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Die Herzogin von Guermantes. II. Band

Marcel Proust: Die Herzogin von Guermantes. II. Band - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorMarcel Proust
titleDie Herzogin von Guermantes. II. Band
seriesAuf der Suche nach der verlorenen Zeit
volume3. Band [2]
publisherR. Piper & Co.
year1930
translatorWalter Benjamin und Franz Hessel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140302
projectidacd70899
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Erstes Kapitel

 

Krankheit meiner Großmutter.
Krankheit Bergottes. Herzog und Arzt.
Mit meiner Großmutter geht es zu Ende. Ihr Tod.

 

Quer durch die Menge der Spaziergänger überschritten wir wieder die Avenue Gabriel. Ich ließ meine Großmutter auf einer Bank Platz nehmen und ging einen Wagen suchen. Sie, in deren Herz ich mich immer versetzte, um mir über den gleichgültigsten Menschen ein Urteil zu bilden, sie war mir jetzt verschlossen, sie war ein Stück Außenwelt geworden. Jedem, der vorüberkam, hätte ich eher sagen dürfen, was ich von ihrem Zustand dachte als ihr, ich war gezwungen, ihr meine Besorgnis zu verschweigen, hätte ihr davon nicht vertraulicher sprechen können als einer Fremden. Sie hatte mir alles Sinnen und Sorgen zurückerstattet, das ich ihr von Kindheit an für immer anvertraut hatte. Sie war noch nicht tot. Ich war schon allein. Und selbst ihre Anspielungen auf die Guermantes, auf Molière, auf unsere Gespräche über den kleinen Clan bekamen nun etwas Haltloses, Grundloses, Phantastisches, sie kamen schon aus der Lebensferne eines Wesens, das morgen vielleicht nicht mehr existieren würde, für das sie keinen Sinn mehr haben würden, aus dem Nichts, das – außerstande, sie in sich zu fassen – meine Großmutter bald sein würde.

»Wie dem auch sei, mein Herr, Sie haben sich nicht bei mir vormerken lassen, Sie haben keine Nummer. Übrigens habe ich heut keine Sprechstunde. Sie werden doch Ihren eigenen Arzt haben. Ich kann mich da nicht einschieben, es sei denn, er zieht mich selbst hinzu. Das ist eine Frage der Deontologie.«

Gerade als ich einem Kutscher winkte, war ich dem bekannten Professor E. begegnet, der mit meinem Vater und Großvater fast befreundet, jedenfalls gut bekannt war. Er wohnte hier in der Avenue Gabriel. Einer plötzlichen Eingebung folgend, hatte ich ihn, als er gerade in sein Haus treten wollte, angesprochen, da ich dachte, er könne vielleicht meiner Großmutter einen guten Rat geben. Aber er war in Eile, als der Portier ihm seine Briefschaften gegeben, wollte er mich los werden, und ich konnte nur weiter zu ihm sprechen, indem ich mit ihm in den Lift stieg. Das Drücken auf die Knöpfe bat er mich, ihm zu überlassen; das war eine Manie bei ihm.

»Aber, Herr Professor, ich bitte Sie ja nicht, meine Großmutter hier zu empfangen, Sie werden nach dem, was ich Ihnen sagen möchte, verstehen, sie ist kaum imstande..., vielmehr wollte ich Sie bitten, in etwa einer halben Stunde bei uns vorzusprechen, bis dahin wird sie zu Hause sein.«

»Bei Ihnen vorsprechen, aber das ist ganz ausgeschlossen. Ich bin bei dem Handelsminister zum Diner, vorher muß ich noch einen Besuch machen, ich muß mich gleich umziehen; um das Unglück vollzumachen, habe ich mir den Frack zerrissen, und in dem andern ist kein Knopfloch fürs Ordensband. Ich bitte Sie, tun Sie mir den Gefallen und kommen Sie nicht an die Knöpfe des Aufzugs, Sie wissen nicht damit umzugehen, man muß in allem vorsichtig sein. Das mit dem Knopfloch wird mich auch noch aufhalten. Aus Freundschaft für die Ihrigen will ich Ihre Großmutter, wenn sie gleich kommt, schließlich empfangen. Aber ich sage Ihnen im voraus, ich habe nur eine knappe Viertelstunde zu ihrer Verfügung.«

Gleich war ich umgekehrt und hatte nicht einmal den Fahrstuhl verlassen, den Professor E. selbst nach abwärts in Bewegung gesetzt hatte, nicht ohne mir mißtrauisch nachzublicken.

Wir sagen allerdings, die Stunde des Todes ist ungewiß, aber wenn wir das sagen, stellen wir uns diese Stunde in einem unbestimmten fernen Raum gelegen vor, wir denken nicht, sie könne zu dem bereits begonnenen Tage in irgend einer Beziehung stehen, könne bedeuten, daß der Tod – oder sein erstes Besitzergreifen von einem Teile unserer selbst, nach welchem er uns nicht mehr lassen wird – an diesem Nachmittag noch, der so gar nichts Unbestimmtes hat, eintreten könne, diesem Nachmittag, an dem wir schon im voraus geregelt haben, wie wir alle seine Stunden anwenden wollen. Man besteht auf seiner Spazierfahrt, um in einem Monat die erforderliche Gesamtsumme an guter Luft zu erreichen, man hat gezögert, welchen Mantel, welchen Rutscher man nehmen solle, der Tag liegt ganz vor uns, kurz ist er, denn man will rechtzeitig nach Hause kommen, um eine Freundin bei sich zu empfangen; man möchte, daß es morgen wieder so schönes Wetter sei; und man ahnt nicht, daß der Tod, der langsam in uns auf einer anderen Ebene mitten durch undurchdringliches Dunkel seinen Weg nahm, gerade diesen Tag gewählt hat, um, in einigen Minuten, ungefähr in dem Augenblick, wenn der Wagen die Champs-Elysées erreichen wird, aufzutreten. Wer schon gewohnheitsmäßig vor dem Sonderbaren, das dem Tode eigen ist, Angst hat, für den wird diese Art Tod – diese Art erste Berührung mit dem Tod – etwas Beruhigendes haben, weil er eine bekannte, vertraute, alltägliche Erscheinung annimmt. Vorangegangen ist ein gutes Dejeuner und eine Spazierfahrt, wie sie auch die gesunden Leute machen. Eine Rückfahrt im offenen Wagen verbirgt den ersten Anfall; so krank meine Großmutter war, mehrere Leute würden sagen können, um sechs Uhr, als wir von den Champs-Elysées zurückkamen, haben sie die Großmutter gegrüßt, wie sie im offenen Wagen bei herrlichem Wetter vorbeikam. Legrandin, der nach der Place de la Concorde zu ging, zog den Hut vor uns und blieb verwundert stehen. Ich war noch so wenig abgelöst vom Leben, daß ich meine Großmutter fragte, ob sie ihn wiedergegrüßt habe, und sie erinnerte, er sei empfindlich. Meine Großmutter mochte mich recht leichtfertig finden, sie hob die Hand auf, als wollte sie sagen: Was macht das aus? Das ist ganz unwichtig.

Ja, man hatte sagen können, vorhin während ich einen Wagen suchte, saß meine Großmutter auf einer Bank in der Avenue Gabriel und etwas später fuhr sie im offenen Wagen vorüber. Aber wäre das wirklich wahr gewesen? Die Bank bedarf, um da in einer Avenue zu stehen – wenn sie auch gewissen Gleichgewichtsbedingungen unterworfen ist – keiner Energie. Damit aber ein lebendes Wesen aufrecht sei, ist eine Kräftespannung nötig, die wir gewöhnlich nicht wahrnehmen, ebensowenig, wie wir den atmosphärischen Druck, der ja nach allen Richtungen wirkt, wahrnehmen. Wenn man in uns ein Vakuum herstellte und uns dann dem Luftdruck aussetzte, würden wir vielleicht während des Augenblicks, der unserer Vernichtung vorherginge, das fürchterliche Gewicht fühlen, das nichts mehr ausgleichen würde. So bedarf es, wenn die Abgründe der Krankheit und des Todes sich in uns auftun und wir dem Ungestüm, mit dem die Welt und unser eigner Körper sich auf uns stürzen, nichts mehr entgegenzusetzen haben, um nur die Last der Muskeln, nur den Schauer, der unser Mark verwüstet, auszuhalten, – soll das Haupt aufrecht und der Blick ruhig bleiben – der Lebensenergie, und ein erschöpfender Kampf hebt an.

Und hatte Legrandin uns so verwundert angesehen, so kam das, weil ihm und allen, die vorüberkamen, in dem Wagen, in dem meine Großmutter auf dem Polster zu sitzen schien, ein Wesen sichtbar wurde, das versank, in den Abgrund glitt, sich verzweifelt an den Kissen hielt, die kaum ihren stürzenden Körper halten konnten, ein Wesen mit wirrem Haar, dessen verstörter Blick nicht mehr dem Ansturm der Bilder standhielt, die das Auge nicht länger zu ertragen vermochte. Obwohl sie neben mir saß, war sie doch in die unbekannte Welt versunken, darin sie schon die Erschütterungen erlitten hatte, deren Spuren ich vorhin in den Champs-Elysées an ihr gesehen; die Hand des unsichtbaren Engels, mit dem sie ringen mußte, hatte ihr Hut, Gesicht und Mantel entstellt. Später habe ich mir manchmal gedacht, der Augenblick des Anfalls konnte meiner Großmutter nicht ganz überraschend kommen, vielleicht hatte sie ihn schon lange vorhergesehen, ihm entgegengelebt. Sicherlich hatte sie nicht gewußt, wann der verhängnisvolle Augenblick kommen werde, und war in Ungewissem gewesen wie Liebende, die aus ähnlicher Ungewißheit bald unvernünftige Hoffnungen bald ungerechtfertigten Verdacht gegen die Treue ihrer Geliebten hegen. Aber meistens suchen große Krankheiten wie die, welche sie jetzt mitten ins Gesicht getroffen hatte, schon lange Zeit hindurch bei dem Kranken sich einen Wohnsitz aus, ehe sie ihn töten, und machen sich in dieser Zeit wie ein Nachbar oder ein »entgegenkommender« Mieter ziemlich geschwinde mit ihm bekannt. Eine entsetzliche Bekanntschaft, weniger wegen der Schmerzen, die sie mit sich bringt, als weil sie in befremdend neuer Art dem Leben endgültige Beschränkungen auferlegt. An solchem Fall sieht man sich sterben, nicht im Augenblick des Todes, sondern Monate, bisweilen Jahre vorher, sobald er sich einmal häuslich bei uns angesiedelt hat. Die Kranke lernt den Fremden kennen, den sie da in ihrem Hirn auf- und abgehen hört. Sie kennt ihn allerdings nicht von Angesicht, aber aus den regelmäßig wiederkehrenden Geräuschen, die sie ihn machen hört, folgert sie seine Gewohnheiten. Ist es ein Übeltäter? Eines Morgens hört sie ihn nicht mehr. Er ist fort. Ach, wäre ers für immer! Am Abend ist er wieder da. Was hat er vor? Der hinzugezogene Arzt, den man ausfragt, antwortet wie eine vergötterte Geliebte mit Beteuerungen, die man heute glaubt und morgen anzweifelt. Und eigentlich spielt der Arzt weniger die Rolle der Geliebten als die ihrer Diener, bei denen man sich erkundigt. Sie sind nur dritte. Aber das Wesen, in das wir dringen, das wir immer wieder in Verdacht haben, es sei im Begriff, uns zu verraten, das ist das Leben selbst, und obwohl wir fühlen, daß es nicht mehr ist, wie es war, glauben wir doch noch an das Leben, bleiben mindestens im Zweifel bis zu dem Tage, an dem es uns endgültig im Stich läßt.

Ich half meiner Großmutter in den Fahrstuhl des Professors E., und gleich darauf kam er uns entgegen und nahm uns in sein Sprechzimmer. Dort hatte er, so eilig er war, nicht mehr die schroffe Miene, so stark sind Gewohnheiten, er pflegte mit seinen Patienten liebenswürdig, ja sogar scherzhaft zu sein. Da er meine Großmutter sehr belesen wußte und es selbst auch war, zitierte er ihr zunächst zwei oder drei Minuten lang schöne Verse über den strahlenden Sommer dieser Tage. Er hatte sie in einen Sessel gesetzt und sich gegen das Licht gestellt, um sie gut sehen zu können. Seine Untersuchung war sehr gründlich und machte es sogar erforderlich, daß ich auf einen Augenblick hinausging. Er setzte sie dann noch weiter fort, und als er fertig und die Viertelstunde schon fast zu Ende war, fing er noch einmal an, meine Großmutter mit Zitaten zu unterhalten. Er brachte sogar einige ziemlich feine Scherze vor. Die hätte ich zwar lieber an einem andern Tage gehört, aber sie wirkten durch den heiteren Ton des Doktors ganz beruhigend auf mich. Mir fiel dabei ein, als Senatspräsident hatte Herr Fallières vor einer Reihe von Jahren einen harmlosen Anfall und konnte zur Verzweiflung seiner Konkurrenten schon nach drei Tagen seine Tätigkeit wieder aufnehmen: er bereitete, hieß es, sich darauf vor, früher oder später für den Posten des Präsidenten der Republik zu kandidieren. Als nun, gerade während mir das Beispiel von Herrn Fallières einfiel, das muntere Lachen, mit dem Professor E. einen seiner Scherze abschloß, mich aus meinen Gedanken aufschreckte, bekam ich die feste Zuversicht, meine Großmutter werde sich bald erholen. Darauf zog er die Uhr, runzelte, als er sah, er war schon fünf Minuten verspätet, in fieberhafter Aufregung die Brauen und klingelte, während er uns Adieu sagte, daß man ihm gleich seinen Frack bringe. Ich ließ meine Großmutter vorangehen, schloß hinter ihr die Tür und bat den Gelehrten, mir die Wahrheit zu sagen.

»Ihre Großmutter ist verloren«, sagte er. »Der Anfall ist durch Urämie hervorgerufen. An sich ist Urämie nicht unbedingt tödlich, aber der Fall scheint mir verzweifelt. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß ich hoffe, mich zu täuschen. Im Übrigen sind Sie bei Cottard in ausgezeichneten Händen. Entschuldigen Sie mich«. Er sah gerade das Stubenmädchen mit seinem Frack auf dem Arm eintreten. »Sie wissen, ich bin beim Handelsminister zu Tisch, und ich habe vorher noch einen Besuch zu machen. Ach, das Leben ist nicht immer rosig, wie man in Ihrem Alter sichs denkt«.

Und er reichte mir freundlich die Hand. Ich hatte die Tür geschlossen, und ein Diener führte uns, meine Großmutter und mich, durchs Vorzimmer, da hörten wir lautes wütendes Geschrei. Das Stubenmädchen hatte vergessen, das Knopfloch für das Ordensband aufzutrennen. Das erforderte weitere zehn Minuten. Der Professor wetterte immer noch, während ich auf dem Vorplatz meine Großmutter ansah, die verloren war. Jeder Mensch ist sehr allein. Wir begaben uns nach Hause.

Die Sonne sank; sie entflammte eine endlose Mauer, an der unser Wagen entlang mußte, ehe er in die Straße kam, in der wir wohnten; auf der Mauer hob sich der Schatten, den das Abendlicht von Pferd und Wagen warf, von rötlichem Grunde schwarz ab, wie ein Leichenwagen auf einer Pompejanischen Terrakotta. Endlich kamen wir an. Ich ließ die Kranke unten an der Treppe im Vestibül sich setzen und ging hinauf, meine Mutter vorzubereiten. Ich sagte ihr, die Großmutter käme etwas leidend heim, es sei ihr schwindlig geworden. Schon bei meinen ersten Worten bekam das Gesicht meiner Mutter den Ausdruck äußerster Verzweiflung, einer Verzweiflung, in der doch schon etwas von Resignation lag: ich begriff, meine Mutter hielt sie seit vielen Jahren in sich bereit für einen ungewissen letzten Tag. Sie fragte mich nichts; wenn Bosheit die Leiden der andern gern übertreibt, so wollte ihre Liebe nicht zulassen, ihre Mutter könne schwer erkrankt sein, zumal an einer Krankheit, die den Geist in Mitleidenschaft ziehen kann. Mama erschauerte, ihr Gesicht weinte ohne Tränen, sie lief und sagte, man solle den Arzt holen, und als Françoise sich erkundigte, wer krank sei, konnte sie nicht antworten, die Stimme blieb ihr in der Kehle. Dann lief sie mit mir hinunter und unterdrückte das Schluchzen, das ihr Gesicht verzog. Meine Großmutter wartete unten auf dem Kanapee des Vestibüls, sobald sie uns aber hörte, richtete sie sich auf, stand und winkte heiter Mama mit der Hand. Ich hatte ihr den Kopf halb in eine weiße Spitzenmantille gehüllt; damit ihr nicht kalt werde auf der Treppe, hatte ich gesagt. Ich wollte nicht, daß meine Mutter gleich die Veränderung des Gesichtes, die Verzerrung des Mundes bemerke; meine Vorsicht war nutzlos; die Mutter näherte sich der Großmutter, küßte ihr die Hand, als wäre es die ihres Gottes, stützte sie, schob sie mit unendlicher Vorsicht zum Fahrstuhl – in ihrer Vorsicht lag neben der Furcht, ungeschickt zu sein und ihr weh zu tun, Demut dessen, der sich unwürdig fühlt, zu berühren, was ihm das Teuerste ist –, aber nicht einmal hob sie die Augen zu ihr, nicht einmal sah sie das Gesicht der Kranken an. Vielleicht wollte sie vermeiden, daß die Großmutter traurig werde bei dem Gedanken, ihr Anblick könne ihre Tochter beunruhigen. Vielleicht hatte sie Furcht vor einem zu starken Schmerz, dem sie sich nicht auszusetzen wagte. Vielleicht Ehrfurcht: sie glaubte, es sei ihr nicht erlaubt, pietätlos die Spuren einer Geistesschwächung auf dem verehrten Gesicht festzustellen. Vielleicht wollte sie für später das Bild des wirklichen Gesichtes ihrer Mutter unversehrt bewahren, strahlend von Geist und Güte. So kamen sie herauf, eine an der Seite der andern, meine Großmutter halb in ihrer Mantille verborgen, meine Mutter mit abgewendeten Augen.

Inzwischen war da jemand, dessen Augen nicht abließen von dem, was sie aus den veränderten Zügen der Großmutter, welche ihre Tochter nicht anzusehen wagte, erraten konnten, jemand, der einen verblüfften, indiskreten Blick voll schlimmer Vorbedeutung auf sie heftete: Françoise. Gewiß liebte sie meine Großmutter aufrichtig, war sogar enttäuscht, fast entrüstet gewesen, Mama so kalt zu sehen (für sie hätte sie weinend in die Arme ihrer Mutter sich werfen müssen), aber sie hatte eine gewisse Neigung, immer das Schlimmste ins Auge zu fassen, sie hatte von ihrer Kindheit her zwei Eigenheiten behalten, die sich auszuschließen scheinen, wenn sie aber zusammengehen, einander verstärken: die Unerzogenheit von Leuten aus dem Volk, die angesichts einer physischen Veränderung, welche sie aus Zartgefühl übersehen müßten, ihren Eindruck oder gar ihr schmerzliches Erschrecken nicht zu verbergen versuchen; und die Gefühlsroheit der Bäuerin, die den Libellen die Flügel ausreißt, bevor sie Gelegenheit hat, Hühnern den Hals umzudrehen, und schamlos ihr Interesse am Anblick des leidenden Fleisches sehen läßt.

Als die Großmutter dank Françoises Sorgsamkeit gut zu Bett gebracht war, bemerkte sie, daß sie schon viel leichter sprach, der kleine Riß oder die Überfüllung eines Gefäßes, welche die Urämie bewirkt hatte, war wohl sehr leicht gewesen. Da wollte sie Mama nicht im Stiche lassen, wollte ihrer Tochter in dem Schrecklichsten von allem, was sie je durchzumachen gehabt hatte, beistehen.

»Nun, mein Kind«, sagte sie und gab ihr die Hand – die andere behielt sie am Mund, um dadurch einer gewissen Schwierigkeit, die es ihr machte, manche Worte auszusprechen, eine anscheinend äußere Ursache zu geben – »deine Mutter tut dir wohl gar nicht leid! Du scheinst zu glauben, daß eine Magenverstimmung nicht unangenehm ist!«

Da senkten sich zum erstenmal die Augen meiner Mutter leidenschaftlich in die Augen der Großmutter – das übrige Gesicht wollten sie nicht sehen – und sie begann die Reihe der falschen Schwüre, die wir nicht halten können, mit den Worten:

»Mama, du wirst bald gesund sein, deine Tochter steht dir dafür.«

Und sie schloß ihre allerstärkste Liebe, ihr ganzes Wollen, daß ihre Mutter gesunde, in einen Kuß, vertraute ihm das alles an, gab ihm ihr Denken und ganzes Wesen bis an den Rand der Lippen mit und legte ihn demütig und fromm auf die geliebte Stirn nieder. Meine Großmutter klagte über eine Art Anschwemmung von Decken, die immer wieder von derselben Seite ihr linkes Bein bedrückte und nicht wegzubringen war. Sie machte sich nicht klar, daß der Grund dafür in ihr selbst lag (daher beschuldigte sie auch jeden Tag Françoise ungerechterweise, sie schüttele ihr Bett nicht gut auf). Mit einer Krampfbewegung warf sie von dieser Seite die ganze Flut der schaumigen feinen Wolldecken, die sich dort häuften, wie Sand von beständiger Flut in eine Bucht geschwemmt wird, bis diese schnell in einen Strand verwandelt ist (wenn man nicht einen Deich errichtet).

Meine Mutter und ich wollten nicht zugeben – Françoise deckte unsere Lüge schlau und rücksichtslos auf –, daß die Großmutter sehr krank sei, als hätte das Feinden, die sie doch gar nicht hatte, Vergnügen machen können, als wäre es liebevoller, zu finden, es gehe ihr eigentlich gar nicht so schlecht; aus dem gleichen instinktiven Gefühl hatte ich vermutet, Andrée beklage Albertine zu sehr, um sie sehr zu lieben. Solche Gefühlsphänomene Einzelner zeigen sich auch bei der Masse in großen Krisen. Bei einem Kriege spricht Einer, der sein Land nicht liebt, nicht schlecht von ihm, aber er hält es für verloren, beklagt es, sieht schwarz.

Françoise leistete uns durch ihre Fähigkeit, Schlaf zu entbehren und die härteste Arbeit zu verrichten, unendliche Dienste. Mußte man sie, wenn sie nach mehreren durchwachten Nächten sich schlafen gelegt hatte, eine Viertelstunde, nachdem sie eingeschlafen war, wieder rufen, so war sie glücklich, das Beschwerlichste tun zu können, als wäre es das Allereinfachste, und statt mürrisch zu werden, zeigte sie ein zufriedenes bescheidenes Gesicht. Nur wenn die Stunde der Messe oder des ersten Frühstücks kam, hätte meine Großmutter in den letzten Zügen liegen können, Françoise würde sich rechtzeitig davongemacht haben, um sich nicht zu verspäten. Sie konnte und wollte sich nicht durch ihren jungen Lakaien ersetzen lassen. Sicherlich hatte sie aus Combray eine sehr hohe Vorstellung von den Pflichten eines jeden gegen uns mitgebracht; sie hätte nicht geduldet, daß einer unserer Leute sich etwas »herausnehme« gegen uns; das hatte sie zu einer vornehmen, gebieterischen und erfolgreichen Erzieherin gemacht; den verdorbensten Dienstboten, die wir hatten, änderte und läuterte sie bald ihre Lebensauffassung: sie behielten sich nicht einmal mehr »den Sou vom Franken« und stürzten – so wenig dienstfertig sie bisher gewesen sein mochten – herbei, mir das kleinste Paket aus den Händen zu nehmen, nicht zu dulden, daß ich mich damit schleppe. Aber Françoise hatte in Combray auch die Gewohnheit angenommen – und nach Paris importiert –, keinerlei Hilfe bei der Arbeit ertragen zu können. Sich helfen zu lassen, kam ihr schimpflich vor; es sind Dienstboten wochenlang bei uns gewesen, ohne daß sie ihren Morgengruß erwiderte, sind sogar in Urlaub gegangen, ohne daß sie ihnen Adieu sagte – und sie errieten nicht, weshalb –, aus dem einfachen Grunde, weil sie einmal, als Françoise leidend war, etwas von ihrer Arbeit hatten übernehmen wollen. Und jetzt, da es der Großmutter so schlecht ging, sah Françoise mehr als je ihre Arbeit als ihr persönliches Recht an. An diesen Galatagen wollte sie ihre rechtmäßige Rolle sich nicht wegnehmen lassen. Ihren jungen Lakaien hatte sie ganz beiseite geschoben, er wußte nichts anzufangen; nicht genug, daß er mir nach Viktors Vorbild mein Schreibpapier vom Tisch nahm, er holte sich sogar Gedichtbücher aus meiner Bibliothek. Fast den halben Tag las er darin, teils aus Bewunderung für die Dichter, die sie verfaßt hatten, teils aber auch, um in der andern Hälfte seiner Zeit die Briefe, die er seinen Freunden im Dorf schrieb, mit Zitaten zu spicken. Ganz offenbar versprach er sich, das würde ihnen imponieren. Da aber folgerechtes Denken seine Stärke nicht war, so war er dazu gekommen, die Gedichte, die er in meiner Bibliothek fand, für allgemeinbekannt zu halten und zu meinen, es sei gang und gäbe, auf sie zurückzugreifen. Und wenn er nun seinen Bauern, auf deren Verblüffung er spekulierte, schrieb, mischte er Lamartineverse in seine eigenen Betrachtungen so selbstverständlich, wie er ›kommt Zeit, kommt Rat‹ oder auch nur ›Guten Tag‹ gesagt hätte.

Wegen ihrer Schmerzen erlaubte man meiner Großmutter, Morphium zu nehmen. Das beruhigte sie, vermehrte aber unglücklicherweise ihre Dosis Eiweiß. Die Schläge, die wir der Krankheit beibringen wollten, welche sich in der Großmutter eingenistet hatte, gingen fehl, trafen sie selbst, ihr armer Körper wurde vorgeschoben und bekam sie ab, worüber sie nur mit einem leisen Stöhnen klagte. Die Schmerzen, die wir ihr verursachten, wurden durch nichts, was wir ihr Gutes tun konnten, aufgewogen. Die rabiate Krankheit, die wir austilgen wollten, streiften wir kaum, verschärften sie höchstens und beschleunigten die Stunde, in der sie ihre Beute verschlingen sollte. An Tagen, da die Dosis Eiweiß zu stark wurde, verbot Cottard nach einigem Zögern das Morphium. Dieser unbedeutende, gewöhnliche Mensch besaß in den kurzen Augenblicken, in denen er überlegte, in denen er die Gefahren der einen oder andern Behandlung abwog, bis er sich für eine entschied, die Größe eines Feldherrn, der im übrigen Leben banal, aber ein großer Stratege ist und im gefährlichen Moment nach kurzer Überlegung sich für das militärisch Geratenste entscheidet und sagt: »Front nach Osten«. Vom medizinischen Standpunkt durfte man, so wenig Hoffnung bestand, der Urämiekrise ein Ziel zu setzen, die Niere nicht überanstrengen. Andrerseits wurden, wenn meine Großmutter kein Morphium hatte, ihre Schmerzen unerträglich; sie begann unablässig immer wieder eine bestimmte Bewegung, die sie, ohne zu stöhnen, kaum ausführen konnte: zum großen Teil ist Leiden eine Art Bedürfnis des Organismus, sich eines neuen Zustands, der ihn beunruhigt, bewußt zu werden und seine Empfindungsfähigkeit an diesen Zustand anzupassen. Man kann diesen Ursprung des Schmerzes erkennen bei Beschwerden, die im gegebenen Fall nicht für alle dieselben sind. In ein Zimmer, das ein Dunst von scharfem, durchdringendem Geruch erfüllt, werden zwei grobschlächtige Menschen eintreten und ruhig ihre Geschäfte erledigen, ein dritter, der zarter organisiert ist, wird sich unaufhörliche Unruhe anmerken lassen. Immer wieder werden seine Nüstern ängstlich den Geruch einziehen, den zu riechen er doch offenbar vermeiden sollte; statt dessen wird er jedesmal versuchen, ihn durch genaueres Kennenlernen seinen leidenden Geruchsnerven einzuverleiben. Damit hängt es gewiß zusammen, daß eine starke geistige Inanspruchnahme uns hindert, über Zahnweh zu klagen. Wenn meine Großmutter Schmerzen hatte, rann der Schweiß über ihre große malvenfarbene Stirn und verklebte die weißen Strähnen, und wenn sie glaubte, wir seien nicht im Zimmer, stieß sie Schreie aus: »Ach, entsetzlich!« Bemerkte sie jedoch, daß meine Mutter da war, bot sie sofort ihre ganze Energie auf, um aus ihrem Gesicht die Spuren des Schmerzes zu vertreiben, oder sie wiederholte dieselben Klagen, setzte aber Erklärungen hinzu, die dem, was meine Mutter mitangehört hatte, nachträglich einen andern Sinn gaben:

»Ach, Kind, es ist entsetzlich, bei dem schönen Sonnenschein liegen bleiben zu müssen, wenn man doch spazieren gehen möchte, ich weine vor Wut, daß ihr mich nicht aufstehen laßt«.

Aber den Jammer ihrer Blicke, den Schweiß ihrer Stirn, das krampfhafte, gleich wieder unterdrückte Zucken ihrer Glieder konnte sie nicht hindern.

»Es tut mir nichts weh, ich stöhne nur, weil ich schlecht liege, mein Haar ist in Unordnung, mir ist übel, ich habe mich an der Wand gestoßen«.

Meine Mutter saß zu Füßen des Bettes, festgenagelt an diesen Schmerz, und es war, als wollte sie mit ihrem Blick in die gequälte Stirn, in den Leib, der seine Pein verhehlte, eindringen und so den Schmerz fassen und wegnehmen. Sie sagte:

»Nein, Mütterchen, wir werden dich nicht so leiden lassen, man wird etwas finden, gedulde dich eine Sekunde, erlaubst du mir, dich zu küssen, ohne daß du dich bewegst?«

Und über das Bett gebeugt, mit wankenden Beinen und halb knieend – als hülfe Demut, daß das Gebet ihrer leidenschaftlichen Hingabe erhört werde –, neigte sie der Großmutter ihr ganzes Leben in ihrem Gesicht wie in einer Monstranz hin, in die leidenschaftliche, verzweifelte, holde Grübchen und Falten schmückend eingeschnitten waren, ob vom Meißel eines Kusses, eines Schluchzens oder Lächelns, konnte man nicht unterscheiden. Auch die Großmutter versuchte, ihr Gesicht Mama hinzustrecken. Es war sehr verändert: hätte sie die Kraft gehabt, auszugehen, man hätte sie gewiß nur an der Feder ihres Hutes erkannt. Als säße sie einem Bildhauer, bemühte sie sich sichtlich und mit einem Eifer, der sie von allem andern ablenkte, ihre Züge einem bestimmten Modell anzupassen, das wir nicht kannten. Diese Bildhauerarbeit ging ihrer Vollendung entgegen, das Gesicht meiner Großmutter hatte abgenommen und war dabei härter geworden. Die Adern, die es durchzogen, schienen nicht Marmoradern, sondern die eines rauheren Steines zu sein. Immer vorn übergebeugt durch Atemnot und zugleich durch Anspannung in sich selbst eingesunken, war ihr verwittertes, verkümmertes, grausig ausdrucksvolles Gesicht wie die primitive fast prähistorische Skulptur des rohen rötlich violetten verzweifelten Kopfes einer wilden Grabwächterin. Aber noch war das Werk nicht ganz vollendet. Und nachher mußte es zerbrochen werden und dann in das Grab – das sie mit bitterm Krampf so mühselig bewacht hatte – versinken. In einem der Augenblicke, wo man, nach einem volkstümlichen Ausdruck, mit dem Kopf durch die Wand möchte, befolgte man, da die Großmutter viel hustete und nieste, den Rat eines Verwandten, der behauptete, mit dem Spezialisten X sei man in drei Tagen außer Gefahr. Die Leute der Gesellschaft behaupten das von ihrem Arzt, und man glaubt ihnen, wie Françoise den Reklamen in Zeitungen glaubte. Der Spezialist erschien und hatte in seinem Besteck die Schnupfen all seiner Klienten, wie Äolus die Winde in seinem Schlauch hat. Meine Großmutter weigerte sich schlechtweg, sich untersuchen zulassen. Und da uns das vor dem Arzt, der sich umsonst herbemüht hatte, peinlich war, kamen wir seinem Wunsche entgegen, unsere verschiedenen Nasen zu besichtigen, denen eigentlich nichts fehlte. Doch, behauptete er, und ob Migräne oder Kolik, Herz- oder Zuckerkrankheit, es sei immer eine schlecht verstandene Nasenkrankheit. Zu jedem von uns sagte er: »Dies Näschen möcht ich mir gern wieder mal ansehen. Warten Sie nicht zu lange. Mit ein bißchen Brennen befrei ich Sie«. Wir dachten an etwas ganz andres. Doch fragten wir uns: »Befreien? Wovon«? Kurz, all unsere Nasen waren krank. Er täuschte sich nur, indem er die Krankheit in den gegenwärtigen Zeitpunkt verlegte. Denn schon am nächsten Tag hatten seine Untersuchung und sein provisorischer Verband ihre Wirkung getan. Jeder von uns hatte seinen Katarrh. Und als er dann auf der Straße meinem Vater, der heftig hustete, begegnete, lächelte er bei dem Gedanken, ein Unwissender könne das Übel seinem eigenen Eingreifen zuschreiben. Er hatte uns untersucht, als wir bereits krank waren.

 

Die Krankheit meiner Großmutter gab verschiedenen Leuten Anlaß, Übermaß oder Mangel an Sympathie kundzutun, was uns ebenso überraschte wie die Art Zufall, durch die das eine oder andere bestimmte Verkettungen von Umständen und sogar Freundschaft, welche wir nicht vermutet hätten, uns kundtat. Die Anteilnahme von Leuten, die immerzu sich zu erkundigen kamen, enthüllte uns den Ernst eines Leidens, das wir noch nicht genügend isoliert und von tausend schmerzlichen Eindrücken, die wir von meiner Großmutter bekamen, abgesondert hatten. Ihre Schwestern, denen telegraphiert worden war, verließen Combray nicht. Sie hatten einen Künstler entdeckt, der ihnen ausgezeichnete Kammermusik vorspielte; dabei gedachten sie, besser als am Krankenbett, Sammlung und schmerzliche Erbauung zu finden, die in der Form freilich befremdend wirkte. Frau Sazerat schrieb an Mama, aber wie jemand, dessen plötzlich aufgelöste Verlobung (die Auflösung war die Dreyfusaffaire) uns für immer von ihm getrennt hatte. Dafür kam Bergotte täglich auf mehrere Stunden zu mir.

Er hatte sich immer gern auf einige Zeit in einem Hause festgesetzt, wo er keine Kosten hatte. Ehemals, um dort ununterbrochen zu sprechen, jetzt, um lange schweigen zu dürfen, ohne daß man ihn zum Reden ermunterte. Denn er war sehr krank, die einen sagten, an Albuminurie wie meine Großmutter. Nach andern hatte er ein Geschwulst. Er wurde immer schwächer; nur mit Mühe konnte er unsere Treppe hinauf, mit noch größerer hinabsteigen. Obwohl er sich auf das Geländer stützte, strauchelte er oft, und ich glaube, er wäre ganz zu Hause geblieben, wenn er nicht gefürchtet hätte, die Möglichkeit und die Gewohnheit, auszugehen, gänzlich zu verlieren, er, der »Mann mit dem Knebelbart«, den ich vor noch nicht langer Zeit so munter gesehen hatte. Er konnte kaum sehen, und sogar Sprechen wurde ihm oft schwer.

Im Gegensatz dazu waren gleichzeitig seine Werke, die zur Zeit, als Frau Swann deren schüchterne Verbreitungsversuche patronisierte, nur wenigen Belesenen bekannt waren, in den Augen der Gesamtheit groß und wichtig geworden und hatten im großen Publikum eine außerordentliche Expansionskraft bekommen. Oft kommt es vor, daß ein Schriftsteller erst nach seinem Tode berühmt wird. Er aber wohnte lebend und während seiner langsamen Wanderschaft zum Tode der seiner Werke zum Ruhme bei. Ein toter Autor ist wenigstens ohne Mühsal berühmt. Der Glanz seines Namens bleibt an seinem Grabstein haften. Betäubt vom ewigen Schlaf, fühlt er nicht die Zudringlichkeit des Ruhmes. Aber für Bergotte hatte die Antithese noch nicht ganz ihre Vollendung bekommen. Er lebte noch genug, um an dem Lärm zu leiden. Erregte sich noch, wenn auch beschwerlich, während seine Werke, umherspringend wie Töchter, die man liebt, deren stürmische Jugend und lärmende Freuden einen aber ermüden, täglich neue Bewunderer bis an sein Bett heranbrachten.

Die Besuche, die er uns jetzt machte, kamen für mich ein paar Jahre zu spät, denn ich bewunderte ihn nicht mehr so sehr wie früher. Das steht nicht in Widerspruch mit dem Wachsen seines Ruhmes. Selten wird ein Werk ganz verstanden und setzt sich siegreich durch, ohne daß bereits im Geheimen das Werk eines anderen Schriftstellers bei einigen wählerischeren Geistern begonnen hätte, durch einen neuen Kult den alten, der schon nachläßt, zu ersetzen. In Bergottes Büchern, die ich oft wiederlas, waren die Sätze vor meinen Augen so klar wie meine eigenen Gedanken, die Möbel in meinem Zimmer und die Wagen auf der Straße. Alles war bequem darin zu sehen, wenn nicht so, wie man es immer gesehen hatte, doch wenigstens so, wie man gewöhnt war, es jetzt zu sehen. Nun hatte ein neuer Schriftsteller begonnen, Werke zu veröffentlichen, in denen die Beziehungen zwischen den Dingen ganz andere waren als die, welche sie für mich verbanden, und ich verstand fast nichts von dem, was er schrieb. Er sagte zum Beispiel: »Die Wasserleitungsröhren bewunderten den schönen Zustand der Straßen« (und das war leicht zu verstehen, ich glitt an diesen Straßen entlang), »die alle fünf Minuten von Briand und Claudel ausgingen«. Da verstand ich nicht mehr, weil ich den Namen einer Stadt erwartet hatte und den Namen einer Person gegeben bekam. Nur fühlte ich, nicht der Satz war schlecht gemacht, sondern ich war nicht stark und gewandt genug, um damit fertig zu werden. Ich setzte mich noch einmal in Schwung und half mit Füßen und Händen nach, um bis an die Stelle zu kommen, von der aus ich die neuen Beziehungen zwischen den Dingen sehen würde. Jedesmal, wenn ich fast bis in die Mitte des Satzes gekommen war, fiel ich zurück wie später beim Militär bei der sogenannten Portique. Nichtsdestoweniger bewunderte ich den neuen Schriftsteller, wie ein ungeschicktes Rind, das im Turnen Ungenügend bekommen hat, ein geschickteres Kind bewundert. Bergotte bewunderte ich von nun an weniger, seine Klarheit bekam etwas Unzureichendes für mich. Es gab eine Zeit, in der man auf Bildern die Dinge erkannte, wenn Fromentin, nicht aber, wenn Renoir sie malte.

Die Leute von Geschmack sagen uns heute, Renoir sei ein großer Maler des achtzehnten Jahrhunderts. Wenn sie das behaupten, vergessen sie die »Zeit«, vergessen, daß es selbst mitten im neunzehnten vieler Zeit bedurfte, bis man in Renoir den großen Künstler begrüßte. Um zur Anerkennung zu gelangen, geht der ursprüngliche Maler, der ursprüngliche Künstler zu Werk wie ein Augenarzt. Die Behandlung mit seiner Malerei oder seiner Prosa ist nicht immer angenehm. Ist sie fertig, so sagt uns der Arzt: Jetzt sehen Sie hin. Und siehe da, die Welt (die nicht einmal erschaffen worden ist, sondern so oft erschaffen wird, wie ein ursprünglicher Künstler auftritt) erscheint uns ganz anders als die frühere, aber vollkommen klar. Frauen gehen über die Straße, ganz andere als ehedem, denn es sind Renoirs, eben die Renoirs, in denen wir früher Frauen zu sehen uns geweigert hatten. Auch die Wagen sind Renoirs und Wasser und Himmel: Wir haben Lust, in einem Walde spazieren zu gehen, wie dieser da, der uns am ersten Tage alles andre, nur kein Wald schien, eher zum Beispiel ein Wandteppich mit zahlreichen Nuancen, aber gerade ohne die, welche Wäldern eignen. Da ist ein neues vergängliches Universum erschaffen worden. Es wird dauern bis zur nächsten geologischen Katastrophe, die ein neuer ursprünglicher Maler oder Schriftsteller auslösen wird.

Der, welcher Bergotte bei mir ersetzt hatte, war anstrengend für mich, nicht, weil die Beziehungen, die er herstellte, zusammenhangslos, sondern, weil ihr durchaus vollkommener Zusammenhang mir neu war. Daran, daß ich immer an demselben Punkt versagte, merkte ich, daß ich jedesmal wieder die gleiche Schwierigkeit zu überwinden hatte. Wenn ich dann aber, einmal von tausend Malen, dem Schriftsteller bis an das Ende seines Satzes folgen konnte, bekam ich immer etwas zu sehen, das so komisch, so wahr, so reizend war wie das, was ich früher in den Büchern Bergottes gefunden hatte, nur noch köstlicher. Es ist noch nicht so lange her, dachte ich, daß Bergotte mir eine solche Erneuerung der Welt, wie ich sie jetzt von seinem Nachfolger erwarte, gegeben hat. Und so kam ich zu der Frage, ob etwas Wahres sei an dem Unterschied, den wir immer zwischen der Kunst, die seit Homers Zeiten nicht weitergekommen sei, und der Wissenschaft mit ihren beständigen Fortschritten machen. Vielleicht glich darin die Kunst vielmehr der Wissenschaft; jeder neue ursprüngliche Schriftsteller schien mir weiter als der ihm voranging; und wer sagte mir, ob in zwanzig Jahren, wenn ich dem heute Neuen ohne Mühe folgen könne, nicht ein andrer käme, vor dem der jetzt Aktuelle Bergotte auf seinem Wege folgen würde.

Ich sprach diesem von dem neuen Schriftsteller. Er verleidete ihn mir, nicht etwa, weil er versicherte, seine Kunst sei roh, ohne Ernst und gehaltlos, sondern weil er erzählte, er habe ihn gesehen und er sehe Bloch zum Verwechseln ähnlich. Dies Bild fiel nun auf seine Seiten, und ich fühlte mich nicht mehr verpflichtet, um ein Verstehen mich zu bemühen. Daß Bergotte mir schlecht von ihm gesprochen hatte, war, glaub ich, weniger Neid auf seinen Mißerfolg als Unkenntnis seiner Werke. Er las fast nichts. Schon war der größte Teil seines Denkens von seinem Hirn in seine Bücher übergegangen. Er war geistig mager geworden, als habe man ihm die Bücher wegoperiert. Sein reproduktiver Instinkt verlockte ihn jetzt, da er beinah alles, was er dachte, aus sich herausgestellt hatte, nicht mehr zur Tätigkeit. Er führte das vegetative Leben eines Rekonvaleszenten, einer Wöchnerin; seine schönen Augen blieben unbewegt, staunten unbestimmt vor sich hin wie die Augen von einem Menschen, der am Strande des Meeres liegt und der in unbestimmter Träumerei jeder einzelnen kleinen Welle nachhängt. Es reute mich übrigens gar nicht, daß mir jetzt weniger daran lag, mit ihm zu sprechen, als das früher der Fall gewesen wäre. Er war ganz Gewohnheitsmensch, die einfachsten wie die kostspieligsten Gewohnheiten wurden ihm für eine bestimmte Zeitspanne unentbehrlich, wenn er sie einmal angenommen hatte. Weshalb er das erste Mal kam, weiß ich nicht, dann aber kam er jeden Tag einfach, weil er den Tag vorher gekommen war. Er kam zu uns ins Haus, wie er in ein Café gegangen wäre, damit man nicht zu ihm spreche und damit er – ganz selten einmal – sprechen könne; man hätte es so auslegen können, daß er an unserm Kummer teilnehme oder gerne mit mir zusammen sei, wenn man überhaupt etwas aus seinen täglichen Besuchen entnehmen wollte. Meiner Mutter waren sie nicht gleichgültig, alles, was sie als Aufmerksamkeit gegen ihre Kranke ansehen konnte, tat ihr wohl. Und so sagte sie jeden Tag zu mir: »Vergiß auch nicht, dich bei ihm zu bedanken.«

Wir bekamen – zarte frauliche Aufmerksamkeit, wie etwa die Erfrischungen, mit denen uns die Freundin eines Malers zwischen zwei Sitzungen aufwartet – als Gratisdreingabe zu den Besuchen ihres Gatten den Besuch von Frau Cottard. Sie bot uns ihre »Kammerfrau« an; wenn wir lieber einen männlichen Bedienten hätten, wollte sie für uns »ins Feld ziehn«; und als wir das abschlugen, sagte sie, sie hoffe, das sei von unserer Seite keine »Entziehung«, womit in ihrem Kreis der falsche Vorwand, mit dem man Einladungen abschlug, bezeichnet wurde. Sie versicherte uns, der Professor, der sonst nie zuhause von seinen Patienten spreche, sei über unsern Fall so traurig, als handele es sich um sie selber. Das wäre, wie man später sehen wird, wenn es auch wahr gewesen, zugleich sehr wenig und sehr viel gewesen von Seiten des untreusten und dankbarsten aller Gatten.

Ebenso nützlich, aber unendlich viel ergreifender durch ihre Art und Weise (eine Mischung höchster Intelligenz mit Großmut und glücklichstem Ausdruck) waren die Anerbietungen, die mir der Großherzog-Thronfolger von Luxembourg machte. Ich hatte ihn in Balbec kennengelernt, wo er eine seiner Tanten, die Prinzessin von Luxembourg, besuchte; damals war er erst Graf von Nassau. Einige Monate später hatte er die entzückende Tochter einer anderen Prinzessin von Luxembourg geheiratet, die als einzige Tochter eines Fürsten, dem eine große Mehlindustrie gehörte, ungeheuer reich war. Daraufhin hatte der Großherzog von Luxembourg, der keine Kinder hatte, und seinen Neffen Nassau sehr liebte, durch die Kammer genehmigen lassen, daß er zum Großherzog-Thronfolger erklärt wurde. Wie bei all solchen Heiraten war der Ursprung des Vermögens zugleich Hindernis und wirkende Ursache. Ich erinnerte mich dieses Grafen von Nassau als eines der bemerkenswertesten jungen Männer, denen ich begegnet war, schon damals zehrte an ihm eine düstere und unwiderstehliche Liebe zu seiner Verlobten. Die unzähligen Briefe, die er mir während der Krankheit meiner Großmutter schrieb, rührten mich sehr, und selbst Mama war gerührt und sagte, traurig ein Wort ihrer Mutter wiederholend, die Sévigné hätte nicht besser geschrieben.

Am sechsten Tag mußte Mama, um den Bitten meiner Großmutter zu gehorchen, sie eine Weile verlassen und so tun, als wolle sie sich ausruhen gehen. Mir wäre es lieb gewesen, daß Françoise solange bei der Großmutter bliebe, damit diese einschlafe. Trotz meiner inständigen Bitte verließ sie das Zimmer; sie liebte meine Großmutter; in ihrem hellsichtigen Pessimismus hielt sie sie für verloren. Sie hätte sie gern nach besten Kräften gepflegt. Aber man hatte gemeldet, es sei ein Elektrizitätsarbeiter gekommen, der schon seit langem in seinem Geschäfte arbeitete, er war ein Schwager seines Chefs und auch in unserm Hause sehr geachtet, wo er seit vielen Jahren arbeitete; besonders Jupien schätzte ihn. Man hatte diesen Arbeiter bestellt, bevor die Großmutter erkrankte. Mir schien, man hätte ihn wieder wegschicken oder warten lassen können. Aber das erlaubte Françoises Etikette nicht, das wäre von ihrer Seite unzart gegen den braven Mann gewesen, da kam der Zustand meiner Großmutter nicht mehr in Betracht. Als ich sie nach Verlauf einer Viertelstunde verzweifelt in der Küche suchte, fand ich sie mit ihm auf dem Vorplatz an der offenen Tür der Hintertreppe plaudern. Diese offene Tür hatte den Vorteil, daß man tun konnte, als verabschiede man sich gerade, wenn einer von uns hinzukam, und den Nachteil, schrecklichen Zug zu machen. Françoise trennte sich von dem Arbeiter, nicht ohne ihm noch einige Grüße zuzuschreien, die sie vergessen hatte für seine Frau und seinen Schwager ihm mitzugeben. Diese Aufmerksamkeiten nicht zu versäumen, gehörte in Combray zum guten Ton; Françoise übertrug das sogar auf die äußere Politik. Toren bilden sich ein, die großen Dimensionen sozialer Erscheinungen seien eine ausgezeichnete Gelegenheit, tiefer in die menschliche Seele einzudringen; sie sollten einsehen, daß sie vielmehr durch Eindringen in eine Individualität die Möglichkeit bekommen, solche Erscheinungen zu verstehen. Tausendmal hatte Françoise dem Gärtner von Combray wiederholt, der Krieg sei das sinnloseste Verbrechen und Leben das höchste von allen Gütern. Als dann aber der russisch-japanische Krieg ausbrach, war es ihr dem Zaren gegenüber peinlich, daß wir nicht in den Krieg gezogen waren, um den »armen Russen« zu helfen, »da man doch allianziert ist«, sagte sie. Sie fand das unfein gegen Nikolaus II, der immer »so gute Worte für uns« gehabt habe. So handelte sie auf Grund desselben Sittenkodex, der es ihr unmöglich machte, Jupien ein Glas Likör abzuschlagen, obwohl sie wußte, es werde »seine Verdauung verstimmen«, und sie hätte dieselbe Unschicklichkeit zu begehen gemeint wie Frankreich, als es Japan gegenüber neutral blieb, wenn sie sich nicht persönlich bei dem braven Elektrizitätsarbeiter entschuldigt hätte, der sich so große Umstände gemacht hatte.

Zum Glück wurden wir schnell Françoises Tochter los, die auf mehrere Wochen verreisen mußte. Neben den üblichen Ratschlägen, die man in Combray der Familie eines Kranken gab: »Warum haben Sie es nicht mit einer kleinen Reise versucht, Luftwechsel macht Appetit« und dergleichen, kam sie immer mit dem einzigen Gedanken, den sie sich in den Kopf gesetzt hatte und unermüdlich, so oft sie sich sehen ließ, wiederholte, wie um ihn auch den andern einzutrichtern: »Sie hätte sich von Anfang an radikal kurieren müssen«. Sie strich nicht eine Kur vor der andern heraus, ihr war nur darum zu tun, daß die Kur radikal sei. Françoise sah, daß man meiner Großmutter wenig Arzneien gab. Da diese nach ihrer Meinung einem nur den Magen ruinieren, war sie froh darüber, aber mehr noch empfand sie es als Demütigung. Sie hatte im Süden Vettern – verhältnismäßig reiche Leute –, deren Tochter in voller Jugendblüte erkrankt und mit dreiundzwanzig Jahren gestorben war; Jahre hindurch hatten die Eltern in Medikamenten, verschiedenen Doktoren, Pilgerschaften von einem Heilbad zum andern bis zum Tode der Tochter sich ruiniert. Das war in Françoises Augen eine Art Luxus bei diesen Verwandten, als ob sie Rennpferde oder ein Schloß gehabt hätten. Und sie selbst, so betrübt sie waren, hielten auf soviel Ausgaben mit einem gewissen Stolz. Sie hatten nichts mehr, vor allem nicht mehr ihr höchstes Gut, ihr Kind, und doch erzählten sie immer wieder gern, daß sie für ihre Tochter ebensoviel und mehr getan hätten als die reichsten Leute. Die ultravioletten Strahlen, mit denen das unglückliche Geschöpf Monate hindurch täglich mehrere Male durchleuchtet wurde, schmeichelten ihnen ganz besonders. Der Vater gefiel sich in der Glorie seines Schmerzes und sprach bisweilen von seiner Tochter geradezu wie von einem Opernstar, für den er sich ruiniert hätte. Für soviel Aufmachung war Françoise nicht unempfindlich. Die, welche die Krankheit meiner Großmutter umgab, kam ihr etwas ärmlich vor, gerade gut genug für eine Krankheit auf einem kleinen Provinztheater.

Es trat ein Moment ein, in dem die Urämie sich meiner Großmutter auf die Augen schlug. Mehrere Tage konnte sie gar nicht sehen. Ihre Augen waren aber nicht die einer Blinden, sie blieben sich gleich. Und daß sie nicht sah, begriff ich nur an der Seltsamkeit des Lächelns, mit dem sie einen begrüßte, sobald man die Tür öffnete, bis man ihre Hand ergriff, um ihr Guten Tag zu sagen; dies Lächeln begann zu früh und blieb stereotyp und starr an den Lippen haften, es war immer geradeaus gerichtet, um von allen Seiten gesehen werden zu können; es kam ihm ja kein Blick zu Hilfe, um es zu regulieren, ihm den rechten Augenblick und die Richtung zu weisen, es einzustellen, es, je nachdem der Eintretende Platz und Miene wechselte, zu variieren; so blieb es allein und ohne das Lächeln der Augen, das die Aufmerksamkeit des Besuchers etwas von ihm abgelenkt hätte, und in seinem Ungeschick bekam es eine übermäßige Bedeutung, es wirkte übertrieben liebenswürdig. Dann kehrte das Gesicht vollständig wieder, von den Augen ging das nomadische Leiden auf die Ohren über. Mehrere Tage war meine Großmutter taub. Und da sie Furcht hatte, durch das Eintreten von jemandem überrascht zu werden, wandte sie alle Augenblicke (obwohl ihr Bett an der Wand stand) den Kopf heftig der Tür zu. Aber ihr Hals bewegte sich dabei ungeschickt, denn man gewöhnt sich nicht in wenigen Tagen an die Sinnesübertragung, die nötig ist, um, wenn nicht die Geräusche zu sehen, so doch wenigstens mit den Augen zu hören. Endlich ließen die Schmerzen nach, aber die Sprechbeschwerden wuchsen. Man war gezwungen, meine Großmutter fast alles, was sie sagte, wiederholen zu lassen.

Jetzt fühlte meine Großmutter, daß man sie nicht mehr verstand, verzichtete darauf, auch nur ein Wort auszusprechen und blieb unbeweglich. Wenn sie mich bemerkte, fuhr sie auf, wie jemand, dem plötzlich die Luft ausgeht; sie wollte zu mir sprechen, brachte aber nur unverständliche Laute hervor. Da unterwarf sie sich ihrer Ohnmacht, ließ den Kopf sinken und streckte sich flach im Bett aus, das Gesicht ernst, marmorn, die Hände unbeweglich auf der Decke oder mit einem rein mechanischen Tun beschäftigt wie etwa, sich die Finger an dem Taschentuch zu trocknen. Sie wollte nicht denken. Dann begann bei ihr eine beständige Unruhe. Immer wieder verlangte sie aufzustehen. Aber man hinderte sie, so gut es ging, es zu tun, man fürchtete, sie könnte dabei sich ihrer Paralyse bewußt werden. Eines Tages hatte man sie einen Augenblick allein gelassen; da fand ich sie, wie sie aufrecht im Nachthemd versuchte, das Fenster zu öffnen.

Als man in Balbec einmal eine Witwe, die sich ins Wasser geworfen, gegen ihren Willen rettete, hatte sie (vielleicht in einem der Vorgefühle, die wir dem, wenn auch noch so dunklen, Geheimnis unseres organischen Lebens entnehmen, in welchem sich doch die Zukunft zu spiegeln scheint) mir gesagt, sie kenne nichts Grausameres, als eine Unglückliche dem Tod, den sie gewollt habe, zu entreißen und ihrem Martyrium zurückzugeben.

Wir konnten die Großmutter nur gerade noch festhalten, sie leistete meiner Mutter mit fast brutalem Ringen Widerstand, dann besiegt und mit Gewalt in einen Sessel gesetzt, hörte sie auf zu wollen, zu bedauern, ihr Gesicht wurde wieder empfindungsleer, und sorgsam nahm sie die Pelzfäden ab, die von einem Mantel, den sie übergeworfen hatte, an ihrem Hemde geblieben waren.

Ihr Blick wurde ganz anders, oft unruhig, kläglich, verstört, es war nicht mehr ihr Blick von früher, es war der mürrische Blick einer faselnden Greisin. Françoise fragte sie so oft, ob sie nicht frisiert werden wollte, bis sie sich einredete, der Wunsch käme von der Großmutter. Sie brachte Bürsten, Kämme, Eau de Cologne, einen Frisiermantel. Sie sagte: »Es kann Frau Amédée nicht anstrengen, daß ich sie kämme; so schwach einer ist, gekämmt kann er immer werden«. Das heißt, man ist nie so schwach, daß ein andrer, seinerseits, einen nicht kämmen könnte. Als ich aber eintrat, sah ich unter den grausamen Händen Françoises, die entzückt war, als wäre sie dabei, der Großmutter die Gesundheit wiederzugeben, und unter dem Jammer greiser Strähnen, die nicht die Kraft hatten, die Berührung mit dem Kamm zu ertragen, einen Kopf, der sich nicht halten konnte, wie man ihn stellte und unaufhörlich wieder abwärts taumelte, Schmerz und Erschöpfung lösten sich dabei ab. Ich fühlte, bald werde Françoise fertig sein, aber ich wagte nicht, diesen Augenblick zu beschleunigen und ihr zu sagen: »Genug« aus Furcht, daß sie mir ungehorsam werden könne. Dafür sprang ich aber dazwischen, als dann der ahnungslose Folterknecht nach einem Spiegel langte, damit die Großmutter feststellen könne, ob sie gut frisiert sei. Zum Glück konnte ich ihn ihr rechtzeitig entreißen, ehe die Großmutter, von der man aufmerksam immer die Spiegel ferngehalten hatte, aus Versehen ein Bild von sich bemerke, das sie sich nicht vorstellen konnte. Ach! als ich mich dann aber über sie beugte, die schöne Stirn zu küssen, die man so gequält hatte, da sah sie mich erstaunt, mißtrauisch, entrüstet an: sie hatte mich nicht erkannt.

Nach unserm Arzt war das ein Symptom wachsenden Blutandrangs zum Gehirn. Man mußte es freimachen.

Cottard zögerte. Françoise hoffte einen Augenblick, man werde Schröpfköpfe setzen. »Schröpfköpfe«, sagte sie und suchte in meinem Lexikon, um zu erfahren, wie sie eigentlich wirkten, aber sie fand das Wort nicht. Zu ihrer Enttäuschung versuchte Cottard es, ohne rechte Hoffnung, lieber mit Blutegeln. Als ich ein paar Stunden später bei meiner Großmutter eintrat, ringelten sich, an Nacken, Schläfen und Ohren ihr angesetzt, kleine schwarze Schlangen durch ihr blutiges Haar wie durch das der Meduse. Aber in ihrem bleichen, ruhig gewordenen, ganz unbewegten Gesicht sah ich groß offen, still und leuchtend ihre schönen Augen von früher (vielleicht standen sie bis zum Rande voller mit Geist als vor ihrer Krankheit, denn da sie nicht sprechen konnte, sich nicht regen durfte, vertraute sie ihren Augen allein ihr Denken an, das Denken, das bald einen maßlosen Raum in uns einnimmt, uns ungeahnte Schätze bietet, bald in ein Nichts zu zerrinnen scheint, um dann wieder wie durch Urzeugung zu erstehen dank ein paar Tropfen Blut, die man schröpft), ihre Augen sanft und flüssig wie Öl, in denen das Feuer wieder entfacht war, das nun vor der Kranken das wiedergewonnene Weltall erhellte. Ihre Ruhe war nicht mehr die Weisheit der Verzweiflung, sondern der Hoffnung. Sie begriff, es ging ihr besser, wollte vorsichtig sein, sich nicht bewegen, machte mir nur das Geschenk eines schönen Lächelns, damit ich wisse, sie fühle sich wohler, und drückte mir leise die Hand.

Ich wußte, wie sehr meine Großmutter sich vor dem Anblick gewisser Tiere und natürlich noch viel mehr vor ihrer Berührung ekelte. Ich wußte, sie ertrug die Blutegel in Anbetracht einer höheren Nützlichkeit. Daher brachte Françoise mich zur Verzweiflung, als sie nun, kichernd wie mit einem Kinde, das man zum Spielen veranlassen will, immer wieder zur Großmutter sagte: »Ach die Tierchen, die kleinen Tierchen, wie sie sich auf der gnädigen Frau tummeln«. Sie behandelte dabei obendrein unsere Kranke respektlos, als wäre sie kindisch geworden. Aber meine Großmutter, deren Gesicht die ruhige Tapferkeit eines Stoikers angenommen hatte, hörte gar nicht hin.

Als die Blutegel entfernt waren, wurde der Blutandrang leider gleich wieder viel stärker. Es überraschte mich, daß Françoise jetzt, da es der Großmutter so schlecht ging, alle Augenblicke verschwand. Sie hatte sich Trauerkleidung bestellt und wollte die Schneiderin nicht warten lassen. Im Leben der meisten Frauen läuft alles, selbst der größte Kummer, schließlich auf eine Anprobe hinaus.

Ein paar Tage später rief mich meine Mutter, während ich schlief, mitten in der Nacht. Mit der sanften Rücksicht, die Menschen, welche ein schwerer Schmerz bedrückt, in großen Momenten für die kleinen Ungelegenheiten der andern haben, sagte sie zu mir:

»Verzeih, daß ich dich aus dem Schlaf schrecke.«

»Ich habe nicht geschlafen«, antwortete ich im Aufwachen.

Das sagte ich in gutem Glauben. Die große Veränderung, die das Erwachen in uns bewirkt, besteht weniger darin, daß es uns ins helle Leben des Bewußtseins einführt, als darin, daß es uns die Erinnerung an das etwas gedämpfte Licht nimmt, in dem wie auf dem opalenen Grund der Gewässer der Geist ruhte. Die halbverschleierten Gedanken, auf denen wir eben noch dahinglitten, haben reichlich genug Bewegung in uns hervorgerufen, daß wir sie mit dem Wort Wachsein bezeichnen konnten. Dann aber stößt das Aufwachen auf eine Interferenz des Gedächtnisses. Kurz darauf nennen wir es Schlaf, weil wir uns seiner nicht mehr erinnern. Und wenn der glänzende Stern leuchtet, der im Augenblick des Erwachens hinter dem Schläfer seinen ganzen Schlaf bestrahlt, glaubt dieser einige Sekunden lang, daß es nicht Schlaf, sondern Wachen war; dieser Stern ist richtiger eine Sternschnuppe zu nennen, die mit ihrem Licht die trügerische Existenz, aber auch die Erscheinungen des Traumes wegträgt und nur dem, der erwacht ist, es erlaubt zu sagen: Ich habe geschlafen. Mit sehr sanfter Stimme, als fürchte sie mir wehzutun, fragte meine Mutter, ob es mich nicht zu sehr anstrengen würde aufzustehen; sie streichelte mir die Hände:

»Mein armes Rind, jetzt kannst du nur noch auf deinen Papa und deine Mama zählen.«

Wir traten in das Zimmer. Im Halbkreis über das Bett gekrümmt, war da ein anderes Wesen als meine Großmutter, eine Art Tier, das sich mit ihrem Haar ausstaffiert und auf ihre Laken gelegt hatte; das keuchte und ächzte und schüttelte die Decken mit seinen Krämpfen. Die Augenlider waren geschlossen, und mehr, weil sie schlecht schlossen, als weil sie aufgingen, ließen sie ein Stück verschleierten triefenden Augapfel sehen, in dem sich düster organisches Sehen und inneres Leiden widerspiegelten. Die Bewegungen dieses Wesens richteten sich nicht an uns, es sah uns nicht und kannte uns nicht. Aber wenn es nur noch ein Tier war, was sich da bewegte, wo war meine Großmutter? Man konnte allerdings die Form ihrer Nase erkennen, die jetzt zu dem übrigen Gesicht keine Proportion hatte, aber ein Schönheitsfleckchen haftete noch neben ihr, und ihre Hand konnte man erkennen, welche die Decken wegschob mit einer Gebärde, die früher bedeutet hätte, daß diese Decken sie störten, und die jetzt gar nichts bedeutete.

Mama bat mich, etwas Wasser und Essig zu holen, um die Stirn der Großmutter anzufeuchten. Es war das einzige, was sie erfrischen würde, meinte Mama, als sie sah, wie sie versuchte, die Haare wegzuschieben. Aber da wurde mir von der Tür gewinkt zu kommen. Die Neuigkeit, daß meine Großmutter in den letzten Zügen liege, hatte sich sofort im Hause verbreitet. Einer der Aushilfsdiener, die man in solchen Ausnahmezeiten kommen läßt, um den Dienstboten zu erlauben, sich von den Anstrengungen zu erholen – dadurch bekommen Agonien etwas von festlichen Gelegenheiten –, hatte dem Herzog von Guermantes geöffnet; der wartete nun im Vorzimmer und ließ mich herausbitten: ich konnte ihm nicht entgehen.

»Soeben höre ich die betrübliche Neuigkeit, mein lieber Herr. Ich wollte Ihrem Herrn Vater zum Zeichen des Mitgefühls die Hand drücken.«

Ich bat um Entschuldigung, da es schwierig sei, ihn in diesem Moment zu sprechen. Herr von Guermantes platzte herein wie in den Augenblick einer Abreise. Aber die Höflichkeit, die er uns erwies, kam ihm so wichtig vor, daß er alles Übrige nicht bemerkte, er wollte absolut in den Salon treten. Im Allgemeinen hatte er die Gewohnheit, auf die vollständige Ausführung der Formalitäten zu halten, mit denen jemanden zu beehren er sich entschlossen hatte, es kümmerte ihn wenig, ob das Gepäck fertig oder der Sarg bereit sei.

»Haben Sie Dieulafoy kommen lassen? Ach, das ist sehr unrecht. Hätten Sie mich nach ihm gefragt, er wäre mir zuliebe gekommen, mir schlägt er so etwas nicht ab, obwohl er der Herzogin von Chartres es abgeschlagen hat. Sie sehen, ich erlaube mir ungeniert, mich über eine Fürstin von Geblüt zu stellen. Übrigens sind wir vor dem Tod alle gleich.« Das setzte er hinzu, nicht um mich zu überzeugen, daß meine Großmutter jetzt seinesgleichen werde, sondern vielleicht aus dem Gefühl heraus, eine längere Unterhaltung über seinen Einfluß auf Dieulafoy und seinen Vorrang vor der Herzogin von Chartres könne etwas geschmacklos wirken.

Sein Rat wunderte mich, nebenbei bemerkt, nicht. Ich wußte, bei den Guermantes wurde Dieulafoys Name (nur mit ein wenig mehr Respekt) wie der eines konkurrenzlosen »Lieferanten« genannt. Und die alte Herzogin von Mortemart geborene Guermantes (weshalb man bei Herzoginnen fast immer die »alte Herzogin« sagt oder, wenn sie jung ist, im Gegensatz dazu mit einem feinen »Watteau«tonfall die »kleine Herzogin«, ist unverständlich) verkündete in schweren Fällen fast mechanisch und mit Augenzwinkern: »Dieulafoy, Dieulafoy«, wie sie »Poiré Blanche« empfahl, wenn man Gefrorenes, »Rebattet, Rebattet«, wenn man Petitsfours brauchte. Aber ich wußte nicht, daß mein Vater gerade Dieulafoy hatte kommen lassen.

In diesem Augenblick kam in das Vorzimmer meine Mutter, die ungeduldig auf die Sauerstoffbehälter wartete, die der Großmutter das Atmen erleichtern sollten, sie tat es ohne zu ahnen, sie werde dort Herrn von Guermantes finden. Am liebsten hätte ich ihn irgendwo versteckt. Da er aber überzeugt war, nichts sei so wichtig, nichts könne meiner Mutter mehr schmeicheln, nichts sei so unerläßlich, um ihm den Ruf eines vollendeten Edelmanns zu erhalten, zog er mich zu Mama hin und sagte, obwohl ich mich wie gegen eine Vergewaltigung verteidigte: »Wollen Sie mir die große Ehre erweisen, mich Ihrer Frau Mutter vorzustellen.« Für ihn war selbstverständlich die Ehre auf ihrer Seite, und deshalb konnte er auf seinem im Übrigen den Umständen angepaßten Gesicht ein Lächeln nicht unterdrücken. Mir blieb nichts andres übrig, ich mußte ihn vorstellen. Das löste bei ihm sofort Bücklinge und Kratzfüße aus, und er war schon dabei, die ganze Begrüßungszeremonie zu beginnen. Er dachte sogar daran, ein Gespräch anzuknüpfen, aber meine Mutter, die ganz in ihrem Schmerz versunken war, rief mir nur zu, ich solle schnell kommen, und antwortete gar nicht auf Herrn von Guermantes' Worte; er, der erwartete, als Besuch empfangen zu werden, und sich statt dessen im Vorzimmer stehengelassen fand, wäre schließlich gegangen, hätte er nicht gerade Saint-Loup eintreten sehen, der am Morgen eingetroffen war und kam, nach dem Befinden der Kranken sich zu erkundigen. »Das ist ja großartig«, rief der Herzog vergnügt, und packte seinen Neffen so heftig am Ärmel, daß er ihm den fast zerriß; die Gegenwart meiner Mutter, die noch einmal durch das Vorzimmer kam, genierte ihn nicht. Saint-Loup war es, glaube ich, trotz seines aufrichtigen Kummers nicht unangenehm, mich zu vermeiden, da er doch schlecht gegen mich gestimmt war. Er ging in der Gesellschaft seines Onkels, welcher ihn mit Beschlag belegte, weil er ihm etwas Wichtiges zu sagen hatte. Er wäre deshalb fast nach Doncières gereist und war nun außer sich vor Freude, solche Umstände erspart zu haben. »Hätte man mir gesagt, ich brauche nur über den Hof zu gehen und werde dich hier finden, ich hätte es für einen schlechten Witz gehalten; das ist nicht übel, wie dein Kamerad Herr Bloch sagen würde.« Er führte Robert, mit der Hand auf der Schulter, und während sie schon gingen, wiederholte er: »Gleichviel, man sieht wieder mal, ich habe den Strick des Gehängten berührt oder so ähnlich, ich habe fabelhaftes Schwein.« Schlecht erzogen war der Herzog von Guermantes nicht, im Gegenteil. Aber er gehörte zu den Leuten, die sich nicht in Andre hineinversetzen können, zu denen, die damit den meisten Ärzten sowie den Leichenträgern gleichen: sie machen erst ein Gesicht, wie es den Umständen angemessen ist, und sagen: »Ja, das sind sehr schmerzliche Augenblicke«, nötigenfalls umarmen sie einen auch noch und empfehlen Ruhe, im übrigen aber ist für sie ein Todesfall oder ein Begräbnis nur eine Gesellschaft in größerem oder kleinerem Kreis, in welcher sie mit Munterkeit, die nur für einen Augenblick gebändigt wird, sich nach jemandem umschauen, mit dem sie von ihren kleinen Angelegenheiten sprechen können, der sie einem andern vorstellen soll, oder dem sie einen Platz in ihrem Wagen anbieten, um ihn nach Hause zu bringen. So sehr sich der Herzog von Guermantes zu dem »guten Wind« beglückwünschte, der ihn seinem Neffen in die Arme getrieben hatte, er blieb doch erstaunt über die – so ganz natürliche – Art, wie meine Mutter ihn empfangen hatte, und erklärte später, sie sei genau so unangenehm wie mein Vater höflich, sie leide an zeitweiser »Geistesabwesenheit«, während der sie nicht höre, was man ihr sage, seines Erachtens sei bei ihr nicht alles in Ordnung, vielleicht sei sie nicht ganz richtig im Kopfe. Immerhin wollte er, wie man mir sagte, ihr Verhalten zum Teil den Umständen zuschreiben, meine Mutter sei offenbar von dem Ereignis »affiziert« gewesen. Aber er hatte noch in den Beinen den ganzen Rest von Bücklingen und Reverenzen, die man ihn nicht hatte enden lassen, und machte sich auch gar keine Vorstellung von Mamas Kummer, fragte er doch am Tage vor dem Begräbnis, ob ich nicht versuche, sie zu zerstreuen.

Ein Schwager meiner Großmutter, der Geistlicher war, – ich kannte ihn nicht – telegraphierte nach Österreich, wo der Prior seines Ordens war, erhielt durch besondere Vergünstigung die erbetene Erlaubnis und traf an diesem Tage ein. Tief betrübt, las er neben dem Bett Gebet- und Erbauungstexte, ohne dabei seine Stecknadelaugen von der Kranken abzuwenden. In einem Augenblick, als meine Großmutter ohne Bewußtsein war, tat mir der Anblick der Traurigkeit dieses Priesters weh, und ich blickte ihn an. Er schien überrascht von meinem Mitleid, und da ereignete sich etwas Sonderbares. Er legte die Hände zusammen über das Gesicht wie ein in schmerzliche Meditation versunkener Mensch; da er sich aber dachte, daß ich die Augen von ihm abwenden werde, hatte er, wie ich sah, einen kleinen Spalt zwischen den Fingern offen gelassen. Und sobald meine Blicke ihn verließen, merkte ich, wie sein scharfes Auge den Schlupfwinkel zwischen seinen Händen benutzte, um zu beobachten, ob mein Schmerz aufrichtig sei. Er lag im Hinterhalte wie im Dunkel eines Beichtstuhls. Er bemerkte, daß ich ihn sah, und gleich schloß er hermetisch das Gitter, das er ein wenig aufgelassen hatte. Ich habe ihn später wiedergesehen, aber nie war zwischen uns die Rede von jener Minute. Es bestand unter uns eine schweigende Übereinkunft, daß ich nicht bemerkt habe, er spähe nach mir. Am Priester wie am Irrenarzt ist immer etwas vom Untersuchungsrichter. Auch mit dem besten Freunde hat man übrigens einmal Minuten zusammen erlebt, von denen man später aus Bequemlichkeit lieber annimmt, er habe sie wohl vergessen.

Der Arzt machte eine Morphiumeinspritzung und ließ, um das Atmen weniger beschwerlich zu machen, Sauerstoffflaschen kommen. Meine Mutter, der Doktor, die Schwester hielten sie in ihren Händen; war eine geleert, reichte man ihnen eine zweite. Ich hatte einen Augenblick das Zimmer verlassen. Als ich wiederkam, stand ich vor einem Wunder. Von gedämpftem Murmeln begleitet, schien meine Großmutter uns ein langes glückseliges Lied vorzusingen, das rasch das Zimmer mit Musik erfüllte. Bald begriff ich, es war ebenso unbewußt, ebenso rein mechanisch wie vorhin das Röcheln. Vielleicht reflektierte es in schwachem Maßstab ein Wohlbefinden, welches das Morphium eingegeben hatte. Es ergab sich vor allem, da die Luft nicht mehr in derselben Weise durch die Bronchien ging, aus einem Registerwechsel in der Atmung. Durch die doppelte Wirkung von Sauerstoff und Morphium freigemacht, stöhnte der Atem meiner Großmutter nicht mehr qualvoll, sondern glitt lebhaft und leicht wie auf Schlittschuhen dem köstlichen Fluidum zu. Vielleicht vermischten sich dem Hauch, der selbst gefühllos war wie der Wind in der Flöte des Schilfrohrs, in diesem Singen menschlichere Seufzer, die durch die Nähe des Todes frei wurden und an Empfindungen von Schmerz und Lust bei denen glauben lassen, die schon nicht mehr fühlen, und vielleicht kam von ihnen ein melodischerer Akzent, ohne den Rhythmus zu verändern, in den langen Tonsatz, der aus der befreiten Brust dem Sauerstoff nacheilte, sich hob, stieg und fiel, um wieder sich aufzuschwingen. Auf der Höhe angelangt und mit aller Kraft ausgehalten, schien der Gesang, in den sich ein Murmeln lustvollen Flehens mischte, bisweilen ganz aufzuhören, wie eine Quelle versiegt.

Wenn Françoise einen großen Kummer hatte, fühlte sie das unnötige Bedürfnis, besaß aber nicht die einfache Kunst, ihn auszudrücken. Da sie jetzt die Großmutter für ganz verloren hielt, mußte sie uns ihre eignen Eindrücke durchaus mitteilen. Sie konnte aber nur immer wiederholen: »Das geht mir durch und durch« in demselben Ton, wie sie, wenn sie zu viel Kohlsuppe gegessen hatte, sagte: »Das liegt mir schwer im Magen«, was in beiden Fällen natürlicher war, als sie zu glauben schien. Schwach wiedergegeben, war ihr Kummer darum nicht weniger stark, und wurde noch verstärkt durch den Verdruß, daß ihre Tochter in Combray festgehalten war (das nannte die junge Pariserin jetzt »Krähwinkel« und fühlte sich dort »verbauern«) und wahrscheinlich nicht zur Totenfeier kommen konnte, von der sich Françoise Gewaltiges erwartete. Da sie wußte, wir neigten nicht sehr zum Herzausschütten, hatte sie auf alle Fälle Jupien für sämtliche Abende der Woche bestellt. Sie wußte, er würde zur Stunde des Begräbnisses nicht frei sein. Sie wollte ihm wenigstens nachher alles »erzählen«.

Seit mehreren Nächten wachten mein Vater, mein Großvater und einer unserer Vettern und verließen nicht mehr das Haus. Ihre beständige Aufopferung bekam schließlich eine Maske von Gleichgültigkeit, und in der endlosen Muße rings um diese Agonie führten sie Gespräche, wie sie auf einer längeren Bahnfahrt unvermeidlich sind. Übrigens war mir dieser Vetter (der Neffe meiner Großtante) in demselben Maße unsympathisch, als er die allgemeine Achtung hatte und verdiente.

In ernsten Fällen war er immer da und entwickelte um die Sterbenden solchen Eifer, daß die Familien, die von ihm sagten, er sei von zarter Gesundheit (trotz seiner robusten Erscheinung, seiner Baßstimme und seines Feuerwehrmannbartes) mit der üblichen Umständlichkeit ihn beschworen, nicht zum Begräbnis zu kommen. Ich wußte schon im voraus, Mama, die mitten im tiefsten Schmerz an die anderen dachte, würde ihm, was er gewohnt war zu hören, in ganz anderer Form sagen:

»Versprechen Sie mir, daß Sie morgen nicht kommen werden. Tun Sie es für »sie«. Gehen Sie wenigstens nicht mit »dahin«. Sie hat Sie gebeten, nicht zu kommen«.

Nichts half; er war immer der erste im »Haus«, weshalb man ihm in einem andern Kreise einen Beinamen gegeben hatte, den wir nicht kannten, man nannte ihn die »verbetene Blumenspende«. Bevor er zu »allem« hinging, hatte er auch an »alles gedacht«, daher bekam er oft zuhören: »Ihnen sagt man ja gar nicht danke«.

»Was?« fragte mit lauter Stimme mein Großvater, der ein wenig taub geworden war und etwas, das mein Vetter zu meinem Vater gesagt, nicht verstanden hatte.

»Nichts«, antwortete mein Vetter. »Ich sagte nur, ich habe heute morgen einen Brief aus Combray bekommen, wo furchtbares Wetter ist, und hier brennt die Sonne«.

»Dabei steht das Barometer ganz tief«, sagte mein Vater.

»Wo, sagen Sie, ist schlechtes Wetter?« fragte mein Großvater.

»In Combray«.

»Das wundert mich nicht. Immer wenn es hier schlecht ist, ist es in Combray schön und umgekehrt. Mein Gott! Da Sie gerade von Combray sprechen, hat man daran gedacht, Legrandin zu benachrichtigen?«

»Ja, machen Sie sich keine Sorge, ist geschehen«, sagte mein Vetter, und über seine Backen, die von dem zu starken Bart bronziert waren, ging ein unmerkliches Lächeln der Genugtuung, weil er daran gedacht hatte.

In diesem Augenblick stürzte mein Vater fort; ich dachte, es ginge besser oder schlechter. Aber es war nur der Doktor Dieulafoy gekommen. Mein Vater ging in den Salon nebenan, ihn zu empfangen, wie den Schauspieler, der auftreten soll. Man hatte ihn kommen lassen, nicht um zu behandeln, sondern um zu konstatieren, als eine Art Notar. Doktor Dieulafoy mag in der Tat ein großer Arzt, ein bedeutender Gelehrter gewesen sein; zu den verschiedenen Rollen aber, in denen er sich auszeichnete, kam eine, in welcher er vierzig Jahre hindurch ohne Nebenbuhler war, eine Rolle so originell wie der »Raisonneur«, der Bramarbas, der Heldenvater, sie bestand darin, daß er Agonie und Tod konstatieren kam. In seinem Namen lag schon die Würde, mit der er seine Aufgabe erfüllen sollte, und wenn das Mädchen meldete: Herr Dieulafoy, so war man wie im Theater. Zu seiner würdigen Haltung gesellte sich, ohne daß er sie betonte, die Eleganz seines schönen Wuchses. Das Auffallende seines an sich zu schönen Gesichtes wurde durch Anpassung an die schmerzlichen Umstände gemildert. In seinem vornehmen schwarzen Gehrock trat der Professor mit trauervollem Ernst, an dem aber nichts Affektiertes war, ein, er gab kein Zeichen von Beileid, das unwahr hätte wirken können, und beging nicht den geringsten Taktfehler. Am Fuß eines Sterbebettes war er, und nicht der Herzog von Guermantes, der Grandseigneur. Nachdem er meine Großmutter, ohne sie zu ermüden, mit einem Übermaß an Zurückhaltung (aus Höflichkeit gegen den behandelnden Arzt) betrachtet hatte, sagte er mit leiser Stimme einige Worte zu meinem Vater und verneigte sich ehrerbietig vor meiner Mutter (ich fühlte, wie mein Vater sich zurückhielt, um ihr nicht zu sagen: »Professor Dieulafoy«). Dieser aber hatte schon den Kopf gewandt, wollte nicht lästig fallen und entfernte sich in bester Form, wobei er das versiegelte Kuvert unauffällig in Empfang nahm, das man ihm übergab. Er schien es gar nicht zu sehen, und wir fragten uns einen Augenblick, ob wir es ihm auch wirklich gegeben hätten, mit solcher Taschenspielergewandtheit ließ er es verschwinden, ohne dabei etwas von der eher noch zunehmenden Würde des großen Arztes im langen Gehrock mit Seidenaufschlägen und mit dem schönen vornehm mitleidenden Kopf einzubüßen. Gelassen und lebhaft zugleich zeigte er: wenn ihn auch noch hundert Besuche erwarteten, es sollte nicht aussehen, als sei er in Eile. Denn er war der Takt, das Verstehen und die Güte selbst. Dieser hervorragende Mann ist nicht mehr. Andere Ärzte, andre Professoren haben es ihm gleichtun, ihn vielleicht übertreffen können. Aber das »Amt«, in dem sein Wissen, seine körperlichen Vorzüge, seine hohe Erziehung ihn triumphieren ließen, existiert in Ermangelung von Nachfolgern, die es hätten übernehmen können, nicht mehr. Mama hatte Herrn Dieulafoy überhaupt nicht bemerkt, alles, was nicht meine Großmutter war, existierte jetzt nicht für sie. Ich erinnere mich (hier greife ich vor), auf dem Kirchhof, wo sie wie eine übernatürliche Erscheinung dem Grabe sich schüchtern näherte und einem entflohenen Wesen, das schon weit von ihr war, nachzublicken schien, sagte mein Vater zu ihr: »Der alte Norpois ist bei uns gewesenen der Kirche und auf dem Kirchhof, er hat einen für ihn sehr wichtigen Gang versäumt, du müßtest ihm ein paar Worte sagen, er würde sehr empfänglich dafür sein«, aber als sich dann der Botschafter vor ihr verneigte, konnte meine Mutter nur sanft ihr tränenleeres Gesicht senken. Zwei Tage vorher – um noch einmal vorzugreifen, ehe ich zu dem Bett, in dem die Kranke in den letzten Zügen lag, zurückkehre – sagte, während man bei der Toten wachte, Françoise, die Geister nicht unbedingt leugnete und bei dem kleinsten Geräusch zusammenfuhr: »Ich glaube, das war sie«. Statt sie zu erschrecken, taten diese Worte meiner Mutter unsagbar wohl, sie wünschte nichts sehnlicher, als daß die Toten wiederkehren, damit sie bisweilen ihre Mutter bei sich habe.

Um zur Sterbestunde zurückzukehren: mein Vater fragte meinen Vetter: »Wissen Sie, was ihre Schwestern uns telegraphiert haben?«

»Ja: ›Beethoven‹, man hat mirs gesagt, es ist zum Einrahmen, wundert mich nicht.«

»Und meine arme Frau hat sie so geliebt«, sagte mein Großvater und trocknete eine Träne ab. »Man muß es ihnen nicht verübeln, sie sind total verrückt, ich habe es immer gesagt. Was ist? Man gibt nicht mehr Sauerstoff?«

Meine Mutter sagte:

»Aber dann wird Mama wieder schlecht atmen.«

Der Arzt antwortete:

»Oh, nein, die Wirkung des Sauerstoffs wird noch eine ganze Weile dauern, gleich fangen wir wieder an.«

Mir schien, in Bezug auf eine Sterbende hätte man das nicht gesagt, und wenn die gute Wirkung dauern sollte, konnte man also etwas für ihr Leben tun. Das Zischen des Sauerstoffs hörte für einige Augenblicke auf. Aber die glückselige Klage des Atmens stieg immer noch empor, leicht, erregt und unvollendet und beständig von neuem einsetzend. Zeitweise schien alles zu ende, der Hauch stand still, vielleicht nur durch einen Oktavenwechsel wie beim Atmen eines Schläfers, vielleicht durch eine natürliche Intermittenz, Wirkung der Anästhesie, Fortschreiten der Erstickung oder Aussetzen des Herzens. Der Arzt faßte wieder nach dem Puls meiner Großmutter, aber als bringe ein Nebenfluß dem versiegenden Strom seinen Tribut herbei, mündete der Gesang schon wieder bei der unterbrochenen Passage ein. Und diese ging in einer andern Stimmlage mit demselben unerschöpflichen Schwunge weiter. Wer weiß, ob nicht, ohne daß es meiner Großmutter bewußt wurde, viele Glücks- und Liebesregungen, die das Leiden unterdrückt hatte, jetzt von ihr ausströmten, wie leichtere Gase, die man lange zurückgedrängt hat. Es war so, als ergösse sich nun alles, was sie uns zu sagen hatte, als richte sie an uns dieses nicht enden wollend innig Überströmende. Am Fuß des Bettes krümmte sich meine Mutter unter all den Stürmen dieser Agonie, sie weinte nicht, aber bisweilen war sie in Tränen, sie war in gedankenloser Verzweiflung wie Laub, das Regen peitscht und Wind dreht. Man ließ mich meine Augen trocknen, bevor ich hinging, die Großmutter zu küssen.

»Ich glaubte, sie sieht nicht mehr«, sagte mein Vater.

»Man kann nie wissen«, antwortete der Doktor.

Als meine Lippen sie berührten, bewegten sich die Hände meiner Großmutter, und ein langer Schauer durchlief sie ganz, ob es nur ein Reflex war oder ob gewisse Gefühle in ihrer Hyperästhesie durch die Schleier des Unbewußten hindurcherkennen, was zu lieben sie der Sinne fast nicht bedürfen. Plötzlich richtete sich meine Großmutter halb auf und machte eine heftige Anstrengung wie jemand, der sein Leben verteidigt. Françoise konnte diesen Anblick nicht aushalten und schluchzte auf. Mir fiel ein, was der Doktor mir gesagt hatte, und ich wollte sie aus dem Zimmer entfernen. Da öffnete meine Großmutter die Augen. Ich stürzte mich auf Françoise, um ihr Jammern zu verbergen, während meine Eltern zu der Kranken sprachen. Das Geräusch des Sauerstoffs war verstummt, der Arzt entfernte sich von dem Bett. Meine Großmutter war tot.

Ein paar Stunden später konnte Françoise zum letzten Mal und jetzt, ohne wehezutun, das schöne Haar kämmen, das erst anfing zu ergrauen und bisher jünger gewirkt hatte als das Gesicht. Jetzt aber setzte gerade das Haar die Krone des Alters auf das wieder junggewordene Antlitz, aus dem die Runzeln verschwunden waren mit allem, was Jahre des Leidens Krampfhaftes, Geschwollenes, Gezerrtes, Verbogenes hineingetan hatten. Wie zur Zeit, da ihre Eltern ihr einen Gatten gewählt hatten, zeichneten Reinheit und Ergebenheit ihre zarten Züge, ihre Wangen leuchteten von keuscher Hoffnung, geträumtem Glück, ja einer unschuldigen Heiterkeit, wie sie die Jahre nach und nach zerstört hatten. Das Leben entführte im Entweichen auch die Enttäuschungen des Lebens. Ein Lächeln schien auf den Lippen meiner Großmutter zu liegen. Auf das Sterbebett hatte der Tod sie wie ein Bildhauer des Mittelalters in der Erscheinung eines jungen Mädchens hingestreckt.

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