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Die Heilung durch den Geist

Stefan Zweig: Die Heilung durch den Geist - Kapitel 8
Quellenangabe
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typeessay
authorStefan Zweig
titleDie Heilung durch den Geist
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorKnut Beck
year1983
isbn3596223008
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121111
projectidb161d8d9
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Der Roman des Fräuleins Paradies

In gleichem Maße, wie Franz Anton Mesmer in Wien an Ruhm gewinnt, verliert er an Beliebtheit. Die ganze geistige Gesellschaft, die Gelehrten und Professoren haben ihn gern gehabt, den vielwissenden, dabei gar nicht ehrgeizigen, den reichen und überdies gastfreundlichen, den umgänglichen und niemals hochmütigen Mann, solange er als unschädlicher Dilettant mit neuen Ideen spielte. Nun, da es Mesmer Ernst wird und seine neuartigen Heilkuren Sensation erregen, spürt er auf einmal bei seinen ärztlichen Berufsgenossen einen erst geheimen und allmählich offenen Widerstand. Vergebens, daß er seine einstigen Kollegen in seine magnetische Klinik bittet, um ihnen zu beweisen, daß er nicht mit Quacksalbereien und Alfanzereien, sondern mit einem begründeten System operiere – keiner der geladenen Professoren und Doktoren will sich mit den sonderbaren Heilungsphänomenen ernstlich auseinandersetzen. Diese Art Therapie mit bloßen Fingerspitzen ohne klinische Eingriffe, ohne Medikamente und ordinierte Mittel, dieses Manipulieren mit Zauberstäbchen und magnetischen Zubern erscheint ihnen, man kann es verstehen, nicht sehr seriös. Bald spürt Mesmer eine scharfe Zugluft von rückwärts im Nacken. »Die Kälte, mit der man meine ersten Ideen hier aufnahm, setzt mich in Erstaunen«, schreibt er in jenen Tagen nach München. Er hatte redlich gehofft, bei den großen Gelehrten seiner neuen Heimatstadt, bei seinen früheren wissenschaftlichen Freunden und Musikpartnern wenigstens Einspruch oder Diskussion zu finden. Aber die einstmals so kollegialen Academici sprechen gar nicht mit ihm, sie spotten und höhnen nur, überall begegnet er einem Von-vornherein-Ablehnen, das ihn erbittert. Im März 1776 berichtet er abermals an den Sekretär der kurbayerischen Akademie der Wissenschaft, seine Idee sei in Wien »wegen ihrer Neuheit fast allgemein Verfolgungen ausgesetzt«, und zwei Monate später verstärkt er diese Klage: »Ich fahre noch immer fort, physikalische und medizinische Entdeckungen in meinem Fach zu machen, aber der Erwartung, mein System erläutert zu sehen, kann ich um so weniger dermalen Genüge leisten, als ich mich hier mit der niederträchtigsten Schikane unaufhörlich herumbalgen muß. Man erklärt mich hier für einen Betrüger und alle, die mir glauben, als Narren so geht es der neuen Wahrheit.«

Das unabänderliche Schicksal des Zufrühgekommenen hat ihn ereilt: der unsterbliche Konservativismus der Fakultäten wittert und befeindet in ihm erbittert eine nahende Erkenntnis. Unter der Hand beginnt in Wien ein geheimes konzentrisches Kesseltreiben gegen die magnetischen Kuren: in französischen und deutschen Zeitschriften erscheinen – selbstverständlich ohne Unterschrift aus Wien gesandte Aufsätze, die Mesmers Methode lächerlich machen. Aber noch muß der Haß durch Hintertüren gehen, denn für einen offenen Angriff bietet Mesmers persönlich untadeliges Verhalten keinen rechten Angriffspunkt. Ihn Schwindler, Ignoranten, einen unzuständigen Kurpfuscher zu nennen, geht nicht an bei einem Doktor zweier Fakultäten, der seit mehr als einem Jahrzehnt die Unterschrift von Autoritäten wie Van Swieten und Van Haen auf seinem ärztlichen Diplom trägt. Wegen geldgieriger Beutelschneiderei vermag man ihm gleichfalls keinen Strick zu drehen, weil dieser reiche Mann den Großteil seiner Patienten vollkommen kostenlos behandelt. Und am allerpeinlichsten: nicht einmal als Großmaul oder Windbläser kann man ihn diskreditieren, denn Mesmer übersteigert nicht im geringsten die Tragweite seiner Entdeckung. Niemals behauptet er (wie etwa später Mary Baker-Eddy mit der Christian Science), eine Universaltherapie gefunden zu haben, die jede andere medizinische Behandlung überflüssig mache; sorgfältig einschränkend stellt er fest, daß sein animalischer Magnetismus direkt nur bei Nervenkrankheiten helfe und allenfalls erst auf indirektem Wege ihre körperlichen Folgeerscheinungen beeinflussen könne. So fordert es einigermaßen Geduld für den heimlich angesammelten Unmut seiner Kollegen, dem verhaßten Neuerer ein Bein zu stellen.

Endlich ergibt sich die langgesuchte Gelegenheit. Die Entscheidung bringt die Episode des Fräuleins Paradies, ein kleiner Roman und ohne Mühe in ein wirkungsvolles Drama zu verwandeln, denn selten war in einer Krankheitsgeschichte die Szene derart effektvoll gestellt. Maria Theresia Paradies, ein hochtalentiertes junges Mädchen, gilt seit ihrem vierten Lebensjahr durch eine Lähmung der Sehnerven als unheilbar erblindet, und ihre besondere Begabung im Klavierspiel macht sie in Wien allbekannt. Die Kaiserin hat höchstpersönlich ihre Patenschaft übernommen. Sie bewilligt den Eltern des musikalischen Wunderkindes eine Pension von zweihundert Golddukaten und läßt es außerdem auf ihre Kosten weiter ausbilden; späterhin hat Fräulein Paradies viele Konzerte gegeben, eines sogar in Mozarts Gegenwart, und eine große Anzahl ihrer unveröffentlichten Kompositionen liegen noch heute in der Wiener Bibliothek.

Dieses junge Mädchen wird nun zu Mesmer gebracht. Vordem hatten sie bereits erste Augenärzte Wiens, der bekannte Starstecher Professor Barth und der Hofmedikus Stoerk, jahrelang schulmäßig ohne Resultat behandelt. Aber gewisse Anzeichen (konvulsivisches Zucken in den Augen, die dann immer aus den Höhlen hervortraten, ein Milz- und Leberleiden, das irrsinnsähnliche Anfälle hervorrief) lassen vermuten, daß die Blindheit des Fräuleins Paradies nicht auf einer Zerstörung des Sehnervs beruhte, sondern bloß auf einer seelisch bedingten Verstörung. Versuchsweise führt man sie zu Mesmer, der bei ihr eine Erschütterung der allgemeinen Nervenkonstitution feststellt und deshalb ihren Fall als einen durch seine Methode möglicherweise heilbaren erklärt. Um genau die Fortschritte seiner magnetischen Kur überwachen zu können, nimmt er das junge Mädchen in sein Haus, wo er es kostenlos gleichzeitig mit zwei anderen Patientinnen magnetisch behandelt.

Bis zu diesem Punkt stimmen alle zeitgenössischen Berichte tadellos überein. Aber eine vollkommene Gegensätzlichkeit klafft von jetzt an zwischen den Aussagen Mesmers, der behauptet, ihr das Augenlicht beinahe vollkommen wiedergegeben zu haben, und denen der Professoren, die jedwede angebliche Besserung als Gaukelei und »Einbildung« ableugnen. (Dieses Wort »Imagination« spielt von nun ab eine entscheidende Rolle bei allen akademischen Beurteilungen Mesmers.) Selbstverständlich wird es heute, nach hundertfünfzig Jahren, nicht leicht fallen, zwischen zwei so schroff gegensätzlichen Behauptungen zu entscheiden. Für die Ärzte spricht, daß Maria Theresia Paradies auch späterhin nie mehr ihr Augenlicht erlangte, für Mesmer dagegen nebst der Zeugenschaft der Öffentlichkeit jener handschriftliche Bericht, den der Vater der jungen Blinden verfaßte und der mir zu anschaulich erscheint, als daß man ihn glattweg als erfunden abtun könnte. Denn ich kenne wenige Dokumente, die psychologisch dermaßen aufschlußreich die erste Entdeckung der Lichtwelt durch einen von seiner Blindheit allmählich geheilten Menschen schildern, und es würde einen größeren Dichter und Psychologen erfordern als den alten Hofsekretär Vater Paradies oder eine so unpoetische Natur wie Mesmer, um derartig subtile und seelenkundige Beobachtungen erfinden zu können. Der Bericht lautet im wesentlichen: »Nach kurzer, kräftiger, magnetischer Behandlung Herrn Doktor Mesmers fing sie an, die Konturen der ihr vorgestellten Körper und Figuren zu unterscheiden. Der neue Sinn war aber so empfindlich, daß sie diese Dinge nur in einem sehr dunkeln, mit Fensterläden und Vorhängen wohlverwahrten Zimmer erkennen konnte. Wenn man bei ihren, schon mit einer fünffach übereinander gelegten Binde verhüllten Augen mit einem angezündeten Licht nur flüchtig vorüberfuhr, so fiel sie, wie vom Blitz gerührt, schnell zu Boden. Die erste menschliche Figur, die sie erblickte, war Herr Dr. Mesmer. Sie betrachtete ihn und die verschiedenen schwankenden Bewegungen seines Körpers, die er vor ihren Augen, sie zu prüfen, machte, mit vieler Aufmerksamkeit. Sie entsetzte sich einigermaßen darüber und sprach: ›Das ist fürchterlich zu sehen! Ist das das Bild des Menschen?‹ Man führte auf ihr Verlangen einen großen Hund im Hause vor, der sehr zahm und immer ihr Liebling war, sie besah ihn mit gleicher Aufmerksamkeit. ›Dieser Hund‹, sagte sie hierauf, ›gefällt mir besser als der Mensch; sein Anblick ist mir weit erträglicher.‹ Vorzüglich waren ihr die Nasen in den Gesichtern, die sie sah, sehr anstößig. Sie konnte sich darüber des Lachens nicht enthalten. Sie äußerte sich darüber folgendermaßen: ›Mir kommt es vor, als wenn sie mir entgegendrohten und meine Augen ausstechen wollten.‹ Seitdem sie mehrere Gesichter gesehen, gewöhnt sie sich besser daran. Die meiste Mühe kostet es sie, die Farben und Grade der Entfernung kennen zu lernen, da sie in Absicht auf den neugeschaffenen Sinn des Gesichtes ebenso unerfahren ist und ungeübt als ein neugebornes Kind. Sie irrt sich nie in dem Abstand einer Farbe gegen die andere, hingegen vermengt sie deren Benennung, besonders wenn man sie nicht auf die Spur führt, Vergleichungen mit Farben anzustellen, die sie schon kennen gelernt hat. Bei Erblickung der schwarzen Farbe erklärt sie, das sei das Bild ihrer vorigen Blindheit. Diese Farbe erregt auch immer bei ihr einen gewissen Hang zur Melancholie, der sie während der Kur oft ergeben war. Sie brach in dieser Zeit vielfältig in plötzliches Weinen aus. So hatte sie einmal einen so heftigen Anfall, daß sie sich auf ein Sofa warf, mit den Händen rang, die Binde abriß, alles von sich stieß und unter jämmerlichem Klagen und Schluchzen sich so verzweifelt gebärdete, daß Madame Sacco oder sonst jede berühmte Aktrice kein besseres Muster zur Vorstellung der durch den äußersten Kummer geängstigten Person hätte abnehmen können. Nach wenigen Augenblicken war diese traurige Laune vorüber, und sie nahm ihr voriges gefälliges und munteres Wesen gleich wieder an, obschon sie bald darauf in den nämlichen Rückfall aufs neue geriet. Da in den ersten Tagen des sich verbreitenden Rufes von ihrem Wieder-Sehen ein starker Zulauf von Verwandten, Freunden und den vornehmsten Standespersonen geschah, so wurde sie unwillig darüber. Sie äußerte in ihrem Unmut sich einstmals gegen mich: ›Woher kommt es, daß ich mich jetzt weniger glücklich finde als vormals? Alles, was ich sehe, verursacht mir eine unangenehme Bewegung. Ach, in meiner Blindheit bin ich weit ruhiger gewesen!‹ Ich tröstete sie mit der Vorstellung, daß ihre jetzige Bewegung allein von der Empfindung der fremden Sphäre herrühre, darinnen sie schwebe. Sie werde aber so gelassen und zufrieden als andere werden, sobald sie des Sehens mehr gewohnt sein würde. ›Das ist gut‹, antwortete sie, ›denn sollte ich immer bei Ansichtigwerden neuer Dinge eine der jetzigen gleiche Unruhe empfinden, so wollte ich lieber auf der Stelle zur vorigen Blindheit zurückkehren.‹

Da der neuempfangene Sinn sie in den ersten Stand der Natur versetzte, so ist sie ganz vom Vorurteil frei und benennt die Sachen bloß nach dem natürlichen Eindruck, womit sie auf sie wirken. Sie urteilt sehr wohl von den Gesichtszügen und schließt daraus auf die Gemütseigenschaften. Die Vorweisung eines Spiegels brachte ihr viel Verwunderung; sie konnte sich gar nicht darein finden, wie es zuginge, daß die Fläche des Spiegelglases die Objekte auffangen und sie dem Auge wieder vorstellen könne. Man führte sie in ein prächtiges Zimmer, wo sich eine hohe Spiegelwand befand. Sie konnte sich darin nicht genug satt sehen. Sie machte die wunderlichsten Wendungen und Stellungen vor demselben, besonders aber mußte sie darüber lachen, daß das im Spiegel sich zeigende Bild bei Annäherung ihrer Person gegen sie trat, hingegen bei ihrer Entfernung ebenfalls zurückwich. Alle Objekte, die sie in einer gewissen Entfernung bemerkt, kommen ihr klein vor, und sie vergrößern sich in ihrem Begriffe nach dem Maße, als sie ihr nähergerückt werden. Da sie mit offenen Augen einen Bissen gerösteten Brotes zum Munde führte, schien ihr solcher so groß, daß sie ihn nicht in den Mund bringen zu können glaubte.

Sie wurde darauf zu dem Bassin geführt, welches sie eine große Suppenschüssel nannte. Die Spaliergänge auf beiden Seiten schienen ihr nebenher zu gehen, und auf dem Rückwege nach den Zimmern glaubte sie, das Gebäude käme ihr entgegen, woran ihr die beleuchteten Fenster besonders wohl gefielen. Des folgenden Tages mußte man, um sie zu befriedigen, sie bei Tageslicht in den Garten bringen. Sie besah alle Gegenstände wieder aufmerksam, aber nicht mit so viel Vergnügen als am vorigen Abend. Sie nannte den vorbeifließenden Donaustrom einen langen und breiten weißen Streifen, sie deutete genau die Orte an, wo sie den Anfang und das Ende des Flusses sah. Die in einer Entfernung von etwa tausend Schritten jenseits des Flusses stehenden Bäume der sogenannten Praterau glaubte sie mit ausgestreckten Händen berühren zu können. Da es ein heller Tag war, konnte sie das freie Sehen im Garten nicht lange aushalten. Sie selbst verlangte, ihre Augen wieder zu verbinden, weil die Empfindung des Lichtes ihrem schwachen Sinn noch zu scharf ist und ihr einen Schwindel verursache. Ist sie nun wieder verbunden, so getraut sie sich ohne Führung keinen Schritt vorwärts zu tun, da sie doch vormals in ihrer Blindheit in dem ihr bekannten Wohnzimmer umhergegangen ist. Die neue Zerstreuung der Sinne verursacht, daß sie beim Klavier schon mehr Nachsinnen beobachten muß, um ein Stück zu spielen, da sie vordem große Konzerte mit der größten Richtigkeit fortspielte und zugleich mit den Umstehenden sich im Gespräch unterhielt. Mit offenen Augen wird es ihr jetzt schwer, ein Stück zu spielen. Sie beobachtet alsdann ihre Finger, wie sie über die Klaviere weggaukeln, verfehlt aber dabei die meisten Claves.«

Macht diese klare, geradezu klassische Darstellung den Eindruck einer Tatsachenfälschung? Kann man wirklich annehmen, eine ganze Reihe von angesehenen Augenzeugen habe sich so vollkommen narren lassen und den Zeitungen über eine Wunderheilung berichtet, ohne sich, zwei Straßen weit, vom Zustande der vormals Blinden zu überzeugen? Aber eben um des Lärmes willen, den diese magnetische Kur erregt, mengt sich die Ärzteschaft erbittert ein. Denn diesmal ist Mesmer in ihr eigenstes, persönlichstes Gebiet vorgedrungen, und insbesondere der Augenarzt und Starstecher, Professor Barth, bei dem Fräulein Paradies jahrelang vergebens Heilung gesucht hatte, eröffnet einen erbitterten Feldzug gegen die unerwünschte Behandlung. Er behauptet, Fräulein Paradies sei noch als blind zu betrachten, »weil sie die Namen der ihr vorgelegten Dinge oft nicht weiß und häufig verwechselt« – ein psychologisch sehr erklärbarer und sogar wahrscheinlicher Irrtum bei einer jahrelang Blinden, die Gegenstände zum erstenmal wahrnimmt, an sich also gar nicht stichhaltig. Aber die Offiziellen sind in der Übermacht. Zunächst verhindert das Eingreifen der einflußreichen Ärzte Mesmers Absicht, seine bereits auf dem Wege der Heilung befindliche Patientin der Kaiserin Maria Theresia persönlich vorzustellen, und immer heftiger bemühen sich die gereizten Kollegen, Mesmer an der Fortführung der magnetischen Kur zu hindern. Mit welchem Recht? muß man allerdings objektiverweise fragen. Denn selbst im ungünstigsten Fall kann die suggestive Kur bei Fräulein Paradies den toten Sehnerv nicht noch toter machen, eine Blinde nicht noch blinder. Ein Rechtsgrund, dem graduierten Arzt mitten in seiner Behandlung die Patientin zu entziehen, läßt sich also mit bestem Willen aus keinem gesetzlichen Paragraphen ableiten. Und da überdies Fräulein Paradies selbst treu an ihrem Heilhelfer hängt, schlagen Mesmers Gegner einen krummen Weg ein, um ihm das kostbare Versuchsobjekt zu entziehen: sie machen dem Vater und der Mutter Paradies grimmige Angst, wenn ihre Tochter nun wirklich sehend würde, dann ginge die kaiserliche Gnadengabe von jährlich zweihundert Dukaten sofort verloren und sei es vorbei mit der einzigartigen Attraktion einer blinden Klavierspielerin. Dieses Argument des gefährdeten Geldes wirkt augenblicklich auf die Familie. Der Vater, bisher Mesmer vollkommen ergeben, sprengt mit Gewalt die Tür des Hauses, fordert von Mesmer seine Tochter auf der Stelle zurück und bedroht ihn mit gezogenem Säbel. Aber merkwürdigerweise ist es nicht der Arzt selber, der ihre Freigabe verweigert. Im Gegenteil, Fräulein Paradies, an ihren Heilmeister, sei es medial, sei es erotisch, gebunden, erklärt strikt, nicht zu den Eltern zurückzukehren, sondern bei Mesmer bleiben zu wollen. Das erbittert wiederum die Mutter, sie stürzt in maßloser Wut auf das ungehorsame Mädchen los, das lieber zu dem fremden Mann als zu den Eltern hält, prügelt die Wehrlose und mißhandelt sie so fürchterlich, daß sie in Krämpfe fällt. Aber trotz aller Befehle, Drohungen und Schläge gelingt es nicht, das standhafte Fräulein Paradies zu bewegen, ihren Helfer (und vielleicht Liebhaber) zu verlassen. Sie bleibt in der magnetischen Klinik: Mesmer hat einen Sieg erfochten, freilich einen Pyrrhussieg. Denn infolge dieser Aufregungen und Gewalttätigkeiten erlischt der mühsam gewonnene matte Lichtschein. Die Kur muß wieder von vorn anfangen, die verstörten Nerven zu beleben. Aber so lange läßt man Mesmer nicht Zeit. Schon hat die Fakultät die schwersten Geschütze aufgefahren. Sie mobilisiert den Erzbischof, den Kardinal Migazzi, die Kaiserin und den Hof und, wie es scheint, auch die allergewaltigste Instanz des theresianischen Österreichs: die hochberühmte Sittenkommission. Professor Stoerk als Vorsitzender des österreichischen Medizinwesens erteilt im Auftrag der Kaiserin die Parole, dieser »Betrügerei ein Ende zu machen«. So bricht Staatsgewalt die Macht des Magnetiseurs über sein Medium. Mesmer muß sofort die Kur unterbrechen und Fräulein Paradies trotz ihrer verzweifelten Klagen in ungeheiltem Zustand wieder den Eltern ausliefern. Die weiteren Folgen dieser peinlichen Affäre sind mangels einschlägiger Akten nicht eindeutig zu bestimmen. Entweder wurde Mesmer von Amts wegen mehr oder minder dringlich aus Österreich als »lästiger Ausländer« abgeschoben, oder er hatte seinerseits genug von der Wiener medizinischen Kollegenschaft. Jedesfalls, er gibt sofort nach der Affäre Paradies sein prächtiges Haus Landstraße 261 auf, zieht aus Wien weg und sucht sich zuerst in der Schweiz, dann in Paris eine neue Heimat.

Die Wiener Fakultät kann zufrieden sein, ihr Ziel ist erreicht. Sie hat den unbequemen Eigenbrötler weggeräumt, die ersten Ansätze einer zwar unklaren, aber doch den modernen Begriffen schon angenäherten psychotherapeutischen Behandlung diskreditiert und (wie sie meint: für die ganze Welt) erledigt. Jetzt herrscht in rebus psychologicis an der Wiener Fakultät wieder ein und ein Viertel Jahrhundert herrliche Ruhe, bis dann abermals solch ein lästiger Neuerer kommt, Sigmund Freud mit der Psychoanalyse, den ihre Professoren mit dem gleichen Vorurteil und dem gleichen Zorn bekämpfen, diesmal glücklicherweise mit bedeutend geringerem Erfolg.

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