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Die Hermannsschlacht

Heinrich von Kleist: Die Hermannsschlacht - Kapitel 12
Quellenangabe
typedrama
booktitleDie Hermannsschlacht
authorHeinrich von Kleist
year1996
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000348-2
titleDie Hermannsschlacht
pages1-4
created19990312
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1821
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Vierzehnter Auftritt

Die Vorigen ohne den Septimius.

Hermann.
Steckt das Fanal in Brand, ihr Freunde,
Zum Zeichen Marbod und den Sueven,
Daß wir nunmehr zum Schlagen fertig sind!

(Ein Fanal wird angesteckt.)

Die Barden! He! Wo sind die süßen Alten
Mit ihrem herzerhebenden Gesang?

Winfried.
Ihr Sänger, he! Wo steckt ihr?

Egbert.                                           Ha! schau her!
Dort, auf dem Hügel, wo die Fackeln schimmern!

Winfried.
Horch! Sie beginnen dir das Schlachtlied schon!

(Musik.)

Chor der Barden (aus der Ferne).

Wir litten menschlich seit dem Tage,
    Da jener Fremdling eingerückt;
Wir rächten nicht die erste Plage,
    Mit Hohn auf uns herabgeschickt;
Wir übten, nach der Götter Lehre,
    Uns durch viel Jahre im Verzeihn:
Doch endlich drückt des Joches Schwere,
    Und abgeschüttelt will es sein!

(Hermann hat sich, mit vorgestützter Hand, an den Stamm einer Eiche gelehnt. – Feierliche Pause. – Die Feldherren sprechen heimlich mit einander.)

Winfried (nähert sich ihm).
Mein Fürst, vergib! Die Stunde drängt,
Du wolltest uns den Plan der Schlacht –

Hermann (wendet sich).                                 Gleich, gleich! –
– Du, Bruder, sprich für mich, ich bitte dich.
(Er sinkt, heftig bewegt, wieder an die Eiche zurück.)

Ein Hauptmann.
Was sagt er?

Ein Anderer.
                      Was?

Winfried.                         Laßt ihn. – Er wird sich fassen.
Kommt her, daß ich den Schlachtplan euch entdecke!
(Er versammelt die Anführer um sich.)
Wir stürzen uns, das Heer zum Keil geordnet,
Hermann und ich, vorn an der Spitze,
Grad auf den Feldherrn des Augustus ein!
Sobald ein Riß das Römerheer gesprengt,
Nimmst du die erste Legion,
Die zweite du, die dritte du!
In Splittern völlig fällt es auseinander.
Das Endziel ist, den Marbod zu erreichen;
Wenn wir zu diesem, mit dem Schwert,
Uns kämpfend einen Weg gebahnt,
Wird der uns weitere Befehle geben.

Chor der Barden (fällt wieder ein).

Du wirst nicht wanken und nicht weichen,
    Vom Amt, das du dir kühn erhöht,
Die Regung wird dich nicht beschleichen,
    Die dein getreues Volk verrät;
Du bist so mild, o Sohn der Götter,
    Der Frühling kann nicht milder sein:
Sei schrecklich heut, ein Schlossenwetter,
    Und Blitze laß dein Antlitz spein!

(Die Musik schweigt. – Kurze Pause. – Ein Hörnertusch in der Ferne.)

Egbert.
Ha! Was war das?

Hermann (in ihre Mitte tretend).
                                Antwortet! Das war Marbod!

(Ein Hörnertusch in der Nähe.)

Auf! – Mana und die Helden von Walhalla!
(Er bricht auf.)

Egbert (tritt ihn an).
Ein Wort, mein Herr und Herrscher! Winfried! Hört mich!
Wer nimmt die Deutschen, das vergaßt ihr,
Die sich dem Zug der Römer angeschlossen?

Hermann.
Niemand, mein Freund! Es soll kein deutsches Blut,
An diesem Tag, von deutschen Händen fließen!

Egbert.
Was! Niemand! hört ich recht? Es wär dein Wille –?

Hermann.
Niemand! So wahr mir Wodan helfen mög!
Sie sind mir heilig; ich berief sie,
Sich mutig unsern Scharen anzuschließen!

Egbert.
Was! Die Verräter, Herr, willst du verschonen,
Die grimmger, als die Römer selbst,
In der Cheruska Herzen wüteten?

Hermann.
Vergebt! Vergeßt! Versöhnt, umarmt und liebt euch!
Das sind die Wackersten und Besten,
Wenn es nunmehr die Römerrache gilt! –
Hinweg! – Verwirre das Gefühl mir nicht!
Varus und die Kohorten, sag ich dir;
Das ist der Feind, dem dieser Busen schwillt!

(Alle ab.)

 

Szene: Teutoburg. Garten hinter dem Fürstenzelt. Im Hintergrund ein eisernes Gitter, das in einen, von Felsen eingeschlossenen, öden Eichwald führt.

Funfzehnter Auftritt

Thusnelda und Gertrud treten auf.

Thusnelda.
Was wars, sag an, was dir Ventidius gestern,
Augusts Legat gesagt, als du ihm früh
Im Eingang des Gezelts begegnetest?

Gertrud.
Er nahm, mit schüchterner Gebärde, meine Königin,
Mich bei der Hand, und einen Ring
An meinen Finger flüchtig steckend,
Bat und beschwor er mich, bei allen Kindern Zeus',
Ihm in geheim zu Nacht Gehör zu schaffen,
Bei der, die seine Seele innig liebt.
Er schlug, auf meine Frage: wo?
Hier diesen Park mir vor, wo zwischen Felsenwänden,
Das Volk sich oft vergnügt, den Ur zu hetzen;
Hier, meint' er, sei es still, wie an dem Lethe,
Und keines lästgen Zeugen Blick zu fürchten,
Als nur der Mond, der ihm zur Seite buhlt.

Thusnelda.
Du hast ihm meine Antwort überbracht?

Gertrud.
Ich sagt ihm: wenn er heut, beim Untergang des Mondes,
Eh noch der Hahn den Tag bekräht,
Den Eichwald, den er meint, besuchen wollte,
Würd ihn daselbst die Landesfürstin,
Sie, deren Seele heiß ihn liebt,
Am Eingang gleich, zur Seite rechts, empfangen.

Thusnelda.
Und nun hast du, der Bärin wegen,
Die Hermann jüngst im Walde griff,
Mit Childrich, ihrem Wärter, dich besprochen?

Gertrud.
Es ist geschehn, wie mir dein Mund geboten;
Childrich, der Wärter, führt sie schon heran! –
Doch, meine große Herrscherin,
Hier werf ich mich zu Füßen dir:
Die Rache der Barbaren sei dir fern!
Es ist Ventidius nicht, der mich mit Sorg erfüllt;
Du selbst, wenn nun die Tat getan,
Von Reu und Schmerz wirst du zusammenfallen!

Thusnelda.
Hinweg! – Er hat zur Bärin mich gemacht!
Arminius' will ich wieder würdig werden!

Sechzehnter Auftritt

Childerich tritt auf, eine Bärin an einer Kette führend. Die Vorigen.

Childerich.
Heda! Seid Ihrs, Frau Gertrud?

Gertrud (steht auf).                           Gott im Himmel!
Da naht der Allzupünktliche sich schon!

Childerich.
Hier ist die Bärin!

Gertrud.                         Wo?

Childerich.                               Seht Ihr sie nicht?

Gertrud.
Du hast sie an der Kette, will ich hoffen?

Childerich.
An Kett und Koppel. – Ach, so habt Euch doch!
Wenn ich dabei bin, müßt Ihr wissen,
Ist sie so zahm, wie eine junge Katze.

Gertrud.
Gott möge ewig mich vor ihr bewahren! –
's ist gut, bleib mir nur fern, hier ist der Schlüssel,
Tu sie hinein und schleich dich wieder weg.

Childerich.
Dort in den Park?

Gertrud.                       Ja, wie ich dir gesagt.

Childerich.
Mein Seel ich hoff, so lang die Bärin drin,
Wird niemand anders sich der Pforte nahn?

Gertrud.
Kein Mensch, verlaß dich drauf! Es ist ein Scherz nur,
Den meine Frau sich eben machen will.

Childerich.
Ein Scherz?

Gertrud.               Ja, was weiß ich?

Childerich.                                         Was für ein Scherz?

Gertrud.
Ei, so frag du –! Fort! In den Park hinein!
Ich kann das Tier nicht mehr vor Augen sehn!

Childerich.
Nun, bei den Elfen, hört; nehmt Euch in acht!
Die Petze hat, wie Ihr befahlt,
Nun seit zwölf Stunden nichts gefressen;
Sie würde Witz, von grimmiger Art, Euch machen,
Wenns Euch gelüsten sollte, sie zu necken.
(Er läßt die Bärin in den Park und schließt ab.)

Gertrud.
Fest!

Childerich.
        Es ist alles gut.

Gertrud.                           Ich sage, feste
Den Riegel auch noch vor, den eisernen!

Childerich.
Ach, was! Sie wird doch keine Klinke drücken?
– Hier ist der Schlüssel!

Gertrud.                                 Gut, gib her! –
Und nun entfernst du dich, in das Gebüsch,
Doch so, daß wir sogleich dich rufen können.

(Childerich geht ab.)

Schirmt, all ihr guten Götter, mich!
Da schleicht der Unglücksel'ge schon heran!

Siebzehnter Auftritt

Ventidius tritt auf. – Thusnelda und Gertrud.

Ventidius.
Dies ist der stille Park, von Bergen eingeschlossen,
Der, auf die Lispelfrage: wo?
Mir gestern in die trunknen Sinne fiel!
Wie mild der Mondschein durch die Stämme fällt!
Und wie der Waldbach fern, mit üppigem Geplätscher,
Vom Rand des hohen Felsens niederrinnt! –
Thusnelda! Komm und lösche diese Glut,
Soll ich, gleich einem jungen Hirsch,
Das Haupt voran, mich in die Flut nicht stürzen! –
Gertrud! – – So hieß ja, dünkt mich, wohl die Zofe,
Die mir versprach, mich in den Park zu führen?

(Gertrud steht und kämpft mit sich selbst.)

Thusnelda (mit gedämpfter Stimme).
Fort! Gleich! Hinweg! Du hörst! Gib ihm die Hand,
Und führ ihn in den Park hinein!

Gertrud.
Geliebte Königin?!

Thusnelda.                     Bei meiner Rache!
Fort, Augenblicks, sag ich! Gib ihm die Hand,
Und führ ihn in den Park hinein!

Gertrud (fällt ihr zu Füßen).
Vergebung, meine Herrscherin, Vergebung!

Thusnelda (ihr ausweichend).
Die Närrin, die verwünschte, die! Sie auch
Ist in das Affenangesicht verliebt!
(Sie reißt ihr den Schlüssel aus der Hand und geht zu Ventidius.)

Ventidius.
Gertrud, bist dus?

Thusnelda.                   Ich bins.

Ventidius.                                   O sei willkommen,
Du meiner Juno süße Iris,
Die mir Elysium eröffnen soll! –
Komm, gib mir deine Hand, und leite mich!
– Mit wem sprachst du?

Thusnelda.                             Thusnelden, meiner Fürstin.

Ventidius.
Thusnelden! Wie du mich entzückst!
Mir wär die Göttliche so nah?

Thusnelda.
Im Park, dem Wunsch gemäß, den du geäußert,
Und heißer Brunst voll harrt sie schon auf dich!

Ventidius.
O so eröffne schnell die Tore mir!
Komm her! Der Saturniden Wonne
Ersetzt mir solche Augenblicke nicht!

(Thusnelda läßt ihn ein. Wenn er die Tür hinter sich hat, wirft sie dieselbe mit Heftigkeit zu, und zieht den Schlüssel ab.)

Achtzehnter Auftritt

Ventidius innerhalb des Gitters. Thusnelda und Gertrud.
– Nachher Childerich, der Zwingerwärter.

Ventidius (mit Entsetzen).
Zeus, du, der Götter und der Menschen Vater!
Was für ein Höllen-Ungetüm erblick ich?

Thusnelda (durch das Gitter).
Was gibts, Ventidius? Was erschreckt dich so?

Ventidius.
Die zottelschwarze Bärin von Cheruska,
Steht, mit gezückten Tatzen, neben mir!

Gertrud (in die Szene eilend).
Du Furie, gräßlicher, als Worte sagen
– He, Childerich! Herbei! Der Zwingerwärter!

Thusnelda.
Die Bärin von Cheruska?

Gertrud.                                   Childrich! Childrich!

Thusnelda.
Thusnelda, bist du klug, die Fürstin ists,
Von deren Haupt der Livia zur Probe,
Du jüngst die seidne Locke abgelöst!
Laß den Moment, dir günstig, nicht entschlüpfen,
Und ganz die Stirn jetzt schmeichelnd scher ihr ab!

Ventidius.
Zeus, du, der Götter und der Menschen Vater,
Sie bäumt sich auf, es ist um mich geschehn!

Childerich (tritt auf).
Ihr Rasenden! Was gibts? Was machtet ihr?
Wen ließt ihr in den Zwinger ein, sagt an?

Gertrud.
Ventidius, Childrich, Roms Legat, ist es!
Errett ihn, bester aller Menschenkinder,
Eröffn' den Pfortenring und mach ihn frei!

Childerich.
Ventidius, der Legat? Ihr heilgen Götter!
(Er bemüht sich das Gitter zu öffnen.)

Thusnelda (durch das Gitter).
Ach, wie die Borsten, Liebster, schwarz und starr,
Der Livia, deiner Kaiserin, werden stehn,
Wenn sie um ihren Nacken niederfallen!
Statthalter von Cheruska, grüß ich dich!
Das ist der mindste Lohn, du treuer Knecht,
Der dich für die Gefälligkeit erwartet!

Ventidius.
Zeus, du, der Götter und der Menschen Vater,
Sie schlägt die Klaun in meine weiche Brust!

Thusnelda.
Thusneld? O was!

Childerich.                     Wo ist der Schlüssel, Gertrud?

Gertrud.
Der Schlüssel, Gott des Himmels, steckt er nicht?

Childerich.
Der Schlüssel, nein!

Gertrud.                           Er wird am Boden liegen.
– Das Ungeheu'r! Sie hält ihn in der Hand.
(Auf Thusnelda deutend.)

Ventidius (schmerzvoll).
Weh mir! Weh mir!

Gertrud (zu Childerich)
                                  Reiß ihr das Werkzeug weg!

Thusnelda.
Sie sträubt sich dir?

Childerich (da Thusnelda den Schlüssel verbirgt).
                                  Wie, meine Königin?

Gertrud.
Reiß ihr das Werkzeug, Childerich, hinweg!

(Sie bemühen sich, ihr den Schlüssel zu entwinden.)

Ventidius.
Ach! O des Jammers! Weh mir! O Thusnelda!

Thusnelda.
Sag ihr, daß du sie liebst, Ventidius,
So hält sie still und schenkt die Locken dir!
(Sie wirft den Schlüssel weg und fällt in Ohnmacht.)

Gertrud.
Die Gräßliche! – Ihr ewgen Himmelsmächte!
Da fällt sie sinnberaubt mir in den Arm!
(Sie läßt die Fürstin auf einen Sitz nieder.)

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