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Die Herrin des Großen Hauses

Jack London: Die Herrin des Großen Hauses - Kapitel 2
Quellenangabe
authorJack London
titleDie Herrin des Großen Hauses
publisherUniversitas. Deutsche Verlags-Aktiengesellschaft
yearo.J.
firstpub1929
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171107
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Die Zeit von neun bis zehn verbrachte Dick Forrest mit seinem Sekretär. Sie erledigten gemeinsam die Korrespondenz mit wissenschaftlichen Gesellschaften und allen möglichen Zuchtverbänden und landwirtschaftlichen Genossenschaften, an der ein gewöhnlicher, kleiner Geschäftsmann ohne Hilfe bis Mitternacht gesessen hätte.

Denn Dick Forrest war der Mittelpunkt eines Systems, das er selbst aufgebaut hatte, und auf das er im geheimen stolz war. Wichtige Briefe und Dokumente unterschrieb er selbst mit seiner unausgeglichenen Handschrift. Alle andern Briefe stempelte der Sekretär, der ferner im Laufe dieser einen Stunde die Antworten auf viele Briefe stenographierte. Nach Blakes persönlicher Meinung war seine Arbeitszeit länger als die seines Chefs, der aber – ebenfalls nach Ansicht Blakes – eine einzig dastehende Fähigkeit hatte, andere Leute zu beschäftigen.

Um Punkt zehn erschien Pittman, einer der Betriebsleiter, im Kontor, und Blake verschwand, mit Briefen, Dokumenten und Diktaphonwalzen beladen, in seinem Zimmer.

Von zehn bis elf kam ein ständig wechselnder Strom von Verwaltern und Betriebsleitern, alle geübt in der Kunst, sich kurz zu fassen und Zeit zu sparen, denn Dick Forrest hatte sie gelehrt, die Minuten, die sie bei ihm verbrachten, nicht mit Nachdenken zu vergeuden. Sie mußten vorbereitet sein, wenn sie Bericht erstatteten oder Vorschläge unterbreiteten. Bonbright, der Hilfssekretär, stellte sich stets um zehn Uhr ein, nahm Blakes Platz ein und schrieb mit seinem nie ruhenden Bleistift die hastig gewechselten Fragen und Antworten, Berichte, Vorschläge und Pläne nieder. Diese stenographischen Aufzeichnungen, die in zwei Exemplaren ins Reine geschrieben wurden, waren der Schrecken aller Verwalter und Betriebsleiter und zuweilen ihre Nemesis. Denn erstens hatte Forrest ein glänzendes Gedächtnis, und zweitens zeigte er ihnen gern, wie wertvoll die Aufzeichnungen Bonbrights waren.

War ein Verwalter fünf oder zehn Minuten bei ihm, so war er oft in Schweiß gebadet und vollkommen erledigt. Und doch stand Forrest die ganze Zeit unter Hochdruck und sprang sicher mit den zahllosen Einzelheiten der verschiedenen Betriebe um. Thompson, dem Obermaschinisten, erzählte er im Laufe von vier blitzschnellen Minuten, wo der Fehler des Dynamos für die Eismaschine des Großen Hauses steckte, gab Thompson die Schuld, diktierte Bonbright einen kurzen Brief mit Angabe von Kapitel und Seite des Bandes in der Bibliothek, der Thompson ausgehändigt werden sollte, sagte Thompson, daß Parkman, der Meiereiverwalter, in der letzten Zeit mit der Rohrleitung zu den Milchmaschinen unzufrieden gewesen war, und daß die Eismaschine in der Schlachterei nicht ihr gewohntes Quantum geliefert hatte. Jeder von ihnen war Spezialist, Forrest aber beherrschte jede Spezialität.

Um elf Uhr ging Wardman, sein Schafzuchtleiter, mit dem Bescheid, sich um halb zwölf mit Thayer, dem Aufkäufer von Idaho, einzustellen. Jetzt sollte er zunächst nach den Shropshire-Widdern sehen. Bonbright folgte ihm, und Forrest nahm eine vom Staate Iowa herausgegebene Broschüre über Schweinecholera zur Hand und begann zu lesen.

Bei seiner Größe und seinem Gewicht war Dick Forrest trotz seinen vierzig Jahren ein sehr stattlicher Mann. Seine Augen lagen grau und groß unter der vorspringenden Stirn, Wimpern und Brauen waren dunkel. Das Haar war dunkelblond, ins Kastanienbraune spielend, unter den etwas vorstehenden Backenknochen zeigten sich die Höhlen, die unbedingt zu diesem Gesichtstyp gehören. Die Kinnpartie war kräftig, ohne zu schwer zu wirken, die Nase gerade mit großen Nasenlöchern, das Kinn viereckig und entschlossen, ohne hart zu sein, und der Mund so weich wie der eines jungen Mädchens; doch konnten die Lippen zuweilen große Festigkeit verraten. Die Haut war glatt und sonnengebräunt, aber zwischen Brauen und Kopfhaar zeigte ein heller Streifen, wie weit ihn sein Pfadfinderhut vor der Sonne schirmte. Mundwinkel und Augen waren lachlustig, und die Wangen zeigten Falten, die vom Lachen zu kommen schienen. Ebenso stark aber war der Eindruck von Sicherheit, den jede Linie dieses so beredten Gesichtes machte.

Er hatte auch Ursache, sich sicher zu fühlen. Körper, Hirn und Lebensstellung hatten seit vielen Jahren die Probe bestanden. Obwohl der Sohn eines reichen Vaters, hatte er doch den ererbten Besitz nicht vergeudet. In der Großstadt geboren und aufgewachsen, war er aufs Land zurückgekehrt, und seine Arbeit hatte so reiche Früchte getragen, daß Viehzüchter sich nie trafen, ohne seinen Namen zu nennen. Er besaß ein schuldenfreies Gut von zweihundertfünfzigtausend Morgen, deren Wert zwischen tausend und hundert Dollar, zwischen hundert Dollar und zehn Cent schwankten, ja die stellenweise nicht einmal einen Penny wert waren. Die Verbesserungen, die er auf dieser Viertelmillion Morgen vorgenommen – vom Dränieren der Wiesen mit Röhren bis zum Trockenlegen von Sümpfen mit Grabmaschinen, von Wegen bis zu ausgetrockneten Flußbetten, von Schuppen bis zum Großen Hause –, hatten Summen gekostet, von denen sich die Leute in der Umgegend einfach keine Vorstellung machen konnten.

Alles war großzügig und nach den neuesten Errungenschaften der Technik angelegt. Die höheren Angestellten bezogen ihren Fähigkeiten entsprechende Gehälter und wohnten in Häusern, die zwischen fünf- und zehntausend Dollar gekostet hatten, aber sie waren auch die tüchtigsten Fachleute, die zwischen dem Atlantischen und dem Stillen Ozean zu finden gewesen waren. Wenn er Benzin-Traktoren brauchte, bestellte er gleich zwei Dutzend. Wenn er Wasser in seinen Bergen abdämmte, handelte es sich um Millionen von Tonnen. Wenn er Gräben durch seine Sümpfe zog, vergab er nicht die Ausschachtungsarbeit, sondern kaufte gleich die mächtigen Maschinen, und gab es nicht Arbeit genug in seinen eigenen Sümpfen, so vereinbarte er die Trockenlegung von den Sümpfen mit den größeren Landwirten und Körperschaften am ganzen Sacramento.

Er selbst war klug genug zu wissen, daß er für die tüchtigsten Köpfe mehr als den üblichen Marktpreis bezahlen mußte, und er verstand die Köpfe, die er kaufte, so zu leiten, daß er Nutzen von ihnen hatte.

Bei alledem war er erst vierzig Jahre alt, stark, klaräugig, ruhig, und sein Puls schlug gesund und kräftig, obgleich er bis zu seinem dreißigsten Lebensjahre ein wildes Leben geführt hatte. Mit dreizehn Jahren war er von einem Millionärheim weggelaufen. Mit einundzwanzig hatte er die Universität mit Glanz absolviert, und dann hatte er alle blauen Häfen in allen blauen Meeren besucht und sich mit klarem Kopf, warmblütig und lachend, in jede Gefahr der wilden Abenteuerwelt gestürzt, bis er gelernt hatte, sich Gesetz und Ordnung zu fügen.

In alten Tagen war Forrest einer der Namen gewesen, deren Klang in San Francisco Wunder tat. Das Palais der Familie auf Nob Hill war eines der ersten, die Leute wie Flood, Mackay, Crocker und O'Brien in diesem aristokratischen Viertel erbauten. Dicks Vater, Richard Forrest, »Glücks-Forrest« genannt, ein Mann mit ausgeprägtem Geschäftssinn, war aus Neu-England gekommen. Ehe er seine Heimat verließ, hatte er sich für Schnellsegler und deren Bau interessiert. Unmittelbar nach seiner Ankunft in San Francisco hatte er sein Interesse Hafengrundstücken, Flußdampfern, natürlich Minen und später der Trockenlegung des Nevada Comstock und dem Bau der Süd-Pacific-Bahn zugewandt.

Er spielte hoch, mit großem Gewinn und großem Verlust, gewann aber stets mehr, als er verlor, und was er mit einer Hand ausgab, nahm er in einem neuen Spiel mit der andern wieder ein. Seinen Gewinn in Comstock warf er in verschiedene Löcher der bodenlosen Daffodil-Minen in Eldorado. Aus den traurigen Resten der Benicia-Bahn schuf er die Napagesellschaft, ein Quecksilberunternehmen, das ihm fünftausend Prozent brachte. Was er beim Konkurs des stark propagierten Stockton-Unternehmens zusetzte, verdiente er wieder an seinen Grundstücken in Sacramento und Oakland.

Das tollste aber war, wie »Glücks-Forrest« durch eine ganze Reihe von Unglücksfällen alles, was er besaß, verloren hatte, so daß San Francisco schon diskutierte, wieviel das Palais auf Nob Hill auf einer Auktion einbringen könnte, und er einem gewissen Del Nelson Geld zur Ausrüstung einer Expedition nach Mexiko gab. Und das Ergebnis von der Suche dieses Del Nelson nach Quarz war die sogenannte Harvest-Gruppe, die die phantastischen, unerschöpflichen Minen Rattlesnake, Voice, City, Desdemona, Bullfrog und Yellow Boys umfaßte. Der durch sein eigenes Glück ganz verstörte Del Nelson hatte sich, ehe das Jahr um war, in einem mächtigen Quantum schlechten Whiskys zu Tode gesoffen, und da sein Testament mangels Angehöriger nicht umzustoßen war, erbte »Glücks-Forrest« auch seinen Anteil.

Dick Forrest war der echte Sohn seines Vaters. »Glücks-Forrest«, dieser Inbegriff grenzenloser Energie und Unternehmungslust, war, obgleich zweimal verheiratet gewesen und zweimal Witwer geworden, nicht mit Kindern gesegnet. Er verheiratete sich zum dritten Mal im Jahre 1872, im Alter von achtundfünfzig Jahren. Im Jahre 1874 starb seine Frau und hinterließ ihm einen großen, kräftigen Jungen von zwölf Pfund, der von einem ganzen Regiment von Weibern auf Nob Hill aufgezogen wurde.

Dick war ein begabtes Kind. »Glücks-Forrest« war Demokrat. Resultat: Dick lernte in einem Jahr von Hauslehrern mehr, als er bei dreijährigem Schulbesuch gelernt hätte, und benutzte die ganzen, auf diese Weise gesparten Jahre, um im Freien zu spielen. Ein zweites Resultat von der Begabung des Sohnes wie von der demokratischen Anschauung des Vaters war, daß er das letzte Jahr in die Volksschule geschickt wurde, um auf gut demokratische Art neben den Söhnen und Töchtern von Arbeitern, kleinen Geschäftsleuten, Gastwirten und Politikern zu sitzen.

Wenn es galt, Verse aufzusagen oder zu buchstabieren, halfen ihm die Millionen seines Vaters nicht im geringsten im Wettkampf mit Patsy Halloran, dem mathematischen Wunderkind, dessen Vater Maurergeselle war, oder mit Mona Sanguinetti, die fabelhaft buchstabierte, und deren Mutter Witwe war und einen Gemüseladen hatte. Die Millionen seines Vaters und das Palais auf Nob Hill halfen dem jungen Dick auch nicht, als er die Jacke abwarf und mit den Fäusten auf Jimmy Bots, Jean Choyinski und die andern jungen Burschen losging, die einige Jahre später Ruhm und Reichtum gewinnen sollten, eine Generation von Boxern, wie nur San Francisco sie hervorbringen konnte.

Das Klügste, was »Glücks-Forrest« für seinen Jungen tat, war, daß er ihm diese demokratische Erziehung zuteil werden ließ. Im Herzen vergaß Dick nie, daß er in einen Palast mit großer Dienerschaft gehörte, und daß sein Vater ein mächtiger und angesehener Mann war. Andererseits aber lernte Dick die zweibeinige, zweifäustige Demokratie kennen. Er lernte sie kennen, als Mona Sanguinetti ihn in Grund und Boden buchstabierte, und als Berney Miller ihn beim Spiel in der Schule völlig an die Wand drückte.

Und als Tim Hagan zum hundertsten Male mit der linken Faust nach seiner blutenden Nase und seinem zerschlagenen Mund auslangte und ihm mit der rechten immerfort den Bauch bearbeitete, so daß der Atem ihm mühsam durch die zerschundenen Lippen pfiff, hatte er keine Zeit, sich nach Hilfe vom Palais oder vom Bankkonto umzusehen. Auf seinen zwei Beinen, mit seinen zwei Fäusten stand er Tim gegenüber, und es galt entweder ihn selbst oder den andern. Hier war es denn auch, wo der junge Dick unter Schweiß und Blut und mit eisernem Willen eine Niederlage in einen halben Sieg verwandeln lernte. Es war von Anfang an ein hoffnungsloser Kampf gewesen, und doch hatte er ausgehalten, bis die Zuschauer zu dem Ergebnis kamen, daß keiner der beiden Jungen den andern besiegen konnte, wenn sie das auch erst einsahen, als beide übel und erschöpft und vor Trotz und Wut weinend auf dem Boden lagen. Von jetzt an waren sie Freunde und beherrschten gemeinsam den ganzen Schulhof.

»Glücks-Forrest« starb im selben Monat, als der junge Dick die Mittelschule verließ.

Dick war dreizehn Jahre alt, besaß zwanzig Millionen Dollar und nicht einen Verwandten auf der Welt, der sich um ihn gekümmert hätte. Er herrschte über ein ganzes Palais voller Dienerschaft, eine Dampfjacht, Stallungen und dazu einen Sommerpalast weiter südlich auf der Halbinsel, in der Millionärskolonie Mento. Nur eines beschwerte ihn: ein Vormundschaftsrat.

Eines Sommernachmittags wohnte er in der großen Bibliothek der ersten Sitzung des Vormundschaftsrates bei. Es waren drei im ganzen, alles ältere, wohlhabende Juristen und Geschäftsfreunde seines Vaters. Als sie Dick seine Lage auseinandersetzten, hatte er den Eindruck, daß sie es zwar ganz gut mit ihm meinten, aber kein Verständnis für ihn hätten. Seiner Meinung nach war es schon viel zu lange her, daß sie selbst Jungen gewesen waren. Und er kam auf seine eigene, sichere Weise zu dem Ergebnis, daß er selbst der einzige Mensch auf der Welt war, der wissen konnte, was ihm frommte.

Herr Crockett hielt eine lange Rede, die Dick mit geziemender Aufmerksamkeit anhörte, wobei er jedesmal, wenn das Wort direkt an ihn gerichtet wurde, nickte. Dann ergriffen die Herren Davidson und Slocum das Wort und erfuhren die gleiche rücksichtsvolle Behandlung. Unter anderm hörte Dick, welch prächtiger Mensch sein Vater gewesen war, und daß das von den drei Herren gemeinsam ausgearbeitete Programm ihn zu einem ebenso ausgezeichneten und aufrechten Manne machen sollte.

Als sie fertig waren, nahm Dick das Wort.

»Ich habe darüber nachgedacht,« verkündete er, »und zu allererst möchte ich reisen.«

»Das kommt später, mein Junge«, meinte Herr Slocum beruhigend. »Wenn – sagen wir – wenn du dein Abitur gemacht hast. Dann wird dir ein Jahr im Ausland sehr gut tun – gewiß.«

»Natürlich,« warf Davidson schnell dazwischen, der das Aufblitzen in den Augen des Knaben und den Zug von Festigkeit, der unwillkürlich um seinen Mund trat, gesehen hatte, »natürlich kannst du unterdessen kleinere Reisen machen – innerhalb gewisser Grenzen – in deinen Ferien. Ich bin sicher, daß deine andern Vormünder mit mir einig sind, daß solche kleinen Reisen mit passender Begleitung nur ratsam und nützlich wären.«

»Wieviel, sagten Sie, besitze ich?« fragte Dick, scheinbar zusammenhanglos.

»Zwanzig Millionen Dollar – sehr vorsichtig gerechnet – ja, zwanzig Millionen Dollar«, antwortete Herr Crockett schnell.

»Wenn ich nun sagte, daß ich jetzt gleich hundert Dollar haben möchte?« fuhr Dick fort.

Herr Slocum sah die andern unentschlossen an.

»Dann wären wir genötigt, dich zu fragen, wozu du das Geld brauchtest,« antwortete Herr Crockett.

»Und wenn ich nun,« sagte Dick sehr langsam und blickte Herrn Crockett fest in die Augen, »wenn ich nun sagte, daß es mir sehr leid täte, daß ich es aber nicht sagen wollte?«

»Dann bekämst du es nicht«, sagte Herr Crockett so schnell, daß es fast gereizt klang.

Dick nickte langsam, als wollte er sich die Situation richtig klarmachen.

»Ja, mein Junge,« fügte Herr Slocum schnell hinzu, »du mußt doch verstehen, daß du noch zu jung bist, um mit Geldsachen zu tun zu haben. In all diesen Dingen müssen wir für dich bestimmen.«

»Sie meinen also, daß ich ohne Ihre Erlaubnis nicht einen Penny anrühren darf?«

»Nicht einen Penny«, sagte Herr Crockett, nun wirklich gereizt.

Dick nickte nachdenklich und murmelte: »Ach so.«

»Selbstverständlich, – das ist nicht mehr als recht und billig, – erhältst du ein festes Taschengeld,« sagte Davidson, »etwa einen oder zwei Dollar wöchentlich. Wenn du älter wirst, wird dieser Betrag erhöht werden. Und mit einundzwanzig wirst du zweifellos – natürlich mit einiger Anleitung – dein Geld selbst verwalten können.«

»Und bis ich einundzwanzig bin, kann ich von meinen zwanzig Millionen keine hundert Dollar haben, um sie nach eigenem Belieben zu verwenden?«

Davidson wollte dies freundlich bestätigen, wurde aber von Dick unterbrochen, der fortfuhr:

»Es ist also so zu verstehen, daß wir vier uns darüber einigen müssen, über wieviel Geld ich verfügen kann?«

Der Vormundschaftsrat nickte.

»Und daß unser Beschluß entscheidend ist?«

Der Vormundschaftsrat nickte wieder.

»Na ja, dann möchte ich gerne gleich hundert Dollar haben.«

»Wozu?« fragte Herr Crockett.

»Das will ich Ihnen gern sagen«, lautete die ruhige Antwort des Knaben. »Um zu reisen.«

»Du hast abends um halb neun Uhr im Bett zu liegen«, antwortete Herr Crockett. »Und die hundert Dollar bekommst du nicht. Die Dame, von der wir sprachen, wird etwas vor sechs hier sein. Sie wird dich, wie wir dir erklärt haben, beaufsichtigen. Das Mittagessen findet wie gewöhnlich um halb sieben Uhr statt; sie wird mit dir essen und dafür sorgen, daß du ins Bett kommst. Wie wir dir sagten, soll sie Mutterstelle an dir vertreten, – dafür sorgen, daß dein Hals und deine Ohren immer sauber sind –«

»Und daß ich jeden Sonnabend mein Bad bekomme«, fuhr Dick fromm fort.

»Jawohl.«

»Wieviel bezahlen Sie – oder ich – der Dame für ihre Arbeit?« fragte Dick mit einem der unangenehmen Seitensprünge, die er sich schon damals angewöhnt hatte, und die von seinen Lehrern und Kameraden gefürchtet waren.

Zum erstenmal mußte Herr Crockett sich räuspern, um Zeit zu gewinnen.

»Ja, denn schließlich bin ich es ja, der sie bezahlt, nicht wahr?« fuhr Dick fort. »Von meinen zwanzig Millionen.«

»Ganz sein Vater!« bemerkte Herr Slocum leise. »Frau Summerstone, ›die Dame‹, wie du sie zu nennen beliebst, erhält hundertfünfzig Dollar monatlich oder achtzehnhundert jährlich«, sagte Herr Crockett.

»Das ist rausgeworfenes Geld«, seufzte Dick. »Und dazu bekommt sie doch noch Kost und Logis. – Also dann danke ich Ihnen für Ihre Freundlichkeit«, sagte er, zu allen dreien gewandt. »Ich denke, wir werden uns schon vertragen. Natürlich gehören die zwanzig Millionen mir, und natürlich müssen Sie auf sie aufpassen, denn ich verstehe nichts von Geschäften –«

»Und wir werden dir dein Kapital vermehren, mein Junge, wir werden es dir vermehren – nach guten alten Methoden«, sagte Herr Slocum.

»Keine Spekulationen«, warnte Dick. »Vater hat Glück gehabt, aber ich habe ihn sagen hören, die Zeiten hätten sich geändert, und heute gäbe es nicht mehr die Chancen wie früher.«

Hieraus darf man nicht schließen, daß Dick kleinlich und geldgierig gewesen wäre. Im Gegenteil, er beschäftigte sich in diesem Augenblick heimlich mit Gedanken und Plänen, die nicht das geringste mit seinen zwanzig Millionen zu tun hatten, sondern ihn eher in eine Klasse mit den betrunkenen Matrosen stellten, die die Heuer von drei Jahren nach allen Seiten hinauswerfen.

»Ich bin natürlich nur ein Knabe«, fuhr der junge Dick fort. »Aber Sie kennen mich noch nicht richtig. Wir müssen uns allmählich besser kennenlernen, und nun nochmals vielen Dank.«

Er machte eine kurze Verbeugung, wie man sie früh in den Palästen von Nob Hill lernt und gab durch sein Schweigen zu verstehen, daß die Audienz beendigt war. Es entging seinen Vormündern denn auch nicht, daß er es war, der das Zeichen zum Aufbruch gegeben hatte, und sie zogen sich verdutzt und verwirrt zurück. Bei den Herren Slocum und Davidson wollte die Verwirrung, als sie die breite Steintreppe zu dem wartenden Wagen hinabschritten, dem Zorn weichen, aber der mürrische und bissige Herr Crockett murmelte begeistert: »Der verfluchte Bengel! Der verfluchte Bengel!«

Der Wagen brachte sie in den alten Pacific-Union-Club, wo sie noch eine ganze Stunde mit großem Ernst über die Zukunft des jungen Dick Forrest debattierten und sich wiederum gelobten, das Vertrauen, das »Glücks-Forrest« ihnen erwiesen hatte, nicht zu täuschen. Und den Hügel hinab, nach einem Stadtteil, wo das Gras zwischen dem Pflaster wucherte, da die Straßen zu steil für Pferd und Wagen waren, eilte der junge Dick Forrest allein und zu Fuß. Hier machten die Paläste der Nachbarn mit ihren ausgedehnten Parks unvermittelt elenden Gassen und hölzernen Arbeiterkasernen Platz. Das San Francisco von 1887 war dieselbe sinnlose Mischung von Armenvierteln und Palästen wie die alten Städte Europas. Nob Hill erhob sich wie eine mittelalterliche Burg hoch über das gemeine Volk, dessen Höhlen und Niederlassungen in wirrem Durcheinander um ihren Fuß lagen.

Dick blieb vor einem Krämerladen in einem Eckhaus stehen, dessen oberste Etage von Timothy Hagan senior bewohnt wurde, der diese Wohnung kraft seiner Stellung als Schutzmann und eines Monatsgehalts von hundert Dollar gewählt hatte, um sich hoch erhaben über seinesgleichen zu fühlen, die sich und ihre Familien für fünfundsiebzig Dollars monatlich ernähren mußten.

Vergebens pfiff Dick zu den offenen, nicht mit Läden versehenen Fenstern hinauf. Tim Hagan junior war nicht zu Hause. Dick vergeudete jedoch nicht viel Atem auf das Pfeifen, sondern dachte nach, wo Tim Hagan stecken mochte, als Tim selbst mit einer Kanne schäumenden Bieres um die Ecke kam. Er grüßte mit einem Grunzen, und Dick antwortete mit einem ähnlichen Grunzen, – niemand würde geglaubt haben, daß er erst vor einem Augenblick eine Audienz mit drei der größten Handelsfürsten dieser Stadt mit den vielen Handelsdynastien abgeschlossen hatte. Und daß er der Besitzer von zwanzig Millionen war, konnte man weder aus seiner Stimme erkennen, noch machte es sein Grunzen auch nur einen Deut kultivierter.

»Ich hab' dich gar nicht mehr gesehn, seit dein Alter starb«, meinte Tim Hagan.

»Na, jetzt siehst du mich ja«, lautete die Antwort Dicks. »Aber hör' mal, Tim, ich muß ernsthaft mit dir reden.«

»Wart', bis ich das hier meinem Alten raufgebracht hab'«, sagte Tim, sachverständig das Bier in der Kanne betrachtend. »Er brüllt wie ein Ochse, wenn es schal ist.«

»Ach, du brauchst es ja bloß ein bißchen zu schütteln«, sagte Dick beruhigend. »Nur einen Augenblick. Ich brenne heut' abend durch. Kommst du mit?«

Tims kleine blaue Augen funkelten neugierig. »Wohin?« fragte er.

»Das weiß ich nicht. Kommst du mit? Wir können immer noch näher drüber reden, wenn wir wegkommen. Also, wie ist es?«

»Der Alte wird mir die Seele zum Leib herausprügeln«, sagte Tim nachdenklich.

»Das hat er schon früher getan, und ich finde nicht, daß du Schaden dabei genommen hast«, antwortete Dick gefühllos. »Wenn du mitkommst, treffen wir uns heut abend um neun beim Fährhaus. Also? Ich bin da.«

»Und wenn ich nicht da bin?« fragte Tim.

»Dann brenne ich doch durch.« Dick wandte sich zum Gehen, blieb aber stehen und warf leicht über die Schulter hin:

»Aber es ist schon besser, du kommst mit.«

Tim schüttelte das Bier und sagte ebenso gleichgültig: »Schön, ich werde da sein.«

Nachdem Dick sich von Tim Hagan getrennt hatte, folgten ein paar geschäftige Stunden. Zuerst suchte er einen Schulkameraden namens Marcovich auf, dessen Vater eine Gastwirtschaft hatte. Der junge Marcovich war Dick zwei Dollar schuldig, und Dick erklärte sich bereit, die Schuld gegen Zahlung von einem Dollar und vierzig Cent bar zu streichen.

Nunmehr wanderte Dick sehr verlegen und verwirrt die Montgomerystraße hinab, zwischen all den vielen Pfandleihen schwankend, die sich in der Hauptverkehrsader befanden. Schließlich ging er mit dem Mut der Verzweiflung in eine hinein und erhielt nach einigem Hin und Her einen Zettel und acht Dollar für seine goldene Uhr, die, wie er wußte, mindestens fünfzig wert war.

Das Mittagessen im Nob-Hill-Palais kam um halb sieben Uhr auf den Tisch. Er erschien um dreiviertel und fand Frau Summerstone vor. Sie war eine dicke, ältere Dame, die einst bessere Tage gesehen hatte und der großen Familie Porter-Rickington angehörte, deren Konkurs in den Siebzigern die ganze Pacific-Küste erschüttert hatte. Trotz ihrer Wohlbeleibtheit hatte sie, wie sie erklärte, schwache Nerven.

»Das geht aber nicht, Richard«, verwies sie ihn. »Das Essen wartet schon eine Viertelstunde, und du hast dich noch nicht einmal gewaschen.«

»Entschuldigen Sie, Frau Summerstone«, sagte Dick. »Ich werde Sie nie wieder warten lassen und Ihnen überhaupt nicht viel Mühe machen.«

Beim Essen, das in aller Feierlichkeit eingenommen wurde, – die beiden saßen allein in dem großen Speisesaal, – spielte sich Dick Frau Summerstone gegenüber vollkommen als Wirt auf.

»Es wird Ihnen hier schon gefallen, wenn Sie sich erst eingelebt haben,« sagte er. »Es ist ein gutes, altes Haus, und die Dienerschaft ist zum größten Teil seit Jahren hier.«

»Aber Richard,« sagte sie, ihn ernst lächelnd ansehend, »die Dienerschaft ist ja nicht für mein Wohlergehen maßgebend, sondern du.«

»Ich werde mein Bestes tun«, sagte er zuvorkommend. »Und mehr als das. Es tut mir leid, daß ich mich verspätet habe, aber es soll nicht wieder vorkommen. Ich werde Sie nicht im geringsten belästigen. Sie werden sehen! Es wird so sein, als ob ich gar nicht hier wäre.«

Als er ihr ›Gute Nacht‹ sagte, fügte er hinzu:

»Vor einem möchte ich Sie warnen: Ah Sing. Das ist unser Koch. Zwanzig, dreißig Jahre, glaub' ich, hat er für Vater gekocht, lange, ehe das Haus hier gebaut oder ich geboren wurde. Er hat Privilegien und ist so gewohnt, seinen Willen zu haben, daß man ihn wie ein rohes Ei behandeln muß. Wenn er einen aber gern hat, dann kann er sich auf den Kopf stellen, um es einem recht zu machen. Mich hat er zum Beispiel gern, und wenn Sie ihn dazu kriegen können, daß er Sie auch mag, dann werden Sie sich hier mehr als wohl fühlen. Und das verspreche ich Ihnen: Ich werde Ihnen keine Mühe machen. Sie werden denken, ich sei gar nicht da.«

 

Auf die Sekunde um neun Uhr traf Dick in seinem ältesten Zeug Tim Hagan beim Fährhaus.

»Nach Norden zu gehen, hat keinen Zweck«, sagte Tim. »Dort ist es bald Winter, und dann wird es zu kalt, um im Freien zu schlafen. Willst du nach Osten – das heißt, nach Nevada und in die Wüste?«

»Warum nicht nach Süden?« meinte Dick. »Wir könnten nach Los Angeles, nach Arizona und Neu-Mexiko – oh, und nach Texas.«

»Wieviel Geld hast du?« fragte Tim.

»Wozu?« stellte Dick die Gegenfrage.

»Wir müssen vor allem sehen, von hier wegzukommen, und das geht am schnellsten, wenn wir zunächst bezahlen. Ich – ich bin ein Floh, aber du nicht. Die Leute, die auf dich aufpassen, werden einen Höllenlärm schlagen. Sie werden so viele Detektive hinter uns herschicken, daß man nicht vor ihnen ausspucken kann. Wir müssen versuchen, durchzuwitschen.«

»Dann witschen wir eben durch«, sagte Dick. »Wir machen kurze Abstecher, mal nach der einen, mal nach der andern Seite, und bezahlen, bis wir nach Tracy kommen. Dann bezahlen wir nicht mehr und gehen nach dem Süden.«

Dieses Programm befolgten sie genau. Als zahlende Fahrgäste passierten sie Tracy sechs Stunden, nachdem die Polizei es aufgegeben hatte, die Züge zu untersuchen. In einem Anfall übertriebener Vorsicht bezahlte Dick noch die Fahrt bis nach Modesta. Dann übernahm Tim die Führung, und sie reisten als blinde Passagiere auf Güter- und Packwagen und auf Kuhfängern. Einmal kaufte Tim eine Zeitung und erschreckte Dick durch das Vorlesen der unheimlichen Berichte über die Entführung des jungen Erben der Forrestschen Millionen.

In San Francisco setzten die Vormünder dreißigtausend Dollar Belohnung auf die Herbeischaffung ihres Mündels aus, und Tim Hagan, der das alles las, als die beiden Jungen im Grase bei einem Wassertank lagen, prägte dem Hirne Dicks für immer die Lehre ein, daß Ehre, die nicht feil war, nicht von Stellung und Kaste abhing, daß sie in Palästen sowohl wie in einer armseligen Behausung über einem Krämerladen gedeihen konnte.

»Hoppla!« sagte Tim ins Blaue hinein. »Der Alte würde heilfroh sein, wenn ich aus der Schule schwatzte und die dreißigtausend verdiente. Mir wird ganz schwindlig, wenn ich daran denke.«

Aus dem Umstand, daß Tim so offen davon sprach, schloß Dick, daß der Sohn des Schutzmanns ihn unter keinen Umständen verraten würde.

Erst sechs Wochen später, in Arizona, berührte Dick die Sache.

»Siehst du, Tim,« sagte er, »ich habe Berge von Geld. Mein Vermögen wächst immerzu, und ich verbrauche nichts, – jedenfalls ist es nicht der Rede wert, – wenn Frau Summerstone auch achtzehnhundert Dollar jährlich und Kost und Logis dazu von mir kriegt, während wir beide uns mit den Überbleibseln aus den Eimern der Heizer in den Lokomotivschuppen begnügen müssen. Und dabei wächst mein Vermögen beständig. Was sind zehn Prozent von zwanzig Millionen Dollar?«

Tim Hagan starrte in die flimmernden Hitzewellen der Wüste und versuchte, das schwere Problem zu lösen.

»Was ist ein Zehntel von zwanzig Millionen?« fragte Dick gereizt.

»Hm! – Zwei Millionen natürlich.«

»Na, und fünf Prozent ist die Hälfte von zehn Prozent. Was bringen also zwanzig Millionen zu fünf Prozent jährlich?«

Tim überlegte.

»Die Hälfte, die Hälfte von zwei Millionen!« rief Dick. »Auf diese Weise werde ich jährlich um eine Million reicher. Denk daran und paß auf, was ich dir sage. Wenn ich wieder heimkehre, – und das wird viele Jahre dauern, – dann rechnen wir beide ab. Sobald ich es dir sage, schreibst du deinem Vater, dann kommt er irgendwohin, wo wir auf ihn warten, findet mich und bringt mich heim. Dann kriegt er die dreißigtausend Dollar, die meine Vormünder als Belohnung ausgesetzt haben, braucht nicht mehr Schutzmann zu spielen und kann eine Wirtschaft aufmachen.«

»Dreißigtausend Dollar ist ein verfluchter Haufen Geld.« Auf diese nachlässige Weise drückte Tim seine Dankbarkeit aus.

»Nicht für mich«, meinte Dick wegwerfend. »Dreißigtausend gehen dreiunddreißigmal in einer Million auf, und eine Million sind nur die Zinsen eines Jahres.«

Aber Tim Hagan sollte es nicht erleben, seinen Vater als Gastwirt zu sehen. Zwei Tage später warf ein Bremser, der besser Bescheid hätte wissen müssen, die Jungen bei einer Überführung von einem leeren Güterwagen herunter. Die Überführung überbrückte eine trockene Felsschlucht. Dick sah fünfundzwanzig Meter tief auf die Felsen hinunter und erhob Einwände.

»So ist ja Platz genug auf der Überführung,« sagte er, »wenn der Zug aber jetzt weiterfährt?«

»Er fährt nicht weiter, – runter mit euch, solange noch Zeit ist!« erklärte der Bremser. »Die Lokomotive nimmt drüben Wasser ein. Das tut sie immer hier.«

Aber gerade diesmal nahm die Lokomotive kein Wasser ein. Das Zeugenverhör bei der Leichenschau ergab, daß der Lokomotivführer die Zisterne leer gefunden hatte und deshalb weitergefahren war. Die beiden Knaben waren kaum vom Wagen heruntergeklettert und ein Dutzend Schritte weit auf den schmalen Steg zwischen dem Zuge und dem Abgrund gelangt, als der Zug anfuhr. Dick, der schnell und sicher erfaßte und eine erstaunliche Anpassungsfähigkeit hatte, ließ sich sofort auf Hände und Knie sinken. Dadurch bekam er mehr Halt und mehr Platz, weil er sich unter den vorspringenden Oberteil der Wagen duckte. Tim, der keine so schnelle Auffassungs- und Anpassungsgabe hatte und dazu, als echter Irländer, von Wut auf den Bremser gepackt wurde, warf sich nicht nieder, sondern blieb stehen und vertraute dem Bremser seine Meinung über ihn in unheimlichen, von seinen Vätern ererbten Wendungen an.

»Runter mit dir, – wirf dich hin!« rief Dick.

Aber die Gelegenheit war verpaßt. Die Lokomotive, die bergab fuhr, erreichte den Zug schnell. Das Gesicht den rollenden Wagen zugekehrt, die leere Luft hinter und die klaffende Tiefe unter sich, versuchte Tim, sich auf die Knie zu werfen. Aber bei der ersten Schulterdrehung kam er mit den Wagen in Berührung und hätte fast das Gleichgewicht verloren. Nur durch ein wahres Wunder vermochte er sich auf den Füßen zu halten, stand aber immer noch aufrecht da. Der Zug fuhr immer schneller. Es war unmöglich, sich niederzuwerfen.

Dick, der auf den Knien lag und sich festhielt, sah ihn unverwandt an. Der Zug vergrößerte seine Schnelligkeit, und die Wagen folgten immer rascher aufeinander. Tim stand kaltblütig da, den Rücken gegen den Abgrund, mit lose herabhängenden Armen und ohne einen Halt außer den Füßen. Er schwankte hin und zurück, und je schneller der Zug fuhr, desto mehr schwankte er, bis er seinen Willen aufs äußerste anspannte und feststand.

Alles würde gut gegangen sein, wäre nicht ein einziger Wagen fünfzehn Zentimeter breiter als die andern gewesen. Dick sah ihn kommen. Er sah, wie Tim sich bereit machte, der plötzlichen Einschnürung seines engen Standortes zu begegnen. Er sah, wie Tim sich langsam seitwärts schwang, so weit, wie es überhaupt möglich war, aber doch nicht weit genug. Es war unvermeidlich. Noch ein Zoll, und der Wagen wäre frei an Tim vorbeigegangen. Aber dieser eine Zoll fehlte, der Wagen packte ihn und schleuderte ihn rücklings hinab. Zweimal wirbelte er herum, dann schlug sein Kopf gegen den Felsen.

Tim regte sich nicht mehr. Dieser Sturz aus einer Höhe von fünfundzwanzig Meter brach ihm den Hals und zerschmetterte ihm den Schädel. Und in diesem einen Augenblick lernte Dick den Tod kennen – nicht den normalen, anständigen Tod unter zivilisierten Verhältnissen, den durch Ärzte, Krankenschwestern und Morphiumspritzen gemilderten, sondern den plötzlichen, den primitiven, häßlichen, ungeschminkten Tod, wie der eines Stieres auf der Schlachtbank.

Aber in diesem einen Augenblick lernte Dick noch etwas kennen – die Unbarmherzigkeit von Leben und Schicksal; die Feindseligkeit des Universums gegen die Menschen; die Notwendigkeit, zu erfassen und zu handeln, zu sehen und zu wissen, sicher und schnell zu sein, sich allen augenblicklichen Verschiebungen in dem Zusammenspiel der Kräfte, das das Leben ausmacht, anzupassen. Und neben den merkwürdig zusammengefallenen und eingeschrumpften Überresten dessen, was noch vor einem Augenblick sein Kamerad gewesen war, lernte Dick, daß man nicht mit Illusionen rechnen darf, und daß die Wirklichkeit nie lügt.

* * *

 

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