Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ferdinand von Saar >

Die Heirat des Herrn Stäudl

Ferdinand von Saar: Die Heirat des Herrn Stäudl - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Heirat des Herrn Stäudl ? Österreichische Kriminalgeschichten
titleDie Heirat des Herrn Stäudl
authorFerdinand von Saar
publisherHerbert Greiner-Mai und Hans Joachim Kruse, Hrsg.
year1985
senderharald.aichmayr@netway.at
copyright(c) 1985 Verlag Das Neue Berlin, Berlin
firstpub1902
Schließen

Navigation:

II

»Ja, wie das gekommen ist«, sagte Herr Stäudl, ohne sich erregen. »Das ist so gekommen. Der Herr Ritter von Artner hatte einen Bedienten, der bei ihm und seiner Familie sehr in Gunst stand. Er verdiente es auch, denn er war ein brav Mensch, willig und unermüdlich – ein Böhme von Geburt. Er hieß Thomas. Da er, wie gesagt, sehr in Gnaden stand, war ihm gestattet worden, ein Mädchen zu heiraten, in er sich verliebt hatte. Auch eine Böhmin. Ins Haus aber durfte er sie nicht nehmen, sondern es wurde für sie in Nähe der Villa, wo die Herrschaft sich aufhielt, eine Wohnung genommen. Dort gebar sie in den nächsten Jahr zwei Kinder, einen Knaben und ein Mädchen. Man nannte sie nach ihrem Manne die Thomasin. Sie galt als hübsch Weib und stand insofern auch im Dienste der Herrschaft, sie bei der Wäsche und sonstigen Verrichtungen mithalf. Ich selbst kannte sie kaum. Ich hielt mich ja fast den ganzen Tag in den Gärten auf, und wenn ich ihr je einmal begegnete, blickte ich – wie überhaupt bei meiner Größe über alle Weiber – auch über sie hinweg, denn die Freude machte ich keiner, mich zu bücken, um ihr unter das Kopftuch oder unter den Hut zu schauen. Kurz, ich wußte eigentlich gar nicht, wie sie aussah.

Da geschah es, daß ihr Mann starb. Er hatte sich, wie es hieß, durch einen kalten Trunk, den er erhitzt getan ein Lungenübel zugezogen, das ihm den Garaus machte. Nun hatte die Herrschaft die Wittib auf dem Halse. Sie erhielt Pension und überdies freie Wohnung in einem kleinen, außer Gebrauch befindlichen Maschinenhause, wo Wasser aus der Donau heraufgepumpt wurde und das in einem der unteren Gartenteile lag. Als ich davon in Kennt gesetzt wurde, erlaubte ich mir, Einsprache zu tun. Denn gerade um das Häuschen herum lagen meine feinsten Obstkulturen, denen zwei übel gehütete Rangen großen Schaden tun konnten; auch war ja der ganze Blumenflor vor solchen Grasteufeln nicht sicher. Aber der Herr Ritterr von Artner, dem das Weib höchstwahrscheinlich den Aufenthalt in dem Häuschen abgebettelt hatte, bestand auf seiner Anordnung. Wenn ich merkte, sagte er, daß die Kinder etwas verwüsten, so möchte ich es nur melden, er würde dann schon Abhilfe zu treffen wissen. Da konnte ich denn nichts mehr einwenden, dachte aber bei mir: den Aufpasser und Ankläger mach ich nicht; ich werde schon selbst Vorsorge treffen. Beschloß also,. mit der Thomasin, sobald sie eingezogen war, ein Wort zu reden.

Als ich sie an einem schönen Maimorgen aufsuchte, stand sie mit ihren Kindern gerade vor der Tür. Ich trat auf sie zu, und zwar mit sehr strenger Miene, so daß sich, wie ich bemerken konnte, die Kinder gleich vor mir zu fürchten anfingen, was ich gerade bezwecken wollte.

›Frau Thomasin‹, begann ich ohne jede weitere Begrüßung, ›Sie haben von der Herrschaft hier Wohnung erhalten. Gut. Aber sie liegt in den Gärten, und für diese bin ich verantwortlich. Ich verbiete also Ihnen und den Kindern, irgend etwas anzurühren. Weder Blumen noch Früchte. Auch kein Fallobst, denn selbst dieses wird aufgelesen und in Rechnung gestellt. Wenn Sie Gemüse oder sonstiges benötigen, so haben Sie sich an den ersten Gehilfen zu wenden, der es Ihnen zum billigsten Preis ablassen wird. Hoffentlich haben Sie mich verstanden, und ich mache Sie daher auch für die Kinder verantwortlich.‹

Das Weib war bei dem ganz verdutzt dagestanden und hatte mich mit halb offenem Munde angestarrt. Jetzt sagte sie in singendem Böhmisch-Deutsch: ›Aber Jesus! Was glauben S' denn, Herr Stäudl? Wer'n mir was anrührn? Bitt ich Ihne! Könnt uns einfalln so was! Meine Kinderle sind brav. Schaun Sie S' nur an, sind ja liebe Kinderle!›

›Hab sie schon gesehen‹ sagte ich und blickte weg. Das tat ich aber eigentlich nur, um die Thomasin nicht länger anschauen zu müssen. Denn die war wirklich ein hübsches Weib. So gegen die Dreißig. Nicht gar groß, aber auch nicht klein. Voll, aber doch schlank. Und eine Haut hatte sie milchweiß. Und braune Haare, die in der Sonne wie Gold glänzten; auch die Augen, die von derselben Farbe waren. Es war Zeit, daß ich ging, und so wendete ich mich einem kurzen, barschen Gruß. Sie aber suchte mich beim Arm festzuhalten, indem sie sagte: ›Sein S' doch nit so bös, Herr Stäudl! Mir wer'n Ihne kan Verdruß machen. Wer'n sehn, wir wer'n ganz gut auskummen miteinand.‹ Und dabei lächelte sie mit einem ganz eigenen Zug um den Mund, rot war wie eine Granatblüte.

Natürlich riß ich mich gleich los; aber meine Hand war zufällig mit der ihren in Berührung geraten, und da fühlte ich, wie es mir heiß durch den Arm hinaufging bis in die Brust. Eine ähnliche Empfindung hatte ich gehabt, als einmal ganz zufällig an das Atlaskleid einer jungen Dame streifte, die unsere Treibhäuser besichtigte. Die Hand der Thomasin war, trotz aller harten Arbeit, die sie verrichtete glatt und knisterig wie der Atlas an jenem Damenkleide. Ich konnte dieses Gefühl den ganzen Tag nicht aus dem Leib bringen. Dabei schwebte mir das Weib und ihre milchweiße Haut beständig vor Augen. Auch in der nächsten Zeit, bis ich endlich über mich selbst wild wurde und mir alle diese Phantasien gewaltsam aus dem Sinn schlug. So hatt ich’s auch untergekriegt. Aber dem Maschinenhaus wich ich immer in weitem Bogen aus: Ich fühlte, daß mir dort Gefahr drohte.

Die Thomasin jedoch schien es darauf anzulegen, mir in den Wurf zu kommen. Denn sie begegnete mir manchmal da oder dort, wo sie nicht zu vermuten war. Dabei wollte immer unterwürfig grüßend, mit dem gewissen Lächeln ein Gespräch anknüpfen. Ich aber erwiderte kein Wort und ging ohne Gruß an ihr vorüber, obgleich es mir bei ihrem Anblick immer einen Riß gab.

Eines Abends, da ich mich von der Arbeit weg gerade meine Wohnung begeben wollte, sah ich das Weib davorstehen und durch das offene Fenster in mein Zimmer gucken.

Das brachte mich in Wut. ›Was hat Sie da zu schaffen!‹ schrie ich. ›Was spioniert Sie da?‹

›Aber Jesus‹, antwortete sie, ohne im geringsten zu erschrecken, ›sein S' doch nit gleich so bös, Herr Stäudl! Was soll ich spioniern? Hab mir nur wolln Ihr Zimmerle anschaun. Mein Gott‹ – sie schlug dabei ihre weißen Hände zusammen –, ›wie sieht's bei Ihne aus! Wie bei an Arrestant. Nit amal Vorhangl haben S'. Wie können S' nur so allanig bleibn, Herr Stäudl? Sie sollten a brave Frau habn. Da hätten S' Ordnung. Auch sonst möcht's Ihne gut gehn. Hätten S' Freud am Leben – und wären nicht immer so brummig.‹

›Will Sie jetzt still sein, Sie unverschämte Person!‹ sagte ich. ›Ich brauch Ihren Rat nicht. Schau Sie, daß Sie weiterkommt!‹

›No ja, i geh schon‹, erwiderte sie und lächelte wieder.

›Aber bleiben S' nit so allanig, sag ich Ihne.‹ Damit entfernte sie sich langsam und griff dabei mit beiden Händen nach rückwärts, um den dicken Haarzopf aufzustecken, der ihr in den Nacken gesunken war.

Ich fühlte mich wirklich höchst aufgebracht über ihre Reden. Als ich aber in mein Zimmer trat, mußte ich ihr unwillkürlich recht geben. Es sah in der Tat ganz gefängnismäßig bei mir aus. Auch ziemlich unsauber. Ich konnte mir ja nicht, immer die Zeit nehmen, ordentlich aufzuräumen. So war ich unzufrieden mit mir selbst – und blieb es auch. Ich fing sogar an, mich abends allein zu fühlen, und ging hin und wieder ins Wirtshaus, was ich früher niemals tat. Kurz, es war in mir etwas aus dem Geleis gekommen – und ich konnte mich nimmer ganz zusammenfinden.

Eines Tages, so gegen den Herbst zu, fühlte ich mich unwohl. Aber ich war nicht gewohnt, auf derlei zu achten. Ging also wie sonst meiner Beschäftigung nach, auch nicht zeitiger zu Bette, vielmehr ins Wirtshaus, weil ich mir dachte, ein Glas Rotwein würde mir guttun. Aber schon während der Nacht wurde mir ganz miserabel, und am Morgen konnt ich nicht mehr aufstehn. Es war der Typhus, und ich weiß nicht, wie viele Tage ich im Delirium gelegen bin. In diesem Zustand kam es mir vor, als ob die Thomasin im Zimmer und um mich beschäftigt sei. Sie legte mir Umschläge auf den Kopf und tat auch sonst alles, was bei einem Schwerkranken notwendig ist. Aber ich wußte nicht, ob ich es nur träumte oder ob das Weib wirklich da war. Als ich meiner Sinne wieder mächtig wurde, da merkte ich freilich, daß es sich so verhielt. Die Herrschaft hatte sie zu meiner Wartung befohlen. Und die verrichtete sie in einer Weise – ich brauchte sie nur anzublicken, so wußte sie gleich, was ich wollte. Ich lag noch immer ganz kraftlos da und konnte mich lange kaum rühren – und da tat es mir so wohl, wenn sie die Decke oder die Polster richtete und mir dann mit ihrer glatten Hand über die Stirn strich ... Was soll ich noch sagen; Herr Untersuchungsrichter? Als ich wieder gesund war, hab ich sie geheiratet.«

»Soweit wären wir also«, bemerkte der Richter nach einer Pause.

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.