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Die Herrin des Großen Hauses

Jack London: Die Herrin des Großen Hauses - Kapitel 3
Quellenangabe
authorJack London
titleDie Herrin des Großen Hauses
publisherUniversitas. Deutsche Verlags-Aktiengesellschaft
yearo.J.
firstpub1929
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171107
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In Neu-Mexiko kam Dick für eine Weile auf die Jingle-bob-Ranch, nördlich von Roswell, im Pecostal. Er war noch keine vierzehn Jahre alt, galt als »Glückskind« der Ranch und wurde von älteren Cowboys mit Namen wie Wildpferd, Willi Bock und Toller Pfaff zum perfekten Cowboy ausgebildet.

Hier blieb Dick ein halbes Jahr, und hier eignete sich der weichgliedrige und doch nicht unterzukriegende Junge eine Kenntnis von Pferden und ihrer Behandlung, sowie von Männern mit primitiven Gedanken und Gefühlen an, die ihm im späteren Leben von höchstem Werte werden sollte. Aber er lernte noch mehr. Da war John Chisum, der Besitzer von Jingle-bob, Bosque Grande und mancher andern Viehranch bis an den Black River und noch weiter. John Chisum war ein Viehkönig, der das Kommen der Kleinsiedler vorausgesehen, sich an Stacheldraht gewöhnt, die vierzig Morgen, auf denen es Wasser gab, gekauft und freies Nutzrecht der anstoßenden Millionen Morgen, die ohne das von ihm beherrschte Wasser wertlos waren, erlangt hatte. Und am Lagerfeuer aus den Gesprächen der Cowboys, deren Lohn sich auf vierzig Dollar monatlich belief, und die nicht vorausgesehen hatten, was John Chisum voraussah, lernte Dick genau, wie und warum John Chisum Viehkönig geworden war, während Tausende seiner Zeitgenossen gegen Kost und Lohn für ihn arbeiteten. Aber Dick war nicht kaltsinnig. Sein Blut war heiß, und er besaß Leidenschaft, Feuer und Mannesstolz. Fast weinend nach zwanzig Stunden im Sattel, lernte er doch, sich nichts aus seinen schmerzenden Gliedern zu machen und stoisch und stumm auszuhalten, bis die abgehärteten Cowboys ihn zu Bett schickten. Ebenso ritt er jedes Pferd, das ihm zugewiesen wurde, ritt die Nächte hindurch und kannte kein Zaudern, wenn es galt, sich einer durchgehenden Herde entgegenzuwerfen. Kein Wagnis war ihm zu groß, aber er behielt dabei stets seinen Wirklichkeitssinn. Er wußte gut, daß die Hirnschalen der Menschen dünn waren und leicht zerbrechen konnten, wenn sie mit harten Felsen oder trampelnden Pferdehufen in Berührung kamen. Und wenn er, der sonst jedes ihm angebotene Pferd ritt, sich weigerte, ein Tier zu besteigen, das mehrmals über seine eigenen Beine gestolpert war, so hatte er nicht etwa Furcht, sondern er wollte, daß die Möglichkeit, sich die Knochen zu brechen, derjenigen, heil davonzukommen, wenigstens die Wage hielt, wie er zu John Chisum sagte.

Während seines Aufenthalts auf Jingle-bob schrieb er eines Tages an seine Vormünder. Aber er ließ den Brief durch einen Chicagoer Viehhändler abschicken und gebrauchte zudem die Vorsicht, ihn an Ah Sing zu adressieren. Wenn Dick sich auch von seinen zwanzig Millionen nicht beschwert fühlte, so vergaß er sie doch nie, und da er fürchtete, daß sein Vermögen unter entfernten Verwandten aus Neu-England aufgeteilt werden würde, schrieb er seinen Vormündern, daß er noch am Leben sei und in einigen Jahren heimkommen würde. Er bat sie ferner, Frau Summerstone unter den vereinbarten Bedingungen zu behalten.

Aber Dick juckten die Füße. Mehr als ein halbes Jahr konnte er nicht auf die Ranch opfern. Als Vagabund durchstreifte er die Vereinigten Staaten und machte die Bekanntschaft von Polizisten, Richtern, Vagabundengesetzen und Gefängnissen, von Vagabunden, Gelegenheitsarbeitern und Verbrechern. Bauernhöfe und Bauern lernte er kennen, und im Staate New-York pflückte er eine ganze Woche Beeren bei einem holländischen Bauern, der mit einem der ersten in den Vereinigten Staaten erbauten Silos experimentierte. Nicht Forscherdrang war es, was ihn trieb, dies alles kennen zu lernen. Er hatte nur die Neugier des echten Jungen und sammelte dabei ein ungeheures Wissen von der menschlichen Natur und den sozialen Verhältnissen, das ihm später sehr zustatten kam.

Seine Abenteuer schadeten ihm nichts. Selbst wenn er mit Leuten, die die Gefängnisse der Vereinigten Staaten gut kannten, am Lagerfeuer saß und auf die Erzählungen von ihrem Leben und ihren Verbrechen lauschte, hatte das keinen schlechten Einfluß auf ihn. Er war ein Zugvogel und aus anderem Blute als sie. Sicher im Bewußtsein seiner zwanzig Millionen, lockten ihn Raub und Diebstahl nicht. Er wollte nur sehen, immer mehr sehen.

Als drei Jahre vergangen und er fast sechzehn Jahre alt und ein abgehärteter junger Bursche mit einem Gewicht von hundertfünfundzwanzig Pfund geworden war, sagte er sich, daß es Zeit sei, zu den Büchern heimzukehren. Folglich machte er seine erste Seereise, ließ sich als Schiffsjunge auf einem Segelschiff für die Fahrt von Delaware nach San Francisco um Kap Horn herum anheuern. Es war eine schwere Reise, die hundertundachtzig Tage dauerte. Bei seiner Ankunft aber wog er zehn Pfund mehr.

Frau Summerstone schrie laut, als er in die Stube trat, und Ah Sing mußte aus der Küche geholt werden, um ihn zu identifizieren. Frau Summerstone stieß einen zweiten Schrei aus, als er ihr die Hand drückte und ihre feine Haut mit seiner zerarbeiteten, borkigen Faust schrammte.

Er war ziemlich verlegen, als er seine schnell herbeigerufenen Vormünder begrüßte, was ihn aber nicht hinderte, frei von der Leber weg zu reden.

»Ich bin nämlich kein Dummkopf«, sagte er. »Ich weiß, was ich will. Ich stehe allein in der Welt, bis auf einige gute Freunde wie Sie natürlich, und ich habe meine eigenen Begriffe von der Welt und dem, was ich in ihr ausrichten will. Ich bin wiedergekommen, weil ich fand, daß es Zeit war, und weil ich Pflichten gegen mich selber habe. In den vier Jahren, die ich auf der Wanderung war, ist es mir gut gegangen, und jetzt will ich weiter an meiner Ausbildung arbeiten – studieren, meine ich.«

»Ich schlage Belmont vor«, sagte Slocum. »Da kannst du dein Abitur machen.«

Dick schüttelte den Kopf.

»Und drei Jahre darauf verschwenden! Nein, ich will in weniger als einem Jahre auf der California-Universität sein. Das heißt, daß ich etwas tun muß. Ich will mir einen Hauslehrer oder, wenn es sein soll, ein Dutzend, engagieren und büffeln. Und ich will meine Lehrer selbst engagieren und – ja, gegebenenfalls – entlassen. Das heißt, daß ich Geld haben muß.«

»Hundert Dollar monatlich?« meinte Herr Crockett.

Dick schüttelte den Kopf.

»Ich bin drei Jahre lang ohne einen Pfennig von meinem Gelde fertig geworden; da, denke ich, kann ich jetzt in San Francisco etwas von meinem Gelde brauchen. Ich mache mir noch nichts daraus, mein Geld selbst zu verwalten, aber ich will ein Bankkonto haben, und zwar ein großes. Ich will mein Geld verbrauchen, wie ich es für gut befinde.«

Die Vormünder sahen sich verdutzt an.

»Das ist lächerlich, unmöglich«, begann Herr Crockett. »Du bist noch genau so unvernünftig, wie du warst.«

»So bin ich nun mal«, seufzte Dick. »Unser letzter Streit galt auch meinem Geld. Damals wollte ich hundert Dollar haben.«

»Aber bedenke doch unsere Lage, Dick«, sagte Herr Davidson eindringlich. »Wir sind deine Vormünder, und was würden die Leute sagen, wenn wir einen sechzehnjährigen Knaben frei über sein Geld verfügen ließen?«

»Was ist die ›Freda‹ wert?« fragte Dick unvermittelt.

»Sie ist jederzeit für zwanzigtausend Dollar zu verkaufen«, antwortete Herr Crockett.

»Dann verkaufen Sie sie. Sie ist sowieso zu groß für mich und wird mit jedem Jahr weniger wert. Ich will eine Neunmeterjacht haben, mit der ich selbst auf der Bucht herumgondeln kann, und die kostet tausend Dollar. Verkaufen Sie die ›Freda‹ und legen Sie das Geld auf meinen Namen in die Bank. Sie fürchten natürlich, daß ich das Geld vertrinken, verwetten, mit Chansonetten durchbringen werde. Damit Sie aber ganz ruhig sein können, schlage ich Ihnen vor, daß wir ein Konto einrichten, auf das wir alle vier ziehen können. Sobald einer von Ihnen findet, daß ich das Geld nicht richtig verwende, können Sie die ganze Summe abheben.«

 

Nie hatte es eine Erziehung gegeben wie die, welche Dick Forrest selbst – wenn auch nicht ohne Anweisung – leitete. Von seinem Vater sowie vom Viehkönig John Chisum hatte er die Kunst gelernt, die Köpfe anderer gegen Bezahlung für sich arbeiten zu lassen. Er hatte gelernt, stillzusitzen und zu denken, wenn die Kuhhirten am Lagerfeuer und in den Wagen schwatzten. Und durch seinen Namen und seine Stellung versuchte er nun mit Universitätsprofessoren und praktischen Geschäftsleuten in Verbindung zu kommen, hörte ihnen stundenlang zu, sagte selten etwas, fragte selten, hörte nur auf das, was sie zu geben hatten, zufrieden, wenn er im Laufe mehrerer Stunden eine einzige Idee oder eine einzige Tatsache empfing, die ihm helfen konnte, seine Erziehung zu regeln.

Als er mit Arithmetik und Geometrie fertig war, suchte er den Physik- und den Chemieprofessor der California-Universität auf. Professor Carey lachte ihn aus – oder richtiger: er tat es anfangs.

»Mein lieber Junge ...« begann er.

Dick wartete geduldig, bis er ausgesprochen hatte.

Dann ergriff er selbst das Wort: »Ich bin kein Esel, Herr Professor. Ich kenne die Welt. Sie sind der erste Physiklehrer an der ganzen pazifischen Küste. Das Semester ist bald zu Ende. In der ersten Woche Ihrer Ferien kann ich das Pensum des ganzen Jahres absolvieren, wenn Sie mir Ihre ganze Zeit opfern wollen. Wie viel ist Ihnen die Woche wert?«

»Sie können sie nicht für tausend Dollar kaufen«, antwortete Professor Carey und meinte, die Sache damit erledigt zu haben.

»Ich weiß, wie hoch Ihr Gehalt ist«, begann Dick.

»Wie hoch denn?« fragte Professor Carey scharf.

»Keine tausend Dollar wöchentlich«, antwortete Dick ebenso scharf. »Keine fünfhundert, ja, keine zweihundertundfünfzig wöchentlich ...« Er hob die Hand, damit der andere ihn nicht unterbrach. »Sie sagten eben, ich könnte eine Woche Ihrer Zeit nicht für tausend Dollar kaufen. Das will ich auch nicht, aber ich will sie für zweitausend kaufen. Ich habe nur soundsoviele Jahre zu leben ...«

»Kann man denn Jahre kaufen?« fragte Professor Carey verschmitzt.

»Gewiß; deshalb bin ich ja hier. Ich kaufe drei Jahre für eines, und die Woche, die ich von Ihnen kaufe, gehört mit zum Geschäft.«

»Aber ich habe noch nicht eingewilligt«, lachte Professor Carey.

»Wenn die Summe Ihnen nicht genügt, können Sie selbst sagen, was Sie für angemessen halten«, sagte Dick würdig.

Und Professor Carey schlug ein. Und dasselbe tat Professor Bardale, der erste Chemiker des Landes.

Dick hatte schon seine beiden Mathematiklehrer auf eine mehrwöchige Entenjagd nach Sacramento und den San-Joaquin-Sümpfen mitgenommen. Nun nahm er seinen Literatur- und seinen Geschichtslehrer mit nach den Curry-Jagddistrikten in Südwestoregon. Das hatte er von seinem Vater gelernt: Arbeit und Vergnügen zu vereinigen, und er arbeitete und vergnügte sich, hielt sich im Freien auf und leistete, ohne sich anzustrengen, in einem Jahr die Arbeit, für die ein junger Mann sonst drei braucht. Er fischte, jagte, schwamm, trieb jede Art von Sport und bereitete sich gleichzeitig für sein Abiturium vor. Aber er wußte, daß er das nur konnte, weil die zwanzig Millionen seines Vaters ihm Macht gegeben hatten. Geld war ein Werkzeug, das er weder über- noch unterschätzte.

»Die merkwürdigste Art von Ausschweifung, von der ich je gehört habe«, sagte Herr Crockett, als er Dicks Jahresrechnung durchsah. »Sechzehntausend für Erziehung, genau spezifiziert, mit Eisenbahnfahrkarten, Trinkgeld für die Gepäckträger und Patronen für die Lehrer.«

»Aber sein Examen hat er jedenfalls gemacht«, sagte Herr Slocum.

»Und das im Laufe eines Jahres«, brummte Herr Davidson. »Mein Enkel kam zur gleichen Zeit nach Belmont, und wenn er Glück hat, ist er in zwei Jahren fertig.«

»Na, ich sage nichts weiter,« erklärte Herr Crockett, »als daß der Junge in Zukunft selbst über sein Geld bestimmen kann.«

»Und jetzt will ich mir eine kleine Atempause gönnen«, sagte Dick zu seinen Vormündern. »Jetzt habe ich die anderen eingeholt. Ich habe nur noch Schritt zu halten. Und jetzt brauche ich nicht mehr so viel Geld für den Unterricht, aber dafür mehr Geld für Vergnügungen.«

Herr Davidson wurde sofort mißtrauisch: »Was verstehst du unter Vergnügungen?«

»Ach, in Vereine eintreten, Fußball spielen, mitleben, – wissen Sie. Und außerdem interessiere ich mich für Benzin. Ich will die erste mit Benzin getriebene Hochseejacht der Welt bauen.«

»Du wirst dich in die Luft sprengen«, wandte Herr Crockett ein.

»Ich werde schon aufpassen«, antwortete Dick. »Aber experimentieren muß ich, und das kostet Geld. Geben Sie mir also ein ordentliches Bankkonto – genau wie bisher, auf das wir alle vier ziehen können.«

 

An der Universität machte Dick Forrest sich nur dadurch bemerkbar, daß er im ersten Jahre mehr Vorlesungen versäumte als jeder andere Student. Der Grund war, daß er die Vorlesungen nicht brauchte und das wußte. Als seine Hauslehrer ihn auf das Abitur vorbereiteten, hatten sie ihn so weit gebracht, daß er fast alles wußte, was das erste Universitätsjahr ihm zu bieten hatte.

Aber Dick leistete eine ganze Menge Arbeit, von der niemand etwas sah. Er las viel und vielerlei, und als er seine erste Sommerfahrt in der von ihm erbauten Motorjacht unternahm, waren seine Gäste nicht eine Schar froher junger Leute, sondern Universitätsprofessoren mit Familie, Professoren der Literatur, Geschichte, Jura und Philosophie. Noch nach Jahren nannte man die Reise in Universitätskreisen die »Intelligenzfahrt«, und nach ihrer Rückkehr erklärten die Professoren, sich prächtig amüsiert zu haben. Dick aber brachte größere Kenntnisse auf den verschiedenen Gebieten dieser Professoren mit heim, als er sich in vielen Jahren bei ihren Vorlesungen hätte erwerben können, und die so angewandte Zeit erlaubte ihm, weitere Vorlesungen zu versäumen und mehr Zeit auf praktische Arbeit zu verwenden. Gleichzeitig aber nahm er die Vergnügungen mit, die das Universitätsleben bot. Alle Mütter und Studentinnen hatten es auf ihn abgesehen, da er ein unermüdlicher Tänzer war und keine Universitätsfestlichkeit versäumte. Und bei alledem war er doch kein Wunder. Er zeichnete sich auf keinem Gebiet besonders aus. Ein Dutzend seiner Kommilitonen waren bessere Banjo- und Mandolinenspieler als er; zwei Dutzend galten als bessere Tänzer. Im Fußball galt er als solider, zuverlässiger Spieler, mehr aber nie.

Zeichnete Dick Forrest sich aber in keinem Punkt besonders aus, so versagte er auch in keinem Fach. Er zeigte keine überragende Tüchtigkeit, verriet aber anderseits weder Schwächen noch Mängel. Er war eine Seltenheit: ein normaler, gut ausbalancierter Durchschnittsmensch, der von allem etwas wußte.

Als Herr Davidson in Gegenwart der anderen Vormünder seine Freude darüber ausdrückte, daß Dick keine Tollheiten begangen hatte, seit er sich beruhigt hatte, antwortete er:

»Ach, ich kann mich beherrschen, wenn ich nur will.«

»Ja,« sagte Herr Slocum ernst, »es ist prächtig, daß du dir die Hörner abgelaufen und Selbstbeherrschung gelernt hast.«

Dick sah ihn mit einem seltsamen Blick an.

»Ach, die Jungenstreiche sind nicht der Rede wert«, sagte er. »Das war keine Tollheit. Warten Sie nur, bis ich erst richtig anfange. Vergessen Sie nicht, daß ich einen unlöschbaren Lebensdurst habe. Ich bin jung. Ich brenne! Aber ich beherrsche mich. Nach der Universität kommt die landwirtschaftliche Hochschule, und dann kaufe ich, verschaffe mir entsprechendes Inventar und beginne eine Landwirtschaft, die sich wirklich lohnt. Und dann ziehe ich auf Abenteuer.«

»Wie groß soll der Betrieb sein, mit dem du anfangen willst?« fragte Herr Davidson.

»Vielleicht fünfzigtausend Morgen, vielleicht eine halbe Million. Das kommt darauf an. Ich will auf die steigenden Bodenpreise spekulieren. Ohne daß ich einen Finger zu rühren brauche, wird in fünfzehn Jahren der Boden, den ich jetzt für zehn Dollar den Morgen kaufen kann, fünfzig, und der, den ich für fünfzig kriege, fünfhundert wert sein.«

»Eine halbe Million Morgen zu zehn Dollar macht fünf Millionen Dollar«, sagte Herr Crockett ernst.

»Und zu fünfzig der Morgen macht es fünfundzwanzig Millionen«, lachte Dick.

Aber seine Vormünder glaubten nicht einen Augenblick, daß er wirklich auf Abenteuer ausgehen würde, wie er gedroht hatte. Er konnte vielleicht sein Vermögen mit neuen Ideen in der Landwirtschaft durchbringen, daß er sich aber nach so vielen Jahren der Selbstbeherrschung Ausschweifungen hingeben sollte, das erschien ihnen undenkbar.

In dem Jahr, das Dick auf der landwirtschaftlichen Hochschule verbrachte, beschäftigte er sich fast ausschließlich im Laboratorium und schwänzte alle Vorlesungen. Tatsächlich engagierte er sich seine eigenen Dozenten und verbrauchte ein ansehnliches Vermögen allein für Studienreisen in Kalifornien. Jacques Ribot, der für eine der größten Autoritäten der Welt in landwirtschaftlicher Chemie galt, und den man mit sechstausend jährlich von den zweitausend, die er in Frankreich verdiente, weggelockt hatte, wurde von Dick mit dem Angebot von fünfzehntausend bei fünfjährigem Kontrakt gewonnen.

Die Herren Crockett, Slocum und Davidson hoben entsetzt die Hände und waren sich klar, daß jetzt die Ausschweifungen Dick Forrests begannen.

Und dies war wirklich nur der Anfang. Der Regierung stahl er mittels einer ungeheuren Gehaltserhöhung ihren ersten Viehzuchtspezialisten, und durch ein ähnlich skandalöses Benehmen beraubte er die Nebraska-Universität ihres größten Milchkuhprofessors und verursachte der landwirtschaftlichen Abteilung der California-Universität tiefen Kummer, indem er sich Professor Nirdenhammers, eines wahren Zauberers auf dem Gebiet der Landwirtschaft, bemächtigte.

An seinem einundzwanzigsten Geburtstage schloß er den Kauf seines Fürstentums ab, das sich vom Sacramento bis zu den Bergen im Westen erstreckte.

»Ein unglaublicher Preis!« sagte Herr Crockett.

»Unglaublich billig«, sagte Dick. »Sie sollten nur die Berichte über meine Bodenproben und Wasserproben lesen.«

Der Name Dick Forrest begann unheimlich oft in den Zeitungen zu erscheinen. Er wurde plötzlich berühmt, weil er der erste Mann in Kalifornien war, der zehntausend Dollar für einen einzigen Stier bezahlte. Sein Vieh-Experte, den er der Regierung ausgespannt hatte, überbot in England Rothschild und bezahlte für »Hillcrest Chieftain«, den königlichen Hengst, der bald unter dem Namen »Forrests Tollheit« bekannt wurde, nicht weniger als fünfundzwanzigtausend Dollar.

»Mögen die Leute lachen!« sagte Dick zu seinen früheren Vormündern. »Ich importiere vierzig Shire-Stuten. Fünfzig Prozent ihres Anschaffungspreises werde ich im ersten Jahre verdienen. Von ihnen werden viele Söhne und Enkel abstammen, und Kalifornien wird sich um sie reißen und drei- bis fünftausend das Stück bezahlen.«

Viele ähnliche Tollheiten beging Dick in den ersten Monaten seiner Volljährigkeit, die unbegreiflichste aber war, daß er, nachdem er Millionen hineingesteckt hatte, alles seinen Experten überließ, so daß sie auf eigene Faust und nach gewissen, von ihm festgesetzten Richtlinien weiter arbeiten konnten, sich selbst aber eine Fahrkarte nach Tahiti löste und an Bord einer Brigg auf Abenteuer auszog.

Hin und wieder hörten seine Vormünder von ihm. Einmal war er Besitzer und Führer einer eisernen Viermastbark, die unter englischer Flagge Kohlen von Newcastle brachte. Sie erfuhren das dadurch, daß man sich wegen Bezahlung der Kaufsumme an sie wandte, daß sie Dicks Namen als Kapitän in den Zeitungen lasen, als sein Schiff die Passagiere der unglücklichen »Orion« rettete, und daß ihnen die Versicherungssumme ausbezahlt wurde, als Dicks Schiff mit fast der ganzen Besatzung in dem großen Fidji-Orkan unterging. 1896 war er in Klondike, 1897 in Kamschatka, wo er am Skorbut daniederlag, und dann tauchte er gleichzeitig mit der amerikanischen Flagge auf den Philippinen auf. Einmal, – sie konnten nie erfahren, wie und warum, – war er Besitzer eines uralten Frachtdampfers, den Lloyd längst gestrichen hatte, und der unter siamesischer Flagge fuhr.

Von Zeit zu Zeit hörten sie von ihm aus blauen Häfen in blauen Meeren. Einmal mußte man die ganze politische Maschinerie der Pacific-Küste gegen Washington in Gang setzen, um ihm in Rußland aus einer Klemme zu helfen. Es war eine Affäre, die mit keinem Wort in der Presse erwähnt wurde, im geheimen jedoch in allen Gesandtschaften Europas Heiterkeit erregte.

Durch einen reinen Zufall erfuhren sie, daß er verwundet in Mafeking lag und einen heftigen Anfall von gelbem Fieber in Guayaquil hatte. Dreimal meldeten die Zeitungen seinen Tod: zweimal war er im Kampf in Mexiko gefallen, einmal in Venezuela hingerichtet. Nach all dem blinden Alarm imponierte es seinen Vormündern nicht mehr, daß er in einem Sampan über das gelbe Meer gefahren, »dem Gerücht nach« an Beri-Beri gestorben, mit Russen zusammen von den Japanern in Mukden gefangen genommen war und in einem Militärgefängnis in Japan saß.

Das einzige, was noch Eindruck auf sie machte, war, daß er, als er nach seiner bewegten Jugend im Alter von dreißig Jahren nach Kalifornien zurückkehrte, eine Frau mitbrachte, mit der er seiner Aussage nach schon seit mehreren Jahren verheiratet war, und die seine drei Vormünder zu ihrem Erstaunen sämtlich kannten. Slocum hatte außer eigenen achthunderttausend Dollar das ganze Vermögen ihres Vaters in der letzten Katastrophe der Los-Cocos-Minen in Chihuahua verloren, als die Vereinigten Staaten sich vom Silberfluß zurückzogen. Davidson hatte gemeinsam mit ihrem Vater eine Million aus Last Stake herausgeholt. Crockett hatte, damals noch ganz jung, mit ihrem Vater Merced ausgebeutet, war bei seiner Hochzeit in Stockton sein Brautführer gewesen und hatte am Grant-Paß mit ihm und dem damaligen Leutnant U. S. Grant gepokert, als man von dem jungen Leutnant noch nicht viel anderes wußte, als daß er ein großer Indianertöter und ein mäßiger Pokerspieler war.

Und nun war Dick Forrest mit der Tochter Philipp Destens verheiratet! Sie kamen gar nicht dazu, Dick zu beglückwünschen. Sie redeten drauf los, behaupteten, daß Dick gar nicht wüßte, welches Glück er gehabt hätte. Sie verziehen ihm all seine tollen Streiche. Endlich hatte er einmal etwas Vernünftiges getan, ja, mehr als das: etwas geradezu Geniales! Paula Desten! Die Tochter Philipp Destens! Die drei alten Freunde von Desten und Forrest aus der entschwundenen Goldzeit, die drei überlebenden Kameraden der beiden, die jetzt tot waren, sprachen strenge Worte zu Dick. Sie erzählten ihm immer wieder, welch ungeheuren Schatz er erhalten hatte, und welch heilige Pflichten eine Ehe wie diese ihm auferlegte; sie sprachen von den Traditionen und Tugenden, die an das Blut der Destens und Forrests geknüpft waren, bis Dick lachen mußte und sagte, daß sie wie Viehzüchter oder Vorkämpfer der Vererbungstheorie sprächen, – was wirklich stimmte, wenn sie es auch nicht gern hörten.

Jedenfalls aber genügte die einfache Tatsache, daß er mit einer Desten verheiratet war, um sie ihre rückhaltlose Billigung aussprechen zu lassen, als er ihnen die Pläne und Kostenanschläge für das Große Haus zeigte. Und dank Paula Desten waren sie sich diesmal einig, daß er sein Geld klug und vernünftig anlegte. Was seine Landwirtschaft betraf, so verdiente er unbestreitbar Geld damit, und so konnte man ihn unbesorgt sein Steckenpferd reiten lassen. »Aber,« sagte Herr Slocum, »fünfundzwanzigtausend Dollar für einen einfachen Arbeitshengst ist nun doch der reine Wahnsinn. Arbeitspferde sind Arbeitspferde, – ja, wenn es noch Rennpferde wären ...«

 

Während Dick Forrest hastig die vom Staate Iowa herausgegebene Broschüre über die Schweinecholera überflog, begannen verschiedene Geräusche über den weiten Hof durch die offenen Fenster zu dringen, Geräusche, die ihm erzählten, daß die junge Frau aufgewacht war, deren lachendes Gesicht aus dem Rahmen über seinem Bett blickte, und die vor nicht vielen Stunden das rosa Spitzenhäubchen auf seiner Schlafveranda hatte liegen lassen.

Dick hörte ihre Stimme, denn sie erwachte wie ein Vogel mit Gesang. Er hörte ihr klares Trillern aus den offenen Fenstern des langen Flügels, der ganz ihr überlassen war. Dann hörte er sie im Garten zwischen den Gebäuden singen, wo sie einen Augenblick stehen blieb, um sich mit ihrem Airedale zu zanken und den jungen Collie auszuschelten, den die goldroten, japanischen Schleierschwänze mit den bunten Flossen im Springbrunnenbecken unendlich anzogen.

Er fühlte Freude darüber, daß sie wach war, eine Freude, die immer gleich groß war. Stundenlang konnte er auf sein, – das Gefühl, daß das Große Haus erwacht war, hatte er doch erst, wenn Paulas Morgengesang über den Hof herüberklang.

Als Dick aber die Freude gefühlt hatte, die es ihm stets bereitete, sie wach zu wissen, vergaß er sie wie gewöhnlich über seinen eigenen Angelegenheiten. Sie verschwand aus seinem Bewußtsein, als er sich wieder in die Statistik der Schweinecholera vertiefte.

»Guten Morgen, edler Herr!« war das nächste, was er hörte, und was ihm wie göttliche Musik erklang, – und Paula trat, weich und schmiegsam in ihrem Morgenkimono, ein, schlang ihm die Arme um den Hals und setzte sich ihm auf die Knie.

»Großer Gott!« sagte sie. »Du hast es wirklich viel zu gut! Du bist mit Reichtum gesättigt. Hier sitzt nun dein Kamerad, dein Mädel, dein ›schnippischer, kleiner Mond‹, und du sagst nicht einmal so viel wie ›Guten Morgen, mein Mädelchen, ist dein Schlaf sanft und ruhig gewesen?‹«

Und Dick Forrest ließ die Ergebnisse von Professor Kenealys Einspritzungen fahren, preßte seine Frau an sich und küßte sie, den rechten Zeigefinger zwischen den Seiten der Broschüre haltend.

Aber ihre Vorwürfe hinderten ihn nicht, das Versäumte nachzuholen und sie zu fragen, wie sie geschlafen hatte, seit sie das Häubchen auf seiner Schlafveranda liegen gelassen. Er schloß die Broschüre über seinem Zeigefinger, um später dort weiterzulesen, und legte seinen Arm um sie.

»Ach!« rief sie. »Ach! Ach! Hör' nur!«

Vor den Fenstern ertönte das lockende Rufen der Wachteln. Ihr Leib bebte gegen den seinen, so groß war ihre Freude über die sanften Töne.

»Sie wollen schon das Weite suchen«, sagte er.

»Das bedeutet Frühling«, rief Paula.

»Und gutes Wetter.«

»Und Liebe.«

»Und Nestbau und Eierlegen«, lachte Dick. »Noch nie ist mir die Welt so fruchtbar erschienen wie in dieser Morgenstunde. Lady Isleton hat elf Ferkel geworfen. Die Angoraziegen sind heut' morgen heruntergetrieben, um zu werfen. Du hättest sie sehen sollen. Und auf dem Hofe haben die wilden Kanarienvögel stundenlang von Ehe geschwatzt, – ich nehme an, daß sie einen Anhänger der freien Liebe unter sich haben, der versucht hat, unsern Ehehimmel mit seinen modernen Theorien zu verdunkeln. Es ist unbegreiflich, daß du dabei schlafen konntest. Hör' nur! Jetzt sind sie wieder da!«

Ein zartes Zwitschern mit weichen Übergängen und erregten, schrillen Ausbrüchen ertönte und erfüllte Dick und Paula mit Entzücken, bis plötzlich, wie vom Klang einer Weltgerichtsposaune, der ganze vielstimmige Chor winziger, goldener, verliebter Geschöpfe von einem mächtigen Gebrüll verschlungen wurde, einem Gebrüll, das nicht weniger wild, nicht weniger melodisch, nicht weniger liebestoll war, aber durch seine Gewalt alles beherrschte und bezwang.

Mann und Frau hoben sofort den Kopf und spähten suchend durch die offenen Glastüren und die vorgebaute Schlafveranda durch die Syringen den Weg hinab und warteten atemlos, daß der große Hengst, dessen Liebesruf wie Trompetenschall tönte, sich zeigen sollte. Noch einmal erhob er seine mächtige Stimme, und Dick sagte:

»Ich will dir ein Lied vorsingen, mein schnippischer Mond! Ein Lied, nicht von mir, das Lied des Bergkönigs. Das ist es, was er wiehert. Hör' nur! Jetzt singt er es wieder. Er singt: ›Hört mich! Ich bin Eros. Ich stampfe durch die Berge. Ich fülle die breiten Täler. Die Stuten hören mich auf den stillen Weiden und heben die Köpfe, denn sie kennen mich. Das Gras wird üppiger und üppiger. Das Land erfüllt sich mit Fruchtbarkeit, und der Saft steigt in den Bäumen. Es ist Frühling. Der Frühling ist mein. Ich bin König in meinem Reich, im Reich des Frühlings. Die Stuten erkennen meine Stimme. Sie kennen mich, kennen mich durch ihre Mütter. Hört mich! Ich bin Eros! Ich stampfe durch die Berge, die breiten Täler sind meine Herolde, sie rufen mein Kommen aus!‹«

Und Paula lehnte sich eng an ihren Mann, der den Arm fester um sie schlang, ihre Lippen berührten seine Stirn, und wie sie beide den leeren Weg zwischen den Syringen hinabstarrten, sahen sie plötzlich Bergkönig auftauchen, majestätisch und mächtig, ein mückenartiges, lächerlich kleines Menschengeschöpf auf seinem Rücken tragend. Die Augen waren wild und voller Verlangen, und ein blauer Glanz ging von ihnen aus, wie die Augen eines Hengstes ihn haben. Das vor unbändiger Lebensfreude schäumende Maul war bald gegen die blanken, ungeduldigen Knie gepreßt, bald hoch erhoben, um das gewaltige, alles besiegende Gebrüll auszustoßen, das die Luft erzittern ließ.

Fast wie ein feines Echo ertönte ein zartes, sanftes Wiehern zur Antwort.

»Das ist Fotherington-Prinzessin«, sagte Paula weich.

Wieder ließ Bergkönig seinen Ruf ertönen, und Dick sang:

»Hört mich! Ich bin Eros! Ich stampfe durch die Berge!«

Und wie Paula, eng umschlossen von den Armen ihres Mannes, dasaß, fühlte sie plötzlich Zorn über seine Begeisterung für das prächtige Tier in sich aufsteigen. Im nächsten Augenblick aber schwand der Zorn wieder, und in dem Gefühl, ihm Genugtuung zu schulden, sagte sie:

»Manchmal glaube ich fast, daß du ganz und gar die Rote Wolke bist, deine Eicheln pflanzt und dein wildes Freudenlied über die Arbeit singst. Manchmal aber erscheinst du mir als der hypermoderne Mensch, als das typische, zweibeinige Männchen unserer Zeit, das an die Belagerung von Statistiken geht, wie die Helden des Altertums an die Belagerung Trojas, und das sich, mit Reagenzgläsern und Spritzen bewaffnet, in Gladiatorenkämpfe mit phantastischen Mikroorganismen stürzt. Manchmal denke ich dann, du müßtest eine Brille tragen und eine Glatze haben; mir scheint ...«

»Daß ich gar kein Anrecht auf einen solchen Armvoll Mädel hätte«, beendete er den Satz für sie und zog sie noch enger an sich. »Daß ich eine elende, wissenschaftliche Bestie sei, die ihren ›zarten, eitlen Hauch von süßem, rosenfarbenen Staub‹ gar nicht verdient. Aber hör', – ich hab' eine Idee! In ein paar Tagen ...«

Aber sein Plan war totgeboren, denn hinter ihnen ertönte plötzlich ein diskretes Husten, und als beide gleichzeitig den Kopf wandten, sahen sie Bonbright, den zweiten Sekretär, mit einigen gelben Papieren in der Hand.

»Vier Telegramme,« entschuldigte er sich murmelnd, »und Herr Blake meint, zwei davon seien wichtig. Das eine handelt von den Stieren, die nach Chile geschickt werden sollten ...«

Und Paula, die sich langsam von ihrem Mann zurückzog und aufstand, fühlte, wie er ihr entglitt und zu seinen statistischen Tabellen, seinen Sekretären, seinen Verwaltern und seinen Betriebsleitern zurückkehrte.

»Weißt du, Paula,« rief Dick, als sie zur Tür hinaus verschwinden wollte, »ich habe jetzt dem neuen Diener einen Namen gegeben, – er soll Oh Ho heißen. Wie gefällt dir das?«

Und sie antwortete mit einer leichten Mutlosigkeit, die jedoch gleich wieder ihrem Lächeln wich: »Du wirst bald alle Möglichkeiten der Sprache erschöpft haben und dir etwas anderes ausdenken müssen. Das ›Oh‹ war ein Fehlgriff. Du hättest mit ›Roter‹ beginnen sollen, dann hättest du jetzt Rote Stute, Rotes Pferd, Roter Hund, Roter Frosch und so weiter.«

Ihr Lachen mischte sich mit dem seinen, dann schloß sich die Tür hinter ihr, und im nächsten Augenblick saß er da, das Telegramm vor sich und bis über die Ohren vergraben in allen Einzelheiten bezüglich der dreihundert jungen Stiere, die für zweihundertfünfzig Dollar nach Chile geschickt werden sollten. Aber mitten darin hörte er mit einem unbestimmten Wohlbehagen das Singen Paulas, die sich nach dem andern Flügel des Hauses begab. Was er jedoch nicht hörte, war, daß dieses Singen ein ganz klein wenig verzagt klang.

 

Fünf Minuten, nachdem Paula gegangen, waren die vier Telegramme erledigt, und Punkt halb zwölf setzte sich Dick mit Thayer, dem Händler aus Idaho, und Naismith, dem Sonderberichterstatter der ›Breeders Gazette‹ in ein Auto. Wardman, den Leiter der Schafzucht, trafen sie bei den Hürden, wo mehrere tausend Shropshire-Widder zur Besichtigung gesammelt wurden.

Es gab keinen Anlaß zu weiterer Unterhaltung. Thayer war offenbar enttäuscht, denn er meinte, daß der Kauf von zehn Waggons Schafen zu diesem Preise eine Angelegenheit war, die schon einiges Reden verdiente.

»Sie sprechen selbst für sich«, hatte Dick ihm versichert, und dann hatte er sich zu Naismith gewandt, um ihm einige Auskünfte für den Artikel zu geben, den er über die Zucht von Shropshire-Schafen in Kalifornien und den nordwestlichen Staaten schreiben sollte.

»Ich würde mir an Ihrer Stelle nicht die Mühe geben, sie einzeln auszuwählen«, sagte Dick zehn Minuten später zu Thayer. »Es sind durchweg erstklassige Tiere. Sie könnten eine ganze Woche wählen, und doch keine besseren bekommen, als wenn sie die ersten besten genommen hätten.«

Die Kaltblütigkeit, mit der er voraussetzte, daß das Geschäft bereits abgeschlossen war, verblüffte Thayer dermaßen, daß er, der übrigens sicher war, nie Widder von solcher Güte gesehen zu haben, verleitet wurde, seinen Auftrag auf zwanzig Waggons zu erhöhen.

Als sie wieder im Großen Hause waren und ihre Queues einkreideten, um die unterbrochene Billardpartie zu Ende zu spielen, sagte er zu Naismith:

»Es ist das erste Mal, daß ich Forrest besuche. Er ist der reine Hexenmeister. Ich habe in den Weststaaten gekauft und aus dem Ausland eingeführt. Aber diese Shropshire-Schafe sind die besten, die ich je gesehen habe. Sie haben vielleicht bemerkt, daß ich meinen Auftrag verdoppelte. Die Leute in Idaho werden sich die Finger nach den Tieren lecken. Ich sollte nur sechs Waggons kaufen und eventuell noch zwei dazu, aber wenn nicht jeder Käufer, der die Widder sieht, seinen Auftrag verdoppelt, und wenn es nicht ein Gereiße um sie gibt, dann verstehe ich nichts von Schafen. Wenn sie nicht die ganze Schafzucht von Idaho auffliegen lassen, dann ist Forrest kein Züchter und ich kein Händler, mehr kann ich nicht sagen.«

Als der Gong zum zweiten Frühstück rief, ein mächtiger, koreanischer Bronzegong, der nie geschlagen wurde, wenn man nicht ganz sicher wußte, daß Paula wach war, – begab Dick sich zu den jungen Leuten, die am Goldfischbecken im großen Hof standen. Bert Wainwright, der abwechselnd von seiner Schwester Rita und von Paula, Lute und Ernestine mit guten Ratschlägen und Aufträgen bombardiert wurde, mühte sich mit einem Netz ab, einen besonders prächtigen Fisch zu fangen, dessen Größe, Farbe und Vielfältigkeit von Flossen und Schwänzen Paula zu dem Entschluß veranlaßt hatte, ihn von den andern zu trennen und in einem besonderen Zuchtteich beim Springbrunnen in ihrem abgetrennten Hofe unterzubringen.

In großer Aufregung und unter vielem Lachen und Kreischen wurde die Tat vollbracht und der große Fisch in eine Kanne getan, um von dem wartenden, italienischen Gärtner fortgetragen zu werden.

»Und was hast du sonst noch zu prahlen?« fragte Ernestine herausfordernd, als Dick zu ihnen trat.

»Nichts,« antwortete er traurig. »Die Ranch ist vollkommen ausgeplündert. Dreihundert schöne, junge Stiere gehen morgen nach Südamerika, und Thayer, – ihr habt ihn ja gestern abend kennen gelernt, – kauft zwanzig Waggons Widder. Ich kann nur sagen, daß ich Idaho und Chile gratuliere.«

Der bronzene Gong ertönte zum zweitenmal, und Paula schritt voraus nach dem Hause, einen Arm um Dick, den andern um Rita geschlungen, während Bert Wainwright Lute und Ernestine, mit denen er den Nachtrab bildete, einige neue Tangoschritte zeigte.

In einem langen, niedrigen Speisezimmer, einer getreuen Nachbildung der von den alten, mexikanischen Großgrundbesitzern in Kalifornien gebauten Hacienda-Speisesäle, setzten sie sich an einen Tisch, der unendlich lang ausgezogen werden konnte. Der Fußboden bestand aus großen, braunen Fliesen; die Balkendecke und die Wände waren geweißt, und der mächtige, ganz schmucklose Betonkamin war ein Wunder von Wucht und Reinheit der Linien. Blattgewächse und Blumen schmückten die tiefen Fensternischen, und der ganze Raum atmete Sauberkeit, Keuschheit und Kühle. An den Wänden hingen, ohne daß sie überladen wirkten, Gemälde, deren größtes, das auch den Ehrenplatz einnahm, von Xavier Martinez war. Das Bild war durchweg in melancholischen, grauen Tönen gehalten und stellte einen mexikanischen Bauern hinter einem mit zwei Ochsen bespannten Pfluge dar, der eine melancholische Furche in die traurige, unendliche mexikanische Steppe pflügte. Es gab auch lichtere Bilder mit Szenen aus der ersten, mexikanisch-kalifornischen Zeit.

»Wissen Sie,« sagte Thayer leise zu Naismith, während Dick und die jungen Mädchen sich heiter neckten und lachten, »hier haben Sie wirklich Stoff genug für einen ganzen Artikel, wenn Sie über das Große Haus schreiben wollen. Ich habe das Eßzimmer des Personals gesehen. Bei jeder Mahlzeit vierzig, einschließlich der Gärtner, Chauffeure und Tagelöhner. Ein ganzes Pensionat. Dazu gehört ein wohldurchdachtes System, sage ich Ihnen. Der Chinese, Oh Freud, ist fabelhaft. Er ist der Ökonom, Verwalter oder wie man es nennen soll, für die ganze Gesellschaft und alles geht wie geschmiert«

»Es ist Forrest selbst, der fabelhaft ist«, nickte Naismith. »Er ist der Kopf, – andere Köpfe gibt es nicht. Er könnte ein ganzes Heer, einen Feldzug, eine Regierung, – ja, selbst einen Zirkus mit drei Manegen leiten.«

»Und das ist wirklich ein Kompliment«, stimmte Thayer zu.

 

»Ach, Paula,« sagte Dick über den Tisch hinweg zu seiner Frau, »Graham schreibt mir eben, daß er morgen vormittag kommt. Sag lieber Oh Freud, daß er ihn im Aussichtsturm einquartieren soll. Vielleicht macht er Ernst mit seiner Drohung und arbeitet an seinem Buch.«

»Graham? – Graham?« fragte Paula laut, um ihrem Gedächtnis auf die Spur zu helfen. »Kenne ich ihn?«

»Du hast ihn einmal vor zwei Jahren im Café Venus in Santiago getroffen. Er aß mit uns zu Mittag.«

»Ach, einer von den Seeoffizieren?«

Dick schüttelte den Kopf.

»Nein, der Zivilist. Weißt du nicht mehr? Der große, blonde Bursche, – du unterhieltst dich eine halbe Stunde mit ihm über Musik, während Kapitän Joyce uns andere in Grund und Boden redete, um zu beweisen, daß die Vereinigten Staaten Mexiko mit der gepanzerten Faust auskehren müßten.«

»Ach ja, richtig!« Paula begann sich zu besinnen. »Du hattest ihn schon mal irgendwo getroffen, – war es nicht in Südafrika? Oder auf den Philippinen?«

»Ja, stimmt: In Südafrika! Evan Graham. Dann trafen wir uns wieder im Gelben Meer auf dem Kurierboot der ›Times‹. Und später kreuzten sich unsere Wege noch ein dutzendmal, ohne daß wir uns getroffen hätten, – bis zu dem Abend im Café Venus.

Denk' dir: Er reiste von Bora-Bora nach Osten, zwei Tage, ehe ich auf der Fahrt westwärts nach Samoa vor Anker ging. Ich verließ Apia mit Briefen für ihn vom amerikanischen Konsul am Tage vor seiner Ankunft. Es fehlten nur drei Tage, und wir hätten uns in Levuka getroffen, – ich fuhr damals auf der »Wildfang«. Er verließ Suva als Gast auf einem britischen Kreuzer. Sir Everard im Thurn, der britische Oberkommissar der Südsee, gab mir noch weitere Briefe für ihn mit. Ich verfehlte ihn in Port Resolution und auf den Neuen Hebriden. Der Kreuzer war auf einer Vergnügungsreise, wißt ihr. Wir spielten Verstecken miteinander in der Santa Cruz-Gruppe. Ebenso ging es auf den Salomoninseln. Nachdem der Kreuzer die Menschenfresserdörfer auf Longa-Longa bombardiert hatte, stach er morgens in See. Am Nachmittag kam ich an. Ich hatte nie Gelegenheit, ihm die Briefe persönlich abzuliefern, und das erste Mal, das ich ihn wieder sah, war vor zwei Jahren im Café Venus.«

»Aber was ist sonst mit ihm?« fragte Paula. »Und was ist das für ein Buch?«

»Nun ja, um mit dem Schluß anzufangen, so hat er nichts mehr, – das heißt, für seine Verhältnisse. Er hat immer noch eine Jahresrente von einigen tausend Dollar, aber alles, was sein Vater ihm hinterließ, ist weg. Nein, durchgebracht hat er es nicht. Er setzte alles auf eine Karte, und »die stille Panik« vor ein paar Jahren kostete ihn Kopf und Kragen. Aber er winselt nicht.

Er ist einer von der richtigen Sorte, alte, amerikanische Familie und Yale-Student. Das Buch, – er denkt, ein bißchen damit zu verdienen, – behandelt seine vorjährige Reise quer durch Südamerika, von der West- bis zur Ostküste. Fast ausschließlich durch unbekanntes Gebiet. Die brasilianische Regierung gab ihm freiwillig ein Honorar von zehntausend Dollar für seine Aufklärungen über bisher unbereiste Teile Brasiliens. Oh, er ist ein Mann – durch und durch ein Mann! Ihr kennt den Typ: groß, stark und schlicht; ist überall gewesen, hat alles mögliche gesehen, weiß alles mögliche, ist ehrlich, geradlinig, – sieht einem in die Augen, – kurz: ein Mann.«

Ernestine klatschte in die Hände, sandte Bert Wainwright einen aufreizenden, herausfordernden, bezwingenden Blick und rief:

»Und morgen kommt er?«

Dick schüttelte vorwurfsvoll den Kopf.

»Bei dem ist nichts zu machen, Ernestine. Manches Mädchen, das genau so nett ist wie du, hat versucht, Evan Graham einzufangen. Und unter uns, ich kann es ihnen nicht verdenken. Aber bisher ist es noch keiner geglückt, ihn müde zu laufen oder in eine Ecke zu drängen, wo er verwirrt, atemlos und mechanisch auf gewisse Fragen ein ›Ja‹ stammelt, um dann, wenn er zur Besinnung kommt, an Händen und Füßen gebunden, gezeichnet und verheiratet zu sein. Vergiß ihn, Ernestine! Halte dich an die goldene Jugend und laß sie dir ihre goldenen Äpfel zuwerfen. Lies sie auf und die goldene Jugend mit dazu. Aber auf Graham kannst du nicht rechnen. Er ist ein alter Bursche – genau so alt wie ich – und hat, wie ich, manchen Wettlauf mitgemacht. Er hat alle Schrecken ausgestanden, die man sich denken kann, und ist immer noch ein bißchen ängstlich, läßt sich aber nicht fangen. Er macht sich nichts aus jungen Dingern. Du wirst vielleicht meinen, er sei ein alter Mummelgreis, und alt ist er auch, aber dickfellig und sehr klug.«

 

Dick schritt auf der Suche nach seiner kleinen Frau sporenklirrend durch das Große Haus.

Er erreichte die Tür, die zu ihrem Flügel führte. Es war eine Tür ohne Griff, eine gewaltige Holzfüllung in einer getäfelten Wand. Aber Dick, der wie seine Frau das Geheimnis der verborgenen Feder kannte, drückte darauf, und die Tür sprang auf.

Er schritt durch alle Zimmer, guckte in das Badezimmer mit dem in den Fußboden eingelassenen römischen Bad. Sowohl in Paulas Schrank- wie in ihrem Ankleidezimmer suchte er vergebens.

Er gelangte in die Schlafveranda, fand hier aber nur eine ehrbare, besorgt aussehende, dreißigjährige Chinesin, die ihn verschämt anlächelte, als ob sie ihn wegen ihrer bloßen Anwesenheit um Entschuldigung bitten wollte.

Dies war Paulas Jungfer Oh Gott, wie Dick sie vor vielen Jahren genannt hatte, weil sie eine eigene, besorgte Art hatte, die feinen Brauen zusammenzuziehen, als wollte sie gerade »Oh Gott!« sagen. Dick hatte sie, kaum den Kinderschuhen entwachsen, in einem Fischerdorf am Gelben Meer gefunden, wo ihre Mutter, die Witwe war, in einem guten Jahre vier Dollar mit der Anfertigung von Netzen für die Fischer verdiente. Ihren ersten Dienst bei Paula hatte sie an Bord des Dreimastschoners »All Away« verrichtet, und zwar auf derselben Reise, auf der Oh Freud als Kajütenjunge zuerst die Tüchtigkeit gezeigt hatte, durch die er es im Laufe der Jahre zum Haushofmeister des Großen Hauses gebracht hatte.

»Wo ist deine Herrin, Oh Gott?« fragte Dick.

Oh Gott wollte vor Scham fast in die Erde sinken.

Dick wartete.

»Sie vielleicht mit die jungen Damen – ich weiß nicht«, stammelte sie schließlich, und Dick erbarmte sich ihrer und drehte sich um.

»Wo ist sie denn?« rief er, unter das vorspringende Dach der Einfahrt tretend. Im selben Augenblick kam eines seiner Automobile um die Wegbiegung unter den Syringen angefahren.

»Ich will gehenkt werden, wenn ich es weiß!« antwortete ein hochgewachsener, blonder, hell gekleideter Mann im Automobil, und im nächsten Augenblick drückten Dick Forrest und Evan Graham sich die Hände.

Oh Jeh und Oh Ho trugen das Handgepäck ins Haus, und Dick führte seinen Gast in das Turmzimmer.

»Sie müssen sich schon an unsere Lebensweise gewöhnen, Alter«, erklärte Dick. »Auf dem Hofe geht alles wie am Schnürchen, und die Dienerschaft ist prachtvoll, wir selber aber kümmern uns nicht im geringsten um Formen. Ich wollte gerade ausreiten, und Paula – meine Frau – ist verschwunden.«

Die beiden Männer waren fast von gleicher Größe, Graham vielleicht zwei Zentimeter größer als sein Wirt, gleichzeitig aber vielleicht eine Kleinigkeit weniger breitschultrig und weitbrüstig. Graham war ferner etwas blonder als Forrest, obgleich beide gleich graue Augen hatten und gleich sonnenverbrannt und verwittert waren. Grahams Gesicht war vielleicht etwas größer geschnitten, seine Augen waren länglicher, was allerdings wieder dadurch aufgewogen wurde, daß seine Lider schwerer waren. Seine Nase war um ein weniges größer und gerader als die Dicks und seine Lippen eine Spur dicker, röter und geschwungener.

Forrest hatte dunkelblondes, ins Kastanienbraune spielendes Haar, das seidenblanke Grahams machte den Eindruck, fast golden gewesen zu sein, ehe die Sonne es ausgebleicht hatte. Beide hatten vorstehende Backenknochen, wenn die Höhlungen in Forrests Wangen auch stärker hervortraten, und beide hatten große, empfindsame Nasenflügel. Und um beider Mund lag trotz den kräftigen Linien etwas Sanftes, Unberührtes und Keusches, obgleich die Lippen sich zu einer Festigkeit und Härte zusammenpressen konnten, denen das gebieterische Kinn nicht widersprach.

Aber die zwei Zentimeter mehr in der Größe und weniger im Brustumfang verliehen Evan Graham eine Anmut in Erscheinung und Haltung, die Dick Forrest fehlte. Durch diesen Unterschied diente einer dem andern zur Folie. Graham war lauter Licht und Freude, mit einer ganz leisen Andeutung – aber der allerleisesten – vom Märchenprinzen; Forrest war kraftvoller, zielbewußter, gefährlicher für andere Geschöpfe, fester im Leben fußend.

Forrest sah auf seine Armbanduhr:

»Halb zwölf«, sagte er. »Kommen Sie gleich mit, Graham. Wir essen erst um halb eins. Ich muß heute eine Anzahl Stiere fortschicken, dreihundert Stück, auf die ich wirklich stolz bin. Sie müssen sie sehen. Reitzeug brauchen Sie nicht. Oh Ho, – hol ein Paar von meinen Gamaschen. Oh Freud, laß die Altadena satteln. Was für einen Sattel wollen Sie haben, Graham?«

»Ach, das ist mir einerlei, Alter.«

»Englisch? Australisch? McClellan? Mexikanisch?« beharrte Dick.

»Na, wenn es Ihnen weiter keine Mühe macht, McClellan«, ergab Graham sich.

* * *

 

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