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Die Herrin des Großen Hauses

Jack London: Die Herrin des Großen Hauses - Kapitel 8
Quellenangabe
authorJack London
titleDie Herrin des Großen Hauses
publisherUniversitas. Deutsche Verlags-Aktiengesellschaft
yearo.J.
firstpub1929
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Weisen vom Madroñohain waren zum Essen gekommen, und das Gespräch drehte sich um Frauen und Liebe.

»Leo, wie ist es möglich, daß eine Frau den Mann liebt, der sie prügelt?« fragte Dar Hyal.

»Und den Mann nicht liebt, der sie nicht prügelt?« parierte Leo.

»Eben.«

»Nun ja, Dar. Ein Mann, der die Frau, die er liebt, prügelt, ist ein Mann von tiefstehendem Typ. Eine Frau, die den Mann liebt, der sie prügelt, ist ein Weib von tiefstehendem Typ. Kein Mann von hochstehendem Typ prügelt die Frau, die er liebt. Kein Weib von hochstehendem Typ« – und unbewußt suchte sein Blick wieder Paula – »könnte einen Mann lieben, der sie prügelt.«

»Nein, Leo«, sagte Dick. »Ich versichere Ihnen, daß ich Paula nie geprügelt habe.«

»Dar, siehst du, daß du unrecht hast,«fuhr Leo mit flammenden Augen fort. »Paula liebt Dick, ohne daß er sie prügelt.«

Dick wandte sich zu Paula, scheinbar mit einem vergnügten, wohlwollenden Lächeln, als wollte er ihre Zustimmung zu den Worten des jungen Mannes hören; was er aber in Wirklichkeit erspähen wollte, war die Wirkung, die die Worte auf sie ausübten. In Paulas Augen sah er einen seltsamen Schimmer. Grahams Gesicht sagte nicht das geringste, wenigstens war keine Veränderung des gespannten Ausdrucks zu bemerken, der die ganze Zeit darin gewesen war.

»Die Frau hat heute abend wirklich ihren St. Georg hier gefunden,« sagte Graham anerkennend. »Leo, Sie beschämen mich. Ich sitze ruhig dabei, während Sie mit drei Drachen kämpfen.«

»Laßt den Drachen erst brüllen,« warf Hancock dazwischen. »Leo, bei allem Schönen und Liebenswerten frage ich dich: Warum töten verliebte Männer so oft aus Eifersucht die Frau, die sie lieben?«

»Weil sie leiden, weil sie von Sinnen sind,« lautete die Antwort, »und weil sie das Unglück haben, eine Frau zu lieben, die so tief steht, daß sie sie eifersüchtig machen konnte.«

»Aber Leo, Liebe gerät zuweilen auf Abwege,« warf Dick ein. »Ihre Antwort ist nicht ausreichend.«

»Dick hat recht«, sagte Terrence. »Und ich will dir helfen, so gut ich kann. Die Liebe gerät zuweilen auf Abwege, selbst bei Leuten vom höchsten Typ, und wenn sie es tut, so kommt gleich das grünäugige Ungeheuer anmarschiert. Gesetzt, die vollkommenste Frau, die du dir denken kannst, liebte einen Mann nicht mehr, der sie nicht prügelte, und verliebte sich in einen anderen Mann, der sie liebte und nicht prügeln würde. Was dann? Alle drei sind sie vom höchsten Typ. Beachte das wohl. Nun zieh' dein Schwert und geh' auf die Drachen los.«

»Der erste Mann wird sie weder töten, noch ihr sonstwie etwas antun«, beharrte Leo eigensinnig. »Denn wenn er es täte, wäre er nicht der Mann, den du beschreibst.«

»Sie meinen, er würde sich zurückziehen?« fragte Dick und tat gleichzeitig, als wäre er sehr von seiner Zigarette in Anspruch genommen, so daß er keinen anzusehen brauchte.

Leo nickte ernsthaft.

»Er würde sich zurückziehen, ihr die Wege ebnen und sehr schonend mit ihr verfahren.«

»Laßt uns einen bestimmten, naheliegenden Fall nehmen,« sagte Hancock. »Gesetzt, du wärest in Frau Forrest verliebt und Frau Forrest in dich, und ihr gingt zusammen in dem großen Auto durch –«

»Aber das würde ich nie tun«, rief der junge Mann heftig mit brennenden Wangen.

»Sie sind nicht gerade höflich, Leo«, ermutigte Paula ihn.

»Es ist ja nur hypothetisch«, meinte Hancock.

Es war ihr peinlich, die Verlegenheit des jungen Mannes zu sehen. Seine Stimme zitterte, aber er wandte sich tapfer zu Dick und sagte:

»Das ist eine Frage, die Dick beantworten muß.«

»Und ich will sie beantworten«, sagte Dick. »Ich würde Paula nicht erschlagen, ich würde auch Sie nicht erschlagen, Leo. Das wäre kein ehrliches Spiel. Was ich auch in meinem Herzen fühlte, so würde ich sagen: ›Gott segne euch, Kinder.‹ Aber deshalb –« er hielt inne, und die Lachfältchen in seinen Augenwinkeln zeigten, daß es jetzt mit dem Ernst vorbei war, »aber deshalb würde ich mir doch vielleicht sagen: Es war sehr dumm von Leo. Denn seht ihr, er kennt Paula nicht.«

Dar Hyal und Hancock stürzten sich auf Dick.

»Was meinen Sie mit ehrlichem Spiel?« fragte Dar Hyal.

»Was ich sagte, und was Leo sagte«, antwortete Dick, und er wußte, daß alle Zerstreutheit und Nervosität Paulas verschwunden war, und daß sie gespannt auf die Antwort wartete. »Meiner Denkart und meinem ganzen Temperament nach wäre das furchtbarste seelische Leid, das ich mir denken könnte, eine Frau zu küssen, die sich meine Küsse nur gefallen ließe.«

»Aber gesetzt, sie narrt Sie, – sagen wir, aus alter Liebe, oder weil sie Sie nicht kränken will oder Sie ihr leid tun«, warf Hancock ein.

»Das wäre für mich eine Sünde, für die es keine Verzeihung gibt«, lautete die Antwort Dicks. »Das hieße kein ehrliches Spiel spielen, – soweit es sie betrifft. Ich kann mir nicht denken, daß es richtig wäre oder Befriedigung brächte, die Frau, die man liebt, auch nur einen einzigen Augenblick länger zu halten, als sie es wünscht. Leo hat vollkommen recht. Der betrunkene Arbeiter kann mit seinen Fäusten bei seiner schlaffen Ehehälfte Liebe erwecken und Liebe erhalten. Aber die höherstehenden, männlichen Geschöpfe, die auch nur einen Schatten von Vernunft und einen Schimmer von Geist haben, könnten nicht Hand an die Liebe legen.«

»Aber was wird dann aus der monogamen Eheeinrichtung, auf die die westliche Zivilisation so stolz ist?« fragte Dar Hyal.

Und Hancock: »Sie verteidigen also die freie Liebe?«

»Ich kann nur mit einer alten, abgedroschenen Wahrheit antworten«, sagte Dick. »Es gibt keine Liebe, die nicht frei ist. Vergessen Sie nicht, daß wir nur von höherstehenden Typen reden. Und darin liegt Ihre Antwort, Dar. Die große Mehrheit muß an die Gesetze und die Arbeit gebunden werden durch die monogame oder eine strenge Eheeinrichtung anderer Art. Sie kann die Freiheit in der Ehe oder die Freiheit in der Liebe nicht vertragen. Freiheit in der Liebe wäre für sie einfach völlige Zügellosigkeit.«

»Dann glauben Sie also, soweit es Sie betrifft, nicht an die Ehegesetze«, fragte Dar Hyal, »sondern nur für andere Menschen?«

»Ich glaube für alle Menschen an sie. Kinder, Familie, Karriere, Gesellschaft, Staat – alle diese Dinge machen die Ehe, die gesetzmäßige Ehe absolut notwendig. Und aus demselben Grunde glaube ich an die Scheidung. Männer, alle Männer und Frauen, alle Frauen können mehr als einmal lieben, die alte Liebe kann sterben, eine neue geboren werden. Der Staat kann ebensowenig über die Liebe bestimmen, wie Männer und Frauen es können. Wenn man sich verliebt, so verliebt man sich eben, das ist alles, was darüber zu sagen ist. Da ist sie dann – die pochende, seufzende, singende, zitternde Liebe. Aber der Staat kann darüber wachen, daß sie nicht schamlos wird.«

»Aber es gibt Männer, die so heiß lieben, daß sie stürben, wenn sie die Geliebte verlören«, rief Leo mit einer Kühnheit, die die ganze Gesellschaft überraschte. »Sie würden sterben, wenn sie stürbe, sie würden sterben, ach, noch schneller, wenn sie lebte und einen anderen liebte.«

»Nun ja, dann müssen sie eben sterben«, antwortete Dick hart. »Und keiner trägt die Verantwortung an ihrem Tod. Wir sind so beschaffen, daß unsere Herzen zuweilen fehlgehen.«

»Mein Herz würde nie fehlgehen«, erklärte Leo stolz, ohne zu ahnen, daß alle am Tisch sein Geheimnis kannten. »Ich könnte nie zweimal lieben, das weiß ich.«

»Du hast recht, mein Junge«, stimmte Terrence ihm zu. »Alle wahren Liebenden sprechen durch dich. Das ist das Absolute der Liebe, daß sie solche Freuden schafft, – wie sagt Shelley doch? Oder ist es Keats? – ›Ein Wunder und wildes Entzücken.‹ Wahrlich, ein elender Stümper von Liebenden wäre es, der sich irgendein anderes Geschöpf in Frauengestalt auch nur ein Tausendstel so süß, so entzückend und bezaubernd, so herrlich und wunderbar denken könnte wie die Geliebte, daß er je eine andere lieben könnte.«

Als sie das Speisezimmer verließen, befand sich Dick mitten in einem eifrigen Disput mit Dar Hyal, konnte aber den Gedanken nicht verscheuchen, ob Paula ihm einen Gutenachtkuß geben oder heimlich vom Flügel entschlüpfen würde. Und Paula, die mit Leo über sein letztes Sonett sprach, das er ihr geschickt hatte, dachte darüber nach, ob sie Dick küssen könnte, und hatte plötzlich den heftigen Wunsch, ihn zu küssen, sie wußte nicht weshalb.

 

Paula saß am Flügel und sang, und Terrence war mitten in einer Vergötterung der Liebe, als er plötzlich verblüfft und verwirrt abbrach, um dem Neuen zu lauschen, das er in ihrer Stimme hörte. Lautlos schlich er sich durch das Zimmer und legte sich der Länge nach neben Leo auf das Bärenfell. Dar Hyal und Hancock hielten ebenfalls mitten in ihrem Disput inne und verschanzten sich jeder in einem großen Sessel. Graham, der scheinbar am wenigsten darauf achtete, las in einer neuen Zeitschrift, aber Dick bemerkte, daß er nicht mehr blätterte. Auch Dick hatte das Neue in Paulas Stimme gehört und versuchte, dahinter zu kommen, was es bedeutete.

Als das Lied zu Ende war, riefen die drei Weisen alle durcheinander, daß sie sich diesmal vergessen und aus tiefster Seele gesungen hätte. Sie hätten stets gesagt, daß sie das könnte. Nur Leo lag regungslos und wortlos da, das Kinn in die Hand gestützt, mit einem verklärten Ausdruck.

Dick winkte Graham mit seinem leeren Glas zu sich, mischte für jeden von ihnen einen Whisky und schlug, als Graham ausgetrunken hatte, Paula vor, daß sie mit Graham zusammen den »Zigeunerzug« singen sollte.

Sie schüttelte den Kopf und sang »Das Kraut Vergessenheit«.

»Sie war kein wahrhaftes Weib, – sie war furchtbar«, entrang der Schluß des Liedes Leo. »Und er war ein wahrer Liebender. Sie brach ihm das Herz, aber er liebte sie doch. Er kann nicht zum zweitenmal lieben, weil er seine Liebe zu ihr nicht vergessen kann.«

»Und nun, Rote Wolke, sing du dein Lied«, sagte Paula und lächelte ihren Mann an.

Dick erhob sich träge vom Diwan, warf trotzig den Kopf zurück, als schüttelte er eine Mähne, und begann wie Bergkönig den Boden zu stampfen. »Leo soll wissen, daß er nicht der einzige Dichter und Ritter der Liebe unter uns ist. Hört das Lied des Bergkönigs. Der Bergkönig träumt nicht von der Geliebten, der Bergkönig träumt überhaupt nicht, er ist die Verkörperung der Liebe. Hört ihn!«

Dick erfüllte den Raum mit wildem, frohen Wiehern, warf die Mähne zurück, stampfte mit den Füßen und sang:

»Hört mich! Ich bin Eros. Ich stampfe durch die Berge. Ich fülle die breiten Täler. Die Stuten hören mich auf den stillen Weiden und heben die Köpfe, denn sie kennen mich. Das Gras wird üppiger und üppiger. Das Land erfüllt sich mit Fruchtbarkeit, und der Saft steigt in den Bäumen. Es ist Frühling, und der Frühling ist mein. Ich bin König in meinem Reich, im Reich des Frühlings. Die Stuten erkennen meine Stimme. Sie kennen mich, kennen mich durch ihre Mütter. Hört mich! Ich bin Eros! Ich stampfe durch die Berge, die breiten Täler sind meine Herolde, sie rufen mein Kommen aus!«

Es war das erstemal, daß die Weisen vom Madroño-Hain Dicks Gesang hörten, und sie spendeten ihm lauten Beifall.

Bald darauf erschien Oh Freud, trat geräuschlos zu Graham und überreichte ihm ein Telegramm.

Dick sah den Störenfried zornig an.

»Sehr wichtig – ich glaube«, erklärte der Chinese ihm.

»Wer hat es angenommen?« fragte Dick.

»Mich – ich nahm es an«, lautete die Antwort. »Nachttelegraphist in Eldorado rufen an. Er sagen, es wichtig. Ich nehmen an.«

»Das ist es auch, recht wichtig«, sagte Graham, als er das Telegramm gelesen hatte. »Fährt heute abend noch ein Zug nach San Francisco, Dick?«

»Einen Augenblick, Oh Freud!« rief Dick und sah auf die Uhr. »Welcher von den Franciscoer Zügen hält in Eldorado?«

»Elf, zehn«, kam die Antwort sofort. »Gut Zeit. Nicht zu viel. Ich rufen Chauffeur?«

Dick nickte. »Müssen Sie wirklich heute abend noch fort?« fragte er Graham.

»Tatsächlich. Es ist sehr wichtig. Habe ich Zeit zum Packen?«

Dick nickte Oh Freud bestätigend zu und sagte dann zu Graham:

»Eben Zeit, das Nötige in einen Koffer zu werfen.« Dann wandte er sich zu Oh Freud. »Oh Jeh auf?«

»Jawohl.«

»Schick' ihn in Herrn Grahams Zimmer, um ihm beim Packen zu helfen. Und sag' mir Bescheid, sobald das Auto da ist. Sag' Saunders, daß er den Rennwagen nehmen soll.«

»Ein Prachtmensch!« bemerkte Terrence, als Graham den Raum verlassen hatte.

Sie hatten sich um Dick gesammelt. Nur Paula war am Flügel sitzen geblieben.

»Einer von den wenigen, die ich gern auf einer wahnsinnig hoffnungslosen Expedition mitnähme«, sagte Dick. »Er war auf der »Nethermere«, als sie 97 bei Pango in den Orkan geriet. Pango ist ein kleiner Landstreifen, zwölf Fuß über der Hochwasserlinie, eine Menge Kokospalmen, im übrigen unbewohnt. Unter den Passagieren waren vierzig Frauen, englische Offiziersdamen und dergleichen. Graham hatte einen schlimmen Arm, dick wie ein Bein, Schlangenbiß.

Die Wellen gingen haushoch; die Boote konnten sich nicht halten. Zwei von ihnen wurden zerschmettert, und beide Bootsmannschaften ertranken. Da erboten sich vier Seeleute, einer nach dem andern, freiwillig, mit einer Leine an Land zu schwimmen, und alle wurden sie tot mit der Leine wieder an Bord gezogen. Als sie den letzten losbanden, warf Graham, trotz seinem schlimmen Arm, sein Zeug ab und sprang ins Wasser. Und er kam wirklich durch, obwohl er so hart auf den Strand geschleudert wurde, daß er den schlimmen Arm und drei Rippen brach. Aber ehe er an sich dachte, machte er die Leine fest. Um die Trosse an Land zu ziehen, kletterten sechs weitere Freiwillige an Evans Leine hinüber, und vieren gelang es auch. Und nur eine von den vierzig Frauen kam ums Leben, – sie bekam vor Schreck einen Herzschlag.«

Oh Freud und Graham betraten jeder von einer Seite den Raum. Dick sah, daß Grahams erster, suchender Blick Paula galt.

»Alles in Ordnung«, meldete Oh Freud.

Dick erhob sich, um seinen Gast zum Auto zu begleiten, während Paula deutlich zeigte, daß sie drinnen bleiben wollte, weshalb Graham denn auch zu ihr hinschritt, um ihr in aller Eile sein Bedauern auszudrücken und sich zu verabschieden.

Und Paula, die immer noch an das dachte, was Dick soeben von ihm erzählt hatte, freute sich über sein stolzes Auftreten, ließ den Blick auf seiner aufrechten, freien Haltung, seinem hellen, von der Sonne gebleichten Haar, seiner kräftigen und doch so leichten und eleganten Gestalt ruhen. Und als er dicht zu ihr trat, konzentrierte sie ihre Aufmerksamkeit auf die länglichen, grauen Augen mit den leicht gesenkten Lidern, die ihnen einen so knabenhaft verdrossenen Ausdruck verleihen konnten. Sie wartete darauf, daß die Verdrossenheit dem strahlenden Lächeln weichen sollte, das sie jetzt so gut kannte.

Als ihre Hände sich losließen, sah sie hastig zu Dick hinüber, denn in dem Jahrzehnt, das sie mit ihm zusammen gelebt hatte, hatte sie sich ganz vertraut damit gemacht, daß er sich plötzlich irgendeiner Sache bewußt werden konnte, und sie fürchtete sich direkt vor seiner fast unheimlichen Fähigkeit, aus Nuancen Tatsachen zu erraten und sie zu Schlüssen zu verketten, die zeitweise verblüffend stimmten. Aber Dick, der ihr halb den Rücken zukehrte und sich über einen heiteren Angriff Hancocks amüsierte, wandte sich gerade in diesem Augenblick lächelnd um und erbot sich, Graham zum Wagen zu begleiten.

Nein, Dick konnte unmöglich von ihrem heimlichen Zusammenspiel etwas bemerkt haben. Es war so wenig, so flüchtig gewesen, ein Schimmern im Auge, ein Zittern der Fingermuskeln, ohne Zaudern. Wie konnte Dick das gesehen und gefühlt haben? Ihre Augen hatte Dick jedenfalls nicht sehen können, so wenig wie ihre Hände, als sie sich in dem flüchtigen Händedruck begegneten, denn Graham hatte ihm den Rücken zugekehrt.

Aber dennoch wünschte sie, Dick nicht den hastigen Seitenblick zugeworfen zu haben. Sie fühlte sich ganz schuldbeladen, und der Gedanke quälte sie, als sie die beiden hochgewachsenen, gleich kräftigen und gleich blonden Männer Seite an Seite das Zimmer verlassen sah. Was habe ich getan? fragte sie sich. Hatte sie denn etwas zu verbergen? Ja, sie war ehrlich genug, der Wahrheit ins Auge zu blicken und sich einzugestehen, daß sie wirklich etwas zu verbergen hatte. Ihre Wangen brannten bei dem Gedanken, daß sie sich immer tiefer in den Betrug verstrickte.

»Ich bleibe nur ein paar Tage fort«, sagte Graham, als er und Dick sich beim Wagen die Hände schüttelten. Dick sah sein ehrliches, offenes Gesicht und fühlte, wie fest und herzlich sein Händedruck war. Graham wollte etwas sagen, besann sich aber, und Dick wußte, daß er seinen Entschluß geändert hatte, als er sagte:

»Wenn ich wiederkomme, glaube ich, muß ich im Ernst an meine Abreise denken.«

»Aber Ihr Buch«, protestierte Dick, der sich innerlich selbst verfluchte, weil sein Herz bei den Worten Evans so laut vor Freude geklopft hatte.

»Eben deshalb«, antwortete Graham. »Ich muß sehen, es fertig zu bekommen. Ich kann offenbar nicht auf die Art arbeiten, wie Sie es tun. Das Leben hier ist zu verlockend, ich kann mich nicht richtig konzentrieren. Ich sitze bis ins Unendliche an dem Buch, aber das Singen der verfluchten Lerchen klingt mir immer im Ohr, und ich sehe die Felder und die Cañons mit ihren Riesentannen und Selim, bis ich es nach einer ganzen Stunde aufgebe und nach dem Pferd telephoniere. Und ist es nicht das, so sind es die tausend anderen, herrlichen Dinge.«

Er setzte den Fuß auf das Trittbrett des wartenden Autos und sagte: »Also, auf Wiedersehen, Alter!«

»Kommen Sie wieder, und fangen Sie ernsthaft an«, sagte Dick eindringlich. »Wenn es nötig ist, setzen wir ein bestimmtes Pensum für jeden Tag fest, und ich schließe Sie jeden Morgen in Ihrem Zimmer ein, bis Sie damit fertig sind. Und wenn Sie den ganzen Tag dazu brauchen, schließe ich Sie eben den ganzen Tag ein. Ich werde Sie schon zum Arbeiten bringen. Haben Sie Zigaretten, Streichhölzer?«

»Ja, danke.«

»Also, dann fahren Sie los, Saunders«, befahl Dick dem Chauffeur, und es war, als spränge das Auto aus der strahlend erleuchteten Einfahrt geradewegs ins Dunkel hinein.

Als Dick wieder ins Zimmer trat, spielte Paula den Weisen vom Madroñohain vor, und er verschanzte sich auf seinem Diwan und wartete. Seine Gedanken beschäftigten sich immer noch damit, ob sie ihm einen Gutenachtkuß geben würde. Nicht, daß sie das Küssen je nach einem bestimmten Programm erledigte. Oft sah er sie erst zum Lunch, und dann meistens in Anwesenheit von Gästen, und oft entschlüpfte sie unbemerkt, wenn sie früh zu Bett gehen wollte, ohne die anderen zu stören.

Nein, dachte Dick, ob sie mich heute abend küßt oder nicht, hat keine besondere Bedeutung. Sie spielte und sang immer weiter, bis er schließlich einschlief. Als er aufwachte, war er allein. Paula und die Weisen waren still hinausgegangen. Er sah auf die Uhr. Es war eins. Sie hatte ungewöhnlich lange gespielt, das wußte er, denn er war überzeugt, daß sie eben erst gegangen war. Die plötzliche Stille hatte ihn geweckt.

Und er grübelte immer noch. So oft war er eingeschlummert, wenn sie spielte, und immer hatte sie ihn, wenn sie fertig war, mit einem Kuß geweckt und ins Bett geschickt. Aber heute hatte sie es nicht getan. Vielleicht kam sie doch noch wieder? Halb im Schlaf wartete er. Als er das nächste Mal auf die Uhr sah, war es zwei, sie war nicht wiedergekommen.

Er schaltete das Licht aus und tat es auch, als er durch das Haus schritt, im Vorraum und in den Gängen, während die vielen unwesentlichen und gleichgültigen Kleinigkeiten zu einer Schrift des Zweifels und des Argwohns an der Wand wurden, von der er den Blick nicht lassen konnte.

Als er auf der Schlafveranda nach seinen Barometern und Thermometern sah, wurde sein Blick wieder von ihrem lachenden Gesicht in dem runden Rahmen an der Wand gefangen, und er blieb davor stehen und sah es lange forschend an.

»Nun ja,« murmelte er, zog die Decke über sich, stopfte sich ein paar Kissen in den Rücken und streckte die Hand nach einem Stoß Korrekturbogen aus, »wie es auch geht, ich muß den Kampf zu Ende kämpfen.«

Er sah wieder auf das Bild.

»Aber ach, mein Mädelchen, ich wünschte, du würdest es nicht tun.« Damit sagte er ihr gute Nacht.

 

Das Glück wollte, daß das Große Haus gerade zu diesem Zeitpunkt außer gelegentlichen Frühstücks- und Mittagsgästen leer war. Am ersten und zweiten Tag richtete Dick seine Arbeit so ein, daß er, wenn Paula ihm einen Vorschlag machen sollte, bereit war, mit ihr am Nachmittag zu schwimmen oder zu reiten, – aber vergebens.

Er bemerkte, daß sie ihm, offenbar absichtlich, nie eine Gelegenheit gab, sie zu küssen. Von ihrer Schlafveranda rief sie ihm über den breiten Hof ihr ›Gute Nacht‹ hinüber. Am Morgen bereitete er sich auf ihren üblichen Besuch vor und schickte Agar und Pitts, die anläßlich des bevorstehenden Viehmarkts gekommen waren, um Punkt elf weg, obwohl verschiedene wichtige Fragen noch zu erledigen waren. Aufgestanden war sie, das wußte er, denn er hatte sie singen hören, Er saß an seinem Schreibtisch und wartete, und dieses eine Mal arbeitete er nicht. Ein Stapel Briefe lag vor ihm, aber sie warteten vergebens auf seine Unterschrift. Er erinnerte sich, daß sie es gewesen war, die ursprünglich die kleine Pilgerfahrt am Morgen eingeführt, und daß sie immer mit einem gewissen Eigensinn an ihr festgehalten hatte.

Er erinnerte sich ferner, oft ihren Besuch abgekürzt zu haben, indem er sie, selbst wenn er sie in den Armen hielt, merken ließ, daß er zu tun hatte. Und er erinnerte sich des kleinen, nachdenklichen Schattens, der über ihr Gesicht geglitten war, wenn sie ihn verließ.

Es war viertel nach elf, und sie war noch nicht gekommen. Er nahm das Telefon, um die Meierei anzurufen, und hörte zwei Frauenstimmen. Ehe er den Hörer anhängte, hörte er Paulas Stimme:

... Sagen Sie Ihrem Mann, daß es Unsinn sei, Frau Wade. Kommen Sie mit allen Kindern her, selbst wenn es nur für ein paar Tage ist.«

Das war etwas sehr Merkwürdiges. Paula hatte sich sonst stets gefreut, wenn sie ein Weilchen keine Gäste hatte und sie mit ihm ein oder zwei Tage allein sein konnte. Und jetzt überredete sie Frau Wade, von Sacramento herzukommen. Das sah aus, als wollte sie nicht mit ihm allein sein, als versuchte sie, sich hinter ihren Gästen zu decken.

Er mußte lächeln bei dem Gedanken, daß der Morgenkuß ihm jetzt, da er ihm nicht mehr geboten wurde, als etwas so Ersehntes erschien. Einen Augenblick dachte er daran, sie auf einer ihrer verwegenen Fahrten zu entführen. Das konnte vielleicht eine Lösung des Problems bringen. Warum nicht einen Jagdausflug nach Alaska? Oder wieder dorthin, wo sie in alten Tagen mit der »All Away« gefahren waren – in die Südsee? Es gingen direkte Dampfer von San Francisco nach Tahiti. In zwölf Tagen konnte man in Papeete sein.

Er schlug mit der Faust auf den Tisch. Nein, bei Gott, er war kein Feigling, daß er aus Furcht vor einem anderen Mann mit seiner Frau davonlief. Und wäre es ihr gegenüber richtig, sie von dem fortzureißen, was vielleicht ihr Verlangen war? Er wußte allerdings nicht, wohin ihr Verlangen ging, und eben sowenig, wie weit es zwischen ihr und Graham gekommen war. War es nicht möglich, daß es für sie nur eine Art Frühlingstollheit war, die mit dem Frühling verging? Aber leider sagte er sich, hatte sie in dem Jahrzehnt ihrer Ehe nie die geringste Anlage dazu gezeigt.

»Guten Morgen, edler Herr.«

Ganz natürlich stand sie in der Tür und guckte zu ihm herein, während sie ihm mit lächelnden Augen und Lippen einen Handkuß zuwarf.

»Guten Morgen, mein schnippischer, kleiner Mond«, rief er, ebenso natürlich, zurück.

Jetzt kommt sie doch wohl herein, dachte er; und er beschloß, sie in seine Arme zu ziehen und mit dem Kuß auf die Probe zu stellen.

Er breitete ihr die Arme entgegen, aber sie kam nicht. Statt dessen schloß sie den Kimono mit der Hand über der Brust, hob mit der anderen die Schleppe, wie um schneller fortzukommen, und warf gleichzeitig einen erschrockenen Blick durch das Vorzimmer, obwohl seine scharfen Ohren kein Geräusch hörten, lächelte wieder, sandte ihm einen Handkuß und war verschwunden. Als Bonbright zehn Minuten später mit einigen Telegrammen in der Hand eintrat, fand er ihn regungslos, in derselben Stellung, in der Paula ihn verlassen hatte, an seinem Tisch sitzen.

Und doch war Paula glücklich. Dick kannte sie schon zu lange in allen ihren verschiedenen Stimmungen, um nicht zu wissen, was es bedeutete, wenn sie im Hause, in der Pergola, auf dem Hofe sang. Er verließ sein Arbeitszimmer erst zum Lunch, ohne daß sie ihn, wie sie zuweilen tat, abholte. Als der Gong ertönte, hörte er ihr jubelndes Singen sich in der Richtung des Speisezimmers verlieren.

 

Am nächsten Morgen – an dem Tage, als Grahams Rückkehr erwartet wurde, – war Dick vor elf Uhr ausgeritten, um eine Wiederholung der Qual zu vermeiden, die es ihm bereitet hatte, Paulas: »Guten Morgen, edler Herr« vom andern Ende des Arbeitszimmers zu hören. Als er wieder heimkam, begegnete er Oh Ho im Korridor, den Arm voll von frischgeschnittenen Syringen.

»Wo bringst du die hin, Oh Ho?« fragte er.

»Herrn Grahams Zimmer, – er kommen heute.«

Wer hatte den Einfall mit den Blumen gehabt? grübelte Dick. Oh Ho? – Oh Freud? – oder Paula? Er erinnerte sich, daß er mehr als einmal Graham seine Bewunderung über Paulas Syringen hatte aussprechen hören.

Er bog vom Wege nach der Bibliothek ab und schlenderte in den Blumengarten beim Turmzimmer. Durch das offene Fenster erklang Paulas frohes Trällern. Dick grub die Zähne in die Unterlippe und ging weiter.

Viele große und viele bewundernswerte Männer und Frauen hatten das Zimmer bewohnt, aber noch nie hatte Paula es selbst mit Blumen geschmückt. Meistens tat Oh Freud, ein Künstler auf diesem Gebiet, es selber oder ließ seine glänzend geschulten Leute es tun.

Unter den Telegrammen, die Bonbright ihm brachte, befand sich eines von Graham. Dick las es zweimal, obwohl es an und für sich sehr einfach und bedeutungslos war und nur mitteilte, daß er seine Rückkehr aufschob.

Gegen seine Gewohnheit wartete Dick nicht, bis der Gong zum Lunch zum zweitenmal ertönte, sondern stand auf, sobald das erste Zeichen erklungen war, denn er bedurfte eines von Oh Freuds Cocktails, der ihm Mut machen sollte, Paula nach der Sache mit den Syringen zu begegnen. Aber sie war ihm zuvorgekommen, und er traf sie, die selten und nie allein trank, wie sie gerade ein geleertes Cocktailglas aufs Teebrett zurückstellte. Sie mußte sich also auch Mut machen, sagte er bei sich, indem er Oh Freud zunickte und einen Finger hoch hielt.

»Hab' ich dich erwischt!« sagte er mit heiterem Vorwurf zu Paula. »Heimlich trinken. Das schlimmste aller Symptome. Als ich mit dir vor dem Altar stand, ahnte ich nicht, daß die Frau, die ich zur Ehe nahm, einmal als Säuferin enden würde.«

Ehe sie antworten konnte, betrat ein junger Mann das Speisezimmer. Sie begrüßten ihn als einen Herrn Winters, und er mußte nun auch einen Cocktail haben. Dick versuchte sich einzureden, daß es nicht Erleichterung war, was er in Paulas Gesicht las, als sie den Gast begrüßte. Nie hatte er sie so liebenswürdig zu dem jungen Mann gesehen, obwohl sie ihn häufig getroffen hatte. Nun waren sie doch jedenfalls drei beim Lunch.

Herr Winters, der die landwirtschaftliche Hochschule besuchte und für die »Pacific Rural Press« schrieb, war ein Schützling Dicks. Er kam, um sich einige Auskünfte über kalifornische Fischteiche von ihm zu holen.

»Ich habe ein Telegramm von Evan bekommen«, sagte Dick zu Paula, während er in Gedanken das Nachmittagsprogramm für den jungen Mann machte. »Er kommt erst übermorgen mit dem Vieruhrzuge.«

»Und das nach der Mühe, die ich gehabt habe!« rief sie. »Bis dahin sind die Syringen verwelkt.«

Dick fühlte, daß er vor Freude warm wurde. Das war seine freimütige, ehrliche Paula. Wie das Spiel auch auslief, jedenfalls spielte sie es ohne Betrug zu Ende. So war sie stets gewesen, – zu leicht zu durchschauen, als daß sie jemand hätte narren können.

Indes spielte er seine eigene Rolle weiter und sah sie fragend, aber mit nur geringem Interesse an.

»Ja, in Grahams Zimmer«, erklärte sie. »Ich ließ die Leute einen ganzen Arm voll Syringen bringen und schmückte das Zimmer aus. Er liebt Syringen so, weißt du.«

Der Lunch war fast zu Ende, ohne daß ein einziges Wort über Frau Wades Kommen gefallen war, und Dick wußte bestimmt, daß sie nicht kam.

Paula warf leicht hin:

»Erwartest du jemand?«

Er schüttelte den Kopf und fragte: »Hast du für heute nachmittag etwas vor?«

»Bis jetzt noch nichts,« antwortete sie, »und auf dich kann ich wohl nicht rechnen, wenn du mit Herrn Winters über Fische sprechen willst.«

»Doch«, versicherte ihr Dick. »Ich überlasse ihn Hanley, – er weiß mit jeder Forelle Bescheid und kennt alle ehrwürdigen Barsche bei Namen. Und ich will dir etwas sagen ...« Er hielt inne und überlegte. Dann erhellte sich sein Gesicht, ihm war ein Einfall gekommen: »Es ist recht ein Nachmittag zum Nichtstun. Laß uns unsere Gewehre nehmen und Eichhörnchen schießen. Ich sah neulich, daß sie auf dem Hügel hinter der kleinen Wiese ein bißchen überhand nehmen.«

Aber unwillkürlich fing er den Schimmer von Angst auf, der ihren Blick verdunkelte und ebenso schnell wieder verschwand. Sie klatschte in die Hände.

»Aber für mich nimm kein Gewehr mit«, sagte sie.

»Wenn du lieber nicht –« sagte er freundlich.

»Ach, ich komme gern mit, aber ich bin nicht in der Stimmung, zu schießen. Ich will das neue Buch von Le Gallienne mitnehmen, – es ist gerade gekommen, – und dir unterdessen vorlesen.«

 

Paula und Dick ritten auf Rehkalb und Hexe so dicht nebeneinander, wie die Bosheit der Hexe es zuließ, vom Großen Hause fort. Die Unterhaltung bestand meistens aus abgerissenen Sätzen, denn Dicks Stute gönnte ihm wenig Ruhe. Mit zurückgelegten Ohren und entblößten Zähnen versuchte sie sich beständig von dem Zwange zu befreien, den Zügel und Sporen ihr auferlegten, oder schnappte nach Paulas Bein und der glatten Flanke Rehkalbs, und mit jeder Niederlage, die sie erlitt, rötete sich das Weiße in ihren Augen mehr. Ihr rastloses Kopfschleudern und ihre wütenden Versuche, zu steigen, Versuche, die aber immer vom Sprungriemen unterdrückt wurden, währten ununterbrochen, außer wenn sie tanzte oder auszubrechen und herumzuwirbeln versuchte.

»Es ist das letzte Jahr, das ich mich mit ihr abgebe«, erklärte Dick. »Sie ist nicht zu zähmen. Ich reite sie jetzt zwei Jahre, ohne daß es das geringste geholfen hat. Sie kennt mich, kennt meine Art zu reiten, weiß, daß ich ihr Herr bin, weiß, wann sie bei mir nicht durchkommt, gibt aber nie Ruhe. Ewig hofft sie, mich einmal zu fangen, und aus Furcht, die Gelegenheit zu versäumen, unterläßt sie keinen Versuch.«

»Und eines schönen Tages fängt sie dich natürlich«, sagte Paula.

»Ja, deshalb will ich nichts mehr mit ihr zu tun haben. Nicht, daß sie mich eigentlich anstrengte, aber früher oder später muß sie mich nach dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit einmal fangen. Es ist eine Million zu eins zu wetten, aber der Himmel allein weiß, wann dies eine Mal von einer Million gerade eintrifft.«

»Du bist fabelhaft, Rote Wolke«, lächelte Paula.

»Wieso?«

»Du denkst in Statistiken und Prozenten, in Durchschnitten und Ausnahmen. Ich möchte nur wissen, unter welche Formel du mich brachtest, als wir uns das erste Mal trafen.«

»Ich will mich hängen lassen, wenn ich das weiß«, lachte er. »Das war ein Fall, in dem alle äußeren Anzeichen fehlschlugen. Ich hatte keine Statistik, die auf dich paßte, und ich sagte mir nur, hier ist das herrlichste Weib, das je auf zwei schönen Beinen gegangen ist, und ich wußte nur, daß ich mich mehr zu dir hingezogen fühlte, als zu irgendeinem Menschen auf der Welt. Ich mußte dich einfach haben.«

»Und du bekamst mich«, vollendete Paula den Satz für ihn. »Aber seither, Rote Wolke, wie ist es seither gegangen? Du hast eine Menge statistisches Material über mich gesammelt.«

»Ein wenig, ein ganz klein wenig«, gab er zu. »Aber ich hoffe, nie damit fertig zu werden ...«

Er unterbrach sich, denn er hatte Bergkönig wiehern hören. Einen Augenblick später erschien der Hengst mit einem Cowboy auf dem Rücken, und Dick sah ihn froh und bewundernd herantraben.

»Wir müssen sehen, fortzukommen«, sagte er warnend, als Bergkönig bei ihrem Anblick plötzlich in Galopp fiel.

Sie spornten ihre Pferde an, machten kehrt und flohen, während sie hinter sich die beruhigende Stimme des Cowboys und das dumpfe Geräusch der schweren Hufe auf dem Wege, sowie ein heftiges, gebieterisches Wiehern hörten. Hexe antwortete. Rehkalb folgte ihrem Beispiel, und sie wußten, daß Bergkönig jetzt stürmisch wurde.

Im Galopp setzten sie einen Seitenweg hinab, wo sie fünfzig Schritte weiter die Pferde anhielten und warteten, bis die Gefahr vorüber war.

»Bergkönig hat noch nie ein Unheil angerichtet«, sagte Paula, als sie zurückritten.

»Außer als er zufällig Cowley auf den Fuß trat. Du erinnerst dich wohl, daß er einen ganzen Monat liegen mußte«, sagte Dick, während er mit seinem widerspenstigen Pferde kämpfte und flüchtig den seltsamen Blick auffing, mit dem Paula ihn betrachtete.

Es lag eine Frage in diesem Blick, das konnte er sehen, und Liebe und Furcht – ja, beinahe Furcht oder etwas ganz Ähnliches, am ehesten aber etwas Suchendes, Forschendes und Fragendes. Ihre Bemerkung, daß er in Statistiken dachte, konnte nicht ohne eine gewisse Verbindung mit ihrer Stimmung sein.

Aber er tat, als hätte er nichts bemerkt, zog schnell sein Notizbuch heraus und schrieb etwas hinein, während er aufmerksam eine steinerne Rinne betrachtete, an der sie gerade vorbeikamen.

»Das haben sie vergessen«, sagte er. »Es hätte schon vor einem Monat instand gesetzt werden müssen.«

»Was ist aus den Mustangs aus Nevada geworden?« forschte Paula.

Es war dies ein Einfall gewesen, den Dick einmal gehabt hatte, als in Nevada Mißernte gewesen war und Mustangs für einen Spottpreis verkauft wurden, damit sie nicht verhungerten. Er hatte sich einen ganzen Eisenbahnzug voll kommen lassen und ließ sie auf den Bergmatten im Westen weiden.

»Es wird Zeit, sie zu zähmen«, antwortete er. »Ich möchte sie nächste Woche vorführen, wie man es in alter Zeit tat. Was meinst du dazu? Wir veranstalten ein richtiges Volksfest und laden die ganze Nachbarschaft ein.«

»Und dann bist du selber nicht mit dabei«, wandte Paula ein.

»Ich nehme mir einen freien Tag. Abgemacht?«

Sie ritten durch das Tal, an bebauten Feldern und bewaldeten Hügeln vorbei und kamen auf einen Weg, der voller Wagen war. Sie brachten Kies von den Zerkleinerern, die Dick und Paula in der Ferne stöhnen und knirschen hörten.

Sie ritten weiter, bis der Lärm der Kieszerkleinerer verklang, drangen durch einen Waldgürtel, setzten über eine winzige Wasserscheide, wo die Nachmittagssonne weinfarbig durch die Manzanitas und rosenfarbig durch die Madroños schien, und gelangten durch einen Hain von jungen Eukalyptusbäumen nach der kleinen Wiese. Ehe sie aber dort waren, stiegen sie ab und banden die Pferde an. Dick nahm sein Gewehr aus dem Sattelhalter und näherte sich mit Paula vorsichtig einer Gruppe von Riesentannen am Rande der Wiese. Sie legten sich in den Schatten und blickten über die Wiese nach dem steilen Hügelhang hundertfünfzig Meter von ihnen entfernt.

»Da sind sie – drei – vier«, flüsterte Paula, deren scharfe Augen die gesuchten Eichhörnchen in dem jungen Getreide entdeckt hatten. Es waren die vorsichtigsten von den Tieren, die mit größter Schlauheit das vergiftete Getreide und die von Dick gelegten stählernen Fallen gemieden hatten. Auf jedes von ihnen kamen zwei Dutzend weniger vorsichtige, die zugrunde gegangen waren, die Überlebenden aber waren sehr gut imstande, den Hügelhang neu zu bevölkern.

Dick füllte Kammer und Magazin mit winzigen Patronen, untersuchte den Schalldämpfer und warf sich der Länge nach auf den Boden, stützte sich auf den Ellenbogen und zielte. Kein Knall ertönte, als er abdrückte – nur das Schnappen des Mechanismus, als die Kugel durch den Raum flog, die Patronenhülse ausgeworfen, eine neue Patrone hineingedrückt und der Drücker wieder gespannt wurde. Ein großes, graubraunes Eichhörnchen sprang hoch, fiel nieder und verschwand im Getreide. Dick richtete das Gewehr auf verschiedene Löcher, wo ein Kreis trockener Erde deutlich davon zeugte, daß das Getreide vernichtet war, und wartete.

Beim ersten Schnappen waren alle Eichhörnchen, außer dem getroffenen, in ihre Löcher geschlüpft, und es war nichts zu tun, als zu warten, bis ihre Neugier ihre Vorsicht besiegte. Mit dieser Pause hatte Dick gerechnet. Während er wartete, daß die neugierigen Köpfchen auf dem Hange zum Vorschein kommen sollten, grübelte er, ob Paula ihm etwas zu sagen hätte. Früher oder später war sie mit ihren Sorgen stets zu ihm gekommen. Aber sie hatte auch nie Sorgen dieser Art gehabt, sagte er sich. Anderseits konnte er auch mit ihrer unverbrüchlichen Ehrlichkeit und Offenheit rechnen. Er hatte sich in all den Jahren ihres Zusammenlebens oft darüber gewundert und gefreut. War sie jetzt anders geworden?

So grübelte er. Sie sagte nichts. Sie lag ruhig da. Er konnte keine Bewegung von ihr hören. Wenn er einen Blick auf die Seite warf, sah er sie mit geschlossenen Augen und ausgestreckten Armen auf dem Rücken liegen, als sei sie müde.

Ein Köpfchen von derselben Farbe wie der trockene Boden, in dem sie hausten, guckte aus einem Loch hervor. Dick wartete mehrere lange Minuten, bis der Besitzer des Köpfchens sich überzeugt hatte, daß keine Gefahr mehr drohte und sich aufsetzte, um zu sehen, was die Ursache des Geräusches, das sie erschreckt hatte, gewesen war. Wieder schnappte das Gewehr.

»Hast du es?« fragte Paula, immer noch mit geschlossenen Augen.

»Ja, und ein ganz dickes«, antwortete Dick. »Da habe ich eine ganze Generation von Eichhörnchen im Keim erstickt.«

Eine Stunde verging. Die Nachmittagssonne begann sich dem Horizont zu nähern, aber im Schatten war es immer noch angenehm. Ein leises Lüftchen sandte immer wieder eine träge, wogende Bewegung durch das junge Korn und strich durch die Zweige der Tanne. Dick schoß ein drittes Eichhörnchen, und Paulas Buch lag neben ihr, ohne daß sie den geringsten Versuch machte, zu lesen.

»Ist etwas mit dir?« faßte er endlich den Mut, sie zu fragen.

»Nein, – aber ich habe Kopfschmerzen, ein scheußlich quälendes Stechen über den Augen, – das ist alles.«

»Zu viel gestickt«, neckte er sie.

»Nein, diesmal nicht«, lautete ihre Antwort.

Sie war scheinbar ganz natürlich. Während Dick aber ein ungewöhnlich großes Eichhörnchen beobachtete, das aus seinem Loch heraus und fünf, sechs Schritte weiter über die bloße Erde zum Getreide schlüpfte, dachte er bei sich: »Nein, heute kann ich nicht mit ihr sprechen. Und aus einem Kuß im Grase wird heute auch nichts.«

Jetzt hatte er sein Opfer gerade vor dem Korn. Er drückte ab. Das Tier fiel um, blieb einen Augenblick liegen, lief dann aber schnell und schwerfällig nach seinem Loch. Der Mechanismus ging Schlag auf Schlag. Kleine Staubwolken stoben zu allen Seiten des fliehenden Eichhörnchens auf und zeigten, wie nahe die Kugeln trafen. Dick feuerte so rasch, wie er abdrücken konnte, so daß es war, als sandte er einen Bleistrahl aus einem Schlauch.

Er hielt inne, um das Magazin wieder zu laden, und war ungefähr damit fertig, als Paula sich endlich hören ließ.

»Mein Gott, was für ein Trommelfeuer! Hast du es?«

»Ja, den Großvater aller Eichhörnchen. Aber neun lange, rauchlose Patronen auf ein Eichhörnchen, – das lohnt sich nicht. Ich muß tüchtiger werden.«

Die Sonne sank tiefer. Das leichte Lüftchen legte sich. Dick schoß noch ein Eichhörnchen, setzte sich dann auf und sah traurig über den Hügel. Er hatte sich dies alles zurechtgelegt, in der Hoffnung, Paulas Vertrauen zu gewinnen. Die Situation war so ernst, wie er es befürchtet hatte. Sie konnte noch ernster werden, denn seine Welt wollte in Trümmer sinken. Er war verwirrt, im Innersten erschüttert. Er war so sicher gewesen. Das Jahrzehnt, das er mit ihr zusammen gelebt, hatte ihm Sicherheit geschenkt ...

»Fünf – die Sonne geht unter«, verkündete er, indem er aufstand und ihr die Hand hinstreckte, um ihr zu helfen.

»Es hat mir so gut getan – das Ausruhen,« sagte sie, als sie zu den Pferden gingen. »Mit meinen Augen geht es viel besser. Es war gut, daß ich nicht versuchte, dir vorzulesen.«

* * *

 

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