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Die Herren von Hermiston

Robert Louis Stevenson: Die Herren von Hermiston - Kapitel 9
Quellenangabe
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typefiction
authorRobert Louis Stevenson
titleDie Herren von Hermiston
publisherDiogenes Verlag AG
year1979
isbn3257207026
translatorMarguerite Thesing
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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8

Ein nächtlicher Besuch

Kirstie hatte vieles, das sie unglücklich machte. Je älter wir werden – insbesondere wenn wir älter werden und Frauen sind, welche die eisige Furcht vor dem Alter anhaucht –, desto mehr verlassen wir uns auf die Stimme als das Ausdrucksmittel der Seele. Nur so vermögen wir bei der Verarmung unserer Mittel dem geknebelten Schrei der Leidenschaft Raum zu geben; nur so können wir in der bitteren und empfindsamen Schüchternheit reiferer Jahre den Verkehr mit jenen lebensstrotzenden Gestalten der Jugend aufrechterhalten, die uns allseits noch umgeben und die doch täglich mehr zur beweglichen Tapete des Lebens zusammenschrumpfen. Das Wort ist das letzte verbindende Glied, die letzte Beziehung. Jedoch mit Beendigung der Unterhaltung, wenn die Stimme schweigt und das helle Gesicht des Zuhörers sich wegkehrt, senkt sich von neuem Einsamkeit auf das verwundete Herz. Kirstie hatte ihre geruhsame abendliche Plauderstunde verloren; vorbei war es mit ihren Wanderungen – als Geist, wenn man will, aber als seliger Geist – an Archies Seite in den Feldern Elysiums. Ihr war es, als sei die ganze Welt verstummt; für ihn dagegen bedeutete dieser Wegfall lediglich eine belanglose Abwechslung in der Art seiner Kurzweil. Kirstie raste bei dieser Erkenntnis. Der brausende Quell ihrer leidenschaftlichen, reizbaren Natur sprudelte mitunter so unbändig, daß eine Eruption drohte.

Dies ist der Preis, den wir für unzeitige Glut des Empfindens zahlen müssen. Sie hätte ihn zahlen müssen, wann immer die Umstände es erforderten; so aber geschah es, daß sie jener Wonne beraubt wurde gerade in der Stunde, da sie ihrer am meisten bedurfte, da sie am meisten zu reden und zu fragen hatte und vor der Erkenntnis zitterte, daß ihre Oberhoheit nicht nur im Schwinden, nein, am Ende gar aufgehoben sei. Denn mit der Hellsichtigkeit wahrer Liebe durchschaute sie das Geheimnis, das Frank so viel Kopfzerbrechen verursacht hatte. Sie ward sich, noch vor dem eigentlichen Eintreten des Falles, ja bereits an jenem Sonntagabend, da die Sache ihren Anfang nahm, einer Invasion ihrer Rechte bewußt, und eine innere Stimme verriet ihr den Namen der Siegerin. Seither hatte sie sich durch kleine Kniffe, durch Zufälligkeiten, durch Beobachtungen von nebensächlichen Dingen und durch die allgemeine Färbung von Archies Laune Gewißheit, über allen Zweifel erhaben, verschafft. Mit einem Gerechtigkeitssinn, um den Lord Hermiston sie hätte beneiden können, hatte sie an jenem Tage in der Kirche die Reize der jüngeren Kirstie abgeschätzt und gewürdigt, und mit der tiefen Menschlichkeit und Sentimentalität ihrer Natur vernahm sie den Schritt des Schicksals. Nicht so hätte sie gewählt. Sie hatte Archie in ihrer Phantasie mit irgendeiner hochgewachsenen, stolzen und rosigen Heldin mit goldenen Locken vermählt, geschaffen nach ihrem eigenen Bilde, der sie mit Entzücken das Brautbett bestreut haben würde; und sie hätte über das Scheitern ihrer ehrgeizigen Träume weinen mögen. Jedoch die Götter hatten gesprochen; das Urteil lautete anders.

Unruhig, von fieberhaften Gedanken bestürmt, wand sie sich in jener Nacht auf ihrem Lager. Gefährliche Dinge standen bevor, eine Schlacht, über deren Ausgang sie mit Sympathie, Furcht und wechselnder Parteinahme für die eine oder die andere Seite eifersüchtig brütete. Jetzt fühlte sie sich wiedergeboren in ihrer Nichte, jetzt in Archie. Jetzt sah sie durch des Mädchens Augen den Jüngling vor sich knien, vernahm in tödlicher Schwäche sein hartnäckiges Flehen und empfing seine überwältigenden Liebkosungen. Und im nächsten Augenblick, in plötzlicher Umkehr ihrer Natur, raste sie bei dem Gedanken, jene höchsten Gaben des Geschicks und der Liebe an ein Balg von einem Mädchen verschwendet zu sehen, an ein Wesen ihres eigenen Hauses, das ihren eigenen Namen sich anmaßte – dies war eine tödliche Kränkung –, an jemand, »die selbst nicht wußte, was sie wollte, und die so schwarz war wie ihr eigener Hut!«. Und wieder zitterte sie vor Angst, daß ihr Idol vergeblich flehen könnte, denn sie sehnte den Erfolg als eine Art Triumph der Natur für ihn herbei; und im darauffolgenden Moment, mit wiederauflebender Treue für ihre eigene Familie und ihr Geschlecht, zitterte sie um Kirstie und um den guten Ruf der Elliotts. Endlich erblickte sie visionär sich selbst; die Zeit für ihre altmodischen Geschichten, für ihren Dorfklatsch war vorüber, auf ewig sagte sie dem Glanz der Liebe und des Lebens Lebewohl, und dahinter, in der Ferne, kroch sie, um zu sterben, dem düsteren, allmächtigen Ende zu. Hatte sie den Becher wirklich bis zur Neige geleert, sie, die sie so groß, so schön war, mit einem Herzen frisch wie das eines Mädchens und stark wie bei einem Weibe? Es konnte nicht sein, und doch war es so; einen Augenblick lang war ihr Bett ihr furchtbar wie die Mauern des Grabes. Vor ihr dehnte sich die Wüste der Stunden, in der sie rasen und zittern würde, bis der Tag anbräche und die Arbeit des Tages erneuert werden müßte.

Plötzlich hörte sie Schritte auf der Treppe – seinen Schritt; bald danach wurde ein Fenster aufgestoßen. Sie setzte sich klopfenden Herzens aufrecht. Er war allein in seinem Zimmer, und er war nicht zu Bett gegangen. Eines ihrer nächtlichen Gespräche winkte ihr, und bei diesem bezaubernden Ausblick ging eine Veränderung in ihr vor; mit dem Nahen jener Hoffnung auf Freude schwand auch sogleich alles Niedrige aus ihren Gedanken. Sie erhob sich, ganz Weib, das Weib in seiner reinsten Gestalt, zärtlich, mitfühlend, voller Haß gegen alles Böse und treu ihrem eigenen Geschlecht – und doch mit allen Schwächen dieses geliebten und komplizierten Wesens, mit Hoffnungen, wortlos und schmeichelnd, die sich eng an ihr weiches Herz schmiegten und an ihm zehrten, Hoffnungen, die sie sich selbst niemals zugestanden hätte, und wäre es um ihr Leben gegangen. Sie riß ihre Haube herunter, und ihr Haar fiel in üppiger Fülle um ihre Schultern. Unsterbliche Koketterie erwachte. Im matten Schein der nächtlichen Kerze stand sie vor ihrem Spiegel, die edlen Arme über dem Haupte erhoben, und sammelte den Schatz ihrer Flechten ein. Sie war nie zimperlich in ihrer Bewunderung von sich selbst; jene Art Bescheidenheit war ihr fremd, und sie hielt erfreut und überrascht bei diesem Anblick inne. »Du verrücktes, altes Frauenzimmer!« sagte sie zu sich selbst, damit einen Gedanken beantwortend, der doch nicht wirklich war, und sie errötete mit der Unschuld eines Kindes. Hastig band sie die schweren, leuchtenden Flechten auf, hastig zog sie einen Morgenrock an und stahl sich, Kerze in der Hand, in den Korridor. Von unten hörte sie die Uhr ihre gemessenen Sekunden ticken und Frank mit den Karaffen im Speisezimmer klirren. Feindschaft, bitter und jäh, stieg in ihr auf. »Ekliger, versoffener kleiner Köter!« dachte sie; im nächsten Moment hatte sie vorsichtig an Archies Zimmertür geklopft und die Aufforderung, einzutreten, erhalten.

Archie hatte hinaus in die uralte Nacht gestarrt, hier und dort von einem glanzlosen Stern erhellt; tief sog er die süßduftende Luft der Heide ein, suchte und fand vielleicht auch den Frieden der Unglücklichen. Er wandte sich bei ihrem Eintritt um und zeigte gegen den Fensterrahmen sein bleiches Gesicht.

»Bist du es, Kirstie?« fragte er. »Tritt nur näher!«

»Es ist schon unheimlich spät, Kind«, erklärte Kirstie mit erheucheltem Widerstreben.

»Nein, nein«, antwortete er, »durchaus nicht. Komm nur herein, wenn du einen Schwatz halten willst. Ich bin, weiß Gott, nicht schläfrig!«

Sie kam näher, nahm einen Stuhl neben dem Toilettentisch und stellte die Kerze vor sich auf den Boden. Etwas vielleicht ihre zwanglose Kleidung, vielleicht die Erregung in ihrer Brust – hatte sie mit dem Zauberstab der Verwandlung berührt; sie schien jung, von der Jugend der Göttinnen.

»Mr. Archie«, hub sie an, »was ist Ihnen nur?«

»Ich wüßte nicht, daß mir irgend etwas wäre«, entgegnete Archie errötend und bereute sogleich bitterlich, sie eingelassen zu haben.

»Ach, liebes Kind, so geht es nicht!« sagte Kirstie. »Wer liebt, den kann man nur schwer täuschen. Ach, Mr. Archie, überlegen Sie's wohl, eh es zu spät ist. Sie sollten nicht gierig sein nach den guten Dingen des Lebens; die werden alle kommen, jedes zu seiner Zeit, wie die Sonne und der Regen. Sie sind ja noch so jung; Sie haben eine hübsche Anzahl Jahre vor sich. Achten Sie darauf, daß Sie nicht gleich zu Anfang, wie so viele andere, Schiffbruch erleiden! Haben Sie nur Geduld – mir hat man immer gesagt, das wäre die Hauptsache im Leben –, nur Geduld, der Sonnenschein kommt noch. Gott weiß es, mir ist er nie gekommen; hier sitze ich ohne Mann oder Kind, das ich mein eigen nennen könnte, und plage die Leute mit meiner giftigen Zunge. Sie vor allen anderen, Mr. Archie!«

»Ich weiß wirklich nicht, was du willst«, meinte Archie.

»So will ich's denn sagen«, erklärte sie. »Es ist dies und nichts weiter: Ich fürchte mich. Ich fürchte für Euch, Lieber. Vergeßt nicht, Euer Vater ist ein harter Mann, der erntet, wo er nicht gesät, und einsammelt, wo er nicht gepflanzt hat. Reden ist leicht, aber hütet Euch! Ihr werdet eines Tages in sein finsteres Gesicht schauen, wohin schwer und vergeblich blicken ist auf der Suche nach Erbarmen. Ihr erinnert mich an ein schönes Schiff weit draußen auf dem schwarzen und stürmischen Meer – es kann Euch nichts geschehen, solange Ihr still mit Kirstie in Eurer Kammer schwatzt; aber wo werdet Ihr am Morgen sein, in welch fürchterlichem Ungewitter, darinnen Ihr die Berge anflehen werdet, Euch zu bedecken?«

»Aber Kirstie, du sprichst heute nacht ja in Rätseln, und sehr beredt obendrein«, warf Archie dazwischen.

»Mein lieber Mr. Archie«, fuhr sie mit veränderter Stimme fort, »Ihr müßt nicht denken, daß ich nicht mit Euch fühle. Ihr müßt nicht denken, daß ich nicht selbst mal jung gewesen bin. Vor langer Zeit, als ich noch ein dummes Ding war, noch keine zwanzig –« sie schwieg und seufzte – »sauber und frisch, mit einem Fuß so leicht wie eine Biene, war ich auch schon groß und stattlich, glaubt mir; ein ansehnliches Frauenzimmer, obwohl mir's nicht zukommt, Euch das zu sagen – gebaut fürs Kindertragen – und schöne Kinder wären es geworden, und großartig hätte es mir gefallen! Aber ich war jung, Lieber, mit dem hellen Jugendlicht in den Augen, und ließ mir's wahrhaftig nicht träumen, daß ich dereinst als einsames, runzeliges altes Weib Euch all dies erzählen würde. Und dann, Mr. Archie, ist da ein Bursch' um mich freien gekommen, wie's ganz natürlich war. Viele hatten sich vor ihm gemeldet, aber ich mochte sie alle nicht! Doch dieser hier, der hatte eine Zunge, um die Vögel aus der Luft und die Bienen von den Glockenblumen zu locken. Liebe Zeit, liebe Zeit, ist das lang her! Die Leut' sind seither gestorben und begraben und vergessen worden, und Kinder sind zur Welt gekommen und haben geheiratet und haben selbst Kinder bekommen. Und Wälder sind gepflanzt worden seither und sind gewachsen und zu stattlichen Bäumen geworden, und die Mädels mit ihren Schätzen sitzen jetzt darunter im Schatten; und alte Güter haben die Herren gewechselt, und es hat Krieg und den Lärm des Krieges hier auf der Erde Angesicht gegeben. Und ich bin immer noch hier – eine alte, elende Krähe, die zuguckt und krächzt! Aber Ihr müßt nicht denken, Mr. Archie, daß ich mich nicht noch gut an alles erinnere! Ich lebte damals in meines Vaters Haus; und recht sonderbar ist, daß wir uns im Teufelsmoor trafen. Und glaubt ja nicht, daß ich die schönen Sommertage und die langen Meilen blutroter Heide, das Schreien der Brachvögel und das Mädel bei jenem Stelldichein vergessen habe! Wißt Ihr, daß ich jetzt noch die Süße der Berge spüre, die damals um mein Herze rann? Ach, Mr. Archie, ich weiß ja, wie's ist – ich weiß es genau –, wie Gott in seiner Gnade die beiden nimmt, gleich Paulus von Tarsus, grad wenn sie sich's am wenigsten versehen, und in ein Land treibt, das wie ein Traum ist; und die Welt und die Leute darinnen sind für das arme Mädel nicht mehr als die Wolken, und die Himmel selbst sind nur ein paar Grashalme, wenn sie ihm nur gefällt! Bis Tom starb – ja, das ist meine Geschichte«, brach sie ab; »er starb, und ich war nicht einmal bei dem Begräbnis. Doch solang er am Leben war, hatte ich mich fest in der Hand. Aber kann jenes arme Mädel das?«

Und Kirstie streckte, die Augen hellschimmernd von ungeweinten Tränen, ihm flehend die Hand hin; das leuchtende Gold und das matte Gold ihres Haares flammte und glomm in Windungen um ihr schönes Haupt gleich den Strahlen der ewigen Jugend selbst; reine Röte war ihr in die Wangen gestiegen, und Archie war bestürzt und betreten angesichts ihrer Schönheit und ihrer Geschichte. Er trat vom Fenster auf sie zu, ergriff ihre Hand und küßte sie.

»Kirstie«, sagte er heiser, »du hast mir bitter unrecht getan. Der Gedanke an sie hat mich nie verlassen; ich würde ihr um die Welt nicht schaden, Liebe!«

»Ach Junge, das ist leicht gesagt«, rief Kirstie, »aber nicht so leicht getan! Junge, verstehst du denn nicht? Es ist Gottes Wille, daß wir geblendet und betäubt sein sollen und keine Gewalt mehr haben über unsere eigenen Glieder in jener Zeit. Mein Kind«, rief sie, immer noch seine Hand haltend, »denk an die arme Dirn! Hab Mitleid mit ihr, Archie! Oh, sei klug für zwei! Denk an die Gefahr, die sie läuft! Ich habe euch beide gesehen – und wer hindert es, daß andere euch gleichfalls sehen? Ich sah euch das erste Mal im Teufelsmoor, in meinem eigenen Tal, und schrecklich war mir zumute – teils wegen der Vorbedeutung, denn es ist etwas Unheimliches um den Ort, und teils aus schierer, nackter Mißgunst und Bitterkeit des Herzens. Sonderbar ist, daß ihr beide euch gleichfalls dort trefft! Gott! Und wenn auch der arme, alte, querköpfige Puritaner bei Lebzeiten nichts von der menschlichen Natur wußte – seit er in seinem Todesstündlein in die Musketenrohre geschaut, hat er eine gehörige Portion davon gesehen!« Dies fügte sie hinzu mit einer Art Verwunderung in ihren Augen.

»Ich schwöre bei meiner Ehre, daß ich ihr nie unrecht getan«, sagte Archie. »Und ich schwöre bei meiner Ehre und bei meiner Seele Seligkeit, daß ich ihr auch in Zukunft keins tun werde. Ich habe das alles schon einmal gehört. Ich bin töricht gewesen, Kirstie, aber nicht ungut, und vor allen Dingen nicht gemein.«

»Da spricht mein Kind«, sagte Kirstie, sich erhebend.

»Ich kann dir jetzt vertrauen, ich gehe leichten Herzens schlafen.« Und dann erkannte sie blitzartig die nackte Unfruchtbarkeit ihres Sieges. Archie hatte versprochen, das Mädchen zu schonen, und er würde sein Versprechen halten; wer aber hatte versprochen, Archie zu schonen? Wie sollte das alles enden? Sie überschaute ein Labyrinth von Schwierigkeiten, aus dem ihr von jedem Kreuzweg das eiserne Gesicht Hermistons entgegenstarrte. Und eine Art Grauen vor ihrer eigenen Tat fiel sie an. Sie trug jetzt eine tragische Maske. »Archie, der Herr erbarme sich deiner und meiner, mein Liebstes du! Ich habe hier auf diesem Grunde gebaut –« sie legte ihre Hand schwer auf seine Schulter –, »ich habe hoch gebaut und mein Herz in den Bau hineingelegt. Sollte das ganze Gebäude zusammenstürzen, ich glaube, Kind, ich würde drüber sterben. Verzeih einem tollen alten Weibsbild, das dich liebt und das schon deine Mutter gekannt hat. Und um des lieben Herrgotts willen, halte dich frei von unmäßigem Verlangen; halte dein Herz in beiden Händen, trage es sicher und leicht; laß es nicht wie die Kinder ihre Drachen in die wilden Winde aufsteigen! Denk daran, Archie, mein lieber Archie, daß dies Leben eine einzige Enttäuschung ist und ein Mundvoll Erde das uns bestimmte Ende.«

»Aber Kirstie, liebe, gute Kirstie, du verlangst jetzt zu viel«, sagte Archie, tief erschüttert und nun auch seinerseits in breites Schottisch verfallend. »Du verlangst, was ich dir nicht geben kann, was nur der Herrgott im Himmel gewähren kann, wenn er es für gut befindet. Und vermag er es am Ende wirklich? Ich kann dir nur versprechen, was ich tun werde, und du magst dich darauf verlassen. Aber wie ich fühlen werde – das, Kirstie, steht schon längst nicht mehr in meiner Macht!«

Sie standen jetzt beide Angesicht zu Angesicht. Archies trug den elenden Schatten eines Lächelns; das ihre verzerrte sich einen Augenblick.

»Versprich mir das eine«, rief sie mit scharfer Stimme. »Versprich, daß du nie etwas unternehmen wirst, ohne es mir vorher zu sagen.«

»Nein, Kirstie, auch das kann ich dir nicht versprechen«, entgegnete er. »Ich habe so schon genug versprochen, Gott weiß es!«

»Der Segen des Herrn stütze und tröste dich, mein Herz!« sagte sie.

Und er entgegnete: »Gott schütze dich, meine alte Freundin!«

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