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Die Heirat des Herrn Stäudl

Ferdinand von Saar: Die Heirat des Herrn Stäudl - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Heirat des Herrn Stäudl ? Österreichische Kriminalgeschichten
titleDie Heirat des Herrn Stäudl
authorFerdinand von Saar
publisherHerbert Greiner-Mai und Hans Joachim Kruse, Hrsg.
year1985
senderharald.aichmayr@netway.at
copyright(c) 1985 Verlag Das Neue Berlin, Berlin
firstpub1902
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IV

»Ja, die kommt erst«, bekräftigte Herr Stäudl mit dumpfer Stimme, während er sich mit seiner vertrockneten Gigantenhand über die Stirn fuhr. »Wenn mir jemand gesagt hätte daß ich mich jemals so ganz und gar selbst verlieren könnte den hätt ich reif fürs Tollhaus erklärt. Denn ich habe mich immer für felsenfest und unerschütterlich gehalten. Und war es auch. Aber es muß schon so sein, für jeden kommt einmal die Stunde, die ihn niederwirft. Doch ich will fort fahren.

Sehen Sie, Herr Untersuchungsrichter, als das Weib weg war, erschien mir auch alles wieder in Ordnung. Denn mein Herz hatte ich ja nicht an sie gehängt – wie überhaupt keinen Menschen; nicht einmal an meine Eltern, die mir allerdings früh gestorben waren. Aber auch an keinen sogenannten Freund. Ich verkehrte wohl in meinen jungen Jahren mit diesem oder jenem nicht ungern, wie das schon der gemeinsame Beruf und sonstige Umstände mit sich bringen. Sobald aber einer mein Selbstgefühl irgendwie verletzte, war es aus. Ich kannte ihn nicht mehr. So war es auch mit dem Weibe. Sie hatte ein Verbrechen gegen mein Selbstgefühl begangen. Somit war sie für mich tot – oder schien es wenigstens zu sein, wie ich denn auch über den schuldigen Gehilfen; bis er eines Tages selbst den Dienst kündigte, vollständig hinwegsah, als wäre gar nichts geschehen.

Auch im Häuslichen vermißte ich die Thomasin nicht allzusehr. Ich war das einsame Leben zu lange gewohnt gewesen, um es nicht ohne besondere Beschwerden wiederaufzunehmen. Nur die Abende begannen mir lang zu werden. Da fühlte ich mich einsam. Am Lesen fand ich keine rechte Freude mehr, und so stiegen allerlei Gedanken in mir auf, denen ich nicht gerne nachhing. Ich fing also an, ins Wirtshaus zu gehen. Aber in kein nahes, wo mich jedermann kannte, sondern hinunter ans Donauufer in eines der Einkehrhäuser für die Schiffsleute, die mit ihren Zillen und Flößen aus den oberen Gegenden, von Linz oder auch von Passau, kommen. Da ging es oft recht lebhaft zu. Das zerstreute mich, und ich begann sogar mit den Leuten Karten zu spielen, wobei ich natürlich auch immer mehr Bier oder Wein trank. Zwar nicht unmäßig, aber doch mehr, als ich sonst im Leben gewohnt war. Wie gesagt, das zerstreute mich.

Aber es dauerte nicht lange, so stellte sich ein Unbehagen an mir selbst ein, das ich nicht loswerden konnte. Es fehlte mir etwas, und in diesem Zustande mußte ich immer häufiger an die Thomasin denken. Ich sah sie oft so deutlich vor mir mit ihrer milchweißen Haut, mit den glatten, schimmernden Armen und Händen, als stände sie leibhaft da. Selbst bei der Arbeit ließ mir das höllische Bild keine Ruhe. Schließlich empfand ich eine solche Sehnsucht nach dem Weibe, daß ich oft laut hätte aufbrüllen können vor Schmerz. Ich tat alles mögliche, um mein fortwährendes Verlangen zu übertäuben; ich versuchte sogar – nein, ich will nicht aussprechen, was ich da versuchte. Aber es half alles nichts: mein elender Zustand blieb sich gleich. Und ich kam ganz herunter dabei. Ich fühlte mich so schwach und hinfällig, daß ich kaum mehr kriechen konnte. Und da – ich schäme mich, es zu sagen – kam mir auch der Gedanke, die Thomasin aufzusuchen, und nur die Vorstellung, daß sie mir vielleicht die Tür weisen könnte, hielt mich zurück, es zu tun.

Um diese Zeit ließ ich wieder einmal mein Zimmer gründlich scheuern und ausfegen, wie das bei mir, seit das Weib fort war, jeden Monat geschah. Und zwar durch eine Taglöhnerin, die in den Gärten arbeitete und von mir für besondere Dienstleistung auch besonders bezahlt wurde. Es war eine bejahrte, gutmütige Person, die gern schwatzte. Obgleich ich ihr niemals Red und Antwort gab, suchte sie doch immer ein Gespräch anzuknüpfen. So auch diesmal, da ich gerade in die Wohnung getreten war, um nachzusehen, ob alles in Ordnung sei.

›Sie sollten sich in acht nehmen Herr Stäudl‹, sagte sie.

Da ich nichts erwiderte, wiederholte sie: ›Ja, wirklich, Sie sollten sich in acht nehmen.‹

Das machte mich stutzig, und ich sagte barsch: ›Wieso? Warum?‹

›Ihre Frau lauert Ihnen auf.‹

Es gab mir einen Riß durch den ganzen Leib, und das Herz stand mir still. ›Was soll das heißen?‹ brachte ich mühsam hervor.

›Na, sie möcht halt mit Ihnen zusammenkommen. Darum schleicht sie auch seit einiger Zeit, wenn's finster wird, draußen auf der Straße herum. In die Gärten hinein traut sie sich nicht. Aber sie wird Sie schon einmal erwischen, wenn Sie gerade ausgehen wollen oder bei der Nacht heimkommen.‹

Die Knie wankten mir. Aber ich sagte: ›Was red't Sie da für dummes Zeug! Warum sollte sie –‹

Das Weib sah mich von der Seite an. ›No, sie soll in der Hoffnung sein. Aber nicht von Ihnen. Und da will sie halt, daß Sie der Vater sind.‹

Mir wurde ganz kalt, aber das Blut stieg mir dabei brennheiß zu Kopf. ›Woher weiß Sie denn das?‹ fragte ich mit versagender Stimme.

›Woher ich das weiß? Von der Greißlerin, wo sie einkauft. Dort soll sie g'sagt haben: Es nutzt ihm nix. Er muß der Vater sein. So oder so. Und das Kind muß ihn beerben, wenn er einmal stirbt.‹

Jetzt brachte ich keinen Laut mehr hervor.

›Darum sag ich Ihn'en‹, fuhr das Weib fort, ›sein s' g'scheit, Herr Stäudl. Lassen Sie sich in nix ein.‹ Damit ging sie.

In welchem Zustand ich zurückblieb, können Sie sich denken, Herr Untersuchungsrichter. Einesteils empfand ich eine so höllische Wut über diese Niedertracht, daß ich das Weib hätte zerreißen können, wenn sie dagewesen wäre. Andernteils aber überfiel mich eine solche Schwachheit, daß mir bei dem Gedanken an sie sogleich wieder ein wahnsinniges Verlangen aufstieg. Nun war ich fertig. Ich hatte weder Rast noch Ruhe mehr. Ich wagte mich nicht auf die Straße, und daheim konnt ich auch nicht bleiben. So ging ich doch wieder hinunter in das Wirtshaus an der Donau. Beim Fortgehen spähte ich immer früher durch die Torspalte, ob sie nicht etwa draußen stehe. Ich atmete auf, wenn ich mich überzeugt hatte, daß sie nicht da sei – und doch war mir's auch wie eine Enttäuschung. So ging's eine Zeitlang fort. Ich verwilderte dabei ganz und begann nun wirklich zu trinken. Vor Mitternacht ging ich nicht nach Hause, weil ich mir dachte, so lange wird sie auf mich wohl nicht warten, aber ich fühlte, daß es mir recht wäre, wenn sie es täte.

Da – in einer finsteren Nacht geschah es. Ich war keineswegs betrunken, aber bis zum äußersten aufgeregt, das Blut pochte mir an die Schläfe. Es hatte sich starker Südwind erhoben und verlöschte das Licht der Laterne, die ich bei meinen nächtlichen Gängen immer mit mir trug. Ein scharfer Strichregen schlug mir ins Gesicht. Wenn sie jetzt da wäre! Ich wünschte es mehr, als ich es fürchtete. Wie ich nun an die Haustür trete, kauert etwas Dunkles auf der Schwelle. Sie war es. Es hatte mir den Atem verschlagen. Am ganzen Leibe zitternd, schloß ich die Tür auf und ging in den dunklen Gang hinein. Sie mir nach. Im Zimmer fiel ich sie an wie ein wildes Tier. Mit einem Schrei riß ich ihr die durchnäßte Jacke auf – warf sie aufs Bett und mich über sie. Aber in meiner wahnsinnigen Gier überkam im mich plötzlich der Gedanke an ihre ganze Schändlichkeit – und da – da – mit diesen Händen...« Er hielt keuchend inne.

»Haben Sie das Weib erwürgt«., ergänzte der Richter.

Stäudl schwieg. Dann erhob er sich langsam und sagte:

»Ja, ich – habe einen Mord begangen. Aber ich wußte nicht, was ich tat. Die Geschworenen werden mich freisprechen.«

»Wir wollen es hoffen. Jedenfalls wird man mildernde Umstände finden.«

»Man braucht keine zu finden«, entgegnete Stäudl, indem er seine knochige Hünengestalt wieder zu voller Höhe emporrichtete. »Was geschehen ist, ist geschehen. Das Weib hat seinen Tod selbst verschuldet. Sie ist gerichtet. Mich kann man nicht verurteilen. Aber ich werde mich selbst justifizieren, weil es mit mir so weit hat kommen können. Dieses Bewußtsein erträgt keiner, der beschaffen ist wie ich. Für die Kinder wird gesorgt sein, denn ich habe mir etwas erspart. Das hat auch die Thomasin gewußt.«

Der Richter drückte an der elektrischen Klingel. Ein Justizwachmann erschien, um den Angeklagten abzuführen.

Als er draußen war» wendete sich der Rat zu dem Schriftführer, einem schmächtigen jungen Mann, der eben die erste Zeit seiner Gerichtspraxis durchmachte. »Nun, Herr Doktor, was sagen Sie dazu? Wie ich höre, sind Sie ja auch Dichter. Hätten Sie da nicht Stoff zu einer Novelle? «

Der junge Mann zog seine Nase in die Länge und die stark gewölbten Brauen noch höher hinauf, so daß sie über den kalten, unbeweglichen Augen zwei Rundbogen bildeten. »Nun ja«, sagte er mit einem geringschätzigen Achselzucken. »Aber ich befasse mich nur mit Zukunftsmenschen. Und dieser Stäudl ist nichts als ein atavistischer Schwachkopf, der an Größenwahn leidet und überdies mit verlarvter Epilepsie behaftet ist.«

Der Rat sah ihn an, ohne etwas zu erwidern. Dann er nahm Hut und Überrock und ging.

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