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Die Herrin des Großen Hauses

Jack London: Die Herrin des Großen Hauses - Kapitel 4
Quellenangabe
authorJack London
titleDie Herrin des Großen Hauses
publisherUniversitas. Deutsche Verlags-Aktiengesellschaft
yearo.J.
firstpub1929
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171107
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Sie trieben ihre Pferde an den Wegrand und sahen den letzten Stier von der nach Chile bestimmten Herde hinter der Biegung verschwinden.

»Ich verstehe schon, was Sie machen, – es ist großartig«, sagte Graham mit strahlenden Augen. »Ich hab mich auch ein bißchen mit den lieben Dingern abgegeben, – als Junge in Argentinien. Hätte ich eine Rasse gehabt wie die hier, dann wäre es nicht schief gegangen.«

»Ja, aber das war doch, ehe man Alfalfa und artesische Brunnen hatte«, tröstete Dick ihn. »Die Zeit war noch nicht reif für Kurzhornvieh. Nur die kleinen Rassen konnten die Trockenperioden überstehen. Die waren am widerstandsfähigsten, wogen aber nicht so viel. Und Dampfer mit Kühlräumen waren noch nicht erfunden. Das alles hat erst die große Umwälzung bewirkt.«

»Außerdem war ich damals ein Knabe«, fügte Graham hinzu. »Obwohl das nicht so viel zu sagen hatte. Ein junger Deutscher begann gleichzeitig mit mir und mit einem Zehntel meines Kapitals. Er hielt durch – magere Jahre, trockene Jahre. Jetzt beziffert sich sein Vermögen auf eine siebenstellige Zahl.«

Sie wandten die Pferde nach dem Großen Hause. Dick warf einen hastigen Blick auf seine Armbanduhr.

»Wir haben noch sehr viel Zeit«, sagte er zu seinem Gast. »Ich freue mich, daß Sie meine Stiere gesehen haben. Es hatte seinen Grund, daß der junge Deutsche sich durchbiß. Er mußte eben. Sie hatten das Geld Ihres Vaters als Rückhalt, und ich glaube, es war nicht allein Ihr Wanderdrang, sondern mehr noch, daß Sie es sich eben leisten konnten, ihn zu befriedigen.«

 

»Drüben sind die Fischteiche«, sagte Dick und wies mit einem Kopfnicken nach rechts hinter die Syringenbüsche. »Sie werden reiche Gelegenheit haben, Forellen, Barsche und sogar Steinbeißer zu fangen. Die Teiche sind in Reihen nach der Art der Fische geordnet. Aber das Wasser beginnt hoch oben in den Bergen zu arbeiten. Es läuft herunter und klärt sich, bis es klar wie Kristall ist. Dann stürzt es von der Höhe herab und schafft die Hälfte von aller Kraft und allem Licht, die hier auf der Ranch gebraucht wird. Darauf überrieselt es die Niederungen, fließt dann hier in die Fischteiche und überrieselt weiter abwärts meilenweite Strecken mit Alfalfa. Und, glauben Sie mir, wenn es nicht unterdessen in das Flachland von Sacramento gelangt wäre, würde ich die Entwässerungsanlage auspumpen, um noch mehr Wasser zum Berieseln zu erhalten.«

»Mann,« lachte Graham, »Sie könnten ja ein ganzes Gedicht auf das Wunder des Wassers schreiben! Und dabei wohnen Sie doch nicht in der Wüste. Sie leben in einem Wasserland, wie gesagt ...«

Graham führte den Gedanken nicht aus. Von rechts ertönte ganz in der Nähe das unverkennbare Klappern beschlagener Pferdehufe auf Zement, und dann folgte ein starkes Plätschern und lautes Frauenlachen und Kreischen. Das Kreischen wurde schnell zu Angstrufen, und gleichzeitig hörte man ein gewaltiges Plätschern und Getöse, als ob ein mächtiges Tier ertrinken wollte. Dick beugte den Kopf und gab seinem Pferd die Sporen, daß es in die Syringen schoß, und Graham folgte ihm auf Altadena. Im nächsten Augenblick hielten sie mitten in der flammenden Sonne auf einer Lichtung zwischen den Bäumen, und der überraschte Graham hatte einen nie gesehenen Anblick.

In der Mitte der Lichtung, in einem Kranz von Bäumen, befand sich ein rechteckiges, zementiertes Becken. Am oberen Ende ging es in seiner vollen Breite in eine Ablaufrinne über, durch die das Wasser still und glänzend dahinfloß. Die Seiten waren senkrecht. Das untere Ende, das leicht gerauht und abfallend war, bot einen sicheren Halt. Hier sahen sie einen Cowboy in Bärenfellhosen im höchsten Schrecken herumspringen; wobei er hilflos immer wieder »O Gott! O Gott!« rief, während auf der gegenüberliegenden Seite drei entsetzte Nymphen in Badeanzügen die Beine über dem Wasser baumeln ließen.

Im Becken aber, als Mittelpunkt des Bildes, sah er ein großes Pferd, rot, naß und seidig schimmernd, senkrecht steigen und die Luft mit seinen mächtigen, im Wasser und der Sonne wie Stahl glänzenden Vorderhufen bearbeiten, während auf seinem Rücken, halb herabgleitend und sich festklammernd, eine weiße Gestalt saß, in der Graham im ersten Augenblick einen wunderschönen Knaben zu sehen glaubte. Erst als der Hengst durch gewaltsames Schlagen mit Beinen und Hufen wieder auftauchte, wurde es Graham klar, daß es ein junges Weib war, das ihn ritt, – ein Weib, so weiß wie der weißseidene Badeanzug, der den Linien ihrer Gestalt wie die Marmordraperien einer Statue folgte. Wie Marmor war ihr Rücken, nur daß die feinen Muskeln unter der Seide sich schwellend regten, während sie sich bemühte, den Kopf über Wasser zu halten. Ihre schlanken, runden Arme verschwanden in der langen, nassen Mähne des Hengstes, während die weißen, runden Knie vergebens nach einem Halt auf dem glatten, nassen Kissen suchten, das die angespannten Schultermuskeln des großen Pferdes bildeten. Ihre weißen Zehen bohrten sich in die glatten Flanken des Tieres, ohne einen Halt an den Rippen finden zu können.

Mit einem einzigen Blick sah Graham die ganze atemlose Situation, wurde sich klar darüber, daß das herrliche, weiße Geschöpf ein Weib war, und fühlte, wie klein und zierlich sie trotz ihrer athletischen Anstrengungen sein mußte. Sie erinnerte ihn an eine Meißner Porzellanfigur, so sinnlos zerbrechlich, leicht und wunderbar saß sie auf dem Rücken des mächtigen, ertrinkenden Tieres. So klein wirkte sie im Verhältnis zu dem gewaltigen Hengst, daß sie ihm wie eine winzige Elfe erschien, die den Zauberkreis des Elfenlandes verlassen hatte.

Sie preßte ihre Wange gegen den breiten, gekrümmten Hals und ihr flatterndes, goldbraunes Haar, das naß und verfilzt war, mischte sich mit der schwarzen Mähne des Pferdes. Aber den größten Eindruck machte auf Graham ihr Gesicht. Es war ein Knabengesicht und doch wieder ein Frauengesicht, es war ernst und heiter zugleich, als fände es eine gewisse Freude an der Gefahr. Es war das Gesicht einer weißen Frau, ganz modern, und doch erschien es Graham ganz heidnisch.

Der Hengst hob sich mit einer gewaltigen Anspannung aller seiner Kräfte aus dem Wasser und hätte sich fast überschlagen, ehe er wieder untertauchte. Das prächtige Tier und die prächtige Reiterin verschwanden zusammen unter der Oberfläche, um gleich wieder aufzutauchen, der Hengst immer noch mit seinen tellergroßen Hufen durch die Luft schlagend, die Reiterin sich immer noch an die glatten, seidigen Muskeln klammernd. Graham stockte der Atem bei dem Gedanken, was geschehen sein konnte, wenn der Hengst gestürzt wäre. Ein Hufschlag hätte genügt, für immer das hell sprudelnde Leben in dem prachtvollen Weibe mit dem weißen Körper und der flammenden Seele zu verlöschen.

»Reit auf dem Hals!« rief Dick. »Halt dich am Stirnbüschel fest und zieh dich den Hals hinauf, bis er sein Gleichgewicht wiedergewonnen hat!«

Die Frau gehorchte, bohrte die Zehen in die immer gleitenden Muskeln, wickelte sich die nasse Mähne um die Hand und sprang dann auf den Hals hinauf. Und im nächsten Augenblick war sie wieder auf den Rücken des Hengstes zurückgeglitten, der durch die Verschiebung des Gleichgewichts in seine normale Lage gesunken war. Mit einer Hand sich an der Mähne festhaltend, schwang sie die andere in der Luft und lächelte Forrest dankbar an; und Graham bemerkte, daß sie kaltblütig genug war, ihn auf seinem Pferde neben Forrest zu bemerken.

»Es gibt nicht viele Frauen, die es wagen würden, sich mit dem einzulassen«, sagte Dick ruhig, als Bergkönig jetzt leicht das einmal gewonnene Gleichgewicht wahrte, zum unteren Ende des Beckens schwamm und die Schräge hinauf zu dem erschrockenen Cowboy kletterte.

Der legte ihm schnell das Gebiß mit einer kurzen Kette zwischen die Zähne. Paula aber, die immer noch auf dem Hengst saß, beugte sich mit einer gebieterischen Bewegung vor, nahm dem Cowboy den Zügel aus der Hand, wandte das Pferd, so daß sie Angesicht zu Angesicht mit Forrest stand, und salutierte.

»Jetzt müßt ihr gehen«, rief sie. »Hier ist der Zutritt nur Frauen gestattet, männliches Publikum können wir nicht gebrauchen.«

Dick lachte, erwiderte ihren Gruß und ritt durch die Syringen nach dem Wege voraus.

»Wer ... wer war das?« fragte Graham.

»Paula – meine Frau – der Bub, das Kind, das nie erwachsen wird, das herzhafteste Frauenzimmerchen auf der Welt.«

»Ich bin noch ganz sprachlos«, sagte Graham. »Machen Sie hier oft solche tollen Sachen?«

»Es ist das erstemal, daß sie das getan hat«, antwortete Forrest. »Das war Bergkönig. Sie ritt mit ihm zur Ablaufrinne und rutschte einfach mit ihm und seinen zweitausend Pfund hinunter.«

»Ja, und riskierte dabei, ihm und sich selber Hals und Beine zu brechen.«

»Und der Hals und die Beine sind fünfunddreißigtausend wert«, lächelte Dick. »Die Summe bot mir voriges Jahr ein Konsortium von Pferdezüchtern für ihn, nachdem er die ganze Küste mit seiner Nachkommenschaft versorgt hatte. Und Paula könnte sich gut jeden Tag im Jahre Hals und Beine brechen, bis ich pleite wäre, aber sie tut es nicht. Ihr geschieht nie etwas.«

»Wenn der Hengst gestürzt wäre, hätte ich nicht viel für sie gegeben.«

»Aber er stürzte eben nicht«, antwortete Dick mit größter Seelenruhe. »Paula hat Glück. Sie ist zäh. Ich hatte sie mit, wo im Ernst geschossen wurde, und sie war direkt enttäuscht, daß sie nicht getroffen oder totgeschlagen wurde. Vier Batterien schossen mit Granaten auf uns, und wir mußten eine halbe Meile weit über einen Höhenrücken gehen, bis wir Deckung fanden. Wir sind jetzt zehn, zwölf Jahre verheiratet, und wissen Sie, manchmal ist mir, als kenne ich sie gar nicht, als kenne sie sich selber nicht. Paula und ich haben eine Zauberformel: Einerlei, was es kostet, wenn es nur Freude macht. Ob man mit Geld, mit seiner Haut oder seinem Leben bezahlt, hat nichts zu sagen. Und wir sind noch nie den Preis schuldig geblieben.«

 

Es war ein Herrenessen. Die Damen wollten, wie Forrest sagte, »unter sich bleiben«.

»Ich glaube kaum, daß Sie eine einzige von ihnen vor vier Uhr sehen werden; dann schlägt Ernestine, das ist eine von Paulas Schwestern, mich im Tennis, – oder sie versucht es jedenfalls.«

Während des Lunch beteiligte sich Graham an der Unterhaltung, die sich um Rassen und Zucht drehte, und trug sein Scherflein aus eigener Erfahrung dazu bei, konnte aber die ganze Zeit nicht das Bild von der Gattin seines Wirtes vergessen, – von der runden, feinen, weißen Gestalt auf dem dunklen, nassen Rücken des Hengstes. Den ganzen Nachmittag, bei der Besichtigung der Merinoschafe, flammte dieser Anblick beständig unter seinen Lidern, und selbst als er um vier Uhr auf dem Tennisplatz mit Ernestine spielte, mißglückte ihm mehr als ein Schlag, weil der fliegende Ball plötzlich verdunkelt wurde von dem Bilde der marmorweißen Frauengestalt, die sich krampfhaft auf dem Rücken eines mächtigen Hengstes anklammerte.

 

Wenn Graham auch kein Kalifornier war, so kannte er doch das Land und wunderte sich nicht, daß alle Damen zu Tisch Badeanzug mit Gesellschaftskleidung vertauschten, die Herren sich aber nicht umgezogen hatten. Er beging auch nicht den Fehler, eine Ausnahme von der Regel bilden zu wollen, trotz der Vornehmheit, die das Große Haus ausstrahlte.

Zwischen dem ersten und zweiten Anschlagen des Gongs versammelten sich die Gäste allmählich im Speisesaal. In dem Augenblick, als der Gong zum zweitenmal ertönte, erschien Dick Forrest, und sofort wurden Cocktails gereicht. Graham wartete ungeduldig, daß die Frau sich zeigen sollte, die er seit dem Vormittage vor Augen gehabt hatte. Er hatte zu oft prachtvolle Athleten nackt gesehen, die sich, sobald sie bekleidet waren, nicht zu bewegen verstanden, als daß er sehr viel von dem wunderbaren weißen Geschöpf erwartet hätte, wenn er es jetzt in der üblichen Kleidung zivilisierter Frauen sehen sollte.

Er schnappte direkt nach Luft, als sie eintrat und eine Sekunde in der Tür stehen blieb. Sprachlos starrte er sie an, entrückt, bezaubert von ihrer überraschenden Schönheit. Sie war ihm so klein und elfenhaft erschienen, jetzt aber wirkte sie weder klein noch wie der Knabe auf dem Hengst, sondern ganz als große Dame, so wie gerade eine kleine Frau hin und wieder einmal wirken kann. Sie war größer und sah auch größer aus, als er sie sich gedacht hatte. Er bemerkte ihr goldbraunes Haar, ihren frischen Teint, der rein, klar und weiß war, ihren kräftigen, runden Hals und das mattblaue Kleid, das mit seinen langen, losen Ärmeln und der Verbrämung mit juwelenbesetztem Goldband fast wie ein mittelalterliches Gewand wirkte.

Mit einem Lächeln begrüßte sie die Anwesenden. Dieses Lächeln kannte Graham, war es doch dem verwandt, das sie Dick vom Rücken ihres Hengstes aus gesandt hatte. Als sie jetzt auf ihn zuschritt, bemerkte er unwillkürlich, wie unvergleichlich rhythmisch ihre Knie sich unter den schweren Falten des Kleides hoben, – diese runden Knie, die er sich mit der Kraft der Verzweiflung gegen die runden Schultermuskeln Bergkönigs hatte pressen sehen.

Sie stand zwischen ihnen, und Grahams Hand umschloß die ihre bei der formellen Vorstellung, als sie ihn im Großen Hause willkommen hieß.

Bei Tisch saß er neben ihr und konnte es sich nicht versagen, sie heimlich zu studieren. Während er sich mit Erfolg an der allgemeinen Unterhaltung beteiligte, waren seine Gedanken von der Gattin seines Wirtes erfüllt.

Kaum je hatte Graham in einer so merkwürdigen Gesellschaft zu Tische gesessen. Der Viehhändler und der Korrespondent von ›Breeders Gazette‹ befanden sich noch unter den Gästen. Drei Automobile voller Menschen waren, kurz bevor der Gong zum erstenmal ertönt war, angekommen und sollten spät abends im Mondschein wieder heimfahren. Graham hatte ihre Namen nicht behalten, wußte aber, daß sie aus Wickenberg, einem Städtchen in dem etwa dreißig Meilen vom Großen Haus gelegenen Tal kamen und teils der Bank- und Beamtenwelt des Städtchens angehörten, teils wohlhabende Landwirte waren. Sie befanden sich in glänzender Stimmung, lachten und schwatzten, und von allen Seiten ertönten die neuesten Witze und der neueste Slang.

»Das weiß ich jedenfalls schon«, sagte Graham zu Paula, »wenn Ihr Haus immer eine solche Karawanserei ist, wie ich es seit meiner Ankunft kenne, so brauche ich gar nicht erst zu versuchen, Namen und Leute im Kopf zu behalten.«

»Das kann ich Ihnen nicht übelnehmen«, räumte sie lachend ein. »Aber es sind unsere Nachbarn. Sie kommen zu allen möglichen Zeiten. Frau Watson, die neben Dick sitzt, gehört der alten Landaristokratie an. Ihr Großvater, Wicken, kam im Jahre 1846 über die Sierra Nevada. Wickenberg ist nach ihnen benannt, und das hübsche, junge Mädchen mit den dunklen Augen ist ihre Tochter.«

Paula beschrieb ihm schnell die übrigen Gäste, aber Graham hörte kaum, was sie sagte, so sehr beschäftigte ihn der Versuch, diese rätselhafte Frau kennenzulernen. Natürlichkeit war der Grundton ihres Wesens, das war sein erster Eindruck. Wenige Augenblicke später war er zu dem Ergebnis gelangt, daß der Grundton Lebensfreude war. Aber er war mit beiden Schlüssen unzufrieden, wußte, daß er das Wesentliche in ihr noch nicht erfaßt hatte. Plötzlich wußte er es – Stolz. Das war es! Stolz lag in ihren Augen, in ihrer Kopfhaltung, in den Locken, die ihr Gesicht umgaben, in dem beweglichen Munde, in dem Winkel, den das runde Kinn bildete, in ihren kleinen, muskulösen Händen, die, wie er gleich sah, viel Klavier gespielt hatten. Stolz lag in jeder Muskel, in jedem zitternden Nerv, – bewußter, empfindender, brennender Stolz.

Sie konnte heiter und natürlich, Knabe und Weib, nichts als Lustigkeit und Ausgelassenheit sein, dahinter lag stets, zitternd und angespannt, der Stolz als ein Teil ihres Wesens, als der Grundstoff, aus dem sie geschaffen war. Sie war Weib, freimütig, ehrlich, offen, schmiegsam und demokratisch, aber ein Spielzeug war sie nicht. Zeitweise hatte er das Gefühl, als schlüge sie Funken wie Stahl – feiner, juwelenartiger Stahl. Sie war der Inbegriff von Kraft.

»Gewiß, Aaron,« tönte in einer Pause Dick Forrests Stimme vom andern Ende des Tisches, »darüber können Sie mal nachdenken: Phillips Brooks sagt, keiner hat sich zu wirklicher Größe hindurchgerungen, ohne zu fühlen, daß sein Leben in gewisser Beziehung seiner Rasse gehört, und daß Gott, was er ihm gibt, ihm für die ganze Menschheit gegeben hat.«

»Da glauben Sie also letzten Endes doch an Gott?« gab der mit Aaron angeredete Mann spöttisch zurück. Er war ein schlanker Mensch mit einem länglichen, olivenfarbenen Gesicht, strahlenden, schwarzen Augen und einem langen, tiefschwarzen Bart.

»Ich will mich hängen lassen, wenn ich es weiß«, antwortete Dick. »Jedenfalls aber habe ich ihn nur figürlich zitiert. Nennen Sie es meinetwegen Moral oder Entwicklung.«

»Die Größe eines Mannes beruht nicht auf dem Intellekt«, sagte ein ruhiger Ire mit einem langen Gesicht und blankgeriebenen Ärmeln.

»Sehr richtig, Terrence!« stimmte Dick zu.

»Es kommt auf die Erklärung an«, sagte müde ein Mann, unverkennbar ein Hindu, der das Brot zwischen seinen sehr schlanken, feinen Fingern zerkrümelte. »Was verstehen wir unter ›Größe‹?«

»Sagen wir Schönheit«, meinte still ein melancholisch aussehender junger Mann mit empfindsamem, ängstlichen Wesen und langem, wirren Haar.

Ernestine erhob sich plötzlich, legte die Hände auf den Tisch und beugte sich mit gemachtem Ernst vor. »Jetzt geht es los!« rief sie. »Jetzt geht es los! Jetzt werden wir das Universum zum tausendsten Mal ordnen. Theodore,« wandte sie sich an den jungen Dichter, »der Anfang ist schwach. Benutzen Sie die Gelegenheit. Reiten Sie Ihre Gelehrsamkeit, und Sie werden mit drei Längen vor uns ankommen.«

Ein schallendes Gelächter belohnte ihre Worte, und der Dichter errötete und zog sich in seine Schale von Empfindsamkeit zurück.

»Unsere Philosophen werden heute wohl kaum Gelegenheit finden, sich auszusprechen«, sagte Paula leise zu Graham.

»Philosophen?« fragte er. »Die kamen ja nicht mit den Leuten von Wickenberg. Wer und was sind sie? Ich verstehe nicht ein Wort von der ganzen Geschichte.«

»Die ...« Paula zögerte. »Die wohnen hier. Sie nennen sich selbst die Dschungelvögel. Sie wohnen ein paar Meilen von hier im Walde und tun nichts anderes als lesen und reden. Ich möchte wetten, daß man mindestens fünfzig von Dicks nicht katalogisierten Büchern in ihren Höhlen findet. Dick sagt, ihnen hätte er es zu verdanken, daß er die umfassendste und modernste Sammlung philosophischer Werke an der ganzen atlantischen Küste besitzt. Sie verdauen gewissermaßen alles für ihn. Es macht Dick einen Heidenspaß und spart ihm nebenbei Zeit. Er arbeitet ja ununterbrochen, wissen Sie.«

»Mit andern Worten: Dick sorgt für sie, nicht wahr?« fragte Graham und freute sich, daß er in die blauen Augen sehen durfte, die seinem Blick so offen begegneten.

Während sie antwortete, beobachtete er den schwachen Bronzeschimmer in ihren langen, braunen Wimpern; vielleicht war es ein zufälliger Lichtreflex. Hierauf mußte er notgedrungen ihre fein gezeichneten, braunen Brauen betrachten, ob sie denselben Bronzeschimmer hatten, und zuletzt fiel sein Blick auf ihr Haar, und auch hier sah er, noch deutlicher, den schwachen Bronzeton. Unwillkürlich verblüffte und durchbebte ihn auch das blendende Lächeln, das so häufig ihr Gesicht erhellte und sowohl Zähne wie Augen umfaßte. Wenn sie lächelte, so tat sie es aus ihrem Innern heraus, überströmend, freudig, und sie legte den ganzen Reichtum ihres Wesens hinein.

»Ja,« sagte sie, »solange sie leben, brauchen sie sich nicht den Kopf zu zerbrechen, wovon sie leben sollen. Dick ist sehr freigebig oder eigentlich unmoralisch in der Art, wie er derartige Menschen in ihrer Faulheit bestärkt. Diese Leute sind ... eine Art Zubehör zum Hause, und sie werden hier bleiben, bis wir sie begraben oder sie uns. Ab und zu verschwindet einer für eine Weile. Wie die Katzen, wissen Sie. Dann kostet es Dick richtiges Geld, sie wiederzubekommen. Terrence dort drüben – Terrence McFane – ist epikuräischer Anarchist, wenn Sie wissen, was das heißt. Er würde keinen Floh töten.

Voriges Jahr hatte er auf einmal eine fixe Idee: das Alphabet. Er reiste nach Ägypten – ohne einen Pfennig natürlich, – um es bis zu seinem Ursprung zurück in dem Lande, aus dem es stammt, zu verfolgen, und so zu der Formel zu gelangen, die die Erklärung für das ganze Weltall geben sollte. Er kam denn auch bis nach Denver, – er reiste als Tramp, – und wurde dort in irgendwelche sozialistischen Geschichten verwickelt. Dick mußte ihm Rechtsanwälte engagieren, Strafen bezahlen und alles mögliche tun, um ihn wiederzubekommen.

Und der mit dem Bart, – das ist Aaron Hancock. Der will ebensowenig arbeiten wie Terrence. Aaron stammt aus den Südstaaten. Er sagt, in seiner Familie habe keiner je gearbeitet, und es seien immer nur Narren gewesen, die das Arbeiten einfach nicht hätten lassen können. Daher trägt er auch einen Bart. Sich zu rasieren, ist seiner Meinung nach unnötige Arbeit und daher unmoralisch. Ich vergesse nie, wie er in Melbourne auf Dick und mich losgeschossen kam, ein Wilder aus dem australischen Busch. Er hatte offenbar anthropologische oder folkloristische Studien an Ort und Stelle betrieben. Dick, der ihn vor Jahren in Paris kennen gelernt hatte, versprach ihm, für ihn zu sorgen, wenn er je nach Amerika zurückkäme. Und da ist er nun.«

»Und der Dichter?« fragte Graham, froh, noch weiter mit ihr sprechen und das blendende Lächeln beobachten zu können, das immer wieder über ihr Antlitz glitt.

»Ach, Theo – Theodore Malken, – wir nennen ihn Leo. Er will auch nichts tun. Er ist aus alter, kalifornischer Familie. Seine Verwandten sind schrecklich reich, zogen sich aber von ihm zurück, – oder er sich von ihnen, – als er fünfzehn Jahre alt war. Sie sagen, er sei ganz verrückt. Er macht wirklich fabelhafte Gedichte ... wenn er einmal schreibt; aber er träumt lieber mit Terrence und Aaron in der Dschungel. Er ist jetzt zwei Jahre bei uns und beginnt direkt Fett anzusetzen. Dick versorgt sie einfach unvernünftig freigebig mit Proviant, aber sie wollen lieber reden, lesen und träumen, als sich selbst ihr Essen bereiten. Die einzigen, richtigen Mahlzeiten erhalten sie, wenn sie, wie heute, zu uns kommen.«

»Und der Hindu, – wer ist das?«

»Das ist Dar Hyal. Er ist ihr Gast. Die drei haben ihn eingeladen. Dick meint, mit der Zeit kämen noch drei dazu, und dann hätte er seine sieben Weisen von Madroñohain. Sie wohnen nämlich im Madroñohain. Da ist es herrlich: rieselnde Quellen und ein Canyon, – aber ich wollte Ihnen von Dar Hyal erzählen.

Er ist Revolutionär eigener Art. Er hat ein bißchen an unsern Universitäten gearbeitet, hat in Frankreich, in Italien und der Schweiz studiert, mußte Indien aus politischen Gründen verlassen und hat zwei große Ziele: erstens ein neues synthetisch-philosophisches System und zweitens Empörung gegen die britische Tyrannei in Indien. Er ist Vorkämpfer für individuellen Terrorismus und direkte Aktion der Massen. Das ist der Grund, daß seine Zeitung »Kadar« oder »Badar« oder so etwas in Kalifornien verboten und er selbst beinahe ausgewiesen wurde; und das ist auch der Grund, daß er sich augenblicklich hier befindet und sich der Formulierung seiner Philosophie widmet. Er und Aaron streiten sich immer schrecklich über philosophische Probleme. Und jetzt« – Paula seufzte, verlöschte den Seufzer aber gleich wieder durch ein Lächeln – »jetzt bin ich fertig, und Sie wissen Bescheid. Wenn Sie unsere Weisen übrigens näher kennenlernen wollen, so will ich Ihnen einen guten Rat geben, namentlich, wenn es im Herrenzimmer geschieht: Dar Hyal ist Antialkoholiker; Theodore Malken kann einen poetischen Rausch haben und bekommt ihn meistens von einem einzigen Cocktail; Aaron Hancock weiß ein gutes Glas zu schätzen, und Terrence McFane, der kaum ein Getränk vom andern unterscheiden kann und sich auch nichts daraus macht, kann fünfundneunzig Männer von hundert unter den Tisch trinken und dabei noch mit größter Klarheit seine epikuräisch-anarchistischen Theorien entwickeln.«

Etwas bemerkte Graham im Laufe des Essens: Die Weisen nannten Dick Forrest beim Vornamen, Paula aber stets »Frau Forrest«, obgleich sie sie bei ihren Vornamen nannte. Das klang nicht im geringsten unnatürlich. Diese Menschen, die nur wenige Dinge unter der Sonne, und darunter nicht einmal die Arbeit, respektierten, legten sich ganz unbewußt der Gattin Dick Forrests gegenüber eine gewisse Zurückhaltung auf.

Genau so war es nach dem Essen in dem großen Wohnzimmer. Sie tat, was ihr einfiel, aber niemand nahm sich deshalb ihr gegenüber etwas heraus. Ehe die Gesellschaft sich verteilte, schien Paula überall zu sein und war heiterer als sie alle. Aus dieser und jener Gruppe, aus dieser und jener Ecke erscholl ihr Lachen, das Graham bezauberte.

Vom Klavier, an dem Eddie Mason, von einer Schar junger Mädchen umgeben, saß, ertönten Lärm und Heiterkeit und die neuesten Lieder und Schlager.

Paula lief schnell durchs Zimmer, verfolgt von Dick, der sie in dem Augenblick fing, als sie sich hinter einigen Gästen zu verbergen suchte.

»Verruchtes Weib!« rief Dick mit angenommener Wut, und im nächsten Augenblick hatten beide sich gefunden und verabredeten, daß sie Dar Hyal zum Tanzen überreden wollten.

Dar Hyal gab nach und überließ Asien und die Asiaten sich selber, während er mit seltsamen Arm- und Beinverrenkungen eine Tanzparodie tanzte, die er für die »blastische« Kulmination des modernen Tanzes erklärte.

»Und jetzt, Rote Wolke, sing Herrn Graham dein Eichellied vor«, sagte Paula zu Dick. Dick, der immer noch den Arm um seine Frau geschlungen hatte, damit sie sich nicht der Strafe entzöge, die er ihr angedroht, aber noch nicht erteilt hatte, schüttelte düster den Kopf.

»Das Eichellied!« rief Ernestine vom Klavier, und die Aufforderung wurde von Eddie Mason und den jungen Mädchen wiederholt.

»Ach ja, Dick«, bat Paula. »Herr Graham ist der einzige, der es noch nicht gehört hat.«

Dick schüttelte den Kopf.

»Dann sing' dein Lied vom Goldfisch!«

»Ich will ihm das Lied des Bergkönigs vorsingen«, sagte Dick trotzig, und seine Augen leuchteten necklustig. Er stampfte mit den Füßen, tanzte, wieherte, daß es wirklich wie das Wiehern Bergkönigs klang, warf eine eingebildete Mähne zurück und rief: »Hört mich, ich bin Eros, ich stampfe durch die Berge –«

»Das Eichellied!« unterbrach Paula ihn schnell und ruhig mit einem ganz leisen stählernen Klang in der Stimme.

Dick unterbrach gehorsam das Lied des Bergkönigs, schüttelte aber den Kopf wie ein eigensinniges Füllen.

»Ich weiß ein neues Lied«, sagte er mit großem Ernst. »Es handelt von uns beiden, Paula. Ich habe es von den Nishinam.«

»Die Nishinam sind die ausgestorbenen Ureinwohner dieses Teils von Kalifornien«, sagte Paula leise zu Graham.

Dick machte ein Dutzend Tanzschritte mit steifen Beinen, wie die Indianer tanzen, schlug sich mit der einen Handfläche den Schenkel und begann, ohne seine Frau loszulassen, ein neues Lied.

»Mich, ich bin Ai-kut, der erste Mann der Nishinam. Ai-kut ist Adam, und mein Vater war der Coyote und meine Mutter der Mond. Und dies ist Yo-to-to-wi, meine Gattin. Sie ist das erste Weib der Nishinam. Ihr Vater war der Grashüpfer und ihre Mutter die Wildkatze. Das waren der beste Vater und die beste Mutter nach meinem Vater und meiner Mutter. Der Coyote ist sehr klug, der Mond ist sehr alt, aber wer hätte je Gutes vom Grashüpfer und von der Wildkatze gehört? Die Nishinam haben immer recht. Die Mutter aller Weiber mußte eine Katze sein, eine schlaue, kleine, verschrumpfte Katze mit einem traurigen Gesicht und einem gestreiften Schwanz.«

Hier wurde das Lied von dem ersten Mann und der ersten Frau durch Proteste der Damen und Beifallsrufe der Herren unterbrochen.

»Dies ist Yo-to-to-wi, was Eva bedeutet«, sang Dick weiter, wobei er Paula mit einer Bewegung an sich riß, die primitive Wildheit ausdrücken sollte. »Es ist nicht viel an Yo-to-to-wi. Aber ihr dürft nicht zu hart über sie urteilen. Es ist die Schuld des Grashüpfers und der Wildkatze. Ich bin Ai-kut, der erste Mann, und ihr dürft meinen Geschmack nicht kritisieren. Ich war der erste Mann, und sie war das erste Weib. Wo nur eines ist, gibt es keine Wahl. So erging es Adam. Er wählte Eva. Yo-to-to-wi war das einzige Weib auf der ganzen Welt, und deshalb wählte ich Yo-to-to-wi.«

Und Evan Graham, der zuhörte, während sein Blick dem Arm folgte, der mit dem Recht des Besitzers die ganze Schönheit dieser Frau für sich beanspruchte, fühlte das fast als eine persönliche Kränkung, und ungerufen stieg in ihm der Gedanke auf, um gleich wieder zornig verdrängt zu werden: »Dick Forrest ist glücklich – zu glücklich.«

»Ich bin Ai-kut«, sang Dick weiter. »Dies ist mein Blütentau von Weib. Sie ist mein Honigtau von Weib. Ich habe gelogen, denn ihr Vater war nicht der Grashüpfer und ihre Mutter nicht die Wildkatze. Ihr Vater war die Morgenröte über der Sierra und der Sommerwind in den Bergen. Sie berieten miteinander und sogen aus Luft und Erde alle Süßigkeit, bis sich ihre Liebe wie Nebel auf Chapparal und Manzanita senkte und der Honigtau sich auf die Blätter legte.

Yo-to-to-wi ist mein Honigtau-Weib. Hört mich, ich bin Ai-kut. Yo-to-to-wi ist mein Wachtel-Weib, mein Hirsch-Weib, mein Pflanzensaft-Weib, geboren aus dem milden Regen und der fetten Erde. Sie ist geboren aus dem zarten Sternenlicht und der spröden Morgenröte vor der Sonne ...

Und«, schloß Forrest, der jetzt seine Erfindungsgabe erschöpft hatte und zu seiner gewohnten Ausdrucksweise zurückkehrte, »wenn ihr glaubt, daß der liebe, alte, blauäugige Salomon ein ganz anderer Kerl gewesen sei als ich, dann braucht ihr euch nur in die Subskriptionsliste für mein Lied der Lieder einzutragen.«

 

Frau Mason bat Paula, zu spielen.

Dar Hyal schloß sich den drei Weisen an, die Paula zu dem großen Konzertflügel begleiteten, der, wie Graham sich sagte, doch für den großen Raum nicht zu groß war. Kaum aber saß sie, als sie sich auch schon wieder zurückzogen und die Plätze einnahmen, auf denen sie offenbar am liebsten lauschten. Der junge Dichter legte sich der Länge nach auf ein langhaariges Bärenfell, das zwölf Meter vom Klavier entfernt lag und vergrub die Hände in seinem Haar. Terrence und Aaron warfen sich zusammen auf einen Fenstersitz, einander nahe genug, um sich gegebenenfalls bei einer Stelle, über die sie sich gestritten hatten, einen Wink geben zu können. Die jungen Mädchen saßen in buntem Durcheinander auf den breiten Diwanen oder zu zweit oder dritt in den großen Sesseln.

Evan Graham wollte sich schon zum Flügel begeben, um Paula die Noten umzublättern, als er sah, daß Dar Hyal sich diesen ehrenvollen Posten erwählt hatte. Neugierig wartete er, was kommen sollte. Der Flügel stand auf einem Podium unter einer niedrigen Wölbung am Ende des Saales, so daß die Musik in vollstem Maße zu ihrem Rechte kommen konnte. Alles Lachen und Schwatzen war verstummt.

Ernestine, die in einem Sessel ganz in seiner Nähe saß, beugte sich zu ihm vor und flüsterte: »Sie kann alles, was sie will. Und dabei übt sie nicht viel. Sie hat bei Leschetitzky und der Carreño Unterricht gehabt und hält sich an deren Methoden. Und sie spielt nicht wie eine Frau. Hören Sie nur!«

Graham erwartete, von ihren sicheren Händen enttäuscht zu werden. Die liefen in kleinen, schnellen Läufen und Trillern über die Tasten, aber er hatte nur zu oft technisch gewandte, aber in musikalischer Beziehung mittelmäßige Spieler gehört.

Er war jedoch überrascht, als sie das so ausgesprochen männliche Präludium von Rachmaninow, das er nur von Männern befriedigend hatte spielen hören, anschlug.

Und sie spielte weiter mit einer Ruhe und Kraft, die er am allerwenigsten von dieser kleinen, fast mädchenhaften Frau erwartet hätte, welche er durch halbgeschlossene Lider undeutlich hinter der Ebenholzplatte des mächtigen Flügels erblickte, dieses Instruments, das sie ebenso beherrschte wie sich selbst und den Komponisten.

Während Dar Hyal nach Paulas Anweisung andere Noten hervorsuchte, sah sie zu Dick hinüber, der eine Lampe nach der anderen verlöschte, bis sie in einer Oase von mildem Lichte saß, das den matten Goldschimmer auf ihrem Haar und ihrem Kleid hervorhob.

Graham sah, wie der hohe Raum gleichsam noch höher wurde, je mehr er im Schatten lag. Zwanzig Meter lang war der Saal und reichte durch zwei und ein halbes Stockwerk von dem gemauerten Fußboden bis zu der holzgetäfelten Decke. Eine Galerie lief durch die ganze Länge des Raumes, und über ihrem Geländer hingen Felle wilder Tiere, handgewebte Decken aus Oaxaca und Ekuador und Tapas, die Frauenhände mit Pflanzenfarben in der Südsee verfertigt hatten. Graham wußte, woran es ihn erinnerte: an die Festhalle einer mittelalterlichen Burg.

Später, als Paula genug von Debussy gespielt hatte, um Terrence und Aaron Stoff zu einem neuen Disput zu geben, sprach Graham einen Augenblick mit ihr über Musik. Es war ein lebhaftes Gespräch, bei dem sie sich so vertraut mit der Philosophie der Musik zeigte, daß er sich zuletzt hinreißen ließ, seine eigenen Theorien zu entwickeln.

Als die drei Weisen sich dann in das Gespräch mischten, entschlüpfte Paula und überließ Graham seinem Schicksal. Er blickte ihr nach, sah, mit welch vollendeter Schönheit ihre Knie sich unter den Falten ihres Kleides hoben, als sie jetzt zu Frau Mason trat und die Bridgetische arrangierte, während er wie im Traum Terrence seine Theorien entwickeln hörte.

Als die Weisen später in dem hitzigen Wortstreit, ob Berlioz oder Beethoven die tiefste Intelligenz in der Musik bedeutete, alles um sich vergessen hatten, glückte es Graham, ihnen zu entkommen. Sein Ziel war wieder Paula. Aber sie hatte sich zu zwei der jungen Mädchen gesetzt, so daß sie eine lachende Gruppe für sich in einem der großen Sessel bildeten, und da der größte Teil der Gesellschaft vom Bridge in Anspruch genommen war, schlenderte er zu einer andern, aus Dick Forrest, Herrn Wombold, Dar Hyal und dem Korrespondenten von ›Breeders Gazette‹ bestehenden Gruppe und hörte zu, wie Dick Forrest seine neuesten Pläne darlegte.

 

Evan Graham konnte sich an diesem Abend erst spät entschließen, zu Bett zu gehen. Das Große Haus sowohl wie die kleine Dame, die darin herrschte, hatten ihn in starke Erregung versetzt. Halb entkleidet saß er auf dem Bettrand, rauchte seine Pfeife und sah sie dabei immer noch vor sich, wie er sie in ihren verschiedenen Stimmungen und Kleidern während der letzten zwölf Stunden gesehen hatte, – die Frau, die mit ihm über Musik gesprochen, die so mädchenhaft wie die beiden jungen Mädchen neben ihr in dem großen Sessel gesessen, die mit einem leisen Stahlklang in der Stimme ihren widerspenstigen Mann gezügelt hatte, als er das Lied des Bergkönigs singen wollte, die unerschrocken auf dem Rücken des großen Hengstes gesessen, als er im Schwimmbassin ertrinken wollte, und die sich einige Stunden später wie ein Traumgesicht im Speisesaal unter ihren Gästen gezeigt hatte.

Aber nicht allein die Gestalt Paula Forrests, auch das Große Haus mit all seinen Wundern und bizarren, neuartigen Einrichtungen beschäftigte seine Phantasie.

Graham klopfte seine Pfeife aus, sah sich noch einmal in diesem fremden, mit allen Bequemlichkeiten ausgestatteten Zimmer um, schaltete das elektrische Licht aus und lag endlich zwischen den kühlen Laken in dem wachen Dunkel. Wieder hörte er Paula lachen, fühlte wieder ihre Kraft, die ihn an Silber und Stahl gemahnte, sah wieder im Dunkeln die unvergleichliche Bewegung, mit der sie die Knie unter dem Kleide hob. Zuletzt irritierte ihn die strahlende Erscheinung fast, so unmöglich war es, von ihr loszukommen. Immer wieder tauchte sie auf, ein flammendes Bild aus Licht und Farbe.

Er sah Hengst und Reiterin unter dem Wasser verschwinden und wieder auftauchen. Ein Gewirr von Schaum und fechtenden Hufen und ein Frauenantlitz, das lachend ihr Haar in der nassen Mähne des Tieres barg. Und die ersten, rauschenden Töne des Präludiums erklangen in seinem Ohr, während er dieselben Hände, die den Hengst gelenkt hatten, dem Flügel die reine, strahlende Klangfülle Rachmaninows entlocken sah.

Und im Einschlafen noch staunte Graham über das Wunderbare des Entwicklungsprozesses, der aus dem Urschlamm und Staub das glühende Fleisch und den herrlichen Geist dieser Frau erschaffen konnte.

 

Am nächsten Morgen erhielt Graham einen weiteren Einblick in das Leben im Großen Hause. Oh Jeh hatte ihn schon am Abend zuvor über verschiedenes aufgeklärt und erfahren, daß er es vorzog, nach der Tasse Kaffee, die er gleich nach dem Aufwachen erhielt, statt im Bett im Frühstückszimmer zu essen. Ferner hatte Oh Jeh ihm mitgeteilt, daß das Frühstück nicht auf eine bestimmte Zeit angesetzt war, sondern jederzeit zwischen sieben und neun Uhr eingenommen werden konnte, und daß die Gäste kamen, wann es ihnen paßte. Wenn er ein Pferd, ein Schwimmbad, ein Auto oder sonst etwas wünschte, das das Große Haus zu bieten hatte, so brauchte er es Oh Jeh nur zu sagen.

Als Graham um halb acht Uhr das Frühstückszimmer betrat, kam er gerade früh genug, um sich von dem Korrespondenten von ›Breeders Gazette‹ sowie von dem Viehhändler aus Idaho zu verabschieden, die schon gegessen hatten, um jetzt mit dem Auto nach Eldorado und von dort mit dem Morgenzuge nach San Francisco zu fahren. Er frühstückte allein, und ein chinesischer Diener nötigte ihn, sich zu bedienen. Er verlangte und erhielt zuerst eine geeiste Grape Fruit mit Sherry, die, wie der Diener stolz erklärte, »selbstgezogen« war. Dann dankte er für verschiedene Frühstücksgerichte und Grütze, die der Chinese ihm vorschlug, und hatte sich gerade flaumweiche Eier und Speck bestellt, als Bert Wainright mit einer Gleichgültigkeit hereinschlenderte, die, wie Graham sofort merkte, nur gespielt war, und fünf Minuten später erschien Ernestine Desten in einem entzückenden Morgenkleid und tat, als sei sie sehr erstaunt, so früh schon so viele Gäste anzutreffen.

Als die drei sich von Tisch gerade erheben wollten, kamen Lute Desten und Rita Wainright. Im Billardzimmer, wohin Graham sich dann mit Bert begab, erfuhr er, daß Dick Forrest nie am Frühstückstisch erschien, und daß er sich nur bei ganz besonderen Gelegenheiten seinen Gästen vor dem zweiten Frühstück um halb eins zeigte. Paula Forrest schlief, wie Bert erklärte, immer sehr schlecht und stand erst spät auf, lebte hinter einer Tür ohne Griff in einem geräumigen Flügel mit einem geheimen Hof, den er selbst nur ein einziges Mal gesehen hatte.

»Sie ist ganz gesund,« erklärte er, »aber sie hat nie schlafen können, nicht einmal als ganz kleines Kind. Aber das macht ihr nichts aus, denn sie hat einen starken Willen und will sich ihre Nerven nicht verderben lassen. Sie hat ein so empfindliches Nervensystem, aber statt sich aufzuregen, wenn sie nicht schlafen kann, beschließt sie, daß sie ruhen will, und dann ruht sie. Solche Nächte nennt sie ihre »weißen Nächte«. Vielleicht schläft sie bei Tagesanbruch oder um neun oder zehn Uhr morgens ein, und dann schläft sie den ganzen Tag hindurch und kommt erst zum Mittagessen, und zwar vollkommen frisch.«

»Das ist wohl Gewohnheit, denke ich«, meinte Graham.

Bert nickte.

»Ja, für neunhundertundneunundneunzig von tausend Frauen wäre es eine Qual. Für sie aber nicht. Sie nimmt es, wie es gerade kommt, und wenn sie zu der einen Zeit nicht schlafen kann, so schläft sie einfach zu einer anderen und holt das Versäumte ein.«

Bert Wainright erzählte noch mehr von ihrer Wirtin, und Graham merkte schnell, daß der junge Mann, obgleich er sie erst kurze Zeit kannte, doch schon großen Respekt vor ihr hatte.

»Ich habe noch keinen Menschen gesehen, mit dem sie nicht fertig werden konnte, wenn sie es sich vorgenommen hatte,« sagte er vertraulich. »Und ich kann nicht herauskriegen, wie sie es macht. Nur ein Schimmer in ihren Augen, ein Ausdruck um ihren Mund, – was weiß ich! – Aber sicher ist, daß sie den Leuten ihren Platz anweist, und zwar so, daß kein Zweifel möglich ist.«

»Sie hat so ... eine besondere Art«, meinte Graham.

»Eben!« Berts Gesicht strahlte. »Es ist ihre Art. Es kann eine Kälte von ihr ausstrahlen, man weiß nicht, wieso. Vielleicht hat sie gelernt, es so still abzutun, weil sie gewohnt ist, die Nächte schlaflos zu verbringen, ohne zu klagen oder verdrießlich zu werden. Es ist sehr wahrscheinlich, daß sie heute nacht kein Auge geschlossen hat – die Aufregung, die vielen Menschen, das Schwimmbad mit Bergkönig und alles das. Sehen Sie, was sonst die meisten Frauen wachhält – Gefahr, Seesturm oder dergleichen – das, sagt Dick, macht keinen Eindruck auf sie. Sie kann wie ein Kind schlafen, sagt er, und wenn die Stadt, in der sie sich befindet, bombardiert wird, oder das Schiff, auf dem sie ist, Gefahr läuft, an den Klippen zu zerschellen. Sie ist prachtvoll. Sie sollten nur mal Billard mit ihr spielen, da werden Sie sehen, was sie kann!«

Kurz darauf trafen Graham und Bert die jungen Mädchen in der kleinen Wohnstube, und sie sangen, tanzten und plauderten eine ganze Stunde lang, aber trotzdem konnte Graham ein Gefühl der Leere und den tiefen Wunsch nicht loswerden, Paula Forrest in einer neuen, unerwarteten Stimmung in die offene Tür treten zu sehen.

Dann machte er auf Altadena in Begleitung Berts, der eine Vollblutstute namens Mollie ritt, einen zweistündigen Ausritt nach den Meiereien des Gutes und kam gerade früh genug wieder heim, um sich gemäß der Verabredung mit Ernestine auf dem Tennisplatz zu treffen.

Zum Frühstückstisch erschien er mit einem Eifer, den sein starker Appetit nicht hinreichend erklärte, und war sehr enttäuscht, als die Hausfrau sich nicht zeigte.

»Eine weiße Nacht«, erklärte Dick Forrest seinem Gast und ergänzte die Auskünfte Berts mit einigen Einzelheiten über ihre angeborene Schlaflosigkeit. »Wissen Sie, wir waren schon jahrelang verheiratet, ohne daß ich sie je schlafen gesehen hatte. Ich wußte, daß sie schlief, sah es sie aber nie tun. Ich habe sie drei Tage und drei Nächte herumlaufen sehen, ohne ein Auge zu schließen, und als sie endlich einschlief, geschah es einfach aus Erschöpfung. Das war, als die »All Away« bei den Karolinen strandete, und die ganze Bevölkerung sich abmühte, uns klarzubringen. Es war nicht die Gefahr – eine eigentliche Gefahr bestand nicht – nur der Lärm und die Aufregung. Sie war zu sehr darauf versessen, etwas zu erleben, und als dann alles vorüber war, sah ich sie wirklich schlafen – aber das war das erstemal.«

Am Morgen war ein neuer Gast angekommen, Donald Ware, den Graham beim zweiten Frühstück vorfand. Er schien alle zu kennen, als sei er ein häufiger Gast im Großen Hause, und Graham erfuhr, daß er trotz seiner Jugend ein bekannter Geiger war.

»Er ist wahnsinnig in Paula verliebt«, sagte Ernestine zu Graham, als sie das Eßzimmer verließen.

Graham hob die Brauen.

»Ach, daraus macht sie sich nichts«, lachte Ernestine. »Das ist sie gewohnt. Sie amüsiert sich darüber. Dick findet es furchtbar komisch. Es geht allen so, ehe sie eine Woche hier gewesen sind. Wenn es Ihnen nicht ebenso ergeht, sind Sie eine mächtige Ueberraschung für uns alle, und Dick wird sich wahrscheinlich kränken. Er hält es für etwas Selbstverständliches und erwartet es direkt. Und wenn ein stolzer, verliebter Ehemann sich an so etwas gewöhnt hat, so muß es ihn natürlich auch schrecklich kränken, wenn jemand seine Frau nicht hinreichend zu schätzen weiß.«

»Na, wenn man das von mir erwartet, muß ich es wohl tun«, seufzte Graham. »Ich hasse es zwar, dasselbe zu tun wie alle anderen, wenn es aber mal so üblich ist ... Aber es ist furchtbar hart für mich, wo es so viele hübsche Mädchen in der Gegend gibt.«

Seine länglichen, grauen Augen blickten sie neckend an und machten einen solchen Eindruck auf Ernestine, daß sie zu lange hinein sah, ehe sie sich dessen bewußt wurde, worauf sie den Blick niederschlug und glühend rot wurde.

»Theochen – der junge Dichter, dessen Sie sich wohl von gestern abend erinnern,« schwatzte sie plötzlich drauflos mit einem offenbaren Versuch, ihre Verlegenheit zu verbergen, »Theochen ist schrecklich in Paula verliebt. Und Terrence – das ist der Ire – ist auch leise in sie verliebt. Sie können ja nichts dafür, und man kann ihnen keinen Vorwurf daraus machen.«

»Sie verdient es auch sicher alles«, murmelte Graham, fast gekränkt, weil der halbverrückte Ire, der stolz auf sein Tagediebleben von anderer Gnaden war, selbst ›leise‹ in die kleine Herrin verliebt sein sollte. »Nach dem wenigen, was ich von ihr gesehen habe, muß sie eigenartig und bezaubernd sein.«

»Sie ist meine Halbschwester,« erklärte Ernestine, »wenn man auch nicht glauben sollte, daß wir auch nur einen Blutstropfen in unseren Adern miteinander gemein hätten. Übrigens ist sie gar nicht so jung. Sie ist achtunddreißig, wissen Sie –«

»Pussi, Pussi!« flüsterte Graham.

Die hübsche, junge Blondine sah ihn überrascht und verdutzt an.

»Kätzchen!« sagte er mit angenommener Strenge.

»Ach,« rief sie, »so meinte ich es ja gar nicht. Wir sagen hier immer alles, was wir meinen. Jeder kennt Paulas Alter. Sie erzählt es selber. Ich bin achtzehn, – daß Sie es wissen! Und weil Sie so schlecht von mir dachten: wie alt sind Sie?«

»Genau so alt wie Dick«, antwortete er schnell.

»Und der ist vierzig«, lachte sie triumphierend. »Kommen Sie mit zum Schwimmen? – Das Wasser wird schrecklich kalt sein.«

Graham schüttelte den Kopf.

»Ich soll mit Dick ausreiten.«

Mit ihrer ganzen achtzehnjährigen Unmittelbarkeit versuchte sie gar nicht, ihre Enttäuschung zu verbergen.

»Ach,« sagte sie, »wieder sein ewiger Dünger oder die Terrassenanlage auf den Hängen oder die Wässerungsanlage!«

»Aber er sprach davon, daß wir um fünf schwimmen wollten.«

Ihr Gesicht erhellte sich in einem strahlenden Lächeln.

»Dann treffen wir uns am Schwimmbassin. Das muß er mit Paula verabredet haben – sie sagte auch, daß wir um fünf schwimmen gingen.«

Graham mußte hineingehen, um sich für den Ritt umzukleiden, so daß sie sich in einer langen Pergola trennten, von wo er in sein Turmzimmer kommen konnte. Plötzlich blieb Ernestine stehen und rief:

»Ach, Herr Graham!«

Gehorsam wandte er sich um.

»Sie sind natürlich nicht gezwungen, sich in Paula zu verlieben. Ich hab' das nur so gesagt.«

»Ich werde sehr, sehr vorsichtig sein«, sagte er feierlich, aber seine Augen funkelten lustig.

Und doch mußte er sich, als er weiterschritt, eingestehen, daß er schon im Begriff war, sich von dem Reiz Paula Forrests einfangen zu lassen. Er wußte in diesem Augenblick, daß er weit lieber mit ihr ausgeritten wäre, als mit seinem alten Freunde Dick.

Als er zu dem langen Bindebaum unter den alten Eichen kam, wo die Pferde angebunden waren, sah er sich eifrig nach der Frau des Hauses um. Aber es war niemand zur Stelle als Dick und der Stallknecht, obwohl viele gesattelte Pferde stampfend im Schatten standen. Dick und er ritten allein. Dick zeigte ihm ihr Pferd – einen lebhaften, roten Vollbluthengst, der einen kleinen, amerikanischen Sattel mit stählernen Steigbügeln und eine Trense mit doppeltem Zügel trug.

»Ich weiß nicht, was Paula vor hat«, sagte Dick, als sie ihre Pferde angetrieben hatten. »Sie hat sich noch nicht gezeigt, aber jedenfalls werden wir sie später beim Schwimmbassin treffen.«

Graham genoß den Ritt, wenn er sich auch mehrmals dabei ertappte, wie er auf seine Armbanduhr sah, um sich zu vergewissern, wie lange es noch bis fünf war. Das Lammen stand gerade bevor, und während er mit seinem Wirt durch ein Feld nach dem andern ritt, stiegen sie abwechselnd ab und halfen trächtigen Shropshire- und Rambouillet-Merinoschafen auf die Beine, denn wenn sie sich auf ihre breiten Rücken gewälzt hatten, konnten sie nicht von selber wieder hoch kommen, sondern fochten hilflos mit allen Vieren in der Luft herum.

»Ich habe tüchtig gearbeitet, um das amerikanische Merinoschaf zu schaffen«, sagte Dick, »und ihm die kräftigen Beine, den starken Rücken, die gewölbten Rippen und die gehörige Widerstandskraft anzuzüchten. Die europäische Rasse war nicht widerstandsfähig. Sie war zu frisiert und manikürt.«

»Ja, Sie haben wirklich Großes geleistet«, sagte Graham. »Widder nach Idaho zu schicken! Das spricht genug für sich.«

Mit strahlenden Augen antwortete Dick:

»Idaho ist noch gar nichts! Entschuldigen Sie, wenn ich prahle, aber so unglaublich es auch klingen mag, so sind doch die großen Schafherden in Michigan und Ohio auf meine in Kalifornien gezüchteten Rambouillet-Widder zurückzuführen. Oder Australien! Vor zwölf Jahren verkaufte ich drei Widder zu dreihundert das Stück an einen Ansiedler, der zu Besuch hier war. Als er mit ihnen heimkam und sie zeigte, verkaufte er sie für ebensoviel Tausend und bestellte sofort eine ganze Schiffsladung bei mir.«

Auf dem Heimwege begegneten sie zufällig Mendenhall, dem Leiter der Pferdezucht, der sie veranlaßte, ihn auf eine abgelegene, von bewaldeten Canyons durchschnittene und mit vielen Eichen bestandene Weide zu begleiten, um sich eine Herde von Shire-Jährlingen anzusehen, die am nächsten Morgen auf die Almen in den Miramarbergen geschickt werden sollte. Es waren fast zweihundert, zottig und zerzaust und mit für ihr Alter sehr kräftigen Beinen.

»Wir überfüttern sie nicht,« erklärte Dick Forrest, »aber Mendenhall sorgt dafür, daß es ihnen nie am geeigneten Futter fehlt. In den Bergen, wo sie hinkommen, erhalten sie ebensoviel Getreide wie Gras. Die Folge ist, daß sie sich jeden Abend an den Futterstellen sammeln, was den Leuten, die füttern, sehr viel Arbeit erspart. Die letzten fünf Jahre habe ich jährlich fünfzig zweijährige Hengste allein nach Oregon geschickt.«

Als Mendenhall fortritt, kam ihnen ein anderer Mann auf einem Palomina-Pferd mit schlanken Beinen und lebhaften Kopfbewegungen entgegen, und Dick stellte ihn als seinen Tierarzt vor.

»Ich hörte, daß Ihre Frau Gemahlin die Fohlen besichtigt hat, und ritt hin, um ihr »Rehkalb« zu zeigen. Vor Ablauf einer Woche kann sie es reiten. Welches Pferd hat sie heute?«

»Stutzer«, antwortete Dick in einem Ton, als erwartete er, daß Hennessy sofort mißbilligend den Kopf schütteln sollte.

»Ich kann mich nicht damit vertraut machen, Frauen auf Hengsten reiten zu sehen«, murmelte der Tierarzt. »Stutzer ist gefährlich und schlimmer noch: er ist boshaft – wenn ich auch vor seinem Stammbaum den Hut ziehe. Ihre Frau Gemahlin sollte ihn nur mit Maulkorb reiten; aber er schlägt auch, und ich glaube kaum, daß man ihm Kissen an die Hufe binden kann.«

»Nun ja,« meinte Dick, »sie reitet ihn mit der Kandare und scheut sich nicht, sie zu benutzen.«

»Wenn er nicht eines Tages stürzt und sie unter sich begräbt«, brummte Hennessy. »Jedenfalls atme ich auf, wenn sie erst Rehkalb reitet. Sehen Sie, das ist ein Damenpferd, so feurig, wie man es sich nur wünschen kann, und nicht im geringsten boshaft. Es ist ein gutes Pferd und wird selbst, wenn es die Jugendtollheiten hinter sich hat, noch ein munteres Tier sein, das seinem Reiter genug zu schaffen macht.«

Die drei Männer ritten ein kleines Stück einen Seitenweg hinauf, bogen dann in einen bewaldeten Canyon ein, wo ein kleiner Bach rieselte, und gelangten auf eine breite, wellige Terrasse mit üppigen Wiesen. Das erste, was Graham sah, war ein Hintergrund von vielen eigenartigen, ein- und zweijährigen Fohlen und vor diesem Hintergrund Paula Forrest auf dem roten Vollbluthengst Stutzer, der stieg und mit den Vorderbeinen durch die Luft focht, wobei er sein gellendes Wiehern hören ließ. Sie hielten ihre eigenen Pferde an und sahen zu.

»Es endet noch damit, daß er sie totschlägt«, murmelte der Tierarzt gereizt. »Auf Stutzer ist kein Verlaß.«

Im selben Augenblick aber hieb Paula, die nicht bemerkte, daß sie Zuschauer bekommen hatte, Stutzer mit einem kurzen Befehl und einer raschen Drehung der scharfen Sporen die Absätze in die seidigen Flanken und zwang das schäumende Tier wieder zu Boden.

»Bist du nicht doch ein bißchen zu waghalsig?« sagte Dick mit leisem Vorwurf, als die drei Männer sich näherten.

»Ach, ich werde schon mit ihm fertig«, sagte sie atemlos mit zusammengebissenen Zähnen, als Stutzer mit flach zurückgelegten Ohren und einem bösen Funkeln in den Augen seine Zähne zu einem Biß entblößte, der Grahams Bein unheimlich nahe gekommen wäre, hätte sie dem Tier nicht mit einem heftigen Ruck am Zügel den Kopf zurückgerissen und ihm beide Sporen in die Seiten gejagt.

Stutzer zitterte, stöhnte und stand einen Augenblick unbeweglich da.

Dreimal wollte der Hengst sich empören, während die drei Männer zusahen, bereit, ihre eigenen Pferde seitwärts zu lenken, falls er sich nicht mehr halten ließe, und dreimal trieb ihm Paula Forrest in der feinen, geübten Hand den Zügel, die Sporen scharf in die Flanken, bis er schwitzend und schäumend, verwirrt und besiegt stand.

»Guten Tag«, begrüßte Paula ihren Gast, den Tierarzt und ihren Mann. »Jetzt hab' ich ihn, glaube ich. Laßt uns die Fohlen sehen. Nehmen Sie sich vor seinem Maul in acht, Herr Graham. Er beißt. Halten Sie sich weg, wenn Sie sich Ihre Beine bis in Ihr hohes Alter zu bewahren wünschen.«

Jetzt da Stutzer mit seinen Kunststücken fertig war, stürmten die Fohlen, wie von einem Neckgeist besessen, herbei, galoppierten über den Rasen, bis sie neugierig wieder stehen blieben, worauf sie sich unter Führung einer besonders kecken, kastanienbraunen Stute in einem Halbkreis mit wachsam gespitzten Ohren vor den Reitern sammelten.

Anfangs sah Graham nicht viel von den Fohlen. Er sah seine Wirtin wieder in einer neuen Rolle. Finden ihre Veränderungsmöglichkeiten denn nie ein Ende, fragte er sich und sah auf das prachtvolle, unterjochte Tier, das sie ritt. Bergkönig war trotz seiner Größe ein gutgezogenes Schoßhündchen neben dem wiehernden, beißenden und schlagenden Stutzer, der die ganze, feurige Bosheit des Vollbluts zeigte.

»Sieh«, flüsterte Paula Dick leise zu, um das kecke Fohlen nicht zu verscheuchen. »Ist es nicht prachtvoll? Dafür habe ich gearbeitet.« Paula wandte sich zu Evan. »Immer haben sie irgendwelche Fehler oder Mängel, – bestenfalls kommen sie der Vollendung nahe. Hier aber ist es vollendet. Sehen Sie nur! Der Vater ist der Große Häuptling, – Sie haben sicher von ihm gehört, wenn Sie das amerikanische Rennregister kennen. Als er Krüppel geworden war, wurde er für sechzigtausend verkauft. Wir liehen ihn. Diese Stute war sein einziges Fohlen in der Saison. Aber sehen Sie sie nur. Die Brust und die Lungen! Ich hatte die Wahl zwischen vielen Stuten, die zum Stammbaum paßten. Ihre Mutter war nichts Besonderes, aber ich wählte sie doch. Sie war eine schwierige alte Jungfer, aber die einzige Stute, die zum Großen Häuptling paßte. Dies ist ihr erstes Füllen, und sie war achtzehn Jahre alt, als sie fohlte. Aber ich wußte, daß es richtig war. Ich brauchte nur sie und den Großen Häuptling anzusehen, um es zu wissen.«

»Die Stute war nur Halbblut«, erklärte Dick.

»Aber ein gut Teil Morgan von der anderen Seite«, warf Paula schnell ein, »und ein Streifen auf dem Rücken von Mustang. Dies wird mein erstes, vollkommenes, ganz unangreifbares Reitpferd – ich weiß es – mein Traum, der sich endlich verwirklicht hat.«

»Ja, schön ist es«, sagte Dick bewundernd, und seine Augen wurden ganz warm, als er das kastanienbraune Fohlen betrachtete, das sich ihnen keck näherte und aufmerksam an dem zitternden Kopf des gebändigten Stutzers mit den weit geöffneten Nüstern schnupperte.

»Ich will lieber, daß meine Pferde nur beinahe Vollblut sind«, erklärte Paula. »Das Rennpferd gehört auf die Rennbahn, aber für den allgemeinen Brauch ist es zu sehr spezialisiert.«

»Gut gepaart«, sagte Hennessy und zeigte auf Nymphe. »Kurz genug, um gut zu laufen, und lang genug für den langen Trab. Ich gestehe, daß ich nicht viel Vertrauen zu dem Experiment hatte, aber wir haben doch ein herrliches junges Tier dabei erhalten.«

»Als junges Mädchen hatte ich keine Pferde,« sagte Paula zu Graham, »und daß ich sie jetzt nicht allein habe, sondern auch aufziehen und nach Belieben züchten kann, das ist, finde ich immer, fast zu schön.«

Sie wandte den Kopf, hob dankbar den Blick, und Graham sah, wie sie und Forrest sich eine lange halbe Minute in die Augen schauten. Forrests Freude über die Freude seiner Frau, ihre jugendliche Begeisterung und Lebensfreude war Graham völlig einleuchtend. »Der Glückspilz!« dachte er, nicht weil sein Wirt einen so großen Besitz hatte und soviel daraus gemacht hatte, sondern weil er eine herrliche Frau besaß, die ihm so freimütig und dankbar in die Augen sehen konnte.

Graham dachte ungläubig an Ernestines Angabe, daß Paula achtunddreißig Jahre alt sein sollte, als sie sich plötzlich zu den Fohlen wandte und mit der Reitpeitsche auf einen schwarzen Jährling zeigte, der an dem jungen Gras nippte.

»Sieh das gerade Kreuz, Dick,« sagte sie, »und die Füße und Fesseln!« Sie wandte sich zu Graham: »Ganz anders als die langen Gelenke von Nymphe, nicht wahr? Aber gerade so, wie ich es wollte.« Sie lachte leise, ein klein wenig ärgerlich. »Die Mutter war eine hellrote Stute, – fast wie ein neugemünztes Zwanzigdollarstück, – und ich wollte so gern von ihr ein Paar Pferde für meinen Wagen haben – genau in einer Farbe. Nun, daraus wurde nichts, obgleich ich sie mit einem prachtvollen, rotbraunen Traber paarte. Statt dessen hab ich das schwarze dort bekommen; – wenn wir nachher die Zuchtstuten besichtigen, sollen Sie den Bruder sehen: mahagonibraun. Das war eine Enttäuschung.«

Sie wies auf ein Paar dunkle Rotschimmel, die nebeneinander weideten. »Das sind zwei von den Nachkommen Guy Dillons – Brüder von Lou Dillon, wissen Sie. Sie haben verschiedene Mütter, nicht ganz vom selben Rotbraun; aber passen sie nicht prachtvoll zueinander? Beide haben sie das Fell von Guy Dillon.«

Sie ritt auf ihrem gezähmten Hengst vorsichtig an der Herde entlang, um die Tiere nicht zu verscheuchen, aber einige der Fohlen begannen doch zu laufen.

»Sehen Sie,« rief sie. »Fünf von denen sind Kutschpferde. Wie die beim Laufen die Vorderbeine heben!«

»Ich würde sehr enttäuscht sein, wenn du nicht ein Preisviergespann aus ihnen kriegtest«, sagte Dick anerkennend, und wieder schenkte sie ihm einen leuchtenden, dankbaren Blick, der Graham einen Stich ins Herz gab.

»Die Mütter von den beiden dort – dem in der Mitte und dem am weitesten links – sind schwerere Stuten, und dann haben wir noch die Wahl zwischen drei anderen für das Leitpferd. Ein und derselbe Vater, fünf verschiedene Mütter und von den fünfen ein gut abgestimmtes, vierblätteriges Kleeblatt – alles in ein und demselben Jahre – das ist doch Glück, nicht wahr?«

Ihr großes Interesse für die Tiere verhinderte, daß ihre Worte auch nur im geringsten geziert oder eingebildet klangen, so daß Dick sich sogar bewogen fühlte, Graham gegenüber ihre Urteilskraft zu rühmen.

»Ich kann eine ganze Bibliothek über Pferdezucht durchackern und mich mit dem Mendelschen Gesetz herumschlagen, bis mir Dummkopf direkt schwindelt; aber sie ist ein Genie. Sie braucht die Gesetze nicht erst zu studieren, sie weiß alles rein intuitiv. Sie braucht nur den Blick über eine Stutenherde schweifen zu lassen, um sofort die richtigen Väter zu finden, und sie kann beinahe alles erreichen, was sie will, – außer der Farbe, nicht wahr, Paula?«

Sie lachte, daß ihre Zähne blitzten, und Dick fuhr fort: »Sie hat eine Eigenschaft, deretwegen wir den Hut vor ihr ziehen müssen: sie läßt keine weibliche Sentimentalität mitreden, wenn es zu verwerfen gilt. Sie ist schonungslos wie ein Mann, wenn es heißt, minderwertige Exemplare auszurangieren und auszuwählen! Nur die Farben beherrscht sie noch nicht. Da reicht ihr Genie nicht aus, was, Paul? Du mußt dich wohl noch ein Weilchen mit Duddy und Fuddy als Kutschpferden begnügen. Übrigens, wie geht es Duddy?«

»Wieder ganz in Ordnung,« antwortete sie, »dank Herrn Hennessy.«

»Es war nichts Ernstes«, fügte der Tierarzt hinzu. »Er hatte nur keinen rechten Appetit. Es war mehr Angst vom Stallknecht.«

* * *

 

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