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Die Heilung durch den Geist

Stefan Zweig: Die Heilung durch den Geist - Kapitel 7
Quellenangabe
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typeessay
authorStefan Zweig
titleDie Heilung durch den Geist
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorKnut Beck
year1983
isbn3596223008
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121111
projectidb161d8d9
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Ahnungen und Erkenntnisse

Wann Mesmer diese entscheidende historische Umstellung in seiner Behandlungsweise vornimmt, ist auf den Tag nicht mehr festzustellen. Aber bereits sein dankbarer Patient Osterwald berichtet im Jahre 1776 aus Bayern, daß »Dr. Mesmer dermalen seine meisten Kuren ohne alle künstlichen Magnete, durch bloßes teils mittelbares, teils unmittelbares Berühren der leidenden Teile vollführe«. Es hat also im ganzen nicht einmal ein Jahr gedauert, bis Mesmer bemerkte, das Magneteisen sei völlig überflüssig bei den sogenannten magnetischen Kuren. Denn auch wenn er bloß mit der Hand solche Striche polauf, polab die Nerven entlang manipuliert, empfinden die Kranken die ganz gleiche Steigerung oder Linderung. Mesmer braucht seine Patienten nur anzurühren, und schon spannen sich die Nerven zu jähen Zuckungen, schon äußert sich ohne jedes Instrument oder Medikament eine erst erregende und dann beruhigende Veränderung der Krankheit im Organismus. So kann er nicht länger daran zweifeln: es wirkt aus seiner Hand unbedingt etwas ganz Unbekanntes, etwas noch viel Geheimnisvolleres als der Magnet, für das weder bei Paracelsus noch in der alten oder der zeitgenössischen Medizin eine Erklärung zu finden ist. Und erstaunt steht der Finder vor seinem eigenen Fund: er hat statt der magnetischen eine neue Methode entdeckt.

Nun sollte eigentlich Mesmer redlicherweise sagen: »Ich habe mich geirrt, der Magnet hilft keinen Deut, alle Kraft, die ich ihm zuschrieb, kommt ihm in Wirklichkeit nicht zu, und jene Heilwirkung, die ich zu meinem eigenen Staunen täglich erziele, beruht auf mir selber unverständlichen Ursächlichkeiten.« Und selbstverständlich müßte er sofort aufhören, seine Kuren weiterhin magnetische zu nennen und die ganze groteske Apparatur der geladenen Flaschen, der präparierten Zuber, der verzauberten Tassen und Bäume als völlig überflüssigen Hokuspokus abräumen. Aber wie wenige Menschen in der Politik, in der Gelehrsamkeit, in der Kunst, in der Philosophie, wie wenige, auch die tapfersten, haben jemals den Mut, klar einzugestehen, ihre Anschauung von gestern sei Irrtum und Unsinn gewesen! So auch Mesmer. Statt deutlich die unhaltbare Theorie von der Heilkraft des Magneten aufzugeben, wählt er einen krummen Rückzug; er beginnt nämlich mit dem Begriff »magnetisch« zweideutig herumzuoperieren, indem er erklärt, es sei zwar richtig, daß der Mineralmagnet nichts helfe, aber was bei seinen Kuren wirke, sei gleichfalls Magnetismus, ein »animalischer« Magnetismus, die zu jener Geheimniskraft des toten Metalls analoge Kraft im lebendigen Menschen. Sehr umständlich und verworren bemüht er sich, so zu tun, als ob sich damit in seinem System nichts Wesentliches geändert habe. Aber in Wahrheit bedeutet dieser neueingeschobene Begriff »animalischer« Magnetismus (gewöhnlich höchst unglücklich mit »tierischer« Magnetismus übersetzt, statt mit »Lebensmagnetismus«) etwas himmelweit Verschiedenes von der bisher verkündeten Metallotherapie, und man muß von diesem Augenblick an scharf aufmerken, um sich nicht durch die künstlich geschaffene Wortgleichheit verwirren zu lassen. Magnetisieren heißt von 1776 an bei Mesmer also nicht mehr: mit einem Magneteisen berühren oder beeinflussen, sondern einzig und allein: die von den Nervenenden der Finger ausstrahlende menschliche Geheimkraft (die »animalische«) auf andere Menschen wirken lassen. Und wenn sich bis zum heutigen Tage die Praktiker dieser sympathetischen Streichbehandlung noch immer Magnetopathen nennen, so führen sie diesen Namen vollkommen zu Unrecht, denn wahrscheinlich hat kein einziger von ihnen überhaupt ein Magneteisen im Hause. Ihre ganze Behandlung beruht ausschließlich auf Persönlichkeitswirkung, auf suggestiver oder fluidaler Therapie.

Seinen gefährlichsten Irrtum hat Mesmer also ein Jahr nach seiner ersten Entdeckung schon glücklich hinter sich; aber wie schön, wie bequem war jener Irrtum gewesen! Damals meinte Mesmer noch, es genüge bei Krämpfen oder Nervenkrisen, dem Leidenden ein Magneteisen auf den Leib zu legen, ein wenig kunstvoll hin und her zu streichen, und der Kranke war genesen. Jetzt aber, da diese bequeme Illusion von der Zauberleistung des Magneten zunichte geworden ist, steht der Forscher wieder ratlos vor seiner eigenen, täglich mit bloßen Händen neu erzielten Zauberwirkung. Denn welchem Element entstammt eigentlich diese Wunderwirkung, die entsteht, wenn er seinen Kranken die Schläfen streicht, wenn er sie mit seinem Atem anhaucht, wenn er durch gewisse Kreisbewegungen die Muskeln entlang jenes geheimnisvolle plötzliche Nervenzittern, jene überraschenden Zuckungen erregt? Ist es ein Fluid, eine »force vitale«, die von ihm, von dem Organismus Franz Anton Mesmers ausgeht, und neue Frage: Geht diese besondere Stromkraft nur von seiner besonderen Natur oder von jedem beliebigen Menschen gleichmäßig aus? Kann man sie steigern durch den Willen, kann man sie verteilen und durch andere Elemente verstärken? Und wie geschieht diese Kraftübertragung? Auf seelischem Wege (animistisch) oder vielleicht als chemische Ausstrahlung und Ausdünstung kleinster unsichtbarster Partikelchen? Ist sie irdisch, ist sie göttlich, diese Kraft, ist sie physisch oder physikalisch oder geistig, kommt sie von den Sternen, oder ist sie eine feinste Essenz unseres Blutes, ein Produkt unseres Willens? Tausend Fragen überfallen mit einmal den schlichten, gar nicht sehr klugen und nur hingebungsvoll beobachtenden Mann, tausend Fragen, denen er sich nicht gewachsen weiß und deren wichtigste – nämlich, ob die sogenannten magnetischen Heilungen auf animistischem oder fluidistischem Wege erfolgen – auch heute noch nicht hinlänglich beantwortet ist. In welches Labyrinth ist er da arglos geraten, seit er jener Ausländerin die unsinnige Kur mit dem Magnethufeisen nachgeahmt, wie weit hat ihn dieser anfängliche Irrweg geführt! Noch jahrelang sieht er keine Lichtung. Nur eines ist Mesmer gewiß, nur eines weiß er jetzt aus erstaunter Erfahrung, und darauf baut er nun seine ganze Lehre: stärker als alle chemischen Medikamente kann oft der lebendige Mensch einem andern durch seine Gegenwart und nervenmäßige Beeinflussung in manchen Krisen helfen. »Von allen Körpern in der Natur wirkt auf den Menschen am allerwirksamsten der Mensch selbst.« – Krankheit ist nach seiner Auffassung eine Störung der Harmonie im Menschen, eine gefährliche Unterbrechung des rhythmischen Ablaufs zwischen Ebbe und Flut. Aber es lebt in jedem Menschen eine innerste Heilkraft, der Gesundheitswille, jener ewige Ur- und Lebenstrieb, alles Kranke auszuscheiden, und diesen Gesundheitswillen (den tatsächlich die mechanistische Medizin allzulange mißachtet hat) durch magnetische (wir sagen: suggestive) Einflußnahme zu steigern, sei Aufgabe der neuen magnetischen Heilkunde. Nach Mesmers psychologisch vollkommen richtiger Auffassung, die dann in der Christian Science ihren Superlativ erfährt, kann der seelische Heilungswille, der Gesundheitswille tatsächlich Wunder an Genesung tun: Pflicht des Arztes ist deshalb, dies Wunder herauszufordern. Der Magnetopath lädt gewissermaßen nur die erschöpften Nerven zum entscheidenden Stoß, er füllt und stärkt die innere Verteidigungsbatterie des Organismus. Man möge aber bei diesen Versuchen, die Lebenskraft zu steigern, mahnt Mesmer, nicht erschrecken, wenn die Krankheitssymptome, statt sofort abzuklingen, im Gegenteil anfangs heftiger, konvulsivischer würden, denn gerade dies sei die Aufgabe jeder richtigen magnetischen Behandlung, jede Krankheit bis in ihre äußerste Spitze, bis zur Krise und zum Krampf emporzutreiben; unschwer erkennt man in dieser berühmten »Krisentheorie« Mesmers den alterprobten Teufelsexorzismus des Mittelalters und die Austreibemethoden des ihm wohlbekannten Pater Gaßner. Ohne daß er es ahnt, übt Mesmer seit 1776 regelrechte suggestive und hypnotische Kuren, und das Urgeheimnis seiner Erfolge liegt vor allem in der Vehemenz seiner besonders stark und eindrucksvoll ausstrahlenden, seiner beinahe magischen Persönlichkeitskraft. Aber immerhin, so wenig Mesmer auch über das Wirkende seiner Wirkung weiß – einige sehr wichtige Wahrnehmungen zur Seelenkunde sind diesem seltsamen Eigenbrötler schon in jenen ersten Jahren gelungen, die dann für die weitere Entwicklung bahnbrechend geworden sind. Vor allem beobachtet Mesmer, daß mehrere seiner Patienten besonders magnetempfindlich (wir würden sagen: suggestional oder medial), andere völlig unempfindlich veranlagt sind, daß also bestimmte Menschen als Willenssender, bestimmte als Willensempfänger wirken; steigert man aber die Anzahl der Teilnehmer, so entwickelt sich eine Verstärkung mit Hilfe der Massensuggestion. Mit solchen Beobachtungen erweitert Mesmer geradezu ruckhaft die Differenzierungsmöglichkeiten der damaligen Charakterologie; völlig unerwartet wird das Spektrum der Seele durch diese neue Belichtung anders und farbenreicher zerlegt. Man sieht: eine Unzahl neuer Anregungen wirft so ein einzelner unberatener Mann, der ohne seinen Willen in ein ungeheures Problem gestolpert ist, mitten hinein in seine Zeit. Aber niemand kann ihm eine Erklärung geben für das eigentlich noch heute ungelöste Phänomen, dank welcher Kunst es einzelnen, besonders begabten, gleichsam medizinisch-magischen Naturen gelingt, bloß mit der aufgelegten Hand und der atmosphärischen Wirkung ihrer Persönlichkeit Heilungen zu erzielen, auf die selbst die abgründigste und aufgeklärteste Wissenschaft keinen Reim weiß.

Die Kranken aber, sie fragen nicht nach dem Fluid und dem Wie und Warum, sie drängen, ungestüm vom Ruf der Neuheit, der Sonderheit verlockt, in Scharen heran. Bald muß Mesmer in seinem Haus auf der Landstraße ein eigenes magnetisches Hospital einrichten; sogar aus fremden Ländern kommen Leidende, seit sie von der berühmten Heilung der jungen Demoiselle Österlin gehört und die überströmenden Dankschriften seiner anderen Patienten gelesen haben. Für Musik und galante Gartenspiele ist jetzt im Hause Landstraße 261 die Zeit vorbei: Mesmer, der bisher von seinem Doktordiplom keinen praktischen Gebrauch gemacht, arbeitet fieberhaft von früh bis nachts mit Stäbchen, Baquets und den sonderbarsten Vorrichtungen in seiner neuen Gesundheitsfabrik. Um das Marmorbassin im Garten, in dem früher Goldfische munter spielten, sitzen jetzt in geschlossener Kette die Bresthaften und tauchen andächtig die Füße in das heilwirkende Wasser. Jeder Tag meldet einen neuen Triumph der magnetischen Kuren, jede Stunde bringt neue Gläubige, denn das Gerücht von Wunderheilungen sickert durch Fenster und Türen; bald spricht die ganze neugierige Stadt von nichts anderm als diesem wiedererstandenen Theophrastus Paracelsus. Aber inmitten aller Erfolge bleibt einer nüchtern: der Meister Mesmer selber. Noch immer zögert und zögert er, trotz des Drängens seiner Freunde, sich über dieses wunderträchtige Fluid endgültig zu äußern; nur in siebenundzwanzig Leitsätzen deutet er vage eine erste Theorie des animalischen Magnetismus an. Doch er weigert sich beharrlich, die anderen zu belehren, solange er fühlt, daß er das Geheimnis der eigenen Wirkung erst selbst erlernen muß.

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