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Die Heilung durch den Geist

Stefan Zweig: Die Heilung durch den Geist - Kapitel 34
Quellenangabe
pfad/zweig/heigeist/heigeist.xml
typeessay
authorStefan Zweig
titleDie Heilung durch den Geist
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorKnut Beck
year1983
isbn3596223008
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121111
projectidb161d8d9
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Traumdeutung

Comment les hommes ont-ils si peu réfléchi jusqu'alors aux accidents du sommeil, qui accusent en l'homme une double vie! N'y aurait-il pas une nouvelle science dans ce phénomène? ... il annonce au moins la désunion fréquente de nos deux natures. J'ai donc enfin un témoignage de la supériorité qui distingue nos sens latents de nos sens apparents.

Balzac, Louis Lambert, 1833.

Das Unbewußte ist das tiefste Geheimnis jedes Menschen: dies ihm aufdecken zu helfen, setzt sich die Psychoanalyse als Aufgabe. Wie aber offenbart sich ein Geheimnis? Auf dreierlei Art. Man kann einem Menschen, was er verhehlt, mit Gewalt abzwingen: nicht umsonst haben Jahrhunderte gezeigt, wie man mit der Folter auch hartnäckig verpreßte Lippen löst. Man kann ferner auf kombinatorische Weise das Versteckte erraten, indem man die ganz kurzen Augenblicke nutzt, da sein flüchtiger Umriß – gleich dem Rücken eines Delphins über dem undurchdringlichen Spiegel des Meeres – für eine Sekunde aus dem Dunkel taucht. Und man kann schließlich mit großer Geduld die Gelegenheit abwarten, wo im Zustand gelockerter Wachsamkeit das Verschwiegene sich selber ausplaudert.

Alle diese drei Techniken übt abwechselnd die Psychoanalyse. Zuerst versuchte sie das Unbewußte durch Willenszwang in der Hypnose gewaltsam zum Reden zu bringen. Daß der Mensch mehr von sich selber weiß, als er bewußt sich und andern eingesteht, war von je der Psychologie wohlbekannt, doch sie verstand nicht, an dieses Unterbewußtsein heranzukommen. Erst der Mesmerismus zeigte, daß im künstlichen Dämmerschlaf oft mehr aus einem Menschen herausgeholt werden kann als im Wachzustande. Da der Willensbetäubte im Trancezustand nicht weiß, daß er vor andern spricht, da er in dieser Schwebe mit sich im Weltenraum allein zu sein glaubt, plaudert er ahnungslos seine innersten Wünsche und Verschwiegenheiten aus. Darum schien die Hypnose zunächst das aussichtsreichste Verfahren; bald aber (aus Gründen, die zu weit ins einzelne führen würden) gibt Freud diese Art, gewaltsam ins Unbewußte einzubrechen, als eine unmoralische und unergiebige auf: wie die Justiz in ihrem humaneren Stadium auf die Folter freiwillig Verzicht leistet, um sie durch die feinmaschigere Kunst des Verhörs und des Indizienbeweises zu ersetzen, so geht die Psychoanalyse von der ersten gewaltübenden Epoche des Geständniserzwingens zu jener des kombinatorischen Erratens über. Jedes Wild, so flüchtig und leichtfüßig es sei, hinterläßt Spuren. Und genau wie der Jäger am winzigsten Fußtapfen die Gangart und Gattung des gesuchten Wildes abliest, so wie der Archäologe aus dem Splitter einer Vase den Generationscharakter einer ganzen verschütteten Stadt feststellt, so übt in ihrer fortgeschritteneren Epoche die Psychoanalyse ihre Detektivkunst an jenen spurhaften Gegenwartszeichen, in denen sich das unbewußte Leben innerhalb des bewußten verrät. Schon bei den ersten Nachforschungen nach solchen kleinen Andeutungen entdeckte Freud eine verblüffende Fährte: die sogenannten Fehlleistungen. Unter Fehlleistungen (immer findet Freud zu dem neuen Begriff auch das wie ein Herzschuß treffende Wort) faßt die Tiefenpsychologie alle jene sonderbaren Phänomene zusammen, welche die größte und älteste Meisterin der Psychologie, die Sprache, längst als einheitliche Gruppe erkannt und deshalb einheitlich durch die Silbe »ver« gekennzeichnet hatte, also das Ver-sprechen, das Ver-lesen, Ver-schreiben, Ver-wechseln, Ver-gessen, Ver-greifen. Winzige Tatsachen, zweifellos: man verspricht sich, man sagt ein Wort für ein anderes, man nimmt ein Ding für das andere, man verschreibt sich, man schreibt ein Wort für das andere – jedem stößt solcher Irrtum dutzendemal am Tage zu. Aber wie kommt es zu diesen Druckfehlerteufeleien des täglichen Lebens? Was ist die Ursache dieser Auflehnung der Materie gegen unsern Willen? Nichts – Zufall oder Ermüdung, antwortete die alte Psychologie, sofern sie überhaupt derlei unbeträchtliche Irrtümer des Alltags ihrer Aufmerksamkeit würdigte. Gedankenlosigkeit, Zerstreutheit, Unachtsamkeit. Aber Freud greift schärfer zu: was heißt Gedankenlosigkeit anderes als eben dies, die Gedanken nicht dort zu haben, wo man sie haben will? Und wenn man schon die gewollte Absicht nicht verwirklicht, wieso springt dann eine andere ungewollte für sie ein? Warum sagt man ein anderes Wort als das beabsichtigte? Da bei der Fehlleistung statt der gewünschten eine andere Leistung ausgelöst wird, so muß sich jemand eingedrängt haben, der sie so unerwartet vollbringt. Ein Irgend-Jemand muß da sein, der dieses falsche Wort hervorholt für das richtige, der den Gegenstand versteckt, den man finden will, der das falsche Ding für das bewußt gesuchte einem heimtückisch in die Hand steckt. Nun erkennt Freud (und diese Idee beherrscht seine ganze Methodik) nirgendwo im Seelischen ein Sinnloses, ein bloß Zufälliges an. Für ihn hat jedes psychische Geschehnis einen bestimmten Sinn, jedes Tun seinen Täter; und da in diesen Fehlleistungen nicht das Bewußte eines Menschen handelnd in Erscheinung tritt, sondern verdrängt wird, was kann diese verdrängende Kraft anderes sein als das Unbewußte, das lang und vergeblich gesuchte? Fehlleistung bedeutet also für Freud nicht Gedankenlosigkeit, sondern das Sichdurchsetzen eines zurückgedrängten Gedankens. Ein Etwas spricht sich im »Ver«sprechen, »Ver»schreiben, »Ver«greifen aus, das unser wacher Wille nicht zu Wort kommen lassen wollte. Und dieses Etwas spricht die unbekannte und erst zu erlernende Sprache des Unbewußten.

Damit ist ein Grundsätzliches geklärt: erstens, in jeder Fehlleistung, in allem scheinbar falsch Getanem drückt sich ein untergründig Gewolltes aus. Und zweitens: in der bewußten Willenssphäre mußte ein Widerstand gegen diese Äußerung des Unbewußten tätig gewesen sein. Wenn zum Beispiel (ich wähle Freuds eigene Beispiele) ein Professor auf einem Kongreß von der Arbeit eines Kollegen sagt: »Wir können diesen Fund gar nicht genug unterschätzen«, so wollte seine unbewußte Absicht zwar »überschätzen« sagen, aber gedacht hat er im Innersten »unterschätzen«. Die Fehlleistung wird nun zum Verräter seiner wahrhaften Einstellung, sie plaudert zu seinem eigenen Entsetzen das Geheimnis aus, daß er die Leistung seines Kollegen innerlich lieber herabsetzen als hervorheben wollte. Oder wenn jene touristisch ausgebildete Dame auf einer Dolomitenpartie klagt, sie habe Bluse und Hemd durchgeschwitzt, und dann fortfährt: »Wenn man aber dann nach Hose kommt und sich umziehen kann« wer versteht da nicht, daß sie ursprünglich die Erzählung vollständiger geben wollte und naiv berichten, daß sie Bluse, Hemd und Hose durchgeschwitzt habe! Der Begriff Hose war nahe daran, sich zum Wort zu formen, – da wird ihr im letzten Moment die Ungehörigkeit der dargestellten Situation bewußt, dieses Bewußtsein stellt sich vor das Wort und drängt es zurück. Aber der unterirdische Wille ist nicht ganz zu Boden geschlagen, und so springt, die momentane Verwirrung benützend, das Wort als »Fehlleistung« in den nächsten Satz. Man sagt beim Versprechen das, was man eigentlich nicht hatte sagen wollen, aber was man wirklich gemeint hat. Man vergißt, was man innerlich eigentlich vergessen wollte. Man verliert, was man zu verlieren wünschte. Fast immer bedeutet eine Fehlleistung Geständnis und Selbstverrat.

Diese im Vergleich zu seinen eigentlichen Funden geringfügige psychologische Entdeckung Freuds ist, weil die amüsanteste und unanstößigste, unter allen seinen Beobachtungen am einhelligsten anerkannt worden: innerhalb seiner Lehre entwickelt sie nur überleitende Kraft. Denn diese Fehlleistungen ereignen sich verhältnismäßig selten, sie liefern nur atomhafte Splitter des Unterbewußten, zu wenige und im Zeitraum zu sehr versprengte, als daß man aus ihnen ein Gesamtmosaik zusammensetzen könnte. Aber selbstverständlich tastet Freuds beobachtende Neugier von hier aus die ganze Fläche unseres Seelenlebens weiter ab, ob nicht andere solcher »sinnloser« Phänomene vorhanden und in diesem neuen Sinne deutbar seien. Und er braucht nicht weit zu suchen, um auf ein Allerhäufigstes unseres Seelenlebens zu stoßen, das gleichfalls als sinnlos gilt, ja sogar als der Typus des Sinnlosen. Selbst der Sprachgebrauch bezeichnet ja den Traum, diesen täglichen Gast unseres Schlafes, als konfusen Eindringling und phantastischen Vaganten auf unserer sonst logisch klaren Gehirnbahn: Träume sind Schäume! Sie gelten als hohles, farbig aufgeblasenes Nichts ohne Zweck und Sinn, eine Fata Morgana des Bluts, und ihre Bilder haben nichts zu »bedeuten«. Man hat nichts zu tun mit seinen Träumen, man ist unschuldig an diesen einfältigen Koboldspielen seiner Phantasie, argumentiert die alte Psychologie und lehnte jede Vernunftdeutung ab: mit diesem Lügner und Narren sich in ernste Rede einzulassen, hat für die Wissenschaft weder Sinn noch Wert.

Wer aber spricht, bildert, schildert, handelt und gestaltet in unseren Träumen? Daß hier jemand anderes spreche, handle und wolle als unser waches Ich, ahnte schon die früheste Vorzeit. Bereits das Altertum erklärte von den Träumen, sie seien »eingegeben«, von etwas Übermächtigem in uns hineingetan. Ein überirdischer oder – wenn man das Wort wagen darf – ein überichlicher Wille trete hier in Erscheinung. Für jeden außermenschlichen Willen aber wußte die mythische Welt nur eine Deutung: die Götter! – denn wer außer ihnen besaß die verwandelnde Kraft und die obere Gewalt? Sie waren es, die sonst unsichtbaren, die in symbolischen Träumen den Menschen nahten, ihnen Botschaft einflüsterten und den Sinn mit Schrecknis oder Hoffnung erfüllten und an die schwarze Wand des Schlafes mahnend oder beschwörend jene bunten Bilder hinzeichneten. Da sie heilige, da sie göttliche Stimme in diesen nächtlichen Offenbarungen zu hören glaubten, wandten alle Völker der Urzeit ihre äußerste Inbrunst daran, diese Göttersprache »Traum« menschlich zu verstehen, um aus ihr den göttlichen Willen zu erkennen. So steht im Anfang der Menschheit als eine der frühesten Wissenschaften die Traumdeutung: vor jeder Schlacht, vor jeder Entscheidung, an jedem Morgen einer durchträumten Nacht werden von den Priestern und Weisen die Träume geprüft und ihre Geschehnisse als Symbole eines kommenden Guten oder drohenden Bösen gedeutet. Denn die alte Traumdeutekunst meint, sehr im Gegensatz zu jener der Psychoanalyse, welche damit die Vergangenheit eines Menschen entschleiern will, in diesen Phantasmagorieen verkündeten die Unsterblichen den Sterblichen die Zukunft. So blüht in den Tempeln der Pharaonen und den Akropolen Griechenlands und den Heiligtümern Roms und unter dem brennenden Himmel Palästinas jahrtausendelang diese mystische Wissenschaft. Für Hunderte und Tausende von Geschlechtern und Völkern war der Traum der wahrhafteste Erklärer des Schicksals.

Die neue, die empirische Wissenschaft bricht selbstverständlich schroff mit dieser Auffassung als einer abergläubischen und naiven. Da sie keine Götter und kaum das Göttliche anerkennt, sieht sie in Träumen weder Sendung von oben noch sonst einen Sinn. Für sie sind Träume ein Chaos, wertlos, weil sinnlos, ein bloßer physiologischer Akt, ein atonales, dissonanzhaftes Nachschwingen der Nervenerregungen, Blasen und Blähungen des blutüberstauten Gehirns, ein letzter wertloser Abhub der am Tage unverdauten Eindrucksreste, den die schwarze Welle des Schlafes mit sich schwemmt. Einem solchen lockeren Gemengsel fehle natürlich jeder logische oder seelische Sinn. Darum billigt die Wissenschaft den Bilderfolgen der Träume weder Wahrheit noch Zweck, Gesetz oder Bedeutung zu; darum versucht ihre Psychologie sich gar nicht an der Sinngebung eines Sinnlosen, an der Deutung eines Bedeutungslosen.

Erst mit Freud beginnt wieder – nach zwei- oder dreitausend Jahren – eine positive Einschätzung des Traumes als eines schicksalverräterischen Akts. Abermals hat die Tiefenpsychologie dort, wo die andern nur ein Chaos, ein regelloses Getriebe annahmen, geregeltes Walten erkannt: was ihren Vorgängern verworrenes Labyrinth ohne Ausgang und ohne Ziel, erscheint ihr als die Via regia, die Hauptstraße, welche das unbewußte Leben dem bewußten verbindet. Der Traum vermittelt zwischen unserer hintergründigen Gefühlswelt und der unserer Einsicht unterworfenen: durch ihn können wir manches wissen, was wir uns weigern, wach zu wissen. Kein Traum, behauptet Freud, ist völlig sinnlos, jeder hat, als ein vollgültiger seelischer Akt, einen bestimmten Sinn. Jeder ist Kundgebung zwar nicht eines höheren, eines göttlichen, eines außermenschlichen Wollens, aber oftmals des innersten, geheimsten Willens im Menschen.

Allerdings, dieser Bote spricht nicht unsere gewöhnliche Sprache, nicht jene der Oberfläche, sondern die Sprache der Tiefe, der unbewußten Natur. Darum verstehen wir seinen Sinn und seine Sendung nicht sofort: wir müssen erst lernen, sie zu deuten. Eine neue, erst zu schaffende Wissenschaft muß uns lehren, was dort in Bildern mit kinematographischen Geschwindigkeiten auf der schwarzen Schlafwand vorbeiflitzt, festzuhalten, zu agnoszieren, ins Verständliche zurückzuübersetzen. Denn wie alle primitiven Ursprachen der Menschheit, wie jene der Ägypter und Chaldäer und Mexikaner, drückt sich die Traumsprache ausschließlich in Bildern aus, und wir stehen jedesmal vor der Aufgabe, ihre Bildsymbole in Begriffe umzudeuten. Dieses Umsetzen von Traumsprache in Denksprache unternimmt die Freudsche Methode in einer neuen, in einer charakterologischen Absicht. Wollte die alte, die prophetische Traumdeutung die Zukunft eines Menschen ergründen, so sucht die werdende, die psychologische Traumdeutung vor allem die seelenbiologische Vergangenheit des Menschen aufzudecken und damit seine innerste Gegenwart. Denn nur scheinbar ist das Ich, das man im Traum ist, das gleiche unseres Wachens. Da im Traum keine Zeit gilt (wir sagen nicht zufällig »traumhaft schnell«), sind wir im Traum alles zugleich, was wir jemals waren und jetzt sind, Kind und Knabe, der Mensch von gestern und heute, das gesamte Ich also, die volle Summe nicht nur unseres Lebens, sondern auch Gelebthabens, während wir im Wachen einzig unser Augenblick-Ich empfinden. Alles Leben ist also Doppelleben. Unten im Unbewußten sind wir unsere Ganzheit, das Einst und Heute, Urmensch und Kulturmensch im wirrgemengten Gefühl, archaische Reste eines naturverbundenen weiteren Ich, oben im klaren, schneidenden Licht nur das bewußte Zeit-Ich. Und von diesem universellen, aber dumpferen Leben geht zu unserem bloß zeitlichen Sein Nachricht fast nur nachts herüber durch diesen geheimnisvollen Boten im Dunkel – den Traum: das Wesentlichste was wir von uns ahnen, wissen wir durch ihn. Ihn zu erlauschen, seine Sendung zu verstehen, heißt darum von unserer eigentlichsten Eigenheit erfahren. Nur wer seinen Willen nicht bloß im Wachraum, sondern auch in den Tiefen seiner Träume kennt, weiß wahrhaftig um jene Summe aus erlebtem und zeitlichem Leben, die wir unsere Persönlichkeit nennen.

Wie aber ein Lot hinabsenken in solche undurchdringliche und unmeßbare Tiefen? Wie deutlich erkennen, was sich nie klar zeigt, war nur maskenhaft wirr durch die Schattengänge unseres Schlafes flackert, was bloß orakelt, statt zu reden? Hier einen Schlüssel zu finden, die entzaubernde Chiffre, welche die unfaßbare Traumbildsprache in Wachsprache übersetzt, scheint Magie zu erfordern, eine geradezu hellseherische Intuition. Aber Freud besitzt in seiner psychologischen Werkstatt einen Dietrich, der ihm alle Türen aufsperrt, er übt eine fast unfehlbare Methodik: überall, wo er das Allerkomplizierteste erreichen will, geht er vom Allerprimitivsten aus. Immer setzt er die Urform neben die Endform; immer und überall tastet er, um die Blüte zu begreifen, zuerst zu den Wurzeln hinab. Deshalb beginnt Freud seine Traumpsychologie statt bei dem hochkultivierten Wachmenschen beim Kinde. Denn im kindlichen Bewußtsein liegen noch wenig Dinge im Vorstellungsraum nebeneinander, der Denkkreis ist noch beschränkt, die Assoziation noch schwächlich, das Traummaterial also übersichtlich. Im Kindtraum ist nur ein Minimum von Deutungskunst nötig, um bei so dünner Denkschicht die seelische Gefühlsunterlage zu durchschauen. Ein Kind ist an einem Schokoladengeschäft vorübergegangen, die Eltern haben sich geweigert, ihm etwas zu kaufen – so träumt das Kind von Schokolade. Vollkommen unfiltriert, vollkommen ungefärbt, verwandelt sich im Kindergehirn Begierde in Bild, Wunsch in Traum. Noch fehlt jede geistige, jede moralische, jede schamhafte, jede intellektuelle Hemmung, jede Voraussicht und jede Rücksicht. Mit der gleichen Unbefangenheit, mit der das Kind sein Äußeres, seinen Körper nackt und schamunkundig jedem Menschen darbietet, zeigt es auch unverhüllt seine inneren Wünsche im Traum.

Damit ist einer künftigen Deutung schon einigermaßen vorgearbeitet. Die Symbolbilder des Traums verbergen also meistens unerfüllte, zurückgedrängte Wünsche, die sich am Tage nicht verwirklichen konnten und nun auf der Traumstraße in unser Leben zurückstreben. Was aus irgendwelchen Gründen bei Tag nicht Tat oder Wort werden konnte, spricht sich dort bildernd und schildernd in farbigen Phantasieen aus; nackt und sorglos können in der unbewachten Flut des Traums alle Begehrungen und Strebungen des innern Ich sich spielend umtummeln. Scheinbar völlig ungehemmt – bald wird Freud diesen Irrtum korrigieren – lebt sich dort aus, was im realen Leben nicht zur Geltung kommen kann, die dunkelsten Wünsche, die gefährlichsten und verbotensten Begierden; in diesem unzugänglichen Revier kann endlich die tagsüber eingehürdete Seele sich all ihrer sexuellen und aggressiven Tendenzen entlasten: im Traum kann der Mann die Frau umarmen und mißbrauchen, die sich im Wachen ihm verweigert, der Bettler Reichtum an sich raffen, der Häßliche sich ein schönes Fell umhängen, der Alte sich verjüngen, der Verzweifelte glücklich, der Vergessene berühmt, der Schwache stark werden. Hier allein kann der Mensch seine Widersacher töten, seinen Vorgesetzten unterjochen, endlich einmal göttlich frei und ungebunden seinen innersten Gefühlswillen ekstatisch ausleben. Jeder Traum bedeutet also nichts anderes, als einen tagsüber unterdrückten oder sogar vor sich selbst unterdrückten Wunsch des Menschen: so scheint die Anfangsformel zu lauten.

Bei dieser ersten provisorischen Feststellung Freuds ist die breitere Öffentlichkeit stehen geblieben, denn diese Formel: Traum ist gleich unausgelebter Wunsch, handhabt sich so denkeinfach und bequem, daß man mit ihr spielen kann wie mit einer Glaskugel. Und tatsächlich meinen gewisse Kreise, ernstlich Traumanalyse zu treiben, wenn sie sich mit dem unterhaltsamen Gesellschaftsspiel amüsieren, jeden Traum auf seine Wunsch- und womöglich Sexualsymbolik abzutasten. In Wirklichkeit hat niemand ehrfurchtsvoller als gerade Freud die Vielmaschigkeit des Traumgewebes und die kunstvolle Mystik seiner verschlungenen Muster betrachtet und immer wieder gerühmt. Sein Mißtrauen gegen allzu rasche Ergebnisse brauchte nicht lange, um gewahr zu werden, daß jene übersichtliche Einstrebigkeit und sofortige Verständlichkeit nur für den Kindertraum gelte, denn beim Erwachsenen bedient sich die bildnerische Phantasie bereits eines ungeheuren symbolischen Materials von Assoziationen und Erinnerungen. Und jenes Bildervokabular, das im Kinderhirn höchstens ein paar hundert gesonderte Vorstellungen umfaßt, webt hier mit unbegreiflicher Fertigkeit und Geschwindigkeit Millionen und vielleicht Milliarden von Erlebnismomenten zu den verwirrendsten Gespinsten zusammen. Vorbei ist im Traum des Erwachsenen jene schamunbewußte Nacktheit und Unverhülltheit der Kinderseele, die ihre Wünsche ungehemmt zeigte, vorbei die unbesorgte Plauderhaftigkeit jener frühen nächtlichen Bilderspiele, denn nicht nur differenzierter, sondern auch raffinierter, hinterhältiger, unaufrichtiger, heuchlerischer gebärdet sich der Traum des Erwachsenen als jener des Kindes: er ist halbmoralisch geworden. Selbst in dieser privaten Scheinwelt hat der ewige Adam im Menschen das Paradies der Unbefangenheit verloren, er weiß um sein Gut und Böse bis tief in den Traum hinab. Die Tür zum sozialen, zum ethischen Bewußtsein ist sogar im Schlaf nicht mehr völlig zugeschlossen, und mit geschlossenen Augen, mit schwanken Sinnen ängstigt sich die Seele des Menschen, von ihrem innern Zuchtmeister, dem Gewissen – dem Über-Ich, wie Freud es nennt –, auf unstatthaften Wünschen, auf verbrecherischen Traumtaten ertappt zu werden. Nicht auf freier Bahn, offen und unverhüllt, bringt also der Traum seine Botschaften aus dem Unbewußten empor, sondern er schmuggelt sie auf geheimen Wegen in den absonderlichsten Verkleidungen durch. Ausdrücklich warnt darum Freud, das, was der Traum erzählt, schon als seinen wirklichen Inhalt gelten zu lassen. Im Traum des Erwachsenen will ein Gefühl sich aussprechen, aber es wagt nicht, sich frei auszusprechen. Es spricht aus Angst vor dem »Zensor« nur in beabsichtigten und sehr raffinierten Entstellungen, es schiebt immer Unsinniges vor, um seinen eigentlichen Sinn nicht erraten zu lassen: wie jeder Dichter, so ist der Traum Wahrheitslügner, das heißt: er beichtet »sub rosa«, er enthüllt, aber nur in Symbolen, ein inneres Erlebnis. Zwei Schichten sind also sorgfältig zu unterscheiden: das, was der Traum »erdichtet« hat, um zu verschleiern, die sogenannte »Traumarbeit«, und das, was er an wahrhaftigen Erlebniselementen hinter diesen bunten Schleiern verbirgt: den »Trauminhalt«. Aufgabe der Psychoanalyse wird nun, das verwirrende Gespinst der Entstellungen aufzulösen und in jenem Schlüsselroman – jeder Traum ist »Dichtung und Wahrheit« – die Wahrheit, das wirkliche Geständnis und damit den Tatsachenkern freizulegen. Nicht was der Traum sagt, sondern was er eigentlich sagen wollte, dies erst führt in den unbewußten Raum des Seelenlebens hinein. Nur dort ist die Tiefe, der die Tiefenpsychologie zustrebt.

Wenn Freud aber der Traumanalyse besondere Wichtigkeit für die Erkundung der Persönlichkeit zumißt, so redet er damit keineswegs einer vagen Traumdeuterei das Wort. Freud fordert einen wissenschaftlich genauen Untersuchungsprozeß, ähnlich jenem, mit dem der Literaturforscher an ein dichterisches Gebilde herantritt. Wie der Germanist versucht, die phantasievolle Zutat vom eigentlichen Erlebnismotiv abzugrenzen, und fragt, was den Dichter gerade zu dieser Gestaltungsform veranlaßt habe – so wie er etwa in der Gretchenepisode das verschobene Friederikenerlebnis als Impuls erkennt, ebenso sucht der Psychoanalytiker in der Traumdichtung und -verdichtung den treibenden Affekt seines Patienten. Das Bild einer Persönlichkeit ergibt sich ihm am deutlichsten aus ihren Gebilden; hier wie immer erkennt Freud den Menschen am tiefsten im produktiven Zustand. Da aber Persönlichkeitserkennung das eigentliche Ziel des Psychoanalytikers sein muß, so liegt es ihm ob, sich der dichterischen Substanz jedes Menschen, seines Traummaterials sichtend zu bedienen: hütet er sich dabei vor Übertreibungen, widerstrebt er der Versuchung, selbst einen Sinn hineinzudichten, so kann er in vielen Fällen wichtige Anhaltspunkte zur innern Lagerung der Persönlichkeit gewinnen. Zweifellos verdankt die Anthropologie Freud für diese produktive Aufdeckung der seelischen Sinnhaftigkeit mancher Träume wertvolle Anregung; darüber hinaus ist ihm aber im Lauf seiner Untersuchung noch ein Wichtigeres gelungen, nämlich zum erstenmal den biologischen Sinn des Traumphänomens als einer seelischen Notwendigkeit auszudeuten. Was der Schlaf im Haushalt der Natur bedeute, hatte die Wissenschaft längst festgestellt: der Schlummer erneuert die von der Tagesleistung erschöpften Kräfte, er erneuert die verbrauchte und verbrannte Nervensubstanz, er unterbricht die ermüdende Bewußtseinsarbeit des Gehirns durch eine Feierschicht. Demgemäß müßte eigentlich ein völlig schwarzes Nichts, ein todähnliches Versinken, ein Abstoppen aller Gehirntätigkeit, Nichtsehen, Nichtwissen, Nichtdenken die vollendetste hygienische Form des Schlafes sein: warum also hat die Natur den Menschen nicht diese scheinbar zweckmäßigste Form der Entspannung zugeteilt? Warum hat sie, die immer sinnvolle, auf diese schwarze Wand so erregendes Bilderspiel hingezaubert, warum unterbricht sie das völlige Nichts, dies Einfluten ins Nirwana, allnächtlich mit flackerndem und seelenversucherischem Wesensschein? Wozu die Träume? Unterbinden, verwirren, stören, hemmen sie nicht eigentlich die so weise ersonnene Entspannung, sind sie, die angeblich sinnlosen, nicht sogar ein Widersinn der sonst allzeit zweckhaften und weithin planenden Natur? Auf diese sehr natürliche Frage wußte die Lebenskunde bisher keine Antwort. Erst Freud stellt zum ersten Male fest, daß die Träume zur Stabilisierung unseres seelischen Gleichgewichts notwendig sind. Der Traum ist ein Ventil unserer Gefühlskraft. Denn zu übermächtiges Begehren, eine Unermeßlichkeit an Lustgier und Lebenssehnsucht ist ja in unsern engen irdischen Leib getan, und wie wenig von diesen myriadenhaften Wünschen kann der durchschnittliche Mensch innerhalb des bürgerlich eingezirkelten Tages wahrhaft befriedigen? Kaum ein Tausendstel seines Lustwillens kommt in jedem von uns zur Verwirklichung; und so drängt ein aufs Unendliche hin zielendes, ungestilltes und unstillbares Begehren selbst in des armseligsten Kleinrentners, Pfründners und Taglöhners Brust. Schlimme Gelüste gären geil in jedem und jedem, machtloser Machtwille, rückgestoßenes und feige verkrümmtes anarchisches Verlangen, verbogene Eitelkeit, Inbrunst und Neid. Von unzähligen Frauen reizt täglich im Vorübergehen jede einzelne eine kurze Gier, und all das unausgelebte Wollen und Habenwollen staut sich, schlangenhaft verstrickt und giftzüngig, im Unterbewußtsein vom frühen Glockenschlag bis in die Nacht. Würde die Seele nicht zerbersten müssen unter solchem atmosphärischen Druck oder plötzlich ausfahren in mörderische Gewaltsamkeiten, wenn nicht nächtens der Traum allen diesen gestauten Wünschen einen Abfluß schaffte? Indem wir unsere tagsüber eingesperrten Begehrlichkeiten in die unverfänglichen Reviere des Traums freilassen, lösen wir den Alp von unserem Gefühlsleben, wir entgiften unsere Seelen in dieser Selbstentwandlung von ihrer Überdrängtheit, so wie wir den Körper von der Intoxikation der Müdigkeit im Schlummer erlösen. In die nur uns allein einsichtige Scheinwelt reagieren wir alle unsere im sozialen Sinne verbrecherischen Akte statt in strafpflichtige Taten in unverpflichtende Scheintaten ab. Traum bedeutet Tatersatz, er erspart uns oftmals die Tat, und darum ist die Formel Platos so herrlich meisterhaft: »Die Guten sind jene, die sich begnügen, von dem zu träumen, was die andern wirklich tun.« Nicht als Lebensstörer, Schlafstörer, sondern als Schlafhüter besucht uns der Traum; in seinen erlösenden Phantasieen halluziniert sich die Seele den Überdruck ihrer Spannungen weg – (»Was sich zutiefst im Herzen anstaut, niest sich im Traume aus« – sagt plastisch ein chinesisches Wort) –, so daß am Morgen der erfrischte Körper eine gereinigte, frei atmende statt einer überfüllten Seele in sich findet.

Diese druckentlastende, kathartische Wirkung hat Freud als den langvermißten und verleugneten Sinn des Traumes für unser Leben erkannt, und sie gilt, diese erlösende Lösung, ebenso für den nächtlichen Schlafgast wie für die höheren Formen alles Phantasierens und Tagträumens, also auch für Dichtung und Mythos. Denn was meint und will Dichtung anders, als im Symbol den überfüllten Menschen erlösen von seinen innern Spannungen, das Drängende aus ihm herausstellen in eine unverfängliche, nicht mehr die eigene Seele überflutende Zone! In jedem echten Kunstwerk wird Gestalten ein »Von-Sich-Weggestalten«, und wenn Goethe bekennt, Werther habe sich für ihn getötet, so drückt er damit wunderbar plastisch aus, daß er durch Abstoßung des beabsichtigten Selbstmords auf eine geträumte Spiegelgestalt sein eigenes Leben gerettet habe, – er hat also, psychoanalytisch gesprochen, seinen Selbstmord in jenen Werthers abreagiert. Wie der einzelne aber seine private Last und Lust im Traum, so erlösen sich die Furchtgefühle und Wünsche ganzer Völker in jenen plastischen Gebilden, die wir Mythen und Religionen nennen: auf den Opferaltären reinigt sich das ins Symbol geflüchtete innere Blutgelüst, in Beichte und Gebet verwandelt sich psychischer Druck in das erlösende Wort. Immer hat sich die Seele der Menschheit – was wüßten wir sonst von ihr? – nur in Dichtung offenbart, als schaffende Phantasie. Nur ihren in Religionen, Mythen und Kunstwerken gestalteten Träumen danken wir ein Ahnen ihrer schöpferischen Kraft. Keine Seelenkunde – diese Erkenntnis hat Freud unserer Zeit aufgeprägt – kann darum das Wahrhaft-Persönliche eines Menschen erreichen, die nur sein waches und verantwortliches Tun betrachtet: auch sie muß hinab in die Tiefe, wo sein Wesen Mythos ist und gerade im flutenden Element der unbewußten Gestaltung das wahrste Bildnis seines innern Lebens schafft.

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