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Die Herren von Hermiston

Robert Louis Stevenson: Die Herren von Hermiston - Kapitel 8
Quellenangabe
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typefiction
authorRobert Louis Stevenson
titleDie Herren von Hermiston
publisherDiogenes Verlag AG
year1979
isbn3257207026
translatorMarguerite Thesing
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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7

Eintritt Mephistopheles'

Zwei Tage später setzte ein Gig aus Crossmichael Frank Innes vor den Toren Hermistons ab. Einmal im vergangenen Winter während eines besonders heftigen Anfalls von Langeweile hatte ihm Archie einen Brief geschrieben. Dieser hatte eine Art Einladung enthalten, oder eine Anspielung auf eine Einladung – Innes wie er selbst erinnerten sich nicht mehr genau daran. Als Innes ihn empfing, hatte ihm nichts ferner gelegen, als sich mit Archie zusammen im Moor zu vergraben; allein selbst die scharfsinnigsten politischen Köpfe wandeln nicht immer mit untrüglicher Zielbewußtheit durchs Leben. Das würde eine Gabe der Voraussicht erheischen, die den Menschen abgeht. Wer hätte sich zum Beispiel denken können, daß noch nicht einen Monat nach Empfang jenes Briefes, den er verspottet, dessen Beantwortung er verschoben, ja den er zu guter Letzt gar verloren hatte, Mißgeschicke düsterster Natur sich um Franks Laufbahn sammeln würden? Der Fall läßt sich mit wenigen Worten schildern. Sein Vater, ein kleiner Gutsbesitzer in Morayshire mit einer zahlreichen Familie, wurde widerspenstig und sperrte plötzlich den Wechsel; Frank hatte sich die Anfänge einer recht anständigen Bibliothek zugelegt, die er sich genötigt sah nach einigen unerwarteten Verlusten auf dem Rennplatz wieder zu verkaufen, noch ehe sie bezahlt waren; seinem Buchhändler kam diese Tat zu Ohren, und er erließ gegen Innes einen Haftbefehl. Frank hörte noch rechtzeitig davon und war imstande, seine Vorsichtsmaßregeln zu treffen. Bei diesem Wirrwarr seiner Angelegenheiten und angesichts der drohenden Klage hielt er es für das klügste, sofort zu verschwinden; er schrieb daher einen glühenden Brief an seinen Vater und bestieg die Postkutsche nach Crossmichael. Jeder Hafen war ihm recht in diesem Sturm! Mit männlicher Entschlossenheit kehrte er dem Parlamentshaus und seinem heiteren Klatsch, kehrte Porter und Austern, dem Rennplatz und der Arena den Rücken, kühn entschlossen, mit Archie Weir in Hermiston ein lebendes Grab zu teilen, bis die Wolken sich zerstreut hätten.

Um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen: Er selbst war über seine Abreise nicht weniger erstaunt als Archie über seine Ankunft; nur verbarg er seine Verwunderung mit unendlich viel größerer Gewandtheit.

»Ja, hier bin ich!« sagte er, als er ausstieg. »Endlich ist Pylades zu seinem Orest gekommen. Übrigens, haben Sie meine Antwort erhalten? Nein? Wie ärgerlich! Ja, jetzt bringe ich die Antwort selbst; um so besser!«

»Ich freue mich natürlich sehr, Sie zu sehen«, sagte Archie. »Sie sind natürlich herzlich willkommen. Aber Sie haben doch nicht die Absicht zu bleiben, solange das Gericht noch tagt? Wäre das nicht äußerst unvernünftig?«

»Der Teufel hole das Gericht!« meinte Frank. »Was ist die Jurisprudenz gegen die Freundschaft und ein bißchen Fischen?«

Und so kamen sie überein, daß er bleiben solle ohne jeden anderen Termin für seine Abreise als den, welchen er sich privatim stellte – nämlich den Tag, an dem sein Vater mit dem Gelde herausrücken würde und er imstande wäre, seinen Buchhändler zu befriedigen. Unter so unklaren Verhältnissen begann für diese beiden jungen Männer (die nicht einmal Freunde waren) ein Leben größter räumlicher Nähe und ständig schwindender Vertraulichkeit. Sie sahen sich bei den Mahlzeiten sowie des Abends, wenn die Stunde des Whisky-Toddys sich nahte; allein es war auffallend (wäre jemand dagewesen, es zu beobachten), daß sie bei Tage nur selten zusammenkamen. Archie hatte Hermiston zu verwalten; die mannigfachsten Obliegenheiten führten ihn in die Berge, wo Franks Begleitung überflüssig war und Archie sie mitunter auch ablehnte. Manchmal ging er in aller Frühe vom Hause fort und ließ dem anderen auf dem Frühstückstisch lediglich einen Zettel zurück, um ihn von dieser Tatsache in Kenntnis zu setzen; dann und wann kehrte er auch ohne jede vorherige Ankündigung erst lang nach der Essenszeit heim. Innes seufzte unter dieser Fahnenflucht; er brauchte seine ganze Philosophie, um sich gelassen an den gemeinsamen Frühstückstisch zu setzen, und mußte die echte Gutmütigkeit seiner Natur zu Hilfe rufen, um Archie bei den seltenen Gelegenheiten, wenn er verspätet zum Essen heimkehrte, freundlich zu begrüßen.

»Was in aller Welt macht ihm nur so viel zu schaffen, Madam Elliott?« fragte er eines Morgens, nachdem er soeben eines dieser flüchtig hingekrizelten Billette gelesen und sich zu Tisch gesetzt hatte.

»Geschäftliche Angelegenheiten vermutlich, Sir«, entgegnete trocken die Haushälterin und wies ihn durch die Andeutung eines Knickses auf den zwischen ihnen herrschenden Abstand hin.

»Was für Angelegenheiten?« wiederholte er.

» Seine Angelegenheiten, vermutlich«, wiederholte die unerbittliche Kirstie.

Er wandte sich ihr mit jener strahlend guten Laune zu, die sein gewinnendster Zug war, und brach in schallendes, gesundes und natürliches Gelächter aus. »Gut pariert, Madame Elliott!« rief er, und der Haushälterin Gesicht löste sich in den Schatten eines eisernen Lächelns auf. »Wahrhaftig, gut pariert! Aber Sie müssen mich nicht so als Fremden behandeln! Archie und ich sind doch auf der gleichen Schule und gemeinsam auf der Universität gewesen und wollten auch beide in den Anwaltsstand eintreten, als – na, sie wissen ja! Liebe Zeit, liebe Zeit! Welch ein Jammer! Ein ganzes Leben ruiniert, ein junger Mensch hier in der Wildnis unter lauter Bauern begraben, und weswegen nur? Nur wegen eines dummen, törichten Streichs, nichts weiter. Gott, wie prachtvoll Ihre Haferkuchen schmecken, Madam Elliott!«

»Es sind nicht meine, das Mädel hat sie gebacken«, antwortete Kirstie, »und mit Eurer Erlaubnis: Es hat wenig Sinn, des Herrn Name nur um etlicher eitler Brocken willen, die man sich in den Bauch stopft, in den Mund zu nehmen.«

»Wahrscheinlich haben Sie recht, Madam«, entgegnete der unerschütterliche Frank. »Aber was ich gerade sagen wollte: Die Sache mit dem armen Archie ist doch ewig schade, und Sie und ich könnten Schlimmeres tun, als die Köpfe zusammenstecken und wie zwei vernünftige Leute überlegen, wie man ihr ein Ende machen könnte. Ich sage Ihnen, Madam, Archie galt wirklich als ein äußerst vielversprechender junger Mann, und ich bin durchaus der Ansicht, daß er's als Anwalt noch weit gebracht hätte. Und was seinen Vater anbetrifft, so kann ja zwar keiner seine Tüchtigkeit leugnen, ebensowenig wie man bestreiten kann, daß er des Teufels eigene Laune geerbt hat –«

»Wenn Ihr gütigst entschuldigen wollt, Mr. Innes, ich glaube, die Dirn' hat nach mir gerufen«, sagte Kirstie und fegte aus dem Zimmer.

»Der verdammte, haarige, alte Besen!« rief Innes. Inzwischen war Kirstie in die Küche geflohen und machte vor ihrer Vasallin ihren Gefühlen Luft.

»Hier, Nichtsnutz! Marsch hinein, und warte dem Innes auf! Ich hab' mich nicht mehr in der Gewalt. ›Armer Archie!‹ Ich würd's ihm zeigen, mit seinem ›armen Archie‹, wenn's nach mir ginge! Und Hermiston mit des Leibhaftigen eigener Laune? Herrgott, zuvor gib, daß er ihm Hermistons Haferkuchen aus dem Maule herausholt. Nicht ein Haar an den beiden Weirs, das nicht mehr Schneid und Kraft hätte als jener an seinem ganzen elenden Leibe! Und ausgerechnet mir kommt er mit seinen Schimpfereien! Er soll sich zurück in seine schmutzige Stadt trollen, wo sie ihn vielleicht brauchen können, und in seinen Kabriolets rumsausen – er mit seiner Pomade im Haar – und sich mit liederlichen Frauenzimmern gemein machen – Schande, die er ist!« Unmöglich konnte man ohne Bewunderung vernehmen, wie Kirsties wachsender Ekel sich entlud, während sie nacheinander diese ein wenig unbegründeten Anschuldigungen vorbrachte. Da erinnerte sie sich ihres augenblicklichen Vorhabens und wandte sich noch einmal an ihre faszinierte Zuhörerin. »Hast mich nicht verstanden, Schlafmütze? Hast nicht verstanden, was ich dir sagte? Muß ich dich zu ihm hineinjagen? Ich werde Ihr Beine machen, Mamsell!« Und die Magd floh aus der jetzt unsicher gewordenen Küche nach vorn, um Innes zu bedienen.

Tantaene irae? Hat man den Grund noch nicht erraten? Seit Franks Kommen hatte es ein Ende mit den vertraulichen Gesprächen über dem Abendbrottablett! Franks ganze Schmeicheleien waren umsonst; er hatte das Rennen um Madam Elliotts Gunst mit einem Handicap angetreten.

Seltsam jedoch war, wie hartnäckig der Mißerfolg sich bei all seinen Versuchen, Freundschaft zu schließen, an seine Fersen heftete. Ich muß den Leser warnen, Kirsties Epitheta für bare Münze zu nehmen; ihr lag mehr an deren Kraft als Wahrheit. Da war das Wort »elend« zum Beispiel; nichts hätte verleumderischer sein können. Frank war der Inbegriff schöner, gutgelaunter, kraftvoller männlicher Jugend. Er hatte strahlende, vergnügt funkelnde Augen, lockiges Haar, ein einnehmendes Lächeln, blendend weiße Zähne, eine bewundernswerte Kopfhaltung, das Aussehen eines Gentleman und die Sicherheit eines Menschen, der gewohnt ist, auf den ersten Blick zu gefallen und bei näherer Bekanntschaft noch zu gewinnen. Und trotz all dieser Vorzüge scheiterte er bei allen Menschen auf Hermiston; bei dem schweigsamen Schäfer, dem unterwürfigen Verwalter, dem Pferdeburschen, der gleichzeitig der Ackerknecht war, dem Gärtner und bei des Gärtners Schwester – einer frömmelnden, gedrückten Frau, die ständig einen Schal um die Ohren trug –, bei allen fiel er gleichmäßig und gründlich durch. Sie mochten ihn nicht und zeigten es ihm deutlich. Das kleine Hausmädchen war die einzige Ausnahme; sie bewunderte ihn inbrünstig, ja wahrscheinlich träumte sie von ihm in ihren Mußestunden; aber sie war gewohnt, bei Kirsties Tiraden die Rolle der stummen Zuhörerin zu spielen und auch schweigend Kirsties Ohrfeigen hinzunehmen, und hatte gelernt, in Anbetracht ihrer Jahre sowohl ein sehr tüchtiges als auch ein schweigsames und vorsichtiges Mädchen zu sein. Frank war sich daher bewußt, der geschlossenen Mißbilligung gegenüber, die ihn allseits auf Hermiston umgab, beobachtete und bediente, eine einzige Verbündete und mitfühlende Seele zu besitzen; allein er gewann nur geringsten Trost aus dieser Gesellschaft und Unterstützung; die gesetzte kleine Magd (bei ihrem letzten Geburtstag eben erst zwölf geworden) hielt ihren Mund und trippelte hurtig, stumm mitfühlend, aber unerbittlich wortkarg in seinen Diensten hin und her. Alle anderen waren hoffnungslos und völlig unleidlich. Noch nie war ein junger Apollo derart unter rustikalen Barbaren gestrandet. Vielleicht jedoch lag die Ursache all seines Mißerfolges in einem einzigen Zug, den er sich, ohne es zu wissen, angeeignet hatte und der für den ganzen Burschen charakteristisch war. Das war seine Gewohnheit, sich einem Menschen stets auf Kosten irgendeines anderen zu nähern. Er bot dem Betreffenden ein Bündnis gegen einen dritten an; er schmeichelte dem einen durch Vernachlässigung des anderen; ehe man es wußte, war man in irgendeine kleine Intrige verwickelt. Im allgemeinen ist ein derartiges Verhalten ganz wunderbar wirksam; Franks Mißgriff lag nur in der Wahl dieses dritten. Darin war er nicht diplomatisch; er lauschte der Stimme seines Ärgers. Archie hatte ihn gleich zu Anfang durch einen seiner Meinung nach ziemlich trockenen Empfang gekränkt, seither durch häufige Abwesenheit. Außerdem war Archie der einzige, der ihm ständig vor Augen stand, und Archies unmittelbare Untergebene waren gerade diejenigen, denen Frank den Köder seiner Sympathie auswerfen konnte. Jedoch um die beiden Weirs, Vater und Sohn, scharte sich ein ganzer Clan eingefleischter Anhänger. Auf Mylord waren sie alle ungeheuer stolz. Es war eine Auszeichnung, des »Henker-Richters« Vasall zu sein, und seine grobe, furchteinflößende Jovialität war in der unmittelbaren Umgebung seines Hauses durchaus nicht unpopulär. Archie dagegen brachten sie alle bis auf den letzten Mann feinfühlige Liebe und einen Respekt entgegen, die auch vor dem geringsten absprechenden Wort zurückschreckten.

Ebensowenig Erfolg hatte Frank, als er sich weiter hinauswagte. Den Vier Schwarzen Brüdern, zum Beispiel, war er im höchsten Grade antipathisch. Hob fand ihn zu frivol, Gib zu weltlich, Clem, der ihn erst ein, zwei Tage vor seiner Abreise nach Glasgow kennenlernte, wollte wissen, was der Hansnarr eigentlich hier draußen zu tun hätte und ob er die ganze Sessionszeit hier zu verbringen gedächte. »Das ist 'ne Drohne«, erklärte er. Und was gar Dandie betrifft, so wird es genügen, ihre erste Zusammenkunft zu schildern. Frank war gerade beim Fischen, als jene ländliche Berühmtheit zufällig des Weges kam.

»Ich höre, daß Sie ein richtiger Dichter sind«, sagte Frank.

»Und wer hat Ihnen das gesagt, mein Bürschchen?« lautete die nicht sehr entgegenkommende Antwort.

»Ach, alle!« entgegnete Frank.

»Gott, das nenn' ich mir Ruhm!« meinte der sardonische Dichter und ging seiner Wege.

Wenn man es sich recht überlegt, bietet sich hier vielleicht die wahre Erklärung für Franks Mißerfolge. Wäre er dem Herrn Sheriff Scott begegnet, er hätte sicherlich ein geschickteres Kompliment gedrechselt, denn es würde sich ja auch gelohnt haben, mit Mr. Scott Freundschaft zu schließen. Dandie dagegen war ihm keinen Sixpence wert, und er zeigte das, selbst während er ihm zu schmeicheln suchte. Herablassung ist eine vortreffliche Sache; merkwürdig ist nur, welch einseitiges Vergnügen sie gewährt! Und wer unter der schottischen Bauernschaft mit Herablassung als Köder angeln geht, wird am Abend mit leerem Korbe heimkehren.

Als Beweis für diese Theorie erzielte Frank große Erfolge im Dienstagklub zu Crossmichael, wo ihn Archie gleich nach seiner Ankunft einführte: sein letztes eigenes Auftreten an dieser Stätte der Lustbarkeit. Frank wurde dort sogleich willkommen geheißen, fuhr fort, regelmäßig hinzugehen und besuchte noch am Vorabend seines Todes (wie die Mitglieder stets mit Vorliebe erzählten) eine dieser Versammlungen. Der junge Hay und der junge Pringle tauchten plötzlich wieder auf. Es gab wieder einmal ein Souper in Windielaws und ein Diner auf Driffel; die Folge war, daß der Landadel der Grafschaft Frank ebenso rückhaltlos in seine Mitte aufnahm, wie die Bauernschaft ihn ablehnte. Er hauste zu Hermiston gleich einem Eroberer in einer besiegten Hauptstadt. Er unternahm auch ständig Ausfälle von dort, wie von einer großen Operationsbasis, um Toddy-Gelage, Ausflüge zum Fischen und Abendgesellschaften zu besuchen, zu denen Archie nicht geladen wurde oder zu denen er nicht hinging. Dies war auch die Zeit, in der die Bezeichnung »der Einsiedler« sich einbürgerte. Manche behaupteten sogar, Innes hätte sie erfunden; zum mindesten sorgte Innes für ihre Verbreitung.

»Was macht Ihr Einsiedler heute?« erkundigten sich die Leute.

»Ach, er einsiedelt weiter!« pflegte Innes dann mit strahlendem Ausdruck zu erklären, als habe er etwas Geistreiches gesagt, um dann sofort das allgemeine Gelächter, das viel eher durch seine Art als durch seine Worte hervorgerufen wurde, mit der Bemerkung zu unterbrechen: »Wissen Sie, Sie haben gut lachen, aber mir gefällt die Sache gar nicht. Der arme Archie ist ja ein recht guter Kerl, den ich immer habe leiden mögen. Ich finde es aber kleinlich von ihm, die geringfügige Dummheit, die er sich hat zuschulden kommen lassen, so schwer zu nehmen und sich derart vor den Menschen zu verschließen. ›Zugegeben, daß es eine lächerliche Sache war, eine peinlich lächerliche Sache‹, sag' ich ihm immer. ›Aber seien Sie ein Mann! Stellen Sie sich der Welt wie ein Mann!‹ Aber er denkt gar nicht daran! Natürlich ist nur die Einsamkeit und die Schande und dergleichen daran schuld. Aber, Sie verstehen, ich beginne, mich vor den Folgen zu fürchten. Es wäre doch unsäglich schade, wenn ein wirklich vielversprechender Mensch wie Weir ein schlechtes Ende nähme. Ich fühle mich allen Ernstes versucht, einmal Lord Hermiston zu schreiben und ihm die Sache klarzulegen.«

»Das würde ich an Ihrer Stelle tun«, pflegten dann einige seiner Zuhörer zu erwidern, kopfschüttelnd, erschrocken und verwirrt durch diese neue und so geschickt durch ein einziges Wort beleuchtete Auffassung der Angelegenheit. »Eine ausgezeichnete Idee!« fügten sie meist hinzu und wunderten sich über den Aplomb und die Position dieses jungen Mannes, der als etwas Selbstverständliches davon sprach, Hermiston zu schreiben und ihn in seinen Privatangelegenheiten zurechtzuweisen.

Und Frank fügte mit gewinnendem Vertrauen hinzu: »Ich will Ihnen etwas sagen: Er nimmt es sich tatsächlich zu Herzen, daß ich hier so gut aufgenommen werde und daß er in der Grafschaft keine Rolle spielt – er ist wahrhaftig eifersüchtig und nimmt es sich zu Herzen. Ich habe ihn geneckt, und ich habe ihm zugeredet; ich habe ihm erklärt, daß alle ihm wirklich wohlgesinnt wären, ja ich hab' ihm sogar weisgemacht, daß ich lediglich so aufgenommen würde, weil ich sein Gast sei. Aber es nützt alles nichts. Er nimmt weder die Einladungen an, die man ihm schickt, noch hört er auf, über diejenigen nachzugrübeln, die man ihm nicht schickt. Wovor ich mich fürchte, ist, daß die Wunde allmählich zu schwären anfangen könnte. Er gehörte von jeher zu den dunklen, verschlossenen, zornigen Naturen – ein wenig hinterlistig mit einer tüchtigen Portion Galle –, Sie kennen ja die Art. Er muß es wohl von den Weirs geerbt haben, die vermutlich irgendwo von einer ehrbaren Weberfamilie abstammten; wie heißt doch der landläufige Ausdruck? – sitzende Lebensweise. Das gerade sind die Naturen, die in einer falschen Stellung, wie sie sein Vater für ihn geschaffen hat oder wie er sie sich jetzt selbst schafft – das können Sie halten, wie's Ihnen beliebt –, auf Abwege geraten. Ich für meinen Teil finde es eine Schmach«, fügte Frank edelmütig hinzu.

Allmählich nahmen der Kummer und die Sorge dieses uneigennützigen Freundes festere Gestalt an. Er fing an, im Vertrauen, unter vier Augen, unklar von allerlei schlechten und gemeinen Gewohnheiten Archies zu sprechen. »Ich muß sagen, ich fürchte tatsächlich, daß er völlig auf Abwege geraten ist«, meinte er alsdann. »Ich sag' es Ihnen offen heraus und ganz unter uns: Ich mag eigentlich nicht länger hier bleiben; aber verstehen Sie, ich fürchte mich einfach, ihn allein zu lassen. Mir wird man natürlich später die ganze Schuld in die Schuhe schieben. Ich bringe ein großes Opfer, wenn ich bleibe. Ich schade meiner Karriere als Advokat: dagegen kann ich meine Augen nun mal nicht verschließen. Ich fürchte wirklich, ich werde noch von allen Seiten Fußtritte bekommen, ehe die Sache vorbei ist. Sehen Sie, keiner glaubt ja heutzutage noch an Freundschaft.«

»Ja, Innes, das ist aber kolossal anständig von Ihnen«, pflegte der Fragesteller dann zu erwidern. »Ich muß schon sagen, wenn man je was gegen Sie vorbringt, können Sie natürlich zum mindesten auf mich rechnen.«

»Ja«, fuhr Frank fort, »offen gestanden, man kann es nicht als angenehm bezeichnen. Er hat eine furchtbar ungehobelte Art; seines Vaters Sohn, verstehen Sie? Ich sag' ja nicht, daß er geradezu unhöflich ist – natürlich kann man nicht von mir erwarten, daß ich mir auch das noch bieten lasse –, aber er segelt schon hart an den Wind. Nein, angenehm ist es nicht; doch ich sage Ihnen, Mann, ich halte es auf mein Gewissen nicht für fair, ihn im Stich zu lassen. Verstehen Sie mich ja nicht falsch: ich sag' nicht, daß wirklich etwas nicht im Lote ist. Was ich sage, ist nur, daß mir die ganze Sache nicht gefällt.« Und er preßte den Arm seines jeweiligen Vertrauten.

Ich bin überzeugt, daß er anfänglich nichts Böses beabsichtigte. Er redete lediglich um des Vergnügens willen, sich reden zu hören. Er besaß von Natur eine flinke Zunge, wie sich das für einen jungen Advokaten schickt, und nahm es ebenso natürlich mit der Wahrheit nicht sehr genau – was das Zeichen eines jungen Esels ist. So redete er drauflos. Einen besonderen Zweck verfolgte er dabei nicht, außer dem allgemeinen, ihm angeborenen, sich selbst zu schmeicheln und dem Freund des Augenblicks zu gefallen und ihn zu interessieren. Und dank dieser Gewohnheit, Wind zu dreschen, baute er allmählich von Archie ein Bild auf, das in allen Winkeln und Ecken des Landes bekannt und beredet wurde. Wo immer ein Herrenhaus inmitten seines ummauerten Gartens lag, wo immer ein zwergenhaftes Schloß in seinem Parke sich erhob, wo immer ein vierfach vergrößertes Cottage neben einem alten Wachtturm den Niedergang einer alten Familie anzeigte oder eine stattliche Villa mit Wagenauffahrt und Strauchwerk den Aufschwung einer neuen – auf den Rädern der Maschine vermutlich –, da wurde Archie im Licht eines düsteren, vielleicht gar lasterhaften Geheimnisses betrachtet und die weitere Entwicklung seiner Laufbahn mit Unruhe und vertraulichem Geraune erwartet. »Er hat irgend etwas Unehrenhaftes begangen, meine Liebe! Was, ist nicht ganz klar, aber jener reizende, freundliche junge Mann, Mr. Innes, hat sein Bestes getan, es auf die leichte Achsel zu nehmen.« Das war es nun einmal. Und Mr. Innes machte sich um ihn jetzt große Sorgen. »Er ist wirklich ganz beunruhigt, mein Bester; er ruiniert sich tatsächlich seine Laufbahn, weil er es nicht wagt, ihn allein zu lassen.« Wie restlos sind wir alle doch einem einzigen Schwätzer ausgeliefert, der nicht einmal bösen Willens zu sein braucht! Wenn ein Mann nur im richtigen Geiste von sich selbst redet und seine Tugenden beiläufig erwähnt, ohne sie je als Tugend zu bezeichnen, wie leichtfertig wird dann sein Zeugnis im Gerichtssaal der öffentlichen Meinung angenommen!

Während dieser ganzen Zeit gärte ein noch giftigeres Ferment zwischen diesen beiden jungen Burschen, eines, das erst spät an die Oberfläche gekommen war, das ihre Unstimmigkeiten jedoch von Anfang an beeinflußt und vergrößert hatte. Für einen müßigen, oberflächlichen, leichtlebigen Kunden wie Frank bot die Witterung eines Geheimnisses einen besonderen Reiz. Es beschäftigte seinen Geist, wie ein neues Spielzeug ein Kind beschäftigt, und es packte ihn an seiner schwachen Seite; denn wie viele junge Männer, die sich den Anwaltsberuf gewählt haben, schmeichelte er sich selber, bevor er noch gewogen und zu leicht befunden war, daß er ein besonders rasches Auffassungsvermögen und einen hervorragenden Scharfblick besäße. In jenen Tagen wußte man noch nichts von Sherlock Holmes, aber man sprach viel über Talleyrand. Und hätte man Frank in einer schwachen Minute überrascht, er würde mit verlegenem Schmunzeln gestanden haben, daß er, wenn überhaupt, dem Marquis de Talleyrand-Perigord ähnelte. Es war gelegentlich der ersten Abwesenheit Archies, daß dieses Interesse Wurzel schlug. Es wurde noch ungeheuer vertieft, als Kirstie beim Frühstück seine Neugier hart zurückwies, und am gleichen Nachmittag ereignete sich ein Vorfall, der die Krisis herbeiführte. Frank war dabei, in Begleitung Archies im Swingle-Bach zu fischen, als Archie auf seine Uhr schaute.

»Also, leben Sie wohl«, sagte Archie. »Ich habe zu tun. Ich seh' Sie dann später beim Essen.«

»Wozu diese Eile?« rief Frank. »Warten Sie doch, bis ich meine Angel eingeholt habe. Ich gehe mit Ihnen; ich hab' es satt, diesen Graben zu belagern.« Und er begann, die Leine aufzuwinden.

Archie stand sprachlos. Er brauchte eine ganze Weile, bis er nach diesem direkten Angriff seine fünf Sinne wieder beisammen hatte; als er aber die Antwort endlich fand und das Aufwickeln der Leine fast beendet war, hatte er sich gänzlich in Weir verwandelt: das Henkergesicht thronte finster auf seinen jungen Schultern. Er sprach mit erzwungener Ruhe, mit erzwungener Freundlichkeit sogar, allein selbst ein Kind hätte erkannt, daß sein Entschluß feststand.

»Bitte um Verzeihung, Innes: ich möchte nicht schroff erscheinen, aber wir wollen uns doch von Anfang an richtig verstehen. Wenn ich Ihre Gesellschaft wünsche, werde ich es Sie wissen lassen.«

»Oh«, rief Frank. »Sie wollen also meine Gesellschaft nicht, was?«

»Jetzt im Augenblick offenbar nicht«, entgegnete Archie. »Ich ließ jedoch durchblicken, wann sie mir genehm sein würde, falls Sie sich erinnern – und zwar beim Essen. Falls wir beide reibungslos zusammenleben wollen – und ich sehe nicht ein, weshalb das nicht der Fall sein sollte –, kann das nur geschehen, wenn einer des anderen Bedürfnis, allein zu sein, respektiert. Fangen wir gleich zu Anfang an, uns einander aufzudrängen –«

»Hören Sie auf! Das lass' ich mir von niemandem gefallen! Ist das Ihre Art, einen Gast und alten Freund zu behandeln?« schrie Innes.

»Jetzt gehen Sie nach Hause, und denken Sie allein über das nach, was ich Ihnen sagte«, fuhr Archie fort, »ob es vernünftig oder ob es in Wahrheit beleidigend ist, und wir wollen beim Essen zusammenkommen, als wäre nichts geschehen. Ich will mich sogar folgendermaßen ausdrücken: Ich kenne meinen eigenen Charakter, ich freue mich im voraus (und zwar aufrichtig) auf einen langen Besuch von Ihnen und treffe von vornherein meine Vorsichtsmaßregeln. Ich erkenne den Punkt, über den wir – über den ich meinetwegen mich zanken werde, und ich beuge vor und obsto principiis. Ich wette mit Ihnen fünf Pfund, Sie werden schließlich einsehen, daß ich aus lauter Freundschaft so handle, und das tue ich auch wirklich, glauben Sie mir, Francie«, schloß er nachgebend.

Berstend vor Zorn, nicht eines Wortes mächtig, schulterte Innes seine Angel, verabschiedete sich mit einer Geste und ging mit langen Schritten den Flußpfad hinab. Archie sah ihm regungslos nach. Er bedauerte das Vorgefallene, aber er schämte sich durchaus nicht. Er haßte es, ungastlich zu erscheinen, aber in einem Punkte war er seines Vaters Sohn. Er war von dem Bewußtsein durchdrungen, daß sein Haus sein Haus sei und niemandes anderen; und sich auf Gnade und Ungnade einem Gast ausliefern, das zu tun, weigerte er sich strikte. Er haßte es, schroff zu erscheinen, aber schuld daran war Franks Standpunkt. Hätte Frank nur das gewöhnliche Maß Diskretion gezeigt, er wäre selbst anständig höflich geblieben. Dann gab es auch noch ein weiteres Bedenken. Das Geheimnis, das er jetzt hütete, gehörte nicht ihm allein; es war genauso Christinas; es gehörte zugleich jenem unfaßlichen Wesen, das mit Macht von seiner Seele Besitz zu ergreifen begann und das zu verteidigen er bald bereit sein würde, ganze Städte einzuäschern. Er blickte Frank nach, der hastig und mit großen Schritten weiterging, hin und wieder in der verfärbten Heide untertauchend und allmählich zu weniger als Liliputgröße zusammenschrumpfend, und als dieser das Ende des Baches erreicht hatte, vermochte Archie bereits über den Vorfall zu lächeln. Entweder würde Frank abreisen – das würde an sich eine Befriedigung bedeuten –, oder er würde bleiben, und sein Wirt mußte sich weiterhin mit ihm abfinden. Jetzt aber hinderte Archie nichts mehr daran, auf verschlungenen Wegen hinter Hügeln und über Bachbette dem Stelldichein zuzueilen, wo Kirstie, von Moorhuhn und Kiebitz umschrien, auf des Puritaners Stein seiner harrte und ihm entgegenbrannte.

Innes schritt währenddessen in einem Sturm haßerfüllter Empörung, der sehr natürlich war, sich allmählich jedoch dem Gebot der Lage anpaßte, den Hügel hinunter. Er beschimpfte Archie als einen kaltherzigen, unfreundschaftlichen, sacksiedegroben Hund und sich selbst noch leidenschaftlicher als einen Narren, hierher nach Hermiston gekommen zu sein, da ihm fast jedes andere Haus in Schottland als Zufluchtsstätte offengestanden haben würde. Aber der Schritt war, einmal getan, so gut wie unwiderruflich. Er besaß kein Geld mehr, sich anderswo hinzubegeben; er würde sowieso zum nächsten Klubabend Archie anpumpen müssen; und so niedrig er auch seines Gastgebers Manieren einschätzte, so überzeugt war er von dessen Freigebigkeit. Franks Ähnlichkeit mit Talleyrand erscheint mir zwar als ziemlich illusorisch, aber Talleyrand selbst hätte sich nicht gehorsamer den Tatsachen unterwerfen können. Frank begegnete Archie beim Essen ohne jede Feindschaft, ja fast mit Herzlichkeit. Seine Erklärung würde gelautet haben, daß man seine Freunde nehmen müsse, wie sie nun mal wären. Archie könne ja nichts dafür, daß er seines Vaters Sohn oder seines Großvaters, des hypothetischen Webers, Enkel sei. Als Sohn eines groben Klotzes war er eben selber im Herzen ein grober Klotz geblieben, unfähig wahrer Großmut und Rücksichtnahme: aber er besaß andere Eigenschaften, die Frank sich mittlerweile zunutze machen konnte und die zu genießen es notwendig war, daß Frank seine schlechte Laune meistere.

So vorzüglich war seine Selbstbeherrschung, daß er am folgenden Morgen ganz erfüllt von einem neuen, aber verwandten Gedanken aufwachte. Was war es eigentlich, das Archie im Schilde führte? Weshalb mied er Franks Gesellschaft? Was verbarg er vor ihm? Hatte er mit irgend jemandem ein Rendezvous gehabt – mit einer Frau? Es wäre doch ein prachtvoller Witz und zugleich eine gerechte Rache, wenn er, Frank, dahinterkäme. Diesem Ziele wandte er sich mit ziemlicher Ausdauer zu, wie sie seine Freunde sogar in Erstaunen versetzt hätte, denn Frank hatte von jeher eher als geistreich und klug denn als zäh gegolten; und so, ganz allmählich, Stück für Stück, gelang es ihm, ein Bild der Lage zusammenzutragen. Zuerst beobachtete er, daß Archie, obwohl er im Weggehen die verschiedensten Richtungen einschlug, doch stets aus Südwesten heimkehrte. Das Studium einer Landkarte und die Tatsache, daß sich in dieser Richtung bis zu der Mündung des Clyde eine weite Fläche unbewohnten Heidelandes erstreckte, führten ihn gar bald nach Cauldstaneslap und nach zwei anderen benachbarten Höfen: Kingsmuir und Polintarf. Von dort aus war jedes Weiterkommen schwierig. Mit seiner Angel als Vorwand suchte er vergeblich jeden dieser drei Punkte auf; nirgends fand sich in der Nachbarschaft der Heidehöfe etwas Verdächtiges. Er würde versucht haben, Archie nachzugehen, wäre das überhaupt möglich gewesen, allein die Bodenbeschaffenheit schloß diesen Gedanken ein für allemal aus. Also tat er das Nächstbeste: Er verbarg sich an irgendeinem stillen Winkel und verfolgte Archies Bewegungen mit dem Fernglas. Auch das führte zu nichts, und bald bekam er seine vergebliche Wachsamkeit satt, ließ das Fernglas zu Hause und hatte die ganze Sache bereits aufgegeben, als er sich ganz plötzlich, am siebenundzwanzigsten Tage seines Aufenthalts, dem Menschen, den er suchte, gegenübersah. Den ersten Sonntag war es Kirstie unter irgendeinem Vorwand der Unpäßlichkeit, in Wahrheit jedoch aus Anstandsgefühl, gelungen, der Kirche fernzubleiben; die Freude, Archie dort zu sehen, schien ihr zu heilig, zu lebendig für einen so öffentlichen Ort. An den folgenden beiden Sonntagen war Frank selbst auf irgendwelchen Ausflügen zu benachbarten Familien von Hermiston abwesend gewesen. So geschah es, daß Frank erst am vierten Sonntag die Zauberin zu Gesichte bekam. Schon bei dem ersten Blick war aller Zweifel geschwunden. Sie kam mit der Gesellschaft aus Cauldstaneslap, folglich wohnte sie dort. Hier war Archies Geheimnis, hier war die Frau, die jener besuchte, ja mehr noch – schon auf den ersten Blick empfand er sich selbst als Rivale. Beteiligt dabei waren ein gut Teil Ehrgeiz, ein klein wenig Rache und viel ehrliche Bewunderung: der Teufel mag die genauen Maße bestimmen. Ich kann es nicht, und wahrscheinlich würde auch Frank es nicht gekonnt haben.

»Ein ungemein reizvolles Milchmädchen«, bemerkte er auf dem Heimwege.

»Wer?« fragte Archie.

»Na, das Mädel, das Sie jetzt anstarren – nicht wahr? Dort auf der Landstraße vor uns. Sie kam in Begleitung des rustikalen Barden, gehört daher vermutlich zu der berühmten Familie. Das einzige Bedenken! Die Vier schwarzen Brüder dürften unangenehme Kunden sein. Falls da was schiefginge, würde der Weber wohl wabern und Clem einen in die Klemme bringen und Dand einen Tanz aufführen und Hob sich etwas ungehobelt entpuppen. Kurz, die Elliottaffaire dürfte eine wahre Höllenaffaire werden!«

»Außerordentlich witzig, wahrhaftig«, meinte Archie.

»Na, ich geb' mir aber auch Mühe. Und es fällt mir nicht einmal leicht, an diesem Orte in Ihrer feierlichen Gesellschaft, mein Lieber. Aber gestehen Sie nur, das Milchmädchen hat in Ihren Augen Gnade gefunden, oder verzichten Sie ein für allemal darauf, als Mann von Geschmack zu gelten.«

»Es ist ja auch ganz gleichgültig«, entgegnete Archie. Allein der andere fuhr fort, ihn fest und spöttisch anzublicken, und das Blut stieg langsam, dann immer rascher in Archies Wangen, bis selbst die größte Unverfrorenheit nicht mehr hätte leugnen können, daß er errötete. Im nämlichen Augenblick verlor Archie einen Teil seiner Selbstbeherrschung. Er wechselte den Stock von einer Hand zur anderen und rief: »Um Gottes willen, seien Sie doch kein Esel!«

»Esel? Eine zartfühlende Erwiderung, ohne Zweifel«, sagte Frank. »Aber hüten Sie sich vor den hausbackenen Brüdern, Liebster. Wenn die in den Tanz eingreifen, werden Sie ja sehen, wer der Esel ist. Überlegen Sie sich mal, falls jene Burschen – na, sagen wir auch nur ein Viertel der Begabung, die ich drangesetzt habe, auf die Frage verwenden, wo Mr. Archie seine Abendstunden zubringt und weshalb er so herzerfrischend widerborstig ist, jedesmal wenn jenes Thema berührt wird –«

»Sie berühren es auch jetzt in diesem Augenblick«, unterbrach ihn Archie zuckend.

»Danke schön. Mehr wollte ich nicht. Das ist ein offenes Geständnis«, sagte Frank.

»Ich möchte Sie daran erinnern –« begann Archie.

Aber jetzt war er an der Reihe, unterbrochen zu werden. »Aber mein lieber Junge, lassen Sie das doch. Es ist gänzlich überflüssig. Das Thema ist tot und begraben.«

Und Frank fing in aller Eile an, von anderen Dingen zu reden, eine Kunst, in der er Meister war, denn es war seine besondere Begabung, über alles und nichts fließend sprechen zu können. Allein, obwohl Archie die Zuvorkommenheit oder die Feigheit besaß, ihn schwatzen zu lassen, war Frank durchaus noch nicht mit dem Thema fertig. Als Archie zum Abendessen nach Hause kam, begrüßte ihn Frank mit der schlauen Frage, wie es unten in Cauldstaneslap stünde. Nach dem Essen leerte Frank sein erstes Glas Portwein auf Kirsties Wohl, und später am Abend ritt er abermals zur Attacke.

»Hören Sie mal, Weir, Sie müssen entschuldigen, daß ich auf jene Sache zurückgreife. Aber ich hab' sie mir durch den Kopf gehen lassen und möchte Sie doch allen Ernstes drum bitten, vorsichtiger zu sein. Die Geschichte ist nicht ungefährlich. Nicht ungefährlich, mein Junge.«

»Welche Geschichte?« fragte Archie.

»Ja, dann ist's Ihre eigene Schuld, wenn Sie mich zwingen, die Sache bei ihrem Namen zu nennen; aber ich kann wahrhaftig als Freund nicht einfach stillsitzen und zuschauen, wie Sie sich kopfüber in diese Gefahr stürzen. Mein lieber Junge«, fuhr er fort und hielt warnend die Zigarre hoch, »denken Sie einmal nach! Wie soll denn das Ende sein?«

»Welches Ende?« In hilflosem Ärger hielt Archie an seiner gefährlichen und unliebenswürdigen Verteidigung fest.

»Das Ende des Milchmädchens oder, um mich formeller auszudrücken, das Ende der Jungfer Christina Elliott von Cauldstaneslap.«

»Ich versichere Sie«, brach Archie aus, »das Ganze ist lediglich eine Frucht Ihrer blühenden Phantasie. Es läßt sich nicht das Geringste gegen die junge Dame sagen, und Sie haben kein Recht, ihren Namen in unser Gespräch zu zerren.«

»Ich werde es mir merken«, sagte Frank. »Von jetzt ab sei sie namenlos, namenlos, namenlos! Ich werde mir außerdem noch das glänzende Leumundszeugnis merken, das Sie ihr ausgestellt haben. Ich wünsche diese Sache ja lediglich als Mann von Welt zu betrachten. Zugegeben, daß sie ein Engel ist – aber, mein lieber Junge, ist sie auch eine Dame?«

Dies war für Archie die reinste Folter. »Ich bitte um Verzeihung«, bemerkte er, nach Fassung ringend, »da Sie sich aber in mein Vertrauen eingeschlichen haben –«

»Pah, pah!« rief Frank. »Ihr Vertrauen? Es wurde zwar keusch errötend, aber doch nur sehr widerwillig geschenkt. Vertrauen? Wahrhaftig! Nun hören Sie aber mal zu. Ich habe Ihnen folgendes zu sagen, Weir, denn es betrifft Ihre persönliche Sicherheit und Ihren guten Ruf und daher auch meine eigene Ehre als Ihr Freund. Eingeschlichen ist gut! Was habe ich eigentlich getan? Ich habe zwei und zwei zusammengerechnet, wie das morgen die ganze Gemeinde tun wird und in zwei Wochen das gesamte Tweedtal und die Vier schwarzen Brüder – aber da will ich kein Datum festlegen; jedenfalls dürfte es ein dunkler, stürmischer Morgen werden! Kurz, Ihr Geheimnis liegt auf der Gasse! Und ich frage Sie als Freund: Gefällt Ihnen die Aussicht? Aus Ihrem Dilemma gibt es zwei Auswege, und ich muß sagen, beide würde ich persönlich nur sehr ungern in Erwägung ziehen. Beabsichtigen Sie, den Vier schwarzen Brüdern eine Erklärung zu geben? Oder wollen Sie das Milchmädchen als künftige Herrin von Hermiston dem Papa vorführen? Ich sage Ihnen offen: Ich kann's mir nicht vorstellen!«

Archie erhob sich. »Ich will nichts mehr von diesen Dingen hören«, sagte er mit bebender Stimme.

Allein Frank hielt abermals die Zigarre hoch. »Sagen Sie mir vor allem das eine. Sagen Sie mir, ob ich nicht wirklich als Freund an Ihnen handle.«

»Ich glaube, daß Sie davon überzeugt sind«, lautete Archies Antwort. »So weit kann ich gehen. Ich kann Ihren Motiven diese Gerechtigkeit widerfahren lassen. Aber ich will nichts mehr hiervon hören. Ich gehe jetzt zu Bett.«

»So ist's recht, Weir«, meinte Frank herzlich. »Gehen Sie zu Bett, und überschlafen Sie die Sache. Und noch eins: Vergessen Sie Ihr Abendgebet nicht! Ich bin nicht häufig fürs Moralische – dergleichen Dinge liegen mir nicht –, aber wenn ich mich dafür einsetze, dann mein' ich's auch ehrlich.«

Also marschierte Archie ins Bett, und Frank saß noch eine gute Stunde allein bei Tisch, mit ungemein selbstzufriedenem, sattem Lächeln. An sich lag nichts Rachsüchtiges in seiner Natur; aber wenn die Rache ihm in den Weg lief, so sollte sie auch gründlich sein, und der Gedanke an Archies einsame nächtliche Betrachtungen war ihm unbeschreiblich süß. Er spürte ein angenehmes Gefühl der Macht. Er blickte auf Archie herab wie auf einen sehr kleinen Jungen, den er am Gängelband führte – wie auf ein Pferd, das er ritt und das er durch schiere Intelligenz im Zaume hielt, ein Pferd, das er nach Belieben zu Grabe oder zum Ruhme reiten konnte. Welches von beiden sollte es sein? Er verweilte noch lange und kostete die Einzelheiten der Pläne aus, die durchzuführen er viel zu träge war. Armer Kork auf reißenden Stromes Oberfläche! In jener Nacht sog er die Süße der Allmacht ein und brütete, einer Gottheit gleich, über den Fäden einer Intrige, die ihn selbst vernichten sollte, noch ehe der Sommer schwand.

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