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Die Herren von Hermiston

Robert Louis Stevenson: Die Herren von Hermiston - Kapitel 5
Quellenangabe
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typefiction
authorRobert Louis Stevenson
titleDie Herren von Hermiston
publisherDiogenes Verlag AG
year1979
isbn3257207026
translatorMarguerite Thesing
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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4

Ansichten des Richterkollegiums

Spät in der gleichen Nacht, nach einem aufgeregten Spaziergang, wurde Archie in Lord Glenalmonds Speisezimmer eingelassen. Dort neben drei spärlich glühenden Kohlen, saß der alte Richter mit einem Buch auf seinen Knien. Auf dem Richterstuhl in seiner Amtsrobe erweckte Glenalmond einen fast behäbigen Eindruck; dieser Hülle beraubt, war es eine Hopfenstange von einem Menschen, der sich jetzt unsicher von seinem Sessel erhob, um seinen Besuch willkommen zu heißen. Archie hatte viel gelitten in diesen Tagen, er hatte auch an jenem Abend gelitten; seine Züge waren bleich und abgehärmt, die Augen wild und dunkel. Aber Lord Glenalmond begrüßte ihn ohne die geringste Spur von Überraschung oder Neugier.

»Komm herein, komm herein«, sagte er. »Komm und nimm Platz. Carstairs« (an seinen Diener gewandt) »schüre das Feuer, und bring uns was zu essen.« Und von neuem fuhr er in der gleichgültigsten Art fort: »Ich hatte dich so halb und halb erwartet.«

»Kein Essen«, sagte Archie. »Unmöglich kann ich auch nur einen Bissen zu mir nehmen.«

»Nicht unmöglich«, meinte der hochgewachsene alte Mann und legte seine Hand auf Archies Schulter, »vielmehr, wenn du mir glauben willst, durchaus notwendig.«

»Sie wissen, was mich hierherführt?« forschte Archie, als der Diener das Zimmer verlassen hatte.

»Ich kann es erraten, ja, erraten«, entgegnete Glenalmond. »Wir werden später davon sprechen – wenn Carstairs gekommen und wieder gegangen ist und du ein Stück von meinem guten Cheddarkäse probiert und einen Schluck Porter getrunken hast: vordem nicht.«

»Ich kann unmöglich etwas essen«, beharrte Archie.

»Unsinn, Unsinn! Du hast heute noch gar nichts gegessen, und ich wage zu vermuten, gestern auch nicht. Es gibt nichts auf der Welt, das nicht noch schlimmer sein könnte: das hier mag eine recht unangenehme Sache sein, aber wenn du krank würdest und stürbest, wäre es weit schlimmer, für alle Beteiligten – für alle.«

»Ich sehe, Sie wissen alles«, sagte Archie. »Wo haben Sie es erfahren?«

»Auf dem Markt des Skandals – im Parlamentshaus«, antwortete Glenalmond. »Der Klatsch hat stets ungeminderten, stürmischen Umlauf im Publikum und in der Anwaltschaft, und eine Wolke versteigt sich mitunter auch zu uns Richtern; ja selbst in den Provinzialabteilungen hat die Fama ihre Stimme.«

In diesem Augenblick kehrte Carstairs zurück und trug in aller Eile ein kleines Abendessen auf. Inzwischen redete Lord Glenalmond ausgiebig und ein wenig weitschweifig über die nebensächlichsten Dinge, so daß sein Gespräch eher einem heiteren Geräusch als einer menschlichen Unterhaltung zu gleichen schien; während Archie ihm, ohne zuzuhören, gegenübersaß, ganz in das ihm angetane Unrecht und in seine Irrtümer versponnen.

Sobald jedoch der Diener gegangen war, brach es von neuem aus ihm hervor. »Wer hat es meinem Vater hinterbracht? Wer hatte den Mut, es ihm zu sagen? Ist's möglich, waren Sie es?«

»Nein, ich war es nicht«, sagte der Richter; »obwohl – um ganz aufrichtig zu sein – das leicht hätte sein können – natürlich nachdem ich zuvor dich gesprochen und gewarnt hätte. So war es, glaube ich, Glenkindie.«

»Jener elende Knirps?« rief Archie.

»Sehr richtig, jener Knirps«, entgegnete seine Lordschaft, »obgleich das kaum eine passende Bezeichnung für einen Senator des Justizkollegiums sein dürfte. Wir vernahmen gerade die verschiedenen Parteien in einem langen, spitzfindigen Fideikommißstreit; Creech plädierte ziemlich weitschweifig zugunsten einer Neubelehnung, als ich sah, wie Glenkindie sich mit der Hand vor dem Mund zu Hermiston vorbeugte, um ihm etwas zuzuflüstern. Niemand hätte die Art der Mitteilung aus deines Vaters Miene erraten können, wohl aber aus der Glenkindies, denn die Bosheit funkelte ihm ein wenig zu deutlich aus den Augen. Aber dein Vater – nein! Ein Mann aus Granit. Im nächsten Moment hatte er sich auf Creech gestürzt. ›Mr. Creech‹, sagte er, ›ich möchte einen Blick in jene Belehnungsurkunde werfen‹, und in den nächsten dreißig Minuten«, bemerkte Glenalmond mit einem Lächeln, »kämpften Mr. Creech und Kompanie einen ziemlich unebenen Kampf, der, wie ich wohl kaum hinzuzufügen brauche, mit ihrer völligen Niederlage endete. Die Klage wurde abgewiesen. Ja, ich zweifle, ob ich Hermiston je in besserer Form sah. Er schwelgte buchstäblich in apicibus juris.«

Archie vermochte nicht länger an sich zu halten. Brüsk schob er den Teller hinweg und unterbrach diesen wohlüberlegten und belanglosen Redefluß. »Da habe ich nun einen Narren aus mir gemacht, wenn nicht noch Schlimmeres. Sie sollen über uns beide richten – richten zwischen Vater und Sohn. Zu Ihnen kann ich sprechen; es ist nicht so, als – ich will Ihnen sagen, was ich empfinde und was ich zu tun beabsichtige, und Sie sollen der Richter sein.«

»Ich lehne jegliche Jurisdiktion ab«, antwortete Glenalmond mit feierlichem Ernst. »Aber wenn es dir guttut, mein lieber Junge, dein Herz auszuschütten, und falls es dich interessiert, was ich darüber zu sagen habe, stehe ich ganz zu deiner Verfügung. Laß einen alten Mann es einmal aussprechen, ohne sich dessen zu schämen: Ich liebe dich wie einen Sohn.«

Archie stieß einen scharfen, unartikulierten Laut aus. »Ja«, rief er, »da haben wir's! Lieben! Wie einen Sohn! Und wie, meinen Sie, liebe ich meinen Vater?«

»Ruhig, immer ruhig«, sagte Mylord.

»Ich will sehr ruhig sein«, erwiderte Archie, »und rückhaltlos offen. Ich liebe meinen Vater nicht, ich frage mich manchmal, ob ich ihn nicht hasse. Das ist meine Schmach, vielleicht sogar meine Sünde, aber vor Gottes Angesicht nicht meine Schuld. Wie sollte ich ihn auch lieben? Er hat niemals zu mir gesprochen, niemals mich angelächelt; ja, ich glaube, er hat mich niemals berührt. Sie kennen ja seine Art zu reden. Sie reden nicht so, dennoch vermögen Sie stillzusitzen und ihm ohne zu schaudern zuzuhören, das kann ich nicht. Mir dreht sich die Seele im Leibe um, wenn er damit anfängt; ich möchte ihn auf den Mund schlagen. Und das ist noch gar nichts. Ich wohnte der Verhandlung gegen Duncan Jopp bei. Sie waren nicht da, aber Sie müssen meinen Vater oft genug gehört haben; er ist ja berüchtigt dafür – dafür, daß – sehen Sie nur meine Lage! Er ist mein Vater, und so muß ich über ihn sprechen – berüchtigt dafür, daß er ein brutaler Mensch und grausam und feig ist. Lord Glenalmond, ich gebe Ihnen mein Wort, als ich den Gerichtssaal verließ, hatte ich nur noch den Wunsch, zu sterben – die Schmach ging über meine Kraft: aber ich – ich –« Er erhob sich von seinem Platze und begann aufgeregt im Zimmer auf und ab zu schreiten. »Ja, wer bin ich denn? Ein Knabe, der noch nie auf die Probe gestellt wurde, der außer dieser ohnmächtigen, billigen Torheit gegenüber seinem Vater noch nie etwas geleistet hat. Aber ich sage Ihnen, Mylord – und ich kenne mich selbst –, wenigstens gehöre ich zu jener Art Männern – oder, wenn Sie wollen, Knaben –, die lieber unter Qualen ihr Leben lassen würden, als zuzusehen, daß auf der Welt jemand so leiden muß, wie jener Schuft gelitten hat. Und was habe ich dagegen getan? Ich sehe es jetzt ein. Ich habe einen Narren aus mir gemacht, wie ich das schon zu Anfang sagte, und ich bin umgekehrt und habe meinen Vater um Verzeihung gebeten und habe mich ganz in seine Hand gegeben – und –, und er hat mich nach Hermiston geschickt«, fügte er mit einem elenden Lächeln hinzu, »auf Lebenszeit vermutlich – und was soll ich dazu sagen? Ich glaube sogar, er hat ganz recht getan und hat mich leichteren Kaufs davongelassen, als ich es verdiene.«

»Mein armer, lieber Junge«, bemerkte Glenalmond. »Mein armer, lieber und – wenn das Wort gestattet ist – grenzenlos törichter Junge! Du bist lediglich im Begriff, einzusehen, wo du stehst: für jemanden deines oder auch meines Temperaments eine schmerzliche Entdeckung. Die Welt ist nicht für uns geschaffen; sie ist für tausend Millionen Menschen geschaffen, die sich alle voneinander und von uns unterscheiden; aber für uns gibt es keine breite, bequeme Heerstraße, wir müssen mühsam klettern und uns schinden. Denke nur nicht, daß ich mich im geringsten wundere; glaube auch ja nicht, daß ich dich zu tadeln beabsichtige; im Gegenteil, ich bewundere dich eher! Aber die Sache fordert zu ein, zwei Bemerkungen heraus, die mir da gerade einfallen und die (wenn du sie leidenschaftslos betrachtest) vielleicht dazu dienen können, dich zu einer gemäßigteren Anschauungsweise zu bekehren. Erstens einmal vermag ich dich nicht von einem gut Teil sogenannter Intoleranz freizusprechen. Du scheinst dich ungemein verletzt zu fühlen, nur weil dein Vater sich nach dem Abendessen ein wenig unfein ausdrückt, was unzweifelhaft sein gutes Recht und (obwohl ich es selbst auch nicht sehr liebe) doch lediglich eine Frage des Geschmacks ist. Dein Vater ist – daran brauche ich dich wohl kaum erst zu erinnern, da es ein so offenbarer Gemeinplatz ist – älter als du selbst. Zum mindesten ist er majorenn und sui juris und kann seine Unterhaltung ganz nach seinem Belieben wählen. Und weißt du, daß ich mich manchmal frage, ob er nicht eine genauso stichhaltige Klage gegen uns vorbringen könnte? Wir sagen, daß wir ihn manchmal – hm – ein wenig – gewöhnlich finden, aber ich vermute stark, er könnte uns entgegenhalten, er fände uns immer langweilig. Ein durchaus beachtenswerter Einwand!«

Und er strahlte Archie an, ohne ihm jedoch ein Lächeln zu entlocken.

»Nun zu ›Archibald über die Todesstrafe‹. Das ist ein durchaus einleuchtender, akademischer Standpunkt; natürlich vertrete ich ihn nicht und kann ihn auch nicht vertreten, aber damit ist nicht gesagt, daß nicht zahlreiche tüchtige und treffliche Männer in der Vergangenheit deiner Meinung waren. Vielleicht habe auch ich selbst einmal ein wenig in die nämliche Ketzerei hineingerochen. Mein dritter Klient – oder war es der vierte – wurde der Anlaß, daß ich zu meiner ursprünglichen Ansicht zurückkehrte. In meinem Leben ist mir kein Mensch begegnet, an den ich so rückhaltlos glaubte; ich hätte meine Hand für ihn ins Feuer gesteckt, hätte mich für ihn kreuzigen lassen; aber als es zur Gerichtsverhandlung kam, enthüllte er sich mir langsam und allmählich und nach unleugbaren Beweisen als ein so niedriger, so kaltblütiger und so abgründiger Schurke, daß ich mich versucht fühlte, ihm mein Mandat vor die Füße zu schleudern. Damals kochte ich über gegen den Mann mit noch stärkerer tropischer Temperatur, als ich früher für ihn brannte. Aber ich sagte zu mir selbst: Nein, du hast seine Verteidigung übernommen, und du darfst nicht, nur weil deine Ansicht sich geändert hat, den Mann jetzt fallenlassen. All die Ströme der Beredsamkeit, die du erst gestern nacht mit so viel Begeisterung gesammelt, sind hier nicht am Platze, und doch darfst du ihn nicht im Stiche lassen; du mußt reden. Also redete ich und – bekam ihn frei. Der Fall begründete meinen Ruf. Aber eine derartige Erfahrung wirkt charakterbildend. Ein Mann darf seine Leidenschaften weder vor die Schranken noch vor den Richterstuhl bringen«, fügte er hinzu.

Die Geschichte hatte Archies Interesse von neuem geweckt. »Ich kann nicht leugnen«, begann er, »ich meine, ich kann mir sehr wohl denken, daß es Menschen gibt, die besser tot als lebendig wären. Aber wer sind denn wir, daß wir uns anmaßen, all die verborgenen Beweggründe von Gottes unglücklicher Kreatur zu kennen? Wie kommen wir dazu, uns selbst zu trauen, da es scheint, daß Gott selbst sich prüfen muß, ehe er handelt? Und uns obendrein in Wohlbehagen zu wiegen? Ja, Behagen: Tigris ut aspera.«

»Vielleicht kein angenehmes Schauspiel«, meinte Glenalmond. »Und doch eines, das, glaube ich, nicht ganz der Größe entbehrt.«

»Ich hatte heute abend eine lange Auseinandersetzung mit ihm«, sagte Archie.

»Das dachte ich mir.«

»Und er kam mir – ja, ich kann es nicht leugnen, er kam mir irgendwie sehr groß vor. Ja, er ist groß. Er sagte kein Wort von sich selbst, sondern sprach nur von mir. Ich glaube, ich bewunderte ihn sogar. Die fürchterliche Rolle –«

»Wie wäre es, wenn wir davon lieber nicht sprächen?« unterbrach ihn Glenalmond. »Du weißt sehr genau, daß du keinen Schritt weiter kommst, wenn du darüber nachgrübelst, und manchmal frage ich mich, ob du und ich – ich meine, zwei Sentimentalisten wie wir – einfacheren Menschen gegenüber wirklich gute Richter sind.«

»Wie meinen Sie das?« forschte Archie.

» Gerechte Richter, will ich damit sagen«, entgegnete Glenalmond. »Können wir ihnen gegenüber gerecht sein? Fordern wir nicht zu viel? Du hast eben ein Wort gesagt, das mich ein wenig getroffen hat, als du mich fragtest, wie wir dazu kämen, sämtliche Beweggründe von Gottes unglücklicher Kreatur beurteilen zu wollen. Du wandtest es, wenn ich dich recht verstanden habe, lediglich auf die zum Tode Verurteilten an. Aber ich frage mich, trifft das nicht auch auf die Allgemeinheit zu? Ist es die Spur weniger schwierig, einen guten oder einen halb guten Menschen zu beurteilen, als den schlimmsten Verbrecher vor Gericht? Und hat nicht vielleicht ein jeder triftige Entschuldigungsgründe?«

»Ah, aber es ist auch niemals davon die Rede, die Guten zu bestrafen«, rief Archie.

»Nein, es ist nicht davon die Rede«, sagte Glenalmond, »aber ich glaube, wir tun es dennoch. Nimm deinen Vater zum Beispiel.«

»Sie meinen, ich habe ihn bestraft?«

Lord Glenalmond neigte den Kopf.

»Ich glaube, ich habe es wirklich getan«, rief Archie. »Und das Schlimmste ist, ich glaube, er fühlt es! In welchem Maße? Wer vermöchte das von solch einem Wesen zu sagen! Aber ich glaube, er fühlt es wirklich.«

»Ich bin davon überzeugt«, sagte Glenalmond.

»Hat er mit Ihnen davon gesprochen?« fragte Archie lebhaft.

»O nein!«

»Ich will Ihnen ganz offen gestehen, ich möchte ihn wieder versöhnen. Ich reise; ich habe es Hermiston versprochen. Das ist das eine Versprechen. Und jetzt möchte ich Ihnen, hier im Angesichte Gottes, mein Wort verpfänden, daß ich sowohl über die Todesstrafe wie über alle Dinge, in denen unsere Ansichten auseinandergehen, schweigen werde auf – auf wie lange? – sagen wir, bis ich genügend Reife habe – also zehn Jahre. Ist das gut so?«

»Es ist gut«, sagte Mylord.

»Bis zu einem bestimmten Grade, ja. Es genügt, insofern es mich betrifft, genügt, um meine Einbildung zu dämpfen. Aber wie steht es mit ihm, den ich öffentlich beleidigt habe? Was soll ich ihm antun? Wie erweist man einem – einem Montblanc Aufmerksamkeiten?«

»Nur auf eine einzige Weise. Nur durch pünktlichen, prompten und peinlichen Gehorsam.«

»Ich verspreche, daß der ihm werden soll. Hier haben Sie meine Hand darauf.«

»Und ich ergreife feierlich diese Hand«, entgegnete der Richter. »Gott segne dich, mein lieber Sohn, und helfe dir, dein Versprechen zu halten. Gott geleite dich auf den rechten Pfad und sei deinen Tagen gnädig und erhalte dir dein ehrliches Herz.« Und damit küßte er auf anmutige, kühle, altmodische Art des jungen Mannes Stirn, um sogleich mit merklich veränderter Stimme ein anderes Thema anzuschneiden. »Und jetzt wollen wir von neuem den Krug füllen, und ich glaube, du würdest finden, falls du es noch einmal mit meinem Käse versuchtest, daß dein Appetit sich gebessert hat. Der Gerichtshof hat gesprochen, und der Fall ist abgeschlossen.«

»Nein, das eine muß ich noch sagen«, rief Archie. »Ich muß es zu seiner Rechtfertigung sagen. Ich weiß – ich glaube bestimmt – ja, ja, jetzt nach unserer Unterredung mit sklavischer Überzeugung –, daß er niemals ein ungerechtes Verlangen an mich stellen wird. Ich bin stolz darauf, dieses eine mit ihm gemein zu haben, stolz, Ihnen das sagen zu können.«

Der Richter hob mit leuchtenden Augen den Humpen. »Und ich glaube, wir dürfen uns jetzt gestatten, einen Toast auszubringen. Ich möchte auf das Wohl eines Mannes trinken, der von mir sehr verschieden ist und mir unendlich überlegen – eines Mannes, dem ich oft opponiert habe, der (um eine banale Redensart zu gebrauchen) mir häufig gegen den Strich geht, den ich jedoch niemals zu achten und – das kann ich getrost hinzufügen – gehörig zu fürchten aufgehört habe. Soll ich dir seinen Namen nennen?«

»Der Lord Oberrichter, Lord Hermiston«, sagte Archie fast heiter; und das Paar tat einen ansehnlichen Schluck.

Nach diesen Gefühlsergüssen war es etwas schwierig, die Unterhaltung wieder in natürlichen Fluß zu bringen. Aber der Richter füllte die Pausen mit freundlichen Blicken aus, zog eine sonst nur selten gesehene Schnupftabakdose hervor und wollte endlich, da er bereits an weiteren gesellschaftlichen Erfolgen verzweifelte, ein Buch herunterholen, um daraus irgendeine Lieblingsstelle vorzulesen, als an der Haustür jähes Klingelläuten erscholl und Carstairs Lord Glenkindie, auf dem Heimwege von einem mitternächtlichen Souper, ins Zimmer führte. Glenkindie bildete zu keiner Zeit eine reizvolle Erscheinung, da er plump und untersetzt war, mit einem grobsinnlichen Ausdruck gleich dem eines Bären. In diesem Augenblick jedoch, erhitzt von übermäßigem Trinken, mit gerötetem Gesicht und schwimmenden Augen, bot er einen überwältigenden Gegensatz zu der hohen, blassen, königlichen Gestalt Glenalmonds. Ein Heer wirrer Gedanken stürmte auf Archie ein – Scham, daß dieser einer von seines Vaters Busenfreunden wäre; Stolz auf die Tatsache, daß Hermiston zum mindesten seinen Alkohol vertrüge, und endlich Wut, hier vor sich den Mann zu sehen, der ihn verraten hatte. Zuletzt schwand jedoch auch dieses Empfinden, und er wartete in Ruhe seine Gelegenheit ab.

Der angetrunkene Würdenträger erging sich sogleich in weitschweifigen Erklärungen. Da sei gestern ein noch unaufgeklärter Punkt gewesen, mit dem er absolut nicht zu Rande kommen könne, und da er noch Licht im Hause erblickt, habe er einen Augenblick vorgesprochen, um bei einem Glase Porter – in diesem Moment bemerkte er die Anwesenheit eines Dritten. Archie sah das Fischmaul und die feisten Lippen Glenkindies sich eine Sekunde lang zu gaffendem Erstaunen öffnen, dann funkelte Erkennen in des anderen Augen.

»Wer ist denn das? Was? Ist's möglich, unser Don Quichote? Und wie geht's Ihnen eigentlich? Und wie geht's Ihrem Vater? Und was sind das für Dinge, die wir von Ihnen hören müssen? Es scheint, Sie sind ja ein ganz Radikaler, nach allem, was die Leute behaupten. Kein König, keine Gerichte, und der Ekel steigt Ihnen vor den vollziehenden Beamten hoch, ehrenwerte Leute, die sie sind? Jessas, jessas! Liebe Zeit, liebe Zeit! Obendrein als Ihres Vaters Sohn! Höchst lächerlich!«

Archie war hochgesprungen, ein wenig erhitzt über die Wiederkehr jener unglücklichen Redewendung, aber im übrigen vollständig beherrscht. »Mylord – und Sie, Lord Glenalmond, mein lieber Freund«, hub er an, »ich ergreife diese günstige Gelegenheit, mein Geständnis abzulegen und Sie beide gleichzeitig um Entschuldigung zu bitten.«

»Wie? Was? Was soll das heißen? Geständnis? Das wird eine gerichtliche Angelegenheit, mein junger Freund«, rief der scherzhafte Glenkindie. »Und ich habe Angst, Sie anzuhören. Wenn Sie mich nun bekehrten!«

»Mit Verlaub, Mylord«, lautete Archies Erwiderung, »es ist mir mit dem, was ich zu sagen habe, sehr ernst; vielleicht hätten Eure Lordschaft die Güte, Eure Scherze bis nach meinem Fortgehen aufzusparen?«

»Vergessen Sie nicht, ich will nichts gegen die vollziehenden Beamten hören!« fiel der unverbesserliche Glenkindie ein.

Doch Archie fuhr fort, als hätte jener nicht gesprochen.

»Ich habe sowohl gestern wie heute eine Rolle gespielt, für die ich als einzige Entschuldigung meine Jugend anführen kann. Ich war so töricht, zu einer Hinrichtung zu gehen; es scheint, ich habe vor dem Galgen eine Szene gemacht; damit nicht zufrieden, redete ich noch am nämlichen Abend in einer studentischen Vereinigung gegen die Todesstrafe. Das ist das ganze Ausmaß meiner Verfehlungen, und falls mehr gegen mich vorgebracht wird, kann ich nur meine Unschuld beteuern. Ich habe meinem Vater bereits mein Bedauern ausgesprochen; er ist so gütig, mein Betragen zu übersehen – gewissermaßen und unter der Bedingung, daß ich mein juristisches Studium aufgebe ...«

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