt nicht so aussehen, als habe sie noch Geheimnisse vor mir. Ich drang darauf, daß sie heimgehe, schließlich tat sie es auch, war aber ganz beschämt für mich wegen meiner Grobheit, sie lachte fast, um mich zu entschuldigen, wie die Dame des Hauses, die man im Straßenanzug besucht und die einen auch so empfängt, aber gleichgültig ist es ihr nicht.

»Sie lachen?« sagte ich.

»Ich lache nicht, ich lächle Ihnen zu«, antwortete sie zärtlich. »Wann sehe ich Sie wieder?« fügte sie hinzu, als könne, was wir getan hatten – wenn es gewöhnlich auch ihre Krönung ist –, ebensogut das Vorspiel einer großen Freundschaft sein, einer Freundschaft aus früherem Dasein, die wir entdecken und bekennen müßten, sie allein könnte erklären, was wir da getrieben hatten.

»Da Sie mich dazu ermächtigen, werde ich, wenn ich kann, Sie holen lassen.«

Ich wagte ihr nicht zu sagen, daß ich alles der Möglichkeit, Frau von Stermaria zu sehen, unterordnen wollte.

»Es wird leider etwas aufs Geratewohl sein, ich weiß nie vorher«, sagte ich zu ihr. »Würde es gehen, daß ich Sie Abends holen ließe, wenn ich frei bin?«

»Später wird das sehr gut gehen, denn ich werde bei meiner Tante einen eigenen Eingang haben. Aber jetzt läßt sichs noch nicht machen. Auf jeden Fall komme ich morgen oder übermorgen Nachmittag heran. Sie brauchen mich nur zu empfangen, wenn Sie es können.«

Als sie in der Tür stand, reichte sie mir, verwundert, daß ich ihr nicht zuvorgekommen war, ihre Backe. Sie fand wohl, es war kein wildes physisches Begehren nötig, damit wir uns jetzt küßten. Da die kurzen Beziehungen, die wir eben zusammen gehabt hatten, zu denen gehören, die bisweilen durch absolute Intimität und durch Herzenswahl herbeigeführt werden, hatte Albertine geglaubt, zu den Küssen, die wir auf meinem Bett getauscht hatten, das Gefühl improvisieren und jetzt hinzufügen zu müssen, für das sie der Ausdruck gewesen wären bei einem Ritter und seiner Dame, wie sie ein gotischer Spielmann sich vorstellen könnte.

Als die junge Picardin, die der Bildner von Saint-André-des-Champs an sein Portal hätte meißeln können, mich verlassen hatte, brachte Françoise mir einen Brief, der mich mit Freude erfüllte, denn er kam von Frau von Stermaria: sie nahm meine Dinereinladung an. Von Frau von Stermaria, das hieß für mich, weniger von der wirklichen Frau von Stermaria als von der, an die ich den ganzen Tag, bis Albertine kam, gedacht hatte. Das ist der schreckliche Trug der Liebe: sie läßt zuerst uns nicht mit einer Frau der Außenwelt, sondern mit einer Puppe innen in unserm Hirn spielen; das ist übrigens die einzige Frau, die wir immer zu unserer Verfügung haben, die einzige, die wir besitzen werden; Willkür des Gedächtnisses, die fast so absolut ist wie die der Phantasie, kann sie so verschieden von der wirklichen Frau gemacht haben als das geträumte Balbec von dem wirklichen Balbec für mich gewesen war; eine künstliche Schöpfung, welcher zu gleichen wir die wirkliche Frau nach und nach zu unserer eigenen Qual zwingen werden.

 

Durch Albertine hatte ich mich so verspätet, daß, als ich zu Frau von Villeparisis kam, die Aufführung gerade zu Ende war; und da ich wenig Lust hatte, den Strom der Gäste über mich ergehen zu lassen, welche die große Neuigkeit, die angeblich schon vollzogene Scheidung des Herzogs und der Herzogin von Guermantes, besprachen, hatte ich mich, bis ich die Dame des Hauses würde begrüßen können, auf eine verlassene Bergère im zweiten Salon gesetzt; da tauchte aus dem ersten, wo sie gewiß ganz vorn in der ersten Stuhlreihe gesessen hatte, majestätisch, hoch imposant in einer langen gelbseidenen Robe, von der sich gewaltige schwarze Mohnblumen abhoben, die Herzogin auf. Ihr Anblick verwirrte mich gar nicht mehr. Eines Tages hatte mir meine Mutter, wie es ihre Art war, wenn sie fürchtete, mir Kummer zu bereiten, die Hände auf die Stirn gelegt und mir gesagt: »Geh doch nicht immer aus, um Frau von Guermantes zu treffen, das ganze Haus spricht darüber. Wenn du siehst, wie deine Großmutter leidet, hast du doch Ernsteres zu tun, als dich einer Frau in den Weg zu pflanzen, die sich über dich lustig macht.« Und hatte so mit einem Schlage, wie ein Hypnotiseur, der einen aus dem fernen Lande, wo man zu sein wähnte, zurückholt und einem die Augen öffnet, oder wie ein Arzt, der an Pflicht und Wirklichkeitsgefühl uns mahnt und von einer eingebildeten Krankheit, in der wir uns gefielen, uns heilt, mich aus zu langem Traume geweckt. Der nächste Tag war ganz einem letzten Lebewohl an das Leid, dem ich entsagte, gewidmet gewesen: stundenlang hatte ich weinend das »Lebewohl« von Schubert gesungen.

Und dann war es zu Ende gewesen. Ich gab meine Morgenspaziergänge auf, und das wurde mir so leicht, daß ich mir für die Zukunft die Prognose stellte (sie sollte sich, wie man sehen wird, später als falsch erweisen), ich werde mich im Lauf meines Lebens mühelos daran gewöhnen, eine Frau nicht mehr zu sehen. Und als mir dann Françoise erzählte, Jupien wünsche sich zu »vergrößern« und suche im Quartier einen Laden, hatte ich Lust bekommen, einen für ihn zu finden (war auch ganz glücklich bei dem Gedanken, durch die Straße, die ich schon vom Bett aus hell lärmen hörte wie einen Strand, zu flanieren und, wenn der Eisenvorhang der Crémerien aufging, die kleinen Milchmädchen mit den weißen Ärmeln zu sehen) und hatte meine Spaziergänge wieder aufgenommen. Ganz freien Herzens übrigens; ich war mir bewußt, es nicht zu tun, um Frau von Guermantes zu sehen; so läßt eine Frau, die unendliche Vorsichtsmaßregeln trifft, solange sie einen Liebhaber hat, von dem Tage, an dem sie mit ihm gebrochen hat, an seine Briefe herumliegen, auf die Gefahr hin, ihrem Gatten den geheimgehaltenen Fehltritt zu entdecken, der eben nur solange schrecklich für sie war, als sie ihn tat. Oft begegnete ich nun Herrn von Norpois. Es machte mir Kummer zu erfahren, daß in fast allen Häusern unglückliche Leute wohnten. Hier weinte die Frau unaufhörlich, weil ihr Mann sie betrog. Dort war es umgekehrt. Anderswo wurde eine arbeitsame Mutter von ihrem betrunkenen Sohn geprügelt und suchte ihren Schmerz den Augen der Nachbarn zu verbergen. Die halbe Menschheit weinte. Und als ich sie kennen lernte, fand ich sie so schlimm, daß ich mich fragen mußte, ob Mann oder Frau, die die Ehe brachen, nur, weil das legitime Glück sich ihnen versagt hatte, und gegen alle andern außer eben ihre Frau oder ihren Mann loyal und liebenswürdig waren, nicht eigentlich recht daran taten. Um meine Morgenwanderungen fortzusetzen, fiel bald auch der Grund für mich fort, daß ich Jupien nützlich sein könne. Denn man erfuhr, dem Tischler in unserm Hof, dessen Werkstatt nur durch eine ganz dünne Wand von Jupiens Laden abgeteilt war, sollte vom Verwalter gekündigt werden, weil er beim Arbeiten zuviel Lärm machte. Etwas Besseres hätte Jupien nicht finden können: die Werkstatt hatte als Lagerraum für das Holz ein Kellergeschoß, das mit unsern Kellern in Verbindung stand. Dort würde Jupien seine Kohlen unterbringen können, er würde die Zwischenwand niederlegen lassen und einen einzigen großen Laden haben. Aber selbst ohne den unterhaltenden Zweck, mich für ihn umzusehen, war ich weiterhin vor dem Frühstück ausgegangen. Jupien fand den Preis, den Herr von Guermantes ansetzte, zu hoch, und ließ die Räume ruhig besichtigen, damit der Herzog sehe, er werde für diesen Preis keinen Mieter finden, und auf eine Ermäßigung einginge; bei dieser Gelegenheit hatte Françoise bemerkt, daß der Portier, wenn die Besichtigungszeit vorbei war, die Tür des zu vermietenden Ladens noch »angelehnt« ließ; darin witterte sie eine Falle, in die der Portier die Verlobte des Lakaien der Guermantes locken wollte (die beiden würden dort ein Asyl ihrer Liebe finden), um sie sodann zu überraschen.

Bei all dem hatte ich also nicht mehr für Jupien einen Laden zu suchen; aber ich ging doch weiter vor dem Frühstück aus. Auf diesen Ausgängen begegnete ich oft Herrn von Norpois. Manchmal war er im Gespräch mit einem Kollegen, dann warf er mir Blicke zu, die mich zunächst genau betrachteten, um sich dann von mir ab und dem Unterredner zuzuwenden, ohne daß er mir zugelächelt oder mich gegrüßt hätte, gerade als habe er mich gar nicht erkannt. Denn bei diesen gewichtigen Diplomaten hat eine bestimmte Art, uns anzusehen, nicht den Zweck, uns wissen zu lassen, daß sie uns gesehen haben, sondern vielmehr, daß sie uns nicht gesehen und mit ihrem Kollegen ernste Fragen zu besprechen haben. Eine große Frau, die ich oft vor dem Haus kreuzte, war weniger diskret mit mir. Denn obgleich ich sie nicht kannte, drehte sie sich nach mir um, wartete – umsonst – auf mich vor den Schaufenstern, lächelte mir zu, als wollte sie mich küssen und machte eine Bewegung der Hingabe. Wenn sie jemandem begegnete, den sie kannte, setzte sie für mich eine eisige Miene auf. Schon seit langem wählte ich auf diesen Morgengängen, je nachdem, was ich zu tun hatte, und sei es auch nur irgend eine Zeitung zu kaufen, den geradesten Weg, und es machte mir nichts aus, wenn er außerhalb der Strecke lag, die die Herzogin auf ihrem Spaziergang verfolgte, wenn er aber darauf lag, machte ich mir auch keine Skrupeln und blieb harmlos, denn es war für mich nicht mehr der verbotene Weg, auf dem ich einer Undankbaren die Gunst ablistete, sie gegen ihren Willen zu sehen. Aber ich hatte nicht bedacht, daß meine Gesundung, wenn sie mir Frau von Guermantes gegenüber eine normale Haltung gab, parallel dazu dasselbe Werk an ihr vollbrachte und eine Liebenswürdigkeit, eine Freundschaft ihr möglich machte, die für mich wenig bedeutete. Bis dahin hätten die vereinten Bemühungen der ganzen Welt, mich ihr nahe zu bringen, vor dem Hexenfluch unglücklicher Liebe versagt. Feen, mächtiger als die Menschen, haben bestimmt, in solchen Fällen soll nichts helfen bis zu dem Tage, an dem wir aufrichtig in unserm Herzen zu uns sagen: »Ich liebe nicht mehr.« Ich hatte es Saint-Loup verübelt, daß er mich nicht zu seiner Tante gebracht hatte. Aber er war ebensowenig wie alle andern imstande, einen Zauber zu brechen. Während ich Frau von Guermantes liebte, machten mir die Freundlichkeiten und Komplimente anderer Kummer, nicht nur, weil sie nicht von ihr kamen, sondern auch, weil sie nichts von ihnen erfuhr. Hätte sie davon gehört, es hätte gar nichts genützt. In Liebesdingen hilft es auch im Kleinen mehr, wenn man einmal fernbleibt, eine Dinereinladung ablehnt, unabsichtlich oder unbewußt streng ist als alle kosmetischen Künste und die schönsten Kleider helfen. Es würde mehr Erfolgreiche geben, wenn man in diesem Sinne in der Kunst, Erfolg zu haben, unterweisen würde.

Als Frau von Guermantes, mit den Gedanken noch bei Freunden, die ich nicht kannte, die sie vielleicht gleich auf einer andern Gesellschaft treffen würde, den Salon, in dem ich saß, durchschritt, bemerkte sie mich auf meiner Bergère. Da ich wirklich gleichgültig war, suchte ich nur liebenswürdig zu sein – als ich liebte, hatte ich, ohne Erfolg, versucht, gleichgültig auszusehen. Sie bog schräg ab, kam auf mich zu, sie hatte wieder das Lächeln von dem Abend in der Opéra-Comique, das jetzt das peinliche Gefühl, von einem geliebt zu werden, den sie nicht liebte, nicht mehr verdrängte. »Nein, bleiben Sie sitzen, Sie erlauben, daß ich mich einen Augenblick zu Ihnen setze?« sagte sie und raffte graziös ihren weiten Rock, der sonst allein die ganze Bergère eingenommen hätte.

Sie war größer als ich und durch den Umfang ihres Kleides erschien sie noch größer; fast streifte mich ihr wunderbarer nackter Arm, dessen Flaum kaum sichtbarer unzähliger Härchen beständig eine Art Golddunst aufsteigen ließ, und das blonde Geflecht ihres Haars, das seinen Duft gegen mich ausströmte. Da sie nicht Platz genug dafür hatte, konnte sie sich nicht leicht zu mir drehen, sie war gezwungen, mehr geradeaus als nach meiner Seite zu sehen und nahm eine sanft träumende Miene an wie auf einem Porträt.

»Haben Sie Nachrichten von Robert?« fragte sie mich.

Gerade kam Frau von Villeparisis vorbei.

»Sie sind aber schön unpünktlich, wenn Sie sich wirklich schon einmal sehen lassen«.

Da sie mich mit ihrer Nichte sprechen sah, vermutete sie vielleicht, wir seien enger befreundet, als sie wußte.

»Aber ich will Sie nicht in Ihrer Unterhaltung mit Oriane stören«. (Etwas Kuppelei zählt ja zu den Hausfrauenpflichten). »Wollen Sie nicht Mittwoch mit ihr zu mir zum Essen kommen?«

Mittwoch sollte ich mit Frau von Stermaria essen; ich sagte, ich sei nicht frei.

»Und Sonnabend?«

Sonnabend oder Sonntag kam meine Mutter zurück, es wäre nicht nett von mir gewesen, diese Abende nicht zum Essen bei ihr zu bleiben; ich mußte wieder ablehnen.

»Sie sind aber nicht leicht zu haben«.

»Warum besuchen Sie mich nie?« fragte Frau von Guermantes, als Frau von Villeparisis sich entfernt hatte, um dem Künstler Komplimente zu sagen und der Diva ein Rosenbukett zu überreichen, dem nur die Hand, die es gab, Wert verlieh, denn es hatte nur zwanzig Franken gekostet. (Das war, nebenbei bemerkt, die höchste Summe, die sie ausgab, wenn man nur einmal bei ihr gesungen hatte. Die, welche bei Matineen und Soireen mitwirkten, bekamen Rosen, die die Marquise gemalt hatte.)

»Es ist langweilig, sich immer nur bei andern zu sehen. Da Sie nicht bei meiner Tante mit mir essen wollen, würden Sie nicht zu mir zum Essen kommen?«

Gewisse Leute, die unter irgendwelchen Vorwänden möglichst lange geblieben waren, gingen jetzt endlich; als sie nun die Herzogin mit einem jungen Mann im Gespräch auf einem schmalen Möbel sitzen sahen, auf dem man nur zu zweit Platz hatte, dachten sie, man habe sie falsch berichtet, die Herzogin, nicht der Herzog wolle die Scheidung, meinetwegen nämlich. Dann beeilten sie sich, diese Neuigkeit zu verbreiten. Niemand wußte besser als ich, wie falsch das war. Aber es überraschte mich, daß die Herzogin gerade in einem so heiklen Moment, während eine noch nicht vollzogene Scheidung ins Werk gesetzt werden sollte, jemanden einlud, den sie so wenig kannte. Ich kam auf die Vermutung, nur der Herzog habe nicht gewollt, daß sie mich empfinge, und jetzt, da er sie verließ, sehe sie kein Hindernis mehr, sich mit Leuten zu umgeben, die ihr gefielen.

Zwei Minuten vorher wäre ich verblüfft gewesen, wenn man mir gesagt hätte, Frau von Guermantes werde mich auffordern, sie zu besuchen, ja sogar, bei ihr zu speisen. Gewiß war mir bekannt, der Salon Guermantes habe nicht das Besondere zu bieten, das ich dem Namen Guermantes entnahm, die Tatsache, daß mir verwehrt war, in ihn einzudringen, zwang mich, ihm eine Art Dasein zu geben, wie die Salons haben, deren Beschreibung wir in einem Roman gelesen, deren Bild wir in einem Traum gesehen haben, und so stellte ich, obwohl ich sicher war, daß er allen andern Salons glich, ihn mir ganz anders vor; zwischen ihm und mir war die Schranke, an der die Wirklichkeit endet. Bei den Guermantes essen, das war wie eine langersehnte Reise antreten, vor Augen bekommen, was das Hirn ersehnte, mit einem Traume Bekanntschaft machen. Immerhin hätte ich annehmen können, es handle sich um eines der Diners, zu dem die Herren des Hauses jemanden mit den Worten einladen: »Kommen Sie, wir werden ganz unter uns sein«, wobei sie tun, als schrieben sie dem Paria ihre Furcht zu, mit ihren andern Freunden, ihn zusammenzubringen – sie versuchen sogar die Quarantäne des Ausgestoßenen, des wider Willen begünstigten Outsiders in ein beneidenswertes, einzig den Intimsten vorbehaltenes Privileg zu verwandeln. Statt dessen wünschte Frau von Guermantes, das fühlte ich, mir das angenehmste, was sie hatte, zu bieten, als sie nun sagte – und ihre Worte gaben mir ein Bild von der bläulich schimmernden Schönheit einer Ankunft bei der Tante von Fabrice del Dongo, ein Gefühl von dem Wunder, dem Grafen Mosca vorgestellt zu werden.

»Freitag, wenn Sie da frei wären, im kleinen Kreise. Das wäre nett. Die Prinzessin von Parma wird da sein, die ist reizend; ich würde Sie sowieso nicht einladen, wenn ich Sie nicht mit angenehmen Leuten zusammenbringen könnte«.

Die Familie, die in den mittleren Gesellschaftskreisen, die beständigem Aufstieg ausgesetzt sind, verödet, spielt dagegen in den unveränderlichen Kreisen eine wichtige Rolle, nämlich bei Kleinbürgern und dem hohen Adel, der nicht weiter emporstreben kann, weil es, von seinem besondern Gesichtspunkt aus, nichts über ihm gibt. Die Freundschaft, welche die »Tante Villeparisis« und Robert mir bewiesen, hatten vielleicht für Frau von Guermantes und ihre Freunde, die immer unter sich und in derselben Clique lebten, aus mir den Gegenstand eines neugierigen Interesses gemacht, das ich nicht vermutete.

Mit diesen Verwandten hatte sie eine vertraute, alltägliche, banale Bekanntschaft, ganz anders als wir uns vorstellen, und werden wir da mit hineingezogen, so wird unser Auftreten nicht verleugnet, nicht als Sandkorn aus dem Auge, als Tropfen aus der Luftröhre ausgeschieden werden, es bleibt bestehen, wird noch besprochen und erzählt, wenn wir es selbstlängst vergessen haben, und wir wundern uns, in diesem Palais unser Gedächtnis bewahrt zu finden, als fänden wir einen Brief von uns in einer kostbaren Autographensammlung.

Einfache, elegante Leute können ihre Tür verschließen, wenn sie zu sehr bestürmt wird. Das wurde die der Guermantes nicht. Ein Fremder hatte fast nie Gelegenheit, an ihr vorbei zu kommen. Und wurde wirklich einmal die Herzogin auf einen Fremden aufmerksam gemacht, so dachte sie nicht daran, sich für seinen gesellschaftlichen Wert zu interessieren, denn das war etwas, das sie verlieh, aber nicht empfangen konnte. Sie dachte nur an seine wirklichen Vorzüge. Frau von Villeparisis und Saint-Loup hatten ihr gesagt, ich besitze solche. Und das hätte sie ihnen sicher nicht geglaubt, wenn ihr nicht aufgefallen wäre, daß sie mich nie dazu brachten, zu ihnen zu kommen, wenn sie es wollten, daß mir also nichts an der Gesellschaft lag, und das war für die Herzogin bei einem Fremden ein Zeichen, daß er zu den »angenehmen Leuten« zähle.

Es war interessant zu sehen, wie sie, wenn man von Frauen sprach, die sie nicht liebte, die Miene wechselte, sobald man mit Bezug auf eine von ihnen zum Beispiel ihre Schwägerin nannte. »Oh, sie ist reizend«, sagte sie dann mit einem schlauen überzeugten Ausdruck im Gesicht. Und der einzige Grund, den sie dafür angab, war, diese Dame hatte es abgelehnt, der Marquise von Chaussegros und der Fürstin Silistrie vorgestellt zu werden. Sie fügte nicht hinzu, daß die Dame auch abgelehnt hatte, ihr, der Herzogin von Guermantes, vorgestellt zu werden. Das war aber der Fall, und seit dem Tage arbeiteten in der Herzogin die Gedanken, was mochte es wohl mit dieser Dame für eine Bewandtnis haben, daß sie so schwer kennen zu lernen war? Sie brannte darauf, bei ihr empfangen zu werden. Die Leute der Gesellschaft sind gewöhnt, daß man sich um sie bemüht: wer sie flieht, scheint ihnen ein Phönix und nimmt ihre: Aufmerksamkeit in Beschlag.

Ob Frau von Guermantes (seit ich sie nicht mehr liebte) mich wirklich deshalb einladen wollte, weil ich mich nicht um ihre Verwandten bemühte, welche sich doch um mich bemühten, weiß ich nicht. Jedenfalls wollte sie, als sie entschlossen war, mich einzuladen, mir das beste bieten, was sie hatte, und die unter ihren Freunden fernhalten, die es mir hätten verleiden können, wiederzukommen, weil sie – sie wußte es – uninteressant waren. Mir war nicht klar gewesen, worauf ich den Richtungswechsel der Herzogin zurückführen sollte, als sie von ihrer Sternenbahn abbog, sich neben mich setzte und mich zum Essen einlud, mir fehlte der besondere Sinn, der uns über die Ursachen solchen Geschehens aufklärt. Wir bilden uns ein, Leute, die wir kaum kennen, – wie ich die Herzogin – denken an uns nur in den seltenen Augenblicken, wenn sie uns sehen. Allein dies ideale Vergessen unseres Daseins, das unsere Einbildung ihnen zuschreibt, ist absolut willkürlich. Und da wir uns vorstellen, wie die verschiedenen Königinnen der Gesellschaft in der Stille der Einsamkeit, wie in der einer schönen Nacht, ihren Weg am Himmel in unendlicher Entfernung verfolgen, können wir uns eines unangenehmen oder freudigen Schrecks nicht erwehren, wenn von da oben wie eine Art Aerolith, auf den unser Name eingraviert ist, – den man doch, meinten wir, auf der Venus oder der Kassiopeia nicht kenne –eine Einladung zum Diner oder eine böse Verleumdung uns zufällt.

Vielleicht ahmte Frau von Guermantes bisweilen die persischen Fürsten nach, die, wie das Buch Esther erzählt, sich Register vorlesen ließen, auf denen die Namen derjenigen ihrer Untertanen standen, welche ihnen Diensteifer bewiesen hatten, und studierte die Liste der Wohlgesinnten, und hatte sich dabei von mir gesagt: »Einer, den wir zum Diner einladen werden.« Aber andere Gedanken hatten sie abgelenkt (Mit Sorgen ringsumher stürmts auf den Fürsten ein, Und immer Neues will von ihm beachtet sein), bis zu dem Augenblick, da sie mich allein wie Mardochai an der Tür des Palastes sah; da hatte mein Anblick ihr Gedächtnis aufgefrischt und, dem Ahasverus gleich, wollte sie mich mit ihren Gaben überhäufen.

Indessen sollte eine Überraschung entgegengesetzter Art derjenigen folgen, die mir widerfuhr, als Frau von Guermantes mich einlud. Da ich es von meiner Seite bescheidener und dankbarer fand, diese erste Überraschung nicht zu verbergen, vielmehr übertrieben zum Ausdruck zu bringen, wie erfreulich sie mir war, hatte Frau von Guermantes, die sich schon anschickte fortzugehen, um eine andre Gesellschaft zu besuchen, fast wie zur Rechtfertigung und als fürchte sie, ich wüßte nicht recht, wer sie sei (so erstaunt schien ich darüber, daß sie mich zu sich einlud) mir gesagt: »Sie wissen doch, ich bin die Tante von Saint-Loup, der Sie sehr gern hat, und übrigens haben wir uns hier schon gesehen«. Ich antwortete, das wüßte ich, und fügte hinzu, ich kenne auch Herrn von Charlus, der »in Balbec und in Paris sehr gut zu mir war«. Frau von Guermantes sah erstaunt aus, und ihre Blicke schienen, um nachzuprüfen, auf eine; frühere Seite im Buche des Innern zurückzugehen. »Wie? Sie kennen Palamède?« Dieser Vorname bekam in Frau von Guermantes Mund etwas sehr Mildes durch die unbeabsichtigte Schlichtheit, mit der sie von einem so imposanten Manne sprach, der allerdings für sie nur ihr Schwager und der Vetter war, mit dem sie zusammen aufgewachsen war. Und in das unbestimmte Grau, in dem das Leben der Herzogin von Guermantes vor mir lag, tat der Name Palamède etwas von der Helligkeit langer Sommertage, an denen sie als junges Mädchen im Garten zu Guermantes mit ihm gespielt hatte. Zudem waren in diesem längst verflossenen Teil ihres Lebens Oriane von Guermantes und ihr Vetter Palamède ganz anders gewesen, als sie seither geworden waren; namentlich Herr von Charlus hatte sich damals ganz künstlerischen Neigungen hingegeben, die er in der Folge gut zu zügeln verstand: ich war verblüfft, als ich erfuhr, er habe den großen Fächer mit gelben und schwarzen Iris gemalt, den die Herzogin gerade entfaltete. Sie hätte mir auch eine kleine Sonatine zeigen können, die er früher einmal für sie komponiert hatte. Ich wußte absolut nichts von all diesen Talenten des Barons, er sprach nie davon. Beiläufig, Herr von Charlus war nicht erbaut darüber, daß man ihn in seiner Familie Palamède nannte. Daß »Mémé« ihm nicht gefiel, hätte man verstehen können. Solche albernen Abkürzungen bezeugen, wie wenig Verständnis der Adel für seine eigene Poesie hat (dasselbe gilt übrigens für das Judentum: ein Neffe der Lady Rufus Israel, der Moses hieß, wurde in der Gesellschaft gewöhnlich »Momo« genannt) und wie er bemüht ist, nur ja nicht den Anschein zu wecken, er messe dem, was adlig ist, Wichtigkeit bei. Herr von Charlus hatte in dieser Beziehung mehr poetische Phantasie und deutlicheren Stolz. Daß er aber an »Mémé« wenig Geschmack fand, hatte einen andern Grund, der sich auch auf seinen schönen Vornamen Palamède erstreckte. Er fühlte und wußte, daß er zu einer fürstlichen Familie gehörte, und hätte es deshalb gern gesehen, daß sein Bruder und seine Schwägerin, wenn sie von ihm sprachen, »Charlus« sagten, wie die Königin Marie-Amélie oder der Herzog von Orléans von ihren Söhnen, Enkeln, Neffen und Brüdern sagen konnten: »Joinville, Chartres, Paris«.

»Das ist ein Geheimniskrämer, dieser Mémé«, rief sie. »Wir haben ihm lang und breit von Ihnen gesprochen, er hat uns gesagt, er würde sehr glücklich sein, Ihre Bekanntschaft zu machen, gerade, als habe er Sie nie gesehen. Sie müssen zugeben, er ist komisch, und, wenn es auch nicht gerade nett von mir ist, das von einem Schwager zu sagen, den ich sehr liebe und dessen ungewöhnliche Gaben ich bewundere, zeitweise ein bißchen verrückt.«

Ich war sehr betroffen, dies Wort auf Herrn von Charlus angewandt zu hören, und sagte mir, diese Halbverrücktheit erkläre vielleicht so manches, zum Beispiel, daß ihn der Gedanke so sehr entzückte, Bloch aufzufordern, seine eigne Mutter zu schlagen. Nicht nur, was er sagte, sondern auch wie er es sagte, hatte bisweilen etwas Verrücktes, so kam es mir vor. Wenn man zum ersten Mal einen Anwalt oder einen Schauspieler hört, ist man überrascht, wie verschieden ihr Tonfall von dem des Gesprächs klingt. Da man aber merkt, alle andern finden das ganz natürlich, sagte man nichts zu ihnen, sagt zu sich selbst nichts und begnügt sich, die Stufe des Talentes zu würdigen. Höchstens denkt man von einem Schauspieler des Théâtre-Français: Warum, statt, seinen erhobenen Arm sinken zu lassen, läßt er ihn zehn Minuten lang ruckweise in lauter kleinen Pausen herab? oder von einem Manne wie Labori: Warum, wenn er den Mund auftut, kommen unerwartet tragische Töne heraus, um die einfachste Sache zu sagen? Aber da alle das von vornherein hinnehmen, stößt man sich nicht daran. Ebenso mußte man sich, wenn man darüber nachdachte, sagen, Herr von Charlus spreche von sich pathetisch und in einem Ton, der durchaus nicht der des gewöhnlichen Gesprächs war. Es war, als müßte man ihm alle Augenblicke sagen: »Warum schreien Sie denn so? Warum sind Sie so grob?« Allein es schien ein allgemeines schweigendes Übereinkommen zu bestehen, das sei gut so. Und man schloß sich der Runde an, die ihn feierte, während er seine hochtrabenden Reden hielt. Aber sicher hätte bei manchen Stellen ein Fremder geglaubt, einen Wahnwitzigen schreien zu hören.

»Sind Sie auch sicher, daß Sie ihn nicht verwechseln? Sprechen Sie wirklich von meinem Schwager Palamède?«, fügte die Herzogin hinzu, und ihrem einfachen Ton pfropfte sich eine leichte Unverschämtheit auf.

Ich antwortete, ich sei absolut sicher, Herr von Charlus müsse meinen Namen nicht recht verstanden haben.

»Jetzt muß ich Sie verlassen«, sagte wie bedauernd Frau von Guermantes. »Ich muß eine Sekunde zur Fürstin Ligne. Sie gehen nicht dahin? Nein, Sie lieben Gesellschaft nicht? Sie haben ganz recht, es ist unerträglich. Wenn ich nicht müßte! Aber es ist meine Kusine, es wäre nicht nett. Egoistisch wie ich bin, bedaure ich, daß Sie nicht kommen, ich hätte Sie hinbringen, sogar wieder heimbringen können. Also auf Wiedersehen, ich freue mich auf Mittwoch.«

Daß Herr von Charlus sich vor Herrn von Argencourt meiner geschämt hatte, mochte hingehen. Daß er aber vor seiner eignen Schwägerin, die obendrein eine so hohe Meinung von mir hatte, ableugnete, mich zu kennen, was doch ganz natürlich war, da ich sowohl seine Tante wie seinen Neffen kannte – das konnte ich nicht begreifen.

Abschließend will ich noch sagen, Frau von Guermantes hatte von einem bestimmten Gesichtspunkt aus etwas wahrhaft Großzügiges in der Art, wie sie das, was andre nur unvollständig vergessen hätten, einfach auslöschte. Wenn ich ihr nie mit Nachlaufen und Auflauern auf ihren Morgenspaziergängen auf die Nerven gefallen wäre, wenn sie nie meinen täglichen Gruß mit verärgerter Ungeduld erwidert, nie Saint-Loup zum Teufel geschickt hätte, als er sie inständig bat, mich einzuladen –, sie hätte mich nicht mit edlerer, natürlicherer Liebenswürdigkeit behandeln können. Sie hielt sich nicht bei nachträglichen Erklärungen auf, vermied alle halben Worte, alles zweideutige Lächeln, allen Doppelsinn, in ihrer gegenwärtigen Freundlichkeit ohne Rückfall und ohne Vorbehalt lag dieselbe stolze Geradheit wie in ihrer majestätischen Statur; alles, was sie einem aus der Vergangenheit hätte nachtragen können, war ganz zu Asche verbrannt, und auch die Asche hatte sie weggeworfen aus ihrem Gedächtnis oder wenigstens aus ihrem Benehmen; ihre Art, alles, was bei andern Vorwand zu Resten von Kühle, zu heimlichem Vorwurf gewesen wäre, behandelte sie mit wunderbarer Vereinfachung, und es war, als würde es dadurch gewissermaßen geläutert.

Wunderte es mich aber, wie ganz anders sie gegen mich geworden war, wieviel mehr mußte mich die weit größere Veränderung wundern, die sich in mir selber in Bezug auf sie begeben hatte! Hatte es wirklich einen Augenblick gegeben, wo mich gleich alle Lebenskraft verließ, wenn ich nicht immer neue Pläne schmiedete, jemand aufzutreiben, der mich bei ihr einführte und nach diesem ersten Glück meinem immer anspruchsvoller werdenden Herzen weitere Beglückungen verschaffte? Nur weil ich absolut niemanden finden konnte, war ich nach Doncières zu Saint-Loup gereist. Und jetzt – hing es allerdings mit einem Brief von ihm zusammen, daß ich so erregt war, aber Frau von Stermarias wegen, nicht wegen Frau von Guermantes.

Fügen wir, um mit diesem Abend zu Ende zu kommen, hinzu, daß sich etwas zutrug, das zwar ein paar Tage später dementiert wurde, mich aber doch sehr erstaunte, für einige Zeit mit Bloch entzweite und an und für sich einen der merkwürdigen Widersprüche darstellte, deren Erklärung man im nächsten Bande finden wird (Sodom und Gomorrha I). Bei Frau von Villeparisis pries mir Bloch unaufhörlich die liebenswürdige Haltung des Herrn von Charlus: wenn er ihm auf der Straße begegne, sehe er ihm immer in die Augen, als kenne er ihn oder habe Lust, ihn kennen zu lernen, und wisse genau, wer er sei. Erst lächelte ich darüber, da Bloch sich doch in Balbec so heftig absprechend über denselben Herrn von Charlus ausgelassen hatte. Und ich dachte mir einfach, Bloch kenne den Baron »ohne ihn zu nennen«, wie sein Vater den Dichter Bergotte. Und was er für einen liebenswürdigen Blick halte, sei ein zerstreuter Blick. Aber schließlich drückte sich Bloch sehr präzis aus, er war sicher, Herr von Charlus habe ihn zwei- oder dreimal ansprechen wollen, da fiel mir ein, daß ich dem Baron von meinem Kameraden gesprochen hatte und er, als wir nach einem Besuch bei Frau von Villeparisis ein Stück miteinandergingen, verschiedene Fragen über Bloch mir vorgelegt hatte, so nahm ich schließlich an, Bloch lüge nicht, Herr von Charlus habe seinen Namen erfahren, und daß er mein Freund sei usw. ... So bat ich denn einige Zeit später im Theater Herrn von Charlus, ihm Bloch vorstellen zu dürfen, und holte, als er damit einverstanden war, meinen Kameraden heran. Kaum aber sah ihn Herr von Charlus, so malte sich ein gleich wieder unterdrücktes Erstaunen in seinem Gesicht und sodann funkelnde Wut. Nicht genug, daß er ihm die Hand nicht gab, so oft Bloch das Wort an ihn richtete, antwortete er mit unverschämter Miene und in geärgertem verletzenden Tonfall. Daraufhin glaubte Bloch, der, wie er behauptete, bisher den Baron nur freundlich lächelnd kannte, ich habe in dem kurzen Gespräch mit dem Baron, das ich, da ich seinen Geschmack für Etikette kannte, der Vorstellung meines Kameraden vorhergehen ließ, mich nicht empfehlend, sondern ungünstig über ihn geäußert. Bloch verließ uns erschöpft wie einer, der auf ein Pferd hat steigen wollen, das die ganze Zeit durchging, oder gegen die Wellen schwimmen, die ihn immer wieder aufs Ufergeröll warfen, und sprach ein halbes Jahr nicht mit mir.

Die Tage bis zu meinem Diner mit Frau von Stermaria wurden mir nicht köstlich, sondern unleidlich. Je kürzer im allgemeinen die Zeit ist, die uns von dem, was wir vorhaben, trennt, umso länger erscheint sie uns, weil wir einen kürzeren Maßstab anlegen, oder einfach, weil wir überhaupt messen. Das Papsttum, sagt man, zählt nach Jahrhunderten, und vielleicht denkt es gar nicht daran zu zählen, denn sein Ziel liegt im Unendlichen. Meins lag nur drei Tage entfernt, ich zählte nach Sekunden, ich überließ mich Phantasien, die schon beginnende Liebkosungen sind, – und es macht einen rasend, diese Liebkosungen nicht von der Frau selbst vollenden lassen zu können (gerade diese Liebkosungen unter Ausschluß aller andern). Und dann, mag auch im allgemeinen die Schwierigkeit, den Gegenstand eines Begehrens zu erlangen, das Begehren erhöhen (die Schwierigkeit, nicht die Unmöglichkeit, die unterdrückt es), so bringt doch für ein rein physisches Begehren die Sicherheit, es wird zu naher und bestimmter Zeit erfüllt werden, nicht weniger aus der Fassung als die Unsicherheit; fast so sehr wie ängstlicher Zweifel macht zweifellose Sicherheit es unerträglich, auf einen unausbleiblichen Genuß zu warten, denn aus diesem Warten macht sie unzählige Erfüllungen, und die vielen vorwegnehmenden Vorstellungen teilen die Zeit in ebenso kleine Bruchteilchen, wie es die Angst getan hätte.

Was mir not tat, war, Frau von Stermaria zu besitzen, denn seit mehreren Tagen hatten meine unablässig aktiven Begierden diesen Genuß in meiner Phantasie vorbereitet, und zwar nur diesen Genuß, ein anderer (der Genuß mit einer andern) wäre nicht bereit gewesen, denn Genuß ist nur die Verwirklichung eines vorhergehenden Begehrens und nicht immer desselben, es wechselt mit den tausend Kombinationen der Träumerei, mit Zufällen der Erinnerung, Zustand des Temperaments und der Reihenfolge, in der die Begierden sich bieten (die, welche zuletzt erhört wurden, ruhen sich aus, bis die Enttäuschung in ihrer Erfüllung ein wenig vergessen wurde); ich wäre nicht bereit gewesen, ich hatte schon die Landstraße der allgemeinen Begierden verlassen und den Seitenpfad einer besonderen Begier eingeschlagen; um ein anderes Rendezvous zu wünschen, hätte ich von zu weiter Entfernung und auf einem andern Pfade auf die Landstraße zurückkommen müssen. Frau von Stermaria auf der Insel des Bois de Boulogne, wohin ich sie zum Diner eingeladen hatte, zu besitzen, das war der Genuß, den ich mir alle Augenblicke vorstellte. Er wäre natürlich zerstört worden, wenn ich auf dieser Insel ohne Frau von Stermaria diniert hätte; aber vielleicht hätte es ihn ebenso sehr beeinträchtigt, wenn ich, selbst mit ihr, anderswo diniert hätte. Übrigens geht unsere Vorstellung von der Art und Weise, wie ein Genuß stattfindet, der Wahl der Frau oder der Art von Frauen, die dafür sich eignen, voraus. Dies Wie bestimmt den Genuß und seine Stätte, und daher läßt es abwechselnd bestimmte Frauen, bestimmte Landschaften, bestimmte Zimmer in unserer launenhaften Phantasie wiederkehren. Die Frauen sind Kinder dieses Wie, und deshalb können wir die einen nicht denken ohne das große Bett, in dem wir an ihrer Seite Frieden gefunden haben, die andern verlangen, um mit heimlicherer Intensität liebkost zu werden, Blätter im Wind, Gewässer in der Nacht, und sind leicht und flüchtig wie diese.

Sicherlich war schon lange, bevor ich den Brief von Saint-Loup bekam, und als es sich noch nicht um Frau von Stermaria handelte, die Insel im Bois mir für Liebesgenuß geeignet erschienen, denn ich war schon manchmal dahin gegangen, die Traurigkeit auszukosten, daß ich keine Liebe dort zu beherbergen hatte. Dort an den Ufern des Sees, die zu dieser Insel führen, an denen in den letzten Sommerwochen die Pariserinnen spazierengehen, die noch nicht verreist sind, irrt man umher und hofft, das junge Mädchen vorüberkommen zu sehen, in das man sich auf dem letzten Ball des Jahres verliebt hat; vor nächstem Frühjahr wird man sie auf keiner Gesellschaft mehr finden, man weiß nicht, ob man sie hier treffen wird, ob sie Paris nicht schon verlassen hat. Reist die Geliebte morgen, ist sie gestern abgereist? Man geht an dem leise rauschenden Wasser die schönen Alleen entlang, in denen schon ein erstes rotes Blatt wie eine letzte Rose blüht, man durchforscht den Horizont, auf den das umgekehrte Kunstmittel angewandt ist wie bei den Panoramen, unter deren Wölbung die Wachsfiguren des Vordergrundes der gemalten Leinwand des Hintergrundes den täuschenden Anschein von Tiefe und Plastik geben; ohne Übergang geraten unsere Blicke von dem gepflegten Park in die natürlichen Höhen von Meudon und vom Mont Valerien, wissen nicht, wo eine Grenze setzen, und lassen in das Werk der Gartenkunst die wirkliche Landschaft eindringen; seinen künstlichen Reiz projizieren sie weit über seinen Rahmen hinaus; so geben seltene, in einem botanischen Garten in Freiheit aufgezogene Vögel täglich bei ihrem Morgenflug den angrenzenden Wäldern eine exotische Note. Zwischen dem letzten Fest des Sommers und dem winterlichen Exil durchstreift man beklommenen Herzens dies romantische Königreich ungewisser Begegnungen und verliebter Melancholie; es könnte für unser Gefühl außerhalb des geographischen Weltalls liegen, wie man auf der Terrasse von Versailles, diesem Observatorium, um das die Wolken sich gegen den blauen Himmel ganz im Stil von Van der Meulen häufen, sich ganz aus der Natur herausgehoben fühlt und sich gar nicht wundern würde, zu hören, da wo sie wieder beginnt, am Ende des großen Kanals, hießen die Dörfer, die man im Horizont, der wie Meer blendet, nicht erkennen kann, Fleurus oder Nimwegen. Und ist die letzte Equipage vorüber und man fühlt mit Schmerz, sie kommt nicht mehr, so geht man auf die Insel essen; über den Zitterpappeln, die unablässig an das Geheimnis des Abends mehr rühren, als es im Grunde sagen, legt eine rosa Wolke einen letzten Lebensschimmer in den stillgewordenen Himmel. Regentropfen fallen lautlos auf das altertümliche, aber in göttlicher Jugend wetterfarben gebliebene Wasser, das immer wieder die Bilder der Wolken und Blumen vergißt. Und haben die Geranien umsonst mit wilderen Farben gegen die düstre Dämmerung angekämpft, so umhüllt Nebel die Insel, und sie schläft ein. In feuchtem Dunkel gehen wir am Wasser entlang, und nur das schweigsame Vorüberschwimmen eines Schwans überrascht uns wie Nachts in einem Bett die einen Augenblick weit offenen Augen und das Lächeln eines Kindes, von dem man nicht vermeinte, es sei wach. Dann möchte man eine Liebende bei sich haben, so allein fühlt man sich und kann sich so fern glauben.

Gab es aber auf dieser Insel selbst im Sommer oft Nebel, wieviel glücklicher wäre ich gewesen, jetzt, da die schlechte Jahreszeit, da Herbstende gekommen war, Frau von Stermaria dahin mitzunehmen. Hätte nicht schon seit Sonntag das Wetter die Landschaft, in der meine Phantasie lebte, zu einer grauen Küste gemacht – wie andre Jahreszeiten sie duftig, licht, italienisch machten–, die Hoffnung, in einigen Tagen Frau von Stermaria zu besitzen, hätte genügt, in jeder Stunde zwanzigmal einen Nebelvorhang in meiner monoton sehnsüchtigen Phantasie aufgehen zu lassen. Beständig ließ mich der Nebel, der seit einem Tage in Paris aufgestiegen war, an die Heimat der jungen Frau denken, die ich eingeladen hatte, und da er wahrscheinlich abends das Bois, besonders am Seeufer, noch viel dichter bedecken würde als die Stadt, dachte ich mir, er werde mir aus der Schwaneninsel ein wenig die Bretagneinsel machen, deren dunstige Meeratmosphäre wie ein Gewand mir immer die blasse Silhouette von Frau von Stermaria umgeben hatte. Wenn man jung ist, wie ich es zu der Zeit meiner Spaziergänge in der Gegend von Méséglise war, dann geben Wunsch und Glauben dem Gewand einer Frau etwas ganz Individuelles, eine unablösbare Essenz. Man stellt der Wirklichkeit nach. Während man aber immer wieder sie sich entschlüpfen läßt, bemerkt man schließlich: durch all die vergeblichen Bemühungen hindurch, die auf ein Nichts stießen, ist etwas Festes uns geblieben, das, was wir suchten. Nun beginnt man abzulösen und kennen zu lernen, was man liebt, versucht, es sich zu verschaffen, wenns sein muß, mit List. Der Glaube ist verschwunden; jetzt bezeichnet das Kostüm mittels gewollter Täuschung, was an seine Stelle getreten ist. Ich wußte, eine halbe Stunde von unserm Haus würde ich die Bretagne nicht finden. Schlang ich aber beim Spazierengehen durch das Dunkel der Insel am Ufer meinen Arm um Frau von Stermaria, so tat ichs denen gleich, die, da sie nicht in ein Kloster eindringen können, eine Frau, ehe sie sie besitzen, wenigstens als Nonne verkleiden. Ich konnte sogar hoffen, mit der jungen Frau ein bißchen Wellenschlag zu hören, denn am Tage vor dem Diner erhob sich ein Sturm. Ich fing an, mich zu rasieren, um dann auszugehen, auf der Insel ein Separatzimmer zu bestellen (obwohl um diese Jahreszeit die Insel leer und das Restaurant verlassen war) und das Menu für das Diner des kommenden Tags zu bestimmen, da meldete Françoise mir Albertine. Ich ließ sie sofort eintreten, es machte mir nichts aus, daß sie mich durch ein schwarzes Kinn entstellt sah, sie, für die ich mich in Balbec nie schön genug gefunden, die mich damals ebensoviel Aufregung und Mühe gekostet hatte wie jetzt Frau von Stermaria. Diese sollte vom Abend den bestmöglichen Eindruck empfangen. Daher bat ich Albertine, sogleich mich auf die Insel zu begleiten, um mir bei dem Menu zu helfen. Die, der man alles gibt, wird schnell durch eine andere ersetzt, und man wundert sich selbst, daß man alles, was man hat, von neuem zu jeder Stunde ohne Hoffnung auf Zukunft hingibt. Bei meinem Vorschlag schien unter der flachen Toque, die ihr tief in der Stirn saß, das lächelnd-rosige Gesicht von Albertine zu zögern. Sie mochte andre Pläne haben; jedenfalls opferte sie zu meiner großen Genugtuung sie mir gern; mir lag nämlich sehr viel daran, eine junge Hausfrau, die das Diner besser bestellen konnte als ich, bei mir zu haben.

Gewiß war sie mir in Balbec etwas ganz andres gewesen. Aber Intimität – sollte sie uns auch nicht eng genug scheinen – mit der Frau, die wir lieben, schafft zwischen ihr und uns – bei allem Unzureichenden, worunter wir leiden, gesellschaftliche Bande, die unsre Liebe, ja sogar die Erinnerung an unsre Liebe überdauern. Dann werden wir unter heiterm Staunen von unserm Gedächtnis mitgeteilt bekommen, was der Name von Einer, die uns nur noch ein Mittel, ein Weg zu andern ist, dem Wesen, das wir ehedem waren, Ursprüngliches einmal bedeutet hat. Es ist, als würfen wir einem Kutscher eine Adresse hin, Boulevard des Capucines oder Rue du Bac, und dächten erst nur an die Person, die wir besuchen wollen, und mit einmal fiele uns ein, diese Namen waren einst der von Kapuzinernonnen, die dort ihr Kloster hatten, und der von der Fähre, die über die Seine setzte.

Gewiß hatten in Balbec meine Begierden Albertines Körper reif gemacht und frischen süßen Reiz in ihm versammelt, und während wir durch das Bois fuhren, während der Wind wie ein sorglicher Gärtner die Bäume schüttelte, Früchte abnahm und welke Blätter fegte, sagte ich mir: hätte Gefahr bestanden, daß Saint-Loup sich getäuscht oder ich seinen Brief falsch verstanden habe und mein Diner mit Frau von Stermaria mich zu nichts führen werde, ich würde für denselben Abend Albertine ein spätes Rendezvous gegeben haben, um während einer Stunde bloßer Wollust an dem Körper, von dem ich mir ehedem die Reize sämtlich abgewogen und berechnet hatte, in meinen Armen – und jetzt war er übervoll von diesen Reizen – die Aufregung und vielleicht auch die Traurigkeit über meine beginnende Liebe zu Frau von Stermaria zu vergessen. Und sicherlich hätte ich mir den Abend mit Frau von Stermaria enttäuschend vorgestellt, wenn ich hätte annehmen können, sie werde mir an diesem ersten Abend keine Gunst gewähren. Ich kannte zu gut die beiden Stadien, die bei beginnender Liebe zu einer Frau, die wir begehrten, ohne sie zu kennen, an der wir mehr die Sphäre lieben, in der sie webt, als die noch beinah Unbekannte selbst, in uns aufeinander folgen, ich wußte, wie bizarr sich diese beiden Stadien im Bereich der Tatsachen spiegeln, das heißt, nicht in uns selbst, sondern in unsern Begegnungen mit der Frau. Ohne daß wir jemals zu ihr gesprochen haben, ließ das lockende Wunder, das sie uns war, uns zögern. Wird sie es sein oder eine andre? Und damit setzen sich schon rings um sie die Träume fest und werden eins mit ihr. Diese entstehende Liebe müßte das erste Rendezvous, das bald folgen wird, widerspiegeln. Aber das geschieht nicht. Da notwendigerweise auch das materielle Leben sein erstes Stadium haben muß, sprechen wir zu ihr, obwohl wir sie schon lieben, nichtssagende Worte: »Ich habe Sie gebeten, zum Essen auf diese Insel zu kommen, weil ich dachte, der Rahmen würde Ihnen gefallen. Ich habe Ihnen übrigens nichts Besondres zu sagen. Aber ich fürchte, es ist recht feucht, es ist Ihnen kalt«. – »O nein«. – »Das sagen Sie aus Liebenswürdigkeit. Um Sie nicht zu verdrießen, gnädige Frau, werde ich Ihnen eine Viertelstunde lang gestatten, gegen die Kälte anzukämpfen, aber dann bring ich Sie mit Gewalt fort. Ich möchte nicht, daß Sie sich eine Erkältung holen«. Und ohne ihr etwas gesagt zu haben, bringen wir sie nach Hause; wir behalten nichts von ihr im Gedächtnis, höchstens eine bestimmte Art, uns anzusehen, aber wir denken an nichts andres als sie wiederzusehen. Dann ist, beim zweiten Mal, (selbst ihren Blick nicht, unsere einzige Erinnerung, können wir jetzt wiederfinden, und trotzdem ist unser einziger Gedanke, sie wiedersehen) das erste Stadium überschritten. In der Zwischenzeit hat nichts stattgefunden. Und dennoch, statt von dem Comfort des Restaurants zu sprechen, sagen wir, ohne damit die neue Person zu verwundern (wir finden sie häßlich und möchten doch, daß man jeden Augenblick ihres Lebens ihr von uns spreche): »Wir werden viel zu tun haben, um all die Hindernisse zu überwinden, die zwischen unsere Herzen sich türmen. Meinen Sie, daß es uns gelingen wird? Können Sie sich vorstellen, daß wir mit unsern Feinden fertig werden, daß wir auf eine glückliche Zukunft hoffen dürfen?« Aber solche Gespräche, erst die nichtssagenden, dann die, welche auf Liebe anspielen, würden in meinem Fall nicht stattfinden, soviel konnte ich nach Saint-Loups Brief glauben. Gleich am ersten Abend würde Frau von Stermaria sich hingeben, ich würde Albertine als Notbehelf für den Rest des Abends nicht zu mir kommen zu lassen brauchen. Das war unnötig. Robert übertrieb nie, und sein Brief war klar!

Albertine sprach wenig zu mir, sie fühlte, mich beschäftigte etwas. Wir machten ein paar Schritte zu Fuß unter der grünlichen und wie unterseeischen Grotte eines dichten Baumschlags, an dessen Wipfel wir den Wind branden und den Regen klatschen hörten. Ich zertrat welke Blätter am Boden, die sich wie Muscheln in die Erde gruben, ich stieß mit meinem Stock Kastanien fort, die stachlig waren wie Seeigel.

An den Zweigen die letzten verkrampften Blätter folgten dem Winde nur, soweit die Stiele sie mitließen, aber manchmal rissen die ab, und dann fielen die Blätter zur Erde und ereilten laufend den Wind. Mit Freuden dachte ich mir, wenn das Wetter anhielte, würde die Insel morgen noch ferner und jedenfalls völlig verlassen sein. Wir stiegen wieder in den Wagen, und da der Wind sich gelegt hatte, bat mich Albertine, bis nach Saint-Cloud weiterzufahren. Wie am Boden die welken Blätter, folgten oben die Wolken dem Wind. Auswandernde Abende, deren rosa, blaue und grüne Schichten gleichsam als Kegelschnitte in den Himmel eingelassen schienen, waren bereit zur Reise in schönere Zonen. Um eine Marmorgöttin mehr aus der Nähe zu sehen, die sich von ihrem Sockel hochschwang und ganz allein in einem großen Wald, der ihr geweiht schien, mit dem halb animalischen, halb heiligen mythischen Schauer ihrer wilden Sprünge ihn erfüllte, stieg Albertine auf einen Hügel, während ich am Wege auf sie wartete. So von unten gesehen war sie nicht mehr dick und rundlich wie neulich auf meinem Bett, wo in der Lupe meiner nahen Augen die Poren ihres Halses sichtbar wurden, sondern zart ziseliert, und wie eine kleine Statue, welche die glücklichen Minuten Balbecs patiniert hatten. Als ich dann wieder allein zu Haus war und überdachte: ich habe am Nachmittag eine Fahrt mit Albertine gemacht, werde übermorgen bei Frau von Guermantes essen und habe einen Brief von Gilberte zu beantworten – drei Frauen, die ich geliebt hatte –, sagte ich mir, unser gesellschaftliches Leben ist wie ein Künstleratelier: es steht voll von liegengelassenen Skizzen, in denen wir einen Augenblick unser Bedürfnis nach großer Liebe festhalten zu können glaubten; aber mir fiel nicht ein, was bisweilen, wenn die Skizze nicht zu alt ist, geschehen kann: dann nehmen wir sie wieder auf und machen aus ihr ein ganz anderes Werk, und das wird vielleicht bedeutender als was wir zuerst vorhatten.

Am nächsten Tage war es kalt und schön: man spürte den Winter (und in der Tat war die Jahreszeit schon vorgerückt, es war ein Wunder, daß wir im schon geplünderten Bois noch grüngoldene Kuppeln gefunden hatten). Beim Erwachen sah ich, wie im Fenster der Kaserne von Doncières, den matten gleichmäßig weißen Nebel lustig und zäh und fein wie Zuckerfladen an der Sonne hängen. Dann verbarg sich die Sonne, und im Lauf des Nachmittags wurde der Nebel noch dichter. Es wurde zeitig dunkel, ich machte Toilette, aber es war noch zu früh, um mich aufzumachen; ich beschloß, Frau von Stermaria einen Wagen zu schicken. Ich wagte nicht, selbst einzusteigen, ich wollte sie nicht zwingen, den Weg mit mir zu fahren, aber ich gab dem Kutscher ein Wort für sie mit, in dem ich um die Erlaubnis bat, sie abzuholen. Inzwischen legte ich mich auf mein Bett, schloß einen Augenblick die Augen und öffnete sie dann wieder. Oben an den Vorhängen war nur noch eine schmale Borte Licht, die sich nun verdunkelte. Ich erkannte sie wieder, die nutzlose Stunde, den tiefen Vorraum des Genusses, dessen angenehm düstre Leere ich in Balbec kennen gelernt hatte, als ich wie jetzt in meinem Zimmer allein war, während die andern zu Tisch gegangen waren, und ohne Traurigkeit den Tag oben an den Vorhängen vergelten sah, wußte ich doch, bald würde er nach einer Nacht so kurz wie die Polarnächte in dem Lichtmeer von Rivebelle glänzender wieder auferstehn. Ich sprang vom Bett, band meine schwarze Krawatte um, bürstete mir das Haar, lauter letzte Gebärden einer späten Toilette, wie ich in Balbec sie machte, wobei ich nicht an mich, sondern an die Frauen dachte, die ich in Rivebelle sehen würde (ich lächelte ihnen im schrägen Spiegel meines Zimmers im voraus zu), und so waren diese Signale Vorboten einer aus Lichtern und Musik gemischten Zerstreuung geblieben. Als magische Signale beschworen sie die, mehr noch, verwirklichten sie sie schon; dank ihnen hatte ich von ihrer Wahrheit, ihrem berauschenden und spielerischen Reiz so sichere Kenntnis, und so vollen Genuß, wie damals in Combray im Monat Juli, als ich die Hammerschläge des Packers hörte und in der Frische meines dunklen Zimmers Wärme und Sonne genoß.

Nun wars auch nicht mehr ganz Frau von Stermaria, was ich zu sehen gewünscht hätte. Jetzt, da ich gezwungen war, meinen Abend mit ihr zu verbringen, hätte ich ihn lieber, da er der letzte vor der Rückkehr meiner Eltern war, frei gehabt, um versuchen zu können, Frauen von Rivebelle wiederzusehen. Ich wusch mir ein letztes Mal die Hände, und zum Vergnügen durch die Wohnung spazierend, trocknete ich sie mir im dunklen Eßzimmer. Dort schien mir eine Tür nach einem beleuchteten Vorzimmer offen, aber was ich für eine helle Spalte der in Wirklichkeit geschlossenen Tür genommen hatte, war nur der weiße Widerschein meines Handtuchs in einem Spiegel, der an die Wand gelehnt stand, bis man zu Mamas Rückkehr ihn aufhängen würde. Ich dachte wieder an all die Sinnestäuschungen, die ich in unserer Wohnung entdeckt hatte, und das waren nicht allein optische. So hatte ich geglaubt, die Nachbarin habe einen Hund, weil ein lang anhaltendes fast menschliches Jaulen aus einem bestimmten Küchenrohr kam, so oft der Hahn geöffnet wurde. Und wenn die Flurtür im Windzug von der Treppe sehr langsam zufiel, produzierte sie immer Stücke der wollüstig seufzenden Passagen, die sich im Pilgerchor gegen Ende der Tannhäuserouvertüre häufen. Diese blendende Orchestermusik bekam ich übrigens, als ich nun das Handtuch an seinen Platz zurückgetan hatte, gleich wieder einmal zu hören Gelegenheit, denn es klingelte. Ich lief zur Tür des Vorzimmers und öffnete dem Kutscher, der mir die Antwort brachte. Ich dachte, sie würde lauten: »Die Dame ist unten« oder »Die Dame erwartet Sie«. Aber er hielt einen Brief in der Hand. Ich zauderte einen Augenblick, Kenntnis zu nehmen von dem, was Frau von Stermaria mir schrieb; solange sie die Feder in der Hand hielt, hätte es anders ausfallen können, jetzt, abgelöst von ihr, war es ein Schicksal, das allein seinen Weg verfolgte, an welchem sie nichts mehr ändern konnte. Ich bat den Kutscher, hinunterzugehen und einen Augenblick zu warten, obgleich er über den Nebel fluchte. Sobald er fort war, öffnete ich den Umschlag. Auf die Visitenkarte: Vicomtesse Alix von Stermaria hatte sie, die ich eingeladen, geschrieben: »Zu meinem großen Bedauern ist etwas dazwischengekommen, und ich kann heute abend nicht mit Ihnen auf der Insel im Bois dinieren. Ich hatte mich so sehr darauf gefreut. Ich werde Ihnen ausführlicher von Stermaria schreiben. Herzliche Grüße.« Ich stand starr, betäubt von dem Schlag, den ich bekommen hatte. Zu meinen Füßen lagen Karte und Umschlag, sie waren hingefallen wie die Hülse der Kartusche, wenn der Schuß einmal losgegangen ist. Ich hob sie auf. Ich untersuchte die Worte. Sie sagt, sie könne nicht mit mir auf der Insel im Bois dinieren. Daraus könnte man schließen, sie könne anderswo mit mir dinieren. Ich werde nicht so indiskret sein, sie aufzusuchen, aber immerhin könnte man es so auffassen. Da meine Gedanken sich seit vier Tagen im voraus mit Frau von Stermaria auf der Insel im Bois niedergelassen hatten, gelang es mir nicht, sie von da fortzubringen. Mein Verlangen nahm unbewußt immer wieder die Richtung, die es seit soviel Stunden verfolgte, und trotz der Botschaft (die noch zu neu war, um dies Verlangen zu unterdrücken) setzte ich instinktiv meine Vorbereitungen zum Ausgehn fort, wie ein Schüler, der beim Examen durchgefallen ist, noch eine Frage mehr beantworten möchte. Schließlich entschloß ich mich, Françoise hinunterzuschicken, um den Kutscher zu bezahlen. Ich ging über den Flur, fand sie nicht, ging wieder durchs Eßzimmer, plötzlich schallten meine Schritte nicht mehr wie bisher auf dem Parkett, es dämpfte sie ein Schweigen, das noch, bevor ich seine Ursache erkannte, mir ein erstickendes Gefühl des Eingesperrtseins gab. Da lagen die Teppiche, die man für die Rückkehr meiner Eltern festzunageln begonnen hatte, die Teppiche, die so schön sind in glücklichen Morgenstunden, wenn in ihrem Durcheinander die Sonne wie ein Freund auf uns wartet, der uns zum Frühstück auf dem Land abholt, und einen Blick aus dem Walde daraufwirft; jetzt aber waren sie das erste Einrichtungsstück des winterlichen Gefängnisses, in dem ich leben und Familienmahlzeiten einnehmen sollte, aus dem ich nicht nach Gefallen herauskonnte.

»Der junge Herr müssen acht geben, daß Sie nicht fallen; sie sind noch nicht genagelt«, rief mir Francoise zu. »Ich hätte Licht anstecken sollen. Man ist schon Ende September, die schönen Tage sind vorbei«. Bald Winter! An der Ecke der Fensterscheibe, wie auf einem Glas von Gallé, eine hartgefrorene Schneeader; und selbst in den Champs-Elysées statt der jungen Mädchen, auf die man wartet, nur die einsamen Spatzen.

Meine Verzweiflung, Frau von Stermaria nicht zu sehen, wurde noch größer durch eine Vermutung, auf die ihre Antwort mich brachte: während ich seit Sonntag Stunde um Stunde nur für dieses Diner lebte, hatte sie sicher nicht einmal daran gedacht. Später hörte ich von ihrer törichten Liebesheirat mit einem jungen Mann, den sie schon zu dieser Zeit gekannt haben mochte; der war sicher schuld daran, daß sie meine Einladung vergaß. Denn hätte sie daran gedacht, würde sie, um mich zu benachrichtigen, sie sei nicht frei, nicht bis zur Ankunft des Wagens gewartet haben, den ich nach unserer Verabredung ihr übrigens ja nicht zu schicken hatte. Meine Träume von einer adligen Jungfrau auf einer Nebelinsel hatten einer noch nicht existenten Liebe den Weg gebahnt. Jetzt konnten meine Enttäuschung, mein Zorn, mein verzweifeltes Verlangen nach der, die sich versagt hatte – und dabei ließen sie meine Gereiztheit mitspielen –, die mögliche Liebe, die bisher nur meine Phantasie – und noch dazu viel schwächer – mir geboten hatte, zu einer wirklichen machen.

Es gibt in unserer Erinnerung und mehr noch in unserm Vergessen so viele ganz verschiedene Gesichter junger Mädchen und junger Frauen, die nur deshalb Reiz für uns bekamen und ein wildes Verlangen, sie wiederzusehn, erregten, weil sie sich uns im letzten Moment entzogen! Bei Frau von Stermaria kam noch mehr hinzu – und damit ich sie liebe, hätte jetzt genügt, daß ich sie wiedergesehen hätte; dann würden sich die lebhaften, aber zu kurzen Eindrücke erneuert haben, die in ihrer Abwesenheit aufrecht zu erhalten das Gedächtnis die Kraft nicht hatte. Die Umstände entschieden anders, ich sah sie nicht wieder. Nicht sie wars, die ich nun liebte, aber sie hätte es sein können. Und eins der Dinge, die mir die große Liebe, die ich nun bald durchleben sollte, vielleicht am qualvollsten machten, war der Gedanke an diesen Abend, an dem einfache Umstände sich nur etwas anders hätten zu gestalten brauchen und meine Liebe hätte sich anderwärts, hätte sich auf Frau von Stermaria gerichtet. Daß sie sich der, die sie mir bald darauf eingab, zuwandte, war also nicht – wie ich es doch so sehr zu glauben begehrte und nötig hatte – absolut vorbestimmt und notwendig.

 

Françoise hatte gesagt, es wäre unrecht von mir, im Eßzimmer zu bleiben, bevor sie Feuer angesteckt habe und mich dort allein gelassen. Sie machte nun das Essen, und so sollte schon vor Ankunft meiner Eltern und mit diesem Abend meine Haft beginnen. Vor mir sah ich einen mächtigen Packen noch ganz zusammengerollter Teppiche an der Ecke vorm Buffet liegen, in den barg ich meinen Kopf, schluckte seinen Staub und meine Tränen, den Juden gleich, die in der Trauer Asche sich aufs Haupt streuten, und ich begann zu schluchzen. Mich schauerte, nicht nur weil das Zimmer kalt war, sondern auch weil eine erhebliche Wärmeabnahme (sie ist eine Gefahr und, muß man es sagen? ein leichtes Wohlbehagen, gegen das man sich nicht sträubt) durch gewisse Tränen verursacht wird, die Tropfen um Tropfen aus unsern Augen rinnen, wie ein feiner, durchdringender, eisiger Regen, der nie enden zu wollen scheint. Plötzlich hörte ich eine Stimme:

»Kann man eintreten? Françoise hat mir gesagt, du müssest im Eßzimmer sein. Ich bin gekommen, um zu hören, ob du Lust hast, irgendwo mit mir zu essen, wenn dir das nichts schadet, es ist nämlich ein Nebel, mit Messern zu schneiden.« Es war, heut früh angekommen – und ich glaubte ihn noch in Marokko oder auf dem Meer – Robert von Saint-Loup.

Ich habe schon gesagt (und gerade Saint-Loup hatte in Balbec ganz gegen seine Absicht dazu beigetragen, daß mir dies bewußt wurde), was ich von der Freundschaft denke, – nämlich, daß sie etwas Geringfügiges ist und daß es mir schwer fällt zu begreifen, wie Männer von Geist, zum Beispiel Nietzsche, naiv genug sind, ihr einen gewissen intellektuellen Wert beizumessen und demgemäß Freundschaften sich zu versagen, an die sich diese intellektuelle Einschätzung nicht knüpfen ließe. Ja es hat mich immer sehr gewundert zu sehen, wie ein Mensch, der die Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber so weit trieb, daß er aus Gewissenhaftigkeit sich von Wagners Musik losmachte, sich hat einbilden können, die Wahrheit könne in einer von Natur ungenauen und unangemessenen Ausdrucksweise verwirklicht werden, wie es das Tun im allgemeinen und die Freundschaften im besondern sind, und daß es irgend eine Bedeutung haben könne, seine Arbeit liegen zu lassen, um einen Freund aufzusuchen und mit ihm über die noch dazu falsche Nachricht zu weinen, der Louvre stehe in Flammen. In Balbec war ich dazu gekommen, den Genuß, mit jungen Mädchen zu spielen, für das geistige Leben weniger schädlich zu finden; der bleibt diesem wenigstens fremd, während die Freundschaft alles aufbietet, damit wir den einzig wirklichen und (außer durch Kunst) unmitteilbaren Teil unseres Wesens einem oberflächlichen Ich opfern, das nicht wie das Andre Freude an sich selbst hat, sondern eine wirre Rührung darin genießt, von außen her sich gestützt, in eine fremde Individualität sich gastlich aufgenommen zu fühlen und dort, glücklich über den Schutz, den man ihm angedeihen läßt, sein Wohlbehagen in freudigem Zustimmen ausstrahlt und Eigenschaften herrlich findet, die es bei sich selbst Fehler nennen und zu verbessern suchen würde. Nebenbei bemerkt können die Verächter der Freundschaft, ohne Selbsttäuschung und ohne Gewissensbisse, die besten Freunde von der Welt sein wie etwa ein Künstler, der ein Meisterwerk in sich trägt und fühlt, es wäre seine Pflicht, der Arbeit zu leben, dennoch, um nicht egoistisch zu erscheinen oder Gefahr zu laufen, es zu sein, sein Leben für eine unnütze Sache hingibt, und zwar um so tapferer als die Gründe, derentwegen er vorgezogen hätte, es lieber nicht hinzugeben, selbstlose Gründe wären. Wie aber auch meine Meinung über die Freundschaft sein mochte, um nur von dem Genuß zu sprechen, den sie mir bereitete – einem recht mäßigen Genuß, einem Zwischending zwischen Ermüdung und Langweile –, der schlimmste Trank kann in gewissen Stunden köstlich stärken, wenn er uns den Peitschenschlag gibt, dessen wir bedürfen, die Wärme, die wir in uns selbst nicht finden können.

Allerdings lag es mir sehr fern, Saint-Loup zu bitten, er möge mich, wie ich es vor einer Stunde ersehnte, wieder mit Frauen aus Rivebelle zusammenbringen; die Spur, welche der Kummer um Frau von Stermaria in mir gelassen hatte, wollte nicht so schnell ausgelöscht werden, aber da Saint-Loup in dem Augenblick eintrat, da ich gar keine Glücksmöglichkeit mehr im Herzen fühlte, so wars, als kämen Güte, Heiterkeit und Leben selber zu mir, sie kamen zwar von außen, boten sich mir aber an und wollten durchaus mein sein. Er selbst konnte nicht begreifen, warum ich so dankbar aufschrie und Tränen der Rührung weinte. Die Zuneigung dieser Art Freunde – Diplomaten, Forschungsreisende, Flieger oder Militärs – wie Saint-Loup einer war –, hat etwas geradezu Paradoxes. Morgen reisen sie aufs Land und von da Gott weiß wohin, und der Abend, den sie uns heute widmen, scheint für sie ein großes Erlebnis; da dies Erlebnis so selten und so kurz ist, muß man sich wundern, daß es ihnen so angenehm sein kann und daß sie es nicht länger ausdehnen oder öfter erneuern, wenn es ihnen so sehr gefällt. Etwas so Natürliches wie eine Mahlzeit mit uns schenkt diesen Reisenden den seltsamen und köstlichen Genuß, den ein Asiat von unsern Boulevards hat. Wir brachen also zusammen auf, um essen zu gehen, und auf der Treppe mußte ich an Doncières denken, wo ich Robert jeden Abend im Restaurant traf, und an die vergessenen kleinen Speisezimmer. Eins fiel mir ein, an das ich nie wieder gedacht hatte: es lag nicht in dem Hotel, wo Saint-Loup dinierte, sondern in einem viel bescheideneren, einem Zwischending zwischen Gasthaus und Familienpension, in dem man von der Wirtin und einem ihrer Mädchen bedient wurde. Ein Schneefall hatte mich dort festgehalten. Übrigens kam Robert an diesem Abend nicht in sein Hotel zum Essen, und ich hatte keine Lust weiter zu gehen. Man brachte mir die Gänge nach oben in ein kleines Zimmer, das ganz aus Holz war. Während des Essens ging die Lampe aus, und die Magd steckte mir zwei Kerzen an. Als ich ihr meinen Teller hinhielt, tat ich, als könne ich nicht gut sehen, und faßte, während sie mir Kartoffeln auflegte, nach ihrem nackten Unterarm, wie um ihn zu leiten. Da sie ihn nicht wegzog, streichelte ich ihn, dann zog ich sie, ohne ein Wort zu sagen, ganz an mich, blies die Kerzen aus und hieß sie in meinen Taschen nach Geld wühlen. Während der folgenden Tage schien mir die physische Lust, um wirklich genossen zu werden, nicht nur diese Magd, sondern auch das abgelegene Gastzimmer aus Holz zu verlangen. Gleichwohl ging ich aus Gewohnheit und Freundschaft alle Abende bis zu meiner Abreise von Doncières in das, in welchem Robert und seine Freunde aßen. Aber auch an dies Hotel, wo er mit seinen Freunden in Pension war, hatte ich schon lange nicht mehr gedacht. Wir nutzen unser Leben gar nicht aus, wir lassen in Sommerdämmerungen und frühen Winternächten die Stunden unvollendet, die doch ein wenig Frieden und Genuß uns schienen enthalten zu können. Aber ganz sind diese Stunden nicht verloren. Wenn neue Momente der Lust aufklingen, die auch so schmal und linear vorübergehn werden, erhalten sie von ihnen Unterbau und Konsistenz durch eine reiche Orchesterbegleitung. So erweitern sie sich zu einem der typischen Glücksgefühle, die man nur von Zeit zu Zeit erlebt, die aber weiterbestehn; im gegenwärtigen Fall lag es im Aufgeben von allem Übrigen, um in einem behaglichen Rahmen, welcher kraft der Erinnerungen in einem Wirklichkeitsbild Reiseverheißungen einschließt, mit einem Freunde zu essen, der unser schlafendes Leben mit all seiner Energie und Zuneigung aufrütteln und einen innigen Genuß uns mitteilen wird, der ganz anders ist als einer, den wir durch eigene Anstrengung oder gesellschaftliche Zerstreuungen uns verschaffen könnten. Wir werden ihm uns ganz widmen und Freundschaftsschwüre schwören, die zwischen den Wänden dieser Stunde geboren werden und in ihr auch beschlossen bleiben; am nächsten Tag würden wir sie vielleicht nicht halten, aber ich konnte sie skrupellos Saint-Loup schwören, denn er wird den Mut ja haben, in dem soviel Lebensklugheit und die Ahnung liegt, daß Freundschaft nicht tief gehen kann, – den Mut, am nächsten Tage abzureisen.

Hatte ich auf der Treppe die Abende in Doncières wiedererlebt, so führte draußen die fast völlige Nacht (der Nebel schien die Laternen gelöscht zu haben, man erkannte sie nur ganz undeutlich, wenn man ganz nah an sie herankam) mich zurück zu ich weiß nicht welcher Ankunft am Abend in Combray; die Stadt war damals nur in großen Abständen beleuchtet gewesen, man tastete durch feuchte Finsternis, ein laues heiliges Krippendunkel, als Stern darin nur hier und da ein Lichtstümpfchen, das nicht heller glänzte als eine Kerze. Welch ein Unterschied zwischen diesem noch dazu unbestimmten Jahr in Combray und den Abenden in Rivebelle, die ich vorhin oben an den Vorhängen wiedergesehen hatte! Als ich diesen Unterschied wahrnahm, fühlte ich eine Begeisterung, die fruchtbar hätte werden können, wenn ich allein gewesen wäre; dann hätte ich mir den Umweg über viele nutzlose Jahre ersparen können, durch die ich hindurch mußte, bevor der heimliche Beruf, dessen Geschichte dieses Werk ist, deutlich wurde. Wäre dies schon an jenem Abend geschehen, der Wagen wäre mir denkwürdiger geblieben als der von Doktor Percepied, auf dessen Sitz ich die kleine – vor kurzem gerade wiedergefundene, bearbeitete und umsonst dem Figaro eingesandte – Beschreibung der Glocken von Martinville entworfen hatte. Wir erleben unsere Jahre nicht in beständiger Folge Tag für Tag wieder, sondern im Gedächtnis, das in der Frische oder dem Sonnenschein eines Morgens oder Abends geronnen ist und Schatten fern von der übrigen Welt empfängt durch irgend eine vereinzelte, umschlossene, unbeweglich festgehaltene, verlorene Lage, darin werden die stufenweisen Veränderungen unterdrückt, und nicht nur die von außen, auch die in unsern Träumen und in unserm werdenden Charakter, die von einer Zeit zu einer ganz andern unmerklich im Leben uns geführt haben; erfahren wir nun eine andre Erinnerung, die einem ganz andern Jahr entliehen ist, wieder, entsteht dann nicht zwischen beiden durch Lücken und gewaltige Stücke Vergessenheit ein geradezu abgründiger Höhenunterschied, das Unvereinbare zweier Atmosphären, die ganz verschieden sich atmen und von ganz verschiedener Farbe erfüllt sind? Aber zwischen den Erinnerungen an Combray, Doncières und Rivebelle, die mir jetzt nacheinander aufgestiegen waren, fühlte ich in diesem Moment noch viel mehr als eine zeitliche Distanz, eine, wie sie zwischen verschiedenartigen Gesamtwelten besteht, deren Materie nicht dieselbe ist. Hätte ich in einem Werk die Materie nachahmen wollen, in der selbst meine flüchtigsten Erinnerungen an Rivebelle mir ziseliert erschienen, ich hätte die Substanz, die bis dahin dem rauhen düstern Sandstein von Combray entsprach, mit Rosa ädern und gleichzeitig durchleuchtend, kompakt, frisch und tönend machen müssen. Robert hatte dem Kutscher alle nötigen Erklärungen gegeben und kam zu mir in den Wagen. Die Ideen, die mir gekommen waren, verschwanden. Diese Göttinnen geruhen bisweilen einem einsamen Sterblichen sichtbar zu werden, an einer Wegbiegung oder auch in seinem Zimmer, während er schläft, dann stehen sie im Rahmen der Tür und bringen ihm ihre Verkündigung. Sobald man aber zu zweit ist, verschwinden sie, in Gesellschaft sehen die Menschen sie nie. So fand ich mich in die Welt der Freundschaft zurückgeworfen. Schon als er kam, hatte Robert mir gesagt, es sei sehr neblig, während wir aber sprachen, war der Nebel beständig dichter geworden. Das war nicht mehr bloß der leichte Dunst, den mein Wunsch von der Insel aufsteigen ließ, um Frau von Stermaria und mich einzuhüllen. Auf zwei Schritt Entfernung erloschen die Laternen, man war in tiefer Nacht wie auf dem Lande, in einem Wald oder vielmehr wie auf einer weichen Bretagneinsel, nach der mir der Sinn stand; ich fühlte mich verloren wie an der Küste eines nördlichen Meeres, wo man zwanzigmal in Todesgefahr schwebt, bevor man an das einsame Wirtshaus kommt; statt eines erwünschten Spiegels wurde der Nebel eine Gefahr, mit der man kämpft; und um unsern Weg zu finden, um gut in den Hafen zu kommen, erfahren wir die Beschwerden, die Unruhe und endlich die Freude, welche das Gefühl der Sicherheit – das der nicht hat, dem es nicht verloren zu gehen drohte – dem überraschten Reisenden auf seiner Irrfahrt, gibt. Nur eins hätte beinah meinen Genuß dieser abenteuerlichen Fahrt gestört, eine Äußerung Saint-Loups, die mich einen Augenblick überraschte und verdroß. »Weißt du,« sagte er, »ich habe Bloch erzählt, daß du ihn durchaus nicht so sehr liebst, daß du manches bei ihm vulgär findest. So bin ich, ich liebe die klaren Situationen«, schloß er mit zufriedener Miene in einem Ton, der keinen Einspruch zuließ. Ich war verblüfft. Ich hatte das absoluteste Vertrauen zu Saint-Loup als zuverlässigem Freunde – und unsere Freundschaft hatte er durch das, was er Bloch gesagt hatte, verraten–, aber dies zu tun, hätten ihn obendrein, schien mir, seine Fehler ebenso hindern müssen wie seine Vorzüge, dank der ungewöhnlichen Mitgift seiner Erziehung, die die Höflichkeit ihn bis zur Unaufrichtigkeit konnte treiben lassen. Nahm er diese triumphierende Miene nur an, um Verlegenheit zu verbergen, wie wir es tun, wenn wir etwas eingestehen, was wir hätten unterlassen sollen, oder verriet sie Ahnungslosigkeit? Dummheit, die einen Fehler zur Tugend erhob, der mir an ihm unbekannt war? Einen Anfall vorübergehender Mißstimmung gegen mich, die ihn bewegen wollte, mich zu verlassen? Oder die Registrierung eines Anfalls vorübergehender Mißstimmung gegen Bloch, dem er etwas Unangenehmes hatte sagen wollen selbst auf die Gefahr hin, mich zu kompromittieren? Nebenbei bemerkt, war, während er mir diese vulgären Worte sagte, sein Gesicht von einer entsetzlichen winkligen Furche stigmatisiert, die ich nur ein oder zweimal im Leben an ihm bemerkt habe, sie lief erst an der Mitte des Gesichtes entlang, kam dann an die Lippen, krümmte sie und verlieh ihnen einen gemeinen häßlichen Ausdruck, beinahe etwas Bestialisches, das gleich wieder verschwand und ohne Zweifel atavistisch war. In solchen Momenten, die alle zwei Jahr sicher höchstens einmal wiederkehrten, wurde sein eigenes Ich wohl partiell verfinstert, weil die Persönlichkeit eines Ahnen ihn durchfuhr und in seinem Ausdruck sich spiegelte. Sowohl Roberts zufriedene Miene wie seine Worte: »Ich liebe die klaren Situationen« gaben demselben Zweifel Raum und hätten denselben Tadel verdient. Ich wollte ihm sagen, wenn man die klaren Situationen liebt, muß man solche Anfälle von Aufrichtigkeit in eigenen Angelegenheiten haben, aber nicht auf Kosten anderer eine allzu bequeme Tugend daraus machen. Da hielt jedoch der Wagen schon vor dem Restaurant, dessen breite flammende Glasfassade als einzige Helligkeit die Finsternis durchdrang. Durch das behagliche Licht aus dem Innern schien selbst der Nebel bis aufs Trottoir den Eingang zu bezeichnen, mit der Freudigkeit von Dienern, die Anordnungen ihres Herrn widerspiegeln; er irisierte in den zartesten Abstufungen und zeigte den Eingang wie die Feuersäule, die den Hebräern voranging. Von denen gab es übrigens viel unter den Gästen. Es war das Restaurant, in dem Bloch und seine Freunde sich lange Zeit abends getroffen hatten, wenn sie von einem Fasten, das eben so hungrig machte wie das rituelle, das doch nur einmal im Jahr gehalten wird, vom Kaffee und politischer Erregung trunken waren. Da jede geistige Aufreizung den Gewohnheiten, die sich an sie knüpfen, einen Vorrang, eine höhere Qualität gibt, schafft jeder etwas lebhafte Geschmack um sich her eine Gesellschaft, in der jedes Mitglied vor allem die Achtung der andern erstrebt. So findet man in einer kleinen Provinzstadt Musikfanatiker, die ihre beste Zeit und ihr meistes Geld für Kammermusikabende hergeben, für gesellige Zusammenkünfte, in denen über Musik geredet wird, für Stunden im Café, wo die Dilettanten sich treffen und nahe bei den Musikanten des Orchesters sitzen. Andre, die für Aviatik schwärmen, bemühen sich um die Gunst des alten Kellners der Bar, die mit ihren Glasscheiben hoch oben auf dem Aerodrom nistet; vorm Wind geschützt, kann er da in Gesellschaft eines Fliegers, der gerade pausiert, die Bewegungen eines Piloten verfolgen, der Loopings ausführt, während ein andrer, eben noch unsichtbar, plötzlich mit dem lauten Flügelrauschen des Vogels Rock landen kommt. Die kleine Koterie, die sich traf, um die flüchtigen Erregungen des Prozesses Zola fortzusetzen und zu vertiefen, nahm das Café sehr wichtig. Aber sie war nicht gern gesehen von den jungen Adligen, welche die andre Hälfte der Kundschaft bildeten und einen zweiten Saal dieses Cafés sich angeeignet hatten, der von dem andern nur durch eine mit Blattpflanzen geschmückte Balustrade getrennt war. Sie betrachteten Dreyfus und seine Anhänger als Verräter, obgleich fünfundzwanzig Jahre später, nachdem die Ideen Zeit gehabt hatten, sich einzuordnen, und die Dreyfusaffäre, in der Geschichte eine gewisse Eleganz anzunehmen, die Söhne eben dieser jungen Adligen, bolschewistisch angehauchte Tänzer, den »Intellektuellen«, die sie befragten, erklärten, hätten sie damals gelebt, sie würden für Dreyfus gewesen sein, ohne dabei eigentlich mehr von der Affäre zu wissen als von der Gräfin Edmond von Pourtalès oder der Marquise von Galliffet, Glanzerscheinungen, die am Tage ihrer Geburt auch schon wieder erloschen waren. Denn an jenem Nebelabend waren die Adligen im Café, die später Väter dieser jungen retrospektiv mit Dreyfus sympathisierenden Intellektuellen werden sollten, noch Junggesellen. Gewiß war von all ihren Familien eine reiche Heirat bereits ins Auge gefaßt, aber noch für keinen von ihnen verwirklicht worden. Noch virtuell, beschränkte diese von mehreren zugleich ersehnte reiche Heirat (es gab verschiedene solcher in Aussicht stehenden »reichen Partien«, aber die Fälle von großer Mitgift waren geringer als die Zahl der Aspiranten) sich darauf, einen gewissen Wetteifer zwischen den jungen Leuten hervorzurufen.

Mein Unglück wollte, daß Saint-Loup ein paar Minuten bei dem Kutscher blieb, um mit ihm zu verabreden, er solle uns, nachdem wir gegessen hätten, wieder abholen, so daß ich allein eintreten mußte. Als ich mich nun in der Drehtür befand, an die ich nicht gewohnt war, glaubte ich zunächst, es werde mir nicht gelingen, wieder aus ihr herauszukommen. (Für die Liebhaber eines präziseren Wortschatzes sei beiläufig bemerkt, diese Drehtür heißt trotz ihres friedlichen Aussehens Revolvertür vom englischen revolwing door.)

An diesem Abend blieb der Wirt, der sich nicht in die Nässe hinauswagte und auch seine Kundschaft nicht verlassen wollte, in der Nähe des Eingangs und hatte seine Freude daran, die lustigen Klagen der Ankömmlinge zu hören, die vor Vergnügen strahlten, denn sie hatten es nicht leicht gehabt herzufinden und gefürchtet, sich zu verirren. Aber bei dem Anblick eines Unbekannten, der sich nicht aus den Glasflügeln herausfand, verging sein herzlich lachendes Willkommen. Vor so offenbarer Unkenntnis runzelte er die Stirn wie ein Examinator, der große Lust hat, das dignus est entrare nicht auszusprechen. Um mein Mißgeschick vollzumachen, wollte ich mich in den Saal setzen, der für den Adel reserviert war. Grob zog er mich da heraus und wies mir mit einer Unhöflichkeit, die sich unmittelbar allen Kellnern mitteilte, einen Platz im andern Saal an. Da gefiel es mir umso weniger, als die Wandseite schon besetzt war (und ich mir gegenüber die Tür hatte, die für die Hebräer reserviert war; das war keine Drehtür, sie ging alle Augenblicke auf und zu und wehte mir eine schreckliche Kälte entgegen). Aber der Wirt wollte mir keinen andern Platz geben.

»Nein, mein Herr, ich kann nicht alle Leute für Sie inkommodieren.« Übrigens vergaß er mich späten unbequemen Gast sehr bald, denn das Eintreten Neuankommender fesselte ihn ganz. Von denen mußte jeder, ehe er sein Bier, sein kaltes Huhn oder seinen Grog bestellte, wie in den alten Romanen mit der Erzählung seiner Abenteuer Zeche zahlen, sobald er in dies warme sichere Asyl gedrungen war, wo durch den Gegensatz zu der Welt, der man entronnen war, Lustigkeit und Kameradschaft herrschte, wie sie am Feuer eines Biwacks munter wetteifern.

Einer erzählte, sein Kutscher habe gemeint, am Pont de la Concorde angekommen zu sein, und sei dreimal um die Invalides herumgefahren, ein andrer, seiner habe versucht, die Avenue des Champs-Elysées herunterzufahren und sei am Rond-Point in ein Gebüsch geraten und erst nach dreiviertel Stunden wieder herausgekommen. Dann folgte ein Jammern über den Nebel, die Kälte, die Totenstille der Straßen, das wurde alles äußerst munter vorgebracht und angehört, wie es die behagliche Atmosphäre im Saal, wo es außer an meinem Platz überall warm war, und das lebhafte Licht, in dem die schon ans Dunkel gewohnten Augen zwinkerten, und der Lärm der Gespräche, der den Ohren ihr Leben wiedergab, mit sich brachten. Die Ankommenden konnten kaum still bleiben. Was ihnen Seltsames zugestoßen, das hielten sie für einzig, es brannte ihnen auf der Zunge, sie sahen umher, mit wem sie ein Gespräch anfangen könnten. Sogar der Wirt verlor das Gefühl für Standesunterschiede. »Fürst Foix hat sich dreimal verirrt auf dem Weg von der Porte Saint-Martin«, rief er lachend einem israelitischen Advokaten zu, den an jedem andern Tag höhere Schranken von dem Fürsten getrennt hätten als die Blattbalustrade im Saale, und zeigte, wie bei einer Vorstellung, auf den berühmten Aristokraten. »Drei Mal, schau einer an!« sagte der Advokat und faßte an seinen Hut. Der Fürst gewann diesen Worten der Annäherung keinen Geschmack ab. Er gehörte zu einer Gruppe Aristokraten, deren einzige Beschäftigung selbst dem Adel gegenüber, wenn er nicht höchsten Ranges war, ein unverschämtes Auftreten zu sein schien. Einen Gruß nicht erwidern, und wenn der Höfliche rückfällig noch einmal grüßte, höhnisch zu grinsen oder den Kopf wütend zurückzuwerfen, einen älteren Mann, der ihnen Dienste geleistet hatte, scheinbar nicht zu erkennen und ihren Händedruck Herzögen und intimsten Freunden von Herzögen, die diese ihnen vorstellten, vorzubehalten, gehörte zur Haltung dieser jungen Leute und insbesondre des Fürsten Foix. Diese Haltung wurde begünstigt durch jugendliche Unreife (in diesem Alter ist man ja auch in bürgerlichen Kreisen scheinbar undankbar und benimmt sich flegelhaft: hat man monatelang einem Wohltäter, der seine Frau verloren hat, zu schreiben vergessen, grüßt man ihn schließlich, um die Dinge einfacher zu machen, gar nicht mehr), sie war aber vor allem von übertriebenen snobistischem Kastengeiste eingegeben. Wie gewisse Nervenleiden, deren Symptome in reiferem Alter sich abschwächen, sollte dieser Snobismus allerdings bei denen, die als junge Leute so unerträglich gewesen, im allgemeinen später nicht mehr so aggressiv auftreten. Ist die Jugend erst einmal vorüber, so bleibt man selten auf Unverschämtheit beschränkt. Man hatte geglaubt, es gebe sonst nichts auf der Welt, nun entdeckt man mit einmal, so vornehm man auch ist, daß auch Musik, Literatur, ja sogar Volksvertretung existieren. Das wird die Stufenleiter der sozialen Werte ändern, und so läßt man sich denn auf Gespräche mit Leuten ein, denen man früher nur einen vernichtenden Blick zugeworfen hätte. Ein Glück für die Leute, die geduldig genug waren, das abzuwarten, deren Charakter – wenn man so sagen darf – wohlbeschaffen genug ist, daß es ihnen Freude macht, als Vierzigjährige dort liebenswürdiges Entgegenkommen zu finden, wo man sie schnöde abwies, als sie zwanzig Jahr alt waren.

Über den Fürsten Foix muß, da sich die Gelegenheit hier bietet, noch gesagt werden, daß er zu einer Koterie von zwölf bis fünfzehn jungen Leuten und zu einer engeren Gruppe von vieren gehörte. Die Koterie der Zwölf bis Fünfzehn hatte ein Merkmal; das auf den Fürsten selbst, glaub ich, nicht zutraf: diese jungen Leute präsentierten sich alle auf zweierlei Art. Verschuldet bis über die Ohren, waren sie in den Augen ihrer Lieferanten Taugenichtse, so gern diese auch zu ihnen sagten: »Euer Gnaden, Herr Marquis, Durchlaucht ...« Sie hofften sich mittels der »reichen Heirat« oder – wie es auch hieß – dem »großen Portemonnaie« aus der Affäre zu ziehen, und, da es nicht mehr als vier oder fünf Partien mit großer Mitgift gab, nach denen es sie gelüstete, nahmen mehrere dieselbe Braut heimlich aufs Korn. Das Geheimnis wurde gut gehütet, und wenn dann einer von ihnen ins Café kam und sagte: »Meine Vortrefflichen, ich liebe euch zu sehr, um euch nicht meine Verlobung mit Fräulein von Ambresac mitzuteilen«, wurden allerhand Ausrufe laut, denn manche glaubten, die Sache sei für sie selbst schon abgemacht mit dem Fräulein, und waren nicht kaltblütig genug, im ersten Augenblick ihre Wut und Verblüffung zu unterdrücken. »Es macht dir also Spaß, das Heiraten, Bibi?«, diesen Ausruf konnte Fürst Châtellerault nicht unterdrücken, er ließ seine Gabel vor Staunen und Verzweiflung fallen, er hatte geglaubt, die Verlobung des Fräuleins von Ambresac werde demnächst öffentlich werden, aber mit ihm, Châtellerault selbst. Und sein Vater hatte doch, Gott weiß wie geschickt, bei den Ambresac gegen Bibis Mutter intrigiert. »Es macht dir also Spaß, das Heiraten?« mußte er Bibi zum zweiten Mal fragen; der aber war besser vorbereitet, er hatte Zeit gehabt, seine Haltung zu überlegen, seit die Sache »fast offiziell« war, und antwortete lächelnd: »Ich bin froh, nicht weil ich heirate, darauf brannte ich wirklich nicht, sondern weil ich Daisy von Ambresac heirate, die ich entzückend finde.« Während dieser Antwort hatte sich Herr von Châtellerault wieder erholt und erwog nun, er müsse jetzt eine halbe Wendung auf Fräulein von la Canourque zu machen oder auf Miß Foster, die großen Partien Nr. 2 und Nr. 3, die Gläubiger, die auf die Heirat Ambresac warteten, sich zu gedulden bitten, und endlich den Leuten, denen auch er gesagt hatte, Fräulein von Ambresac sei reizend, erklären, für Bibi sei das eine gute Heirat, er aber würde sich mit seiner ganzen Familie entzweit haben, wenn er Fräulein von Ambresac geheiratet hätte. Frau von Soléon habe sogar, so wollte er behaupten, gesagt, daß sie sie gar nicht empfangen würde.

Waren sie in den Augen der Lieferanten, Gastwirte usw. armselig, wurden sie dagegen als echte Doppelwesen, sobald sie in die Gesellschaft kamen, nicht nach dem Verfall ihres Vermögens und nach den traurigen Berufen beurteilt, die sie ergreifen mußten, um es zu reparieren. Dann waren sie wieder Fürst und Herzog Soundso und zählten nur nach Ahnen. Ein Herzog, der fast eine Milliarde besaß und alle Vorzüge zu vereinen schien, rangierte nach ihnen, weil sie als Familienoberhäupter von alters her regierende Fürsten eines Ländchens waren, in dem sie das Recht hatten, Münze zu schlagen usw. ... Oft senkte einer im Café hier die Augen, wenn ein Andrer eintrat, so daß der Ankommende ihn nicht zu grüßen brauchte. Er hatte nämlich auf seiner erfinderischen Jagd nach dem Gelde einen Bankier zum Essen eingeladen. Jedesmal, wenn ein Mann der hohen Gesellschaft unter solchen Umständen mit einem Bankier anknüpft, läßt der ihn seine hunderttausend Franken verlieren, was den Weltmann nicht abhält, dasselbe mit einem andern anzufangen. Immer wieder weiht man Kerzen und konsultiert Ärzte.

Aber der Fürst Foix war selber reich und gehörte nicht nur zu dieser eleganten Koterie von fünfzehn jungen Leuten, sondern weiter zu einer geschlosseneren Gruppe von vier Unzertrennlichen, zu denen auch Saint-Loup zählte. Nie lud man sie einen ohne den andern ein, man nannte sie die vier »Gigolos«, sah sie immer zusammen auf dem Korso, gab ihnen in den Schlössern Zimmer, die ineinandergingen, und da sie alle sehr schön waren, gingen Gerüchte über ihre Intimität um. Was Saint-Loup anlangt, so konnte ich diese Gerüchte ausdrücklich dementieren. Seltsam ist jedoch eins: wenn man später hörte, die Gerüchte seien für alle vier zutreffend, hatte dafür keiner von ihnen es von den drei andern gewußt. Und doch hatte jeder sich über die andern gut zu informieren gesucht, sei es um einen Wunsch oder vielmehr einen Groll zu befriedigen, eine Heirat zu verhindern oder einen Trumpf gegen den Freund in der Hand zu haben. Ein fünfter (es gibt in Gruppen von vieren immer mehr als vier) hatte sich den vier Platonikern angeschlossen und war noch platonischer als die andern. Aber religiöse Bedenken hinderten ihn bis lange, nachdem die Gruppe der Vier aufgelöst war und er selbst geheiratet hatte. Als Familienvater betete er in Lourdes, das nächste Kind möge ein Knabe sein oder ein Mädchen, und stürzte sich in der Zwischenzeit auf Soldaten.

Trotz des Fürsten Wesensart war er, da die Worte, die vor ihm fielen, nicht direkt an ihn gerichtet waren, weniger zornig als er sonst es gewesen wäre. Überdies hatte der Abend etwas Ungewöhnliches. Schließlich gab es für den Advokaten nicht mehr Möglichkeiten, mit dem Fürsten Foix Beziehungen anzuknüpfen, als für den Kutscher, der den vornehmen Herrn gefahren hatte. So glaubte der denn auch, dem Unterredner, den ihm das Wetter zu einer Art Mitreisenden gegeben hatte, wie man ihn am Ende der Welt an windumwehter Nebelküste trifft, mit hochmütiger Miene, und wie in die Kulisse sprechend, antworten zu können. »Wenn man sich nur verlieren würde – aber man findet sich nicht wieder.« Der Wirt war frappiert von der Richtigkeit dieses Gedankens, zumal er ihn schon mehrere Male an diesem Abend hatte ausdrücken hören.

Er hatte nämlich die Gewohnheit, was er hörte oder las, mit einem schon bekannten Text zu vergleichen, und wenn er keinen Unterschied sah, fühlte er Bewunderung in sich aufkommen. Ein solcher Geisteszustand verdient Beachtung, denn auf politische Gespräche und Zeitungslektüre bezogen, formt er die öffentliche Meinung und ermöglicht so die größten Ereignisse. Viele deutsche Cafétiers, die ihren Gast oder ihre Zeitung nur bewunderten, wenn diese sagten, Frankreich, England und Rußland suchten mit Deutschland anzubinden, haben im Augenblick von Agadir einen Krieg möglich gemacht, der allerdings nicht ausgebrochen ist. Wenn die Historiker mit Recht darauf verzichten, die Taten der Völker durch den Willen des Königs zu erklären, sollten sie an dessen Stelle die Psychologie des mittelmäßigen Individuums setzen.

In politischen Fragen wandte der Wirt des Cafés, in das ich gekommen war, seit einiger Zeit seine Mentalität eines Lektors für Rezitation nur auf bestimmte Ergüsse über die Dreyfusaffäre an. Fand er in den Äußerungen eines seiner Kunden oder in den Spalten der Zeitung die bekannten Ausdrücke nicht, so erklärte er den Artikel für langweilig oder den Kunden für unaufrichtig. Von dem Fürsten Foix aber war er so entzückt, daß er ihn kaum seinen Satz ausreden ließ. »Fein gesagt, Hoheit, fein gesagt! (das hieß eigentlich soviel wie: fehlerlos aufgesagt) Ja, so ist es«, rief er »hingerissen«, wie es in Tausendundeine Nacht heißen würde, »bis an die Grenze des Wohlgefallens«. Aber der Fürst war schon in den kleinen Saal verschwunden. Und dann bestellten, da ja das Leben selbst nach den seltsamsten Ereignissen wieder weitergeht, die, welche aus dem Nebelmeer auftauchten, die einen ihr Getränk, die andern ihr Souper; unter diesen waren junge Leute vom Jokeyklub, die, da dieser Tag nun einmal einen anormalen Charakter hatte, keinen Anstand nahmen, sich an zwei Tischen im großen Saal niederzulassen, so waren sie ganz in meiner Nähe. Vom kleinen Saal zum großen hatte so die Sintflut zwischen all diesen Leuten, die nach ihrer langen Irrfahrt durchs Nebelmeer von der Behaglichkeit im Restaurant ermuntert wurden, eine Vertraulichkeit hergestellt (nur ich allein war ausgeschlossen), wie sie etwa in der Arche Noah geherrscht haben mag. Mit einmal sah ich, wie der Wirt in tiefen Bücklingen sich krümmte und die Oberkellner vollzählig herbeieilten, so daß alle Gäste sich umsahen. »Schnell, rufen Sie mir Cyprien, einen Tisch für den Herrn Marquis von Saint-Loup«, rief der Wirt, für den Robert nicht nur ein Grandseigneur war, der selbst in den Augen des Fürsten Foix hohes Prestige genoß, sondern auch Kunde, der auf großem Fuße lebte und in diesem Restaurant viel Geld ausgab. Die Gäste im großen Saal wurden neugierig, die im kleinen riefen um die Wette ihrem Freunde zu, der sich inzwischen die Schuhe abgeputzt hatte. Gerade als er in den kleinen Saal hinüber wollte, sah er mich in dem großen. »Guter Gott«, rief er, »was machst du denn da, mit der offenen Tür vor dir«. Er warf dem Wirt einen wütenden Blick zu: der lief, sie zu schließen, schob, sich entschuldigend, alles auf die Kellner: »Ich sage ihnen immer, sie sollen sie zu lassen.«

Ich hatte die Nachbarn an meinem Tisch und andere Tische vor meinem aufstören müssen, um ihm entgegenzugehen. »Warum bist du vorangegangen? Du möchtest lieber hier essen als im kleinen Saal? Aber mein armer Kleiner, du wirst erfrieren. – Sie werden mir den Gefallen tun, diese Tür zu schließen«, wandte er sich an den Wirt. »Sofort, Herr Marquis. Die Gäste, die von jetzt an kommen, werden einfach durch den kleinen Saal gehen.« Und um deutlicher seinen Eifer zu zeigen, rief er für die Operation einen Oberkellner und mehrere Kellner her und ließ schreckliche Drohungen hören, falls sie nicht ordentlich ausgeführt werde. Mir gegenüber erging er sich in übertriebenen Respektbezeugungen, um mich vergessen zu lassen, daß er damit nicht bei meiner Ankunft, sondern erst nach der von Saint-Loup begonnen habe; und um mir einzureden, ich verdanke sie nicht nur der Freundschaft, die mir sein reicher vornehmer Gast bezeugte, lächelte er mir öfters heimlich ein bißchen zu wie aus persönlicher Sympathie.

Hinter mir hörte ich eine merkwürdige Äußerung. Statt des üblichen: »Kaltes Huhn, schön, etwas Champagner, aber ganz trocken«, sagte ein Gast: »Ich möchte lieber etwas Glyzerin. Jawohl, heiß, sehr gut.« Ich wollte sehn, wer der Asket sei, der sich solch ein Menu auferlegte. Ich drehte einen Augenblick den Kopf um und wandte ihn dann wieder rasch zu Saint-Loup, um von dem seltsamen Feinschmecker nicht erkannt zu werden. Es war einfach ein Arzt aus meiner Bekanntschaft. Ein Patient hatte sich den Nebel zunutze gemacht und ihn in dies Café verschleppt, um ihn zu konsultieren. Ärzte und Börsianer sagen immer »ich«. Inzwischen betrachtete ich Robert und kam auf allerlei Gedanken: Es gab hier im Café (und auch im Leben hatte ich viele von ihnen kennen gelernt) Fremde, Intellektuelle, Bohemiens aller Art, die sich schon nichts mehr aus dem Lachen machten, das ihre prätentiösen Havelocks, ihre Krawatten im Geschmack von 1830, und vor allem ihre ungeschickten Bewegungen erregten, sie provozierten es sogar, um zu zeigen, daß sie sich nicht darum kümmerten, und waren dabei Leute von wirklichem intellektuellem und seelischem Wert und von großer Feinfühligkeit. Sie mißfielen – vor allem die Juden, die nicht assimilierten Juden wohlverstanden, von den andern kann nicht die Rede sein – denen, die einen wunderlichen verschrobenen Anblick nicht vertragen (so mißfiel Bloch der Albertine). Im allgemeinen mußte man später zugeben, wenn auch zu langes Haar, zu große Nasen und Augen, theatralische eckige Gebärden gegen sie sprachen, – es war doch kindisch, sie danach zu beurteilen, sie hatten Geist und Herz und waren im Verkehr Leute, die man sehr lieb gewinnen konnte. Unter den Juden besonders gab es so manche, deren Verwandte eine Großherzigkeit, geistige Aufgeschlossenheit und Aufrichtigkeit besaßen, neben denen Saint-Loups Mutter und der Herzog von Guermantes eine traurige Figur machten mit ihrer Frostigkeit, ihrer oberflächlichen Religiosität, die sich nur gegen öffentliches Ärgernis empörte, und ihrer Verteidigung eines Christentums, das unfehlbar (auf unvorhergesehenen Wegen der Vernunft, die ja doch einzig geschätzt wurde) auf kolossale Geldheiraten hinauslief. Aber wie sich bei ihm auch die Fehler seiner Verwandten zu einer neuen schöpferischen Kombination von Tugenden gestaltet haben mochten, jedenfalls besaß Saint-Loup die reizvollste Offenheit des Geistes und Herzens. Und das muß zu Frankreichs unsterblichem Ruhme gesagt werden, wenn sich diese Eigenschaften bei einem reinblütigen Franzosen finden, ganz gleich, ob von Adel oder aus dem Volk, so blühen sie – entfalten sich, wäre zu viel gesagt, denn Maß und Beschränkung bleiben bestehen – mit einer Anmut, wie der Fremde, so schätzenswert er sein mag, sie uns nicht zu bieten hat. Gewiß besitzen die andern auch geistige und seelische Qualitäten, und wenn man bei ihnen auch erst durch allerlei Ungefälliges, Anstößiges, Lächerliches hindurch muß, diese Eigenschaften sind deshalb nicht minder wertvoll. Aber es ist doch recht hübsch und vielleicht ausschließlich französisch, wenn das, was nach gerechtem Urteil schön und vor Geist und Herz wertvoll ist, zunächst den Augen wohltut, anmutige Farben, richtigen Umriß hat und auch in Stoff und Form die innere Vollkommenheit verwirklicht. Ich sah Saint-Loup an und sagte mir, es ist hübsch, wenn nicht ein schlecht beschaffenes Äußere innerer Wohlbeschaffenheit als Vorzimmer dient, es ist hübsch, wenn Nasenflügel zart und in der Zeichnung vollkommen sind, wie die Flügel der kleinen Schmetterlinge, die sich auf die Blumen der Wiesen rings um Combray setzen; und das wahre opus francigenum, dessen Geheimnis seit dem dreizehnten Jahrhundert nicht verlorengegangen ist und nicht mit unsern Kirchen zu Grunde gehen wird, sind weniger die Steinengel von Saint-André-des-Champs als die kleinen Franzosen, Adel, Bürger und Bauern, deren Gesicht mit derselben traditionellen Grazie und Sicherheit gemeißelt ist wie die Werke an dem berühmten Portal, und bei ihnen sind sie noch heute schöpferisch.

Nachdem er sich einen Augenblick entfernt hatte, um das Verschließen der Tür und die Bestellung unseres Diners zu überwachen (er bestand sehr darauf, daß wir »Schlachtfleisch« nähmen, das Geflügel war gewiß nicht besonders), kam der Wirt wieder und richtete aus, Fürst Foix würde sich freuen, wenn der Herr Marquis erlaube, daß er an einem Tisch in seiner Nähe speise. »Aber sie sind alle besetzt«, antwortete Robert und sah auf die Tische, die meinen verbauten. »O das – das macht nichts, wenn dem Herrn Marquis damit gedient wäre, könnte ich leicht die Herrschaften bitten, Platz zu wechseln. Das sind Dinge, die man für den Herrn Marquis tun kann!« »Da mußt du entscheiden«, sagte Saint-Loup zu mir, »Foix ist ein guter Junge, ich weiß nicht, ob er dich stören wird, er ist nicht so dumm wie viele andre.« Ich antwortete Robert, er würde mir sicher gefallen, aber wenn ich schon einmal mit ihm speise, was mich doch so glücklich mache, sei es mir ebenso lieb, wir blieben allein. »Einen sehr hübschen Mantel hat der Fürst«, sagte der Wirt, während wir uns besprachen. »Ja, ich kenne ihn«, antwortete Saint-Loup. Ich wollte Robert erzählen, Herr von Charlus habe seiner Schwägerin verheimlicht, daß er mich kenne, und ihn fragen, was wohl der Grund dafür sein möge, aber daran verhinderte mich das Erscheinen von Herrn von Foix. Er kam, zu sehen, wie seine Bitte aufgenommen worden sei, und hielt sich zwei Schritt von uns entfernt. Robert stellte uns vor, ließ aber seinen Freund wissen, er habe mit mir zu sprechen, und es sei ihm lieber, wenn man uns in Ruhe ließe. Der Fürst entfernte sich; als er sich von mir verabschiedete, begleitete er seinen Gruß mit einem Lächeln, das auf Saint-Loup hinwies, und sich mit dessen ausdrücklichem Wunsch zu entschuldigen schien für die Kürze einer Vorstellung, die er länger gewünscht hätte. Aber in diesem Augenblick kam Robert offenbar plötzlich ein Gedanke. Er sagte zu mir: »Setz dich immer schon und fange an zu essen, ich bin gleich wieder da«, entfernte sich mit seinem Kameraden und verschwand im kleinen Saal. Es war mir peinlich, die schicken jungen Leute, die ich nicht kannte, über den jungen Erbgroßherzog von Luxembourg (Exgrafen von Nassau), den ich in Balbec gekannt, und der während der Krankheit meiner Großmutter mir so feinfühlig seine Sympathie bekundet hatte, die lächerlichsten und böswilligsten Geschichten erzählen zu hören. Einer behauptete, er habe zur Herzogin von Guermantes gesagt: »Ich verlange, daß alle sich erheben, wenn meine Frau vorbeikommt«, und die Herzogin habe geantwortet (was ebenso sinnlos wie ungenau gewesen wäre, da die Großmutter der jungen Fürstin die ehrsamste Frau der Welt war): »Man soll sich erheben, wenn deine Frau vorbeikommt, gut, das gibt eine Abwechslung gegen ihre Großmutter, denn für die legten die Männer sich hin«. Dann erzählte man, als dies Jahr seine Tante, die Fürstin von Luxembourg, nach Balbec gekommen und im Grand-Hôtel abgestiegen sei, habe er sich beim Direktor (meinem Freunde) beschwert, weil er nicht die luxemburgische Flagge auf der Mole gehißt habe. Nun war ja diese Flagge weniger bekannt und in Gebrauch als die Fahnen von England oder Italien, und da habe er mehrere Tage gebraucht, sie sich zu verschaffen, das habe den jungen Großherzog lebhaft verstimmt. Ich glaubte kein Wort von dieser Geschichte, nahm mir aber vor, sobald ich nach Balbec käme, den Direktor des Hotels danach zu fragen, um mich zu versichern, daß es eine reine Erfindung sei. Während ich auf Saint-Loup wartete, bat ich den Wirt des Restaurants, mir Brot geben zu lassen. »Sofort, Herr Baron.« »Ich bin nicht Baron«, antwortete ich. »Oh, Pardon, Herr Graf!« Ich hatte nicht Zeit zu einem zweiten Protest, nach welchem ich sicherlich »Herr Marquis« geworden wäre; so schnell wie er versprochen, erschien Saint-Loup wieder im Eingang und hatte überm Arm den großen Vigognemantel des Fürsten; ich merkte, er hatte ihn sich ausgebeten, um mich zu wärmen. Er machte mir von weitem ein Zeichen, ich solle nicht aufstehen; er kam näher; man hätte wieder meinen Tisch rücken oder ich hätte [den] Platz wechseln müssen, damit er sich setzen könne. Aber, sobald er den großen Saal betreten hatte, stieg er gewandt auf die Bankreihe aus rotem Samt, die rings an der Wand entlang ging; darauf saßen außer mir nur drei oder vier junge Leute vom Jockeyklub, Bekannte von ihm, welche im kleinen Saale nicht mehr Platz gefunden hatten. Zwischen den Tischen liefen in gewisser Höhe elektrische Drähte; die hinderten Saint-Loup nicht, geschickt übersprang er sie wie ein Rennpferd ein Hindernis; ich kam in Verlegenheit, weil er dies nur für mich, nur, um mir eine sehr einfache Bewegung zu ersparen, tat, zugleich aber mußte ich die Geschicklichkeit bewundern, mit der er seine Sprünge ausführte; und ich war nicht der einzige, der staunte; denn während so etwas bei einem weniger vornehmen, weniger freigebigen Gast kaum nach ihrem Geschmack gewesen wäre, standen Wirt und Kellner ganz gebannt da, wie Kenner auf dem Sattelplatz beim Rennen; ein Piccolo blieb mit einer Schüssel, auf die Gäste nebenan warteten, in der Hand wie paralysiert stehen; und als nun Saint-Loup, um hinter seinen Freunden vorbeizukommen, auf die schmale Rücklehne kletterte und dort balancierend weiterging, begann man im Hintergrund des Saals diskret Beifall zu klatschen. Schließlich kam er in meine Höhe, machte kurz und mit der Präzision des Kommandeurs vor der Tribüne eines Fürsten halt, verneigte sich und reichte unterwürfig und ritterlich mir den Vigognemantel: gleich darauf saß er neben mir und legte ihn mir, ohne daß ich eine Bewegung zu machen brauchte, als leichten warmen Schal um die Schultern.

»Eh ichs vergesse«, sagte Robert zu mir, »mein Onkel Charlus hat dir etwas zu sagen. Ich habe ihm versprochen, dich morgen abend zu ihm zu schicken.«

»Gerade wollte ich dir von ihm sprechen. Aber morgen abend esse ich bei deiner Tante Guermantes.«

»Ja, morgen ist großer Betrieb bei Oriane. Ich bin nicht entboten. Aber mein Onkel Palamède möchte, daß du nicht hingehst. Kannst du nicht absagen? Geh jedenfalls nachher zu meinem Onkel Palamède. Ich glaube, ihm liegt daran, dich zu sehen. Weißt du, du kannst gut gegen elf bei ihm sein. Elf Uhr, vergiß es nicht, ich übernehme es, ihn zu benachrichtigen. Er ist sehr empfindlich. Er wird dirs übelnehmen, wenn du nicht kommst. Und bei Oriane ist immer früh Schluß. Wenn du nur zum Essen da bist, kannst du gut um elf bei meinem Onkel sein. Nebenbei hätte ich eigentlich Oriane sprechen müssen wegen meines Postens in Marokko, den ich wechseln möchte. In solchen Sachen ist sie sehr nett, und sie kann beim General von Saint-Joseph, von dem das abhängt, alles durchsetzen. Aber sprich ihr nicht davon. Ich habe der Prinzessin von Parma ein Wort gesagt, es wird ganz von selbst gehen. Ach, Marokko, sehr interessant. Hätte dir viel davon zu erzählen. Sehr feine Menschen da unten. Man fühlt die geistige Ebenbürtigkeit.«

»Du glaubst nicht, die Deutschen werden in dieser Sache bis zum Krieg gehen?«

»Nein, es ärgert sie zwar, und im Grunde mit Recht. Aber der Kaiser ist für Frieden. Sie reden uns ein, sie wollen Krieg, um uns zum Nachgeben zu zwingen. Der Fürst von Monaco, der ein Agent Wilhelms II. ist, teilt uns im Vertrauen mit, Deutschland werde sich auf uns stürzen, wenn wir nicht nachgeben. Also geben wir nach. Aber täten wirs nicht, es gäbe durchaus keinen Krieg. Denk doch nur, was für eine komische Sache heutzutage ein Krieg wäre. Das wäre ja katastrophaler als die Sündflut und die Götterdämmerung. Nur würde es nicht so lange dauern.«

Er sprach mir von Freundschaft, von Neigung, und er beklagte unsere nahe Trennung. Dabei sollte er, wie alle Reisenden seiner Art, am nächsten Tag für mehrere Monate aufs Land, und dann nur auf zwei Tage nach Paris kommen, um wieder nach Marokko (oder sonstwohin) zurückzukehren; aber mein Herz war heiß an diesem Abend, und die Worte, die er hinwarf, entfachten in ihm süße Träumerei. Unsere seltenen Zusammenkünfte, und diese insbesondre, haben seither in meinem Gedächtnis Epoche gemacht. Für ihn wie für mich war es der Abend der Freundschaft. Aber die, welche ich in diesem Augenblick (und darum mit etwas schlechtem Gewissen) empfand, war, wie ich fürchtete, durchaus nicht das Gefühl, das er mir gern eingeflößt hätte. Ich war noch ganz erfüllt von dem Genuß, den es mir machte, als er in kurzem Galopp und so graziös ans Ziel gelangte, und ich fühlte, dieser Genuß beruhe darauf, daß jede seiner Bewegungen an der Wand und über die Bänke hin Sinn und Ursache vielleicht in Saint-Loups individueller Natur, aber mehr noch in der hatte, die er durch Geburt und Erziehung von seiner Rasse hatte.

Eine Sicherheit des Geschmacks auf dem Gebiet nicht des Schönen, sondern vielmehr der Manieren, die gegenüber einer neuen Situation in dem eleganten Manne – wie bei einem Musiker, den man ein unbekanntes Stück zu spielen bittet – unmittelbar das Gefühl und die Bewegung, die sie verlangte, auslöste und dazu den passendsten Mechanismus, die beste Technik, eine Sicherheit, die diesem Geschmack ermöglichte, sich ohne den Zwang irgend andrer Erwägungen zu entfalten, wie sie so viele junge Bürgerliche paralysiert hätten – die würden gefürchtet haben, in den Augen der andern lächerlich zu werden, wenn sie die Konvention durchbrächen, und in denen ihrer Freunde zu dienstbeflissen sich zu erweisen; anstelle solcher Gefühle war in Robert ein Hochmut, von dem sein Herz bestimmt nichts wußte, den er aber durch Erbschaft im Körper hatte, und dieser Hochmut hatte die Umgangsformen seiner Vorfahren an eine Zwanglosigkeit gewöhnt, die, wie sie glaubten, denen, an die sie sich wandten, nur schmeichelhaft und wohltuend sein konnten; dazu eine vornehme Freigebigkeit, die alle die materiellen Vorteile unbeachtet ließ (verschwenderische Ausgaben hatten ihn in diesem Restaurant, wie auch anderswo, zu dem modischsten Gast und großen Liebling gemacht, und diese Rolle wurde durch den Eifer nicht nur der Dienerschaft, sondern der ganzen vornehmen Jugend unterstrichen), die ihn diese Vorteile mit Füßen treten ließ wie den Purpursamt der Bänke, den er tatsächlich und symbolisch betreten hatte, gleich einem kostbaren Teppich, der meinem Freund nur deshalb angenehm war, weil er auf ihm graziöser und geschwinder zu mir kommen konnte; das waren die Eigenschaften – alle dem Adel wesentlich eigen –, die hinter diesem Körper, der nicht undurchlässig und dunkel, wie meiner gewesen wäre, sondern deutlich und licht war, sichtbar wurden wie durch ein Kunstwerk hindurch die formgewaltige Kraft, die es geschaffen; sie machten die Bewegungen, welche Roberts leichter Lauf die Wand entlang aufrollte, sinnvoll und anmutig wie die von Reitern, die auf einen Fries gemeißelt sind. »Ach«, hätte Robert gedacht, »lohnt es die Mühe, daß ich meine Jugend damit zugebracht habe, die Herkunft zu verachten, nur Gerechtigkeit und Geist zu ehren, außerhalb der Freunde, die mir aufgezwungen waren, linkische, schlecht gekleidete Kameraden zu wählen, wenn sie etwas zu sagen hatten, damit nun das Einzige, was an mir sichtbar wird, was man als wertvolle Erinnerung bewahrt, nicht das ist, was mein Wille mit Fleiß und Verdienst nach meinem Bilde geformt hat, sondern etwas, das nicht mein Werk ist, etwas, das ich überhaupt nicht bin, das ich immer verachtet und zu überwinden gesucht habe? Lohnt es die Mühe, meinen bevorzugten Freund geliebt zu haben, wie ich es getan habe, damit nun der größte Genuß, den er an mir hat, ist, etwas viel Allgemeineres dabei zu entdecken als mich selbst? Dieser Genuß ist gar nicht wie er behauptet – und aufrichtig kann ers nicht glauben – ein Freundschaftsgenuß, sondern ein intellektueller uninteressierter Genuß, eine Art Kunstgenuß.« Das, fürchtete ich heute, hat Saint-Loup bisweilen gedacht. In diesem Fall hat er sich getäuscht. Hätte er nicht, wie er es doch tat, etwas Höheres geliebt als die eingeborene Geschmeidigkeit seines Körpers, hätte er sich nicht schon längst freigemacht vom Adelsstolz, so wäre auch mehr Bemühung und Schwerfälligkeit in seiner Gewandtheit selbst gewesen, und etwas vulgäre Absicht in seinen Manieren. Wie Frau von Villeparisis viel Ernst nötig gehabt hatte, um in ihrer Unterhaltung und ihren Memoiren den Eindruck der Frivolität – und der ist intellektuell – zu schaffen, so mußte, damit soviel Adel in Saint-Loups Körper wohne, dieser Adel seine höheren Zielen zugewandten Gedanken verlassen haben, vom Körper aufgesogen werden und sich darin in unbewußten edlen Linien niederschlagen. Daher ging seine geistige Vornehmheit immer mit einer physischen Vornehmheit zusammen, die, wenn jene gefehlt hätte, nicht vollkommen gewesen wäre. Ein Künstler braucht seine Gedanken im Werk nicht direkt auszudrücken, damit dieses deren Wesen spiegele; man hat sogar sagen können, Gottes höchstes Lob sei, daß ihn der Atheist leugne, weil er die Schöpfung vollkommen genug finde, um einen Schöpfer entbehren zu können. Und ich wußte, was ich an dem jungen Edelmann, der die Wand entlang den Fries seines Laufes entrollte, bewunderte, war nicht nur ein Kunstwerk; der junge Fürst (Abkömmling der Cathérine de Foix, Königin von Navarra und Enkelin von Charles VII.), den er mir zu liebe verlassen hatte, Herkunft und Reichtum, die er vor mir sich neigen ließ, die hochmütigen und geschmeidigen Ahnen, die in der sicheren beweglichen, ritterlichen Art überlebten, mit der er um meinen fröstelnden Körper den Vigognemantel gebreitet hatte, waren das alles nicht in seinem Leben ältere Freunde als ich, hätten sie uns nicht eigentlich immer von einander trennen müssen? Daß er sie mir doch opferte, bedeutete eine Freundeswahl, wie es sie nur auf den Höhen des Geistes gibt, und nur dank jener souveränen Freiheit, deren Bild Roberts Bewegungen waren, der Freiheit, in der sich vollkommene Freundschaft verwirklicht.

Was die Vertraulichkeit eines Guermantes – an statt der Vornehmheit, die sie bei Robert hatte, bei dem ja der ererbte Hochmut nur das zu unbewußter Anmut gewordene Gewand wirklicher seelischer Bescheidenheit war – an gemeinem Dünkel enthielt, das hatte ich – nicht an Herrn von Charlus, bei dem Charakterfehler, die ich bisher noch schlecht verstand, den aristokratischen Gewohnheiten überlagert waren –, aber bei dem Herzog von Guermantes merken können. Allein auch bei ihm gab es in dem gewöhnlichen Ensemble, das meiner Großmutter so sehr mißfallen hatte, als sie ihn ehedem bei Frau von Villeparisis traf, Seiten von altertümlicher Größe: die wurden mir fühlbar, als ich am Tage nach dem Abend, den ich mit Saint-Loup verbracht hatte, bei ihm zu Tisch war.

Ich hatte sie weder bei ihm noch bei der Herzogin bemerkt, als ich sie zuerst bei ihrer Tante gesehen hatte, wie ich ja auch beim ersten Mal nicht bemerkt hatte, was die Berma von ihren Kolleginnen unterschied; und bei dieser war das Eigenartige doch noch unendlich augenfälliger als bei Leuten der Gesellschaft, weil es in dem Maße deutlicher wird als sein Gegenstand wirklicher und dem Verstände faßbarer ist. Aber so unmerklich gesellschaftliche Nuancen auch seien (und das geht so weit, daß, wenn ein wahrheitsliebender Schilderer wie Sainte-Beuve die Abstufungen zwischen den Salons von Frau Geoffrin, Frau Récamier und Frau von Beigne zeichnen will, sie alle einander ähnlich erscheinen und die Hauptwahrheit, die ohne Wissen des Verfassers aus seinen Studien hervorgeht, die Nichtigkeit des Salonlebens ist), aus demselben Grund wie bei der Berma konnte ich, als die Guermantes mir gleichgültig geworden waren und ihr Tröpfchen Originalität nicht mehr in meiner Phantasie verdunstete, es auffangen, so unwägbar es auch war.

 

Da die Herzogin in der Abendgesellschaft bei ihrer Tante mir nicht von ihrem Gatten gesprochen hatte, fragte ich mich, ob trotz den Gerüchten, die über seine Scheidung in Umlauf waren, er wohl dem Diner beiwohnen werde. Aber darüber war ich rasch im Klaren, denn zwischen den Lakaien, die im Vorzimmer standen und (da ich bisher in ihren Augen ungefähr so etwas wie die Kinder des Tischlers gewesen sein mochte, das heißt vielleicht ihnen sympathischer als ihr Herr, aber nicht dafür geschaffen, bei ihm empfangen zu werden) nach der Ursache dieses Umschwungs suchen mochten, glitt Herr von Guermantes hindurch; er hatte mein Kommen abgewartet, um mich auf der Schwelle zu empfangen und mir selbst meinen Mantel abzunehmen.

»Frau von Guermantes wird über alle Maßen glücklich sein«, sagte er zu mir in geschickt überzeugendem Ton. »Erlauben Sie, daß ich Ihnen Ihre Kluft abnehme« (er fand es leutselig und komisch zugleich, volkstümlich zu sprechen). »Meine Frau fürchtete ein wenig einen Abfall Ihrerseits, obwohl Sie Ihren Tag angegeben hatten. Seit heute morgen sagen wir eins zum andern: »Sie werden sehen, er wird nicht kommen.« Ich muß gestehen, Frau von Guermantes hat richtiger geraten als ich. Sie sind nicht bequem zu haben, und ich war überzeugt, Sie würden uns versetzen.« Der Herzog war ein so schlechter Ehemann, ja sogar, wie man sagte, so brutal, daß man wie schlechten Menschen ihre Sanftmut, die Worte »Frau von Guermantes«, mit denen er einen schützenden Flügel über die Herzogin breitete, damit sie eins mit ihm sei – daß man ihm diese Worte hoch anrechnete. Er nahm mich vertraulich bei der Hand und schickte sich an, mich zu leiten und in die Salons einzuführen. Eine geläufige Redensart kann im Munde eines Bauern Reiz bekommen, wenn in ihr eine Lokaltradition, die Spur eines historischen Ereignisses überlebt, wovon vielleicht der gar nichts weiß, der darauf anspielt; so war mir die Höflichkeit des Herrn von Guermantes, die er den ganzen Abend über mir bewies, angenehm als ein Rest jahrhundertalter Gewohnheiten, wie sie insbesondre dem siebzehnten eigen waren. Die Leute vergangener Zeiten kommen uns unendlich fern vor. Wir wagen nicht, tiefere geistige Richtungen bei ihnen anzunehmen außer denen, die sie förmlich ausdrücken; es wundert uns, wenn wir bei einem Helden Homers ein Gefühl antreffen, das den unsern annähernd gleicht, oder bei Hannibal eine geschickte taktische Finte, wenn er etwa in der Schlacht bei Cannä seine Flanke einstoßen ließ, um den Gegner durch Überraschung einzuschließen; man sollte meinen, wir stellen uns diesen epischen Dichter und diesen Feldherrn so entfernt von uns vor, wie ein Tier, das wir in einem zoologischen Garten sehen. Sogar wenn wir bei Persönlichkeiten am Hofe Ludwigs XIV. in Briefen, die sie einem Tieferstehenden schreiben, der ihnen in nichts nützlich sein kann, Zeichen ritterlicher Höflichkeit finden, sind wir überrascht, weil sie uns plötzlich bei diesen Grandseigneurs eine ganze Welt von Anschauungen enthüllen, die sie nie direkt ausdrücken, von denen sie sich aber leiten lassen, insbesondre die Meinung, man müsse aus Höflichkeit gewisse Gefühle fingieren und gewisse Formen der Zuvorkommenheit mit größter Gewissenhaftigkeit üben.

Diese eingebildete Ferne der Vergangenheit ist vielleicht einer der Gründe, die es begreiflich machen, daß sogar große Schriftsteller in den Werken mittelmäßiger Mystifikatoren wie Ossian Schönes und Geniales gefunden haben. Es überrascht uns, daß Barden ferner Zeiten moderne Ideen haben konnten, und wenn wir in dem, was wir für einen alt-gaelischen Gesang halten, eine finden, die uns bei einem Zeitgenossen nicht besonders geistreich vorgekommen wäre, so sind wir schon entzückt. Ein talentvoller Übersetzer braucht einem Alten, den er mehr oder weniger treu erneuert, nur Stücke einzufügen, die, von einem Zeitgenossen gezeichnet und einzeln veröffentlicht, nur eben leidlich erscheinen würden, und schon gibt er seinem Dichter, den er so auf der Klaviatur mehrerer Jahrhunderte spielen läßt, etwas ergreifend Großartiges. Dieser Übersetzer hätte es nur zu einem mittelmäßigen Buch gebracht, wenn dies Buch als sein eignes Werk veröffentlicht worden wäre. Als Übersetzung ausgegeben, scheint es die eines Meisterwerks zu sein. Die Vergangenheit ist nicht flüchtig, sie bleibt an ihrer Stätte.

Nicht nur, daß Monate nach Ausbruch eines Krieges Gesetze noch entscheidend auf ihn wirken können, zu deren Abstimmung man sich alle Zeit nahm, nicht nur, daß fünfzehn Jahre nach einem dunkel gebliebenen Verbrechen ein Richter Indizien entdecken kann, die zu seiner Aufklärung dienen; nach vielen Jahrhunderten kann ein Gelehrter, der in einer Gegend Ortsnamen und Gebräuche der Einwohner studiert, in ihnen Legenden auf die Spur kommen, die älter sind als das Christentum, und die schon zur Zeit Herodots nicht mehr verstanden wurden oder gar vergessen waren; im Namen eines Felsens, in einem religiösen Ritus bleiben sie mitten in der Gegenwart als dichtere und unvordenklich alte, beständige Emanation stehn. Eine solche Emanation, allerdings erheblich jüngerer Herkunft, eine Emanation des Hoflebens gab es, wenn nicht in den oft gewöhnlichen Manieren des Herrn von Guermantes, so doch zumindest in dem Geist, der sie bestimmte. Die sollte ich noch zu kosten bekommen wie einen altertümlichen Geruch, als ich nachher in den Salon kam. Zunächst war ich nicht gleich hineingegangen.

Beim Verlassen der Diele hatte ich Herrn von Guermantes gesagt, ich würde sehr gern seine Elstir sehen. »Wie Sie befehlen! Herr Elstir ist wohl ein Freund von Ihnen? Da tut es mir sehr leid ... ich kenne ihn nämlich ein wenig, er ist ein liebenswürdiger Mann, was unsere Väter einen Ehrenmann nannten, ich hätte ihn bitten können, sich freundlichst zu mir zu bemühen, und ihn zum Diner einladen können. Es wäre ihm sicher sehr schmeichelhaft gewesen, den Abend in Ihrer Gesellschaft zu verbringen.« Sehr wenig ancien régime, wenn er sich dergestalt Mühe gab, es zu sein, wurde der Herzog es dann gleich wieder, ohne es zu wollen. Er fragte mich, ob er mir die Bilder zeigen solle, führte mich, trat graziös an jeder Tür zurück, entschuldigte sich, wenn er, um mir den Weg zu zeigen, vorangehen mußte; diese kleine Szene mochte (seit der Zeit, in der Saint-Simon erzählt, wie ein Vorfahre der Guermantes ihn in seinem Hause mit derselben Gewissenhaftigkeit in der Erfüllung der eitlen Pflichten eines Edelmannes die Honneurs machte), bevor sie bis auf uns kam, von so manchem Guermantes für so manchen Besuch gespielt worden sein. Da ich dem Herzog gesagt hatte, es würde mir sehr angenehm sein, wenn ich einen Augenblick vor den Bildern allein sein könnte, hatte er erwidert, ich fände ihn nachher im Salon, und sich darauf diskret zurückgezogen.

Als ich nun aber mit den Elstir allein war, vergaß ich ganz die Essenszeit; von neuem hatte ich wie in Balbec die Fragmente jener Welt aus unbekannten Farben vor mir, die ausschließlich eine Projektion der Vision des großen Malers, seiner besondern Art zu sehen war, wie sie in seinen Worten gar nicht zum Ausdruck kam. Die Teile der Wand, die von seinen einander sämtlich homogenen Malereien bedeckt wurden, waren wie die leuchtenden Bilder einer Laterna magica, die im vorliegenden Falle der Kopf des Künstlers gewesen wäre, und man hätte ihre Seltsamkeit nicht geahnt, solange man nur den Menschen gekannt, das heißt, so lange man nur die Laterne vor der Lampe gesehen hätte, bevor ein farbiges Glas noch eingeschoben worden war. Unter den Bildern interessierten mich einige, die den Leuten der Gesellschaft höchst lächerlich vorkamen, mehr als die andern, weil sie optische Illusionen neu schufen, die uns beweisen, daß wir die Gegenstände nur dann identifizieren, wenn wir Verstandesfunktionen eingreifen lassen. Wie oft entdecken wir vom Wagen aus eine lange helle Straße, die ein paar Meter von uns beginnt, und haben vor uns doch nur ein Stück grell beleuchteter Mauer, das uns Tiefe vorspiegelt. Ist es demnach – nicht als ein Kunstgriff des Symbolismus, sondern als aufrichtige Rückkehr zur eigentlichen Wurzel des Eindrucks – nicht ganz logisch, ein Ding durch das andre darzustellen, welches wir unterm Blitzstrahl einer ersten Illusion für jenes hielten? Oberfläche und Umfang sind in Wirklichkeit unabhängig von den gegenständlichen Bezeichnungen, die unser Gedächtnis ihnen aufzwingt, wenn wir sie erkannt haben. Elstir versuchte aus dem, was er empfunden hatte, das, was er wußte, herauszunehmen, und oft war es sein Bemühen, die Anhäufung von Überlegungen aufzulösen, die wir Wahrnehmung nennen.

Die Leute, die diese »Scheußlichkeiten« verabscheuten, wunderten sich, daß Elstir Chardin, Perroneau und soviele Maler bewunderte, die sie, die Leute der Gesellschaft, liebten. Es wurde ihnen nicht klar, daß Elstir vor der Wirklichkeit (mit seiner ganz bestimmten Vorliebe für gewisse besondere Experimente) seinerseits dasselbe unternommen hatte wie Chardin oder Perroneau, und somit, wenn er mit der eignen Arbeit aufhörte, bei ihnen Bestrebungen gleicher Richtung bewunderte, Fragmente seiner Werke gewissermaßen, die sie vorwegnahmen. Aber die Leute der Gesellschaft verstanden Elstirs Werk nicht in der zeitlichen Perspektive zu sehen, die ihnen ermöglichte, die Malerei eines Chardin zu lieben oder wenigstens ohne Verdruß zu betrachten. Dabei hätten die älteren sich sagen können, im Lauf ihres Lebens haben sie in dem Maße, in dem die Jahre sie davon entfernten, mit angesehn, wie der erst unüberbrückbare Abstand zwischen dem, was sie als ein Meisterwerk Ingres' ansahen, und dem, was nach ihrer Meinung für immer abstoßend blieb (zum Beispiel die Olympia von Manet), abnahm, bis endlich beide Bilder eine Zwillingsähnlichkeit bekamen. Aber man macht sich keine Lehre zunutze, weil man nicht bis ins Allgemeine vordringt, sondern immer mit einer einzelnen Erfahrung es zu tun zu haben glaubt, die keine Vorgänger in der Vergangenheit hat.

Es machte mir Eindruck, in zwei Bildern (die realistischer als die andern und in einer älteren Manier gemalt waren) denselben Herrn einmal im Frack in seinem Salon, ein andermal in Rock und Zylinder bei einem Volksfest am Wasser zu entdecken, wo er offenbar nichts zu tun hatte, das bewies mir, er war für Elstir nicht nur ein gewohntes Modell, sondern ein Freund, vielleicht ein Gönner, den er, wie ehedem Carpaccio genau getroffene bestimmte venezianische Edelleute, gern in seinen Malereien erscheinen ließ, wie in andrer Art auch Beethoven Freude daran hatte, über ein Lieblingswerk den geliebten Namen des Erzherzogs Rudolf zu setzen. Dies Fest am Wasser hatte etwas bezauberndes. Der Fluß, die Kleider der Frauen, die Segel der Boote und die zahllosen Reflexe der einen und andern hielten gut Nachbarschaft in dem Viereck Malerei, das Elstir sich aus einem wunderbaren Nachmittag geschnitten hatte. Was am Kleide einer Frau entzückte, die wegen der Hitze und aus Erschöpfung einen Augenblick zu tanzen aufhörte, schillerte auch und in derselben Art auf der Leinwand eines stillstehenden Segels, dem Wasser des kleinen Hafens, dem hölzernen Ponton, dem Laub und dem Himmel. Wie auf einem der Bilder, die ich in Balbec gesehen hatte, das Hospital unter seinem Lapislazulihimmel ebenso schön war wie die Kathedrale und – kühner als Elstir der Theoretiker, Elstir der Mann von Geschmack und Liebhaber des Mittelalters – zu singen schien: »Es gibt keine Gotik, es gibt keine Meisterwerke, das stillose Hospital ist so viel wert wie das glorreiche Portal«, so begriff ich jetzt: Die etwas gewöhnliche Dame, die ein Dilettant, der spazieren geht, anzusehen vermieden und aus dem poetischen Bild, das die Natur vor ihm komponiert, würde ausgeschlossen haben, diese Frau ist auch schön, ihr Kleid empfängt dasselbe Licht wie die Segel des Bootes, es gibt nicht mehr oder weniger wertvolle Dinge, dies gewöhnliche Kleid und das an sich hübsche Segel sind nur zwei Spiegel desselben Reflexes, der ganze Wert liegt im Blick des Malers. Der hatte den Gang der Stunden unsterblich in dem lichten Augenblicke festgehalten, als die Dame erhitzt war und zu tanzen aufgehört hatte, als den Baum ein Schattenkreis umschloß und die Segel auf Goldlack zu gleiten schienen. Gerade weil nun der Augenblick mit solcher Kraft auf uns lastete, vermittelte die festhaftende Malerei den Eindruck von etwas äußerst Flüchtigem, man fühlte, die Dame wird bald wieder umkehren, die Schiffe werden verschwinden, der Schatten wird Platz wechseln, die Nacht kommen, die Freude endet, das Leben geht vorüber, und die Augenblicke, in soviel einander benachbarten Lichtern auf einmal leuchtend, kommen für uns nicht wieder. Ich erkannte noch einen, allerdings ganz andern Aspekt dessen, was der Augenblick ist, in einigen Aquarellen mit mythologischen Vorwürfen aus Elstirs Anfangszeiten, die ebenfalls diesen Salon schmückten. Die »fortgeschrittenen« Leute der Gesellschaft »gingen« bis zu dieser Manier »mit«, aber nicht weiter. Es war sicher nicht das Beste, was Elstir gemacht hatte, aber schon nahm die Aufrichtigkeit, mit der das Thema durchdacht war, ihm seine Kälte. So waren zum Beispiel die Musen dargestellt, wie man Wesen, die zu einer fossilen Gattung gehören, hätte darstellen können, wie sie aber zu mythologischen Zeiten, abends zu zweien oder dreien einen Bergpfad entlang kommend, nicht selten mochten zu sehen gewesen sein. Bisweilen ging ein Dichter, von einer Rasse, die auch für einen Zoologen eine besondre Individualität besaß (es charakterisierte sie eine gewisse Geschlechtslosigkeit), mit einer Muse spazieren wie in der Natur Geschöpfe verschiedener Arten, die aber befreundet sind, einander Gesellschaft leisten. Auf einem dieser Aquarelle sah man einen Dichter, der vom langen Lauf durchs Gebirge erschöpft war, von einem Centauren, dem er begegnet war, aus Rührung über seine Mattheit auf den Rücken genommen und heimgetragen. Auf mehreren andern ist die weite Landschaft (die mythische Szene und die Fabelhelden nehmen in ihr nur einen winzigen Platz ein und sind wie verloren) von den Gipfeln bis zum Meer mit einer Genauigkeit wiedergegeben, die mehr als die Stunde, die geradezu die Minute durch den Stand der sinkenden Sonne und die flüchtige Treue der Schatten darstellt. Indem er es derart veraugenblicklicht, gibt der Künstler dem Fabelsymbol eine Art erlebter historischer Wirklichkeit, er malt und berichtet es im Passé défini.

Während ich die Malereien von Elstir betrachtete, hatte mich das ununterbrochen anschlagende Klingeln der ankommenden Gäste sanft gewiegt. Aber schließlich weckte mich – wenn auch nicht sehr rasch – das Schweigen, das darauf folgte und nun schon lange dauerte, aus meiner Träumerei, wie das, welches der Musik Lindors folgt, Bartholo aus seinem Schlummer weckt. Ich bekam Furcht, man habe mich vergessen und sei schon bei Tisch, und eilig ging ich nach dem Salon. An der Tür des Kabinetts mit den Elstir fand ich einen Bedienten, der wartete. Er war alt oder gepudert, ich weiß es nicht, und sah wie ein spanischer Minister aus, er erwies mir einen Respekt, wie er ihn einem König zu Füßen gelegt haben würde. Ich merkte seiner Miene an, er hätte noch eine Stunde auf mich gewartet, und ich dachte mit Schrecken, welche Verspätung ich in das Diner gebracht hatte, und das besonders, da ich doch versprochen hatte, um elf Uhr bei Herrn von Charlus zu sein.

Der spanische Minister (unterwegs traf ich auch noch den Lakaien, dem der Portier zusetzte, er strahlte vor Glück, als ich ihn nach seiner Braut fragte, morgen hatten er und sie beide Ausgang, er werde den ganzen Tag mit ihr verbringen können, sagte er und pries die Güte der Frau Herzogin) – der spanische Minister führte mich in den Salon, wo ich Herrn von Guermantes in schlechter Laune anzutreffen fürchtete. Jedoch empfing er mich mit Freude. Die war offenbar zum Teil künstlich und von Höflichkeit diktiert, andererseits aber kam sie aus seinem Magen, welchen die große Verspätung ausgehungert hatte, dazu aus dem Bewußtsein, daß alle seine Gäste, die vollzählig den Salon füllten, ebenso ungeduldig geworden waren. Tatsächlich hatte man, wie ich später erfuhr, beinah dreiviertel Stunden auf mich gewartet. Der Herzog von Guermantes nahm gewiß an, eine Verlängerung von zwei Minuten werde die allgemeine Pein nicht vermehren, und habe er aus Höflichkeit den Augenblick, sich zu Tische zu setzen, so weit hinausgeschoben, so werde diese Höflichkeit vollkommener sein, wenn er nicht sofort auftragen ließe und es ihm dadurch gelinge, mich zu überzeugen, ich sei nicht verspätet und man habe nicht auf mich gewartet. So fragte er mich denn, gerade als hätten wir noch eine Stunde bis zum Essen und als wären bestimmte Gäste noch nicht da, wie ich die Elstir fände. Zugleich aber schritt er, ohne sein Magengrimmen merken zu lassen, um nicht eine Sekunde mehr zu verlieren, zusammen mit der Herzogin zu den Vorstellungen. Da erst fiel mir auf, daß rings um mich, mich, der ich bis zu diesem Tag – mit Ausnahme der Stunden im Salon, von Frau Swann – bei meiner Mutter in Combray und in Paris an die gönnerhaften oder abweisenden Manieren mürrischer Bürgersfrauen gewöhnt war, die mich als Kind behandelten, ein Szenenwechsel stattgefunden hatte, dem vergleichbar, der Parsifal mit einem Schlage mitten unter die Blumenmädchen versetzt. Die, welche mich umgaben – sie waren ganz dekolletiert und ihr Fleisch erschien zu beiden Seiten eines schlängelnden Mimosenzweiges oder unter den breiten Blütenblättern einer Rose – begrüßten mich nur mit langen zärtlichen Blicken, welche sie auf mich gleiten ließen, als verhindere sie einzig die Schüchternheit, mich zu küssen. Viele von ihnen waren gleichwohl sehr ehrbar vom moralischen Standpunkt; viele, nicht alle, und die tugendhaftesten hatten gegen die leichtlebigen nicht die Abneigung, wie meine Mutter sie gehabt hatte. Ihr flatterhaftes Leben wurde, obwohl es augenscheinlich war, von frommen Freundinnen abgeleugnet und schien in der Welt der Guermantes nicht so ernst genommen zu werden wie die Beziehungen, die man aufrecht zu erhalten verstanden hatte. Man tat, als wisse man nicht, daß der Körper einer Dame des Hauses von jedem, der es wollte, angetastet wurde, wenn nur der Salon unangetastet geblieben war. Da der Herzog sich mit seinen Gästen wenig Zwang antat (er hatte von ihnen und sie hatten von ihm seit langem nichts mehr zu lernen), aber viel mit mir, dessen Art Überlegenheit ihm unbekannt war und ihm Respekt einflößte, ungefähr wie ihn die großen Herren am Hofe Ludwigs XIV. vor den bürgerlichen Ministern hatten, so war es, wenn nicht für die andern, so doch mindestens für mich in seinen Augen offenbar ohne Belang, die Tischgenossen nicht zu kennen, und während ich seinetwegen sehr um den Eindruck besorgt war, den ich auf sie machen werde, kümmerte er sich nur um den, welchen sie auf mich machen würden.

Zunächst übrigens ergab sich eine kleine Doppel-Konfusion. Sobald ich nämlich in den Salon eingetreten war, hatte mich Herr von Guermantes, ohne mir Zeit zu lassen, auch nur der Herzogin guten Tag zu sagen, zu einer ziemlich kleinen Dame geführt, und zwar, als wolle er ihr eine angenehme Überraschung machen, er schien ihr zu sagen: »Da ist Ihr Freund, Sie sehn, ich bringe ihn Ihnen am Kragen geschleppt«. Schon lange bevor ich, vom Herzog geschoben, vor ihr angekommen war. hatte mir diese Dame aus großen sanften schwarzen Augen unaufhörlich zugelächelt mit verständnisinnigen Blicken, wie wir sie für einen alten Bekannten haben, der uns vielleicht nicht gerade erkennt. Eben das war mein Fall, ich konnte mich nicht besinnen, wer sie war, ich wandte im Näherkommen den Kopf beiseite, um nicht antworten zu müssen, ehe die Vorstellung mir aus der Verlegenheit geholfen habe. Inzwischen hielt die Dame weiter das Lächeln, das mir bestimmt war, in schwankendem Gleichgewicht. Es war, als habe sie es eilig, dies Lächeln loszuwerden, und warte darauf, daß ich endlich sage: »Ah! Gnädige Frau, aber natürlich! Wie wird Mama sich freuen, daß wir uns getroffen haben!« Ich war so ungeduldig, ihren Namen zu wissen, wie sie es war, mich endlich zum Zeichen, ich wisse Bescheid, grüßen zu sehen, damit ihr wie ein langes Cis unendlich ausgehaltenes Lächeln einmal aufhören könne. Aber Herr von Guermantes stellte sich, wenigstens nach meiner Meinung ungeschickt an, mir kam es vor, als habe er nur mich genannt, ich wußte immer noch nicht, wer die Pseudo-Unbekannte war, und auf den guten Einfall, selbst ihren Namen zu nennen kam sie nicht, so klar waren für sie offenbar die Gründe unserer Intimität, von der ich nichts wußte. So hielt sie mir denn, als ich vor ihr stand, nicht ihre Hand hin, sondern griff vertraulich nach meiner und sprach in einem Ton zu mir, als wären die schönen Erinnerungen, auf die sie sich bezog, mir so geläufig wie ihr. Sie sagte mir, wie sehr Albert (ich merkte, das mußte ihr Sohn sein) bedauern werde, daß er nicht hatte kommen können. Ich suchte unter meinen alten Kameraden, wer Albert heiße, und fand nur Bloch, aber die alte Frau Bloch konnte die Dame vor mir nicht sein, denn die war seit vielen Jahren tot. Umsonst bemühte ich mich, die ihr und mir gemeinsame Vergangenheit, auf die sie sich in Gedanken bezog, zu erraten. Aber von der bemerkte ich durch das durchsichtig-tiefe Schwarz der großen sanften Augäpfel, die nur das Lächeln hervorließen, nicht mehr als man von einer Landschaft durch eine schwarze Fensterscheibe erkennt, wenn sie auch die Sonne bescheint. Sie fragte mich, ob mein Vater sich nicht überanstrenge, ob ich nicht mit Albert ins Theater gehen wolle, ob es mir jetzt gesundheitlich besser gehe, und da bei meinen in dem geistigen Dunkel, in dem ich mich befand, taumelnden Antworten nichts Bestimmtes herauskam außer, es ginge mir heut Abend nicht sehr gut, schob sie selbst einen Stuhl für mich her und bemühte sich so umständlich um mich, wie ich es von den andern Freunden meiner Eltern nicht gewöhnt war. Endlich wurde das Lösungswort des Rätsels mir vom Herzog gegeben. »Sie ist entzückt von Ihnen« flüsterte er mir ins Ohr. Das kam mir so bekannt vor. Das hatte doch Frau von Villeparisis zu meiner Großmutter und mir gesagt, als wir die Bekanntschaft der Prinzessin von Luxembourg gemacht hatten. Da begriff ich alles, die Dame hatte nichts mit Frau von Luxembourg gemeinsam, aber an der Sprache dessen, der es mir servierte, erkannte ich, was für eine Art Tier das war. Es war eine Hoheit. Sie kannte weder meine Familie noch mich, aber da sie der vornehmsten Rasse entstammte und das größte Vermögen der Welt besaß, – sie war die Tochter des Prinzen von Parma und hatte einen ebenfalls fürstlichen Vetter geheiratet, – wünschte sie, aus Dankbarkeit gegen den Schöpfer, ihrem Nächsten, so armer und bescheidener Herkunft er auch sein mochte, zu bezeugen, daß sie ihn nicht verachte. Eigentlich hätte mich schon ihr Lächeln darauf bringen müssen, ich hatte doch gesehen, wie die Prinzessin von Luxembourg am Strande die kleinen Schwarzbrote kaufte, um meiner Großmutter davon zu geben wie einem Reh im Jardin d'Acclimatation. Aber es war erst die zweite Prinzessin von Geblüt, der ich vorgestellt wurde, und so war es zu entschuldigen, daß ich die Züge einer Liebenswürdigkeit, die allen Großen gemein ist, nicht herausgefühlt hatte. Hatten sie sich übrigens nicht selbst die Mühe gemacht, mich davor zu warnen, zu sehr auf diese Liebenswürdigkeit zu rechnen? Die Herzogin von Guermantes, die mir in der Opéra-Comique so lebhaft mit der Hand Guten Tag zugewinkt hatte, machte dann doch ein wütendes Gesicht, als ich sie auf der Straße grüßte, wie Leute die jemandem einmal ein Geldstück gegeben haben, denken, damit seien sie nun für immer quitt. Bei Herrn von Charlus waren die Gegensätze noch stärker ausgeprägt. Schließlich habe ich, wie man sehen wird, Hoheiten und Majestäten einer andern Sorte kennengelernt, Königinnen, die Königin spielen und nicht wie es bei ihresgleichen üblich ist sprechen, sondern wie die Königinnen bei Sardou.

Daß Herr von Guermantes sich so beeilte, mich vorzustellen, geschah, weil es ein unmöglicher Zustand ist, wenn in einer Gesellschaft jemand einer königlichen Hoheit unbekannt ist, ein Zustand, der nicht eine Sekunde länger andauern darf. Es geschah ebenso eilig, wie Saint-Loup meiner Großmutter sich hatte vorstellen lassen. Nebenbei hielten – und es lebte ein Rest höfischen Lebens in dieser gesellschaftlichen Höflichkeit weiter, die nicht etwa oberflächlich ist, aber durch eine Umkehrung von Außen und Innen die Oberfläche wesentlich und tief werden läßt – der Herzog und die Herzogin von Guermantes es für ihre Pflicht (eine wichtigere Pflicht als die ziemlich häufig wenigstens von einem von ihnen vernachlässigten, wohltätig, keusch, mitleidig und gerecht zu sein) und für unumgänglich, die Prinzessin von Parma immer nur in der dritten Person anzureden.

Noch war ich nie nach Parma gekommen (was ich mir schon seit weit zurückliegenden Osterferien wünschte), und wenn ich nun die Prinzessin von Parma kennen lernte, die, wie ich wußte, das schönste Palais besaß in dieser einzigen Stadt, wo alles homogen sein mochte, lag sie doch isoliert vom Rest der Welt zwischen glatten Mauern in der Atmosphäre ihres kompakten und zu süßen Namens, die erstickend war wie ein luftloser Sommerabend auf der Piazza einer italienischen Kleinstadt, – so mußte eigentlich mit einem Schlage anstelle dessen, was ich mir vorzustellen suchte, das, was wirklich in Parma war, treten, wie wenn ich sozusagen fragmentarisch und ohne mich fortbewegt zu haben, dort ankäme; es war in der Algebra meiner Reise nach der Stadt Giorgiones etwas wie eine Gleichung mit einer Unbekannten. Hatte ich aber seit Jahren – wie ein Parfumfabrikant einen festen Block von fetter Masse – den Namen Prinzessin von Parma das Parfum tausender von Veilchen aufsaugen lassen, so begann nunmehr, sobald ich die Prinzessin, die ich mir mindestens als eine Art Sanseverina vorgestellt hatte, sah, eine zweite Operation, die allerdings erst einige Monate später vollendet wurde; sie bestand darin, mittels neuer chemischer Erweichung die ganze Veilchenessenz und alles Stendhalische Parfum aus dem Namen der Prinzessin zu vertreiben und ihm statt dessen das Bild einer kleinen schwarzhaarigen Frau einzuverleiben, die sich mit Wohltätigkeit befaßte und von bescheidenster Liebenswürdigkeit war, welcher man sofort anmerkte, sie entsprang hochmütigem Stolz. Übrigens war sie bis auf einige Unterschiede den andern großen Damen gleich und so wenig stendhalisch wie zum Beispiel in Paris im Quartier »Europe« die rue de Parme es ist, die mit dem Worte Parma weniger Ähnlichkeit hat als mit all ihren Nachbarstraßen und weniger an die Chartreuse, in der Fabrice stirbt, als an die Vorhalle des Bahnhofs Saint-Lazare gemahnt.

Ihre Liebenswürdigkeit hatte zweierlei Ursachen. Eine, die allgemeinere, war die Erziehung, welche diese Fürstentochter erhalten hatte. Ihre Mutter (sie war nicht nur mit allen königlichen Familien Europas verschwägert, sondern auch – im Gegensatz zum herzoglichen Hause Parma – reicher als irgend eine regierende Fürstin) hatte ihr vom zartesten Kindesalter an die stolz-demütigen Grundsätze eines gottesfürchtigen Snobismus eingeprägt; und jetzt schien jeder Zug im Gesicht der Tochter, die Biegung ihrer Schultern, die Bewegungen ihrer Arme zu wiederholen: »Denke daran: wenn Gott auf den Stufen eines Thrones dich hat zur Welt kommen lassen, darfst du das nicht ausnutzen, um die zu verachten, denen du nach dem Willen der himmlischen Vorsehung (sie sei gelobt dafür!) überlegen an Herkunft und Reichtum bist. Sei vielmehr gut zu den Geringen. Deine Ahnen waren Fürsten von Cleve und Jülich seit 647; Gott hat in seiner Güte gewollt, daß du fast alle Suezkanalaktien und dreimal soviel Royal Dutch als Edmond von Rothschild besitzest; seit dem Jahre 63 der christlichen Ära ist von den Genealogen deine Abstammung in direkter Linie festgestellt; du bist Schwägerin von zwei Kaiserinnen. Sprich also niemals so, als habest du deine großen Privilegien im Sinne, nicht als ob sie unsicher wären (am Alter der Rasse kann man nichts ändern, und Petroleum wird man immer nötig haben), aber es hat keinen Zweck zu betonen, daß du von besserer Herkunft bist als irgend einer und daß dein Geld erstklassig angelegt ist, da alle Welt es weiß. Sei hilfreich zu den Unglücklichen. Erweise denen, welche die himmlische Güte in ihrer Gnade dir untergeordnet hat, was du vermagst, ohne deinen Rang zu beeinträchtigen, das heißt, hilf ihnen mit Geld, sogar mit Krankenpflege, aber wohlverstanden lade sie nie zu deinen Gesellschaften ein, davon würden sie gar nichts haben, dafür würde es aber dein Prestige mindern und dadurch deinen Wohltaten ihre Wirkungskraft nehmen.«

So suchte denn die Prinzessin auch in Momenten, in denen sie nicht wohltun konnte, durch die stumme Sprache sichtbarer Gesten zu zeigen oder vielmehr glauben zu machen, sie fühle sich denen, in deren Mitte sie weilte, nicht überlegen. Mit jedem war sie von bestrickender Liebenswürdigkeit, wie es wohlerzogene Leute gegen Untergebene sind, alle Augenblicke schob sie, um sich nützlich zu machen, ihren Stuhl beiseite, in der Absicht, mehr Platz zu schaffen, sie nahm mir die Handschuhe ab und erbot sich zu allen Diensten, die der stolzen Bürgerinnen unwürdig sind, während Fürsten sie gern und Dienstboten alten Schlages sie instinktiv und aus Neigung zu ihrem Beruf erweisen.

Indessen hatte der Herzog, der es eilig zu haben schien, mit den Vorstellungen fertig zu werden, mich schon zu einem andern Blumenmädchen hingezogen. Als ich ihren Namen hörte, sagte ich ihr, ich sei an ihrem Schloß in der Nähe von Balbec vorbeigekommen. »O wie glücklich wäre ich gewesen, es Ihnen zu zeigen«, sagte sie mit beinah leiser Stimme – das sollte wohl bescheiden wirken –, aber im Ton aufrichtigen Gefühls, als bedauere sie es aufs Tiefste, die Gelegenheit zu einem ganz besondern Genuß versäumt zu haben, und mit einschmeichelndem Blick fügte sie hinzu: »Ich hoffe, es ist noch nicht alles verloren. Und ich muß sagen, noch mehr hätte Sie das Schloß meiner Tante Brancas interessiert; es ist die Perle der Provinz, von Mansard erbaut.« Nicht nur sie wäre erfreut gewesen, mir ihr Schloß zu zeigen, ihre Tante wäre nicht weniger entzückt gewesen, mir die Honneurs des ihren zu machen, wie die Dame mir versicherte; sie dachte offenbar, in einer Zeit, in der das Land die Tendenz hat, in die Hände von Finanzleuten überzugehn, die keine Lebensart haben, sei es besonders wichtig, daß die Großen mit Worten, die zu nichts verpflichten, die hohen Traditionen ritterlicher Gastfreundschaft aufrechterhalten. Sie suchte damit auch, wie alle Leute ihres Milieus, etwas zu sagen, das ihrem Unterredner besondre Freude machen konnte, suchte ihm eine besonders hohe Meinung von sich selbst zu geben, ihm einzureden, die, denen er schreibe, müßten sich geschmeichelt, die, welche er besuchte, geehrt fühlen, und man brenne darauf, ihn kennen zu lernen. Anderen solche hohe Meinung von sich selbst geben zu wollen, das ist freilich sogar in der Bourgeoisie bisweilen üblich. Man begegnet dort dieser Anlage zum Wohlwollen als individuellem Vorzug, der einen Fehler ausgleicht, leider nicht gerade bei den zuverlässigsten Freunden, aber wenigstens doch bei den angenehmsten Kameraden. Aber dort blüht diese Tugend nur vereinzelt. Bei einem erheblichen Teil der Aristokratie hingegen ist dieser Charakterzug schon nicht mehr individuell; Erziehung hat ihn herangezogen und der Gedanke an die eigne Größe ihn unterhalten, an eine Größe, welche nicht zu fürchten braucht, sich dadurch zu demütigen, keine Rivalen kennt, weiß, sie kann durch Grazie beglücken, und Gefallen daran findet, es zu tun. So ist das der typische Charakterzug einer Klasse geworden. Und selbst die, welche durch zu hemmende persönliche Fehler daran gehindert werden, im Herzen ihn zu bewahren, tragen unbewußt in Wortschatz und Gebärdenspiel noch seine Spur.

»Es ist eine sehr gute Frau«, sagte Herr von Guermantes zu mir von der Prinzessin von Parma, »und sie versteht dabei wie keine andre die große Dame zu sein.«

Während ich den Damen vorgestellt wurde, ließ sich ein Herr immer wieder eine gewisse Ungeduld anmerken: es war Graf Hannibal von Bréauté-Consalvi. Da er spät erschienen war, hatte er nicht Zeit gefunden, sich über die andern Gäste zu informieren, und als nun ich den Salon betrat und er in mir einen Besuch erblickte, der nicht zum Kreise der Herzogin gehörte und somit außergewöhnliche Anrechte auf sein Erscheinen hier haben mußte, schob er unter den Rundbogen der Augenbraue sein Monokel; davon versprach er sich, leichter zu erkennen, was für eine Spezies Mensch ich sei. Er wußte, Frau von Guermantes hatte – wie es kostbarer Erbbesitz wahrhaft hochstehender Frauen ist – das, was man einen Salon nennt, das heißt, sie brachte bisweilen mit den Leuten ihres Kreises hervorragende Persönlichkeiten zusammen, die durch die Entdeckung eines Heilmittels oder die Schöpfung eines Meisterwerks gerade die Augen auf sich gelenkt hatten. Das Faubourg Saint-Germain stand noch unter dem Eindruck der Kunde, daß zum Empfang zu Ehren des Königs und der Königin von England die Herzogin sich nicht gescheut hatte, Herrn Detaille einzuladen. Nur schwer kamen die Frauen von Geist im Faubourg darüber hinweg, nicht eingeladen worden zu sein, es hätte sie so beglückt, diesem fremdartigen Genie nahe zu kommen. Frau von Courvoisier behauptete, auch Herr Ribot sei zugegen gewesen, allein das war erfunden, um den andern einzureden, Oriane bemühe sich, ihren Gatten zum Botschafter ernennen zu lassen. Endlich, und das war ein Skandal, hatte sich Herr von Guermantes mit einer Galanterie, die des Marschalls von Sachsen würdig gewesen wäre, bei den Schauspielern der Comédie Française eingefunden und die Reichenberg gebeten, bei ihm vor dem König zu deklamieren, was dann wirklich geschah und ein Ereignis ohne Präzedenzfall in den Annalen der Routs wurde. Wie oft so etwas Überraschendes sich ereignet hatte, war Herrn von Bréauté gegenwärtig und, nebenbei bemerkt, er billigte das durchaus, da er sich selbst als Zierde jedes Salons fühlte und ihm in derselben Art wie die Herzogin von Guermantes, nur als Vertreter des männlichen Geschlechts, Weihe gab. So fragte er sich denn, wer ich wohl sein könne, und seinen Nachforschungen eröffnete sich ein weites Feld. Einen Augenblick ging ihm der Name Widor durch den Kopf, aber für einen Organisten war ich seines Erachtens recht jung, und Herr Widor war als Persönlichkeit nicht markant genug, um »empfangen« zu werden. Wahrscheinlicher kam es ihm vor, in mir den neuen Attaché der schwedischen Gesandtschaft vor sich zu haben, von dem man ihm gesprochen hatte; und er bereitete sich darauf vor, mich nach König Oskar zu fragen, von welchem er zu wiederholten Malen sehr gut aufgenommen worden war; als aber der Herzog mich ihm vorstellte und Herr von Bréauté sah, daß ihm mein Name völlig unbekannt war, stand es nunmehr unzweifelhaft für ihn fest: da ich hier zugegen sei, müsse ich eine Berühmtheit sein. Etwas andres gab es ja bei Oriane nicht, und sie verstand es, die Männer, von denen man sprach, in ihren Salon zu ziehen, natürlich nur in einem Prozentsatz von eins zu hundert, sonst hätte sie den Salon deklassiert. So begann denn Herr von Bréauté sich die Lippen zu lecken und mit geweiteten Nüstern zu schnuppern; reizte doch nicht nur das gute Diner, das seiner wartete, seinen Appetit, sondern auch der besondre Charakter dieser Reunion, die durch meine Gegenwart interessant werden mußte, das gab für morgen, wenn er beim Herzog von Chartres frühstückte, ein pikantes Gesprächsthema. Er schwankte noch, ob ich der sei, dessen neues Krebsserum man gerade ausprobiert hatte, oder der, dessen neuer Einakter im Théâtre Français geprobt wurde, aber als großer Intellektueller, der von Reisen und dergleichen zu plaudern verstand, machte er mir schon immer viele kleine Reverenzen und Zeichen, und das Monokel filterte dabei sein Lächeln; sei es, daß er die falsche Vorstellung hatte, ein Mann von Wert werde ihn höher schätzen, wenn er ihm insinuieren könnte, ihm, dem Grafen von Bréauté-Consalvi, sei die Welt des Gedankens nicht minder ehrwürdig als die der Geburt; sei es einfach aus dem Bedürfnis, seine Freude über meine Gegenwart auszudrücken. Das fiel ihm allerdings besonders schwer, da er nicht wußte, was für eine Sprache er mit mir reden solle, erfühlte sich mir ja geradezu wie einem »Wilden« einer unbekannten Küste gegenüber, an der sein Floß landete, einem der Insulaner, mit denen er Geschäfte machen wollte; und um gegen billigen Glasschmuck ihre Straußeneier und Spezereien einzuhandeln, mußte man doch aufmerksam ihre Gewohnheiten beobachten, ohne die Freundschaftsbezeugungen zu unterbrechen noch wie sie lautes Geheul auszustoßen. Nachdem ich seine Freudenkundgebungen, so gut ich konnte, erwidert hatte, drückte ich dem Herzog von Châtellerault die Hand, ich hatte ihn schon bei Frau von Villeparisis getroffen – die sei eine ganz Schlaue, sagte er mir. Mit seinem unerhört blonden Haar, dem scharfen Profil und den Stellen auf den Wangen, die häufig die Farbe wechselten, war er im höchsten Grade Guermantes, wie man sie schon auf den Porträts dieser Familie, die uns das sechzehnte und siebzehnte Jahrhundert hinterlassen haben, sieht. Aber da ich die Herzogin nicht mehr liebte, hatte ihre Reïnkarnation in diesem jungen Mann keinen Reiz für mich. Ich las den Schnörkel, den die Nase des Herzogs von Châtellerault zeichnete, wie die Signatur eines Malers, den ich lange Zeit studiert hatte, der mich aber gar nicht mehr interessierte. Dann sagte ich dem Fürsten Foix guten Tag, und ließ meine Hand – zur Qual meiner Fingerglieder, die ganz zerquetscht herauskamen – in den Schraubstock eines echt deutschen Händedrucks geraten, den Fürst Pfaffenheim, der Freund des Herrn von Norpois, mit einem Lächeln begleitete, das ironisch oder gutmütig sein sollte; diesen Herrn nannte man, wie es die diesen Kreisen eigentümliche Manier für Spitznamen mit sich brachte, einfach den Fürsten Von, und zwar so allgemein, daß er selber »Fürst Von« oder wenn er an gute Freunde schrieb, schlechthin »Von« zeichnete. Eine solche Abkürzung war in diesem Fall noch zur Not verständlich wegen der Länge des zusammengesetzten Namens. Weshalb man aber Elisabeth bald durch Lili bald durch Bebeth ersetzte (wie es in einem andern Kreise von Kikims wimmelte), darüber war man sich weniger klar. Es ist begreiflich, daß Leute, wenn sie im allgemeinen auch Muße haben und leichtfertig damit umgehen, sich daran gewöhnen »Quiou« zu sagen, um nicht mit dem langen Namen Montesquiou ihre Zeit zu verlieren. Weniger ersichtlich aber ist es, was sie davon haben, wenn sie einen ihrer Vettern Dinand statt Ferdinand nennen. Man muß, nebenbei bemerkt, nicht meinen, die Guermantes hätten sich bei der Umbildung der Vornamen darauf beschränkt, eine Silbe zu wiederholen. Zwei Schwestern, die Gräfin von Montpeyroux und die Vicomtesse von Velude, beide von gewaltigem Leibesumfang, hörten sich – und das nahmen sie durchaus nicht übel und niemand lächelte darüber, so lange war man schon daran gewöhnt – nie anders nennen als »Baby« und »Putzi«. Wäre Frau von Montpeyroux schwer erkrankt, so würde Frau von Guermantes, die sehr an ihr hing, mit Tränen in den Augen ihre Schwester gefragt haben: »Ich höre, Baby geht es so schlecht?« Frau de l'Eclin, dies das Haar in Bandeaux trug, welche die Ohren ganz verdeckten, wurde (mit Anspielung auf das Sprichwort vom gierigen Magen, der keine Ohren hat) nie anders als »Giermagen« genannt. Bisweilen begnügte man sich damit, dem Namen oder Vornamen des Ehemannes ein a hinzuzufügen, um die Frau zu bezeichnen. Der geizigste, filzigste Unmensch des Foubourg hieß mit Vornamen Raphael: seine reizende Frau, die Blume, die auf diesem Felsen gedieh, unterzeichnete immer Raphaela; aber das sind nur ein paar Proben zahlloser Regeln, von denen wir bei Gelegenheit die eine oder andere werden erläutern können. Ich bat den Herzog, mich dem Fürsten von Agrigent vorzustellen. »Wie? Sie kennen unsern trefflichen Grigri nicht?« rief Herr von Guermantes und nannte Herrn von Agrigent meinen Namen. Seinen hatte ich oft aus Françoises Munde gehört und mir dabei etwas gläsern Durchsichtiges vorgestellt, dahinter in schrägen Strahlen goldner Sonne am Strand des veilchenfarbenen Meeres die rosa Kuben einer antiken Stadt lagen, und in der herrschte, dessen war ich sicher, ebenso schimmernd sizilianisch und ruhmpatiniert tatsächlich dieser Fürst – den nur ein unversehenes Wunder kurz in Paris auftauchen ließ. Ach der, dem man mich vorstellte, war ein banaler Käfer; der sich mit schwerfälliger Ungezwungenheit, die wohl elegant sein sollte, halb herum drehte, um mir guten Tag zu sagen, und mit seinem Namen so wenig gemein hatte wie etwa mit einem Kunstwerk, das er besessen hätte, ohne davon einen Abglanz an sich zu haben, ohne es vielleicht überhaupt je anzusehen. Der Fürst von Agrigent ermangelte gänzlich alles Fürstlichen, an das man bei dem Wort Agrigent denken konnte, vermutlich besaß sein Name, ganz unabhängig von seinem Träger, durch nichts an dessen Person gebunden, die Macht, alles was in diesem wie bei sonst einem Menschen an unausgesprochener Poesie hätte schlummern können, anzuziehen und, wenn das gelungen, in den verzauberten Silben gefangenzuhalten. Hatte diese Operation tatsächlich stattgefunden, so war sie jedenfalls sehr gut gelungen, denn nun blieb kein Atom von Charme mehr aus diesem Verwandten der Guermantes herauszuholen. So war denn dieser Mensch allein auf der Welt Fürst von Agrigent und war es zugleich weniger als irgendein Mensch auf der Welt. Übrigens war er sehr glücklich, es zu sein, aber nur so wie ein Bankier glücklich ist, zahlreiche Aktien eines Bergwerks zu besitzen, ohne sich weiter darum zu kümmern, ob dies Bergwerk den hübschen Namen Ivanhoe-Mine oder Primerose-Mine trägt oder einfach Mine Nr. 1 heißt. Während nun diese Vorstellungen, die beim Erzählen soviel Zeit in Anspruch nehmen, aber gleich bei meinem Eintritt in den Salon begonnen und nur ein paar Augenblicke gedauert hatten, zu Ende gingen und Frau von Guermantes in fast flehendem Ton zu mir sagte: »Sicher ermüdet Sie Basin, wenn er Sie so von einem zum andern zieht, natürlich liegt uns daran, daß Sie unsere Freunde kennen lernen, aber wir wollen Sie nicht ermüden, Sie sollen doch recht oft wiederkommen«, gab der Herzog mit einer ziemlich linkischen und zaghaften Bewegung (er hätte es gern schon vor einer Stunde getan, der Stunde, die ich ganz vor den Bildern von Elstir zugebracht hatte) das Zeichen, aufzutragen.

Es fehlte übrigens noch einer der Eingeladenen, Herr von Grouchy; seine Frau, eine geborene Guermantes, war ohne ihn erschienen, er sollte direkt von der Jagd herkommen, auf der er den Tag verbracht hatte. Dieser Herr von Grouchy war ein Nachkomme des Grouchy aus dem ersten Kaiserreich, dem fälschlich nachgesagt worden ist, seine Abwesenheit zu Beginn der Schlacht bei Waterloo sei die Hauptursache der Niederlage Napoleons gewesen; er stammte aus sehr guter Familie, die aber in den Augen gewisser Adelsfanatiker nicht gut genug war. So pflegte der Fürst Guermantes, der viele Jahre später in eigener Angelegenheit weniger schwierig werden sollte, zu seinen Nichten zu sagen: »Wie schlimm für die arme Frau von Guermantes (die Vicomtesse von Guermantes, Mutter der Frau von Grouchy), daß es ihr nicht geglückt ist, ihre Kinder zu verheiraten.« – »Aber, lieber Onkel, die ältere Tochter hat doch Herrn von Grouchy geheiratet.« – »Das nenn ich nicht einen Gatten! Nun immerhin erzählt man sich ja, Onkel François habe um die jüngere angehalten, so werden sie nicht alle sitzen bleiben.« Kaum war der Befehl aufzutragen gegeben, so schnellten kreisend überall auf einmal mit beiden Flügeln weit die Türen zum Speisesaal auf; ein Butler, der wie ein Zeremonienmeister aussah, verneigte sich vor der Prinzessin von Parma und verkündete die Botschaft: »Gnädige Frau, es ist angerichtet« in einem Tonfall, als meldete er: »Gnädige Frau liegen im Sterben«, stimmte aber damit die Versammelten keineswegs traurig; munter wie zur Sommerszeit in Robinson begaben sich die Paare eins hinter dem andern in den Speisesaal, um sich zu trennen, sobald sie ihre Plätze erreicht hatten, wo Lakaien ihnen von hinten die Stühle zuschoben. Zuletzt kam Frau von Guermantes auf mich zu, damit ich sie zu Tische führe, und ich fühlte keine Spur von Schüchternheit, wie ich doch hatte befürchten können, denn als Jägerin, der große Muskelgewandtheit die Anmut erleichterte, schwenkte sie, als sie sah, daß ich die falsche Seite eingenommen hatte, knapp um mich herum, ihr Arm lag mit einmal auf meinem und bewegte sich gemessen in präzisen edlen Rhythmen. Denen konnte ich mich um so leichter fügen, als die Guermantes sie so wenig wichtig nahmen wie ein echter Gelehrter das Wissen (er schüchtert uns weniger ein als ein Ignorant). Andere Türen gingen auf, durch die dampfende Suppe hereinkam, es war als fände das Diner auf einem geschickt in Bewegung gesetzten Marionettentheater statt, wo die späte Ankunft des jungen Gastes auf ein Zeichen des Hausherrn alle Fäden spielen ließ.

Dies Zeichen des Herzogs, welches den Gang des großen, geschickten, gefügigen, prunkvollen, mechanisch-menschlichen Uhrwerks auslöste, war schüchtern, nicht majestätisch und gebieterisch gewesen. Die Unentschiedenheit der Gebärde beeinträchtigte für mein Gefühl die Wirkung des Schauspiels nicht, das von ihr abhing. Ich begriff, zaghaft und behindert machte sie nur die Furcht, mich merken zu lassen, man warte mit dem Essen allein auf mich, und ich hätte sehr auf mich warten lassen, wie ja auch Frau von Guermantes fürchtete, nachdem ich soviel Bilder angesehen, könnte es mich ermüden, ununterbrochen vorgestellt zu werden, ich könnte mich dabei nicht wohlfühlen. So brachte in der Geste des Herzogs Mangel an Größe die wahre Größe zur Geltung. Ebenso wie seine Nichtachtung für den eigenen Luxus und, im Gegensatz dazu, seine Aufmerksamkeiten für einen an sich belanglosen Gast, dem er aber Ehre erweisen wollte. Gleichwohl konnte Herr von Guermantes in gewissen Dingen recht gewöhnlich sein, er hatte sogar manches Lächerliche, wie es zu reichen Leuten eigen ist, hatte den Hochmut eines Parvenus, der er doch nicht war.

Wie aber ein Beamter oder ein Priester ihr mittelmäßiges Talent ins Unendliche gesteigert sehen (gleich der Welle durch das Meer, das hinter ihr andrängt) durch Mächte, auf die sie sich stützen, die französische Verwaltung und die katholische Kirche, so wurde auch Herr von Guermantes durch eine Macht getragen, das war die echte adlige Höflichkeit. Diese Höflichkeit war vielen Leuten gegenüber exklusiv. Frau von Guermantes hätte Frau von Cambremer oder Herrn von Forcheville nicht empfangen. Sobald aber jemand, wie es mit mir der Fall war, geeignet erschien, im Kreise Guermantes zugelassen zu werden, brachte diese Höflichkeit einen Schatz schlichter Gastlichkeit zum Vorschein, der womöglich noch köstlicher war als die alten Salons mit den wunderbaren, in ihnen verbliebenen Möbeln.

Wollte Herr von Guermantes jemandem Freude machen, so entwickelte er, um aus dem Betreffenden an diesem einen Tage die Hauptperson zu machen, eine Kunstfertigkeit, welche Gelegenheit und Stätte gut ausnutzte. Ohne Zweifel hätten seine »Auszeichnungen« und »Gewogenheiten« in Guermantes andere Formen angenommen. Er hätte anspannen lassen, um mit mir allein vor dem Diner eine Ausfahrt zu machen. So wie sie waren, hatten seine Umgangsformen etwas Ergreifendes, wie es, wenn wir in zeitgenössischen Memoiren lesen, für uns die Umgangsformen von Louis XIV. haben, der etwa einem Bittsteller gütig, mit lachender Miene und einer halben Verbeugung antwortet. Allerdings muß man in beiden Fällen sich klar darüber sein, daß diese Höflichkeit nicht über das, was dieses Wort besagt, hinausging.

Louis XIV. (dem die Adels Verehrer seiner Zeit gleichwohl vorwerfen, er kümmere sich wenig um Etikette, nach Saint-Simon war er sogar im Vergleich mit Philippe von Valois, Charles V. usw. ein recht kleiner König) läßt peinlich genaue Instruktionen abfassen, damit die Prinzen von Geblüt und die Botschafter wissen, welchen Souveränen sie den Vortritt zu lassen haben. In gewissen Fällen, bei denen es unmöglich ist, zu einer klaren Entscheidung zu kommen, richtet man es lieber so ein, daß der Sohn von Louis XIV., Monseigneur, einen ausländischen Herrscher nicht im Hause, sondern im Freien empfängt, damit man nicht sage, beim Eintritt ins Schloß sei einer dem andern vorangegangen; und als der Kurfürst von der Pfalz den Herzog von Chevreuse empfängt, stellt er sich, um ihm nicht den Vortritt zulassen, krank und speist auf einem Ruhebett liegend mit ihm, wodurch die Schwierigkeit behoben wird. Als der Herzog die Gelegenheiten vermeidet, Monsieur, dem Bruder des Königs, aufzuwarten, ergreift dieser auf den Rat seines königlichen Bruders (der ihn, nebenbei bemerkt, zärtlich liebt) einen Vorwand, um seinen Vetter zu seinem »Lever« kommen zu lassen und ihn zu zwingen, ihm das Hemd zu reichen. Sobald es sich aber um ein tieferes Gefühl, um Herzensdinge handelt, hat es mit den Pflichten, die unumgänglich waren, solange es sich um Höflichkeit handelte, eine ganz andere Bewandtnis. Ein paar Stunden nach dem Tode eben dieses Bruders, der zu den Menschen gehörte, die er am meisten liebte, als Monsieur, wie der Herzog von Montfort sich ausdrückt, »noch ganz warm« war, singt Louis XIV. Opernmelodien, wundert sich über die schwermütige Miene der Herzogin von Burgund, die ihren Schmerz kaum verbergen kann, und befiehlt, damit die Stimmung gleich wieder heiter werde und die Hofleute Mut fassen, sich wieder an den Spieltisch zu setzen, dem Herzog von Burgund, eine Partie Brelan zu eröffnen. Denselben Gegensatz fand man bei Herrn von Guermantes nicht nur im offiziellen gesellschaftlichen Auftreten, sondern auch in unabsichtlichen Redewendungen, in Voreingenommenheiten und in seiner Zeiteinteilung: die Guermantes hatten nicht mehr Kummer als andre Sterbliche, man kann sogar behaupten, ihre Fähigkeit zu empfinden war geringer; dafür sah man tagtäglich im Gaulois unter den Gesellschaftsnachrichten ihren Namen wegen der erstaunlich großen Zahl von Begräbnissen, bei denen sich nicht einzutragen ihnen als sträfliches Versäumnis erschienen wäre. Wie der Reisende von Erde überdeckte Häuser und Terrassen fast genau so vorfindet, wie Xenophon oder Paulus sie gekannt haben mögen, so fand ich in den Manieren des Herrn von Guermantes, dieses Menschen von rührender Liebenswürdigkeit und empörender Hartherzigkeit, dieses Sklaven geringfügigster Verbindlichkeiten, der die heiligsten Gesetze übertrat, nach Verlauf von mehr als zwei Jahrhunderten noch intakt einen dem Hofleben unter Louis XIV. eigentümlichen Abweg, welcher die Gewissensbedenken aus dem Gebiet der Affekte und der Moral auf Fragen der bloßen Form überträgt.

Der andere Grund, daß die Prinzessin von Parma so liebenswürdig zu mir sich zeigte, war speziellerer Art. Sie war von vornherein überzeugt, alles, was sie bei der Herzogin von Guermantes zu sehen bekäme, Dinge und Menschen, sei von höherer Qualität als was sie bei sich zu Hause hatte. Bei allen andern Leuten benahm sie sich allerdings, als wäre es bei ihnen ebenso. Vor dem einfachsten Gericht, vor den gewöhnlichsten Blumen begnügte sie sich nicht mit der Begeisterung, sie bat um Erlaubnis, schon am nächsten Tag, um sich nach dem Rezept zu erkundigen oder die Blumenart zu besichtigen, ihren Küchenchef oder ersten Gärtner schicken zu dürfen, das waren hochbesoldete Persönlichkeiten, die ihre eigenen Kutschen und vor allem in Sachen ihres Berufes eine sehr hohe Meinung von sich selbst hatten; für die war es nun eine wahre Demütigung, nach einem Gericht sich zu erkundigen, das ihnen nicht der Rede wert erschien, oder an einer Nelkenspielart sich ein Muster zu nehmen, die nicht halb so schön, so »buntwebig«, so »großblütig« war wie die, welche sie schon seit langem in den Garten der Prinzessin erzielt hatten. Wenn aber bei der Prinzessin in ihren Beziehungen zu allen andern Leuten dies Anstaunen der einfachsten Dinge künstlich war und nur zeigen sollte, ihr höherer Rang und größerer Reichtum habe nicht den Hochmut in ihr erweckt, den die ehemaligen Erzieher ihr untersagt hatten, den von Gott nicht geduldeten Hochmut, den schon ihre Mutter sich nicht hatte anmerken lassen, so war sie ganz aufrichtig, wenn sie den Salon der Herzogin von Guermantes als bevorzugte Stätte ansah, wo sie vom Staunen ins Entzücken zu wandeln hatte. Ganz allgemein gesprochen – aber das genügt nicht, die Auffassung der Prinzessin zu erklären – waren die Guermantes von den andern Mitgliedern der adligen Gesellschaft ziemlich verschieden, sie waren preziöser und ungewöhnlicher. Mir hatten sie allerdings auf den ersten Blick den entgegengesetzten Eindruck gemacht, ich hatte sie gewöhnlich gefunden und nicht anders als alle andern Männer und Frauen, aber das lag daran, daß ich im voraus in ihnen, wie in Balbec, Florenz und Parma Namen gesehen hatte. Augenscheinlich glichen in diesem Salon all die Frauen, die ich mir wie Meißener Porzellanstatuetten vorgestellt hatte, doch eher der Mehrzahl der andern Frauen. Aber gerade wie Balbec und Florenz hatten die Guermantes, war die Phantasie einmal von ihnen enttäuscht worden, weil sie mehr ihresgleichen als ihrem Namen glichen, später doch, wenn auch in geringerem Grade, der Erkenntnis gewisse Eigenheiten zu bieten, die sie unterscheidend auszeichneten. Schon ihre Physis, das eigentümliche, manchmal bis ins violett spielende Rosa ihrer Haut, eine gleichsam lichtspendende Blondheit ihres selbst bei den Männern zarten Haars, das sich zu weichen Goldbüscheln häufte, halb Mauermoos, halb Katzenfell (ein leuchtender Glanz, dem ein gewisses Geistesleuchten entsprach; denn wie von Guermantesteint und Guermanteshaar sprach man auch von einem Guermantesgeist, wie von dem Geist der Mortemart – einer feineren gesellschaftlichen Geistigkeit aus der Zeit vor Louis XIV. –, der von allen umso mehr anerkannt wurde als sie selber ihn proklamierten), all das bewirkte, daß in der schon an sich kostbaren Materie der Adelsgesellschaft, in die man sie hier und da eingefügt fand, die Guermantes erkennbar, leicht zu unterscheiden und zu verfolgen blieben wie Fäden, deren Blondheit Jaspis und Onyx ädert, oder genauer noch wie das wellige Gleiten des lichten Haarschweifs, dessen Strähnen wie geschmeidige Strahlen die Flanken des Moosachates durchziehen.

Die Guermantes – wenigstens die, welche des Namens würdig waren – besaßen nicht allein eine erlesene Qualität von Teint, von Haar sowie von Transparenz im Blick, sondern auch eine Art, sich zu halten, zu gehen, zu grüßen, die Hand zu drücken und, bevor sie die Hand reichten, einen anzusehen, die sie so sehr von irgend einem Menschen der Gesellschaft unterschied, wie dieser von einem Bauern im Kittel verschieden war. Und trotz all ihrer Liebenswürdigkeit sagte man sich: wenn sie uns kommen, grüßen und gehen und all das tun sehen, was von ihnen so anmutig kommt wie der Flug der Schwalbe oder die Neigung der Rose, haben sie nicht eigentlich, mögen sie sichs auch nicht anmerken lassen, ein Recht zu denken: die sind von anderer Rasse als wir, wir sind die Fürsten der Erde. Später begriff ich, die Guermantes glaubten allerdings von mir, ich gehöre zu einer andern Rasse als sie, aber zu einer, die ihren Neid erregte, da ich – mir selber unbewußte – Vorzüge besaß, die, wenigstens ihrer Erklärung nach, ihnen die einzig wesentlichen waren. Noch später habe ich erfahren, daß dies Bekenntnis nur halb aufrichtig war und daß bei ihnen Geringschätzung oder Erstaunen mit Bewunderung und Neid zusammenhausten. Den Guermantes war eine physische Geschmeidigkeit zwiefacher Art eigen: die eine bestand in dauernder Aktivität, ihr verdankte es zum Beispiel ein Guermantes, der eine Dame begrüßen wollte, daß er von sich selbst eine Silhouette erzielte, die aus labilem Gleichgewichte asymmetrischer Bewegungen sich bildete, welche im Spiel der Nerven ausgeglichen wurden: ein Bein, das, sei es mit Absicht, sei es, weil es auf der Jagd oft gebrochen worden war, ein wenig nachschleppte, um das andere Bein einzuholen, zwang dem Rumpf eine Krümmung auf, die durch ein Anheben der Schulter ausbalanciert wurde, während das Monokel sich ins Auge einstellte und die Braue hochschob genau in dem Augenblick, da der Haarschopf zum Gruße sich neigte; die andere Art Geschmeidigkeit hatte sich gleich der Form der Welle, des Windes oder der Furche, wie sie die Muschel oder das Schiff dauernd beibehält, gewissermaßen stilisiert, und zwar in einer Art erstarrter Beweglichkeit, sie krümmte die gebogene Nase einwärts, die unter den blauen flach aufliegenden Augen und über den zu schmalen Lippen, aus denen bei den Frauen eine heisere Stimme scholl, an den sagenhaften Ursprung gemahnte, wie ihn im sechzehnten Jahrhundert schmarotzende Genealogen dies Geschlecht gelehrt hatten, das wohl alt, aber nicht so alt war wie es die Konnivenz dieser Griechentümler behauptete, wenn sie an seinen Ursprung eine mythische Befruchtung von einer Nymphe durch einen göttlichen Vogel setzten.

Im Geistigen waren die Guermantes nicht minder eigenartig als im Physischen. Mit Ausnahme des Fürsten Gilbert (»Marie Gilberts« Gatten mit den veralteten Ideen, der seine Frau links sitzen ließ, wenn sie ausfuhren, weil sie von weniger gutem, wenn auch königlichem Blute war als er – aber er fiel aus dem Rahmen und mußte, wenn er fort war, der Familie als Zielscheibe des Spottes zu immer neuen Anekdoten herhalten –) taten die Guermantes, obwohl sie in der gesiebtesten Elite der Aristokratie lebten, als hielten sie gar nichts vom Adel. Die Theorien der Herzogin von Guermantes, die nun allerdings derartig Guermantes war, daß sie in bestimmtem Maße noch etwas anderes, Angenehmeres wurde, stellten die Intelligenz über alles und waren in politischer Beziehung ausgesprochen sozialistisch: wo hielt sich nur in ihrem Hause der Genius versteckt, der die Aufgabe hatte, die aristokratische Lebensweise aufrechtzuerhalten, der immer unsichtbar, doch fraglos bald im Vorzimmer, bald im Salon, bald im Ankleidezimmer kauernd, die Dienerschaft dieser Frau, die nicht an Titel glaubte, anhielt, »Madame la Duchesse« zu ihr zu sagen, und sie selbst, die nur Lektüre liebte und keinen Respekt vor Menschen hatte, veranlaßte, zu ihrer Schwägerin, wenn die Uhr acht schlug, zum Diner zu gehen, und sich zu diesem Zweck zu dekolletieren.

Derselbe spiritus familiaris stellte Frau von Guermantes die Lage der Herzoginnen, wenigstens der ersten unter ihnen, die wie sie Multimillionärinnen waren, und den Zwang, langweilige Tees, Diners, Routs zu besuchen und dafür Stunden zu opfern, in denen sie interessante Dinge hätte lesen können, als Notwendigkeiten dar, unangenehme, unvermeidliche wie Regenwetter; Frau von Guermantes nahm sie hin und übte an ihnen ihre frondierenden Launen, aber nie ging sie so weit, darüber nachzudenken, warum sie sie eigentlich hinnahm. Der wunderliche Zufall, daß ihr Butler immer »Madame la Duchesse« zu dieser Frau, die nur an die Intelligenz glaubte, sagte, schien sie gar nicht zu chokieren. Es kam ihr nie in den Sinn, ihn zu bitten, sie einfach »Madame« anzureden. Mit einem Übermaß von gutem Willen hätte man annehmen können, daß sie in ihrer Zerstreutheit nur das »Madame« höre und das Anhängsel weiterer Worte ungehört verklang. Allein, wenn sie die Taube spielte, blieb sie doch nicht stumm. Jedesmal, wenn sie etwas an ihren Gatten auszurichten hatte, sagte sie zum Butler: »Sie werden Seine Durchlaucht daran erinnern ...«

Der Genius familiaris hatte übrigens noch anderes zu tun, er regte zum Beispiel an, von Moral zu sprechen. Wohl gab es Guermantes mit besonderer Richtung auf Intelligenz und Guermantes mit besonderer Neigung zur Moral, und gewöhnlich waren das nicht dieselben. Aber die ersteren – selbst ein Guermantes, der Urkundenfälschungen gemacht hatte und beim Spiel betrog, dabei der Charmanteste von allen war und allen neuen echten Ideen offen stand – erörterten Fragen der Moral besser als die letzteren, und zwar so wie Frau von Villeparisis in Augenblicken, wo der spiritus familiaris aus dem Munde der alten Dame sich hören ließ. In entsprechenden Situationen nahmen die Guermantes mit einem Male einen ebenso ältlichen, ebenso gutmütigen und dabei infolge ihres größeren Charmes rührenderen Ton an als es der von Frau von Villeparisis war, um von einer Zofe zu sagen: »Man merkt, sie hat einen guten Fond, sie ist nicht vulgär, sie muß guter Leute Kind sein, sie ist gewiß immer auf dem rechten Weg geblieben.« In solchen Momenten wurde der spiritus familiaris Tonfall. Bisweilen war er aber auch Haltung, Gesichtsausdruck, und zwar bei der Herzogin derselbe wie bei ihrem Großvater dem Marschall, eine Art unmerklichen Zuckens (gleich dem der Schlange, des karthagischen Genius der Familie Barcas; das hatte mir oft Herzklopfen gemacht, wenn ich auf meinen Morgenspaziergängen, noch ehe ich Frau von Guermantes erkannte, fühlte, wie mich aus dem Winkel einer kleinen Crèmerie ihr Blick traf. Dieser Genius hatte sich eingemischt bei einer Gelegenheit, die nicht nur den Guermantes sehr nahe ging, sondern auch den Courvoisier, welche der feindliche Clan in der Familie waren und, wenn auch von ebenso gutem Blut wie die Guermantes, ihnen in allem entgegengesetzt (auf seine Großmutter Courvoisier führten die Guermantes die Manie des Fürsten Guermantes zurück, immer Geburt und Adel im Munde zu führen, als gebe es sonst nichts Wichtiges). Die Courvoisier schätzten Intelligenz nicht so hoch ein wie die Guermantes, sie hatten auch nicht dieselbe Vorstellung von ihr. Für einen Guermantes bedeutete (selbst wenn er dumm war) intelligent sein, daß man sich nicht einschüchtern ließ, Bosheiten zu sagen verstand, das letzte Wort behielt, dann daß man, wenn von Musik, Malerei oder Architektur die Rede war, seinen Mann stand, und endlich auch daß man englisch konnte. Die Courvoisier machten sich von der Intelligenz eine weniger günstige Vorstellung, und wenn man nicht durchaus zu ihrem Kreise gehörte, bedeutete ihnen intelligent sein fast dasselbe wie »vermutlich Vater und Mutter auf dem Gewissen zu haben«. Für sie war Intelligenz eine Art Dietrich, mit dem Leute, die wer weiß woher kommen mochten, die Türen der angesehensten Salons erbrachen, man wußte bei den Courvoisier, es endete immer damit, daß mans bereute, diesen »Menschen-Schlag« empfangen zu haben. Den harmlosesten Behauptungen intelligenter Leute, die nicht zur hohen Gesellschaft gehörten, stellten die Courvoisier ein prinzipielles Mißtrauen entgegen. Als einmal jemand sagte: »Aber Swann ist jünger als Palamède«, hatte Frau von Gallardon erwidert: »Wenigstens sagt ers Ihnen; und wenn ers Ihnen sagt, können Sie sicher sein, er findet dabei seinen Vorteil«. Deutlicher noch: als einmal zwei sehr elegante fremde Damen bei den Guermantes empfangen wurden und man sagte, man habe der einen den Vortritt gelassen, weil sie die ältere sei, fragte Frau von Gallardon: »Ist sie denn überhaupt die ältere?« nicht gerade als ob derartige Personen gar kein Alter hätten, aber doch so, als fehle ihnen jede bürgerliche oder religiöse Zugehörigkeit und sichere Tradition, als seien sie jünger oder älter wie kleine Katzen desselben Wurfs, unter denen sich nur ein Veterinär auskennt. In gewisser Beziehung hielten die Courvoisier die Reinheit des Adels strenger aufrecht als die Guermantes infolge ihrer geistigen Beschränktheit und inneren Roheit. So waren denn auch die Guermantes (für die alles, was unter den königlichen Familien und einigen andern wie den Ligne, La Trémoille etc. stand, in einem unbestimmten Pöbelhaufen verschwand) gegen Leute von alter Rasse, die in der Umgegend von Guermantes wohnten, unverschämt, weil sie Vorzüge zweiten Grades, um die die Courvoisier sich intensiv bekümmerten, nicht achteten, und gerade deshalb machte es ihnen wenig aus, wenn diese Vorzüge jemandem mangelten. Gewisse Frauen, die keinen sehr hohen Rang hatten, aber glänzend verheiratet, hübsch und bei den Herzoginnen beliebt waren, gaben für Paris, wo man über Stammbäume wenig unterrichtet ist, einen ausgezeichneten eleganten Importartikel ab. Es konnte, wenn auch selten, vorkommen, daß solche Frauen, auf dem Umweg über die Prinzessin von Parma oder dank ihrer persönlichen Liebenswürdigkeit, bei gewissen Guermantes empfangen wurden. Die Entrüstung der Courvoisier über diese Eindringlinge war nicht zu beschwichtigen. Zwischen fünf und sechs bei ihrer Kusine Leute anzutreffen, mit deren Verwandten ihre Verwandten in Le Perche nicht verkehrten, nährte in ihnen eine wachsende Wut und bildete das Thema wortreicher Ausbrüche. Sobald zum Beispiel die reizende Gräfin G. bei den Guermantes eintrat, bekam das Gesicht der Frau von Villebon genau den Ausdruck, als sollte sie den Vers aufsagen:

»Und bleibt nur einer, werde ich der eine sein«, ein Vers, den sie, nebenbei bemerkt, nicht kannte. Diese Courvoisier hatte fast jeden Montag ein paar Schritt von der Gräfin G. ein Crèmetörtchen verspeist, aber das half nichts. Frau von Villebon bekannte im Geheimen, sie begreife nicht, wie ihre Kusine Guermantes eine Frau empfangen könne, die in Châteaudun nicht einmal zur zweiten Gesellschaft gehöre. »Was hat es dann für einen Zweck, daß meine Kusine so wählerisch in ihren Beziehungen ist? Das heißt doch, über die Gesellschaft sich lustig machen«, schloß Frau von Villebon und dabei zeigte sie einen andern Gesichtsausdruck, ein spöttisches, verzweifeltes Lächeln, das als Bilderrätsel zu einem andern Vers gepaßt hätte, den Frau von Villebon natürlich ebensowenig kannte:

»Über mein Hoffen wuchs, den Göttern Dank, mein Leid.« Hier wollen wir, spätere Ereignisse vorwegnehmend, berichten, daß die ›Beständigkeit‹ (die im nächsten Vers auf Leid reimt) mit der Frau von Villebon Frau G. übersah, nicht ganz unnützlich war. Sie verlieh in den Augen von Frau G. der Frau von Villebon einen solchen (übrigens rein imaginären) Nimbus, daß die Tochter der Frau G., das hübscheste und reichste Mädchen auf den Bällen ihrer Zeit, als sie sich verheiraten sollte, zur allgemeinen Verwunderung alle Herzöge zurückwies. Ihre Mutter wünschte nämlich, der allwöchentlichen Schmach eingedenk, die sie in Erinnerung an Châteaudun in der rue de Grenelle erfahren hatte, nur einen Mann zum Gatten ihrer Tochter: einen jungen Villebon.

In einem einzigen Punkt begegneten sich Guermantes und Courvoisier, in der, übrigens sehr mannigfaltig abgewandelten Kunst, Distanz zu betonen. Die Manieren der Guermantes waren nicht bei allen ganz gleichförmig. Aber alle Guermantes nahmen zum Beispiel, wenn jemand ihnen vorgestellt wurde, eine Art Zeremonie vor, als wäre die Tatsache, daß sie einem die Hand reichten, ungefähr so beträchtlich, wie die, jemanden zum Ritter zu schlagen. In dem Augenblick, da ein Guermantes (und schon die Zwanzigjährigen traten dabei in die Fußtapfen ihrer älteren Verwandten) deinen Namen von dem Vorstellenden aussprechen hörte, ließ er, als sei er durchaus noch nicht geneigt, dir guten Tag zu sagen, einen Blick auf dich fallen, der im allgemeinen blau und stets kalt wie ein Stahl war, welchen er in die tiefste Tiefe deines Herzens zu tauchen im Begriff zu stehen schien. Das glaubten übrigens die Guermantes tatsächlich zu tun, sie hielten sich alle für Psychologen ersten Ranges. Überdies glaubten sie durch die vorhergehende Musterung die Liebenswürdigkeit des Grußes, der folgen und nur mit Vorbedacht dir zugestanden werden sollte, noch zu steigern. Alles das fand in einer Entfernung von dir statt, die, wenn es sich um einen Waffengang gehandelt hätte, klein gewesen wäre, für einen Händedruck aber ungeheuer erschien und im zweiten Fall ebenso eisig anmutete, wie sie es im ersten Fall getan hätte; so kam es, daß, wenn der Guermantes nach einer raschen Rundreise durch die geheimsten Winkel deiner Seele und deiner Ehre dich würdig befunden hatte, künftighin mit ihm zusammenzutreffen, seine am Ende eines in ganzer Länge ausgestreckten Armes auf dich gerichtete Hand dir vorkam, als präsentiere sie dir zu einer sonderbaren Art von Kampf ein Florett, und schließlich war dann diese Hand so weit von dem Guermantes entfernt, daß, wenn er nun den Kopf neigte, es schwer zu unterscheiden war, ob er dich grüßte oder seine eigne Hand. Gewisse Guermantes, denen das Gefühl für das rechte Maß fehlte oder die nicht imstande waren, beständige Wiederholungen zu vermeiden, taten des Guten zuviel und begannen die Zeremonie jedesmal, wenn sie einem begegneten, von neuem. Da sie offenbar die Prozedur der vorhergehenden psychologischen Untersuchung nun nicht mehr vorzunehmen brauchten, zu der der ›spiritus familiaris‹ sie bevollmächtigt hatte – deren Resultat mußte ihnen ja erinnerlich sein –, so ließ sich der eindringlich durchbohrende Blick, welcher dem Händedruck voranging, nur durch das automatische Funktionieren, das ihr Blick angenommen hatte, oder durch ihre Einbildung, mit einer Art Faszination begabt zu sein, erklären. Die Courvoisier, deren Physis anderer Art war, hatten vergeblich versucht, sich den Forscherblick anzueignen und mußten sich auf hochmütige Steifheit oder hastige Nachlässigkeit beschränken. Dafür schienen wiederum von den Courvoisier einige wenige Guermantes weiblichen Geschlechts den Gruß der Damen entlehnt zuhaben. Wenn du einer dieser Guermantes vorgestellt wurdest, machte sie dir eine tiefe Verbeugung, bei der sie in einem Winkel von annähernd 45 Grad Kopf und Oberkörper dir näherte, wobei der Unterkörper (der bei ihnen bis zur Taille, welche den Drehpunkt bildete, sehr hoch war) unbewegt blieb. Kaum aber hatte sie so die obere Hälfte ihrer Person gegen dich vorgeschleudert, so warf sie sie mit jähem Rückschlag annähernd ebensoweit hinter die Vertikale zurück. Diese nachfolgende Rückbewegung glich alles, was dir zugestanden schien, wieder aus, das vermeintlich gewonnene Terrain war nicht einmal wie beim Duell erobert, die ursprünglichen Stellungen behaupteten sich. Dieselbe Art, das Entgegenkommen durch neues Betonen der Distanz ungültig zu machen, (sie stammte von den Courvoisier und sollte zeigen, Avancen, die sie einem im ersten Moment machten, seien nur Finten des Augenblicks) tat sich bei den Courvoisier wie bei den Guermantes gleich deutlich in den Briefen kund, die man von ihnen, wenigstens in den ersten Zeiten der Bekanntschaft, bekam. Im Text des Briefes konnten Wendungen vorkommen, wie man sie offenbar nur einem Freunde schreibt, aber daraufhin hätte man sich noch lange nicht rühmen können, Freund dieser Dame zu sein, denn der Brief begann mit »Sehr geehrter Herr« und endete »mit vorzüglicher Hochachtung«. So konnten denn zwischen dem kühlen Anfang und dem eisigen Schluß, die den Sinn des übrigen Briefes veränderten (wenn es sich etwa um die Antwort auf ein Kondolenzschreiben handelte), die rührendsten Schilderungen des Kummers, den der Guermantes das Ableben ihrer Schwester gemacht hatte, abwechseln mit solchen ihrer geschwisterlichen Liebe oder der Schönheiten der Gegend, in der sie den Sommer verbracht hatte, des Trosts, den sie im Liebreiz ihrer Enkel fände –, es blieb dann nicht weniger ein Brief, wie man ihn in Sammlungen findet, sein vertraulicher Charakter hatte nicht mehr Vertraulichkeit zwischen dem Empfänger und der Schreiberin zur Folge, als wenn diese Plinius der Jüngere oder Frau von Simiane gewesen wäre.

Gewiß schrieben einem manche weiblichen Guermantes gleich die ersten Male »mein lieber Freund« oder »lieber Freund«, und das waren nicht immer die schlichtesten unter ihnen, vielmehr die, welche in königlichen Kreisen lebten, gleichzeitig einen »leichtfertigen Wandel« führten, sie waren hochmütig genug, um überzeugt zu sein, alles, was von ihnen komme, müsse Freude machen, und verdorben genug, mit keiner Befriedigung, die sie gewähren konnten, zu kargen. Da es, nebenbei bemerkt, einem jungen Guermantes genügte, unter Louis XIII. eine gemeinsame Ururgroßmutter zu haben, um, wenn er von der Marquise von Guermantes sprach, »die Tante Adam« zu sagen, waren die Guermantes so zahlreich, daß es selbst für die einfachsten Riten wie zum Beispiel den Gruß bei der Vorstellung mannigfache Spielarten gab. Jede etwas feinere Untergruppe hatte ihre, die von den Eltern auf die Kinder überging wie das Rezept eines Wundbalsams oder eine besondere Methode, Konfitüren einzumachen. Man hat gesehen, wie Saint-Loups Händedruck wie gegen seinen Willen, sobald man ihm vorgestellt wurde, mechanisch, ohne daß sein Blick daran teilnahm, sich auslöste, ohne daß ein Gruß sich hinzugesellte. Ein armer, ahnungsloser Bürgerlicher, der aus irgend einem Anlaß jemandem von der Untergruppe Saint-Loup vorgestellt wurde, – was übrigens nur selten vorkam – mußte sich vor dieser jähen Andeutung eines Grußes, der sich absichtlich gab, als wäre er ganz zwanglos, den Kopf zerbrechen, was denn der oder die Guermantes gegen ihn haben mochte. Und er war dann recht erstaunt, wenn er hörte, er oder sie hätten es für angezeigt gehalten, dem, der ihn vorgestellt hatte, eigens zu schreiben, wie sehr er ihm oder ihr gefallen habe und daß er oder sie hoffe, ihn bestimmt wiederzusehen. Ebenso eigenartig wie Saint-Loups mechanische Geste waren die komplizierten hastigen Hupfer des Marquis von Fierbois (die Herr von Charlus lächerlich fand) und die ernsten gemessenen Schritte des Fürsten Guermantes. Aber es ist unmöglich, hier die Tanzkunst der Guermantes in ihrer ganzen reichen Fülle zu beschreiben, dazu ist das Ballettkorps zu groß.

Um auf die Antipathie der Courvoisier gegen die Herzogin von Guermantes zurückzukommen, sie hätten sich damit trösten können, sie zu bedauern, so lange sie junges Mädchen war, denn damals war sie wenig begütert. Leider umgab den Reichtum der Courvoisier jeder Zeit eine Art Rußschicht sui generis und entzog ihn den Blicken; er blieb, so groß er war, im Verborgenen. Mochte eine von Haus aus reiche Courvoisier noch obendrein eine gute Partie machen, immer kam es so, daß das junge Paar in Paris keine eigene Wohnung hatte, bei den Schwiegereltern »abstieg« und den Rest des Jahres mitten in ungemischter, aber glanzloser Gesellschaft in der Provinz verbrachte. Während Saint-Loup, der nichts als Schulden hatte, Doncières durch seine Pferde und Wagen verblüffte, fuhr ein sehr reicher Courvoisier dort immer nur mit der Trambahn. Hingegen machte viele Jahre früher Fräulein von Guermantes (Oriane), die nicht viel hatte, mehr von ihren Toiletten reden als alle Courvoisier zusammen von den ihren. Ihre skandalösen Aussprüche wurden zu einer Art Reklame für ihre Kleider und ihre Frisuren. Sie hatte es gewagt, zum russischen Großfürsten zu sagen: »Hoheit, man hört, Sie wollen Tolstoi ermorden lassen?« Das war auf einem Diner, zu dem man die Courvoisier, die übrigens nicht viel von Tolstoi wußten, nicht geladen hatte. Von den griechischen Autoren wußten sie nicht viel mehr, wenn man von der verwitweten Herzogin von Gallardon (Schwiegermutter der Fürstin Gallardon, die damals noch junges Mädchen war) auf die andern schließen kann: die wurde, da sie fünf Jahre hindurch Oriane nicht ein einzigesmal mit ihrem Besuch beehrt hatte, von jemandem nach dem Grund ihres Fernbleibens gefragt. »Sie soll in Gesellschaft Aristoteles (sie wollte Aristophanes sagen) rezitieren, erwiderte sie. So etwas dulde ich in meinem Hause nicht!«

Wenn Fräulein von Guermantes' Ausspruch über Tolstoi die Courvoisier entrüstete, kann man sich denken, wie er das Entzücken der Guermantes war und drüber hinaus all derer, die näher und auch ferner mit ihnen zusammenhingen. Die alte Gräfin von Argencourt, eine geborene Seineport, die, Mutter eines schrecklich snobistischen Sohnes, weil sie selber ein Blaustrumpf war, alle möglichen Leute empfing, erzählte vor Literaten das Bonmot und meinte dazu: »Oriane von Guermantes ist ein feines Köpfchen, boshaft wie ein Affe, für alles begabt, sie malt Aquarelle, die eines großen Malers würdig wären, macht Verse, wie nur wenig große Dichter sie können, und dabei, müssen Sie wissen, ist ihre Familie das Vornehmste, was es überhaupt gibt, ihre Großmutter war ein Fräulein von Montpensier, sie ist die achtzehnte Oriane von Guermantes, ohne eine einzige Mesalliance in der Familie, reinstes, ältestes Blut von Frankreich.« Da stellten sich diese vermeintlichen Schriftsteller, diese Halb-Intellektuellen, die Frau von Argencourt empfing, Oriane von Guermantes, die persönlich kennen zu lernen sie nie Gelegenheit haben sollten, wunderbarer und außergewöhnlicher vor als die Prinzessin Badrul Budur; für eine so vornehme Dame, die Tolstoi verherrlichte, fühlten sie sich zu sterben bereit, mehr noch, sie fühlten, wie in ihrem Innern die eigne Liebe zu Tolstoi sowie ihr Wille zum Trotze gegen den Zarismus neue Kraft gewann. Die liberalen Ideen hatten schon in ihnen an Lebenskraft verlieren können, ihr Prestige konnte ihnen zweifelhaft werden, da aber kam, als sie schon nicht mehr wagten, sich zu diesen Ideen zu bekennen, ihnen von Fräulein von Guermantes selbst, von einem jungen Mädchen, dessen Wert und Kompetenz vor jedem Zweifel sicher war – sie trug das Haar flach auf der Stirn, wozu sich eine Courvoisier nie verstanden hätte – auf einmal Hilfe. Manche guten oder auch schlechten Sachen gewinnen auf diese Weise an Wert, wenn sich Leute für sie einsetzen, die eine Autorität für uns sind. So bestanden zum Beispiel bei den Courvoisier die Riten der Höflichkeit auf der Straße in einem an sich recht häßlichen, wenig liebenswürdigen Gruß, aber man wußte, das war die distinguierte Art, Guten Tag zu sagen, und nun vermied alle Welt Lächeln und freundliche Miene und war bemüht, die frostige Gymnastik der Courvoisier nachzuahmen. Aber die Guermantes im allgemeinen und Oriane im besondern nahmen, obwohl sie besser als irgendeiner diese Riten kannten, keinen Anstand, wenn sie einen vom Wagen aus bemerkten, mit der Hand einen reizenden Gruß zu winken, im Salon überließen sie es den Courvoisier, ihre affektierten häßlichen Grüße auszuteilen, machten selbst charmante Verbeugungen, reichten einem kameradschaftlich die Hand und lächelten dazu aus blauen Augen, und so gehörte dank den Guermantes zum Chik, der bislang etwas hohl und dürr gewesen, mit einmal alles, was man von Natur geliebt und gewaltsam abgeschafft hatte, Entgegenkommen, echte überströmende spontane Herzlichkeit. Auf dieselbe Art – aber in diesem Falle freilich ist Rehabilitierung des Verworfenen kaum zu halten – bringen Menschen, die von Natur Geschmack an schlechter Musik und an Melodien finden, die bei aller Banalität etwas Leichtes und Einschmeichelndes an sich haben, durch die Beschäftigung mit symphonischen Kunstwerken es fertig, diesen Geschmack in sich zu unterdrücken. Nachdem sie es soweit gebracht haben, bemerken sie, daß Richard Strauß, dessen blendendes Orchesterkolorit sie mit Recht bewundern, mit einer Nachgiebigkeit, die eines Auber würdig wäre, die banalsten Motive aufnimmt, was sie früher geliebt haben, wird mit einmal zu ihrem Entzücken durch eine so hohe Autorität gerechtfertigt und nun können sie skrupellos und mit doppelter Dankbarkeit, wenn sie Salome hören, Dinge genießen, die bei den »Krondiamanten« zu empfinden ihnen verboten war.

Ob sie nun authentisch war oder nicht, die Wendung des Fräulein von Guermantes gegen den Großfürsten bot, wie man von Haus zu Haus sie kolportierte, die Gelegenheit zu sagen, die Erscheinung Orianes bei diesem Diner sei überaus elegant gewesen. Luxus aber (und gerade das machte den Courvoisier ihn unerreichbar) beruht nicht auf Reichtum, sondern auf Verschwendung, freilich kann sich Verschwendung länger halten, wenn sie schließlich vom Reichtum unterstützt wird, der ihr erlaubt, all ihre Strahlen spielen zu lassen. Angesichts der Grundsätze, die nicht nur Oriane, sondern auch Frau von Villeparisis offen zur Schau trugen, nämlich: Adel bedeute nichts, Rang sei ein lächerliches Vorurteil, Reichtum mache nicht glücklich, Geist, Herz und Talent allein seien wichtig –, konnten die Courvoisier hoffen, dank der Erziehung, die sie von der Marquise erhalten hatte, werde Oriane jemanden heiraten, der nicht zur Gesellschaft gehöre, einen Künstler, einen entlassenen Sträfling, einen Habenichts, einen Freidenker, und damit endgültig in die Kategorie kommen, welche die Courvoisier die »Entgleisten« nannten. Darauf konnten sie umsomehr hoffen, als Frau von Villeparisis damals gerade in gesellschaftlicher Beziehung eine schlimme Krisis durchmachte (von den wenigen glänzenden Persönlichkeiten, die ich bei ihr traf, war damals noch keine wieder bei ihr erschienen) und tiefen Abscheu gegen die Gesellschaft, die sich von ihr zurückzog, zur Schau trug. Selbst, wenn sie von ihrem Neffen, dem Fürsten Guermantes, sprach, der sich bei ihr sehen ließ, fand sie des Spottes über seinen Standesdünkel kein Ende. Als es nun aber galt, für Oriane einen Gatten zu finden, führten nicht die von Tante und Nichte betonten Grundsätze die Sache, sondern der geheimnisvolle »Genius familiaris«. Es war, als hätte Frau von Villeparisis nie von etwas anderem geredet als von Wertpapieren und Stammbäumen, nie von literarischen Verdiensten und Herzenseigenschaften, als wäre die Marquise für ein paar Tage – wie sie es später sein sollte – schon tot in der Kirche von Combray aufgebahrt, wo jedes Mitglied der Familie nur noch ein Guermantes ohne Individualität und Vornamen war, wie es auf den großen schwarzen Behängen das einzelne purpurne G mit der Herzogskrone darüber bezeugte. Denn mit unfehlbarer Sicherheit ließ der genius familiaris auf den reichsten und höchstgeborenen Mann, die beste Partie des Faubourg Saint-Germain, den ältesten Sohn des Herzogs von Guermantes, den Fürsten des Laumes; die Wahl der intellektuellen, revolutionären, engelhaften Frau von Villeparisis fallen. Und zwei Stunden lang hatte am Tage der Hochzeit Frau von Villeparisis all die vornehmen Leute bei sich, über die sie sich sonst und auch in diesen Stunden mit wenigen bürgerlichen Freunden, welche sie hinzugeladen hatte, lustig machte, – der Fürst des Laumes gab nun bei ihnen Karten ab, um erst im nächsten Jahr »das Kabel zu durchschneiden«. Um das Unglück der Courvoisier voll zu machen, wurden gleich nach der Hochzeit bei der Fürstin des Laumes die Maximen, die nur in Geist und Talent gesellschaftliche Vorzüge erblicken wollten, wieder lautbar. Und in dieser Hinsicht war, nebenbei bemerkt, der Standpunkt, den Saint-Loup vertrat, indem er mit Rahel lebte, mit Rahels Freunden verkehrte, Rahel – so schrecklich das auch seiner Familie war – heiraten wollte, nicht so verlegen wie der der Fräulein von Guermantes im allgemeinen, die Intelligenz predigten, kaum zuließen, daß man die Gleichheit der Menschen auch nur in Zweifel zog, dann aber, wenn es darauf ankam, doch alles genau so auslaufen ließen, als hätten sie sich zu den entgegengesetzten Maximen bekannt, nämlich auf die Ehe mit einem schwerreichen Herzog. Dem gegenüber handelte Saint-Loup seinen Theorien entsprechend, und so kam es, daß man von ihm sagte, er sei auf schlechtem Wege. Gewiß ließ vom moralischen Standpunkt Rahel viel zu wünschen übrig. Wenn es sich aber um eine Herzogin oder Millionenerbin gehandelt hätte, die moralisch nicht mehr wert gewesen wäre als Rahel, Frau von Marsantes hätte vielleicht eine Ehe mit ihr nicht ungern gesehen.

Um auf Frau des Laumes (die bald darauf durch den Tod ihres Schwiegervaters Herzogin von Guermantes werden sollte) zurückzukommen, es war für die Courvoisier ein neues Leidwesen, daß die Theorien der jungen Fürstin, die sie in dem, was sie sagte, aufrecht erhielt, in keiner Beziehung ihrem Benehmen die Richtung gaben; so beeinträchtigte diese Philosophie (wenn man das so nennen kann) gar nicht die aristokratische Eleganz des Salons Guermantes. Sicherlich dachten alle Leute, die von Frau von Guermantes nicht empfangen wurden, sie seien ihr dazu nicht intelligent genug, und manche reiche Amerikanerin, die nie ein anderes Buch besessen als eine kleine alte Ausgabe der Gedichte von Parny, die sie nie aufschlug, aber weil es eine Erstausgabe war auf einem Tisch in ihrem kleinen Salon liegen hatte, bekundete ihren Respekt vor geistigen Qualitäten dadurch, daß sie die Herzogin von Guermantes mit gierigen Blicken verschlang, wenn diese in der Oper erschien. Gewiß war es ganz aufrichtig von Frau von Guermantes, wenn sie jemanden wegen seiner Intelligenz bevorzugte.

Sagte sie von einer Frau: »Sie scheint charmant zu sein« oder von einem Mann, er sei äußerst intelligent, so glaubte sie sich nur durch diesen Charme oder diese Intelligenz veranlaßt, sie zu empfangen, und der Genius der Guermantes griff in dieser letzten Minute nicht mehr ein: tiefer, am dunklen Eingang des Gebietes lagernd, wo die Guermantes ihr Urteil bildeten, hinderte der wachsame Genius die Guermantes, den Mann intelligent oder die Frau charmant zu finden, wenn sie nicht einen – gegenwärtigen oder zukünftigen – gesellschaftlichen Wert hatten. Dann hieß es von dem Mann, er sei gelehrt, aber wie ein Konversationslexikon, oder gar, er sei gewöhnlich und habe die Mentalität eines Geschäftsreisenden, und von der hübschen Frau, sie benehme sich schrecklich oder rede zu viel. Und die Leute, die keine rechte Situation hatten, das waren gräßliche Snobs. Herr von Bréauté, dessen Schloß ganz nah bei Guermantes lag, verkehrte nur mit Hoheiten. Aber er machte sich über sie lustig und träumte von einem Leben in Museen. Daher war Frau von Guermantes entrüstet, wenn man Herrn von Bréauté snobistisch fand. »Babal ein Snob! Sie sind wohl toll, mein armer Freund. Im Gegenteil! Glänzende Gesellschaft ist ihm zuwider. Es ist nicht möglich, ihn mit jemandem bekanntzumachen. Selbst bei mir! Lade ich ihn mit jemand neuem zusammen ein, dann ächzt und stöhnt er.« Mit all dem soll nicht gesagt sein, daß die Guermantes nicht auch in der Praxis auf Intelligenz einen ganz andern Wert legten als die Courvoisier. In positiver Hinsicht zeitigte dieser Unterschied zwischen den Guermantes und den Courvoisier recht schöne Früchte. So hatte die Herzogin von Guermantes (es umgab sie immer etwas Geheimnisvolles, das aus der Ferne viele Dichter anschwärmten) ein Fest gegeben, von dem wir schon gesprochen haben, nirgends hatte sich der König von England so gut unterhalten wie auf diesem Fest. Sie hatte nämlich einen Einfall gehabt, der den Courvoisier nie in den Sinn gekommen wäre, eine Kühnheit, die alle Courvoisier eingeschüchtert hätte. Sie lud zu den bereits von uns erwähnten Persönlichkeiten den Musiker Gaston Lemaire und den Dramatiker Grandmougin. Vor allem aber machte sich ihr Intellektualismus in negativer Hinsicht geltend. Nahm der obligate Koeffizient von Charme und Intelligenz in dem Maße ab, in dem der Rang der Person, die, bei der Herzogin von Guermantes eingeladen zu werden wünschte, höher war, näherte er sich, wenn es sich um die wichtigsten gekrönten Häupter handelte, sogar dem Nullpunkt, so stieg er dafür, je tiefer man unter das Niveau der Könige hinunterging. So verkehrten zum Beispiel bei der Prinzessin von Parma eine Reihe Leute, welche ihre Hoheit empfing, weil sie sie in der Kindheit gekannt hatte, weil sie mit der oder der Herzogin verschwägert waren oder der Person eines regierenden Fürsten nahestanden, mochten diese Leute im übrigen auch häßlich, langweilig oder dumm sein; für einen Courvoisier hätte die Tatsache »beliebt bei der Prinzessin von Parma«, »Halbschwester der Herzogin von Arpajon«, »alljährlich drei Monate bei der Königin von Spanien zu Besuch« genügt, um solche Leute einzuladen. Frau von Guermantes aber, die seit zehn Jahren bei der Prinzessin von Parma den Gruß dieser Leute höflich erwiderte, hatte sie nie über ihre Schwelle gelassen, da sie der Meinung war, mit einem Salon sei es in der gesellschaftlichen Bedeutung des Wortes nicht anders als in materieller; Möbel, die einem nicht besonders gefallen, die man aber als Füllsel oder Beweise des Reichtums drin läßt, genügen, um ihn schrecklich zu entstellen. Ein solcher Salon gleicht einem Werk, dessen Verfasser es nicht über sich gewann, der Wendungen, die Wissen, Schwung und Leichtigkeit beweisen, sich zu enthalten. Wie bei einem Buch, wie bei einem Haus, ist für die Qualität eines »Salons« – dachte Frau von Guermantes mit Recht – entscheidend das Opfer.

Viele Freundinnen der Prinzessin von Parma, denen gegenüber die Herzogin von Guermantes sich seit Jahren auf denselben üblichen Gruß oder die Abgabe ihrer Karte beschränkte, ohne sie jemals einzuladen oder ihre Gesellschaften zu besuchen, beklagten sich in diskreter Weise bei ihrer Hoheit, die dann, wenn Herr von Guermantes sie gelegentlich allein besuchte, ihm das mit einem Wort zu verstehen gab. Der schlaue Edelmann, – er war der Herzogin ein schlechter Gatte mit seiner Mätressenwirtschaft, aber in allem, was das gute Funktionieren ihres Salons (und Orianes Geist, der dessen Hauptattraktion war) betraf, ein erprobter Kumpan, antwortete in solchem Fall: »Kennt meine Frau sie denn wirklich? Ja? Dann hätte sie es allerdings tun müssen. Aber, um Eurer Hoheit die Wahrheit zu sagen, im Grunde liebt Oriane die Unterhaltung mit Frauen nicht. Sie ist von einem Hofstaat höherer Geister umgeben – was mich betrifft, ich bin gar nicht ihr Mann, ich bin nur ihr erster Kammerdiener. Bis auf ganz wenige, die sehr geistreich sind, langweilen sie die Frauen. Eure Hoheit, die für so etwas einen scharfen Blick haben, werden mir nicht sagen, die Marquise von Souvré sei geistreich. Ja, ich verstehe, Hoheit empfangen sie aus Güte. Und kennen sie ja auch. Hoheit sagen, Oriane habe sie gesehen, schon möglich, aber, ich versichere Sie, sehr wenig. Und dann will ich Euer Hoheit etwas sagen: ein wenig bin ich auch daran schuld. Meine Frau ist sehr abgespannt, sie ist so gern liebenswürdig; wenn ich sie gewähren ließe, gäbe es Besuche ohne Ende. Erst gestern abend hatte sie Temperatur und sie fürchtete, die Herzogin von Bourbon zu betrüben, wenn sie nicht zu ihr käme. Ich habe auftrumpfen müssen, ich habe verboten anzuspannen. Ach, wissen Sie, Hoheit, ich habe große Lust, Oriane gar nichts davon zu sagen, daß Sie mir von Frau von Souvré gesprochen haben. Oriane liebt Eure Hoheit so sehr, sie würde sofort hingehn und Frau von Souvré einladen, das wird dann wieder eine Visite mehr geben, wir werden gezwungen sein, mit der Schwester anzuknüpfen, deren Gatten ich gut kenne. Ich glaube, ich werde Oriane gar nichts sagen, wenn Eure Hoheit mich dazu ermächtigen. So könnten wir ihr viel Mühe und Aufregung ersparen. Und ich versichere Sie, Frau von Souvré wird nichts dabei verlieren. Sie kommt ja überall hin, in die glänzendsten Salons. Wir empfangen so gut wie gar nicht, wir geben unsre kleinen unbedeutendem Diners. Dabei würde Frau von Souvré sich tödlich langweilen.« Die Prinzessin war in ihrer Harmlosigkeit überzeugt, der Herzog von Guermantes werde der Herzogin ihr Anliegen nicht übermitteln, und wenn sie einerseits untröstlich war, die Einladung, die Frau von Souvré ersehnte, nicht durchgesetzt zu haben, so schmeichelte es ihr andererseits um so mehr, selbst ständiger Gast eines so unzugänglichen Salons zu sein. Diese Genugtuung hatte aber ihre Schattenseiten. So oft die Prinzessin von Parma Frau von Guermantes einlud, mußte sie sich den Kopf zerbrechen, um ja niemanden da zu haben, der der Herzogin miß fallen und ihr das Wiederkommen verleiden könnte.

An den gewöhnlichen Tagen stand (nach dem Diner, das die Prinzessin nach alter Sitte früh mit einigen Gästen einnahm) ihr Salon den ständigen Besuchern und weiterhin der ganzen französischen und ausländischen hohen Aristokratie offen. Der Empfang bestand darin, daß die Prinzessin nach dem Diner das Eßzimmer verließ, sich auf ein Kanapee an einen großen runden Tisch setzte, mit zwei der angesehensten Damen, die mitgespeist hatten, plauderte oder einen Blick in ein »Magazine« warf, Karten spielte (oder nach einer an deutschen Höfen üblichen Sitte, so tat, als spiele sie), eine Patience legte oder eine markante Persönlichkeit zum wirklichen oder scheinbaren Partner hatte. Gegen neun Uhr gingen beide Flügel der Tür des großen Salons auf, um sich dann unaufhörlich zu schließen und von neuem zu öffnen und die Besucher hereinzulassen, die, um der Zeiteinteilung der Prinzessin sich anzupassen, in aller Eile diniert hatten (oder wenn sie zum Diner eingeladen waren, den Café ausließen und sagten, sie würden wiederkommen, rechneten sie doch damit »zur einen Tür hinein und zur andern herauszugehen«). Die Prinzessin gab nur auf ihr Spiel oder Gespräch acht, tat, als sehe sie die Ankommenden nicht, und erst wenn diese zwei Schritt vor ihr standen, erhob sie sich graziös mit einem gütigen Lächeln für die Frauen. Diese indessen machten der Hoheit im Stehen eine Reverenz, die zu einem tiefen Knix wurde, wobei sich ihre Lippen in der Höhe der tief hängenden schönen Hand befanden, die sie dann küßten. In diesem Augenblick aber hob die Prinzessin, als wäre sie durch eine Etikette, die sie recht wohl kennen mußte, jedesmal von neuem überrascht, die Kniende geradezu gewaltsam auf, entfaltete dabei ganz unvergleichlich sanfte Anmut und küßte die Dame auf beide Wangen. Diese sanfte Anmut, so wird man sagen, setzte als Bedingung die Demut voraus, mit der die Ankommende das Knie beugte. Zweifellos; und wahrscheinlich würde in einer Gesellschaft ohne Standesunterschiede die Höflichkeit aussterben, nicht, wie man meint, durch Mangel an Erziehung, sondern weil bei den einen die Ehrerbietung, einem Prestige gegenüber, das, um wirksam zu sein, imaginär sein muß, verschwände, vor allem aber bei den andern die Liebenswürdigkeit, die man verschwendet und verfeinert, sofern man fühlt, sie ist dem empfangenden Teil etwas grenzenlos Wertvolles; und dieser Wert würde in einer auf Gleichheit gegründeten Gesellschaft in nichts zergehen, wie alles, was nur eine Fiduzgeltung hat. Aber auf das Verschwinden der Höflichkeit in einer neuen Gesellschaft ist nicht mit Sicherheit zu rechnen, und bisweilen sind wir nur allzu geneigt, zu glauben, die gegenwärtigen Voraussetzungen für den Stand der Dinge seien die einzig möglichen. Gute Köpfe haben geglaubt, eine Republik könne weder Diplomatie noch Bündnisse haben, oder, die Landbevölkerung werde die Trennung von Kirche und Staat nicht dulden. Schließlich und endlich wäre die Höflichkeit in einer Gesellschaft ohne Standesunterschiede kein größeres Wunder als der Erfolg der Eisenbahnen und die Verwendung des Flugzeugs zu militärischen Zwecken. Und dann, selbst wenn die Höflichkeit verschwände, liegt kein Beweis vor, daß das ein Unglück wäre. Und würde nicht am Ende eine Gesellschaft in dem Maße, in dem sie sich öffentlich mehr und mehr demokratisch gestaltet, heimlich Hierarchien ausbilden? Das ist durchaus möglich. Die politische Macht der Päpste hat, seit sie weder Staaten noch Heere haben, stark zugenommen; die Kathedralen übten einen weit geringeren Zauber auf einen frommen Menschen des achtzehnten Jahrhunderts aus als auf einen Atheisten des zwanzigsten, und wenn die Prinzessin von Parma eine regierende Fürstin gewesen wäre, so wäre es mir wohl kaum in den Sinn gekommen, mehr von ihr zu sprechen als von einem Präsidenten der Republik, das heißt, ich hätte sie gar nicht erwähnt.

Sobald sie die Gunstempfängerin aufgehoben und geküßt hatte, setzte sich die Prinzessin wieder und legte weiter ihre Patience, nicht ohne dem neuen Gast, wenn es eine angesehene Dame war, einen Sessel angeboten und eine Minute mit ihr geplaudert zu haben.

Wurde der Salon zu voll, sorgte die mit dem Ordnungsdienst betraute Hofdame für Platz, indem sie die Freunde des Hauses in eine neben dem Salon liegende große Halle führte, in der viele Porträts und an das Haus Bourbon erinnernde Raritäten waren. Die ständigen Tischgäste der Prinzessin spielten dann gern den Cicerone und erzählten allerlei Interessantes, wofür die jungen Leute keine Ohren hatten, da ihre Aufmerksamkeit mehr den lebenden Hoheiten (denen sie sich, wenn nötig, von der Hofdame und dem Hoffräulein vorstellen lassen wollten) als den Reliquien toter Herrscher galt. Sie waren ausschließlich damit beschäftigt, Bekanntschaften zu machen und womöglich Einladungen zu ergattern, sie wußten noch nach Jahren nicht, was es in diesem kostbaren Museum von Urkunden der Monarchie zu sehen gab, und erinnerten sich nur ungenau, es sei mit Kakteen und Riesenpalmen geschmückt und dadurch sei dies Zentrum der Eleganz dem Palmenhaus des Jardin d'Acclimatation ähnlich gewesen.

Bisweilen machte die Herzogin von Guermantes wohl auch, um sich ein wenig zu kasteien, an diesen Abenden der Prinzessin eine Verdauungsvisite und diese behielt sie dann die ganze Zeit an ihrer Seite, während sie mit dem Herzog scherzte. Kam aber die Herzogin zum Diner, hütete sich die Prinzessin, ihre ständigen Gäste da zu haben; sobald man vom Tische aufstand, schloß sie ihre Tür, damit nur ja keine weniger erwählten Besucher erschienen, welche der anspruchsvollen Herzogin mißfallen könnten. Zeigten sich an solchen Abenden einige ihrer Getreuen, die nicht Bescheid wußten, an der Tür ihrer Hoheit, so sagte der Portier: »Ihre königliche Hoheit empfangen heut abend nicht«, und man mußte abziehen. Viele Freunde der Prinzessin wußten übrigens im voraus, sie würden an diesen Tagen nicht eingeladen werden. Das war eine besondre Serie und manchem, der gar zu gern dabei gewesen wäre, verschlossen. Die Ausgeschlossenen konnten annähernd genau die Auserwählten nennen, sie sagten einander in pikiertem Ton: »Sie wissen doch, Oriane von Guermantes tritt niemals ohne ihren ganzen Generalstab in Erscheinung«. Mit Hilfe dieses Stabes suchte die Prinzessin von Parma die Herzogin wie mit schützender Mauer gegen alle zu umgeben, die vielleicht keine Gnade vor ihren Augen finden könnten. Aber zu mehreren bevorzugten Freunden der Herzogin, mehreren Mitgliedern des glänzenden Generalstabs fiel es ihr schwer, liebenswürdig zu sein, weil sie es ihr gegenüber so wenig waren. Allerdings gab die Prinzessin von Parma gern zu, es könne einem in der Gesellschaft von Frau von Guermantes besser gefallen als in der ihren. Sie konnte ja nicht umhin festzustellen, daß man sich zu den »jours« der Herzogin drängte, sie traf dort oft drei oder vier Hoheiten, die bei ihr nur Karten abgaben. Es war vergeblich, daß sie Orianes Bonmots sich merkte, ihre Kleider imitierte, bei ihren Tees dieselben Erdbeertorten servieren ließ wie die Herzogin bei den ihren, bisweilen blieb sie doch den ganzen Tag mit einer Hofdame und einem ausländischen Legationsrat allein. Und wenn jemand (wie Swann zum Beispiel ehedem es getan hatte) keinen Tag vergehen ließ, ohne zwei Stunden bei der Herzogin zuzubringen, und der Prinzessin von Parma nur alle zwei Jahre Visite machte, hatte diese natürlich wenig Lust, irgend so einen Herrn Swann – und wäre es auch nur, um Oriane eine Freude zu machen – zuvorkommend zum Diner einzuladen. Kurz, die Herzogin zu sich zu bitten, versetzte die Prinzessin von Parma immer in große Verlegenheit, so sehr quälte sie die Angst, Oriane könne an allem etwas auszusetzen finden. Kam dagegen die Prinzessin von Parma zu Frau von Guermantes zum Diner, so war sie aus demselben Grunde im voraus überzeugt, es werde da alles gut und herrlich sein, und sie hatte nur die eine Furcht, sie könne etwas nicht begreifen, oder nicht behalten, sie könne mißfallen oder Gedanken und Menschen sich nicht anzupassen wissen. In diesem Sinn machte meine Gegenwart sie aufmerksam und begierig, etwa wie eine neue Art, den Tisch mit Fruchtgirlanden zu schmücken, und sie war nicht recht sicher, ob mehr das eine oder das andere, die Tafeldekoration oder meine Gegenwart, zu den besondern Reizen gehörte, die das Geheimnis des Erfolges von Orianes Empfängen waren, und in dieser Ungewißheit entschlossen, bei ihrem nächsten Diner das eine und das andre möglichst auch vorzusetzen.

Es gab etwas, das übrigens die bezauberte Neugier, welche die Prinzessin von Parma der Herzogin entgegenbrachte, vollkommen rechtfertigte, das war das komische, gefährliche, erregende Element, in das die Prinzessin, schaudernd vor Bangigkeit und Wonne, wie in den »Wellenschlag« am Strand tauchte, vor dem die Badewärter (einfach, weil keiner von ihnen schwimmen kann) warnen, und aus dem sie dann mit erhöhter Spannkraft glücklich und verjüngt hervorging, das Element, das man den »Geist der Guermantes« zu nennen pflegte. Diese Mentalität – eine Substanz, die nach der Herzogin, die sich für die einzige Guermantes hielt, welche diesen Geist besaß, so wenig existierte wie die Quadratur des Kreises – war berühmt wie die Fleischpasteten von Tours oder die Reimser Biskuits. Ohne Zweifel besaßen gewisse intime Freunde der Herzogin, die nicht mit ihr blutsverwandt waren, doch diesen Geist (intellektuelle Eigentümlichkeiten verbreiten sich ja auf andere Art als Haarfarbe oder Teint), während er in gewisse Guermantes, die sich gegen jede Art Geist sträubten, nicht hatte eindringen können. Die nicht mit der Herzogin verwandten Inhaber des Geistes der Guermantes waren im allgemeinen dadurch gekennzeichnet, daß es hervorragende, für eine Karriere – sei es in den Künsten, der Diplomatie, der parlamentarischen Beredtsamkeit oder dem Heere – begabte Männer waren, der sie aber das Leben in engem erlesenem Kreise vorgezogen hatten. Diese Vorliebe ließ sich vielleicht aus einem gewissen Mangel an Originalität, Initiative, Willen, Gesundheit oder Glück erklären oder vielleicht auch aus Snobismus.

Bei einigen (aber das waren, wie man zugeben muß, Ausnahmen) war der Geist der Guermantes gegen ihren Willen der Stein des Anstoßes in ihrer Karriere gewesen. Ein Arzt, ein Maler und ein Diplomat, die einer großen Zukunft entgegen gesehen hatten, verfehlten ihre Karriere, für die sie doch viel glänzender begabt waren als viele andre, weil wegen ihres intimen Verkehrs im Hause Guermantes die beiden ersten für mondän, der dritte für reaktionär gehalten wurden, was alle drei verhinderte, von ihresgleichen anerkannt zu werden. Die altertümliche Robe und das rote Barett, die immer noch die Wahlkollegien der Fakultäten tragen, sind oder waren wenigstens bis vor kurzem mehr als rein äußerliche Überbleibsel einer Vergangenheit mit beschränkten Begriffen und engem Sektenwesen. Unter ihren mit goldenen Eicheln geschmückten Baretts lebten die Professoren, wie die Hohenpriester unter der jüdischen Kegelmütze, noch in den Jahren vor dar Dreyfusaffäre befangen in pharisäisch strenge Ideen. Du Boulbon war im Grunde ein Künstler, aber ihn rettete, daß er die Gesellschaft nicht liebte. Cottard verkehrte bei den Verdurin. Aber Frau Verdurin war seine Patientin, zudem schützte ihn seine vulgäre Art, und schließlich empfing er zu Hause nur die Fakultät zu Liebesmahlen, über denen ein Hauch von Karbol lag. Aber in den festgefügten Körperschaften, deren rigorose Vorurteile übrigens nur der Tribut für Unbescholtenheit und hohe Moral waren, welche in toleranteren, freieren und unbeständigen Kreisen sich leicht auflockern, war ein Professor in seiner Robe aus scharlachfarbenem Sammet, Sammet wie eines Dogen (und das heißt eines Herzogs) von Venedig, der abgeschlossen in seinem Dogenpalast lebt, mit seinem mit Hermelin gefütterten Atlas ebenso tugendhaft und edlen Grundsätzen getreu, aber auch ebenso unerbittlich streng gegen jedwedes fremde Element wie jener andre große und furchtbare Herzog, Herr von Saint-Simon. Das fremde Element war der mondäne Arzt, der andre Umgangsformen und andre Beziehungen hatte. Solch ein Unglücklicher wollte es dann möglichst gut machen und hoffte, seine Kollegen zu entwaffnen und von ihnen nicht vorgeworfen zu bekommen, er verheimliche ihnen aus Verachtung (auf so etwas konnte nur ein Gesellschaftsmensch kommen) seine Beziehungen zu der Herzogin von Guermantes, wenn er gemischte Diners gab, bei denen das ärztliche Element sich dem mondänen vermengte. Er wußte nicht, daß er damit selbst sein Urteil schrieb, oder vielmehr er merkte es immer erst, wenn der Rat der Zehn (in seinem Fall waren es ein paar mehr) einen vakant gewordenen Lehrstuhl zu besetzen hatte und dabei jedesmal der Name eines normaleren, wenn auch mittelmäßigeren Mediziners aus der verhängnisvollen Urne kam und das »Veto« gegen ihn in der altertümlichen Fakultät ebenso feierlich, ebenso lächerlich, ebenso schrecklich ertönte, wie jenes »Juro« von den Lippen des sterbenden Molière. Ebenso ging es dem Maler, er trug für immer das Etikett Salonmensch, während Leute der Gesellschaft, die ein bißchen Kunst trieben, es dahin brachten, als Künstler etikettiert zu werden; und ebenso dem Diplomaten mit seinen reaktionären Beziehungen.

Aber das waren Ausnahmefälle. Der distinguierte Menschentyp, der den Hauptbestandteil des Salons Guermantes bildete, war der von Leuten, die auf alles Übrige freiwillig (das glaubten sie wenigstens) verzichtet hatten, auf alles, was mit dem Geist der Guermantes, der Höflichkeit der Guermantes und dem undefinierbaren, jeder nur ein wenig zentralisierten »Körperschaft« verhaßten, Charme unvereinbar war.

Und Leute, die wußten, daß früher einmal der eine dieser Habitués der Herzogin im »Salon« die goldne Medaille bekommen, der andere als Sekretär der Anwaltskammer bei seinem ersten Auftreten Aufsehen erregt, ein dritter Frankreich als Geschäftsträger sehr geschickt vertreten hatte, hätten diese Männer, die seit zwanzig Jahren nichts mehr leisteten, als verfehlte Existenzen betrachten können. Aber so genau wußten nur wenige Bescheid, und die, welche es am nächsten anging, wären die letzten gewesen, daran zu erinnern, da sie auf diese alten Ruhmestitel, kraft eben jenes »Geistes der Guermantes«, keinen Wert legten; dieser Geist war daran schuld, daß gewisse Minister, von denen der eine etwas pathetisch war, der andre gern Wortwitze machte, in ihren Augen öde Schwätzer und Pedanten oder aber Ladenschwengel waren, obwohl die Zeitungen ihr Lob sangen, während allerdings Frau von Guermantes an ihrer Seite gähnte und ungeduldig wurde, wenn eine unvorsichtige Dame des Hauses ihr den einen oder andern zum Nachbarn gegeben hatte. Da es bei der Herzogin durchaus keine Empfehlung war, ein Staatsmann ersten Ranges zu sein, meinten diejenigen unter ihren Freunden, die ihre bürgerliche oder militärische Karriere aufgegeben hatten oder nicht mehr für die Kammer kandidierten, das bessere Teil erwählt zu haben, wenn sie täglich zu ihrer großen Freundin frühstücken und plaudern kamen oder sie bei Hoheiten trafen, die sie – wenigstens angeblich – nicht besonders interessant fanden; und nur ihre mitten in aller Fröhlichkeit melancholischen Mienen widersprachen ein wenig der Sicherheit ihres Urteils.

Nun muß man aber auch anerkennen, daß in der erlesenen Geselligkeit, der köstlichen Konversation bei den Guermantes ein wenn auch noch so kleiner reeller Gehalt war. Keine offizielle Auszeichnung wog die Annehmlichkeiten auf, die gewisse bevorzugte Freunde von Frau von Guermantes genossen; für sie hätte der Umgang mit den mächtigsten Ministern nichts Anziehendes gehabt. Wurde in diesem Salon auch viel Ehrgeiz und sogar manches edle Streben für immer begraben, aus ihrem Staube ging die seltenste Blüte hoher Geselligkeit hervor. Männer von Geist wie zum Beispiel Swann hielten sich für etwas Besseres als Männer von Verdienst, auf die sie herabsahen; was aber die Herzogin von Guermantes am höchsten stellte, war nicht die Intelligenz, es war, wie sie meinte, eine höhere, köstlichere Form der Intelligenz, die am Ende zu einer Konversations-Spielart des Talentes wurde – der Esprit. Und wenn ehedem bei den Verdurin Swann Brichot trotz seines Wissens pedantisch und Elstir trotz seines Genies widerlich fand, lag es an dem Guermantes-Geist, der in ihn eingedrungen war, daß er so urteilte. Nie hätte er gewagt, den einen oder den andern der Herzogin vorzustellen, er konnte sich im voraus denken, mit welcher Miene sie Brichots Tiraden und Elstirs Späße aufgenommen hätte, denn für den Geist der Guermantes gehörten prätentiöse und lange Ergüsse sowohl des ernsten wie des spaßhaften Genres zum unerträglichen Stumpfsinn.

Was nun die Guermantes von Fleisch und Blut betrifft, die der Geist der Guermantes nicht so völlig ergriffen hatte, wie das Entsprechende zum Beispiel in literarischen Klüngeln vorkommt, wo alle dieselbe Art sich auszudrücken, zu sprechen und somit auch zu denken haben, so lag das gewiß nicht daran, daß in mondänen Kreisen eine stärkere Originalität sich gegen Nachahmung sträubt. Aber Nachahmungstrieb setzt nicht nur das Fehlen eigenwilliger Originalität, sondern auch relative Feinheit des Ohres für die besondre Eigenart dessen, was man dann nachahmen wird, voraus. Und einigen Guermantes mangelte dieser musikalische Sinn so vollständig wie den Courvoisier.

Auf die Beschäftigung zum Beispiel, die man in einem besondern Sinn des Wortes »nachmachen« nennt (die Guermantes nannten sie »karikieren«), verstand sich Frau von Guermantes hinreißend gut, aber die Courvoisier waren außer Stande, das zu bemerken, gerade als wären sie statt Männer und Frauen ein Rudel Kaninchen, sie hatten eben nie den Fehler oder den Tonfall wahrgenommen, den die Herzogin nachmachte. Wenn sie den Herzog von Limoges »imitierte«, behaupteten die Courvoisier: »Aber nein, so spricht er doch gar nicht, ich habe erst gestern mit ihm bei Bebeth diniert, den ganzen Abend hat er mit mir gesprochen, er sprach nicht so«, während die einigermaßen kultivierten Guermantes riefen: »Gott, wie spaßhaft Oriane ist! Das Tollste ist, wenn sie ihn nachmacht, wird sie ihm ganz ähnlich! Ich glaube ihn zu hören. Oriane, noch ein bißchen Limoges!« Nun, diese Guermantes (ganz zu schweigen von den bedeutenderen, die, wenn die Herzogin den Herzog von Limoges nachmachte, bewundernd sagten: »Das muß man sagen, Sie treffen ihn« oder »du triffst ihn«) brauchten gar nicht im Sinne der Frau von Guermantes Esprit zu besitzen (mit Recht behauptete sie von ihnen, daß ihnen der fehle), durch das beständige Hören und Wiedererzählen der Bonmots der Herzogin kamen sie dahin, Orianes Art, sich auszudrücken und zu urteilen, ihre Art zu »redigieren«, wie Swann es mit dem Herzog genannt hätte, leidlich nachzuahmen, und ihr Gespräch bekam einen Charakter, den die Courvoisier dem Geist Orianes scheußlich ähnlich fanden und »Geist der Guermantes« nannten. Diese Guermantes waren für Oriane nicht nur ihre Verwandten, sondern auch ihre Bewunderer und deshalb besuchte sie sie manchmal (den Rest der Familie hielt sie sich fern und rächte sich jetzt durch Verachtung für alles, was diese ihr, als sie ein junges Mädchen war, angetan hatten), meist kam sie in Begleitung des Herzogs, wenn sie in der schönen Jahreszeit zusammen ausgingen. Diese Besuche waren ein Ereignis. Das Herz schlug der Fürstin Epinay, die in ihrem großen zu ebener Erde liegenden Salon empfing, schneller, wenn sie von weitem wie ersten Schimmer einer Feuersbrunst oder »Vorposten« einer unerwarteten Invasion die Herzogin in entzückendem Hut mit geneigtem Sonnenschirm, von dem Sommerduft rann, langsam schräg über den Hof kommen sah. »Oriane kommt«, sagte sie; das klang wie »Achtung« und als sollte es ihre Besucherinnen vorsorglich warnen, damit sie Zeit hätten, in Ruhe und Ordnung fortzugehen und die Salons ohne Panik zu räumen. Die Hälfte der Anwesenden wagte nicht zu bleiben und erhob sich. »Aber warum denn? Setzen Sie sich doch wieder, ich möchte Sie so gern noch ein wenig dabehalten«, sagte die Fürstin (sie wollte die große Dame markieren) leicht und ungezwungen, aber ihre Stimme klang erkünstelt. »Aber Sie könnten etwas mit ihr zu besprechen haben.« »Nun wenn Sie wirklich so eilig sind, ich komme nächstens zu Ihnen«, antwortete die Dame des Hauses denen, die sie lieber aufbrechen sah. Der Herzog und die Herzogin begrüßten sehr höflich Leute, die sie hier seit Jahren sahen, ohne sie deshalb wirklich zu kennen, und die ihnen aus Diskretion kaum guten Tag sagten. Sobald sie fort waren, erkundigte sich der Herzog liebenswürdig nach ihnen, er tat, als interessiere ihn das eigentliche Wesen von Menschen, die zu empfangen ihn Mißgeschick und Orianes Nervosität hinderten. »Wer war die kleine Dame im rosa Hut?« »Aber, lieber Vetter, Sie haben sie oft gesehen, es ist die Vicomtesse von Tours, geborene Lamarzelle.« »Die ist doch sehr hübsch und sieht gescheit aus. Hätte sie nicht den kleinen Fehler an der Oberlippe, sie wäre einfach hinreißend. Wenns einen Vicomte von Tours gibt, der mag sich nicht langweilen. Oriane, wissen Sie, an wen mich die Brauen und der Haaransatz erinnert haben? An Ihre Kusine Hedwig von Ligne.« Die Herzogin von Guermantes wurde nervös, wenn man von der Schönheit einer anderen Frau sprach, sie ließ das Gespräch fallen. Sie hatte aber nicht mit der Gewohnheit ihres Gatten gerechnet, zu zeigen, daß er über Leute, die er nicht empfing, doch ganz auf dem Laufenden war; dadurch glaubte er einen ernsteren Eindruck zu machen als seine Frau. »Ach«, sagte er plötzlich mit Nachdruck, »Sie haben den Namen Lamarzelle ausgesprochen. Ich erinnere mich aus der Zeit, als ich in der Kammer war, an eine ganz hervorragende Rede...« »Das war der Onkel der jungen Frau, die Sie eben gesehen haben.« »Oh! Ein großes Talent! Nein, Kleinchen«, sagte er dann zur Vicomtesse von Egremont, die Frau von Guermantes nicht ausstehen konnte; aber die Vicomtesse rührte sich nicht weg aus dem Salon der Fürstin Epinay, ließ sich dort freiwillig zur Rolle einer Zofe herab (um dann zu Hause ihre eigne Zofe zu mißhandeln), blieb wirr und larmoyant, aber blieb da, wenn das herzogliche Paar zugegen war, nahm die Mäntel ab, suchte sich nützlich zu machen, erbot sich diskret, ins Nebenzimmer zu gehen – »nein, machen Sie für uns keinen Tee, wir wollen behaglich plaudern, wir sind einfache, brave Leute. Überdies«, – dabei wandte er sich an Frau von Epinay und überließ die errötende Egremont ihrem demütig ehrgeizigen Eifer – »wir haben Ihnen nur eine Viertelstunde zu widmen.« Diese Viertelstunde wurde ausschließlich zu einer Art Schaustellung der Bonmots der Herzogin aus der vergangenen Woche verwandt; sie selbst hätte sie sicher nicht zitiert, der Herzog aber zwang sie sehr geschickt und als wolle er sie mit den Vorfällen, die diese Aussprüche herbeigeführt hatten, necken, sie scheinbar gegen ihren Willen zu wiederholen.

Die Fürstin, die ihre Kusine liebte und wußte, daß sie eine Schwäche für Komplimente hatte, bewunderte ihren Hut, ihren Schirm, ihren Geist. »Sagen Sie ihr, was Sie wollen, über ihre Toilette«, sagte der Herzog in dem brummigen Ton, den er sich angewöhnt hatte – er milderte ihn durch ein ironisches Lächeln, damit man seine mürrische Art nicht ernst nehme, »aber um des Himmelswillen nichts über ihren Geist; gern würde ich darauf verzichten, eine so geistreiche Frau zu haben. Vermutlich spielen Sie auf den schlechten Witz an, den sie über meinen Bruder Palamède gemacht hat« – er wußte, daß die Fürstin und die übrige Familie diesen Witz noch nicht kannten, und freute sich, seine Frau zur Geltung bringen zu können. »Erstens finde ich es einer Frau, die manchmal, wie ich zugeben muß, recht hübsche Dinge gesagt hat, unwürdig, schlechte Witze zu machen, besonders aber über meinen Bruder, der sehr empfindlich ist, und wenn das zur Folge hätte, daß er sich mit mir überwirft, würde sich das wohl lohnen?« – »Aber wir wissen ja gar nichts! Ein Witz von Oriane? Das muß köstlich sein. Ach sagen Sie ihn uns doch.« – »Aber nicht doch«, fing der Herzog wieder an, schon mehr lächelnd als grollend, »ich bin ja froh, daß Sie ihn nicht zu hören bekommen haben. Im Ernst, ich hänge sehr an meinem Bruder.« – »Hören Sie, Basin« sagte nun die Herzogin – jetzt war der Augenblick gekommen, ihrem Mann das Stichwort zu geben – »ich weiß nicht, warum Sie behaupten, Palamède könne sich darüber ärgern, Sie wissen ganz genau, daß das nicht der Fall ist. Er ist viel zu klug, um sich durch so einen dummen Spaß, an dem absolut nichts Unfreundliches ist, verletzt zu fühlen. Man muß ja glauben, ich hätte etwas Boshaftes gesagt. Und es war doch nur eine nicht gerade komische Antwort, aber Sie mit Ihrer Entrüstung machen etwas Wichtiges daraus. Ich verstehe Sie nicht.« – »Sie spannen uns auf die Folter, worum handelt es sich denn?« »Oh! Es ist weiter nichts Schlimmes!« rief Herr von Guermantes. »Sie haben vielleicht gehört, daß mein Bruder Brézé, das Schloß seiner Frau, seiner Schwester Marsantes geben wollte.« »Ja, aber man hat uns gesagt, sie wollte es nicht haben, die Gegend, in der es liegt, sei ihr nicht sympathisch und das Klima nicht angenehm.« »Ja, gerade das sagte jemand meiner Frau, und wenn mein Bruder unserer Schwester dies Schloß schenke, wolle er ihr nicht eine Freude damit machen, sondern sie damit ›taquinieren‹. Charlus ist nämlich ein rechter Frozzler, ein ›Taquin‹, sagte unser Bekannter. Nun, wie Sie wissen, Brézé ist Krongut, es wird ein paar Millionen wert sein, dieser frühere Königsbesitz, und es hat einen der schönsten Wälder Frankreichs. So mancher würde sich gern auf diese Art ›taquinieren‹ lassen. Und so hat Oriane, als sie das Wort ›Taquin‹ auf Charlus angewandt hörte, weil er ein so schönes Schloß verschenken wollte, sich nicht enthalten können, unabsichtlich, das muß ich zugeben, – sie dachte sich nichts Böses dabei, es fuhr ihr heraus wie ein Blitz – zu rufen: ›Taquin, taquin. Also dann ist er Taquinius Superbus!‹ »Sie verstehen« – er nahm wieder seinen verdrossenen Ton an, warf einen Blick im Kreise umher, um zu sehen, wie das Bonmot seiner Frau wirke, und fuhr, da er über die Kenntnisse der Frau von Epinay in alter Geschichte seine Zweifel hatte, fort: »Sie verstehen, das ging auf Tarquinius Superbus, den römischen König; es ist albern, ein schlechtes Wortspiel, Orianes gar nicht würdig. Ich, der ich behutsamer bin als meine Frau, ich denke, wenn ich auch weniger Geist habe, doch an die Folgen, und wenns das Unglück will, daß meinem Bruder zu Ohren kommt, was sie gesagt hat, das gäbe eine schöne Geschichte. Umsomehr als Palamède wirklich sehr hochfahrend, stolz und schwierig und dabei zu Klatschereien geneigt ist und, wie man zugeben muß, auch ganz von der Geschichte mit dem Schloß abgesehen, Taquinius Superbus recht gut auf ihn paßt. Das rettet immer wieder Madames Aussprüche, auch wenn sie sich zum trivialen Ungefähr des Wortwitzes herabläßt, bleibt sie geistreich und zeichnet die Leute recht gut.«

So versorgten einmal mit Taquinius Superbus, ein andres Mal mit einem andern Bonmot die Besuche des Herzogs und der Herzogin die Familie mit neuem Vorrat an Geschichten, und die Aufregung, die sie hervorriefen, hielt noch lange an, nachdem die Frau von Geist und ihr Impresario wegwaren. Zunächst delektierte man sich mit denen, die dageblieben waren, den Bevorzugten, die das Fest miterlebt hatten, an dem, was Oriane gesagt hatte. »Kannten Sie noch nicht Taquinius Superbus?« fragte die Fürstin Epinay. »O doch«, antwortete die Marquise von Baveno errötend, »die Fürstin Sarsina (La Rochefoucauld) hat mir davon erzählt, allerdings nicht ganz mit denselben Worten. Aber es muß viel interessanter gewesen sein, es vor meiner Kusine erzählt zu hören« – sie sagte das, wie wenn sie von einem Lied spräche, das schöner ist, wenn es der Komponist begleitet. »Wir sprachen gerade von Orianes neuestem Bonmot, die vorhin hier war«, sagte man zu einer neuangekommenen Besucherin, und die war dann ganz trostlos, nicht eine Stunde früher gekommen zu sein. »Wie? Oriane war hier?« »Ja, wenn Sie etwas früher gekommen wären ...« erwiderte die Fürstin Epinay, zwar ohne Vorwurf, aber doch so, daß die Arme verstand, was sie alles in ihrem Ungeschick versäumt hatte. Es war ihre eigne Schuld, wenn sie bei der Erschaffung der Welt oder der letzten Vorstellung von Frau von Carvalho nicht zugegen war. »Was sagen Sie zu Orianes letztem Bonmot? Ich muß gestehen, Taquinius Superbus goutiere ich sehr«, und so wurde das Bonmot am nächsten Tag beim Dejeuner den Intimen, die man dazu eingeladen hatte, noch einmal kalt serviert und erschien im Lauf der Woche noch in verschiedenen Saucen. Und als die Fürstin in der nächsten Woche der Prinzessin von Parma ihren alljährlichen Besuch machte, versäumte sie nicht, Ihre Hoheit zu fragen, ob sie das Bonmot schon kenne, und erzählte es ihr. »Ah! Taquinius Superbus«, sagte die Prinzessin von Parma, die Augen in a priori-Bewunderung weit aufgerissen, aber in dieser Bewunderung lag zugleich eine Bitte um ergänzende Erklärung, welcher sich die Fürstin Epinay nicht versagte. »Taquinius Superbus gefällt mir wirklich außerordentlich als Redaktion« schloß die Fürstin. Das Wort Redaktion paßte zwar ganz und gar nicht auf diesen Wortwitz, aber die Fürstin Epinay hatte nun einmal die Prätention, sich den Geist der Guermantes angeeignet zu haben, übernahm von Oriane die Ausdrücke »redigieren, Redaktion« und wandte sie auf gut Glück an. Die Prinzessin von Parma, die Frau von Epinay nicht besonders leiden konnte, häßlich fand, als geizig kannte und auf Aussage der Courvoisier hin für boshaft hielt, erkannte das Wort »Redaktion« wieder, sie hatte es von Frau von Guermantes aussprechen hören, hätte es aber selbst nicht recht anwenden können. Sie gewann den Eindruck, es müsse wohl die Redaktion sein, was den Charme von Taquinius Superbus ausmache, und ohne ganz ihre Antipathie gegen die häßliche und geizige Dame zu vergessen, konnte sie sich eines Gefühls von Bewunderung für eine Frau, die in so hohem Maße den Geist der Guermantes besaß, nicht erwehren, sie wollte die Fürstin Epinay in die Oper einladen. Nur der Gedanke, es sei vielleicht angebracht, zuvor Frau von Guermantes um Rat zu fragen, hielt sie davon zurück. Frau von Epinay, die sich im Gegensatz zu den Courvoisier eifrig um Oriane bemühte und sie liebte, aber neidisch auf ihre Beziehungen und etwas verärgert durch die Scherze war, mit denen die Herzogin sie vor aller Welt wegen ihres Geizes neckte, erzählte zu Hause, wie schwer es der Prinzessin von Parma gefallen sei, Taquinius Superbus zu verstehen, Oriane müsse denn doch recht snobistisch sein, daß sie mit solch einer Gans intim sei. »Ich hätte nie mit der Prinzessin von Palma verkehren können, selbst wenn ich gewollt hätte«, sagte sie zu den Freunden, die zu Tisch bei ihr waren, »Herr von Epinay hätte es mir wegen ihres unmoralischen Lebenswandels nie erlaubt (sie spielte auf gewisse rein erfundene Abenteuer der Prinzessin an). Aber ich hätte es offengestanden auch nicht gekonnt, wenn ich einen weniger strengen Gatten gehabt hätte. Ich weiß nicht, wie Oriane es fertig bringt, sie beständig zu besuchen. Ich gehe einmal im Jahre hin und kann den Besuch nur mit Mühe bis zu Ende aushalten.« Befanden sich einige Courvoisier bei Victurnienne, wenn Frau von Guermantes zu Besuch kam, trieb sie die Ankunft der Herzogin gewöhnlich in die Flucht, weil ihnen die »ewigen Kratzfüße«, die man Oriane machte, auf die Nerven gingen. Am Tage von Taquinius Superbus blieb ein einziger. Ganz verstand er den Witz nicht, aber immerhin halb, denn er war gebildet. Und daraufhin wiederholten die Courvoisier überall, Oriane habe Onkel Palamède »Tarquinius Superbus« genannt, nach ihrer Meinung eine gute Bezeichnung für ihn, »aber warum soviele Geschichten mit Oriane machen?« setzten sie hinzu. Von einer Königin hätte man kaum soviel Wesens gemacht. »Was ist denn schließlich Oriane? Gewiß die Guermantes sind von altem Adel, aber die Courvoisier stehen nicht hinter ihnen zurück, weder an Ruhm noch an Alter noch an verwandtschaftlichen Beziehungen. Man darf nicht vergessen, daß, als im ›Camp du drap d'or‹ der König von England François I. fragte, wer unter den anwesenden Rittern der Adligste wäre, der König von Frankreich antwortete: ›Courvoisier, Sire.‹« Wären übrigens auch alle andern Courvoisier dageblieben, die Bonmots hätten sie kalt gelassen, umsomehr als sie die Vorfälle, die im allgemeinen solche Aussprüche veranlaßten, von einem ganz andern Standpunkt ansahen. Hatte zum Beispiel eine Courvoisier bei einem Empfang nicht genug Stühle für ihre Gäste oder redete sie eine Besucherin, die sie nicht wiedererkannte, mit falschem Namen an oder sagte einer ihrer Bedienten etwas Lächerliches zu ihr, dann ärgerte sich die Courvoisier schrecklich, wurde rot und bebte vor Wut über etwas so Verdrießliches. Hatte sie Besuch und erwartete Oriane, so fragte sie in ängstlich strengem Ton »Kennen Sie sie?«, sie fürchtete, wenn der Besuch sie nicht kenne, könne seine Gegenwart auf Oriane schlechten Eindruck machen. Für Frau von Guermantes hingegen wurden solche Vorfälle Anlaß zu Erzählungen, über welche die Guermantes Tränen lachen mußten, man konnte nicht anders, man mußte sie beneiden, daß sie nicht genug Stühle gehabt, eine Dummheit selbst begangen oder eine Dummheit von einem Bedienten hingenommen oder jemand zu Besuch gehabt habe, den niemand kannte, wie man darüber froh sein muß, daß große Schriftsteller von Männern gemieden und von Frauen betrogen worden sind, wenn diese Demütigungen und Leiden Ansporn ihres Genies oder doch wenigstens Stoff ihrer Werke wurden.

Auch waren die Courvoisier außerstande, sich zu dem Sinn für das Moderne aufzuschwingen, den die Herzogin in das gesellschaftliche Leben einführte, aus dem sie in instinktsicherer Anpassung an die Forderungen des Augenblicks etwas Künstlerisches machte, während in solchen Momenten rein vernunftgemäße Anwendung strenger Regeln zu so schlechten Resultaten geführt hätte, wie sie einer erzielen würde, der in Liebe oder Politik Erfolg haben will und zu diesem Zweck die Taten eines Bussy d'Amboise buchstäblich wiederholt. Gaben die Courvoisier ein Familienessen oder ein Diner für einen Fürsten, so schien es ihnen eine Anomalie mit möglicherweise ungünstiger Wirkung, etwa einen Mann von Geist, der mit ihrem Sohn befreundet war, hinzuzuziehen. Eine Courvoisier, deren Vater Minister des Kaisers gewesen war, mußte eine Matinee zu Ehren der Prinzessin Mathilde geben: mit mathematischer Genauigkeit folgerte sie, sie könne dazu nur Bonapartisten einladen. Nun kannte sie fast keinen. Alle eleganten Frauen ihrer Bekanntschaft, alle liebenswürdigen Männer wurden unbedingt ausgeschlossen, weil ihre Gesinnung oder ihre Beziehungen legitimistischer Art waren, sie also nach der Logik der Courvoisier Ihrer Kaiserlichen Hoheit mißfallen mußten. Die Prinzessin, welche im eignen Salon die Auslese des Faubourg Saint-Germain empfing, sah sich bei Frau von Courvoisier zu ihrer Verwunderung allein mit einer berühmten Schmarotzerin, der Witwe eines früheren Präfekten des Kaiserreichs, der Witwe des Postdirektors und ein paar Leuten, die für ihre Anhänglichkeit an Napoleon, ihre Dummheit und Langweiligkeit bekannt waren. Prinzessin Mathilde goß gleichwohl freigebig die milde Flut ihrer fürstlichen Anmut über diese Jammergestalten, welche ihrerseits einzuladen die Herzogin von Guermantes sich wohlweislich hütete, als an sie die Reihe kam, die Prinzessin zu empfangen; sie wählte statt dessen, ohne aprioristische Erwägungen über den Bonapartismus, die reichste Blütenlese aus Schönheit, Rang und Ruhm, lauter Wesen, die, wie ihr Taktgefühl erriet und spürte, der Nichte des Kaisers angenehm sein würden, selbst wenn sie direkt zur Familie des Königs gehörten. Nicht einmal der Herzog von Aumale fehlte, und als die Prinzessin beim Abschied Frau von Guermantes, die ihr einen Knix machte und die Hand küssen wollte, aufhob und auf beide Wangen küßte, konnte sie der Herzogin aus vollem Herzen versichern, sie habe nie einen schöneren Tag verbracht, nie einem glücklicher gelungenen Fest beigewohnt. In ihrer Unfähigkeit, im geselligen Leben Neuerungen einzuführen, war die Prinzessin von Parma eine Courvoisier, nur riefen zum Unterschied von den Courvoisier die Überraschungen, welche die Herzogin von Guermantes ihr beständig bereitete, bei ihr nicht wie bei jenen Antipathie, sondern Entzücken hervor. Ihr Staunen wurde noch vermehrt durch den Umstand, daß die Prinzessin in ihrer Bildung recht zurückgeblieben war. Frau von Guermantes war selbst bei weitem nicht so fortgeschritten, wie sie meinte. Aber es genügte, daß sie es mehr war als Frau von Parma, um diese zu verblüffen, und wie jede Kritikergeneration sich darauf beschränkt, das Gegenteil der Wahrheiten, die ihre Vorgänger anerkannt haben, zu behaupten, brauchte sie nur zu sagen, Flaubert, der Feind der Bourgeois, sei im Grunde ein Bourgeois gewesen, oder in Wagners Werken gebe es viel italienische Musik, um der Prinzessin, die sich dabei jedesmal überanstrengte wie ein Schwimmer im Sturm, Horizonte zu eröffnen, die ihr unerhört schienen und dabei undeutlich blieben. Sie verblüffte sie übrigens nicht nur durch ihre Paradoxe über Kunstwerke, sondern auch über Personen aus ihrer Bekanntschaft, ja sogar über Ereignisse in der Gesellschaft. Eine wesentliche Ursache des Erstaunens, das die Prinzessin jedesmal ergriff, wenn sie Frau von Guermantes über Menschen urteilen hörte, war Frau von Parmas Unfähigkeit, den wahren Geist der Guermantes von seinen nur in Rudimenten erkannten Formen zu unterscheiden (so glaubte sie lange an die hohe Geistigkeit gewisser Männer und besonders gewisser Frauen aus dem Hause Guermantes, um dann später zu ihrer großen Verwirrung von der Herzogin lächelnd sagen zu hören, das seien Einfaltspinsel). Aber es gab noch eine andre Ursache ihres Staunens, und ich, der damals mehr Bücher als Menschen und besser als die Gesellschaft die Literatur kannte, hatte dafür eine Erklärung: die Herzogin führte ein mondänes Leben, das mit seinem unfruchtbaren Müßiggang sich zu einer wirklichen sozialen Tätigkeit verhielt wie in der Kunst die Kritik zum Schaffen, und so erstreckte sie auf die Personen ihrer Umgebung den beständigen Wechsel der Gesichtspunkte, die ungesunde Gier des Krittlers, der seinen trocken gewordenen Geist mit dem nächsten besten noch etwas frischen Paradox belebt und sich dabei nicht geniert, etwa die erquickende Behauptung zu verfechten, die schönste Iphigenie sei die von Piccini, nicht die von Gluck, oder – im Notfall –, die wahre Phèdre sei die von Pradon.

Wenn eine intelligente gebildete geistvolle Frau einen schüchternen Tölpel, der sich selten sehen ließ, geheiratet hatte, leistete sich Frau von Guermantes eines schönes Tages den besondern geistigen Genuß, nicht nur die Frau zu beschreiben, sondern den Gatten zu »entdecken«. Hätte sie zum Beispiel damals im Kreise des Ehepaars Cambremer gelebt, sie hätte dekretiert, Frau von Cambremer sei dumm und der Marquis sei eine verkannte reizende Persönlichkeit, die von einer schwatzhaften Frau in den Hintergrund gedrängt werde, obwohl er tausendmal wertvoller sei als diese; solch eine Erklärung hätte die Herzogin erquickt wie den Kritiker die Behauptung, er ziehe dem seit siebzig Jahren bewunderten Hernani den Lion Amoureux vor. Wurde eine vorbildlich tugendhafte Frau, eine wahre Heilige, bedauert, weil sie an einen schlechten Kerl verheiratet war, so trieb dasselbe krankhafte Bedürfnis nach eigenmächtigen Neuerungen die Herzogin dazu, zu behaupten, der angeblich schlechte Kerl sei zwar leichtsinnig, aber eine Seele von Mann, nur die unzugängliche Härte seiner Frau habe ihn in seinen fahrigen Lebenswandel getrieben. Ich wußte, die Kritik spielt unter den Werken, welche die Jahrhunderte überdauert haben, nicht nur eins gegen das andre aus, sie ergötzt sich auch damit, innerhalb ein und desselben Werkes das seit langem im Lichte der Anerkennung Strahlende in den Schatten zu drängen und, was endgültigem Dunkel geweiht schien, herauszuheben. Ich hatte miterlebt, wie Bellini, Winterhalter, die Baumeister des Jesuitenstils, ein Kunsttischler der Restauration Genies verdrängten, die man matt fand, einfach, weil müßige Intellektuelle ihrer müde geworden waren, wie ja Neurastheniker immer müde und wechselnder Laune sind. Ich hatte gesehen, wie man an Sainte-Beuve abwechselnd den Kritiker und den Dichter vorzog, Mussets Verse ablehnte, sie nur in seinen kleinen unwesentlichen Stücken gelten ließ. Wenn gewisse Essayisten mit Unrecht über die berühmtesten Szenen des Cid oder Polyeucte gewisse Tiraden aus dem Menteur stellen, die wie ein alter Stadtplan über das Paris jener Epoche unterrichten, ist ihre Vorliebe zwar nicht durch Motive des Geschmacks, doch immerhin durch ein Interesse am Dokumentarischen gerechtfertigt und noch viel zu vernünftig für die tollgewordene Kritik. Die opfert den ganzen Molière für einen Vers aus L'Etourdi, und findet sie auch Wagners Tristan öde, so gefällt ihr doch ein hübsches Hornmotiv an der Stelle, wo die Jagd vorüberzieht. Diese Geschmacksverirrungen halfen mir die zu verstehen, welche Frau von Guermantes beging, wenn sie von einem Mann ihrer Kreise, der für bieder aber töricht galt, mit Entschiedenheit behauptete, er sei ein Ungeheuer an Selbstsucht und viel schlauer, als man meine, von einem andern, der als freigebig bekannt war, er sei der Geiz in Person, von einer guten Mutter, sie hänge nicht an ihren Kindern, und von einer als lasterhaft verschrienen Frau, sie habe eine edle Seele. Verdorben durch die Leere des Gesellschaftsdaseins, wurden Geist und Gefühl von Frau von Guermantes so flackernd, daß bei ihr dem Reiz schnell Ekel folgte (was sie nicht hinderte, sich immer wieder von der Art Esprit angezogen zu fühlen, die sie abwechselnd erstrebt und aufgegeben hatte), schnell wandelte sich der Charme, den sie an einem Mann von Herz entdeckt hatte, in Gereiztheit, wenn er zu oft zu ihr kam, von ihr Richtlinien zu erhalten suchte, die sie ihm nicht geben konnte, und an dieser Gereiztheit gab sie ihrem Verehrer schuld, obwohl sie nur von der Unfähigkeit, Vergnügen zu finden, wenn man es immer nur sucht, herrührte. Den Schwankungen im Urteil der Herzogin entging niemand außer ihrem Gatten. Er allein hatte sie nie geliebt; bei ihm war sie immer auf einen eisernen Charakter gestoßen, der ihre Launen nicht beachtete und ihre Schönheit übersah, auf einen unbeugsamen Willen, dessen Heftigkeit gerade für Nervöse etwas Beruhigendes hatte.

Herr von Guermantes wiederum, der immer demselben Typus weiblicher Schönheit nachging, ihn aber in immer neuen Geliebten suchte, besaß, sobald er sie verließ, nur eine beständige, sich immer gleichbleibende Verbündete, mit der er sich über jene lustig machen konnte, eine Gefährtin, die ihn zwar oft mit ihrem Geschwätz reizte, aber, wie er wußte, bei aller Welt als die schönste, tugendhafteste, klügste und gebildetste Frau der Aristokratie galt; es war ein großes Glück für ihn, sie gefunden zu haben, sie deckte seine Unregelmäßigkeiten, verstand unvergleichlich zu empfangen und ihrem Salon den Rang des ersten Salons des Faubourg-Saint-Germain zu erhalten. Diese Meinung der andern teilte er, und obwohl er sich oft über seine Frau ärgerte, war er doch stolz auf sie. Er war geizig und liebte die Pracht; die kleinste Summe für Wohltätigkeit, für ihre Dienstboten verweigerte er ihr, hielt aber darauf, daß sie die herrlichsten Toiletten und schönsten Gespanne hatte. So oft Frau von Guermantes über einen ihrer Freunde ein neues saftiges Paradox machte, indem sie seine Vorzüge und Fehler plötzlich umkehrte, brannte sie darauf, vor Leuten, die für so etwas Verständnis hatten, zu erproben, ob die psychologische Originalität ihres Einfalls schmackhaft und seine lapidare Bosheit eindringlich war. Gewiß enthielten ihre neuen Meinungen gewöhnlich nicht mehr Wahrheit als die früheren, oft sogar weniger, aber das Willkürliche und Unerwartete an ihnen gab ihnen eine Art Geist, die sie sensationell machte. Allein das Opfer ihrer Psychologie war gewöhnlich ein intimer Freund, und die, denen sie ihre Entdeckung zu vermitteln wünschte, ahnten nicht, daß er nicht mehr in höchster Gunst stand; auch machte Frau von Guermantes' Ruf, eine unvergleichlich herzliche, milde und aufopfernde Freundin zu sein, es ihr schwer, mit dem Angriff zu beginnen; allenfalls konnte sie wie mit Gewalt genötigt eingreifen und durch eine geschickte Replik den Partner, der es übernommen hatte, sie zu provozieren, beschwichtigen, scheinbar ihm widersprechen, in Wahrheit aber ihn unterstützen; die Rolle dieses Partners spielte Herr von Guermantes ausgezeichnet.

Einen andern ebenso von ihrer Willkür abhängigen theatralischen Genuß bereitete es Frau von Guermantes, über gesellschaftliche Ereignisse ihre unvermuteten Urteile loszulassen, die die Prinzessin immer wieder mit köstlicher Überraschung aufpeitschten. Die Natur dieses Genusses versuchte ich weniger mit Hilfe der literarischen Kritik als durch den Vergleich mit dem politischen Leben und Parlamentsberichten zu verstehen. Die einander folgenden und widersprechenden Erlasse, mit denen Frau von Guermantes die Rangordnung der Werte bei den Personen ihres Kreises beständig umstürzte, genügten nicht mehr, sie zu zerstreuen, und so suchte sie in der Art, wie sie ihr eignes gesellschaftliches Benehmen sich vorschrieb, über ihre geringfügigsten mondänen Entscheidungen sich Rechenschaft gab, sich künstliche Erregungen zu verschaffen, erfundenen Pflichten zu gehorchen, wie sie die Gefühle in den Parlamenten aufstacheln und dem Geist der Politiker sich aufdrängen. Man weiß, wenn ein Minister der Kammer erklärt, er glaube richtig gehandelt, den rechten Weg eingeschlagen zu haben und sein Verhalten dem verständigen Mann, der am nächsten Tag in seiner Zeitung den Sitzungsbericht liest, in der Tat ganz plausibel erscheint, wird dieser verständige Leser plötzlich doch unruhig werden und in Zweifel geraten, ob er recht daran tat, dem Minister beizupflichten, wenn er sieht, des Ministers Rede wurde mit lebhafter Unruhe aufgenommen und von kritischen Ausrufen unterbrochen wie »schlimm genug«, und das aus dem Munde eines Abgeordneten, dessen Name und Titel nebst der von ihm hervorgerufenen Unruhe in dem Bericht über den Zwischenruf soviel Raum einnehmen, daß für sein »Schlimm genug« weniger übrig bleibt als ein Halbvers im Alexandriner einnimmt. So las man zum Beispiel in der Zeit, als Herr von Guermantes, Fürst des Laumes, in der Kammer saß, bisweilen in den Pariser Zeitungen (diese Notiz war eigentlich vorwiegend für den Wahlkreis von Méséglise bestimmt und sollte den Wählern zeigen, sie haben ihre Stimmen nicht einem untätigen oder stummen Volksvertreter gegeben):

»(Herr von Guermantes-Bouillon, Fürst des Laumes: ›Schlimm genug!‹ – ›Sehr richtig! Sehr richtig!‹ im Zentrum und auf einigen Bänken der Rechten, lebhafte Unruhe auf der äußersten Linken.)«

Noch bewahrt der verständige Leser einen Schimmer von Treue für den weisen Minister, da wird ihm neues Herzklopfen bereitet durch die ersten Worte des nächsten Redners, der dem Minister antwortet:

»Ich bin erstaunt, ja, ich kann sagen, geradezu bestürzt (lebhafte Erregung rechts) über die Worte eines Mannes, der, wie ich vermute, immer noch Mitglied der Regierung ist (donnernder Applaus ... Einige Abgeordnete drängen sich zur Ministerbank; der Unterstaatssekretär des Postministeriums macht von seinem Platz aus Zeichen des Beifalls.)« – Dieser »donnernde Applaus« beseitigt den letzten Widerstand des verständigen Lesers; eine Schmach für die Kammer und ungeheuerlich erscheint ihm ein an sich belangloses Verhalten; und wenn es sich auch um etwas ganz Normales handelt, etwa um die Forderung, daß die Reichen mehr als die Armen zahlen sollen, oder um die Aufhellung eines Unrechts oder Eintreten für den Frieden gegen den Krieg, er wird es skandalös finden, wird eine Verletzung von Prinzipien darin erblicken, an die er vorher gar nicht gedacht, die nicht etwa im Menschenherzen eingegraben stehen, sondern nur Kraft des Beifalls, den sie entfesseln, und der kompakten Majoritäten, die sie zusammenbringen, so stark wirken.

Übrigens ist diese schlaue Art der Politiker, die mir half, den Kreis Guermantes und später andre Kreise mir zu erklären, nur die Entartung einer bestimmten Gewandtheit in der Interpretation, die man oft mit der Wendung »zwischen den Zeilen lesen« bezeichnet hat. Führt die Entartung dieser Gewandtheit in Kammersitzungen zu Absurditäten, so wird mangels eben dieser Gewandtheit das Publikum verdummt, es nimmt alles buchstäblich, ahnt nicht, daß es Absetzung bedeutet, wenn ein hoher Würdenträger »auf eignen Wunsch« seiner Amtsgeschäfte enthoben wird, es sagt sich: »Abgesetzt ist er nicht worden, er hat selbst um seinen Abschied gebeten«, es sieht nicht, daß es sich um eine Niederlage handelt, wenn die Russen sich mit einer strategischen Bewegung vor den Japanern auf festere, im voraus angelegte Stellungen zurückziehen, und um eine Ablehnung, wenn eine Provinz beim deutschen Kaiser um Unabhängigkeit nachsucht und er ihr religiöse Autonomie zugesteht. Möglicherweise stehen, nebenbei bemerkt – um auf die Kammersitzungen zurückzukommen –, die Deputierten selbst wenn die Sitzung eröffnet wird, auf dem Standpunkt des verständigen Mannes, der den Sitzungsbericht lesen wird. Hören sie, daß streikende Arbeiter ihre Delegierten zu einem Minister geschickt haben, fragen sie sich, wenn der Minister unter tiefem Schweigen, das schon Stimmung für künstliche Aufregungen macht, die Tribüne besteigt, vielleicht ganz naiv: »Nun, wir wollen einmal sehen, was sie einander gesagt haben, hoffen wir, daß alles beigelegt ist.« Gleich die ersten Worte des Ministers: »Ich brauche der Kammer nicht zu sagen, daß mir die Pflichten der Regierung zu hoch stehen, um diese Abordnung zu empfangen, wozu mich auch mein Amt durchaus nicht befugt,« sind ein Theatercoup; das war die einzige Hypothese, auf welche die verständigen Abgeordneten nicht gekommen waren. Aber gerade weil es ein Theatercoup ist, wird er mit solchem Beifall aufgenommen, daß der Minister sich erst nach einer ganzen Weile Gehör verschaffen kann, und wenn er dann zu seiner Bank zurückgeht, wird er von seinen Kollegen beglückwünscht werden. Er macht so großen Eindruck, wie an dem Tage, da er unterließ, zu einer großen offiziellen Feier den Magistratspräsidenten, der ihm opponiert hatte, einzuladen, und man erklärt, er habe im einen wie im andern Fall als echter Staatsmann gehandelt.

Herr von Guermantes befand sich in dieser Epoche seines Lebens – und das empörte die Courvoisier – oft unter den Kollegen, die den Minister beglückwünschten. Später habe ich gehört, er habe sogar in einem Zeitpunkt, als er eine ziemlich große Rolle in der Kammer spielte und man ihm ein Ministerium oder eine Botschaft zudachte, wenn ein Freund ihn um einen Dienst bat, sich viel einfacher gegeben, politisch viel weniger den wichtigen Mann gespielt als jeder andre, der nicht Herzog von Guermantes war, es an seiner Stelle getan hätte. Wenn er nämlich erklärte, Adel sei nichts Besondres und er sehe in seinen Kollegen seinesgleichen, glaubte er kein Wort von dem, was er sagte. Er bemühte sich um politische Posten, tat, als schätze er sie hoch ein, und – verachtete sie; da er für das eigne Gefühl Herr von Guermantes blieb, gaben sie seinem Wesen nicht die steife Würde hoher Stellung, wie sie andre unzugänglich macht. Und so behütete gerade sein Stolz nicht nur seine affektiert vertraulichen Manieren, sondern auch das, was an echter Einfachheit in ihm war, vor allem Schaden.

Um auf das entschiedene Verhalten der Frau von Guermantes zurückzukommen, das künstlich und so sensationell war wie das gewisser Politiker, so verblüffte sie die Guermantes, die Courvoisier, das ganze Faubourg und insbesondre die Prinzessin von Parma auch noch durch unerwartete »Dekrete«, hinter denen man Grundsätze ahnte, die umso mehr frappierten, je weniger man selbst auf sie verfallen wäre. Gab der neue griechische Botschafter einen Maskenball und jedermann wählte sich ein Kostüm, so war man gespannt, was die Herzogin anziehen werde. Einer meinte, sie werde als Duchesse de Bourgogne erscheinen, ein anderer vermutete, sie werde sich als Prinzessin von Dujabar verkleiden, ein dritter erwartete sie als Psyche. Schließlich fragte sie eine Courvoisier: »Was wirst du anziehn, Oriane?« und bekam die einzige Antwort, auf die man nicht gefaßt war: »Nichts!«; alle Zungen gerieten in Bewegung: das enthüllte ja Orianes Ansicht über die wirkliche gesellschaftliche Stellung des neuen griechischen Botschafters und über die Art, wie man sich ihm gegenüber zu benehmen habe, eine Ansicht, die man hätte voraussehen müssen: daß nämlich eine Herzogin auf das Maskenfest des neuen Botschafters »nicht zu gehen habe«. »Ich sehe nicht ein, warum es notwendig sein soll, zu dem griechischen Botschafter zu gehen, ich kenne ihn nicht, ich bin nicht Griechin; warum soll ich da hingehen? Ich habe dort nichts zu suchen.« »Aber alle gehen hin, es soll reizend werden«, sagte Frau von Gallardon. »Aber es ist auch reizend, an seinem Kaminfeuer zu bleiben«, antwortete Frau von Guermantes. Die Courvoisier waren fassungslos, die Guermantes hingegen stimmten der Herzogin bei, ohne ihr Verhalten nachzumachen. »Natürlich kann sichs nicht jeder leisten, wie Oriane mit allen Gewohnheiten zu brechen. Aber sie hat doch nicht so Unrecht, wenn sie uns zeigen will, daß es übertrieben ist, vor diesen Fremden, von denen man nicht immer weiß, wo sie herkommen, auf dem Bauch zu liegen.« Da sie die Kommentare, die das eine oder andre Verhalten unfehlbar nach sich ziehn würde, vorhersah, machte es Frau von Guermantes ebensoviel Vergnügen, ein Fest zu besuchen, wo man nicht auf sie zu rechnen wagte, wie zu Hause zu bleiben, oder am Abend eines Festes, wo »alle hingingen«, mit ihrem Gatten ins Theater zu gehen oder etwa, wenn man dachte, sie werde die schönsten Diamanten durch ein historisches Diadem in Schatten stellen, ohne jeden Schmuck einzutreten und in ganz anderer Toilette als man irrtümlicherweise für geboten hielt. Obwohl sie gegen Dreyfus war (und dabei doch an seine Unschuld glaubte, wie sie ja auch ihr Leben in der Gesellschaft verbrachte und doch nur an Ideen glaubte), hatte sie auf einer Soiree bei der Fürstin Ligne eine ungeheure Sensation hervorgerufen, zuerst, weil sie sitzen blieb, als alle Damen beim Eintreten des Generals Mercier sich erhoben, und dann, weil sie sich erhob und ostentativ nach ihren Leuten schickte, als ein nationalistischer Redner seinen Vortrag begann; sie gab dadurch zu verstehen, nach ihrer Meinung sei Geselligkeit nicht für politische Erörterungen da; bei einem Karfreitagskonzert drehten sich alle Köpfe nach ihr um, weil sie, obgleich sie Voltairianerin war, sich entfernte, da sie es unschicklich fand, Christus auf die Szene zu bringen. Es ist bekannt, wieviel selbst für die größten Damen der Gesellschaft der Zeitpunkt des Jahres bedeutet, an dem die Feste beginnen: hatte doch die Marquise von Amoncourt, die aus ihrem Redebedürfnis, aus ihrer Manie, Psychologie zu treiben und aus Mangel an Zartgefühl, oft dazu kam, Dummheiten zu sagen, es fertig gebracht, als ein Bekannter ihr zum Tode ihres Vaters, des Herrn von Montmorency, kondolierte, zu antworten: »Noch betrübender macht es vielleicht solch einen Trauerfall, daß er einen gerade trifft, wenn man unter seinem Spiegel hundert Einladungskarten liegen hat.« Nun, in diesem Zeitpunkt des Jahres, als man sich beeilte, die Herzogin von Guermantes rechtzeitig zum Diner einzuladen, damit sie nicht schon vergeben sei, sagte sie einmal überall ab, aus dem einzigen Grund, auf den ein Mensch der Gesellschaft nie gekommen wäre: sie war im Begriff abzureisen, um an den norwegischen Fjords, die sie interessierten, zu kreuzen. Die Gesellschaft war ganz verblüfft, man dachte zwar nicht daran, die Herzogin nachzuahmen, empfand aber durch ihr Benehmen eine Art Erleichterung, wie man sie bei der Lektüre von Kant empfindet, wenn man nach den strengsten Beweisen des Determinismus entdeckt, daß über der Welt der Notwendigkeit die Welt der Freiheit ist. Jede Erfindung, die man nie geahnt hat, wirkt anregend selbst auf den Geist derer, die keinen Nutzen für sich aus ihr zu ziehen verstehen. Die der Dampfschiffahrt erschien geringfügig neben dem Einfall, von der Dampfschiffahrt in der seßhaften Zeit der season Gebrauch zu machen. Der Gedanke, man könne freiwillig auf hundert Diners, doppelt soviel Tees, dreimal soviel Soireen, auf die glänzendsten Montage der Oper, Dienstage der Comédie Française verzichten, um norwegische Fjords zu besuchen, kam den Courvoisier so unerklärlich vor wie Zwanzig Meilen unter dem Meeresspiegel, vermittelte ihnen aber dieselbe Sensation von zauberhafter Freiheit. Es verging kein Tag, an dem man nicht sagen hörte: »Kennen Sie schon das letzte Bonmot von Oriane?« oder gar »Wissen Sie das Neueste von Oriane?«. Und zu dem »Neuesten von Oriane« wie zu dem »letzten Bonmot von Oriane« hieß es dann immer wieder: »Das ist echt Oriane«, »Das ist Oriane, wie sie leibt und lebt«. Das Neueste von Oriane war zum Beispiel, sie sollte im Namen eines patriotischen Vereins dem Kardinal X..., Bischof von Mâcon, antworten (den Herr von Guermantes, wenn er von ihm sprach, gewöhnlich »Herr von Mascon« nannte; der Herzog fand das gut altfranzösisch); als nun alle sich vorzustellen suchten, wie der Brief abgefaßt werden würde, sich als erstes Wort »Eminenz« oder »Monseigneur« dachten, aber um das Weitere verlegen waren, begann zu allgemeiner Verwunderung Orianes Brief mit »Herr Kardinal« in Befolgung eines alten Akademischen Brauches oder mit »Lieber Vetter«, weil diese Anrede zwischen den Kirchenfürsten, den Guermantes und den Souveränen üblich war, wenn sie Gott baten, die einen und andern »in seinen hohen heiligen Schutz« zu nehmen. Um über das »Neueste von Oriane« zu sprechen, genügte es, daß man bei der Vorstellung eines sehr hübschen Stückes, der ganz Paris beiwohnte, Frau von Guermantes in der Loge der Prinzessin von Parma, der Fürstin Guermantes und all der andern, die sie eingeladen hatten, suchte und sie allein, in Schwarz, mit einem ganz kleinen Hut, auf einem Parkettplatz fand, wo sie sich schon zu Beginn der Vorstellung eingefunden hatte. »Ein Stück, das sich lohnt, hört man hier besser«, erklärte sie zur Entrüstung der Courvoisier und zum Entzücken der Guermantes und der Prinzessin von Parma, die darin ein neues »Genre« entdeckten, daß man ein Stück von Anfang an höre; das erschien ihnen origineller und intelligenter (kein Wunder bei Oriane) als nach einem großen Diner und dem Besuch einer Soiree erst zum letzten Akt zu erscheinen. Auf derartige verschiedene Überraschungen mußte die Prinzessin von Parma, wie sie wohl wußte, gefaßt sein, wenn sie an Frau von Guermantes eine Frage literarischer oder gesellschaftlicher Natur richtete, und so wagte sich denn Ihre Hoheit nur immer voll Unruhe zwischen Vorsicht und Entzücken an das geringfügigste Thema, einer Badenden ähnlich, die zwischen zwei Wellen auftaucht.

Unter den Elementen, die in den zwei, drei andern führenden und annähernd gleichwertigen Salons des Faubourg Saint-Germain fehlten und sie dadurch vom Salon der Herzogin von Guermantes unterschieden (so läßt Leibniz jede Monade zwar das ganze Universum widerspiegeln, ihm aber dabei etwas nur ihr Eigentümliches hinzufügen), waren mit am wenigsten sympathisch gewöhnlich eine oder zwei sehr schöne Frauen, denen nur ihre Schönheit und der Gebrauch, den Herr von Guermantes von dieser Schönheit gemacht hatte, das Recht, hier zugegen zu sein, gab; ihre Gegenwart verriet auf den ersten Blick, wie in andern Salons gewisse überraschende Gemälde, daß hier der Ehemann ein Kenner und Verehrer weiblicher Anmut war. Sie waren alle einander ähnlich; der Herzog bevorzugte die großen Frauen, die zugleich majestätisch und ungezwungen waren, einen Typus, der die Mitte hielt zwischen der Venus von Milo und der Nike von Samothrake; meist waren es Blondinen, selten Brünette, bisweilen Rotblonde, wie die letzte, die bei diesem Diner zugegen war, die Vicomtesse d'Arpajon, die er so sehr geliebt hatte, daß sie lange Zeit ihm täglich bis zu zehn Depeschen schicken mußte (was die Herzogin ein wenig verdroß); er korrespondierte mit ihr durch Brieftauben, wenn er in Guermantes war, und lange Zeit hindurch konnte er sie so wenig missen, daß, als er einen Winter in Parma verbringen mußte, er jede Woche nach Paris kam und zwei Tage unterwegs war, um sie zu sehn.

Gewöhnlich waren diese schönen Figurantinnen seine Geliebten gewesen, waren es aber nicht mehr (dies traf für Frau von Arpajon zu) oder würden es demnächst nicht mehr sein. Vielleicht hatte der Nimbus, der für sie die Herzogin umgab, und die Hoffnung, in ihrem Salon empfangen zu werden – obwohl sie selbst sehr aristokratischen, wenn auch etwas tiefer stehenden Kreisen angehörten – noch mehr als des Herzogs Schönheit und Freigebigkeit sie bestimmt, seinem Verlangen nachzugeben. Übrigens hätte sich die Herzogin nie unbedingt dagegen gesträubt, diese Damen ihr Haus betreten zulassen; hatte sie doch in mancher von ihnen eine Verbündete gefunden, die ihr dazu verhalf, tausenderlei Wünsche erfüllt zu bekommen, die der Herzog, so lange er nicht in eine andre verliebt war, seiner Frau unbarmherzig abschlug. Wurden sie erst dann von der Herzogin empfangen, wenn ihre Liaison mit dem Herzog sich schon in einem sehr fortgeschrittenen Stadium befand, so lag das zunächst daran, daß er von jeder großen Liebschaft, die begann, erst glaubte, es würde nur ein vorübergehendes Abenteuer sein und dafür sei eine Einladung bei seiner Frau ein zu hoher Preis. Dann aber geschah es auch, daß er diese Gunst für viel weniger anbot, für einen ersten Kuß, weil er auf Widerstand stieß, mit dem er nicht gerechnet hatte, oder im Gegenteil, weil er auf gar keinen Widerstand stieß. In der Liebe gibt man oft aus Dankbarkeit und, um Genuß zu bereiten, mehr als man aus eigennütziger Erwartung versprochen hatte. In solchen Fällen aber hinderten andre Umstände die Verwirklichung seines Anerbietens. Zunächst sperrte er alle Frauen, die seine Liebe erwiderten, manchmal sogar, noch ehe sie sich ihm ergeben hatten, eine nach der andern von der Gesellschaft ab. Sie durften niemand mehr besuchen, er verbrachte fast seine ganze Zeit bei ihnen, befaßte sich mit der Erziehung ihrer Kinder, denen er, wenn man das später aus frappierenden Ähnlichkeiten schließen darf, einen Bruder oder eine Schwester schenkte. Hatte im Anfang der Liaison die Einführung bei Frau von Guermantes, die der Herzog durchaus nicht beabsichtigte, in den Gedanken der Geliebten eine große Rolle gespielt, veränderte nun die Liaison im weiteren Verlauf die Gesichtspunkte dieser Frau: der Herzog war für sie mehr geworden als der Gatte der elegantesten Frau von Paris, ein Mann, den sie liebte, ein Mann, der ihr oft Mittel und Geschmack für Entfaltung eines größeren Luxus gegeben und in die Rangordnung ihrer snobistischen und materiellen Bedürfnisse Umwälzungen gebracht hatte; schließlich stellte sich auch Eifersucht aller Art gegen Frau von Guermantes bei den Mätressen des Herzogs ein. Aber das war nur sehr selten der Fall; kam es übrigens endlich zur Einführung bei der Herzogin (meistens erst, wenn die Geliebte dem Herzog schon ziemlich gleichgültig geworden, war – sein jeweiliges Verhalten war wie bei allen Menschen meist durch früheres Verhalten bestimmt, dessen ursprüngliche Beweggründe nicht mehr existierten), so traf es sich oft, daß Frau von Guermantes selbst sich darum bemüht hatte, die Geliebte des Herzogs zu empfangen, sie hoffte in ihr eine wertvolle Verbündete gegen ihren schrecklichen Gatten zu gewinnen, was ihr sehr nottat. Nicht etwa, weil der Herzog seiner Frau gegenüber die sogenannten »guten Formen« verletzt hätte. Nur in seltenen Fällen, etwa, wenn sie ihm zuviel sprach, entfuhren ihm heftige Worte oder er schwieg vernichtend. Leute, die sie nicht näher kannten, konnten sich über ihre Beziehungen täuschen. Im Herbst in den paar Wochen, die man zwischen den Rennen in Deauville, der Badekur und der Abreise nach Guermantes und zu den Jagden in Paris verbrachte, ging der Herzog manchmal mit seiner Gattin ins Café-Konzert, das sie gern hatte. Dem Publikum fiel sofort in einer der kleinen offenen Parterrelogen, in denen man nur zu zweit sitzt, der Herkules im »Smoking« auf (in Frankreich gibt man ja allen mehr oder weniger britischen Dingen Namen, die sie in England nicht führen), er hatte das Monokel im Auge, in der mächtigen aber schönen Hand, an deren Ringfinger ein Saphir glänzte, eine dicke Zigarre, aus der er von Zeit zu Zeit einen Zug tat, seine Blicke waren meistens auf die Bühne gerichtet und, wenn sie auf den Zuschauerraum, wo er übrigens niemanden kannte, fielen, milderte sich ihre Schärfe und sie bekamen etwas Sanftes, Zurückhaltendes, Höfliches und Achtungsvolles. Schien ihm ein Couplet komisch und nicht zu indezent, wandte sich der Herzog lächelnd zu seiner Frau um und teilte mit ihr in freundlichem Einverständnis die harmlose Heiterkeit, in die ihn das neue Chanson versetzte. Da konnten die Zuschauer annehmen, es gebe keinen bessern Gatten als ihn und keine beneidenswertere Frau als die Herzogin – sie, die von allen Lebensinteressen des Herzogs ausgeschlossen war, die er nicht liebte, die er unablässig betrogen hatte. Fühlte die Herzogin sich müde, konnte man sehen, wie Herr von Guermantes sich erhob, ihr selbst den Mantel umlegte, dabei acht gab, daß ihre Kolliers sich nicht im Futter verfingen, und ihr eifrig und ehrerbietig einen Weg zum Ausgang bahnte, was sie mit der kühlen Miene der Dame von Welt, die in dergleichen nur Lebensart erblickt, und bisweilen sogar mit der leise ironischen Bitterkeit der enttäuschten Gattin hinnahm, die keine Illusion mehr zu verlieren hat. Aber trotz dieser äußeren Formen, wie sie nun einmal zu der Höflichkeit gehören, die in weit zurückliegender Zeit (welche aber für Überlebende noch andauert) die Pflichten des Herzens auf die Oberfläche übertragen hat, war das Leben schwer für die Herzogin. Freigebig und menschlich wurde Herr von Guermantes nur einer neuen Mätresse zuliebe, die meist die Partei der Herzogin nahm; dann bekam diese wieder Aussicht, freigebig gegen Untergebene, barmherzig gegen Arme zu sein und sogar später selbst ein neues herrliches Automobil zu bekommen. Aber von der Gereiztheit, welche die Herzogin gewöhnlich sehr rasch gegen Personen empfand, die ihr gegenüber zu unterwürfig waren, blieben die Geliebten des Herzogs nicht ausgeschlossen. Die Herzogin bekam sie bald satt. Damals neigte sich des Herzogs Liebschaft mit Frau von Arpajon ihrem Ende zu. Eine andre Liebe tauchte bereits am Horizont auf.

Die Liebe, die Herr von Guermantes nacheinander für all diese Frauen empfunden hatte, ging nicht ganz verloren: sterbend hinterließ sie die Geliebten als schöne Marmorbilder – das waren sie für den Herzog, der so ein wenig Künstler geworden war, weil er sie geliebt und dadurch ein Gefühl für Linien bekommen hatte, die er ohne Liebe nicht gewürdigt hätte –, die nun im Salon der Herzogin, nachdem sie lange einander befehdet und sich in Eifersucht und Streit verzehrt, als versöhnte Gestalten in Friede und Freundschaft nebeneinander standen; diese Freundschaft wiederum war selbst ein Ergebnis der Liebe, die Herrn von Guermantes bei den Frauen, die seine Mätressen waren, Tugenden entdecken ließ, wie sie in jedem menschlichen Wesen vorhanden sind, aber nur der Wollust sich offenbaren, und so ist denn die Ex-Mätresse, aus der ein »vortrefflicher Kamerad«, der gern alles für uns tut, geworden ist, ein Klischee wie der Arzt und wie der Vater, die nicht Arzt und nicht Vater, sondern Freund sind. Aber erst beklagte sich eine Zeitlang die Frau, die Herr von Guermantes zu vernachlässigen begann, machte Szenen, erhob Ansprüche, führte sich zudringlich und zänkisch auf. Sie fiel dem Herzog mehr und mehr auf die Nerven. Dann bekam Frau von Guermantes Gelegenheit, auf die wahren oder vermeintlichen Fehler einer Person, über die sie sich ärgerte, hinzuweisen. Da sie für gütig galt, nahm sie die Telephonanrufe, Geständnisse und Tränen der Verlassenen entgegen und beklagte sich nicht darüber. Das gab Stoff zum Lachen erst mit ihrem Mann und dann mit einigen Intimen. Und da sie der Meinung war, das Mitleid, das sie der Unglücklichen bewies, gebe ihr ein Recht, sie zu necken, genierte sich Frau von Guermantes auch in ihrer Gegenwart nicht, über alles, was sie vorbrachte, so weit es irgend in den Rahmen des Lächerlichen paßte, den Herzog und Herzogin neuerdings für die Arme angefertigt hatten, mit ihrem Mann Blicke spöttischen Einverständnisses zu wechseln. –

 

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.