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Die Herrin des Großen Hauses

Jack London: Die Herrin des Großen Hauses - Kapitel 6
Quellenangabe
authorJack London
titleDie Herrin des Großen Hauses
publisherUniversitas. Deutsche Verlags-Aktiengesellschaft
yearo.J.
firstpub1929
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171107
projectidc148df6b
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Paula kannte die Zeiteinteilung ihres Mannes. Auf der Rückseite des Notizbuches, das immer auf ihrem Nachttisch lag, hatte sie in Geheimschrift verzeichnet, daß er um halb sieben Kaffee trank, bis dreiviertel neun mit Korrektur oder Büchern im Bett zu finden war, wenn er nicht ausritt, daß er von neun bis zehn nicht zu sprechen war, weil er dann Blake seine Korrespondenz diktierte, und vor zehn und elf nicht, weil er Besprechungen mit seinen Verwaltern und Betriebsleitern hatte, wobei Bonbright, der zweite Sekretär, die kurzen Blitzinterviews mitstenographierte.

Um elf konnte sie, wenn nicht unerwartete Telegramme oder Geschäfte dazwischen kamen, Dick für ein Weilchen allein antreffen, wenn er auch unweigerlich beschäftigt war. Als sie durch das Arbeitszimmer des Sekretärs kam, konnte sie aus dem Klappern einer Schreibmaschine schließen, daß jedenfalls ein Hindernis beseitigt war. In der Bibliothek sah sie Bonbright ein Buch für Manson, den Leiter der Viehzucht, heraussuchen und wußte somit, daß Dick seine Besprechungen mit den Verwaltern beendet hatte.

Sie drückte auf den Knopf, so daß eines der vollen Bücherregale sich drehte und die winzige, eiserne Wendeltreppe, die zu Dicks Arbeitszimmer führte, sichtbar wurde. Oben angekommen, drückte sie wieder auf einen Knopf, wodurch sich ein ähnliches Bücherregal drehte, und schlüpfte geräuschlos in das Zimmer. Ein ärgerlicher Ausdruck glitt über ihr Gesicht, als sie die Stimme Jeremy Braxtons hörte. Sie blieb stehen, ohne recht zu wissen, was sie tun sollte, und ohne zu sehen oder gesehen zu werden.

»Wenn wir die Mine unter Wasser setzen,« sagte der Minendirektor, »kostet es ein Vermögen, sie wieder auszupumpen. Und es wäre ein Jammer und eine Schande, die alte Harvest-Gruppe auf die Weise zu ersäufen.«

»Aber die Bücher vom vorigen Jahre zeigen, daß wir positiv mit Verlust gearbeitet haben«, hörte sie Dick antworten. »Jeder Bandit aus Huerta bis zum geringsten Lumpen und Pferdedieb herab hat uns geprellt. Das wird mir jetzt ein bißchen zu bunt – Extrasteuern an Banditen, Revolutionäre und Föderierte. Es ginge ja noch an, wenn man nur ein Ende absehen könnte, aber wir haben keine Garantie dafür, daß diese Belästigungen nicht zehn oder zwanzig Jahre dauern.«

»Aber dennoch, die alte Harvest-Gruppe – der Gedanke, sie zu ersäufen!« protestierte der Direktor.

»Denken Sie an Villa«, antwortete Dick mit einem Lachen, dessen bitterer Beiklang Paula nicht entging. »Wenn er siegt, sagt er, will er das ganze Land unter den Eingeborenen aufteilen. Das Erste wären logischerweise unsere Minen. Wieviel, glauben Sie, haben wir der Verfassungspartei letztes Jahr zahlen müssen?«

»Über hundertzwanzigtausend«, antwortete Braxton ohne Zögern. Ungerechnet die fünfzigtausend in reinem Gold, die Torenas bekam, ehe er sich zurückzog. Er ließ sein Heer in Guymas sitzen und brannte mit dem Geld nach Europa durch, – das schrieb ich Ihnen ja alles.«

»Wenn wir den Betrieb aufrechterhalten, Jeremy, so prellen die Kerle uns bis in alle Ewigkeit, Amen! Ich glaube, es ist am besten, wir ersäufen die Geschichte. Sind wir tüchtiger als die Bande, wenn es gilt, Reichtümer zu schaffen, so wollen wir ihnen auch zeigen, daß wir den Reichtum auch ebenso leicht vernichten können.«

»Das hab' ich ihnen schon gesagt. Und sie lächeln und wiederholen, daß ein solches freiwilliges Opfer den revolutionären Führern, – womit sie sich selber meinen, – sehr willkommen sein würde. Lieber Gott! Ich habe ihnen gezeigt, was wir geleistet haben. Feste Arbeit für fünftausend Eingeborene. Der Lohn ist von zehn Centavos auf hundertzehn täglich gestiegen. Und immer dasselbe Lächeln, dasselbe Jucken in den Fingern und dasselbe Geschwätz, wie lieb ihnen ein freiwilliges Opfer für die heilige Sache der Revolution sein würde. Weiß Gott, der alte Diaz war ein Räuber, aber doch ein anständiger. Ich sagte zu Arranzo: ›Wenn wir die Arbeit niederlegen, werden fünftausend Mexikaner brotlos, – was sollen wir mit ihnen anfangen?‹ Und Arranzo lächelte und antwortete sofort: ›Mit ihnen anfangen? Ei, geben Sie ihnen Gewehre und lassen Sie sie Mexico-City erobern.‹«

Paula konnte im Geiste Dicks ärgerliches Achselzucken sehen, als er antwortete:

»Das Dumme ist, daß das Gold da ist und wir die einzigen sind, die es herausbuddeln können. Die Mexikaner können es nicht. Die sind zu dumm dazu; aber sie beuteln uns gründlich aus. Da ist nur eines zu machen, Jeremy: Wir kümmern uns ein paar Jahre nicht darum, ob wir etwas verdienen oder nicht, entlassen die Leute und halten nur Maschinen und Pumpwerk in Gang.«

»Das gab ich Arranzo auch zu verstehen«, antwortete Jeremy Braxton. »Und was antwortete er? Wenn wir die Eingeborenen entließen, so würde er dafür sorgen, daß die Maschinisten auch die Arbeit niederlegten, so daß die Mine ersöffe, und dann könnten wir zum Teufel gehen. Nein, das letzte sagte er nicht. Er lächelte nur, aber das meinte er mit seinem Lächeln. Ich hätte die größte Lust gehabt, ihm den Hals umzudrehen, dem gelben Biest, aber dann wäre nur ein anderer Patriot am nächsten Tage im Kontor erschienen, um uns noch kräftiger zur Ader zu lassen. So kriegte Arranzo denn seinen ›Bissen‹, und außerdem ließ er, – ehe er sich mit der Hauptmacht bei Juarez vereinigte, – seine Leute dreihundert von unseren Mauleseln im Wert von dreißigtausend Dollar nehmen, und das, obwohl ich ihn gespickt hatte. Der gelbe Schurke.«

»Wer ist augenblicklich der Anführer der Revolutionäre in unserm Minendistrikt?« hörte Paula ihren Mann mit einem der plötzlichen Übergänge fragen, die, wie sie längst wußte, bedeuteten, daß er im Begriff stand, die vielen Fäden einer Situation zusammenzufassen und zur Tat überzugehen.

»Raoul Bena.«

»Welchen Rang hat er?«

»Oberst, – er hat etwa siebzig Banditen.«

»Was hat er früher gemacht?«

»Schafe gehütet.«

»Schön.« Dick sprach schnell und scharf. »Wir sind gezwungen, Komödie zu spielen. Werden Sie Patriot! Fahren Sie so schnell wie irgend möglich wieder hin! Bestechen Sie diesen Raoul Bena! Er wird die Komödie durchschauen, oder er wäre kein Mexikaner. Bestechen Sie ihn und sagen Sie ihm, daß Sie ihn zum General – zu einem neuen Villa machen wollen.«

»Herrgott, aber wie?« fragte Jeremy Braxton.

»Indem Sie ihn an die Spitze eines Heeres von fünftausend Mann stellen. Lassen Sie die Leute laufen. Er mag Freiwillige aus ihnen machen. Uns kann nichts geschehen, denn Huerta ist zum Tode verurteilt. Erzählen Sie ihm, daß Sie ein echter Patriot sind. Geben Sie jedem Mann ein Gewehr. Erzählen Sie den Leuten, daß sie sämtlich ihre Stellungen wieder kriegen, wenn der Krieg vorbei ist. Lassen Sie sie und Raoul Bena mit Ihrem Segen abziehen. Halten Sie nur die Pumpenmannschaft zurück. Und wenn es nötig werden sollte, können wir die alte Harvest-Gruppe immer noch ersäufen.«

Paula lächelte, als sie hörte, wie Dick die Frage löste, und schlüpfte leise über die Wendeltreppe wieder ins Musikzimmer. Sie war etwas verstimmt, aber nicht über die Situation der Harvest-Gruppe. Solange sie verheiratet war, hatte es immer Unruhen mit den mexikanischen Minen gegeben, die Dick geerbt hatte. Ihre Verstimmung rührte daher, daß sie ihm nicht hatte guten Morgen sagen können, schwand jedoch schnell, als sie Graham traf, der mit Ware beim Klavier stehen geblieben war, aber, als er sie kommen sah, Miene machte, zu gehen.

»Laufen Sie nicht weg«, bat sie, »Wenn Sie bleiben, werden Sie einen Fleiß erleben, der Sie anspornen wird, mit dem Buch anzufangen, von dem Dick mir erzählt hat.«

 

Beim Lunch verriet Dicks Gesicht nichts von den Sorgen, die die Harvest-Gruppe ihm machte, und ebensowenig hätte man erraten können, daß der Besuch Jeremy Braxtons etwas anderes und weniger Angenehmes zu bedeuten hatte, als Bericht über ständigen Gewinn abzulegen. Obwohl Adolph Weil mit dem Morgenzuge abgereist war, woraus zu schließen war, daß seine Geschäfte mit Dick zu unerhört früher Stunde erledigt worden waren, – sah Graham doch gleich, daß mehr Gäste als je am Tische saßen. Außer einer Frau Tully, einer starken, älteren und bebrillten Dame, die ihrem Aussehen nach der guten Gesellschaft angehörte, und aus der Graham nicht recht klug werden konnte, waren drei Herren neu hinzugekommen, über die er gleich einiges erfuhr: ein Herr Gulhuss, staatlicher Tierarzt, ein Porträtmaler namens Deacon, der offenbar einen guten Namen in Kalifornien hatte, und ein gewisser Kapitän Lester, der zurzeit ein Pazifik-Postschiff führte, aber vor fast zwanzig Jahren als Schiffer für Dick gefahren und sein Lehrmeister gewesen war.

Die Tafel war aufgehoben, und Braxton sah auf die Uhr, als Dick sagte:

»Jeremy, ich möchte Ihnen gern etwas zeigen, das ich vorhabe. Wir wollen gleich hingehen. Sie haben Zeit genug dazu auf dem Wege zum Bahnhof.«

»Wir wollen alle mitgehen«, schlug Paula vor. »Ich möchte es schrecklich gern sehen, Dick hat solch ein Geheimnis daraus gemacht.«

Dick nickte zustimmend, und im nächsten Augenblick gab sie schon Bescheid wegen der Automobile und Reitpferde.

»Was ist es denn?« fragte Graham, als sie fertig war.

»Ach, einer von Dicks Einfällen. Es handelt sich um eine Erfindung. Er behauptet, sie würde die Landwirtschaft reformieren, das heißt, die Kleinwirtschaft. Ich weiß ungefähr, was es ist, habe es aber noch nicht angewandt gesehen.«

»Es ist Milliarden wert ... wenn es geht«, lächelte Dick. »Milliarden für alle Bauern der Welt und vielleicht ein paar Prozente für mich ... wenn es geht.«

»Aber was ist es denn?« fragte O'Hay. »Musik im Kuhstall, damit die Kühe sich bereitwilliger melken lassen?«

»Jeder Bauer sein eigener Pflüger, während er auf seiner Veranda sitzt«, sagte Dick lustig. »Aber warten Sie, bis Sie es sehen. Gulhuss, es ist ein Versuch, mir selbst das Geschäft zu verderben, denn wenn es geht, bedeutet es, daß jeder Bauer mit einer Wirtschaft von zehn Morgen von jetzt an sein Pferd sparen kann.«

In Autos und zu Pferde legten sie mehr als eine Meile zurück, bis sie die Meierei hinter sich hatten. Vor sich sahen sie ein eingezäuntes, quadratisches Feld, das nach Dicks Aussage genau zehn Morgen groß war.

»Sehen Sie«, sagte er, »die Arbeit von einem Mann und einem Pferd, und der Bauer sitzt auf der Veranda. Bitte, denken Sie, Sie säßen auf der Veranda.«

Mitten auf dem Felde stand ein starker, mindestens sechs Meter hoher Stahlmast, der ganz unten mit Pardunen befestigt war. Von einer an der Mastspitze befestigten Trommel lief ein dünnes Stahlseil bis zur Steuerung eines kleinen Benzintraktors am Rande des Feldes. Neben dem Traktor standen zwei Mechaniker, die jetzt auf einen Befehl von Dick den Motor anließen.

»Hier ist die Veranda«, sagte Dick. »Jetzt brauchen Sie sich nur vorzustellen, daß wir als Bauern der Zukunft hier im Schatten sitzen und unsere Zeitung lesen, während das Pflügen ohne Mannschaft und ohne Pferde erfolgt.«

Während die Trommel an der Mastspitze das Stahlseil aufrollte, erzeugte der Traktor eine einzelne Pflugfurche, die einen Kreis oder vielmehr eine Spirale um das Feld herum beschrieb.

»Kein Pferd, kein Kutscher, kein Pflüger, nichts, als daß der Bauer den Traktor in Gang zu setzen braucht«, sagte Dick triumphierend, während der seltsame Apparat weiter die braune Ackerkrume aufwarf und seine Spirale der Mitte des Feldes zu zog. »Pflügen, eggen, trommeln, säen, düngen und ernten: alles von der Veranda aus. Und wo der Bauer Strom von einer Kraftstation beziehen kann, braucht er oder seine Frau nur auf den Knopf zu drücken, und dann kann er sich wieder an seine Zeitung und sie sich in ihre Küche begeben.«

»Damit es ganz vollkommen ist, fehlt jetzt nur noch, daß man den Kreis zum Quadrat macht«, sagte Graham begeistert.

»Ja,« sagte Gulhuss, »ein Kreis auf einem quadratischen Feld bedeutet natürlich, daß eine gewisse Anzahl Morgen vergeudet wird.«

»Gewiß!« gab Dick zu. »Aber irgendwo auf seinen zehn Morgen muß der Bauer ja auch seine Veranda haben. Und Veranda, das heißt wieder Haus, Scheuer, Hühnerhof und die sonstigen Wirtschaftsgebäude. Ausgezeichnet! Laßt ihn nur mit der Tradition brechen und das alles statt mitten auf seine zehn Morgen auf die drei bauen, die dabei abfallen. Am Rande kann er seine Obst- und Schattenbäume pflanzen.«

»Was kostet die Geschichte denn?« fragte Jeremy Braxton.

»Augenblicklich können wir es mit einem angemessenen Verdienst für fünfhundert liefern und installieren. Wird es allgemein eingeführt, so kann der Preis bei modernen Herstellungsmethoden auf dreihundert heruntergebracht werden. Aber sagen wir: fünfhundert. Und wenn man fünfzehn Prozent für Zinsen und Abschreibung rechnet, so kostet es die Bauern fünfundsiebzig Dollar jährlich. Aber welcher Landwirt kann sich für fünfundsiebzig Dollar ein Pferd halten? Und außerdem erspart es ihm an Arbeitskraft – eigener oder fremder – bei allerniedrigster Berechnung zweihundert Dollar jährlich.«

»Aber wie wird der Apparat gelenkt?« fragte Rita.

»Durch die Trommel am Mast. Die Trommel ist nach dem vollen Radius abgepaßt, – es war ein Kunststück, das zu berechnen, – und das Kabel, das sich auf die Trommel wickelt und immer kürzer dadurch wird, zieht den Traktor nach der Mitte.«

Grahams Interesse war zwischen dem Traktor und dem Anblick geteilt, den Paula auf ihrem Pferde bot. Es war das erstemal, daß sie Rehkalb ritt, die Palomina-Stute, die Hennessy für sie eingeritten hatte. Graham lächelte froh, als er sie sah; ob Paula ihr Reitkleid nach dem Pferde hatte anfertigen lassen oder so gewählt hatte, daß es besonders gut zu ihm stand, – jedenfalls war das Ergebnis prachtvoll.

Da der Nachmittag warm war, trug sie statt eines Reitrocks eine rehfarbene Leinenbluse mit weißem Klappkragen. Ein kurzer, wie der untere Teil eines Reitrocks geschnittener Rock reichte ihr bis zu den Knien, und von den Knien bis zu den entzückenden, kleinen, champagnerfarbenen Reitstiefeln mit Sporen sah man die festanliegenden Reithosen. Rock und Beinkleid waren aus rehfarbenem Seidenkord verfertigt. Weiche, weiße Stulpenhandschuhe, die zu dem Kragen paßten, hoben die zarte Farbe des Anzugs noch mehr hervor. Sie trug keinen Hut, und das Haar war glatt zurückgekämmt.

Die Stute tänzelte, und ein leichter Wind wehte einen Zipfel des Rockes beiseite, so daß die Konturen des einen Knies deutlich unter der enganliegenden Hose zu sehen waren. Wieder sah Graham im Geiste das weiße, runde Knie, das sich gegen die runden Muskeln Bergkönigs preßte, als er im Bassin schwamm. Er bemerkte, wie fest ihr Knie sich gegen den englischen Schweinsledersattel preßte, der ganz neu und von derselben Farbe wie Pferd und Reitkleid war.

Als kurz darauf der Magnet des Traktors streikte und die Mechaniker mitten auf dem halbgepflügten Felde den Schaden untersuchten, löste die Gesellschaft sich auf und zog unter Paulas Führung auf die Pilgerfahrt nach den verschiedenen Abteilungen des Gutsbetriebes, die auf dem Wege zum Schwimmbassin lagen, während Dick bei seiner Erfindung blieb. Herr Crellin, der Leiter der Schweinezucht, zeigte ihnen selbst Lady Isleton, die mit ihren elf ungeheuer fetten, neugeborenen Ferkeln mehr oder weniger naives Lob erntete, während Herr Crellin mindestens zehnmal mit großer Wärme erklärte: »Und nicht eine Mißgeburt, nicht eine einzige Mißgeburt in der ganzen Schar.«

Andere herrliche Zuchtsäue von der Berkshire-, Duroc-Jersey- und O.I.C.-Rasse sahen sie, sowie neugeborene Zicklein und Lämmer und trächtige Ziegen und Schafe. Auf jeder Abteilung meldete Paula die Gesellschaft bei der nächsten telephonisch an, so daß Herr Manson selbst zugegen war, um ihnen den großen König Polo mit seinem breitrückigen, kurzhornigen Harem und andere Stiere, ebenfalls mit ihrem Harem, zu zeigen, die an Ansehen und Pracht nicht weit hinter König Polo zurückstanden; Herr Parkman, der das Jersey-Vieh unter sich hatte, war ebenfalls anwesend, und er und seine mit Stöcken bewaffneten Gehilfen zeigten all die prämiierten Stiere, die Stammväter edler, ihres Talges wegen berühmter Geschlechter waren, sowie reich prämiierte edle Jersey-Kühe; und Herr Mendenhall zeigte stolz eine lange Reihe mächtiger, von dem riesigen Bergkönig angeführter Hengste und eine noch längere Reihe von der silbern wiehernden Fotherington-Prinzessin angeführter Stuten. Selbst nach der alten Alden Bessie, der Mutter der Prinzessin, die jetzt pensioniert war und nur noch den halben Tag arbeitete, schickte er, um ihr die Ehre zu erweisen, die man einer so berühmten Mutter schuldete.

Um vier Uhr fuhr Donald Ware, der kein großer Schwimmer war, mit einem der Automobile nach dem Großen Hause zurück, und Herr Gullhuss blieb bei Herrn Mendenhall, um mit ihm über die Shire-Pferde zu reden. Dick war schon beim Bassin, als die Gesellschaft eintraf, und die jungen Mädchen zogen sich mit Paula an der Spitze in die Ankleidekabinen zurück.

Graham sah Paula auf dem Zwölfmeter-Sprungbrett wippen und mit einem herrlichen Schwunge ins Bassin springen, hörte Berts bewunderndes: »Die reine Annette Kellermann!«, und seine Gedanken schweiften zu der wunderbaren, kleinen Herrin vom Großen Hause und ihrer wunderbaren Existenz. Als er unter Wasser, die offenen Augen auf den Grund gerichtet, mit gleichmäßigen Zügen durch das Bassin schwamm, fiel ihm ein, daß er ja im Grunde gar nichts von ihr wußte. Sie war die Gattin Dicks. Das war alles, was er wußte. Wo sie herkam, wie sie gelebt hatte, und wie ihre Vergangenheit gewesen, von alledem wußte er nichts.

Ernestine hatte ihm erzählt, daß sie und Lute Halbschwestern Paulas waren. Das hatte sein Wissen wenigstens etwas vermehrt. Das Wasser wurde jetzt heller, woraus er schloß, daß er das Ende des Bassins erreicht hatte; als er aber die Beine Dicks und Berts ineinander verflochten sah, – sie mußten wohl miteinander ringen, – machte er, immer noch unter Wasser, kehrt und schwamm an sechs Meter zurück. Hier stand die von Paula mit Tante Martha angeredete Frau Tully. War sie wirklich ihre Tante? Oder nannte sie sie nur so, weil sie die Schwester von Lutes und Ernestines Mutter war?

Er tauchte auf, und die anderen riefen ihm zu, daß er herauskommen und mit ihnen »Katze und Maus« spielen sollte. Während des anstrengenden Spiels in der nächsten halben Stunde mußte er immer wieder die Schlauheit, Gewandtheit und Durchtriebenheit bewundern, mit der Paula den Kreis zu durchbrechen versuchte. Schließlich waren sie müde, schwammen um die Wette durch das Bassin und kletterten dann heraus, um sich in einem Kreis um Frau Tully im Sonnenschein zu lagern.

Bald begannen sie wieder mit ihren Possen, und Paula brachte alle möglichen Behauptungen über Frau Tully vor.

»Weißt du, Tante Martha, wenn du auch nie schwimmen gelernt hast, so ist das doch noch kein Grund, dich so anzustellen. Ich kann schwimmen, und ich sage dir, daß ich tauchen und zehn Minuten unter Wasser bleiben kann.«

»Rede keinen Unsinn, Kind!« lachte Frau Tully. »Als dein Vater jung war – viel jünger, als du jetzt bist, mein Kind, – konnte er länger als jeder andere tauchen, und ich weiß, daß sein Rekord drei Minuten und vierzig Sekunden war. Ich weiß das ganz bestimmt, denn ich hielt selbst die Uhr, als er mit Harry Selby wettete und die Wette gewann.«

»Oh, ich weiß, mein Vater war ein großer Mann,« sagte Paula rasch, »aber die Zeiten haben sich geändert. Hätte ich die liebe alte Seele in all ihrer jugendlichen Herrlichkeit hier, er würde umkommen, wenn er ebenso lange unter Wasser bleiben wollte wie ich. Zehn Minuten! Das ist eine Kleinigkeit für mich. Das will ich dir zeigen. Halt du die Uhr, Tante Martha, und nimm die Zeit für mich. Es ist so leicht wie –«

»Einen Fisch in einem Eimer zu schießen«, vollendete Dick den Satz für sie.

Paula erklomm das Sprungbrett.

»Nimm die Zeit, wenn ich in der Luft bin«, sagte sie.

»Mach' deinen anderthalb Saltomortale«, rief Dick.

Sie nickte, lächelte und tat, als füllte sie sich mit einer gewaltigen Anstrengung die Lunge bis zum Platzen. Graham beobachtete sie bezaubert. Selbst ein guter Schwimmer, hatte er diesen Sprung selten von Frauen ausführen sehen, und auch dann nur von Professionals. Ihr nasser Badeanzug aus hellblauer und grüner Seide umschloß eng ihre Gestalt und hob die schönen Linien. Scheinbar mit einem letzten, verzweifelten Versuch, den letzten Kubikzentimeter Luft zu schlucken, den ihre Lungen fassen konnten, sprang sie, den Körper senkrecht und steif, Beine und Füße geschlossen, vom äußersten Ende des Sprungbretts ab. In der Luft rollte sie ihren Körper zu einer Kugel zusammen, machte eine ganze Drehung, streckte sich wieder und stürzte sich, fast ohne daß das Wasser sich kräuselte, kopfüber hinein.

»Eine Toledoklinge hätte mehr geplätschert«, lautete Grahams Urteil.

»Könnte ich nur so springen!« flüsterte Ernestine bewundernd. »Aber ich werde es nie erreichen. Dick sagt, es kommt darauf an, genau die Zeit zu berechnen, und das ist eben Paulas Kniff. Sie hat den Zeitsinn –«

»Und lockert sich völlig«, fügte Graham hinzu.

»Und zwar absichtlich«, meinte Dick.

»Sie entspannt sich«, stimmte Graham zu. »Ich habe nie einen Professional so vollendet springen sehen.«

»Und ich bin stolzer darauf als sie selber«, erklärte Dick. »Ich hab' es sie selbst gelehrt, wißt ihr, wenn ich auch zugeben muß, daß es keine große Mühe war. Es macht ihr fast keine Anstrengung, ihre Bewegungen zu beherrschen. Und dazu ihr Wille und ihr Zeitsinn, – ihr allererster Versuch war schon mehr als anständig.«

»Paula ist eine ganz besondere Frau«, sagte Frau Tully stolz und sah immer wieder vom Sekundenzeiger ihrer Uhr auf die glatte Wasserfläche. »Keine Frau schwimmt so gut wie ein Mann. Aber sie tut es doch. – – Drei Minuten vierzig Sekunden! Sie hat den Rekord ihres Vaters geschlagen.«

Als vier Minuten vergangen waren, begann Frau Tully aufgeregt zu werden und besorgte Blicke von einem zum anderen zu werfen. Kapitän Lester, der nicht in das Geheimnis eingeweiht war, sprang mit einem Fluch auf und stürzte sich in das Bassin.

»Es muß ihr etwas zugestoßen sein«, sagte Frau Tully mit erkämpfter Ruhe. »Sie muß sich beim Springen geschlagen haben. Springt ihr nach, ihr Männer!«

Aber Graham, Bert und Dick trafen sich unter Wasser, lachten vergnügt und drückten sich die Hände. Dick machte ihnen Zeichen, ihm zu folgen, und führte sie durch das tief schattige Wasser in die Grotte, wo sie Paula wassertretend vorfanden, und sie flüsterten und lachten leise miteinander.

»Wir sollen nur nachsehen, ob nichts geschehen ist«, erklärte Dick. »Und jetzt müssen wir wieder fort. Du zuerst, Bert, dann Evan, und ich komme zuletzt.«

Und einer nach dem anderen tauchten sie in das dunkle Wasser und erschienen wieder an der Oberfläche. Frau Tully stand jetzt am Rande des Bassins.

»Wenn ich dächte, daß es eine deiner üblichen Dummheiten wäre, Dick Forrest ...« begann sie. Aber Dick tat, als hörte er nichts, spiegelte eine unnatürliche Ruhe vor und gab nach links und rechts Anweisungen, laut genug, daß sie es hören mußte.

»Wir müssen systematisch zu Werke gehen, Jungens. Du, Bert, und Sie, Evan, ihr müßt mir helfen. Wir fangen an diesem Ende an, mit anderthalb Meter Zwischenraum, und untersuchen den Grund von einer Seite bis zur anderen. Und dann ebenso wieder zurück.«

»Geben Sie sich keine Mühe, meine Herren«, rief Frau Tully und brach gleichzeitig in Lachen aus. »Und du, Dick, kommst gefälligst gleich heraus. Ich will dir ein paar hinter die Ohren geben.«

»Nehmt euch ihrer an, Kinder,« rief Dick, »Sie hat einen hysterischen Anfall.«

»Noch nicht, aber bald«, lachte sie.

»Aber, verdammt nochmal, gnädige Frau, hier gibt es doch wirklich nichts zu lachen«, sagte Kapitän Lester atemlos und schickte sich an, wieder hineinzuspringen.

»Weißt du Bescheid, Tante Martha, wirklich und wahrhaftig?« fragte Dick, als der tapfere Seemann getaucht war.

Frau Tully nickte. »Aber mach nur weiter, Dick, einen habt ihr ja jedenfalls reingelegt. Elsie Coghlans Mutter hat es mir voriges Jahr in Honolulu erzählt.«

Erst als elf Minuten vergangen waren, tauchte Paulas lächelndes Gesicht aus dem Wasser auf. Sie tat, als sei sie furchtbar erschöpft, kroch langsam aus dem Bassin heraus und sank, nach Luft schnappend, neben ihrer Tante nieder. Kapitän Lester, den seine anstrengenden Rettungsversuche wirklich mitgenommen hatten, sah Paula scharf an, marschierte dann zum nächsten Pfeiler und schlug die Stirn dreimal dagegen.

»Ich fürchte, daß ich keine zehn Minuten unten blieb«, sagte Paula. »Aber viel weniger war es nicht, wie, Tante Tully?«

»Du warst überhaupt nicht lange unten«, antwortete Frau Tully, »wenn du mich schon fragst. Es wundert mich, daß du überhaupt naß bist ... So, so, atme nur ganz natürlich, Kind, – die Komödie ist ganz unnötig. Ich erinnere mich, als Kind einmal in Indien eine Schar Fakire gesehen zu haben, die in einen Brunnen sprangen und viel länger unten blieben als du, mein Kind, viel länger.«

»Du wußtest Bescheid!« Paula versuchte jetzt, den Spieß umzukehren.

»Aber du wußtest nicht, daß ich Bescheid wußte. Und deshalb war dein Benehmen direkt verbrecherisch. Eine Frau in meinem Alter, mit meinem Herzen –«

»Und deinem gesegneten Köpfchen«, rief Paula.

»Ja, ich hätte wirklich Lust, dir eine tüchtige Ohrfeige zu geben.«

»Und ich, dir einen tüchtigen Kuß zu versetzen, so naß ich bin«, lachte Paula. »Aber jedenfalls haben wir doch Kapitän Lester angeführt ... Nicht wahr, Kapitän?«

»Sprechen Sie nicht mit mir«, murmelte der brave Seemann düster. »Ich denke gerade nach, welche Form meine Rache annehmen soll ... Was Sie betrifft, Herr Dick Forrest, so weiß ich noch nicht, ob ich Ihre Meierei in die Luft sprengen oder Ihrem Bergkönig die Flechsen durchschneiden soll. Vielleicht tue ich beides. Zunächst aber werde ich dem Klepper, den Sie reiten, einen Tritt versetzen.«

Dick und Paula ritten nebeneinander nach dem Großen Hause.

»Wie gefällt dir Graham?« fragte er.

»Glänzend«, antwortete sie. »Er ist ganz dein Typ, Dick. Er ist universell wie du und wie du von der großen Welt, den sieben Meeren und alledem geprägt. Dazu ist er Künstler und ein netter Kerl durch und durch. Und er versteht Spaß. Hast du sein Lächeln bemerkt? Es ist unwiderstehlich. Wenn man ihn lächeln sieht, muß man direkt mitlächeln.«

»Aber er hat auch seine Schrammen abgekriegt«, nickte Dick zustimmend.

»Ja, wenn er lächelt, kann man sie in seinen Augenwinkeln hervorkommen sehen. Es ist weniger Müdigkeit als die alte, ewige Frage: Warum? Wozu? Was ist es wert? Was für einen Sinn hat es?«

 

Ernestine und Graham, die die Kavalkade beschlossen, waren auch in ein Gespräch vertieft.

»Aus Dick ist nicht leicht klug zu werden«, sagte sie. »Sie kennen ihn noch nicht richtig. Er ist schrecklich verzwickt. Ich kenne ihn ein bißchen; Paula kennt ihn ganz gut, aber sonst gibt es nur sehr wenige, die unter die Oberfläche bei ihm dringen. Er ist ein wahrer Philosoph, hat eine Selbstbeherrschung wie ein Stoiker oder ein Engländer und kann sich verstellen, daß er die ganze Welt hinters Licht führt.«

 

Eine Woche der Unruhe und Ratlosigkeit kam für Graham. Der Zwiespalt zwischen dem Gefühl; daß es seine Pflicht sei, das Große Haus mit dem ersten Zuge zu verlassen, und dem Wunsch, Paula immer häufiger zu sehen und immer mehr mit ihr zusammen zu sein, zerriß ihn, aber er konnte sie weder verlassen noch soviel Zeit wie in den ersten Tagen in ihrer Gesellschaft verbringen.

In den fünf Tagen, die der junge Geiger blieb, nahm er Paula fast jede Minute des Tages für sich in Anspruch, wenigstens, soweit sie sich sehen ließ. Graham suchte immer wieder das Musikzimmer auf und saß, ohne daß die beiden seine Anwesenheit auch nur im geringsten beachteten, halbe Stunden lang finster brütend da, hörte zu, wie sie übten, und ließ sich von der Musik mitreißen, oder er sah, wie sie sich in den Pausen die roten, warmen Stirnen wischten und kameradschaftlich plauderten und lachten. Daß der junge Musiker sie mit einer Leidenschaft liebte, die zu sehen fast peinigend war, hatte Graham bald erkannt, was ihn aber besonders quälte, war die grenzenlose Bewunderung, mit der Paula Ware zuweilen ansah, wenn er besonders schön gespielt hatte. Vergebens sagte sich Graham, daß es ihrerseits nur eine rein geistige Freude an den künstlerischen Leistungen des anderen sei, da er aber Mann war, schmerzte es doch, und der Schmerz hielt an, bis er unerträglich wurde.

Als Ware abgereist war, zog Paula Forrest sich fast ganz in ihre Gemächer hinter der verschlossenen Tür zurück, und aus den Bemerkungen der andern Bewohner des Hauses erkannte er, daß das nichts Ungewöhnliches war.

»Paula ist eine Frau, die sich außerordentlich wohl in ihrer eigenen Gesellschaft befindet«, erklärte Ernestine, »und es gibt oft lange Perioden, in denen sie sich ganz in sich selber zurückzieht und kein Mensch außer Dick sie zu sehen bekommt.«

»Was nicht sehr schmeichelhaft für die anderen ist«, lächelte Graham.

»Was sie eben zu einer so glänzenden Gesellschafterin für die anderen macht«, gab Ernestine zurück.

Der immer wechselnde Strom von Gästen im Großen Hause verebbte. Zwar kamen immer noch einzelne geschäftliche und persönliche Freunde, aber mehr reisten ab. Unter Oh Freud und seinem chinesischen Stab ging das Leben im Großen Hause reibungslos seinen gleichmäßigen Gang, so daß die Gäste dem Wirte selbst nur wenig Pflichten auferlegten. Die Gäste unterhielten sich meistens allein und miteinander. Dick zeigte sich selten beim Frühstück, und Paula führte ihr Einsiedlerprogramm durch und kam nie vor dem Lunch zum Vorschein.

»Jetzt wird es bald Zeit,« sagte Forrest eines Tages, »daß Sie sich an Ihr Buch machen. Ich bin nur einer von den vielen, die es gern lesen möchten, und ich bin sehr gespannt darauf. Ich habe gestern einen Brief von Haveley erhalten, der auch fragte, wie weit Sie seien.«

Die Folge war, daß Graham von jetzt an einen Teil des Tages in seinem Turmzimmer verbrachte, seine Aufzeichnungen und Photographien ordnete und mit den ersten Kapiteln begann. So sehr vertiefte er sich in sein Buch, daß sein keimendes Interesse für Paula sich vielleicht wieder verzogen hätte, würde er sie nicht täglich beim Essen gesehen haben. Solange Lute und Ernestine da waren, wurde auch geschwommen, und man machte Ausflüge zu Pferde und Auto nach den Weiden in den Miramarbergen und den Anselmohöhen. Sie unternahmen auch andere Ausflüge, an denen zuweilen auch Dick teilnahm, wie zum Beispiel nach dem Sacramento-Becken, wo seine großen Bagger arbeiteten, oder nach den Deichen, die er am Kleinen Coyoten und am Los Cuatos errichtete.

Einmal traf Graham Paula unerwartet beim Bindebaum, wo sie gerade vom Pferde stieg.

»Fürchten Sie nicht, Ihr neues Pferd zu verderben, wenn Sie es in Begleitung anderer reiten?« neckte er sie.

Paula schüttelte lachend den Kopf.

»Nun ja,« versicherte er kühn, »ich sehne mich jedenfalls danach, einmal mit Ihnen auszureiten.«

»Sie haben doch Lute, Ernestine, Bert und alle anderen.«

»Aber wir könnten uns so viel sagen, – hätten uns – so viel zu sagen.«

»Das begreife ich«, antwortete sie ruhig, und wieder begleitete der freie, offene Blick ihre Worte.

Das begriff sie, – dieser Gedanke brannte in ihm wie Feuer, aber er fand nicht schnell genug eine Antwort, um ihrem kühlen, aufreizenden Lachen zu entgehen, mit dem sie sich nach dem Hause wandte.

Die Schar der Gäste im Großen Hause lichtete sich immer mehr. Nach wenigen Tagen reiste Paulas Tante, Frau Tully, ab, zur großen Enttäuschung Grahams, der gehofft hatte, durch sie allerlei über Paula zu erfahren. Es war die Rede davon, daß sie zu einem längeren Besuch wiederkäme, da sie aber gerade von einer Europareise zurückgekehrt war, erklärte sie, zuerst eine Menge Pflichtbesuche erledigen zu müssen, ehe sie an Vergnügungsbesuche denken könnte.

Als Lute und Ernestine nach Santa Barbara reisten, dachten auch Bert und seine Schwester an ihr so lange vernachlässigtes Heim in Sacramento. Am selben Tage erschienen zwei Maler, Schützlinge Paulas, aber sie zeigten sich nicht viel, verbrachten die Tage meistens in den Bergen und saßen nur abends mit ihren langen Pfeifen im Rauchzimmer.

Das freie, ungebundene Leben im Großen Hause ging seinen gewohnten Gang, gleichmäßig, ohne die geringste Reibung. Dick arbeitete, Paula führte ihr Einsiedlerleben. Die Weisen aus dem Madroñohain stellten sich oft mittags und abends ein und führten das große Wort, wenn Paula ihnen nicht vorspielte. Aus Sacramento, Wickenberg und den andern Städten im Tale tauchten hin und wieder unerwartet Gesellschaften auf, ohne jedoch Oh Freud und die Hausboys aus der Fassung bringen zu können, und einmal sah Graham, wie zwei Dutzend Gästen zwanzig Minuten nach ihrer unerwarteten Ankunft ein ausgezeichnetes Dinner vorgesetzt wurde. Und es gab Abende – seltene Abende –, da niemand am Tische saß als Dick, Graham und Paula, und die beiden Männer eine Stunde plauderten, ehe sie zu Bett gingen, während Paula sanfte Melodien spielte oder sich zeitig in ihre Gemächer zurückzog.

An einem Mondscheinabend aber, als die Familien Watson, Mason und Wombold vollzählig erschienen waren und Bridge gespielt wurde, war Graham zufällig bei Besetzung der Tische übrig geblieben. Paula saß am Klavier. Als er sich ihr näherte, sah er den frohen Schimmer, der bei seinem Anblick in ihren Augen aufgeleuchtet war, ebenso schnell wieder verschwinden. Sie machte eine Bewegung, als wollte sie sich erheben, was seiner Aufmerksamkeit ebensowenig entging wie die ruhige, beherrschte Art, auf die sie diese Eingebung bezwang und sitzen blieb.

Er versuchte bald das eine, bald das andere Lied mit ihr und paßte seinen hohen Bariton ihrem hellen Sopran an, was ihm so gut gelang, daß die Bridgespieler immer mehr verlangten.

»Ja, ich sehne mich schrecklich danach, wieder einmal mit Dick in die Welt hinauszukommen«, sagte sie in einer Pause. »Ich möchte, wir könnten morgen reisen! Aber Dick kann noch nicht abkommen. Er ist zu sehr von seinen verschiedenen Experimenten in Anspruch genommen.«

Sie seufzte und ließ die Finger über die Tasten gleiten.

»Ach – wenn wir doch nur weg könnten, – nach Timbuktu, Mokpo oder Jericho, einerlei wohin.«

»Sie wollen mir doch nicht erzählen, daß Sie in Mokpo gewesen sind?« lachte Graham.

Sie nickte.

»So wahr ich lebe und zu sterben hoffe, wenn die Zeit gekommen ist! Ich war mit Dick auf der All Away dort, und es ist schon sehr lange her. Man kann fast sagen, daß wir unsere Flitterwochen in Mokpo verbrachten.«

Und während Graham und sie über ihre Erinnerungen an Mokpo sprachen, zerbrach er sich den Kopf, ob sie im Gespräch den Namen ihres Mannes absichtlich immer wieder erwähnte oder nicht.

»Ich dachte, hier müßte doch ein wahres Paradies für Sie sein«, sagte er.

»Das ist es auch, das ist es auch!« versicherte sie ihm mit, wie ihm schien, unnötiger Heftigkeit.

»Aber ich weiß nicht, was in der letzten Zeit mit mir ist. Ich habe ein Gefühl, als müßte ich durchaus fort und etwas unternehmen. Die Frühlingsnervosität, denke ich, die roten Götter und ihre Medizin. Wenn Dick sich hier nur nicht so aufreiben und von allen seinen Projekten fesseln lassen wollte! Denken Sie – die ganzen Jahre, die wir verheiratet sind, habe ich nur einen einzigen ernsthaften Rivalen gehabt: das Gut. Er ist treu, und das Gut ist seine erste Liebe. Er hatte alles schon geplant und angefangen, ehe er mich je traf oder von meiner Existenz wußte.«

»Sagen Sie, wollen wir nicht das Lied zusammen versuchen«, sagte Graham plötzlich und stellte ein Notenheft auf das Pult vor ihr.

»Aber das ist ja ›Der Zigeunerzug‹, wandte sie ein. »Der verschlechtert meine Laune nur noch.«

Sie blickte einen Augenblick fast ängstlich durch den langen Raum zu den Kartenspielern hinüber, nahm sich dann zusammen und sagte heftig:

»Der Himmel weiß, daß ich eine Menge Zigeunerblut in den Adern habe, mehr als genug, ja, und trotz seinen landwirtschaftlichen Interessen ist auch Dick der geborene Zigeuner. Und nach allem, was er mir von Ihnen erzählt hat, sind Sie ein hoffnungsloser Zigeuner.«

»Alles in allem ist der weiße Mann der einzige richtige Zigeuner, der König aller Zigeuner«, sagte Graham. »Er ist weiter gewandert und mit geringerer Ausrüstung als jeder Zigeuner. Der Zigeuner ist nur seinen Spuren gefolgt. Nun, lassen Sie uns versuchen.«

Und während sie die sorglosen Worte zu dem heiteren, ausgelassenen Rhythmus sangen, sah er auf sie hinab und wunderte sich über sie – und über sich selbst. Er hatte nichts neben dieser Frau, unter dem Dache ihres Mannes zu suchen. Er hätte vor vielen Tagen abreisen sollen und war doch noch hier. Nach so vielen Jahren lernte er jetzt eine neue Seite seines eigenen Wesens kennen. Es war Wahnsinn. Er wollte sich losreißen.

Aber er konnte nicht. Er stand hier neben ihr und sah auf ihre braune Haarpracht mit diesem Schimmer von Gold und Bronze, während er mit ihr zusammen ein Lied sang, das Feuer für ihn war – Feuer für sie sein mußte, denn sie fühlte, was sie schon andeutungsweise, halb gegen ihren Willen, ausgesprochen hatte.

»Sie ist eine Hexe, und nicht am wenigsten ist es ihre Stimme, die einen verhext«, dachte er, als diese reiche Frauenstimme, die im Gegensatz zu allen andern Frauenstimmen so ausgesprochen ihre Stimme war, ihm zitternd ins Ohr tönte. Und er wußte ohne den Schatten eines Zweifels, daß auch sie etwas von dem Wahnsinn fühlte, der ihn gepackt hatte: Daß sie, ganz wie er, sich bewußt war, daß hier Mann und Weib sich gegenüberstanden.

Sie wurden beim Singen von Bewegung durchbebt, und diese Gewißheit vermehrte nur seinen eigenen Wahnsinn, bis er unbewußt größere Wärme in die letzten kühnen Zeilen legte, während ihre Stimmen sich in tiefer Bewegung vereinigten.

Er wartete, daß sie zu ihm aufsehen sollte, als die letzten Töne verklungen waren, aber sie saß ganz still da, den Blick auf die Tasten geheftet. Und als sie doch einen Augenblick später aufsah, war sie die Herrin vom Großen Hause mit ihrem neckischen Lächeln um den Mund und ihren schelmischen Augen.

»Lassen Sie uns hineingehen und Dick ein bißchen necken, – er verliert«, sagte sie. Ich habe noch nie gesehen, daß er sich über schlechte Karten ärgert, aber er ist so komisch ratlos, wenn er lange hintereinander verliert.«

»Und er liebt das Spiel«, fuhr sie fort, während sie ihm voranschritt. »Es ist für ihn eine Erholung, und die tut ihm gut. Ein paarmal im Jahr kann er, wenn es ein gutes Poker ist, die ganze Nacht aufsitzen und bis in die Wolken spielen.«

 

Wenige Tage später gab Paula ihr Einsiedlerleben auf, und es wurde Graham sehr schwer, im Turmzimmer bei seiner Arbeit zu bleiben, wenn er den ganzen Vormittag Bruchstücke von Liedern aus ihren Gemächern oder Lachen und Schelten mit den Hunden auf dem großen Hofe oder mehrere Stunden lang die gedämpften Klänge des Klaviers aus dem fernen Musikzimmer hören konnte. Aber Graham hatte beschlossen, Dicks Beispiel zu folgen und am Morgen zu arbeiten, so daß er Paula selten vor dem Lunch sah.

Sie erzählte, daß ihre Schlaflosigkeitsperiode vorbei, und daß sie zu allen Lustbarkeiten und Ausflügen bereit wäre, die Dick ihr zu bieten hätte. Ferner drohte sie, falls Dick ihr diese persönlichen Zerstreuungen nicht verschaffte, das Haus mit Gästen zu füllen und ihn zu lehren, was Leben hieße. Zu dieser Zeit kam ihre Tante Martha – Frau Tully – zurück, und Paula kutschierte wieder mit dem hohen Jagdwagen mit Duddy und Fuddy davor herum, aber Frau Tully war trotz ihrem Alter und ihrer körperlichen Schwerfälligkeit nicht im geringsten ängstlich, wenn Paula die Zügel hielt.

Wie sie zu Graham sagte: »Sie versteht sich auf Pferde. Als Kind war sie ganz wild nach ihnen. Es wundert mich, daß sie nicht Zirkusreiterin geworden ist.«

Mehr, weit mehr erfuhr Graham über Paula in den verschiedenen Unterhaltungen mit ihrer Tante. Frau Tully konnte nie müde werden, von Philip Desten, dem Vater Paulas, zu erzählen. Er war ihr ältester Bruder, viele Jahre älter als sie gewesen. Er war der Held ihrer Kindheit. Er hatte eine gewisse Größe gehabt, die auf einfache Menschen fast wie eine Art Wahnsinn wirkte. Er konnte immer die verrücktesten Dinge und die ritterlichsten tun. Dieser Anstrich von Tollheit war es gewesen, der ihn befähigt hatte, in den vierziger Jahren, als das große Goldabenteuer seinen Höhepunkt erreicht hatte, mehrere Vermögen zu verdienen und sie mit derselben Leichtigkeit durchzubringen. Er stammte selbst aus einer alten neuenglischen Familie, aber sein Urgroßvater war Franzose, – war als Kind von einem untergegangenen Schiffe an Land getrieben und unter der Seemanns- und Bauernbevölkerung an der Küste von Maine aufgewachsen.

»Und einmal – nur ein einziges Mal – in jeder Generation lebt der französische Desten wieder auf«, sagte Frau Tully zu Graham. »Philip war der Franzose seiner Generation, und wer sonst als Paula hat, und zwar im reichsten Maße, in ihrer Generation das Erbe gehoben. Lute und Ernestine sind ihre Halbschwestern, aber man sollte nicht glauben, daß sie auch nur einen Tropfen desselben Blutes in ihren Adern hätten. Das ist der Grund, daß Paula, statt zum Zirkus zu gehen, unbedingt nach Frankreich mußte. Der alte Desten, der Stammvater des Geschlechts, zog sie hinüber.«

Auch über die abenteuerliche Fahrt nach Frankreich hörte Graham allerlei. Philip Desten hatte das Glück gehabt, zu sterben, als das Rad seines Schicksals sich rückwärts zu drehen begann. Ernestine und Lute, damals noch kleine Kinder, hatten den Schwestern Destens nicht viel Schwierigkeit gemacht, Paula aber, die zu Frau Tully gekommen war, wurde das große Problem – »alles wegen des Franzosen«.

»Sie ist durchaus Neuengländerin,« sagte Frau Tully, »was ihre Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Treue betrifft. Als junges Mädchen konnte sie einfach nicht lügen, außer wenn es galt, einen andern zu retten. In solchem Falle ergriffen alle ihre neuenglischen Ahnen die Flucht, und sie konnte genau so prachtvoll lügen wie ihr Vater. Der hatte dasselbe gewinnende Wesen, dieselbe Kühnheit, dasselbe herzliche Lachen, dieselbe Lebhaftigkeit besessen. Er gewann die Herzen aller Menschen, und wenn nicht, wurden sie seine erbittertsten Feinde. Keiner kam mit ihm in Berührung, ohne Stellung zu ihm nehmen zu müssen, – sie mußten ihn lieben oder hassen. In dieser Beziehung ist Paula anders als er, wohl weil sie Weib ist und nicht das ewige Männerprivilegium genossen hat, mit Windmühlen zu kämpfen. Ich glaube nicht, daß sie einen einzigen Feind in der Welt hat.«

Während Graham ihr zuhörte, erklang Paulas Singen durch ein offenes Fenster weiter abwärts an der langen Pergola zu ihnen herüber, und ihre Stimme hatte einen zitternden Klang, der ihm folgte, und den er nie wieder vergaß. Dann begann Paula zu lachen, und Frau Tully lächelte ihm zu und nickte.

»Jetzt lacht Philip Desten«, murmelte sie. »Haben Sie gemerkt, daß Paulas Lachen die Leute immer aufsehen und lächeln läßt? Wenn Philip lachte, war es ebenso.«

Paula hatte es stets leidenschaftlich geliebt, zu musizieren, zu malen und zu zeichnen. Als ganz kleines Mädchen schon wußte man, wo sie im Hause oder im Garten gewesen war, denn überall hinterließ sie Bilder und Figuren aus irgendeinem Material, das sie zufällig in die Hände bekommen hatte, – Bilder, die auf kleine Papierfetzen gezeichnet oder in Holzstücke geritzt, und Figuren, die aus Lehm und Sand modelliert waren.

»Sie liebte alles, und alles liebte sie«, sagte Frau Tully. »Sie fürchtete sich nicht vor Tieren und hatte doch immer große Ehrfurcht vor ihnen, aber das kam daher, weil sie mit einer Ehrfurcht vor allem Schönen geboren war. Ja, sie war eine unverbesserliche Heldenverehrerin, und zwar mußte der Betreffende entweder schön sein oder etwas geleistet haben. Und diese Ehrfurcht vor allem Schönen, sei es nun ein Flügel, ein herrliches Gemälde, ein schönes Pferd oder eine Landschaft, wird sie nie verlieren.«

Und Paula hatte selbst den Willen gehabt, etwas zu leisten, Schönheit zu schaffen. Aber sie konnte sich nicht klar darüber werden, ob sie sich der Musik oder der Malerei widmen sollte. Als sie mit voller Hingabe bei den besten Lehrern in Boston Musik studierte, konnte sie es doch nicht lassen, hin und wieder einmal zu ihrem Zeichnen zurückzukehren, und davon lockte sie wieder das Modellierholz fort.

»Und so kam es, daß sie sich auch bei all ihrer Liebe zum Besten und ihrer von Schönheit erfüllten Seele nicht einig werden konnte, ob sie überhaupt eine Begabung besaß. Das Unglück war, daß sie zu viele Talente hatte –«

»Zu verschiedenartige Talente!« warf Graham ein.

»Ja, das ist richtig«, nickte Frau Tully. »Sicher ist, daß sie auf keinem Gebiet etwas Großes erreicht hat.«

»Aber sie ist sich selber treu geblieben«, fügte Graham hinzu.

»Was auch die Hauptsache ist«, räumte Frau Tully mit frohem Lächeln ein. »Sie ist eine ungewöhnliche Frau, unverdorben und natürlich. Und letzten Endes – was bedeutet es denn, ob man etwas erreicht? Ich lege mehr Wert auf einen von Paulas tollen Streichen, – ach, ich habe die ganze Geschichte von dem großen Hengst im Schwimmbassin gehört, – als auf alle ihre Gemälde, und wenn jedes einzige davon ein Meisterwerk wäre. Anfangs aber wurde es mir sehr schwer, sie zu verstehen. Dick sagt oft, sie sei ein kleines Mädchen, das nie ganz erwachsen würde. Aber großer Gott – sie kann erwachsen genug sein, wenn sie will. Dick war ihr größtes Glück, das sie je getroffen hat. Erst als sie ihn kennen lernte, fand sie sich gleichsam selber. Das ging so zu –«

Frau Tully schilderte kurz das Jahr, das sie zusammen in Europa gereist waren, wie Paula in Paris wieder angefangen hatte zu malen, und wie sie zu der Erkenntnis gelangt war, daß sie nur durch Kampf siegen könne, und daß das Geld ihrer Tante ein Hindernis sei.

»Und sie bekam ihren Willen«, seufzte Frau Tully. »Sie – ja, sie gab mir den Laufpaß, schickte mich heim. Sie wollte nicht mehr als den allerdringendsten Zuschuß annehmen und zog ins Quartier Latin, wo sie mit zwei anderen jungen Amerikanerinnen zusammen lebte. Und da traf sie Dick. Dick war ein merkwürdiger Mensch. Es ist unmöglich zu sagen, was er damals tat. Er hatte eine Art Kabarett – ein richtiges Studentenkabarett. Sie waren eine Schar von Verrückten. Wissen Sie, er war gerade von seinen wilden Fahrten bis ans Ende der Welt zurückgekehrt und wollte, wie er erklärte, für eine Weile das Leben nicht mehr leben, sondern statt dessen davon reden.

Paula nahm mich einmal mit. Sie hatten sich verlobt – gerade an dem Tage zuvor. Ich hatte Glücks-Forrest gekannt und war über seinen Sohn sehr gut unterrichtet. In materieller Beziehung hätte Paula keine bessere Partie machen können. Es war ein ganzer Roman. Paula hatte ihn als Führer der Fußballmannschaft der Kalifornia-Universität bei ihrem Siege über Stanford gesehen, und das nächstemal sah sie ihn in dem Atelier, das sie gemeinsam mit den beiden jungen Mädchen hatte. Sie wußte nicht, ob Dick Millionär war oder das Kabarett betrieb, weil er kein Geld hatte, aber daraus machte sie sich auch nichts. Sie war stets ihrem Herzen gefolgt. Sie müssen sich auf den ersten Blick geliebt haben, denn in weniger als einer Woche war alles in Ordnung gebracht, und Dick hatte mir seinen Besuch gemacht, – als ob meine Zustimmung ihnen das geringste bedeutete.

Um aber wieder auf Dicks Kabarett zu kommen! Es war ein Philosophen-Kabarett – ein kleiner, geschlossener Raum, in einem Keller mitten im Viertel. Ein einziger Tisch darin! Denken Sie, in einem Kabarett! Und welch ein Tisch! Ein großer, runder Tisch aus ungestrichenen Brettern, ohne auch nur ein Stück Wachstuch und mit zahllosen Flecken von Getränken, die die Philosophen vergossen hatten, wenn sie zu eifrig wurden. Dreißig Menschen konnten an dem Tisch sitzen. Frauen hatten sonst keinen Zutritt, aber mit Paula und mir wurde eine Ausnahme gemacht.

Und hier trafen sie sich nun, all die wilden jungen Denker, hämmerten auf den Tisch und schwatzten in allen möglichen europäischen Sprachen über Philosophie. Dick hatte immer eine Schwäche für Philosophen gehabt.

Aber Paula machte einen Strich durch das kleine Abenteuer. Kaum waren sie verheiratet, als Dick auch schon seinen Schoner »All Away« ausrüstete, und fort zogen sie auf ihre Hochzeitsreise, die lieben Kinder! – Von Bordeaux direkt nach Hongkong.«

* * *

 

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