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Die Herrin des Großen Hauses

Jack London: Die Herrin des Großen Hauses - Kapitel 7
Quellenangabe
authorJack London
titleDie Herrin des Großen Hauses
publisherUniversitas. Deutsche Verlags-Aktiengesellschaft
yearo.J.
firstpub1929
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171107
projectidc148df6b
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Wenn Graham nun auch mit Paulas vielseitigen Interessen und Talenten gut Bescheid wußte, so wunderte er sich doch, sie eines Tages allein in einer Fensternische zu sehen, vollständig von einer feinen Stickerei in Anspruch genommen.

Ein andermal, als Graham die Bibliothek betrat, sah er Paula anmutig über einen Bogen Papier gebeugt, der auf einem großen Tisch ausgespannt und von schweren Büchern über Architektur flankiert war; sie war eifrig damit beschäftigt, Pläne für ein Blockhaus für die Weisen in Madroño-Hain zu entwerfen.

»Das ist wirklich ein Problem«, seufzte sie. »Dick sagt, wenn, dann muß ich es für sieben bauen; wir haben augenblicklich vier Weise, aber er träumt davon, sieben zu bekommen. Er sagt, um Duschen und dergleichen soll ich mich nicht kümmern, denn kein Philosoph badet je.«

»War es nicht Voltaire, der sich mit einem König über Lichtstümpfe stritt«, fragte Graham, während sich sein Auge an ihrer nachlässig anmutigen Haltung freute. Achtunddreißig! Es war unmöglich. Sie sah fast aus wie ein Schulmädchen, das rot und warm vor Eifer an seiner Arbeit saß.

Er wußte nicht, was er glauben sollte. War das dieselbe Frau, die unter den Eichen mit zwei kurzen Sätzen den Kern einer schwebenden Situation herausgeschält hatte? »Ja, das begreife ich schon!« hatte sie gesagt. Hatte sie die Worte gebraucht, ohne etwas Besonderes in sie hineinzulegen? Aber hatte er anderseits nicht gesehen, wie Donald Wares Spiel sie erwärmt und berückt hatte? Hier konnte er seine Gedanken nicht länger im Zaume halten, denn er sagte sich, daß es mit Donald Ware etwas anderes wäre. Und er lächelte bei dem Gedanken still über sich.

»Worüber amüsieren Sie sich?« fragte Paula. »Der Himmel weiß, daß ich keine Architektin bin. Aber ich möchte sehen, wie Sie unter den lächerlichen Bedingungen, die Dick stellt, ein Haus für sieben Weise bauen wollen.«

Als Graham wieder in seinem Turmzimmer saß, gab er sich für eine Weile Betrachtungen hin. Diese Frau war keine Frau. Sie war ein wahres Kind. Oder, – er stockte bei dem Gedanken, – war es übertriebene Natürlichkeit? Meinte sie es wirklich so? Es war so. Es konnte nicht anders sein. Sie war eine Weltdame. Sie kannte die Welt. Sie war sehr klug. Er erinnerte sich, nicht ein einziges Mal in ihre grauen Augen gesehen zu haben, ohne daß sie ihm ein Gefühl von Gleichgewicht, von Kraft geschenkt hatte. Das war es: Stärke! Er erinnerte sich ihrer an dem ersten Abend, als sie ihn in gewissen Augenblicken an schimmernden, scharfgeschliffenen, juwelenartigen Stahl hatte denken lassen.

Vergebens blätterte er in den Büchern, um die Angaben zu finden, die er suchte. Er wollte das Kapitel ohne diese Angaben fortsetzen, aber kein Wort floß ihm aus der Feder. Eine wahnsinnige Unentschlossenheit war über ihn gekommen. Er nahm einen Fahrplan und sah nach, wann die Züge gingen, telephonierte dann aber nach dem Stall und bat, Altadena zu satteln.

Es war ein wunderbarer Morgen, wie man ihn im Frühsommer in Kalifornien hat. Nicht ein Hauch regte sich auf den schläfrigen Feldern, aber über ihnen ertönte das Rufen der Wachteln und das Singen der Wiesenlerchen. Die Luft war schwer von Syringenduft, und wie er hier zwischen den Hecken dahinritt, konnte er in der Ferne das Rufen Bergkönigs und das silberklare Antwortwiehern von Fotherington-Prinzessin hören.

Warum ritt er auf Dick Forrests Pferd? fragte er sich. Warum befand er sich nicht in diesem Augenblick auf dem Wege nach dem Bahnhof, – um den ersten Zug zu erreichen, den er auf dem Fahrplan gefunden hatte? Dieser Mangel an Entschlossenheit und Tatkraft war ihm neu, wie er sich bitter sagte. Aber, – und der Gedanke brannte wie Feuer in seinen Adern, – er hatte nur dies eine Leben, und es gab nur dies eine Weib auf der Welt.

Er hielt sein Pferd an, um eine Herde Angoraziegen vorbeiziehen zu lassen. Es waren mehrere Hundert, und sie wurden von baskischen Hirten getrieben, aber langsam und mit häufigen Ruhepausen, denn jede Ziege war von einem jungen Zicklein begleitet. In der Hürde waren viele Stuten mit neugeborenen Fohlen, und einmal konnte Graham gerade noch rechtzeitig auf einen Seitenweg gelangen, um einem Rudel einjähriger Hengste auszuweichen, die von einer Hürde in die andere getrieben wurden. Es waren im ganzen dreißig, und die Luft war mit gellendem Wiehern erfüllt, während Bergkönig, ganz außer sich beim Anblick und Geräusch so vieler Rivalen, wie rasend in seinem Pferch auf und nieder lief und immer wieder wie mit Trompetenstößen seine herausfordernde Überzeugung verkündete, daß er das gewaltigste Pferd war, das je die Erde betreten hatte.

Dick Forrest kam auf Graham zugeritten, und sein Gesicht strahlte vor Freude beim Anblick des Sturmes, der unter den zahlreichen Geschöpfen tobte, die sein waren.

»Die jungen Tiere haben Bergkönig zu Taten erweckt!« lachte er. »Lauschen Sie, wie er singt:

›Hört mich! Ich bin Eros. Ich stampfe durch die Berge. Ich fülle die breiten Täler. Die Stuten hören mich auf den stillen Weiden und heben die Köpfe, denn sie kennen mich. Das Gras wird üppiger und üppiger. Das Land erfüllt sich mit Fruchtbarkeit, und der Saft steigt in den Bäumen. Es ist Frühling, und der Frühling ist mein. Ich bin König in meinem Reich, im Reich des Frühlings. Die Stuten erkennen meine Stimme. Sie kennen mich, kennen mich durch ihre Mütter. Hört mich! Ich bin Eros! Ich stampfe durch die Berge, die breiten Täler sind meine Herolde, sie rufen mein Kommen aus!‹«

 

Nach Frau Tullys Abreise machte Paula ihre Drohung wahr und füllte das Haus mit Gästen. Es war, als erinnerte sie sich plötzlich aller, die eine Einladung erwartet hatten, und wenn das große Automobil nach dem acht Meilen entfernten Bahnhof fuhr, kam es selten leer zurück. Mehrere Sänger, Musiker und Maler sowie ganze Scharen von jungen Mädchen mit ihrem unvermeidlichen Gefolge von Anbetern kamen, und das Große Haus wimmelte von Müttern, Tanten und Duennas, die auf Ausflügen mehrere Automobile füllten.

Graham dachte oft, ob Paula nicht eine bestimmte Absicht hatte, wenn sie sich mit all diesen Menschen umgab. Er selbst hatte jeden Versuch aufgegeben, an seinem Buch zu arbeiten, er schwamm morgens mit den abgehärteteren von den jungen Leuten, beteiligte sich an Ausritten in der näheren Umgebung, kurz, machte alle Vergnügungen in und außer dem Hause mit.

Die Leute blieben die halben Nächte und oft bis in den Morgen hinein auf, und eines Nachts spielte Dick, der im übrigen nicht von seiner Gewohnheit abwich, sich erst gegen Mittag seinen Gästen zu zeigen, bis in den hellen Morgen hinein im Rauchzimmer Poker. Graham hielt mit ihm aus und fühlte sich reichlich belohnt, als die Spieler bei Tagesanbruch unerwartet den Besuch Paulas erhielten, – die, wie sie sagte, eine ihrer weißen Nächte gehabt hatte, obwohl ihrer frischen Farbe nicht das geringste anzusehen war. Graham mußte sich beherrschen, um sie nicht zu oft anzusehen, wie sie dastand und für die müden, übernächtigen Spieler Champagner-Cocktails bereitete. Hinterher schickte sie sie zu einem kalten Schwimmbad vor dem Frühstück und der Arbeit und den Vergnügungen des Tages.

 

An einem warmen Morgen hatten sich vier oder fünf Menschen – unter ihnen Paula – zufällig in der kühlen Pergola, die den großen Hof umgab, um Graham versammelt, und er las ihnen vor. Nach einer Weile machte er sich wieder an seine Zeitschrift und war bald so in sie vertieft, daß er alles um sich her vergaß, bis plötzlich ein Gefühl von Stille in sein Bewußtsein drang. Er blickte auf. Die ganze Gruppe war bis auf Paula verschwunden. Er konnte ihr Lachen von der anderen Seite des Hofes hören. Aber Paula! Unversehens sah er den Ausdruck in ihrem Gesicht, in ihren Augen. Ihr Blick war ihm zugekehrt – ein fast angstvoller Blick, und doch hatte er in dem flüchtigen Augenblick Zeit zu bemerken, daß es ein tief forschender Blick war – fast, mußte er denken, als sähe jemand in das aufgeschlagene Buch des Schicksals. Ein unsicherer Ausdruck trat in ihre Augen, sie sah nieder, und eine unverkennbare Röte färbte ihre Wangen. Zweimal bewegte sie die Lippen, um etwas zu sagen, und doch fühlte sie sich dermaßen auf frischer Tat ertappt, daß sie kein Wort finden konnte, um einen auftauchenden Gedanken auszudrücken. Schließlich half Graham ihr selbst über die peinliche Situation hinweg, indem er leicht hinwarf:

»Wissen Sie, – ich habe eben De Vries' Lobrede über die Arbeit Luther Burbanks gelesen, und mir kommt vor, daß Dick für die Welt der Haustiere dasselbe ist, was Burbank für die Welt des Gemüses ist. Beide schaffen sie Leben – und schaffen den Stoff zu neuen Nutz- und Schönheitsformen.«

Paula, die ihre Selbstbeherrschung wiedergefunden hatte, kassierte lächelnd das Kompliment ein.

»Wenn ich Sie ansehe,« fuhr Graham ruhig und ernst fort, »und wenn ich sehe, was Sie erreicht haben, so fürchte ich, daß ich selbst nur auf ein vergeudetes Leben zurückblicken kann. Warum habe ich nichts geschaffen? Ich bin unendlich neidisch auf Sie beide.«

»Ja, wir sind natürlich dafür verantwortlich, daß ein schrecklicher Haufen Geschöpfe in die Welt gesetzt worden ist,« sagte sie. »Es wird einem ganz schwindelig, wenn man an die Verantwortung denkt.«

»Ja, das Gut ist wirklich ein fruchtbares Stück Erde,« lächelte Graham. »Noch nie hat mir das Blühen und Reifen des Lebens so imponiert. Alles wächst und gedeiht hier –«

»Ach!« unterbrach Paula ihn, als wäre ihr plötzlich etwas eingefallen. »Ich muß Ihnen doch einmal meine Goldfische zeigen. Ich züchte auch Goldfische, ja – und verkaufe sie. Ich versorge die Händler in San Francisco mit den seltensten Sorten und schicke sie sogar nach New York. Und das beste dabei ist, – ich verdiene wirklich Geld damit. Dicks Bücher zeigen das, und er ist ein schrecklich genauer Buchhalter. Es gibt nicht einen Hammer hier, der nicht verzeichnet ist, nicht einen Nagel in einem Hufeisen, über den nicht Rechenschaft abgelegt wird. Deshalb hat er einen solchen Stab von Buchhaltern. Ja, wollen Sie glauben: der kleinste Posten ist aufnotiert – einschließlich der Zeit, die durchschnittlich auf Kolik und Lahmheit zu rechnen ist, und auf Grund dieser wahnsinnigen, endlosen Zahlenreihe hat er bis zur kleinsten Dezimalstelle ausgerechnet, was jede Arbeitsstunde eines Arbeitspferdes kostet.«

»Aber Ihre Goldfische,« warf Graham ein, gereizt, weil sie immer wieder den Namen ihres Mannes in die Unterhaltung zog.

»Nun ja, Dick läßt über meine Goldfische genau so Buch führen. Ich muß für jede Stunde, die die Leute auf die Fische verwenden, bezahlen und ebenso für Briefmarken und Papier. Ich muß auch für das Wasser bezahlen, als wäre ich ein Hausbesitzer, der es von der Gemeinde bezöge. Und doch verdiene ich 10 Prozent netto und habe es sogar schon auf 30 Prozent gebracht. Aber Dick lacht und sagt, wenn ich die Zeit berechne, die ich selbst für die Beaufsichtigung brauche, müßte ich mich entweder mit einer sehr geringen Bezahlung begnügen, oder ich arbeitete mit Verlust und könnte jedenfalls für meinen Nettoverdienst keinen so tüchtigen Aufseher engagieren!

Aber einerlei, daher kommt es, daß Dick mit allem, was er unternimmt, Erfolg hat. Handelt es sich nicht um ein reines Experiment, so unternimmt er nie etwas, ohne bis auf die geringste Einzelheit zu wissen, was es kosten und einbringen wird.«

»Er ist sehr sicher«, bemerkte Graham.

»Ich habe nie einen Mann gekannt, der seiner selbst so sicher war,« antwortete Paula eifrig, »und nie einen Mann, der auch nur halb so viel Ursache dazu gehabt hätte. Ich kenne ihn. Er ist ein Genie – aber nur im paradoxen Sinne des Wortes. Er ist ein Genie, weil er so fein ausbalanciert und so normal ist, daß nicht die geringste Andeutung von Genie an ihm ist. Solche Menschen sind seltener und größer als Genies. Ich denke immer, daß Abraham Lincoln von demselben Schlage gewesen sein muß.«

»Offen gestanden, ich verstehe nicht ganz, was Sie meinen«, sagte Graham.

»Ach, ich will selbstverständlich nicht behaupten, daß Dick im Verhältnis zur ganzen Weltordnung so viel bedeutet wie Lincoln«, fuhr sie schnell fort. »Es ist ihr ungeheures Gleichgewicht, ihr normales Wesen, ihre Ruhe, in der sie sich gleichen. Sehen Sie, ich bin ein Genie, denn ich tue dies oder jenes, ohne zu wissen, warum ich es eben tue! Auf die Weise erreiche ich meine Wirkungen in der Musik und ebenso, wenn ich schwimme. Und wenn es mein Leben kosten sollte, so könnte ich nicht sagen, warum ich gerade diese oder jene Tollheit begehe.

Dick hingegen kann nichts tun, ohne im voraus ganz genau zu wissen, wie er es tun will. In allem, was er tut, ist er überlegt und vorausschauend. Er ist ein Wunder auf allen möglichen Gebieten, ohne je ein Wunder auf einem einzigen, bestimmten Gebiet gewesen zu sein. Oh, ich kenne ihn. Er hat nie zu denen gehört, die Rekorde schufen, aber er ist auch nie mittelmäßig gewesen. Und so geht es ihm mit allem, sowohl in seelischer wie in geistiger Beziehung. Er ist eine gleichmäßig geschmiedete Kette, in der es weder besonders schwere, noch besonders schwache Glieder gibt.«

»Ich fürchte, daß ich eher wie Sie bin,« sagte Graham, »nämlich das alltäglichere und weniger wertvolle Geschöpf: ein Genie. Denn auch ich kann gelegentlich aufflammen und die unberechenbarsten Dinge tun. Und auch ich bin nicht darüber erhaben, vor dem Geheimnisvollen niederzuknien.«

»Und Dick haßt alles, was geheimnisvoll ist: es genügt ihm nicht zu wissen, wie, – er sucht immer nach dem Warum, das hinter dem Wie liegt. Alles Mystische reizt ihn, wirkt auf ihn wie das rote Tuch auf den Stier. Und gleich muß er die Schale des Mysteriums entfernen und zu dem Kern dringen, um zu wissen, wie und warum, – und dann ist es kein Mysterium mehr, sondern eine Verallgemeinerung und eine Tatsache, die wissenschaftlich bewiesen werden kann.«

 

Vieles der sich zuspitzenden Situation blieb den drei Hauptpersonen verschleiert. Graham wußte nichts von Paulas verzweifelten Anstrengungen, sich an ihren Mann zu klammern, der – von seinen Tausenden von Plänen und Projekten in Anspruch genommen – immer weniger von den Menschen sah, die sich in seinem Hause befanden. Er zeigte sich stets beim Lunch, konnte sich aber nur selten am Nachmittag seiner Gäste annehmen. Aus den zahllosen, langen Chiffretelegrammen aus Mexiko schloß Paula, daß es mit der Harvest-Gruppe sehr schlecht stand. Sie sah auch die Abgesandten der Leute, die das fremde Kapital in Mexiko repräsentierten, wenn sie im Großen Hause erschienen, um sich mit Dick zu besprechen.

»Ach, wie gern wollte ich, daß du nicht soviel zu tun hättest!« seufzte sie, als sie eines Vormittags um elf das Glück gehabt hatte, ihn allein anzutreffen, und jetzt auf seinen Knien saß.

Allerdings hatte sie ihn unterbrochen, als er gerade im Begriff gewesen war, einen Brief in das Diktaphon zu sprechen, und der Seufzer war durch ein diskretes Husten Bonbrights hervorgerufen, den sie mit mehreren Telegrammen in der Hand kommen sah.

»Kann ich dich nicht mit Duddy und Fuddy ein bißchen ausfahren, – wir beide, ganz allein«, bat sie.

Er schüttelte lächelnd den Kopf.

»Beim Lunch wirst du eine merkwürdige Konstellation vorfinden«, erklärte er. »Keiner braucht etwas davon zu wissen, aber dir will ich es erzählen.« Er dämpfte die Stimme, während Bonbright sich in passender Entfernung mit der Kartothek beschäftigte. »Es sind die Leute von der Tampico-Petroleum-Gesellschaft. Samuels, der Präsident von der Nacisco, in eigener Person, und Wishaar, der große Vertreter der Pearson-Brooks-Gruppe, der den Kauf der Ostküsten- und Tiuana-Zentralbahn in Ordnung brachte, und Matthewson – der große Führer der Palmerstonschen Interessen – und noch einige mehr. Es ist ein Beweis dafür, daß in Mexiko alles auf sehr schwachen Füßen steht, wenn alle diese Leute sich nicht mehr streiten und gemeinsam auftreten.

Weißt du, sie interessieren sich für Petroleum, aber ich bin auf meinem Gebiete ein großer Mann dort unten, und sie wollen, daß ich gemeinsame Sache mit ihnen mache. Ja, es sind große Dinge im Gange, und wir müssen schon zusammenhalten oder aus Mexiko weggehen. Und ich gestehe, daß ich, als sie mich nach dem Spektakel vor drei Jahren im Stich ließen, in meinem Zelt gesessen und den zornigen Achilles gespielt habe, bis sie jetzt zu mir gekommen sind.«

Er streichelte sie und nannte sie seine liebe kleine Frau, aber sie sah, daß seine Augen gleichzeitig ungeduldig das Diktaphon mit dem angefangenen Brief suchten.

»Und deshalb,« schloß er und preßte sie fester an sich, aber auf eine Art, die anzudeuten schien, daß ihre Zeit jetzt vorbei sei, und daß sie lieber gehen sollte, »und deshalb bin ich heute nachmittag besetzt. Keiner von ihnen übernachtet hier. Vor dem Mittagessen fahren sie wieder ab.«

Sie riß sich mit ungewöhnlicher Heftigkeit von ihm los und stand vor ihm mit blitzenden Augen, blassen Wangen und einem Ausdruck, als hätte sie einen großen Entschluß gefaßt und wollte ihm etwas sehr Wichtiges sagen. Aber in diesem Augenblick begann eine Glocke zu läuten, und er streckte die Hand nach dem Tischtelephon aus. Paula beugte mit einem kaum hörbaren Seufzer den Kopf, – und während Bonbright sich eifrig mit dem Telegramm näherte, konnte sie im Hinausgehen noch den Anfang des Telephongespräches ihres Mannes hören:

»Nein. Unmöglich. Er muß durchkommen, sonst kriegt er die Bestellung nicht. Der Kontrakt des Herrn war ganz wertlos ... Ja, ja, das würde vor jedem Gericht den Ausschlag geben. Ich werde dafür sorgen, daß Sie die Korrespondenz heute nachmittag um fünf in Ihrem Bureau haben.«

Weder Graham noch Paula konnten sich denken, daß Dick schon fühlte, was noch nicht geschehen war, aber geschehen konnte. Er hatte nicht die wenigen, aber bedeutungsvollen Worte Paulas unter den Eichen gehört, hatte auch nicht wie Graham ihren forschenden Blick in der Pergola gesehen. Dick hatte nichts gehört und nicht viel gesehen. Aber er fühlte doch allerlei, und zwar noch ehe Paula selbst ein sicheres Gefühl dessen hatte, was ihr später klar geworden war.

Das Handgreiflichste, worauf er sich stützen konnte, war der Abend, als er – obgleich in sein Bridge vertieft – doch bemerkt hatte, wie plötzlich sie nach dem »Zigeunerzug« den Flügel verlassen hatten; als sie dann zu ihm kamen, um ihn wegen seines Verlustes zu necken, und er sie mit einem unbesorgten Lächeln begrüßte, konnte er doch ein Gefühl nicht unterdrücken, daß in Paulas schelmischem Gesicht etwas Ungewöhnliches lag, und im selben Augenblick hatten seine lachenden Augen Graham, der neben ihr stand, gesucht und auch dort das Ungewöhnliche erblickt. Der Mann war aus dem Gleichgewicht, das hatte Dick sich damals gesagt. Aber warum? Bestand eine Verbindung zwischen dieser Tatsache und der, daß Paula so plötzlich vom Flügel aufgestanden war? Und während diese Gedanken ihm durch den Kopf flogen, hatte er über ihre heiteren Angriffe gelacht, hatte Karten gemischt und sein Sans Atout gewonnen.

Dennoch versuchte er sich immer wieder die Sinnlosigkeit und Undenkbarkeit klar zu machen, daß sein unklares Gefühl je Wirklichkeit werden sollte. Es war ein reines Raten, ein wahnsinniger Gedanke, durch die gleichgültigsten Umstände hervorgerufen, und zwar teilweise wohl deshalb, weil seine Frau und sein Freund beide so anziehend waren. Aber hin und wieder konnte er trotz Aufbieten seines ganzen Willens den Gedanken nicht von sich weisen: Warum hatten sie an jenem Abend nicht weiter gesungen? Warum hatte er das Gefühl gehabt, daß etwas geschehen war? Warum war Graham aus dem Gleichgewicht gewesen?

Auch Bonbright wußte, als ihm eines Vormittags eben vor dem Lunch ein Telegramm diktiert wurde, nicht, daß es Dick, der immer weiter diktierte, nach dem Fenster trieb, weil er leisen Hufschlag in der Einfahrt hörte. Es war nicht das erstemal, daß Dick in der letzten Zeit derart ans Fenster getreten war, um scheinbar gleichgültig nach den Reitern zu sehen, die sich nach ihrem Morgenritt schnell dem Bindebaum näherten. An diesem Morgen aber wußte er, ehe die ersten Gestalten zum Vorschein kamen, wer sie waren.

»Braxton ist in Sicherheit«, diktierte er in unverändertem Tonfall weiter, während sein Blick den Weg entlangschweifte, wo die Reiter auftauchen mußten. »Wenn es losgeht, kann er über die Berge nach Arizona kommen. Setzen Sie sich gleich mit Connors in Verbindung. Connors ist von Braxton instruiert und kommt morgen nach Washington. Teilen Sie mir alle Einzelheiten mit – Unterschrift.«

Durch die Einfahrt kamen Rehkalb und Altadena hufklappernd Seite an Seite. Dicks Erwartung bezüglich der Gestalten, die er sehen sollte, wurde nicht enttäuscht. Dahinter ertönten Rufe und Lachen und viele Hufschläge, aus denen er schließen konnte, daß die übrige Gesellschaft nicht fern war.

»Und das nächste Telegramm, Herr Bonbright, bitte nach dem Harvest-Code«, fuhr Dick ruhig fort, während er sich sagte, daß Graham kein besonderer Reiter sei, und daß er ihm ein schwereres Pferd als Altadena geben müsse.

»An Jeremy Braxton. Schicken Sie es auf beiden Wegen. Eines kommt vielleicht durch.«

 

Wieder verebbte die Flut von Gästen im Großen Hause, und es geschah mehrmals, daß die beiden Männer und Paula allein bei Tisch saßen. Und an solchen Abenden, wenn Graham und Dick eine Stunde lang, ehe sie zu Bett gingen, von ihren Erlebnissen erzählten, spielte Paula nicht mehr sanfte Melodien auf dem Klavier, sondern saß bei ihnen, stickte und lauschte ihren Worten.

»Ach ja,« lachte sie oft, »ich verstehe euch gut. Ihr seid beide gut geraten – physisch gut geraten, meine ich. Ihr seid widerstandsfähig, ausdauernd. Ihr könnt fertig werden, wo Männer mit weniger Widerstandsfähigkeit untergehen würden. Ihr könnt Fieber in Afrika bekommen, kommt aber durch und begrabt die anderen. Ein anderer kriegt Lungenentzündung in Cripple Creek und streckt die Nase in die Luft, ehe ihr ihn wieder nach dem Süden geschafft habt. Warum habt ihr nicht Lungenentzündung gekriegt? Weil ihr würdiger wart als er? Weil ihr tugendhafter gelebt habt? Weil ihr vorsichtiger wart, wenn es galt, die Gefahr zu meiden und bessere Maßregeln traft?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Nein, weil ihr glücklicher wart, – ich meine durch Geburt, Konstitution und Widerstandsfähigkeit. Dick begrub seine drei Steuermänner und drei Maschinisten bei Guayaquil. Gelbes Fieber. Warum hat der Gelbfieberbazillus nicht Dick totgeschlagen? Und dasselbe gilt Ihnen, mein breitschulteriger, weitbrüstiger Herr Graham. Warum starben Sie nicht auf Ihrer letzten Reise in den Sümpfen wie Ihr Photograph? Gestehen Sie, wieviel wog er, wie breit waren seine Schultern? Wie weit sein Brustumfang? Wie gering seine Widerstandskraft?«

»Er wog 120 Pfund«, gab Graham bedauernd zu. »Aber er sah anfangs stark und gesund aus. Daß er ein kleiner, zarter Mann war, tat es nicht. Die Kleinen sind oft die Zähesten, wenn alles andere sich sonst ausgleicht. Aber Sie haben doch auf die eigentliche Ursache hingewiesen. Er hatte keine Widerstandskraft; du weißt, was ich meine, Dick.«

»Ihr wißt ja gut, wo ich hinaus will!« fuhr Paula fort. »Nehmen wir euch beide. Keiner von euch ist noch diesseits der Vierzig. Ihr seid keinem Abenteuer aus dem Wege gegangen. Ihr habt Strapazen und Mühen erlebt, denen andere früher oder später erlegen wären. Ihr habt eure Freuden gehabt und eure Dummheiten gemacht. Ihr habt die Erde von einem Ende bis zum anderen kennengelernt. Ihr habt euch tüchtig in der Welt umgesehen –«

»Und es toll getrieben«, fiel Graham lachend ein.

»Und tief in den Becher geguckt«, fügte Paula hinzu. »Und nicht einmal der Alkohol hat euch ausgebrannt. Ihr wart zu zäh. Ihr trankt die andern unter den Tisch oder ins Krankenhaus oder ins Grab und gingt selbst euern strahlenden Gang, ein Lied auf den Lippen und mit unverdorbenem Zellengewebe, ja, sogar ohne Katzenjammer. Denn ihr seid eben gut geraten. Eure Muskeln sind Vollblutmuskeln, eure Lebensorgane Vollblutorgane. Und all dem entspringt eure Vollblutphilosophie. Deshalb seid ihr so nüchtern, predigt und übt Realismus und schiebt geringere und weniger glückliche Geschöpfe beiseite.«

»Und deshalb predigt ihr das Evangelium der Starken«, fuhr Paula fort. »Wäret ihr Schwächlinge, so würdet ihr das Privilegium der Schwachen gepredigt und die andere Wange hingereicht haben. Aber ihr, ihr zwei muskelstarken Kämpen, – wenn jemand euch schlägt so reicht ihr ihm nicht die andere Wange hin.«

»Nein«, unterbrach Dick sie ruhig. »Wir brüllen sofort: Hau' ihm den Kopf ab! Und dann tun wir es.«

Und während das Gespräch sie an alle möglichen Stellen der Erde führte, stickte Paula weiter und betrachtete die beiden starken Männer, bewundernd und grübelnd, ohne die Sicherheit, die sie beide besaßen, aber mit dem Gefühl, daß Ansichten, an denen sie selbst viele Jahre festgehalten, und die einen Teil ihres Selbst ausgemacht hatten, ihr entgleiten wollten.

Später am Abend verlieh sie ihrem Ärger Ausdruck.

»Das Merkwürdigste dabei ist,« sagte sie, eine zufällige Bemerkung Dicks aufgreifend, »daß zuviel Philosophieren über das Leben einen nur noch mehr verwirrt. Eine philosophische Atmosphäre ist verwirrend – jedenfalls für eine Frau. Man hört so viel für und wider, daß man schließlich gar nicht mehr weiß, woran man ist. Mendenhalls Frau zum Beispiel ist lutherisch. Sie zweifelt an nichts auf der Welt. Alles steht für sie bestimmt und unerschütterlich fest. Von Sternenstaub und Eiszeiten weiß sie nichts, und täte sie es, so würde das nicht im geringsten die Regeln verändern, nach denen Mann und Frau ihr Leben in dieser Welt und im Verhältnis zur anderen ordnen sollten.

Aber hier, bei uns, sitzt ihr beide und hämmert auf eure eigene Lebensanschauung los. Die Folge ist, daß keine menschliche Erkenntnis einem etwas Wirkliches gibt. Nichts ist richtig, nichts ist falsch. Man treibt ohne Kompaß, Ruder und Seekarte auf einem Meer von Vorstellungen. Soll ich da mitmachen? Soll ich mich fernhalten? Frau Mendenhall hat gleich die Antwort für alle derartigen Fragen zur Hand. Aber die Philosophen?«

Paula schüttelte den Kopf.

»Nein, die haben nichts als Ideen. Sie fangen gleich an, davon zu reden, und sie reden und reden, ohne, trotz all ihrer Spitzfindigkeit, zu einem Ergebnis zu gelangen. Und ich – ich bin ebenso töricht. Ich lausche und lausche und rede und rede, wie jetzt zum Beispiel, ohne je überzeugt zu werden. Wir haben kein Beweismittel –«

»Doch,« antwortete Dick, »das alte, ewige Beweismittel der Wahrheit – wirkt es?«

»Ja, jetzt kommst du wieder mit deinem Realismus«, lächelte Paula. »Und Dar Hyal wird mit ein paar großen Gesten und schönen Worten beweisen, daß aller Realismus Illusion ist; und Terrence wird nachweisen, daß der Realismus etwas Schmutziges ist, das die Sache gar nichts angeht, bestenfalls in keiner Verbindung mit ihrem eigentlichen Kern steht; Hancock, daß der Bergsonsche Himmel der vollkommene Realismus, nur viel feiner als der deine ist, und Leo, daß es nur eines auf der Welt gibt, das wirklich ist: Schönheit, und daß die im Grunde gar nicht Realismus, sondern der Schmuck des Lebens ist.«

 

»Wie steht es, Rote Wolke, willst du heute nachmittag mit mir ausreiten?« fragte Paula ihren Mann. »Feg' dir die Spinnweben aus dem Kopf und laß Rechtsanwälte, Minen und alles andere schießen.«

»Ich möchte wirklich gern, Paula«, antwortete er. »Aber ich kann nicht. Ich muß mit dem Auto nach Buckeye. Gerade eben vor dem Lunch bekam ich den Bescheid. Es ist etwas mit dem Deich in Unordnung. Der Grund muß an einer Stelle schlecht gewesen sein, was durch eine tüchtige Sprengung herausgekommen ist. Was hilft es, daß man einen guten Deich baut, wenn das Wasser darunter wegläuft.«

Als Dick drei Stunden später aus Buckeye zurückkam, bemerkte er, daß Paula und Graham zum erstenmal allein ausgeritten waren.

 

Wainwrights und Coghlans machten eine Autofahrt nach dem Russian River und stiegen unterwegs einen Tag im Großen Hause ab, was Paula veranlaßte, die ganze Gesellschaft mit dem vierspännigen Jagdwagen in die Los Banos-Berge zu fahren. Da sie schon morgens fuhren, konnte Dick nicht mitkommen, wenn er auch Blake mitten in der Arbeit stehen ließ, um sie abfahren zu sehen. Er vergewisserte sich, daß Geschirr und Leinen in bester Ordnung waren, und ließ die Gesellschaft die Plätze tauschen, weil er wollte, daß Graham neben Paula auf dem Bock säße.

»Es muß ein starker Mann neben Paula sitzen, um ihr zu helfen, wenn es Schwierigkeiten geben sollte«, erklärte Dick. »Ich habe schon mal erlebt, daß eine Bremse versagte, wenn es bergab ging, und das war nicht angenehm für die Fahrgäste. Ein paar von ihnen brachen sich das Genick.«

Paula bedeutete durch ein Kopfnicken den Stallknechten, daß sie die Köpfe der Pferde loslassen sollten, fühlte, wie die Zügel ihr in der Hand lagen, und straffte und lockerte sie, damit die vier Pferde gleichmäßig anzogen.

In der babylonischen Verwirrung der lustigen Abschiedsgrüße, die auf Dick herabregneten, dachte keiner der Gäste an etwas anderes, als daß es ein strahlender Morgen war, daß sie einen frohen Tag vor sich hatten, und daß er ein liebenswürdiger Wirt war, der ihnen viel Vergnügen wünschte. Aber obgleich es für Paula ein großes Erlebnis hätte sein sollen, mit vier solchen Pferden zu fahren, wurde sie doch von einer unklaren Traurigkeit bedrückt, die ihren Grund teilweise darin hatte, daß Dick zu Hause blieb. Bei dem Anblick von Dicks heiterem Gesicht hatte sich in Graham das Gewissen geregt, und er sagte sich, daß er, statt hier neben dieser einen Frau zu sitzen, eiligst mit Eisenbahn und Dampfer nach der anderen Seite des Erdballs fliehen sollte.

Aber im selben Augenblick, als Dick sich umwandte und ins Haus schritt, verschwand die Heiterkeit von seinem Gesicht. Es war wenige Minuten vor zehn, als er seine Briefe diktiert hatte und Blake aufstand, um zu gehen. Blake zögerte einen Augenblick und sagte verlegen:

»Ich sollte Sie an die Korrektur Ihres Buches über das Kurzhornvieh erinnern. Gestern wurde wieder telephoniert, daß es eilig sei.«

»Ich habe keine Zeit, sie selbst zu lesen«, antwortete Dick. »Wollen Sie so gut sein, für das Typographische zu sorgen und die Korrektur dann Manson zu geben, daß er sie noch einmal durcharbeitet.«

Bis elf Uhr empfing Dick dann verschiedene Verwalter und Betriebsleiter, aber erst viertel nach elf wurde er mit Pitts fertig, der gekommen war, um einen Entwurf für den Katalog der großen Viehauktion mit ihm zu besprechen, die auf dem Gute abgehalten werden sollte. Dann erschien Bonbright mit seinen Telegrammen, und ehe sie damit fertig waren, war es Zeit zum Lunch.

Dick, der jetzt zum erstenmal allein war, seitdem die Gesellschaft abgefahren war, begab sich in seine Schlafveranda. Er trat zu den Barometern und Thermometern an der Wand, obwohl nicht sie es waren, die er um Rat fragen wollte, sondern das junge Frauenantlitz, das ihn aus dem runden Holzrahmen anlachte.

»Paula, Paula«, sagte er laut. »Willst du nach allen diesen Jahren dir und mir eine Überraschung bereiten? Verlierst du den Kopf, jetzt, da wir schon ein achtbares, älteres Ehepaar werden wollen?«

Er legte Gamaschen und Sporen an, um gleich nach dem Lunch auszureiten, und faßte die Gedanken, die ihn beschäftigt hatten, als er die Riemen zuschnallte, in folgende Worte zusammen, die er an das Bild an der Wand richtete.

»Ehrliches Spiel«, murmelte er. Und dann, sich zum Gehen anschickend, fügte er hinzu: »Freie Bahn und keine Begünstigung ... keine Begünstigung.«

 

»Ich muß jetzt wirklich bald abreisen, sonst kann ich mich gleich von Ihnen als Philosoph im Madroño-Hain anstellen lassen«, sagte Graham lächelnd zu Dick.

Es war die Zeit, da die Leute sich zum Cocktail versammelten, aber außer Paula war Graham der einzige von der Gesellschaft, der schon erschienen war.

»Als ob die Philosophen zusammen auch nur ein einziges Buch zustande bekämen!« wandte Dick ein. »Lieber Gott, Mensch, Sie müssen Ihr Buch hier fertig schreiben. Ich habe Sie dazu veranlaßt und muß nun auch dafür sorgen, daß Sie es schaffen.«

Paulas Aufforderung an Graham, zu bleiben, – diese in konventionellen Wendungen gehaltene Aufforderung – ertönte wie Musik in Dicks Ohren. Sein Herz klopfte heftig. Hatte er sich vielleicht trotz allem geirrt? Für zwei so kluge, nicht mehr junge Menschen wie Paula und Graham war eine derartige Dummheit völlig sinnlos und undenkbar.

»Laßt uns auf das Buch trinken«, sagte er. Dann wandte er sich anerkennend zu Paula: »Das ist ein guter Cocktail! Paul, du übertriffst dich selber. Oh Freud kann es dir nicht abgucken. Seine Cocktails sind nicht mit den deinen zu vergleichen. Ja, bitte, noch einen.«

 

Graham ritt allein durch die mit Riesentannen bewachsenen Cañons in die Berge, die das Gut umgaben. Er saß auf Selim, dem rabenschwarzen Wallach, den Dick ihm statt der leichteren Altadena gegeben hatte. Wie er den Waldweg hinabritt, wurde er immer vertrauter mit dem Tier, seiner Gutmütigkeit, Schelmerei und Zuverlässigkeit, und er trällerte den »Zigeunerzug« und ließ die Worte seine Gedanken führen, wohin sie wollten. Eine Stunde später entschloß er sich zur Umkehr bei einer Biegung des Cañons, von wo aus der Weg, wie er wußte, steil und mühsam über die Wasserscheide ging.

Selim wieherte. Ganz in der Nähe antwortete ein anderes Wiehern. Der Weg war breit und gut, so daß Graham sein Pferd zum Trab anspornte, einen weiten Bogen beschrieb und Paula, die auf Rehkalb saß, traf.

»Hallo!« rief er. »Hallo! Hallo!«

Sie hielt ihr Pferd an, bis er neben ihr war.

»Ich wollte gerade umkehren«, sagte sie.

Und Graham, der ihr Profil, die goldbraune Haarkrone und den herrlichen Hals sah, fühlte den alten, brennenden Schmerz und die alte Sehnsucht. Ihre Nähe wirkte fast berauschend auf ihn. Wie sie in ihrem rehfarbenen Reitkleid neben ihm saß, tauchten die Bilder ihrer Gestalt in all den verschiedenen Situationen vor ihm auf, in denen er sie gesehen hatte, – wie sie auf Bergkönig im Bassin geschwommen war, wie sie ihren Sprung aus zwölf Meter Höhe gemacht hatte, wie sie in dem mattblauen, wie ein mittelalterliches Gewand wirkenden Kleid durch den langen Raum geschritten war.

»Woran denken Sie?« brach sie plötzlich in seine Träumerei ein.

Er antwortete ohne das geringste Zögern.

»Ich danke Gott für eines: Sie haben Dick nicht ein einziges Mal erwähnt.«

»Haben Sie ihn denn nicht gern?«

»Seien Sie aufrichtig,« sagte er, fast streng. »Eben, weil ich ihn gern habe, – sonst ...«

»Was sonst?« fragte sie.

Ihre Stimme klang mutig, aber sie sah vor sich nieder auf die gespitzten Ohren Rehkalbs.

»Sonst begreife ich nicht, warum ich bleibe. Ich hätte längst abreisen müssen.«

»Warum?« fragte sie, immer noch den Blick auf die Ohren des Pferdes geheftet.

»Seien Sie aufrichtig, seien Sie aufrichtig«, sagte er eindringlich. »Zwischen Ihnen und mir bedarf es keiner Worte, damit wir uns verstehen.«

Sie sah ihm frei ins Gesicht, ohne ein Wort zu sagen. Aber ihre Wange wurde von einer warmen Röte überzogen. Die Hand, die die Peitsche hielt, hob sich, als wollte sie sie gegen ihr Herz drücken, aber sie ließ sie wieder sinken. Er sah in ihren Augen einen Ausdruck, der ängstlich und glücklich zugleich war. Ein Irrtum war nicht möglich, – es war Angst, aber auch Freude. Und er, der wußte, was zu wissen nur wenigen Männern gegeben ist, nahm den Zügel in die andere Hand, lenkte sein Pferd dicht neben das ihre, schlang den Arm um sie und zog sie an sich, während die Pferde unter ihnen schaukelten, und Knie an Knie, Mund an Mund begegnete ihr Sehnen sich in einem langen Kuß.

Aber im nächsten Augenblick hatte sie sich losgerissen. Ihr Gesicht war leichenblaß, und ihre Augen flammten. Sie hob die Reitpeitsche, um ihn zu schlagen, traf aber statt dessen ihr erschrockenes Pferd. Gleichzeitig jagte sie dem Tier beide Sporen mit einer Heftigkeit in die Seite, daß es stöhnend davongaloppierte.

Er lauschte dem gedämpften Hufschlag auf dem Waldboden, ihm schwindelte im Sattel, so heftig pochte das Blut in seinen Adern. Als der letzte Hufschlag verklungen war, ließ er sich vom Pferde gleiten und setzte sich auf einen bemoosten Stein. Er war schwer betroffen, schwerer, als er je für möglich gehalten, bis zu dem Augenblick, da er sie in seinen Armen gehalten. Nun wohl, die Würfel waren gefallen.

Er richtete sich so plötzlich auf, daß Selim ängstlich wurde und schnaufend so weit zurücksprang, wie der Zügel es zuließ.

Was geschehen, war völlig unvorbereitet gekommen. Es war etwas Unvermeidliches, das kommen mußte. Er hatte es selbst nicht gewollt, obgleich er jetzt wußte, daß er seine Abreise aufgeschoben und sich vom Strom hatte treiben lassen, damit es geschähe. Und wenn er jetzt abreiste, änderte er nichts mehr daran. Deutlicher als mit Worten, mit ihrem Mund an dem seinen, der noch von der Erinnerung an ihren Kuß zitterte, hatte sie es ihm erzählt.

Er legte zärtlich seine Hand auf das Knie, das das ihre berührt hatte, dankbar und demütig, wie der wahre Liebende immer ist: wunderbar war es, daß ein so wunderbares Weib ihn wirklich liebte.

Er stand auf, machte Miene, Selim zu besteigen, der sich das Maul an seiner Schulter rieb, hielt aber inne, um wieder zu grübeln.

Jetzt konnte er nicht mehr abreisen, – das war ein für allemal entschieden. Er hatte Pflichten gegen Dick, gewiß. Er hatte aber auch Pflichten gegen Paula, – und durfte er nach dem Vorgefallenen noch abreisen – wenn nicht ... wenn nicht mit ihr? Wahrlich, solange das Gesetz der Liebe bestimmte, daß zwei Männer ein und dieselbe Frau lieben konnten, und daß es folglich unter drei Menschen sofort zum Verrat kommen mußte, – wahrlich, so lange war der Verrat gegen den Mann das kleinere Übel als der gegen das Weib.

Einer von ihnen mußte leiden. Aber das Leben war Leiden. Glück im Leben zu haben hieß, das Leiden auf das geringste Maß zu reduzieren. Das war auch Dicks Auffassung – Gott sei Dank! Alle drei hatten sie dieselbe Lebensanschauung, und die Situation war keineswegs neu.

In zahllosen Fällen, in zahllosen Generationen, war immer, wenn drei Menschen in die gleiche Lage geraten waren, irgendeine Lösung gefunden worden. Auch diese Schwierigkeit würde gelöst werden. Im Verhältnis der Menschen zueinander gab es immer eine Lösung.

 

Erst beim Dinner sah Graham Paula wieder, und da war sie ganz wie sonst. Sie war ganz und gar die Herrin vom Großen Hause, und selbst als ihre Augen zufällig den seinen begegneten, waren sie ruhig, unbesorgt, ohne das Geheimnis, das zwischen ihnen bestand, auch nur im geringsten zu berühren. Was die Situation erleichterte, war der Umstand, daß neue Gäste, Freunde und Freundinnen von ihr und Dick, gekommen waren und einige Tage bleiben wollten.

Am nächsten Morgen traf er diese Gäste und Paula am Flügel im Musikzimmer.

»Singen Sie nicht, Herr Graham?« fragte ein Fräulein Hoffmann.

Sie war Redakteurin einer San Franciscoer Frauenzeitung, wie Graham gehört hatte.

»Ach, göttlich«, versicherte er ihr. »Finden Sie nicht, gnädige Frau?« wandte er sich an Frau Forrest.

»Aber gewiß«, lächelte Paula, »wenn nicht aus einem anderen Grunde, so, weil Sie die Freundlichkeit haben, mich zu übertönen.«

»Und jetzt brauchen wir nur noch die Richtigkeit unserer Behauptung zu beweisen«, sagte er. »Wir sangen neulich abend ein Duett,« – er blickte Paula an, als wartete er auf ein Zeichen von ihr – »es lag besonders gut für meine Stimme.«

Wieder warf er ihr einen hastigen Blick zu, aber sie ging nicht auf seinen Wunsch ein. »Die Noten sind im Wohnzimmer. Ich werde sie holen.«

»Es ist der ›Zigeunerzug‹, ein wundervolles Lied«, hörte er sie zu den anderen sagen, als er hinausging.

Und während er sang, dachte er, – und er wußte, daß auch Paula es tat, – an das andere Duett, das in ihren Herzen ertönte, ohne daß eine von den Damen, die am Schluß des Liedes laut ihren Beifall kundgaben, das geringste davon ahnte.

»Sie haben es sicher noch nie so gut gesungen«, sagte er zu Paula. Denn er hatte einen neuen Klang in ihrer Stimme gehört. Sie war voller, runder gewesen, diese singende Kehle hatte alles hergegeben.

* * *

 

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