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Die Heilung durch den Geist

Stefan Zweig: Die Heilung durch den Geist - Kapitel 32
Quellenangabe
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typeessay
authorStefan Zweig
titleDie Heilung durch den Geist
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorKnut Beck
year1983
isbn3596223008
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121111
projectidb161d8d9
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Der Ausgang

»Eine besondere Vorliebe für Stellung und Tätigkeit des Arztes habe ich in den Jugendjahren nicht verspürt, übrigens auch später nicht«, gesteht Freud mit der für ihn so charakteristischen Selbstunerbittlichkeit in seiner Lebensdarstellung unverhohlen ein. Jedoch dieses Bekenntnis ergänzt sich höchst aufschlußreich: »Eher bewegte mich eine Art Wißbegierde, die sich aber mehr auf die menschlichen Verhältnisse als auf natürliche Objekte bezog.« Dieser seiner innersten Neigung kommt kein eigentliches Lehrfach entgegen, denn der medizinische Studienkatalog der Wiener Universität kennt keinen Unterrichtsgegenstand »Menschliche Verhältnisse«. Und da der junge Student an baldigen Broterwerb denken muß, darf er nicht lange Privatneigungen nachhängen, sondern muß mit andern Medizinern geduldig über das Pflaster der vorgeschriebenen zwölf Semester marschieren. Freud arbeitet schon als Student ernst an selbständigen Untersuchungen, den akademischen Pflichtkreis dagegen erledigt er nach seinem eigenen freimütigen Geständnis »recht nachlässig« und wird erst »mit ziemlicher Verspätung« im Jahre 1881 als Fünfundzwanzigjähriger zum Doctor medicinae promoviert.

Schicksal Unzähliger: in diesem wegunsichern Menschen ist eine geistige Berufung ahnungshaft vorbereitet, und er muß sie zunächst vertauschen mit einem gar nicht ersehnten praktischen Beruf. Denn von vornherein zieht das Handwerkliche der Medizin, das Schulhafte und Heiltechnische diesen ganz auf das Universelle hin gerichteten Geist wenig an. Im tiefsten Wesensgrund geborener Psychologe – er weiß es nur noch lange nicht – sucht instinktiv der junge Arzt sein theoretisches Wirkungsfeld wenigstens in die Nachbarschaft des Seelischen zu drängen. Er wählt also als Spezialfach die Psychiatrie und betätigt sich in der Gehirnanatomie, denn eine individualisierende Psychologie, diese für uns heute längst unentbehrliche Wissenschaft von der Seele, wird damals in den medizinischen Hörsälen noch nicht gelehrt und geübt: Freud wird sie uns erst erfinden müssen. Alles seelisch Unregelmäßige gilt der mechanistischen Auffassung jener Zeit bloß als Entartung der Nerven, als eine krankhafte Veränderung; unerschütterlich herrscht der Wahn vor, es könne gelingen, dank einer immer genaueren Kenntnis der Organe und mit Versuchen aus dem Tierreich einmal die Automatik des »Seelischen« genau zu errechnen und jede Abweichung zu korrigieren. Darum erhält die Seelenkunde damals im physiologischen Laboratorium ihre Arbeitsstätte, und man glaubt, erschöpfende Seelenwissenschaft zu treiben, wenn man mit Skalpell und Lanzette, mit Mikroskop und elektrischen Reaktionsapparaten die Zuckungen und Schwingungen der Nerven mißt. So muß auch Freud sich zunächst gleichfalls an den Seziertisch setzen und mit allerhand technischen Apparaturen nach Ursächlichkeiten suchen, die sich in Wahrheit niemals in der groben Form sinnlicher Sichtbarkeit offenbaren. Jahrelang arbeitet er im Laboratorium bei Brücke und Meynert, den berühmten Anatomen, und beide Meister ihres Faches erkennen bald in dem jungen Assistenten die eingeborene selbständig-schöpferische Finderbegabung. Beide suchen sie ihn für ihr Spezialgebiet als dauernden Mitarbeiter zu gewinnen, Meynert bietet dem jungen Arzt sogar an, ersatzweise statt seiner Vorlesungen über Gehirnanatomie zu halten. Aber völlig unbewußt widerstrebt bei Freud eine innere Tendenz. Vielleicht hat schon damals sein Instinkt die Entscheidung vorausgefühlt, jedenfalls: er lehnt den ehrenden Antrag ab. Jedoch seine bisher geleisteten, schulmäßig exakt durchgeführten histologischen und klinischen Arbeiten reichen schon vollends aus, ihm die Dozentur für Nervenlehre an der Universität in Wien zuzuerkennen.

Dozent der Neurologie, das bedeutet zu jener Zeit in Wien einen vielbegehrten und auch einträglichen Titel für einen neunundzwanzigjährigen jungen, unbegüterten Arzt. Freud müßte jetzt nur jahraus, jahrein seine Patienten unentwegt nach der brav erlernten, schulmäßig vorgeschriebenen Methode behandeln, und er könnte außerordentlicher Professor und am Ende gar Hofrat werden. Aber schon damals tritt jener für ihn so besonders charakteristische Instinkt der Selbstüberwachung zutage, der ihn sein ganzes Leben lang immer weiter und tiefer führt. Denn dieser junge Dozent gesteht ehrlich ein, was alle andern Neurologen ängstlich vor den andern und sogar vor sich selbst verschweigen, nämlich, daß die ganze Technik der Nervenbehandlung psychogener Phänomene, so wie sie um 1885 gelehrt wird, vollkommen hilflos und vor allem nicht helfend in einer Sackgasse steckt. Aber wie eine andere üben, da doch in Wien keine andere gelehrt wird? Was dort 1885 (und noch lange nachher) den Professoren abzusehen war, das hat der junge Dozent bis in die letzte Einzelheit gelernt, saubere klinische Arbeit, trefflich exakte Anatomie und dazu noch die Haupttugenden der Wiener Schule: strenge Gründlichkeit und unerbittlichen Fleiß. Was ist darüber hinaus weiterzulernen bei Männern, die nicht mehr wissen als er selbst? Deshalb fällt ihn die Nachricht, daß seit einigen Jahren in Paris Psychiatrie von ganz anderer Richtung her betrieben werde, mächtig und als unwiderstehliche Versuchung an. Er hört staunend und mißtrauisch, aber doch verlockt, daß dort Charcot, obwohl selbst ursprünglich Gehirnanatom, eigenartige Versuche mit Zuhilfenahme jener verruchten und verfemten Hypnose vornehme, die in Wien, seit man Franz Anton Mesmer glücklich aus der Stadt vertrieben, in siebenfachem Banne steht. Von der Ferne aus, bloß durch Berichte medizinischer Zeitungen, das erkennt Freud sofort, kann man von diesen Versuchen kein sinnliches Bild gewinnen, man muß sie selber sehen, um sie zu beurteilen. Und sofort drängt der junge Gelehrte mit jener geheimnisvollen innern Witterung, die schöpferische Menschen immer die wahre Zielrichtung ihres Weges ahnen läßt, nach Paris. Sein Lehrer Brücke unterstützt die Bitte des unbegüterten jungen Arztes um ein Reisestipendium. Es wird ihm gewährt. Und um noch einmal neu anzufangen, um zu lernen, ehe er lehrt, reist der junge Dozent im Jahre 1886 nach Paris.

Hier tritt er sofort in eine andere Atmosphäre. Zwar kommt auch Charcot so wie Brücke von der pathologischen Anatomie her, aber er ist über sie hinausgekommen. In seinem berühmten Buch »La foi qui guérit« hat der große Franzose die vom medizinischen Wissenschaftsdünkel bisher als unglaubwürdig abgelehnten religiösen Glaubenswunder auf ihre seelischen Bedingtheiten hin untersucht und gewisse typische Gesetzmäßigkeiten in ihren Erscheinungen festgestellt. Statt Tatsachen zu leugnen, hat er sie zu deuten begonnen, und mit derselben Unbefangenheit ist er allen andern Heilwundersystemen, darunter dem berüchtigten Mesmerismus, nahegetreten. Zum erstenmal begegnet Freud einem Gelehrten, der die Hysterie nicht wie seine Wiener Schule von vornherein verächtlich als Simulation abtut, sondern an dieser interessantesten, weil plastischesten aller Seelenkrankheiten nachweist, daß ihre Anfälle und Ausbrüche Folge von inneren Erschütterungen sind und deshalb nach geistigen Ursächlichkeiten gedeutet werden müssen. Im offenen Hörsaal zeigt Charcot an hypnotisierten Patienten, daß jene bekannten typischen Lähmungen jederzeit mit Hilfe der Suggestion im Wachschlaf ebenso erzeugt wie abgestellt werden können, daß sie also nicht grobphysiologische Reflexe, sondern dem Willen unterworfene seien. Wenn auch die Einzelheiten seiner Lehre auf den jungen Wiener Arzt nicht immer überzeugend wirken, so dringt doch mächtig auf ihn die Tatsache ein, daß in Paris innerhalb der Neurologie nicht bloß körperhafte, sondern psychische und sogar metapsychische Ursächlichkeiten anerkannt und gewürdigt werden; hier ist, so spürt er beglückt, Psychologie der alten Seelenkunde wieder nah, und er fühlt sich von dieser geistigen Methode mehr als von den bisher erlernten angezogen. Auch in seinem neuen Wirkungskreise hat Freud das Glück – aber darf man Glück nennen, was im Grunde nur die ewige wechselseitige Instinktwitterung überlegener Geister ist? –, bei seinen Lehrern besonderes Interesse zu finden. So wie Brücke, Meynert und Nothnagel in Wien, erkennt auch Charcot sofort in Freud die schöpferisch denkende Natur und zieht ihn in seinen persönlichen Umgang. Er überträgt ihm die Übersetzung seiner Werke in die deutsche Sprache und zeichnet ihn oft durch sein Vertrauen aus. Als Freud dann nach einigen Monaten nach Wien zurückkehrt, ist sein inneres Weltbild geändert. Auch der Weg Charcots, dies spürt er dumpf, ist noch nicht der ihm vollkommen gemäße, auch diesen Forscher beschäftigt noch zu sehr das körperliche Experiment und zu wenig, was es seelisch beweist. Aber schon diese wenigen Monate haben einen neuen Mut und Unabhängigkeitswillen in dem jungen Gelehrten zur Reife gebracht. Nun kann seine selbständig schöpferische Arbeit beginnen.

Zuvor bleibt freilich noch eine kleine Formalität zu erfüllen. Jeder Stipendiat der Universität ist verpflichtet, nach seiner Rückkehr über seine wissenschaftlichen Erfahrungen im Ausland Bericht zu erstatten. Dies tut Freud in der Gesellschaft der Ärzte. Er erzählt von Charcots neuen Wegen und schildert die hypnotischen Experimente der Salpêtrière. Aber noch steckt von Franz Anton Mesmer her der Wiener Ärzteschaft ein grimmiges Mißtrauen gegen jedwedes suggestive Verfahren im Leibe. Mit überlegenem Lächeln wird Freuds Nachricht, es sei möglich, die Symptome der Hysterie künstlich zu erzeugen, abgetan, und seine Mitteilung, es gäbe sogar Fälle männlicher Hysterie, erregt unverhohlene Heiterkeit bei seinen Kollegen. Erst klopft man ihm wohlwollend auf die Schulter, was für Bären er sich in Paris habe aufbinden lassen; aber da Freud nicht nachgibt, wird dem Abtrünnigen der geheiligte Raum des Gehirnlaboratoriums, wo man – Gott sei Dank! – Seelenkunde noch auf »ernst wissenschaftliche Art« betreibt, als einem Unwürdigen versperrt. Seit jener Zeit ist Freud die bête noire der Wiener Universität geblieben, er hat den Raum der Gesellschaft der Ärzte nicht mehr betreten, und nur dank der privaten Protektion einer hochvermögenden Patientin (wie er heiter selbst eingesteht) erlangt er nach Jahren den Titel eines außerordentlichen Professors. Höchst ungern aber erinnert sich die erlauchte Fakultät seiner Zugehörigkeit zum akademischen Lehrkörper. An seinem siebzigsten Geburtstag zieht sie es sogar vor, sich ausdrücklich daran nicht zu erinnern und vermeidet jeden Gruß und Glückwunsch. Ordinarius ist er niemals geworden, nicht Hofrat und Geheimrat und nur geblieben, was er dort von Anfang war: ein außerordentlicher Professor unter den andern ordentlichen.

Mit seiner Auflehnung gegen das in Wien geübte mechanistische Verfahren der Neurologie, das ausschließlich vom Hautreiz her oder durch medikamentöse Einwirkung seelisch bedingte Erkrankungen zu heilen versuchte, hat sich Freud nicht nur seine akademische Karriere verdorben, sondern auch seine ärztliche Praxis. Er muß jetzt allein gehen. Noch weiß er in diesem Anfang kaum mehr als das Negative, nämlich, daß entscheidende psychologische Entdeckungen sich weder im Laboratorium der Gehirnanatomie noch am Meßapparat der Nervenreaktionen erhoffen lassen. Nur eine ganz andersartige und von anderer Stelle einsetzende Methode kann sich den geheimnisvollen Verstricktheiten des Seelischen nähern – sie zu finden oder vielmehr zu erfinden, wird nunmehr die leidenschaftliche Bemühung seiner nächsten fünfzig Jahre sein. Gewisse den Weg deutende Winke haben ihm Paris und Nancy gegeben. Aber genau wie in der Kunst genügt auch in der wissenschaftlichen Sphäre niemals ein einziger Gedanke zu endgültiger Gestaltung; auch in der Forschung geschieht wirkliche Befruchtung immer nur durch die Überschneidung einer Idee mit einer Erfahrung. Der geringste Anstoß noch, und die schöpferische Kraft muß zur Entladung gelangen.

Diesen Anstoß nun gibt – so dicht ist die Spannung schon geworden – das persönliche freundschaftliche Beisammensein mit einem älteren Kollegen, Dr. Josef Breuer, dem Freud schon vordem in Brückes Laboratorium begegnet war. Breuer, ein sehr beschäftigter Familienarzt, wissenschaftlich äußerst tätig, ohne selbst entscheidend schöpferisch zu sein, hatte Freud schon vor dessen Pariser Reise über einen Fall von Hysterie eines jungen Mädchens berichtet, bei dem er auf merkwürdige Weise Heilungserfolge erzielt habe. Dieses junge Mädchen produzierte die schulmäßig bekannten Erscheinungen dieser plastischesten aller Nervenerkrankungen, also Lähmungen, Zerrungen, Hemmungen und Bewußtseinstrübungen. Nun hatte Breuer die Beobachtung gemacht, daß jenes junge Mädchen sich jedesmal entlastet fühlte, sobald es ihm viel von sich erzählen durfte. Und der kluge Arzt ließ darum geduldig die Kranke sich aussprechen, da er dabei gewahr wurde, daß jedesmal, wenn die Kranke in Worten ihrer affektiven Phantasie Ausdruck geben konnte, eine zeitweilige Besserung einsetzte. Das Mädchen erzählte, erzählte, erzählte. Aber bei all diesen abrupten, zusammenhanglosen Selbstgeständnissen spürte Breuer, daß die Kranke immer am Eigentlichen, an dem für die Entstehung ihrer Hysterie ursächlich Entscheidenden, geflissentlich vorbeierzählte. Er merkte, daß dieser Mensch etwas von sich wußte, was er durchaus nicht wissen wollte und deshalb unterdrückte. Um nun den verschütteten Weg zu dem vorenthaltenen Erlebnis freizulegen, verfällt Breuer auf den Gedanken, das junge Mädchen regelmäßig in Hypnose zu versetzen. In diesem willensentbundenen Zustand hofft er, alle »Hemmungen« (man fragt sich, welches Wort man hier verwenden könnte, hätte die Psychoanalyse dieses Wort nicht erfunden) dauernd wegräumen zu können, die der endgültigen Erhellung des Tatbestandes entgegenstehen. Und tatsächlich, sein Versuch gelingt; in der Hypnose, wo jedes Schamgefühl gleichsam abgeblendet ist, sagt das Mädchen frei heraus, was es bisher so beharrlich dem Arzt und vor allem sich selbst verschwiegen hatte, nämlich, daß es am Krankenbett des Vaters gewisse Gefühle empfunden und unterdrückt habe. Diese aus Schicklichkeitsgründen zurückgedrängten Gefühle hatten also als Ablenkung sich jene krankhaften Symptome gefunden oder vielmehr erfunden. Denn jedesmal, wenn das Mädchen in der Hypnose diese Gefühle frei bekennt, verschwindet sofort ihre Ersatzerscheinung: das hysterische Symptom. Breuer setzt nun systematisch in diesem Sinne die Behandlung fort. Und in dem Maße, wie er die Kranke über sich selbst aufklärt, weichen die gefährlichen hysterischen Erscheinungen – sie sind unnötig geworden. Nach einigen Monaten kann die Patientin als völlig geheilt und gesundet entlassen werden.

Diesen sonderbaren Fall hatte Breuer gelegentlich als einen besonders auffälligen dem jüngeren Kollegen erzählt. Ihn befriedigte an dieser Behandlung vor allem die geglückte Rückführung einer neurotisch Kranken zur Gesundheit. Freud aber mit seinem Tiefeninstinkt ahnt sofort hinter dieser von Breuer aufgedeckten Therapie ein viel weiter gültiges Gesetz, nämlich, daß »seelische Energieen verschiebbar sind«, daß im »Unterbewußtsein« (auch dieses Wort ist damals noch nicht erfunden) eine bestimmte Umschaltungsdynamik tätig sein müsse, welche die von ihrer natürlichen Auswirkung zurückgedrängten (oder wie wir seither sagen, »nicht abreagierten«) Gefühle umwandle und überleite in andere seelische oder körperliche Handlungen. Gleichsam von einer andern Seite her erlichtet der von Breuer gefundene Fall die aus Paris heimgebrachten Erfahrungen, und um die hier aufgehellte Spur tiefer ins Dunkel zu verfolgen, schließen sich die beiden Freunde zur Arbeit zusammen. Die von ihnen gemeinsam verfaßten Werke »Über den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene«, 1893, und die »Studien über die Hysterie«, 1895, stellen die erste Niederlegung dieser neuen Ideen dar, in ihnen schimmert zum erstenmal die Morgenröte einer neuen Psychologie. In diesen gemeinsamen Untersuchungen ist erstmalig festgestellt, daß die Hysterie nicht, wie bisher angenommen, auf einer organisch körperlichen Erkrankung beruht, sondern auf einer Verstörung durch einen inneren, dem Kranken selbst nicht bewußten Konflikt, dessen Druck schließlich jene »Symptome«, jene krankhaften Veränderungen herausformt. Wie Fieber durch eine innere Entzündung, so entstehen seelische Verstörungen durch eine Gefühlsüberstauung. Und wie im Körper sofort, wenn die Eiterung ihren Abfluß findet, das Fieber sinkt, so löst sich diese gewaltsame Verschiebung und Verkrampfung der Hysterie, sobald es gelingt, dem bisher zurückgedrängten und zurückgestauten Gefühl Abfluß zu schaffen, »den zur Erhaltung des Symptoms verwendeten Affektbetrag, der auf falsche Bahnen geraten und dort gleichsam eingeklemmt war, auf normale Wege zu leiten, wo er zur Abfuhr kommen kann«.

Als Werkzeug für diese seelische Entlastungsaktion verwenden Breuer und Freud anfänglich die Hypnose. Sie bedeutet in jener prähistorischen Epoche der Psychoanalyse aber keineswegs das Heilmittel an sich, sondern nur ein Hilfsmittel. Sie soll bloß die Verkrampfung des Gefühls lösen helfen: sie stellt gleichsam die Narkose für die vorzunehmende Operation dar. Erst wenn die Hemmungen des wachen Bewußtseins wegfallen, spricht der Kranke frei das Verschwiegene aus, und schon dadurch, daß er beichtet, läßt der verstörende Druck nach. Einer gepreßten Seele ist Abfluß geschaffen, jene Spannungserlösung tritt ein, welche schon die griechische Tragödie als ein befreiendes und beglückendes Element preist, weshalb Breuer und Freud, im Sinne der Katharsis des Aristoteles, ihre Methode zunächst die »kathartische« nennen. Durch Erkenntnis, durch Selbsterkenntnis wird die künstliche, die krankhafte Fehlleistung überflüssig, das Symptom entschwindet, das nur symbolischen Sinn hatte. Aussprechen bedeutet also gewissermaßen auch Ausfühlen, Erkenntnis wird zur Befreiung.

Bis zu diesen wichtigen, ja entscheidenden Voraussetzungen waren Breuer und Freud gemeinsam vorgedrungen. Dann trennt sich ihr Weg. Breuer, der Arzt, wendet sich wieder, von manchen Gefährlichkeiten dieses Abstiegs beunruhigt, dem Medizinischen zu; ihn beschäftigen im wesentlichen die Heilungsmöglichkeiten der Hysterie, die Beseitigung der Symptome. Freud aber, der jetzt erst den Psychologen in sich entdeckt hat, fasziniert gerade das hier vorleuchtende Geheimnis dieses Umwandlungsprozesses, der seelische Vorgang. Ihn reizt die neugefundene Tatsache, daß Gefühle zurückgedrängt und durch Symptome ersetzt werden können, zu immer ungestümerer Fragelust; an dem einen Problem ahnt er die ganze Problematik des seelischen Mechanismus. Denn wenn Gefühle zurückgedrängt werden können, wer drängt sie zurück? Und vor allem, wohin werden sie zurückgedrängt? Nach welchen Gesetzen schalten sich Kräfte aus dem Geistigen ins Körperliche um, und in welchem Raum spielen sich diese unablässigen Umstellungen ab, von denen der wache Mensch nichts weiß und doch anderseits sofort weiß, sobald man ihn zwingt, davon zu wissen? Eine unbekannte Sphäre, in welche die Wissenschaft bisher sich nicht vorgewagt hatte, beginnt sich schattenhaft vor ihm abzuzeichnen, eine neue Welt wird ihm von fern in schwankendem Umriß gewahr: das Unbewußte. Und dieser »Erforschung des unbewußten Anteils im individuellen Seelenleben« gilt von nun ab seine Lebensleidenschaft. Der Abstieg in die Tiefe hat begonnen.

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