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Die Hermannsschlacht

Heinrich von Kleist: Die Hermannsschlacht - Kapitel 2
Quellenangabe
typedrama
booktitleDie Hermannsschlacht
authorHeinrich von Kleist
year1996
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000348-2
titleDie Hermannsschlacht
pages1-4
created19990312
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1821
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Erster Akt

Szene: Gegend im Wald, mit einer Jagdhütte.

Erster Auftritt

Wolf, Fürst der Katten, Thuiskomar, Fürst der Sicambrier, Dagobert, Fürst der Marsen, Selgar, Fürst der Brukterer, und andere treten, mit Pfeil und Bogen, auf.

Wolf (indem. er sich auf dem Boden wirft).
Es ist umsonst, Thuskar, wir sind verloren!
Rom, dieser Riese, der, das Mittelmeer beschreitend,
Gleich dem Koloß von Rhodus, trotzig,
Den Fuß auf Ost und Westen setzet,
Des Parthers mutgen Nacken hier,
Und dort den tapfern Gallier niedertretend:
Er wirft auch jetzt uns Deutsche in den Staub.
Gueltar, der Nervier, und Fust, der Fürst der Cimbern,
Erlagen dem Augustus schon;
Holm auch, der Friese, wehrt sich nur noch sterbend;
Aristan hat, der Ubier,
Der ungroßmütigste von allen deutschen Fürsten,
In Varus' Arme treulos sich geworfen;
Und Hermann, der Cherusker, endlich,
Zu dem wir als dem letzten Pfeiler, uns,
Im allgemeinen Sturz Germanias, geflüchtet,
Ihr seht es, Freunde, wie er uns verhöhnt:
Statt die Legionen mutig aufzusuchen,
In seine Forsten spielend führt er uns,
Und läßt den Hirsch uns und den Ur besiegen.

Thuiskomar (zu Dagobert und Selgar, die im Hintergrund auf und nieder gehen).
Er muß hier diese Briefe lesen!
– Ich bitt euch, meine Freunde, wanket nicht,
Bis die Verräterei des Varus ihm eröffnet.
Ein förmlicher Vertrag ward jüngst,
Geschlossen zwischen mir und ihm:
Wenn ich dem Fürsten mich der Friesen nicht verbände,
So solle dem August mein Erbland heilig sein;
Und hier, seht diesen Brief, ihr Herrn,
Mein Erbland ist von Römern überflutet.
Der Krieg, so schreibt der falsche Schelm,
In welchem er mit Holm, dem Friesen, liege,
Erfordere, daß ihm Sicambrien sich öffne:
Und meine Freundschaft für Augustus laß ihn hoffen,
Ich werd ihm diesen dreisten Schritt,
Den Not ihm dringend abgepreßt, verzeihn.
Laßt Hermann, wenn er kömmt, den Gaunerstreich uns melden:
So kommt gewiß, Freund Dagobert,
Freund Selgar, noch der Bund zustande,
Um dessenthalb wir hier bei ihm versammelt sind.

Dagobert.
Freund Thuiskomar! Ob ich dem Bündnis mich,
Das diese Fremdlinge aus Deutschland soll verjagen,
Anschließen werd, ob nicht: darüber, weißt du,
Entscheidet hier ein Wort aus Selgars Munde!
Augustus trägt, Roms Kaiser, mir,
Wenn ich mich seiner Sache will vermählen,
Das ganze, jüngst dem Ariovist entrißne,
Reich der Narisker an –

(Wolf und Thuiskomar machen eine Bewegung.)

Nichts! Nichts! Was fahrt ihr auf? Ich will es nicht!
Dem Vaterlande bleib ich treu,
Ich schlag es aus, ich bin bereit dazu.
Doch der hier, Selgar, soll, der Fürst der Brukterer,
Den Strich mir, der mein Eigentum,
An dem Gestad der Lippe überlassen;
Wir lagen längst im Streit darum.
Und wenn er mir Gerechtigkeit verweigert,
Selbst jetzt noch, da er meiner Großmut braucht,
So werd ich mich in euren Krieg nicht mischen.

Selgar.
Dein Eigentum! Sieh da! Mit welchem Rechte
Nennst du, was mir verpfändet, dein,
Bevor das Pfand, das Horst, mein Ahnherr, zahlte,
An seinen Enkel du zurückgezahlt?
Ist jetzt der würdge Augenblick,
Zur Sprache solche Zwistigkeit zu bringen?
Eh ich, Unedelmütgem, dir
Den Strich am Lippgestade überlasse,
Eh will an Augusts Heere ich
Mein ganzes Reich, mit Haus und Hof verlieren!

Thuiskomar (dazwischen tretend).
O meine Freunde!

Ein Fürst (ebenso).       Selgar! Dagobert!

(Man hört Hörner in der Ferne.)

Ein Cherusker (tritt auf).
Hermann, der Fürst, kommt!

Thuiskomar.                                 Laßt den Strich, ich bitt euch,
Ruhn, an der Lippe, bis entschieden ist,
Wem das gesamte Reich Germaniens gehört!

Wolf (indem er sich erhebt).
Da hast du recht! Es bricht der Wolf, o Deutschland,
In deine Hürde ein, und deine Hirten streiten
Um eine Handvoll Wolle sich.

Zweiter Auftritt

Thusnelda, den Ventidius aufführend. Ihr folgt Hermann, Scäpio, ein Gefolge von Jägern und ein leerer römischer Wagen mit vier breitgespannten weißen Rossen.

Thusnelda.
Heil dem Ventidius Carbo! Römerritter!
Dem kühnen Sieger des gehörnten Urs!

Das Gefolge.
Heil! Heil!

Thuiskomar.
                  Was! Habt ihr ihn?

Hermann.                                         Hier, seht, ihr Freunde!
Man schleppt ihn bei den Hörnern schon herbei!

(Der erlegte Auerochs wird herangeschleppt.)

Ventidius.
Ihr deutschen Herrn, der Ruhm gehört nicht mir!
Er kommt Thusnelden, Hermanns Gattin,
Kommt der erhabenen Cheruskerfürstin zu!
Ihr Pfeil, auf mehr denn hundert Schritte,
Warf mit der Macht des Donnerkeils ihn nieder,
Und, Sieg! rief, wem ein Odem ward;
Der Ur hob plötzlich nur, mit pfeildurchbohrtem Nacken
Noch einmal sich vom Sand empor:
Da kreuzt ich seinen Nacken durch noch einen.

Thusnelda.
Du häufst, Ventidius, Siegsruhm auf die Scheitel,
Die du davon entkleiden willst.
Das Tier schoß, von dem Pfeil gereizt, den ich entsendet,
Mit wuterfüllten Sätzen auf mich ein,
Und schon verloren glaubt ich mich;
Da half dein beßrer Schuß dem meinen nach,
Und warf es völlig leblos vor mir nieder.

Scäpio.
Bei allen Helden des Homers!
Dir ward ein Herz von par'schem Marmel, Fürstin!
Des Todes Nacht schlug über mich zusammen,
Als es gekrümmt, mit auf die Brust
Gesetzten Hörnern, auf dich ein,
Das rachentflammte Untier, wetterte:
Und du, du wichst, du wanktest nicht – was sag ich?
Sorg überflog, mit keiner Wolke,
Den heitern Himmel deines Angesichts!

Thusnelda (mutwillig).
Was sollt ich fürchten, Scäpio,
So lang Ventidius mir zur Seite stand.

Ventidius.
Du warst des Todes gleichwohl, wenn ich fehlte.

Wolf (finster).
– Stand sie im Freien, als sie schoß?

Ventidius.                                                   Die Fürstin?

Scäpio.
Nein – hier im Wald. Warum?

Ventidius.                                         Ganz in der Nähe,
Wo kreuzend durch die Forst die Wildbahn bricht.

Wolf (lachend).
Nun denn, beim Himmel –!

Thuiskomar.                               Wenn sie im Walde stand –

Wolf.
Ein Auerochs ist keine Katze,
Und geht, soviel bekannt mir, auf die Wipfel
Der Pinien und Eichen nicht.

Hermann (abbrechend).
Kurz, Heil ruf ich Ventidius noch einmal,
Des Urs, des hornbewehrten, Sieger,
Und der Thusnelda Retter obenein!

Thusnelda (zu Hermann).
Vergönnst du mein Gebieter mir,
Nach Teutoburg nunmehr zurückzukehren?
(Sie gibt den Pfeil und Bogen weg.)

Hermann (wendet sich).
Holla! Die Pferd!

Ventidius (halblaut, zu Thusnelden).
                              Wie, Göttliche, du willst –?

(Sie sprechen heimlich zusammen.)

Thuiskomar (die Pferde betrachtend).
Schau, die Quadriga, die August dir schenkte?

Selgar.
Die Pferd aus Rom?

Hermann (zerstreut).       Aus Rom, beim Jupiter!
Ein Zug, wie der Pelid ihn nicht geführt!

Ventidius (zu Thusnelda).
Darf ich in Teutoburg –?

Thusnelda.                               Ich bitte dich.

Hermann.
Ventidius Carbo! Willst du sie begleiten?

Ventidius.
Mein Fürst! Du machst zum Sel'gen mich –
(Er gibt Pfeil und Bogen gleichfalls weg; offiziös.)
                                                                    Wann wohl vergönnst du,
Vor deinem Thron, o Herr, in Ehrfurcht
Dir eine Botschaft des Augustus zu entdecken?

Hermann.
Wenn du begehrst, Ventidius!

Ventidius.                                       So werd ich
Dir mit der nächsten Sonne Strahl erscheinen.

Hermann.
Auf denn! – Ein Roß dem Scäpio, ihr Jäger!
– Gib deine Hand, Thusnelda, mir!

(Er hebt, mit Ventidius, Thusnelda in den Wagen; Ventidius folgt ihr.)

Thusnelda (sich aus dem Wagen herausbeugend).
Ihr Herrn, wir sehn uns an der Tafel doch?

Hermann (zu den Fürsten).
Wolf! Selgar! Redet!

Die Fürsten.                     Zu deinem Dienst, Erlauchte!
Wir werden gleich nach dem Gezelt dir folgen.

Hermann.
Wohlauf, ihr Jäger! Laßt das Horn dann schmettern,
Und bringt sie im Triumph nach Teutoburg!

(Der Wagen fährt ab; Hörnermusik.)

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