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Die Heilung durch den Geist

Stefan Zweig: Die Heilung durch den Geist - Kapitel 38
Quellenangabe
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typeessay
authorStefan Zweig
titleDie Heilung durch den Geist
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorKnut Beck
year1983
isbn3596223008
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121111
projectidb161d8d9
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Geltung in die Zeit

Wir wollen das Individuum – das aus dem Einen und dem Vielen entsteht und sowohl das Bestimmte wie das Unbestimmte von Geburt in sich trägt – nicht eher ins Grenzenlose verschwimmen lassen, bevor wir nicht alle seine Vorstellungsreihen überblickt haben, die zwischen dem Einen und dem Vielen vermitteln.

Plato

Zwei Entdeckungen von symbolischer Gleichzeitigkeit ereignen sich im letzten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts: in Würzburg erweist ein bisher wenig bekannter Physiker namens Wilhelm Röntgen durch ein unerwartetes Experiment die Möglichkeit, den bisher undurchdringlich vermeinten menschlichen Körper zu durchleuchten. In Wien entdeckt ein ebenso unbekannter Wiener Arzt, Sigmund Freud, die gleiche Möglichkeit für die Seele. Beide Methoden ändern nicht nur die Grundlagen ihrer eigenen Wissenschaft, sondern befruchten alle Nachbargebiete; in merkwürdiger Überkreuzung zieht gerade aus der Entdeckung des Physikers die Medizin Gewinn, aus dem Fund des Mediziners wiederum die Psychophysik, die Lehre von den seelischen Kräften.

Durch Freuds großartige und heute in ihrer Wirkung noch lange nicht erschöpfte Entdeckung überschreitet endlich die wissenschaftliche Seelenkunde ihre akademische und theoretische Abgeschlossenheit und mündet in das praktische Leben. Durch ihn wird Psychologie als Wissenschaft zum erstenmal anwendbar auf alle Formen des schöpferischen Geistes. Denn die Psychologie von vordem, was war sie? Ein Schulfach, eine theoretische Spezialforschung, eingesperrt auf Universitäten, eingekapselt in Seminare, Bücher zeitigend in unerträglicher und unlesbarer Formelsprache. Wer sie studierte, wußte nicht mehr von sich und seinen individuellen Gesetzen, als ob er Sanskrit studiert hätte oder Astronomie, und mit gutem Instinkt empfand die Allgemeinheit ihre Laboratoriumsresultate als belanglos, weil völlig abstrakt. Indem Freud die Seelenforschung mit entschlossener Umstellung vom Theoretischen auf das Individuum wendet und die Kristallisation der Persönlichkeit zum Gegenstand der Untersuchung erhebt, schiebt er sie aus dem Seminar in die Wirklichkeit und macht sie dem Menschen lebenswichtig, weil anwendbar. Nun erst kann Psychologie dem Aufbau des werdenden Menschen in der Pädagogik, der Heilung des Kranken in der Medizin, der Beurteilung des Irrenden in der Justiz, dem Verständnis des Schöpferischen in der Kunst mithelfend dienen; indem sie die immer einmalige Individuation eines jeden einzig ihm selber zu erklären sucht, hilft sie zugleich allen andern. Denn wer einmal in sich den Menschen verstehen gelernt hat, der versteht ihn in allen.

Mit dieser Wendung der Seelenforschung auf die Einzelseele hat Freud unbewußt den innersten Willen der Zeit erlöst. Nie war der Mensch neugieriger auf sein eigentliches Ich, auf seine Persönlichkeit, als in diesem unseren Jahrhundert der fortschreitenden Monotonisierung des äußern Lebens. Immer mehr vereinheitlicht und entpersönlicht das technische Zeitalter seinen Bürger zum farblosen Typus; in gleiche Gehaltsklassen abgeteilt, in denselben Häusern wohnend, dieselben Kleider tragend, dieselben Arbeitsstunden an der gleichen Maschine abwerkend und dann hinaus in dieselbe Form des Vergnügens flüchtend, vor das gleiche Radio, dieselbe Schallplatte, in denselben Sport, werden alle einander äußerlich in erschreckender Weise ähnlicher, die Städte mit denselben Straßen immer uninteressanter, die Nationen immer homogener; der ungeheure Schmelztiegel der Rationalisierung zerkocht alle offenbaren Unterschiede. In dem Maße aber, wie unsere Oberfläche immer mehr ab und auf gleich geschliffen wird, je serienhafter und dutzendmäßiger sich die Menschen ins Massenphysiognomische gliedern, um so wichtiger wird inmitten der fortschreitenden Entpersönlichung der Daseinsformen jedem einzelnen die einzige von außen nicht erreichbare und beeinflußbare Erlebnisschicht: seine einmalige, unwiederholbare Persönlichkeit. Sie ist das höchste und fast das einzige Maß des Menschen geworden, und man nenne es nicht Zufall, daß alle Künste und Wissenschaften jetzt so leidenschaftlich dem Charakterologischen dienen. Die Typenlehre, die Deszendenzwissenschaft, die Erbmassentheorie, die Untersuchungen über die individuelle Periodizität bemühen sich, das Persönliche vom Generellen immer systematischer abzugrenzen; in der Literatur erweitert die Biographie die Kenntnis der Persönlichkeitskunde, und längst abgestorben vermeinte Methoden zur Erforschung der innern Physiognomie, wie Astrologie, Chiromantie, Graphologie, gelangen in unseren Tagen zu unvermuteter Blüte. Von allen Rätseln des Daseins ist keines dem Menschen von heute wichtiger als das Wissen um sein eigenes Sein und Gewordensein, um das besonders Bedingte und Nur-Ihm-Gehörige seiner Persönlichkeit.

Diesem innern Lebenszentrum hat Freud die schon abstrakt gewordene Seelenkunde wieder zugeführt. Er hat zum erstenmal das Dramatische im Persönlichkeitsaufbau jedes Menschen beinahe dichterisch groß entwickelt, dies glühende und drängende Durcheinander im Zwielichtreich zwischen Bewußt und Unbewußt, wo der winzigste Anstoß die weitesten Wirkungen zeitigt und in wundersamsten Verstrickungen sich Vergangenes mit Gegenwärtigem bindet – eine Welt, wahrhaft welthaft im engen Blutkreis des Leibes, unübersehbar in ihrer Ganzheit und doch lustvoll wie ein Kunstwerk zu betrachten in ihrer unergründlichen Gesetzmäßigkeit. Das Gesetzhafte eines Menschen aber – dies die entscheidende Umschaltung seiner Lehre – kann niemals schulhaft schematisch beurteilt, sondern nur erlebt, mitgelebt, nachgelebt und aus diesem Erleben als das einzig hier Gültige erkannt werden. Nie mit einer starren Formel, sondern immer nur aus der eigenen erlebnisgeprägten Form eines Schicksals kann man eine Persönlichkeit begreifen: alles Heilen im medizinischen, alles Helfen im moralischen Sinne setzt deshalb bei Freud Erkenntnis voraus, und zwar eine jasagende, mitfühlende und dadurch wahrhaft wissende Erkenntnis. Ehrfurcht vor der Persönlichkeit, vor diesem im Goethischen Sinne »offenbaren Geheimnis« ist darum für ihn aller Seelenkunde und aller Seelenheilkunst unumgänglichster Anbeginn, und diese Ehrfurcht hat Freud wie kein anderer als moralisches Gebot wieder achten gelehrt. Erst durch ihn haben Tausende und Hunderttausende zum erstenmal die Verletzlichkeit der Seele, insbesondere der Kinderseele begriffen und haben angesichts der von ihm aufgedeckten Verwundungen zu ahnen begonnen, daß jedes grobe Zufassen, jedes brutale Hineinfahren (oft nur mit einem Wort!) in diese überempfindliche, mit einer verhängnisvollen Kraft des Sicherinnerns begabte Materie ein Schicksal zerstören kann, daß also jedes unbesonnene Strafen, Verbieten, Drohen und Züchtigen den Strafenden mit einer bisher ungekannten Verantwortung belädt. Ehrfurcht vor der Persönlichkeit, selbst in ihren abwegigen Besonderheiten, sie hat er immer tiefer in das Bewußtsein der Gegenwart, in Schule, Kirche, Gerichtssaal, diese Stätten der Starre und Strenge, neueingeführt und durch diese bessere Einsicht ins Seelische auch eine höhere Rücksicht und Nachsicht in der Welt verbreitet. Die Kunst des gegenseitigen Sichverstehens, diese wichtigste innerhalb der menschlichen Beziehungen, die immer notwendigere zwischen den Nationen, diese einzige Kunst, die uns zum Aufbau einer höheren Humanität helfen kann, sie hat von keiner geistigen Methode unserer Zeit so viel Förderung erfahren wie von Freuds Persönlichkeitslehre; durch ihn ist die Wichtigkeit des Individuums, der unersetzbar einmalige Wert jeder Menschenseele, in einem neuen und tätigen Sinn unserer Gegenwart erst gewahr geworden. Es gibt keinen einzigen namhaften Menschen in Europa auf allen Gebieten der Kunst, der Forschung und der Lebenskunde, dessen Anschauungen nicht direkt oder indirekt durch Freuds Gedankenkreise in Anziehung oder Gegenwehr schöpferisch beeinflußt worden wären: überall hat dieser Außenseiter die Mitte des Lebens – das Menschliche erreicht. Und während die Fachleute sich noch immer nicht damit abfinden können, daß dieses Werk weder im medizinischen noch naturwissenschaftlichen noch philosophischen Schulsinn sich streng regelhaft gebärdet, während um Einzelheit und Endwert Geheimräte und Gelehrte noch ingrimmig streiten, hat sich längst schon Freuds Lehre als unwiderleglich wahr bewiesen – als wahr in jenem schöpferischen Sinne, den uns Goethe geprägt hat mit dem unvergeßlichen Wort: »Was fruchtbar ist, allein ist wahr.«

 

[Nachwort des Herausgebers aus Urheberrechtsgründen gelöscht. Re.]

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