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Die Heilung durch den Geist

Stefan Zweig: Die Heilung durch den Geist - Kapitel 35
Quellenangabe
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typeessay
authorStefan Zweig
titleDie Heilung durch den Geist
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorKnut Beck
year1983
isbn3596223008
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121111
projectidb161d8d9
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Die Technik der Psychoanalyse

Sonderbar, daß das Innere des Menschen nur so dürftig betrachtet und so geistlos behandelt worden ist. Wie wenig hat man noch die Physik für das Gemüt und das Gemüt für die Außenwelt benutzt.

Novalis

An manchen seltenen Stellen unserer vielgestaltigen Erdkruste bricht ungerufen in plötzlicher Eruption das kostbare Erdöl aus der Tiefe, an manchen zeigt sich Gold freiliegend im Flußsand, an manchen liegt Kohle offen zutage. Aber die menschliche Technik wartet nicht, bis da und dort solche unzulängliche Vorkommnisse sich gnädig offenbaren. Sie verläßt sich nicht auf den Zufall, sondern bohrt selbst die Erde auf, um Quellen zum Strömen zu bringen, sie treibt Stollen in die Tiefe, immer tausend vergebliche, um nur einmal an das kostbare Erz zu gelangen. Ebenso darf eine tätige Seelenkunde sich nicht mit jenen zufälligen Geständnissen begnügen, wie sie der Traum und die Fehlleistungen doch nur spurhaft offenbaren; auch sie muß, um an die eigentliche Schicht des Unbewußten heranzukommen, Psychotechnik anwenden, eine Tiefbaukunst, die bis in das innerste Erdreich in zielstrebiger und systematischer Arbeit vordringt. Eine solche Methode hat Freud gefunden und Psychoanalyse genannt.

Diese Methode erinnert in nichts an irgendeine vorausgegangene der Medizin oder Seelenkunde. Sie ist völlig autochthon und neu, ein Verfahren selbständig neben allen andern, eine Psychologie neben und gleichsam unterhalb jeder früheren, und darum von Freud selbst Tiefenpsychologie genannt. Der Arzt, der sie handhaben will, benötigt dafür seine Hochschulkenntnisse in so geringem Maß, daß bald die Frage entstehen konnte, ob eine medizinisch fachärztliche Ausbildung für den Psychoanalytiker überhaupt nötig sei; und tatsächlich hat Freud nach längerem Zögern die sogenannte »Laienanalyse«, das heißt die Behandlung durch nichtgraduierte Ärzte, freigegeben. Denn der Seelenhelfer im Freudischen Sinn überläßt die anatomische Untersuchung dem Physiologen, seine Anstrengung will nur ein Unsichtbares sichtbar machen. Da nicht mechanisch Faßbares oder Tastbares gesucht wird, erübrigt sich für ihn jedwede Apparatur; der Sessel, auf dem der Arzt sitzt, stellt ebenso wie bei der Christian Science das ganze ärztliche Handwerkzeug dieser Seelentherapie dar. Aber die Christian Science verwandte bei ihren Kuren immerhin noch geistige Narkotika und Anästhetika, sie impfte zur Beseitigung des Leidens gewisse Kräftigungsmittel wie Gott und Gläubigkeit der beunruhigten Seele ein. Die Psychoanalyse dagegen vermeidet jeden Eingriff, den seelischen ebenso wie den körperlichen. Denn ihre Absicht ist nicht, in den Menschen etwas Neues hineinzutun, weder ein Medikament, noch einen Glauben, sondern sie versucht, etwas aus ihm herauszuholen, was schon in ihm steckt. Nur Erkenntnis, nur tätige Selbsterkenntnis bringt Heilung im Sinne der Psychoanalyse; nur wenn der Kranke zu sich selbst zurückgeführt wird, in seine Persönlichkeit (und nicht in einen dutzendmäßigen Gesundheitsglauben hinein), wird er Herr und Meister seiner Krankheit. So geschieht die Arbeit eigentlich nicht von außen am Patienten, sondern gänzlich innerhalb seines seelischen Elements.

Der Arzt bringt in diese Art der Behandlung nichts mit als seine überwachende, vorsichtig lenkende Erfahrung. Er hat nicht wie der Praktiker seine Heilmittel schon bereit und nicht wie der Christian Scientist eine mechanische Formel: sein eigentliches Wissen ist nicht vorgeschrieben und fertig, sondern wird erst aus dem Erlebnisinhalt des Kranken herausdestilliert. Der Patient wieder bringt in die Behandlung nichts mit als seinen Konflikt. Aber er bringt ihn nicht offen, nicht einsichtig, sondern in den sonderbarsten, in den täuschendsten Verpackungen, Entstellungen, Verhüllungen, so daß das Wesen seiner Verstörung zunächst weder für ihn noch für den Arzt erkenntlich wird. Was der Neurotiker vorzeigt und bekennt, ist nur ein Symptom. Aber Symptome zeigen im Seelischen niemals klar die Krankheit, im Gegenteil, sie verstecken sie, denn nach der (völlig neuartigen) Auffassung Freuds besitzen Neurosen in sich gar keinen Inhalt, sie haben nur jede eine Ursache. Was ihn eigentlich verstört, weiß der Neurotiker nicht, oder er will es nicht wissen, oder er weiß es nicht bewußt. Er schiebt seit Jahren seinen innern Konflikt in so viel verschiedenen Zwangshandlungen und Symptomen hin und her, daß er schließlich selber nicht mehr weiß, wo er eigentlich steckt. Hier greift nun der Psychoanalytiker ein. Seine Aufgabe ist, dem Neurotiker bei der Aufdeckung des Rätsels zu helfen, dessen Lösung er selber ist. In »tätiger Erkenntnis zu zweien« tastet er mit ihm gemeinsam die Spiegelwand der Symptome nach den eigentlichen Urbildern der Verstörung ab, Schritt für Schritt gehen die beiden das ganze seelische Leben des Kranken zurück bis zur endgültigen Erkennung und Errichtung des inneren Zwiespalts.

Dieser technische Einsatz der psychoanalytischen Behandlung erinnert zunächst mehr an die kriminalistische Sphäre als an die ärztliche. Bei jedem Neurotiker, jedem Neurastheniker liegt nach der Auffassung Freuds ein irgendwann und irgendwo geschehener Einbruch in die Einheit der Persönlichkeit vor, und die erste Maßnahme muß eine möglichst genaue Erkundung des Tatbestandes sein; Ort, Zeit und Erscheinungsform jenes vergessenen oder verdrängten innern Geschehnisses müssen im Seelengedächtnis möglichst genau rekonstruiert werden. Aber schon bei diesem ersten Schritte steht das psychoanalytische Verfahren vor einer Schwierigkeit, wie es das juridische nicht kennt. Denn im psychoanalytischen Verfahren ist der Patient bis zu einem gewissen Grade alles zugleich. Er ist der, an dem die Tat getan wurde, und zugleich der Täter. Er ist durch seine Symptome Ankläger und Belastungszeuge und gleichzeitig der ingrimmigste Verhehler und Verdunkler des Tatbestandes. Er weiß irgendwo tief unten in sich um jenen Vorgang und weiß doch gleichzeitig nicht von ihm; was er vom Ursächlichen aussagt, ist nicht die Ursache; was er weiß, will er nicht wissen, und was er nicht weiß, weiß er irgendwie doch. Aber noch phantastischer! – dieser Prozeß beginnt gar nicht erst jetzt vor dem Nervenarzt, er ist eigentlich seit Jahren schon im Neurotiker ununterbrochen im Gange, ohne zu einem Ende gelangen zu können. Und was das psychoanalytische Eingreifen als letzte Instanz erreichen soll, ist nichts anderes, als diesen Prozeß zu beendigen; zu dieser Lösung, zu dieser Auflösung beruft (unbewußt) der Kranke den Arzt.

Die Psychoanalyse versucht aber nicht, den Neurotiker, den Menschen, der in seinem seelischen Labyrinth den Weg verloren hat, durch eine rasche Formulierung sofort aus seinem Konflikt herauszuführen. Im Gegenteil: sie drängt, sie lockt den Verstörten durch all die eigenen Erlebnisgänge und Irrgänge zunächst erst zurück bis an jenen entscheidenden Punkt, wo die gefährliche Abweichung begonnen hat. Denn um in einem fehlerhaften Gewebe den falschen Einschuß zu korrigieren, den Faden neu einzuknüpfen, muß der Weber immer die Maschine da wiedereinstellen, wo der Faden gerissen ist. Ebenso muß unvermeidlich (es gibt da keine Geschwindarbeit mit Intuitionen, keine Hellseherei) der Seelenarzt, um die Kontinuität des innern Lebens restlos zu erneuern, immer wieder zurück bis auf die Stelle, wo durch jene geheimnisvolle Gewalttat der Knick und Bruch entstanden ist. Schon Schopenhauer hatte bei einem nachbarlichen Gebiet die Vermutung ausgesprochen, eine völlige Heilung bei Geistesstörung wäre denkbar, wenn man bis zu dem Punkt vordringen könnte, wo sich der entscheidende Schock im Vorstellungsleben ereignete; um das Welke an der Blüte zu begreifen, muß die Untersuchung bis an die Wurzeln hinab, bis ins Unbewußte. Und das ist ein weiter und umwegiger, ein labyrinthischer Gang voll Verantwortung und Gefahr; wie ein Chirurg immer vorsichtiger und behutsamer bei der Operation wird, je mehr er sich im zarten Gewebe dem Nerv nähert, so tastet sich in dieser allerverletzlichsten Materie die Psychoanalyse mühselig-langsam von einer Erlebnisschicht in die tiefere hinab. Jede ihrer Behandlungen dauert nicht Tage und Wochen, sondern immer Monate, zuweilen Jahre, und sie erfordert eine in der Medizin bisher nicht annähernd gekannte Dauerkonzentration in der Seele des Arztes, eine langfristige Zusammenfassung, vergleichbar vielleicht nur den Willensexerzitien der Jesuiten. Alles geschieht innerhalb dieser Kur ohne Aufzeichnung, ohne jedes Hilfsmittel, einzig durch eine über weite Zeiträume verteilte Beobachtungskunst. Der Behandelte legt sich auf ein Sofa, und zwar so, daß er den hinter ihm sitzenden Arzt nicht sehen kann (dies, um die Hemmungen der Scham und der Bewußtheit zu hindern), und erzählt. Er erzählt aber nicht, wie meistens irrig angenommen wird, in geschlossener Folge, er legt keine Beichte ab; durch das Schlüsselloch gesehen, würde die Behandlung das groteskeste Schauspiel bieten, denn es geschieht in vielen Monaten äußerlich nichts, als daß von zwei Menschen einer spricht und der andere lauscht. Ausdrücklich schärft der Psychoanalytiker seinem Patienten ein, bei diesem Erzählen auf jedes bewußte Nachdenken zu verzichten und nicht als Anwalt, Kläger oder Richter in das schwebende Verfahren einzugreifen, also überhaupt nichts zu wollen, sondern einzig den ungewollten Einfällen gedankenlos nachzugeben (denn diese Einfälle fallen ja nicht von außen, sondern von innen aus dem Unbewußten in ihn hinein). Gerade das, wovon er meint, daß es zur Sache gehöre, soll er nicht heranholen, denn was bedeutet im tiefsten seine Seelenverstörung anders, als daß eben dieser Mensch nicht weiß, was seine »Sache« ist, seine Krankheit. Wüßte er dies, so wäre er ja seelisch normal, er schüfe sich keine Symptome und müßte nicht zum Arzt. Die Psychoanalyse lehnt darum alle vorbereiteten Berichte, alles Schriftliche ab und mahnt den Patienten nur, möglichst viel an seelischen Lebenserinnerungen ganz locker zu produzieren. Der Neurotiker soll sich ausreden, aus sich herausreden, monologisch draufloserzählen, kreuz und quer, Kraut und Rüben durcheinander, alles, was ihm gerade durch den Kopf geht, das scheinbar Belangloseste, denn gerade die spontanen, die nicht bewußt gewollten, die zufälligen Einfälle sind für den Arzt die wichtigsten. Nur durch solche »Nebensächlichkeiten« kann der Arzt der Hauptsache nahekommen. Darum, ob falsch oder wahr, ob wichtig oder unwichtig, ob theatralisch oder ehrlich: dem Patienten liegt als Hauptpflicht ob, viel zu erzählen, möglichst viel Erlebnismaterial, also biographische und seelencharakteristische Substanz heranzuschaffen.

Nun setzt die eigentliche Aufgabe des Analytikers ein. Aus dem allmählich in hundert Schüben herangekarrten gewaltigen Schutthaufen abgetragenen Lebensbaus, aus diesen Tausenden von Erinnerungen, Bemerkungen und Traumerzählungen muß der Arzt im psychologischen Sieb die Schlacke des Belanglosen absondern und durch einen langwierigen Umschmelzungsprozeß das eigentliche Erz der Beobachtung herausholen: die psychoanalytische Materie aus dem bloßen Material. Niemals darf er gutgläubig den bloßen Rohstoff des Erzählten als vollgültig anerkennen, immer muß er dessen eingedenk bleiben, »daß die Mitteilungen und Einfälle des Kranken nur Entstellungen des Gesuchten sind, gleichsam Anspielungen, aus denen zu erraten ist, was sich dahinter verbirgt«. Denn nicht das Erlebte des Patienten ist für die Erkenntnis der Krankheit wichtig (das ist längst von seiner Seele abgeladen), sondern das noch nicht Ausgelebte des Neurotikers, jenes überschüssige Gefühlselement, das in ihm noch unverwertet liegt wie ein unverdauter Brocken im Magen und wie jener zur Abfuhr drückt und drängt, aber jedesmal durch einen Gegenwillen zurückgekrampft wird. Dieses Gehemmte und seine Hemmung muß der Arzt mit »gleichschwebender Aufmerksamkeit« innerhalb der einzelnen psychischen Äußerungen zu bestimmen suchen, um allmählich zu einem Verdacht und vom Verdacht zur Sicherheit zu gelangen. Aber solches ruhiges, sachliches, gleichsam von außen Beobachten wird ihm durch den Patienten besonders im Anfang der Behandlung gleichzeitig erleichtert und erschwert durch jene fast unvermeidliche Gefühlseinstellung des Kranken, die Freud »die Übertragung« nennt. Der Neurotiker, ehe er zum Arzt kommt, trägt jenen Überschuß unverwendeten, unausgelebten Gefühls lange mit sich herum, ohne ihn jemals abstoßen zu können. Er rollt ihn durch Dutzende von Symptomen hin und her, er spielt sich selbst in den merkwürdigsten Spielen seinen eigenen unbewußten Konflikt vor; sofort aber, da er im Psychoanalytiker zum erstenmal einen aufmerksamen, einen berufsmäßigen Zuhörer und Mitspieler findet, wirft er seine Last wie einen Ball zunächst auf ihn, er versucht seine unverwertbaren Affekte auf den Arzt abzustoßen. Ob Liebe oder Haß, er gerät in einen bestimmten »rapport« zu ihm, in eine intensive Gefühlsbeziehung. Zum erstenmal gelangt, was bisher in der Scheinwelt sinnlos verzuckte und sich niemals ganz zu entladen vermochte, wie auf einer photographischen Platte bildhaft zum Niederschlag. Mit dieser »Übertragung« ist erst die psychoanalytische Situation gegeben: jeder Kranke, der ihrer nicht fähig ist, muß für die Kur als ungeeignet betrachtet werden. Denn der Arzt muß den Konflikt in emotioneller, in lebenshafter Form vor sich entwickelt sehen, um ihn zu erkennen: der Patient und der Arzt müssen ihn gemeinsam erleben.

Diese Gemeinsamkeit in der psychoanalytischen Arbeit besteht darin, daß der Kranke den Konflikt produziert oder vielmehr reproduziert und der Arzt seinen Sinn deutet. Bei dieser Sinngebung und Deutung hat er aber keineswegs (wie man eilfertig annehmen möchte) auf die Hilfe des Kranken zu zählen; in allem Seelenhaften waltet Zwiespältigkeit und Doppelwertigkeit der Gefühle. Derselbe Patient, der zum Psychoanalytiker geht, um seine Krankheit – von der er nur das Symptom kennt – loszuwerden, klammert sich gleichzeitig unbewußt an sie an, denn diese seine Krankheit stellt ja keinen Fremdstoff dar, sondern sie ist seine eigenste Leistung, sein Produkt, ein tätiger charakteristischer Teil seines Ich, den er gar nicht hergeben will. So hält er hart an seiner Krankheit fest, weil er lieber ihre unangenehmen Symptome auf sich nimmt als die Wahrheit, vor der er sich fürchtet und die ihm der Arzt (eigentlich gegen seinen Willen) erklären will. Da er doppelt fühlt und argumentiert, einmal vom Bewußten und einmal vom Unbewußten aus, ist er in einem der Jäger und der Gejagte; nur ein Teil des Patienten ist also Helfer des Arztes, der andere sein erbittertster Gegner, und während die eine Hand ihm zum Schein willig Geständnisse zusteckt, verwirrt und versteckt die andere gleichzeitig den wirklichen Tatbestand. Bewußt kann also der Neurotiker seinem Helfer gar nicht helfen, er kann ihm »die« Wahrheit gar nicht sagen, weil dies Nicht-Wissen oder Nicht-Wissenwollen der Wahrheit ja eben das ist, was ihn aus dem Gleichgewicht und in die Verstörung geworfen hat. Und selbst in den Augenblicken seines Ehrlichseinwollens lügt er über sich. Hinter jeder Wahrheit verbirgt sich immer eine tiefere Wahrheit, und wo einer gesteht, geschieht es oft nur, um ein noch Geheimeres hinter diesem Geständnis zu verbergen. Geständnislust und Scham spielen hier geheimnisvoll miteinander und gegeneinander, bald gibt und bald verbirgt sich der Erzählende im Wort, und mitten im Geständniswillen setzt unvermeidlich die Geständnishemmung ein. Wie ein Muskel krampft sich etwas in jedem Menschen zusammen, wenn ein anderer sich seinem letzten Geheimnis nähern will: jede Psychoanalyse ist im Wirklichen darum Kampf!

Aber das Genie Freuds versteht immer, gerade aus dem erbittertsten Feind den besten Helfer zu gewinnen. Gerade dieser Widerstand wird oft der eigentliche Verräter für das ungewollte Geständnis. Zwiefach verrät sich ja immer für einen feinhörigen Beobachter der Mensch im Gespräch, einmal in dem, was er sagt, und ein zweites Mal in dem, was er verschweigt; die Freudische Detektivkunst wittert die Nähe des entscheidenden Geheimnisses darum am sichersten dort, wo sie spürt, daß das Gegenüber sprechen will und nicht sprechen kann: die Hemmung wird da verräterisch zum Helfer, sie gibt den Weg deutenden Wink. Wo der Kranke zu laut spricht oder zu leise, wo er zu rasch redet und wo er stockt, da will das Unbewußte selbst sprechen. Und diese vielen kleinen Widerstände, diese winzigen Schwankungen, Stockungen, dies Zulaut- oder Zuleisesprechen, sobald ein bestimmter Komplex angenähert wird, zeigen mit der Hemmung endlich deutlich das Hemmende und das Gehemmte, kurzum den gesuchten, den versteckten und verdeckten Konflikt.

Denn immer handelt es sich im Verlauf einer Psychoanalyse um infinitesimal kleine Erkenntnisse, um Erlebnissplitter, aus denen sich dann allmählich als Mosaik das innere Erlebnisbild zusammensetzt. Nichts Einfältigeres als die in Salons und an Kaffeehaustischen seßhafte Vorstellung, man werfe in den Psychoanalytiker wie in einen Automaten seine Träume und Geständnisse ein, kurble ihn mit ein paar Fragen an, und sofort käme die Diagnose heraus. In Wahrheit ist jede psychoanalytische Behandlung ein ungeheuer komplizierter, ein durchaus unmechanischer und sogar kunstvoller Prozeß, vergleichbar am ehesten der stilgerechten Restauration eines alten verschmutzten, von plumper Hand übermalten Gemäldes, das in bewundernswerter Geduldarbeit millimeterhaft innerhalb einer verletzlichen und kostbaren Materie Schicht um Schicht erneuert und wieder verlebendigt werden muß, ehe nach Ablösung des Übertünchten das ursprüngliche Bild endlich in seinen natürlichen Farben zutage tritt. Obwohl unablässig mit Einzelheiten beschäftigt, zielt die aufbauende Arbeit der Psychoanalyse immer nur auf das Ganze, auf die Erneuerung der Gesamtpersönlichkeit: darum kann in einer wahrhaftigen Analyse niemals bloß ein einzelner Komplex einzeln herausgegriffen werden, jedesmal muß vom Fundament aus das ganze seelische Leben eines Menschen wieder aufgebaut werden. Geduld ist also die erste Eigenschaft, welche diese Methode erfordert, eine tätige Geduld bei ständiger und gleichzeitig doch nicht demonstrativ gespannter Aufmerksamkeit des Geistes, denn, ohne es sich merken zu lassen, muß der Arzt sein unvoreingenommenes Zuhören neutral verteilen auf das, was der Patient erzählt und was er nicht erzählt, und überdies wach auf die Nuancen blicken, mit denen er erzählt. Er muß den jedesmaligen Bericht jeder Sprechstunde mit allen früheren konfrontieren, um zu merken, welche Episoden sein Gegenüber auffällig oft wiederholt, an welchen Punkten seine Erzählung sich widerspricht, und darf bei dieser Wachsamkeit nie das Absichtsvolle seiner Neugierde verraten. Denn sobald der Patient spürt, daß man ihm auflauert, verliert er seine Unbefangenheit, – gerade jene Unbefangenheit, die allein zu dem kurzen phosphoreszierenden Aufleuchten des Unbewußten führt, in dem der Arzt die Konturen dieser fremden Seelenlandschaft erkennt. Aber auch diese seine eigene Deutung darf er dann seinem Patienten nicht aufdrängen, denn gerade das ist ja der Sinn der Psychoanalyse, daß die Selbsterkenntnis im Kranken von innen wachse, daß das Erlebnis sich auslebe. Der ideale Fall der Heilung tritt erst ein, wenn der Patient sein neurotisches Demonstrieren endlich selbst als überflüssig erkennt und seine Gefühlsenergieen nicht mehr an Wahn und Träume verschwendet, sondern in Leben und Leistung erlöst. Dann erst entläßt die Analyse den Kranken.

Wie oft aber – gefährliche Frage! – gelingt der Psychoanalyse solche vollkommene medizinische Lösung? Ich fürchte, nicht allzu häufig. Denn ihre Frage- und Lauschekunst benötigt eine ungemeine Feinhörigkeit des Herzens, eine hohe Hellsichtigkeit des Gefühls, eine so besondere Legierung kostbarster geistiger Substanzen, daß nur ein wahrhaft Prädestinierter, ein wirklich zum Psychologen Berufener hier als Heilhelfer zu wirken vermag. Die Christian Science, die Coué-Methode dürfen es sich erlauben, bloße Mechaniker ihres Systems heranzubilden. Dort genügt es, ein paar allgültige Formeln zu lernen: »Es gibt keine Krankheit«, »Ich fühle mich besser mit jedem Tag«; mit diesen grob gehämmerten Begriffen dreschen ohne sonderliche Gefahr selbst harte Hände so lange auf schwache Seelen los, bis der Krankheitspessimismus total zertrümmert ist. Bei der psychoanalytischen Behandlung aber steht der wahrhaft verantwortliche Arzt vor der Pflicht, in jedem individuellen Fall sich sein System selbständig zu erfinden, und derartige schöpferische Anpassungsfähigkeit läßt sich nicht mit Fleiß und Verstand erlernen. Sie erfordert einen geborenen und geübten Seelenerkenner, von Natur aus befähigt, sich einzudenken, sich einzufühlen in fremdeste Schicksale, gepaart mit menschlichem Takt und stillbeobachtender Geduld; darüber hinaus müßte aber von einem wirklich schöpferischen Psychoanalytiker noch ein gewisses magisches Element ausgehen, ein Strom von Sympathie und Sicherheit, dem sich jede fremde Seele willig und leidenschaftlich dienstwillig anvertraut, – unerlernbare Qualitäten dies alles und nur im Falle der Gnade in einem einzigen Menschen versammelt. In der Seltenheit solcher wirklicher Seelenmeister will mir die Beschränkung liegen, warum Psychoanalyse immer nur Berufung von einzelnen und niemals – wie es leider heute zu oft geschieht – Beruf und Geschäft werden kann. Aber hier denkt Freud merkwürdig nachsichtig, und wenn er sagt, die erfolgreiche Handhabung seiner Deutekunst erfordere zwar Takt und Übung, sei aber »unschwer zu erlernen«, so möge da am Rande ein dickes und beinahe grimmiges Fragezeichen gestattet sein. Denn schon der Ausdruck »Handhabung« scheint mir unglücklich für einen die geistigsten, ja sogar inspirativen Kräfte seelischen Wissens erfordernden Prozeß und der Hinweis auf allgemeine Erlernbarkeit sogar gefährlich. Denn so wenig die Kenntnis der Verstechnik einen Dichter, so wenig schafft das emsigste Studium der Psychotechnik einen wirklichen Psychologen, und keinem andern als ihm allein, dem geborenen, einfühlungsfähigen Seelendurchschauer, dürfte jemals Eingriff in dieses feinste, subtilste und empfindlichste aller Organe gestattet sein. Nur mit Grauen kann man sich vorstellen, wie gefährlich ein inquisitorisches Verfahren, das ein schöpferischer Geist wie Freud in höchster Feinheit und Verantwortung ausdachte, in plumpen Händen werden könnte. Nichts hat wahrscheinlich dem Ruf der Psychoanalyse so sehr geschadet wie der Umstand, daß sie sich nicht auf einen engen, aristokratisch ausgewählten Seelenkreis beschränkte, sondern das Unerlernbare in Schulen lehrte. Denn in dem raschen und unbedenklichen Von-Hand-zu-Hand-Gehen sind manche ihrer Begriffe vergröbert und nicht eben sauberer geworden; was sich heute in der Alten und mehr noch in der Neuen Welt als psychoanalytische Behandlung fachmännisch oder dilettantisch ausgibt, hat oft nur traurig parodistische Ähnlichkeit mit der ursprünglichen, auf Geduld und Genie eingestellten Praxis Sigmund Freuds. Gerade wer unabhängig urteilen will, muß feststellen, daß nur infolge jener Schulanalysen heute jede ehrliche Übersicht fehlt, was die Psychoanalyse eigentlich heilmäßig leistet, und ob sie jemals zufolge des Einbruchs zweifelhafter Laien die absolute Gültigkeit einer klinisch exakten Methode wird behaupten können; hier gehört die Entscheidung nicht uns, sondern der Zukunft.

Freuds psychoanalytische Technik, nur das ist gewiß, bedeutet lange noch nicht das letzte und entscheidende Wort innerhalb der seelischen Heilkunde. Aber dies bleibt ihr Ruhm für alle Zeiten, das erste Blatt dieses allzulange versiegelten Buches gewesen zu sein, der erste methodologische Versuch, das Individuum aus seinem eigenen Persönlichkeitsmaterial heraus zu erfassen und zu heilen. Mit genialem Instinkt hat ein einzelner Mann das Vakuum inmitten der zeitgenössischen Heilkunde erkannt, die unfaßbare Tatsache, daß längst das geringste Organ des Menschen verantwortliche Pflege gefunden hatte – Zahnpflege, Hautpflege, Haarpflege –, während die Not der Seele noch keine Zuflucht in der Wissenschaft hatte. Bis zum Erwachsensein halfen die Pädagogen dem unfertigen Menschen, dann ließen sie ihn gleichgültig mit sich allein. Und vollkommen wurden jene vergessen, die auf der Schule mit sich noch nicht fertig geworden waren, die ihr Pensum noch nicht bewältigt hatten und ratlos ihre unausgetragenen Konflikte mit sich schleppten. Für diese In-sich-selbst-Zurückgebliebenen, für die Neurotiker, die Psychotiker, für die in ihrer Triebwelt Verhafteten hatte eine ganze Generation keinen Raum, keine Beratungsstelle; die kranke Seele irrte hilflos auf den Gassen und suchte vergeblich nach Rat. Diese Instanz hat Freud geschaffen. Er hat die Stelle, wo in antikischen Tagen der Psychagoge, der Seelenhelfer und Weisheitslehrer und in den Zeiten der Frömmigkeit machtvoll der Priester stand, einer neuen und neuzeitlichen Wissenschaft zugewiesen, die ihre Grenzen sich selbst erst erobern muß. Aber die Aufgabe ist großartig gestellt, die Türe aufgetan. Und wo immer der menschliche Geist Weite spürt und unerkundete Tiefen, da ruht er nicht mehr, sondern spannt sich empor und entfaltet seine unermüdbaren Schwingen.

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