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Die Herren von Hermiston

Robert Louis Stevenson: Die Herren von Hermiston - Kapitel 12
Quellenangabe
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typefiction
authorRobert Louis Stevenson
titleDie Herren von Hermiston
publisherDiogenes Verlag AG
year1979
isbn3257207026
translatorMarguerite Thesing
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Wie Stevensons reifstes Werk entstand

Biographische Aufzeichnungen von Frau Francis Stevenson

Unser Haus in Vailima ist abwechselnd als ein Palast geschildert worden, in dem der Herr und Meister inmitten einer Schar unterwürfiger Sklaven thronte, und als ein enges, armseliges Hüttchen im Dschungel, darin Nahrungsmangel herrschte und Armut dem erschöpften Romanschreiber zur Seite saß und ihn unablässig zu neuen, fieberhaften Anstrengungen trieb. Beides ist unwahr. Das Haus in Vailima war ein schlichtes, weitläufiges, hölzernes Gebäude mit breiten Veranden und zahlreichen Türen und Fenstern. Unsere Hausgehilfen, die sich nicht als Dienstboten, sondern als zur Familie gehörend betrachteten, waren in der Hauptsache tüchtige Leute, so vor allem Talolo, der Koch. Wir besaßen eigene Möbel, unser eigenes Leinen, Geschirr und Silber, die wir aus der Heimat mitgebracht hatten, und lebten im großen und ganzen, mit Ausnahme einiger amerikanischer Neuerungen, so wie wir in England gelebt haben würden. Freilich jemandem, der soeben von einer Kreuzfahrt zwischen den Inseln an Land gegangen war, muß ein Abend in jenem Haus in Vailima, mit seinen gewachsten Fußböden und alten Teppichen, seiner Lichterflut, seinem funkelnden Kristall und Silber und den blumenbekränzten, geräuschlosen Boys als ein Blick in das Paradies erschienen sein. Dagegen würde ein Reisender aus den Kolonien oder San Francisco dies alles als selbstverständlich hingenommen haben; höchstens wären ihm die nackten Füße unseres Haushofmeisters unliebsam aufgefallen, oder er hätte sich geärgert, wenn er am Morgen an seinen klatschnassen Schuhen, die er zum Putzen vor die Tür gestellt hatte, erkennen mußte, daß man sie gründlichst von innen und außen mit dem Gartenschlauch gesäubert hatte.

Wir besaßen ein paar vorzügliche, aus Neuseeland eingeführte Pferde, zahlreiche gewöhnliche Inselponies, eine genügende Anzahl Kühe, um ständig mit Milch und Butter versorgt zu sein, und einen Überfluß an tropischen Früchten und Gemüsen. Der vierzehntägliche Dampferdienst brachte uns ferner Speiseeis, frische Austern und weitere Vorräte aus den Kolonien und San Francisco. In Apia waren ein guter Bäcker und ein guter Metzger ansässig; Fische konnte man am Strande kaufen, Aale und Süßwasser-Garneelen lebten im Überfluß in unseren Flüssen. Wildtauben konnten wir von unserer Hintertür aus schießen, und die Hühner und Eier aus unserer eigenen Zucht waren vortrefflich. Ohne großen Aufwand lebten wir daher recht behaglich.

Gesellschaftlich war Samoa durchaus nicht langweilig. Diplomaten und Beamte, häufig von ihren Familien begleitet, mieteten sich Häuser in der Nachbarschaft von Apia und gaben Gesellschaften, ganz wie in der Heimat. Ich habe es erlebt, daß eine Frage des Vortritts zwischen zwei Beamten gleicher Nationalität, die beide bei einer öffentlichen Versammlung den Ehrenplatz beanspruchten, ganz Apia bis in seine Grundfesten erschütterte. Gepfefferte Berichte wurden nach Hause gesandt, die verschiedenen Behörden als Schiedsrichter angerufen. Mit Recht hat man Apia als »den Kindergarten der Diplomatie« bezeichnet. Außer den Festen der Eingeborenen fanden Teegesellschaften, abendliche Empfänge, Diners, private und öffentliche Bälle, Schnitzeljagden, Polo- und Tennisturniere und Picknicks statt. Mein Mann nahm an all diesen Vergnügungen teil; ja das eine Mal war er zweiter Sieger bei einer Schnitzeljagd über sehr schwieriges Gelände. Da er als Kind ständig krank gewesen war, hatte er nie tanzen gelernt. Sich den öffentlichen Bällen in Apia, die fast von der ganzen Bevölkerung besucht wurden, fernhalten hieß jedoch sich in den Verdacht des Hochmuts bringen; andererseits war es langweilig, den ganzen Abend nur Zuschauer zu sein. So lernte mein Mann in seinem einundvierzigsten Lebensjahre noch tanzen, obwohl er sich meines Wissens nach in der Öffentlichkeit höchstens in einer einfachen Quadrille versucht hat.

Diese gesellschaftlichen Zerstreuungen griffen jedoch nicht wesentlich in meines Mannes literarische Arbeiten ein. Gewöhnlich fing er in den ersten kühlen Morgenstunden, wenn das ganze Haus noch ruhig war, an zu schreiben. Einer der einheimischen Boys war ständig zur Stelle, um die Arbeitszimmerklingel zu beantworten, und schon bei dem ersten Läuten beeilte er sich, Tusitalas Frühstück herzurichten und es ihm im Bett zu servieren. Danach vergingen zum mindesten zwei Stunden, bis der Haushalt auf den Beinen war. Die Vornotizen für »Hermiston« wurden auf kleine Stückchen Papier gekritzelt, um dann im Laufe des Tages meiner Tochter in die Feder diktiert zu werden. Diese Anmerkungen waren nur sehr kurz, denn mein Mann diktierte fast so rasch, als wenn er eine fertige Arbeit vorläse.

Das Arbeitszimmer war ein kleiner Raum neben der Bibliothek, in Wirklichkeit ein überdachter und auch seitlich geschützter Teil der Veranda. Zwei Fenster gingen vorn auf die See hinaus, das andere auf Mount Vaea, wo mein Mann jetzt begraben liegt. Bücherregale umschlossen den Raum an allen Seiten. Im übrigen bestand die Einrichtung aus einem großen Fichtenholztisch, einem Paar Stühle, einem verschlossenen Gewehrschrank mit sechs Coltschen Repetiergewehren, einem schmalen Bett, auf dem mein Mann bei der Arbeit ruhen konnte, und einem Krankentisch, den man nach Belieben über dem Bett aufzuschlagen vermochte.

Er arbeitete jedoch nicht ständig. Mitunter spielte er obwohl er nur eine mäßige Technik besaß – auf dem Flageolett, oder aber er versuchte sich in Kompositionen. Er war in der Musik nicht sehr bewandert, allein es amüsierte und interessierte ihn, kleine Übungen zu Papier zu bringen.

Wenn mein Mann es auch vorzog, seine vorbereitenden Arbeiten am Morgen auszuführen und nachmittags zu diktieren, kannte er doch keine festen Arbeitsstunden. Die Morgen, wie gesagt, waren manchmal auch dem Flageolett, dem Komponieren oder dem Schreiben von Versen geweiht, die der Verfasser indes nie sehr ernst nahm. Und mitunter geschah es auch, daß eine Gesellschaft blumenbekränzter Eingeborener über den Rasenplatz bis dicht vor die Arbeitszimmerfenster getanzt kam oder daß ein Trupp verlegener Matrosen von irgendeinem Kriegsschiff sich vor dem Haustor versammelte. In beiden Fällen pflegte Tusitala zur Begrüßung seiner Gäste auf der unteren Veranda zu erscheinen. Die Unterhaltung mit den Matrosen war ihm immer interessant, und den Samoanern gegenüber befolgte er stets deren Etikette, obwohl diese ihm mitunter recht lästig fiel. Die Matrosen wurden, wenn nötig, von den übrigen Mitgliedern der Familie empfangen und unterhalten, bis es meinem Manne gefiel, nach unten zu kommen. Aber eine samoanische »Melanga« (Besuchsgesellschaft) erwartete, den Häuptling von Vailima auf der Stelle erscheinen zu sehen, während neben ihm sein Dolmetscher die Begrüßungsrede hielt und seine Mägde mit der »Ava-Schüssel« als Erfrischung für die Gäste bereitstanden. Häufig wurde mein Mann bei derartigen Gelegenheiten mitten in einem Satz unterbrochen und der Faden des Gedankens nie zu Ende gesponnen. Und doch war ihm diese Art Verkehr mit den Eingeborenen besonders lieb. Jene wußten nichts von seinen Büchern; er war in ihren Augen keine literarische Berühmtheit. Sie kamen zu ihm wie zu einem älteren Bruder, um in allen Dingen, angefangen bei der Wahl einer Ehefrau bis hinab zu ihrer Kriegführung, seinen Rat einzuholen. Das Haus in Vailima war in ganz Samoa als »das Haus der Weisheit« bekannt. Nach dem Tode meines Mannes erhielt ich eines Tages Besuch von einem alten Häuptling. »Ich möchte meiner Liebe zu Tusitala ein Denkmal setzen«, sagte er. »Einmal sprach mir Tusitala von der Notwendigkeit, in hoher Lage ein bequemes Haus für Kranke, die der Luftveränderung bedürfen, zu errichten. Daher habe ich einen Weg durch die Wälder bis zu dem Gipfel eines Berges schlagen lassen und dort ein großes Haus erbaut zur Beherbergung aller, die es zu bewohnen wünschen. Dieses habe ich getan aus Liebe zu Tusitala.«

Hermiston wurde nicht fortlaufend, sondern abwechselnd mit »St. Ives« diktiert. Mein Mann pflegte an dem einen Buche zu arbeiten, bis es ihn ermüdete oder seine Stimmung umschlug; dann nahm er das andere vor. Noch kurz vor seinem Tode erzählte er mir, er beabsichtige sich sehr bald von beiden Büchern zu erholen und ein drittes, völlig anderes Werk in Angriff zu nehmen. Der neue Roman sollte »Sophia Scarlet« heißen, mit Frauen als Trägerinnen der Handlung. Die männliche Hauptfigur, ein Kranker, in den Sophia Scarlet sich verliebt, sollte in einem der ersten Kapitel sterben. »Es gab eine Zeit«, meinte er, »da ich es kaum wagte, eine Frauengestalt zu zeichnen; jetzt aber fürchte ich mich nicht mehr davor. Ich werde in den beiden Kirsties Gestalten aus »Die Herren von Hermiston«. ein wenig zeigen, was ich kann; aber in Sophia Scarlet wird sich das Interesse vornehmlich auf die Frauen konzentrieren.« Von dem Grundriß der Erzählung weiß ich nur so viel, daß der Schauplatz nach Tahiti verlegt war, wo Sophia Scarlet eine große Pflanzung, die sie selbst leitete, besitzen sollte.

Während mein Mann abwechselnd an Hermiston und St. Ives arbeitete, schleppte ein Schiff, das vorübergehend in Apia anlegte, eine Influenza-Epidemie dort ein. Die Seuche verbreitete sich rasch über die ganze Insel; kaum daß einer von den Eingeborenen ihr entging. Zu jener Zeit war es ungemein niederdrückend, durch ein samoanisches Dorf zu gehen. Die Seitenteile einer Hütte, gewöhnlich bis zu den Dachrinnen hochgeschlagen, waren fest heruntergezogen. Überall herrschte Totenstille bis auf ein gelegentliches Husten und Stöhnen hinter den Wänden aus Kokosnußblättern. In Vailima fiel jeder einzelne Samoaner dieser »fremden Krankheit« zum Opfer. Die Halle unseres Hauses wurde in einen Krankensaal mit einer doppelten Reihe von Betten verwandelt. Auch mein Mann steckte sich an und lag eine Zeitlang schwer darnieder. Aber selbst eine Influenza mit nachfolgendem Lungenbluten vermochte ihn nicht von der Arbeit, speziell von »St. Ives« abzuhalten. Seine Sekretärin lehrte ihn das Taubstummenalphabet, mit dessen Hilfe er langsam und mühselig etwa fünfzehn Seiten diktierte.

Eine bedeutsamere Unterbrechung brachte eine Reise nach Sydney. Mein Mann machte diese Fahrt zu seiner Erholung, ohne während seines Aufenthaltes in den Kolonien auch nur einen Strich zu arbeiten. Er hatte die Influenza vollständig überwunden, befand sich in bester Stimmung und genoß alles, was er unterwegs erlebte, selbst die Reden und Trinksprüche, die er in den Hotels halten mußte. Wir gaben Gesellschaften auf unseren Zimmern im Hotel, besuchten anderer Leute Gesellschaften, machten lange Spazierfahrten und durchstreiften zu Fuß den ganzen Stadtbezirk. Fremde, die meinem Mann in Sydney begegneten, vermochten kaum zu glauben, daß er eben erst von einem Krankenlager genesen sei. Einer Londoner Journalistin fiel es zu, alle Kräfte, die er während dieser Erholungszeit gesammelt hatte, wieder zunichte zu machen. Auf unserer Rückfahrt nach den Inseln legte sie ihm an einem zugigen Platz des Dampfers einen Hinterhalt, um ein Interview zu erlangen, und fesselte ihn durch einen Monolog so lange an Ort und Stelle, daß er sich von neuem schwer erkältete und bis zu unserer Ankunft in den Tropen an seine Kabine gefesselt war.

Nun folgte der aufreibendste Abschnitt in meines Mannes Leben. Bei unserer Ankunft in Samoa tobte dort ein Krieg, wie immer von den Weißen zu selbstsüchtigen Zwecken geschürt. Ich stehe davon ab, seine politische Seite zu berühren; wo meines Mannes Sympathien lagen, geht klar aus den Artikeln hervor, die er damals schrieb. Alles, was sich seither begeben hat, zeigt eindeutig die Weisheit der Maßregeln, für die er sich einsetzte.

Geraume Zeit zuvor hatte er verschiedene der führenden Häuptlinge überredet, Kakao zu pflanzen, und hatte ihnen auch den Samen für die Plantagen geschenkt. Jetzt schlug er einem von ihnen, Mataafa, vor, eine Fabrik zur Verwertung von Kokosfasern zu errichten. Er selbst beabsichtigte das Geld zur Beschaffung der Maschinen und des erforderlichen Materials zu stiften und hatte sich zu diesem Zweck bereits mit englischen Firmen in Verbindung gesetzt, als der Krieg ausbrach. Da das geplante Unternehmen viel Geld zu verschlingen versprach, arbeitete er angestrengt an den beiden angefangenen Romanen, von denen er erwartete, daß sie ihm die nötigen Summen einbringen würden. Nach der Deportation Mataafas hoffte er immer noch, die übrigen Häuptlinge zu der Einsicht bringen zu können, daß es unter den bestehenden Verhältnissen notwendiger denn je sei, ihr Land zu bebauen, statt ihre Kräfte in nutzlosen Kämpfen zu vergeuden. In seiner Ansprache an die Häuptlinge, die für ihn die »Straße des liebenden Herzens« bauten, sagte er: »Wer kämpft am besten für Samoa? ... Der Mann, welcher Wege baut, Fruchtbäume pflanzt, Ernten einsammelt und als ein nützlicher Diener des Herrn sich des kostbaren Talentes bedient, das seiner Obhut anvertraut ist ... denn alle Dinge in diesem Lande sind miteinander verknüpft wie die einzelnen Glieder einer Ankerkette; der Anker selbst jedoch ist der Fleiß.« An anderer Stelle spricht er von Mataafa: »Er hatte begriffen, was ich euch heute sage; kein Mensch erkannte das besser als er. Er sah den Tag voraus, da Samoa einen neuen Weg beschreiten würde und nicht nur mit Kanonen und pulvergeschwärzten Gesichtern, mit dem Gebrüll schreiender Krieger, nein, durch Graben und Pflanzen, Mähen und Säen verteidigt werden müßte. Als er noch unter uns weilte, widmete er sich dem Pflanzen des Kakaostrauches; er interessierte sich eifrig für Landwirtschaft und Handel. Ich wollte, jeder einzelne Häuptling dieser Inseln würde sich zur Arbeit anschicken, würde Wege bauen, seine Felder bestellen und Fruchtbäume pflanzen, würde seine Kinder erziehen und so sein Talent mehren – nicht um Tusitalas willen, sondern seinen Brüdern und Kindern, ja den langen Reihen ungeborener Geschlechter zuliebe.«

Das Gerücht, daß Tusitala die Absicht hätte, Mataafa auf irgendeine Weise zu helfen, wurde bald überall ausgestreut. Die einzige Erklärung, welche die weißen Ansiedler mit wenigen Ausnahmen finden konnten, war, daß wir Waffen und Munition für Mataafas Armee einschmuggeln wollten. Die Summe, die wir hierfür aufgewendet haben sollten, wuchs ins Ungeheuerliche. Eine Laterne für unsere Veranda, ein Geschenk meiner Schwiegermutter, sollte angeblich als Signallicht für ein geheimnisvolles Schiff dienen, das sich in der Nähe der Küste aufhielte. Einige von diesen Geschichten waren unglaublich töricht – zum Beispiel die über einen verborgenen Weg, den wir über die Berge nach Mataafas Dorf Malie erschlossen hätten; oder das Gerücht, daß dreitausend von Mataafas Kriegern in unseren Wäldern einquartiert lägen. Ich erinnere mich noch, wie wir lachen mußten, als ein hoher, europäischer Beamter, der auf unserer Veranda Tee trank, fast ohnmächtig geworden wäre, als er das Pu oder Kriegshorn blasen hörte, mit dem wir unsere Arbeiter zusammenzurufen pflegten; er glaubte fest an einen verräterischen Überfall. Der König, Laupepa, erwies sich als weit tapferer. Er blickte meinen Mann lediglich mit einem fragenden Lächeln an.

Mein Mann bemühte sich sowohl öffentlich wie im geheimen nach Kräften, eine Versöhnung zwischen Mataafa, den er sehr hoch schätzte, und dem liebenswürdigen, gebrochenen Laupepa, der zu einer Marionette in den Händen weniger Weißer geworden war, herbeizuführen. Diese Aussöhnung wurde von beiden Anführern ersehnt und hätte dem Lande den Frieden gebracht. Allein eine derartige Entwicklung würde verschiedenen, an dem Handel mit gewissen Gebrauchsgegenständen stark interessierten Persönlichkeiten finanzielle Verluste beigebracht haben, ganz zu schweigen von einer Reihe ehrgeiziger Beamter, die jede Gelegenheit begrüßten, sich der Öffentlichkeit ins Gedächtnis zu rufen. Beide Cliquen hielten meines Mannes Gegenwart auf der Insel für eine Gefährdung ihrer Pläne. Daher setzte von ihrer Seite eine förmliche Verfolgung ein. Verschiedene neu eingestellte Arbeiter in Vailima gestanden, daß man sie als Spione gegen Tusitala gedungen hätte. Man drohte ganz öffentlich mit einer Deportation. Viel später erzählte mir der Kapitän eines Passagierdampfers, man wäre an ihn herangetreten mit dem Vorschlag, meinen Mann an Bord seines Schiffes zu locken und ihn zu verschleppen. »Ich würde aber nicht den Mut dazu gehabt haben, selbst wenn ich es gewollt hätte«, sagte der Kapitän. »Wie hätte ich eine derartige Tat in irgendeinem Hafen der englischen Kolonien rechtfertigen sollen? Man hätte mich ja in Stücke gerissen, wenn es herausgekommen wäre.« Vergeblich versuchte man Laupepas Krieger zu einem Angriff gegen Vailima aufzuhetzen. Sobald eine Bande Mataafaner eine Niederlage erlitten hatte, hielt man meinem Mann höhnisch dieses Scheitern seiner Pläne vor. Allerlei versteckte Anspielungen und Verleumdungen gegen Tusitala erschienen in der einzigen Zeitung unserer Insel. Ja, einmal erließ Sir John Thurston, der Britische Kommissar der Fidschiinseln, ein gegen meinen Mann gerichtetes Edikt, das jedoch sofort auf telegraphischem Wege widerrufen wurde, sobald es Downing Street erreichte.

Eine Seite von meines Mannes Charakter ist fast gänzlich unbekannt; seine Neigung für den schriftstellerischen Beruf kam bei ihm erst an zweiter Stelle. Lediglich seiner schlechten Gesundheit als Kind ist es zuzuschreiben, daß er nicht die militärische Laufbahn wählte. Seine Bibliothek enthielt zahlreiche Werke über Taktik, Befestigungskunst usw., über die er ein gründliches Examen hätte ablegen können. Man kann sich daher vorstellen, wie aufreibend es für ihn war, Bücher schreibend auf seiner Veranda zu sitzen, während er wußte, daß draußen bei beiden Parteien die törichtsten Mißgriffe vorkamen und daß es eine Kleinigkeit sei, die Waagschale zugunsten der einen niedergehen zu lassen. Es gab Momente, in denen er stark versucht war, das zu tun, was man ihm vorwarf: nämlich sich auf Mataafas Seite zu schlagen. Allein immer wieder siegte seine Vernunft und sandte ihn an den Schreibtisch und an das Tintenfaß zurück. Eine der geringeren Schikanen, die er sich gefallen lassen mußte, war ein Verbot, Feuerwaffen zu kaufen. Der einzige Grund, weshalb er ein paar Gewehre zur Verfügung zu haben wünschte, war, daß wir rund dreieinhalb Meilen tief im Busch auf historischem Grund und Boden wohnten, an der Grenze der beiden feindlichen Gebiete. Jederzeit konnte es unmittelbar vor unserer Tür zu einem Zusammenstoß kommen. Wir hatten nur in einem einzigen Falle Grund zur Furcht: Auf Samoa wurden keine Gefangenen gemacht. Selbst ein verwundeter Gefangener wurde sofort geköpft und sein Haupt als Beweis der Tapferkeit dem Häuptling überbracht. Tusitala wußte, daß Verwundete von beiden Parteien sich zu ihm flüchten würden. Mit leeren Händen, ohne Waffen, konnte er sie nicht beschützen. Daher kam er um die Erlaubnis ein, sich ein paar Gewehre kommen zu lassen. Sein Gesuch wurde in der unverschämtesten Form abgelehnt. Kurz darauf erkannte mein Sohn die Möglichkeit, die Behörden zu zwingen, daß sie unseren Wünschen nachkämen; widerstrebend mußten sie selbst die sechs Gewehre einführen, die wir später im Arbeitszimmer aufbewahrten.

Der Wechsel der Regierungen war ungemein verwirrend. In dem einen Augenblick stand dieser Mann an der Spitze, im nächsten jener. Ich kann mich sogar noch erinnern, daß zwei Konsuln abwechselnd die Regierungsgeschäfte führten. Während dieser ganzen unruhigen Zeit erregte eine einzige Persönlichkeit unser aller Bewunderung – die des amerikanischen Oberrichters Henry C. Ide. Außer dem Oberrichter gab es noch ganz wenige Beamte, die in ihrer Anhänglichkeit und Freundschaft für meinen Mann niemals wankend wurden. Der eine war Basset Haggard, der britische Landeskommissar, ein Bruder des Romanschriftstellers, der zweite der amerikanische Generalkonsul James H. Mulligan, dessen persönlicher Charme und geistreiche, sympathische Plauderkunst manche sonst trübe Stunde in Vailima verschönten.

Meines Mannes Arbeit erlitt jetzt ständig Unterbrechungen. Während er die Veranda vor seinem Arbeitszimmer auf und ab wanderte und dabei Hermiston und St. Ives diktierte, kam wohl ein abgezehrter Häuptling angelaufen, um die Wahrheit über dieses oder jenes »Tala« (Gerücht) über den Krieg zu erfahren und von Tusitala »ein Wort der Weisheit« zu erbetteln. Oder aber einer der weißen Beamten sandte irgendeine beleidigende, mit Drohungen gespickte Botschaft. Vielleicht erschien auch ein Boy von der Mission mit Nachrichten von den Verwundeten im Krankenhaus, oder eine Gruppe Krieger, welche die unbequemsten Geschenke brachten – das eine Mal war es ein großer, weißer Stier –, sprach zu einer Schale »Ava« und einem Schwatz vor, um dann mit einem Abschiedssalut, der unser lebendes Inventar und uns selbst gefährdete, wieder zu verschwinden. Zum Teil wurden jene beiden Bücher zur Begleitung von Kanonenschüssen geschrieben. Wir konnten den Rauch sehen und den Donner der Geschütze jenseits der Berge hören, als die Kriegsschiffe Luatuanu'u bombardierten. Und bei jeder Detonation stieg aus den Reihen unseres Hausgesindes, von dem die meisten Angehörige oder Freunde an der Front besaßen, ein Wehklagen auf.

Das alles bedeutete eine starke Willensprobe für meine Tochter, Tusitalas Amanuensis, allein sie hielt tapfer bei ihrer Arbeit aus mit nur unwillkürlichen kleinen Pausen, wenn eines der großen Geschütze gelöst wurde. In jenem Jahr hatten wir, vermutlich als Folge der Beschießung, auch eine ungewöhnliche Zahl von Gewittern. Ganz plötzlich pflegten sie sich zusammenzuballen und sich mit furchtbarer Wut zu entladen. Ich glaube, wenn es etwas auf der Welt gab, wovor meine Tochter sich fürchtete, so war es ein Gewitter – trotzdem traten im Diktieren keine Stockungen ein. Mein Mann hatte die Absicht, seine Bewunderung ihres Mutes in einer Widmung zu St. Ives auszusprechen. Ich weiß noch, wie er zu ihr sagte: »Das soll das Beste vom ganzen Buch werden, mein Kind!«

Nach der Niederlage und Verbannung Mataafas, dessen Sache Tusitala bei der britischen Regierung vertrat, zog sich mein Mann völlig von der Politik in Samoa zurück. Mit dem Beistand Mr. H. J. Moores aus Apia tat er alles, was in seiner Macht lag, die elende Lage der politischen Gefangenen auf Mulinuu zu mildern, indem er sie mit Lebensmitteln und Medikamenten versah und ihnen zum Schlusse auch die Freiheit erwirkte. Die zahllosen Überanstrengungen des Körpers und der Seele, die er dadurch auf sich nehmen mußte, schienen auf seine Gesundheit nicht nachteilig zu wirken; sie festigte sich im Gegenteil mehr und mehr. Es kam häufig vor, daß er, dank der plötzlichen tropischen Regengüsse manchmal bis auf die Haut durchnäßt, ganze Tage im Sattel verbrachte, mit nur etwas Schiffszwieback in der Tasche. Erkältungen und Lungenbluten gehörten der Vergangenheit an. Niemand, der nicht Jahr um Jahr auf dem Krankenlager verbracht hat, vermag zu verstehen, was das für ihn bedeutete. Es war wie eine Art Wiedergeburt; ein neues Leben tat sich vor ihm auf. Die langen, trostlosen Jahre des Krankseins, die er mit so tapferer Geduld ertragen hatte, wurden ihm zu einer schrecklichen Erinnerung. Im Mai 1892 schrieb er an seinen Freund Mr. Sidney Colvin: »Ich habe einige zweiundvierzig Jahre ohne öffentliche Schande ausgeharrt und ein schönes Leben dabei gehabt. Wie herrlich, wenn es mir jetzt noch gelänge, eines gewaltsamen Todes zu sterben! Ich möchte in meinen Stiefeln sterben; kein Bettdeckenland mehr für mich! Zu ertrinken oder erschossen zu werden, vom Pferde zu stürzen – ja selbst gehenkt zu werden, alles ist besser, als noch einmal jenen langsamen Auflösungsprozeß durchmachen zu müssen.«

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