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Die Heilung durch den Geist

Stefan Zweig: Die Heilung durch den Geist - Kapitel 4
Quellenangabe
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typeessay
authorStefan Zweig
titleDie Heilung durch den Geist
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorKnut Beck
year1983
isbn3596223008
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121111
projectidb161d8d9
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Bildnis

1773 berichtet Vater Leopold Mozart seiner Frau nach Salzburg: »Letzten Posttag habe ich nicht geschrieben, weil wir eine große Musik bei unserem Freunde Mesmer auf der Landstraße im Garten hatten. Mesmer spielt sehr gut die Harmonika der Miß Dewis, er ist der einzige in Wien, der es gelernt hat, und besitzt eine viel schönere gläserne Maschine, als Miß Dewis selbst hatte. Wolfgang hat auch schon darauf gespielt.« Man sieht, sie sind gute Freunde, der Wiener Arzt, der Salzburger Musiker und dessen berühmter Sohn. Schon einige Jahre vordem, als der berüchtigte Hofoperndirektor Afligio (der später auf der Galeere endete) die erste Oper des vierzehnjährigen Wolfgang Amadeus »La finta semplice« trotz kaiserlichen Befehls nicht zur Aufführung bringen wollte, springt, kühner als Kaiser und Hof, der musikalische Mäzen, Franz Anton Mesmer ein und stellt sein kleines Gartentheater für das deutsche Singspiel »Bastien und Bastienne« zur Verfügung, derart nebst seinem anderen Ruhm das unvergängliche Verdienst sich in der Geschichte sichernd, das erste Opernwerk Wolfgang Amadeus Mozarts aus der Taufe gehoben zu haben. Diese Freundestat vergißt der kleine Wolfgang nicht: in allen Briefen erzählt er von Mesmer, immer ist er am liebsten bei seinem »lieben Mesmer« zu Gast. Und als er im Jahre 1781 ständig Aufenthalt in Wien nimmt, fährt er im Postwagen geradeaus vom Schlagbaum in das vertraute Haus. »Ich schreibe dies im Garten Mesmers auf der Landstraße«, so beginnt sein erster Brief an den Vater vom 17. März 1781. Und in »Cosi fan tutte« hat er dem gelehrten Freund später das bekannte humoristische Denkmal gesetzt. Noch heute und wohl in Jahrhunderte hinein begleitet ein munteres Rezitativ die Verse über Franz Anton Mesmer:

» Hier der Magnetstein
Solls euch beweisen.
Ihn brauchte Mesmer einst,
Der seinen Ursprung nahm
Aus Deutschlands Gauen
Und so berühmt ward
In Francia.
«

Aber nicht nur ein gelehrter Herr, ein kunstfreudiger und menschenfreundlicher, ist dieser sonderbare Doktor Franz Anton Mesmer, er ist auch ein reicher Mann. Wenige im Wiener Bürgerstande besaßen damals ein so wunderschönes, heiter geselliges Haus wie jenes Landstraße 261, wahrhaftig ein Klein-Versailles am Donaustrand. In dem weiten, geräumigen, beinahe fürstlichen Garten entzücken die Gäste allerhand unterhaltsame Vergnüglichkeiten im Stile des Rokoko, kleine Boskette, schattige Baumgänge mit antiken Statuen, ein Vogelhaus, ein Taubenschlag, jenes kokette (leider längst verschollene) Naturtheater, in dem die Premiere von »Bastien und Bastienne« stattfand, ein rundes Marmorbassin, das später bei den magnetischen Kuren höchst merkwürdige Szenen sehen wird, und auf einer kleinen Anhöhe ein Belvedere, von dem man weit über die Donau in den Prater blicken kann. Kein Wunder, daß die plauderfrohe und genießerische Wiener Gesellschaft sich gern in diesem schönen Hause zusammenfindet, denn dieser Doktor Franz Anton Mesmer zählt zu den allerhochansehnlichsten Bürgern, seit er die mehr als dreißigtausend Gulden schwere Witwe des Hofkammerrates van Bosch geheiratet hat. Seine Tafel steht täglich (wie Mozart erzählt) allen seinen Freunden und Bekannten offen, man trinkt und ißt vortrefflich bei diesem hochgelehrten und jovialen Mann und entbehrt auch der geistigen Genüsse nicht. Hier hört man, lange vor dem Druck und meist eigenhändig vom Notenblatt gespielt, die neuesten Quartette, Arien und Sonaten von Haydn, Mozart und Gluck, den intimen Freunden des Hauses, aber auch das Neueste von Piccini und Righini. Wer dagegen vorzieht, von geistigen Dingen zu sprechen, statt Musik zu hören, der findet gleichfalls auf jedem Gebiet an dem Hausherrn einen universal gebildeten Partner. Denn dieser vorgebliche Schwindler Franz Anton Mesmer hat selbst unter Gelehrten Format; schon damals, als er – Sohn eines bischöflichen Jägers, am 23. Mai 1734 zu Iznang am Bodensee geboren – zu weiterer Ausbildung nach Wien übersiedelt, ist er bereits emeritierter Studiosus der Theologie in Ingolstadt und Doktor der Philosophie. Aber das genügt diesem unruhigen Geiste noch lange nicht. Wie weiland Dr. Faustus will er die Wissenschaft an allen Ecken fassen. So studiert er in Wien zunächst noch Jura, um sich zum Schlusse endgültig der vierten Fakultät, der Medizin, zuzuwenden. Am 27. Mai 1766 wird Franz Anton Mesmer, obwohl bereits zwiefacher Doktor »autoritate et consensu illustrissimorum, perillustrium, magnificorum, spectabilium, clarissimorum Professorum« auch zum Doctor Medicinae feierlich promoviert; eigenhändig unterschreibt das Lumen der theresianischen Wissenschaft, der hochberühmte Professor und Hofmedikus Van Swieten, sein Doktordiplom. Jedoch Mesmer, durch seine Heirat ein reicher Mann, will keineswegs aus seinem Heilpermiß gleich Dukaten münzen. Er hat keine Eile mit seiner ärztlichen Praxis und verfolgt lieber als gelehrter Dilettant die entlegensten Entdeckungen der Geologie, Physik, Chemie und Mathematik, die Fortschritte der abstrakten Philosophie und vor allem der Musik. Er spielt selbst sowohl Klavier wie Violoncello, führt als erster die Glasharmonika ein, für die dann Mozart ein eigenes Quintett komponiert. Bald zählen die musikalischen Abende bei Mesmer zu den beliebtesten des geistigen Wien, und neben der kleinen Musikstube des jungen Van Swieten am Tiefen Graben, wo jeden Sonntag Haydn, Mozart und später Beethoven erscheinen, gilt das Haus Landstraße 261 als das erlesenste Refugium für Kunst und Wissenschaft.

Nein, dieser vielverleumdete Mann, den man später so böswillig als medizinischen Außenseiter und ahnungslosen Quacksalber verunglimpfte, dieser Franz Anton Mesmer ist nicht der erste beste, das spürt jeder sofort, der ihm begegnet. Schon äußerlich fällt der wohlgebaute, breitstirnige Mann in jeder Gesellschaft durch seinen hohen Wuchs und sein imposantes Gehaben auf. Wenn er mit seinem Freunde Christoph Willibald Gluck in Paris in einem Salon erscheint, wenden sich alle Blicke neugierig diesen beiden deutschen Enakssöhnen zu, die um Haupteslänge das gewöhnliche Maß überragen. Leider zeichnen nur unzulänglich die wenigen erhaltenen Bilder den physiognomischen Eindruck; immerhin, man sieht, das Antlitz ist harmonisch und schön gestaltet, saftig die Lippe, voll und fleischig das Kinn, prächtig gewölbt die Stirn über den stahlhell klaren Augen; wohltuende Sicherheit strahlt von diesem mächtigen Manne aus, der in unverwüstlicher Gesundheit patriarchalisches Alter erreichen wird. Nichts irriger darum, als sich in dem großen Magnetiseur einen Zauberer, eine dämonische Erscheinung mit flackerndem Blick und diabolischen Blitzfeuern, einen Svengali oder Doktor Spallanzani vorzustellen – im Gegenteil, was alle Zeitgenossen einhellig als Kennzeichen hervorheben, ist seine gesättigte, unerschütterliche Geduld. Mehr schwerblütig als heißblütig, mehr zäh als sprunghaft wild, beobachtet der wackere Schwabe (»er forcht sich nit«) bedächtig die Phänomene, und so wie er durch ein Zimmer geht, breitbeinig, schwer und klobig, mit festem und gemessenem Schritt, so geht er langsam und entschlossen in seinen Forschungen von einer Beobachtung zur anderen weiter, langsam, aber unerschütterlich. Er denkt nicht in blendenden, blitzenden Einfällen, sondern in vorsichtigen, aber dann unumstößlichen Schlüssen, und kein Widerspruch, keine Erbitterung kann seine dickhäutige Ruhe erschüttern. Diese Ruhe, diese Zähigkeit, diese große, beharrliche Geduld bedeutet Mesmers eigentliches Genie. Und nur seiner ungewöhnlich bescheidenen Zurückhaltung, seiner ehrgeizlosen und umgänglichen Art ist das historische Kuriosum zu danken, daß ein gleichzeitig bedeutender und reicher Mann in Wien nur Freunde hat und keinen Feind. Allgemein rühmt man seine Kenntnisse, sein anspruchslos sympathisches Wesen, seine offene Hand und seinen offenen Sinn: »Son âme est comme sa découverte simple, bienfaisante et sublime.« Sogar seine Kollegen, die Wiener Ärzte, schätzen Franz Anton Mesmer als vortrefflichen Medikus – freilich nur bis zum Augenblick, da er die Kühnheit besitzt, eigene Bahnen zu gehen und ohne Zustimmung der Fakultät eine weltbewegende Entdeckung zu machen. Dann ist es plötzlich mit der Beliebtheit zu Ende, und ein Kampf um Sein oder Nichtsein beginnt.

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