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Die Heilung durch den Geist

Stefan Zweig: Die Heilung durch den Geist - Kapitel 31
Quellenangabe
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typeessay
authorStefan Zweig
titleDie Heilung durch den Geist
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorKnut Beck
year1983
isbn3596223008
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121111
projectidb161d8d9
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Charakterbildnis

Aufrichtigkeit ist die Quelle aller Genialität.

Boerne

Die strenge Tür eines Wiener Miethauses verschließt seit einem halben Jahrhundert Sigmund Freuds Privatleben: beinahe wäre man versucht zu sagen, er habe überhaupt keines gehabt, so bescheiden hintergründig verläuft seine persönliche Existenz. Siebzig Jahre in der gleichen Stadt, mehr als vierzig Jahre in dem gleichen Haus. Dort wieder die Ordination in demselben Räume, die Lektüre auf demselben Sessel, die literarische Arbeit vor demselben Schreibtisch. Pater familias von sechs Kindern, persönlich völlig bedürfnislos, ohne andere Passionen als die des Berufs und der Berufung. Kein Gran seiner gleichzeitig sparsamen und verschwenderisch ausgewerteten Zeit jemals vertan an eitles Sichzeigen, an Ämter und Würden, niemals ein agitatorisches Vortreten des schöpferischen Menschen vor das geschaffene Werk: bei diesem Manne unterwirft sich der Lebensrhythmus völlig und einzig dem pausenlosen, gleichmäßig und geduldig strömenden Rhythmus der Arbeit. Jede Woche der tausend und aber tausend seiner fünfundsiebzig Jahre umschreibt den gleichen runden Kreis geschlossener Tätigkeit, jeder Tag verläuft zwillingshaft ähnlich dem andern: in seiner akademischen Zeit einmal in der Woche Vorlesung an der Universität, immer einmal am Mittwoch abends nach sokratischer Methode ein geistiges Symposion in der Runde der Schüler, einmal am Samstagnachmittag eine Kartenpartie – sonst nur von morgens bis abends, oder vielmehr bis spät in die Mitternacht, jede Minute bis zur letzten Sekunde ausgenützt für Analyse, Behandlung, Studium, Lektüre und gelehrte Gestaltung. Dieser unerbittliche Arbeitskalender kennt kein leeres Blatt, der weitgespannte Tag Freuds innerhalb eines halben Jahrhunderts keine ungeistig verbrachte Stunde. Ständiges Tätigsein ist diesem immer motorischen Hirn so selbstverständlich, wie dem Herzen der blutumschaltende Schlag; Arbeit erscheint bei Freud nicht als willensunterworfenes Tun, sondern durchaus als natürliche, als ständige und strömende Funktion. Eben aber diese Pausenlosigkeit der Wachheit und Wachsamkeit ist zugleich das Erstaunlichste seiner geistigen Erscheinung: hier wird Normalität zum Phänomen. Seit vierzig Jahren nimmt Freud täglich acht, neun, zehn, manchmal sogar elf Analysen vor, das will sagen: neun-, zehn-, elfmal konzentriert er je eine ganze Stunde lang sich mit äußerster, mit einer beinahe bebenden Spannung in einen Fremden hinein, behorcht und wägt jedes Wort, während gleichzeitig sein nie versagendes Gedächtnis die Aussagen dieser Psychoanalyse mit jenen aller früheren Sitzungen vergleicht. Er lebt also ganz innen in dieser fremden Persönlichkeit, während er sie gleichzeitig von außen seelendiagnostisch betrachtet. Und mit einem Ruck muß er sich sofort am Ende der Stunde aus diesem einen in einen andern Menschen, den nächsten Patienten, umstellen, achtmal, neunmal an einem Tage, – hundert und aber hundert Schicksale also ohne Notizen und Erinnerungshilfen in sich gesondert bewahrend und bis in die feinsten Verästelungen überschauend. Eine so ständig sich umschaltende Arbeitsumformung erfordert eine geistige Wachheit, eine seelische Bereitschaft und Nervenspannung, der ein anderer nach zwei oder drei Stunden nicht mehr gewachsen wäre. Aber die erstaunliche Vitalität Freuds, diese seine Überkraft innerhalb der geistigen Kraft, kennt kein Erschlaffen und Ermüden. Ist spät abends die analytische Tätigkeit, der Neun- oder Zehnstundendienst am Menschen beendet, dann erst beginnt die denkerische Ausgestaltung der Resultate, jene Arbeit, welche die Welt für seine einzige hält. Und all diese riesenhafte, diese pausenlose an Tausenden von Menschen praktisch wirkende und zu Millionen von Menschen fortwirkende Leistung geschieht ein halbes Jahrhundert lang ohne Helfer, ohne Sekretär, ohne Assistenten; jeder Brief ist mit der eigenen Hand geschrieben, jede Untersuchung allein zu Ende geführt, jedes Werk allein zur Form gestaltet. Nur diese grandiose Gleichmäßigkeit der schöpferischen Kraft verrät hinter der banalen Außenfläche seines Daseins die wahrhafte Dämonie. Erst aus der Sphäre des Geschaffenen enthüllt dies anscheinend normale Leben seine Einmaligkeit und Unvergleichlichkeit.

Ein solches nie versagendes, innerhalb von Jahrzehnten nie aussetzendes und abweichendes Präzisionsinstrument der Arbeit ist nur denkbar bei vollendetstem stofflichen Material. Wie bei Händel, bei Rubens und Balzac, den gleichfalls strömend Schaffenden, stammt bei Freud das geistige Übermaß aus einer urgesunden Natur. Dieser große Arzt war bis zu seinem siebzigsten Jahre niemals ernstlich krank, dieser feinste Beobachter des Nervenspiels niemals nervös, dieser hellsichtige Durchforscher aller Seelenabnormitäten, dieser vielverschrieene Sexualist in allen seinen persönlichen Lebensäußerungen ein Leben lang unheimlich einlinig und gesund. Von eigener Erfahrung her kennt dieser Körper nicht einmal die gewöhnlichsten, die alltäglichsten Störungen geistiger Arbeit und fast nie Kopfschmerzen und Müdigkeit. Jahrzehntelang hat Freud nie einen ärztlichen Kollegen zu Rate ziehen, nie eine einzige Stunde wegen Unpäßlichkeit absagen müssen – erst im patriarchalischen Alter versucht eine tückische Krankheit diese geradezu polykratische Gesundheit zu brechen. Aber vergebens! Sofort und völlig unvermindert setzt mit kaum vernarbter Wunde die alte Tatkraft wieder ein. Gesundsein ist für Freud identisch mit Atmen, Wachsein mit Arbeiten, Schaffen mit Leben. Und genau so intensiv und dicht wie seine Spannung bei Tag, so vollkommen ist bei diesem eisern gehämmerten Körper die Entspannung in der Nacht. Ein kurzer, aber fest in sich geschlossener Schlaf erneuert von Morgen zu Morgen diese großartig normale und gleichzeitig großartig übernormale Spannkraft des Geistes. Freud schläft sehr tief, wenn er schläft, und er ist unerhört wach in seinem Wachsein.

Diesem völligen Ausgewogensein der innern Kräfte widerspricht auch nicht das äußerliche Wesensbild. Auch hier eine vollkommene Proportion in jedem Zuge, eine durchaus harmonische Erscheinung. Nicht zu groß, nicht zu klein die Figur, nicht zu schwer, nicht zu locker der Körper: immer und überall zwischen Extremen geradezu vorbildliche Mitte. Jahre und Jahre verzweifeln vor seinem Antlitz alle Karikaturisten, denn nirgends finden sie in diesem völlig ebenmäßig ausgeformten Oval rechten Ansatz für die zeichnerische Übertreibung. Vergebens legt man sich Bild um Bild seiner jüngeren Jahre nebeneinander, ihnen irgendeinen vorherrschenden Zug, etwas charakterologisch Wichtiges abzuspähen. Aber die Züge des Dreißigjährigen, Vierzig- und Fünfzigjährigen sagen nicht mehr als: ein schöner Mann, ein männlicher Mann, ein Herr mit regelmäßigen, beinahe allzu regelmäßigen Zügen. Wohl deutet das dunkle, gesammelte Auge den geistigen Menschen an, aber beim besten Willen findet man in diesen verblaßten Photographieen nicht mehr als eben eines jener von gepflegtem Bart umrahmten Arztantlitze idealisch männlicher Art, wie sie Lenbach und Makart zu malen liebten, dunkel, weich und ernst, aber im letzten nicht aufschlußreich. Und schon meint man jeden charakterologischen Versuch vor diesem in seine eigene Harmonie eingeschlossenen Antlitz aufgeben zu müssen. Da beginnen plötzlich die letzten Bilder zu sprechen. Erst das Alter, das sonst bei den meisten Menschen die individuellen Wesenszüge auflöst und zu grauem Lehm zerbröckelt, erst die patriarchalische Zeit setzt bei Freud den bildnerischen Meißel an, erst Krankheit und Greisenjahre meißeln unwidersprechlich eine Physiognomie aus einem bloßen Gesicht. Seit das Haar ergraut, der Bart nicht mehr so voll das harte Kinn, nicht mehr so dunkel den scharfen Mund verschattet, seit der knochig plastische Unterbau seines Antlitzes zutage tritt, enthüllt sich etwas Hartes, unbedingt Offensives, der unerbittlich und fast verbissen vordringende Wille seiner Natur. Von tiefer her, düsterer, dringlicher, schraubender bohrt sich einem jetzt der früher bloß betrachtende Blick entgegen, eine bittere Mißtrauensfalte schneidet wie eine Wunde scharf die freigelegte, furchige Stirn hinab. Und gespannt wie über einem »Nein« oder »Das ist nicht wahr« schließen sich die schmalen Lippen. Zum erstenmal spürt man die Wucht und die Strenge des Freudischen Wesens in seinem Antlitz und spürt auch: nein, dies ist kein good grey old man, sanft und umgänglich geworden im Alter, sondern ein harter unerbittlicher Prüfer, der sich von nichts täuschen läßt und über nichts täuschen lassen will. Ein Mensch, vor dem man Furcht hätte zu lügen, weil er mit diesem argwohnumschatteten, gleichsam aus dem Dunkel treffenden Pfeilschützenblick jede ausweichende Wendung verfolgt und jeden Schlupfwinkel im voraus sichtet – ein bedrückendes Antlitz vielleicht mehr als ein befreiendes, aber prachtvoll belebt von erkennerischer Intensität, Antlitz nicht eines bloßen Betrachters, sondern eines unbarmherzigen Durchdringers.

Diesen Einschuß von alttestamentarischer Härte, dieses grimmig Inkonziliante, das aus dem beinahe drohenden Auge des alten Kämpfers spricht, versuche man nicht dem Charakterprofil dieses Mannes wegzuschmeicheln. Denn hätte jemals Freud diese scharf geschliffene, diese offen und unbarmherzig zustoßende Entschiedenheit gefehlt, so fehlte auch das Beste und Entscheidendste seiner Tat. Wenn Nietzsche mit dem Hammer, so hat Freud ein Leben lang mit dem Skalpell philosophiert: derlei Instrumente taugen nicht in milde und nachgiebige Hände. Verbindlichkeiten, Höflichkeiten, Mitleid und Nachsicht wären völlig unvereinbar mit der radikalen Denkform seiner schöpferischen Natur, deren Sinn und Sendung einzig die Verdeutlichung der Extreme war, nicht ihre Bindung. Die kämpferische Entschiedenheit Freuds will immer nur ein glattes Dafür oder Dagegen, ein Ja oder Nein zu seiner Sache, kein Einerseits und Anderseits, kein Dazwischen und Vielleicht. Wo es im Geistigen Recht und Rechthaben gilt, kennt Freud keine Rücksicht, keinen Rückhalt, kein Paktieren und keinen Pardon: wie Jahve verzeiht er einem lauen Zweifler noch weniger als einem Abtrünnigen. Halbwahrscheinlichkeiten sind ihm wertlos, ihn lockt nur die reine, die hundertprozentige Wahrheit. Jede Verschwommenheit, sowohl die in den persönlichen Beziehungen von einem Menschen zum andern als auch jene erhabenen Denkunklarheiten der Menschheit, die man Illusionen nennt, fordern seine ungestüme und beinahe erbitterte Lust zum Abteilen, Abgrenzen, Ordnen ganz selbsttätig heraus, – immer will oder muß sein Blick mit der Schärfe ungebrochenen Lichts auf den Erscheinungen ruhen. Dieses Klarsehen, Klardenken und Klarmachen bedeutet für Freud aber keine Anstrengung, gar keinen Willensakt, Analysieren ist die eigentliche, die eingeborene und unhemmbare Instinkthandlung seiner Natur. Wo Freud nicht sofort und unbedingt versteht, kann er sich nicht verständigen, was er aus sich nicht völlig klar sieht, kann ihm niemand erklären. Sein Auge wie sein Geist sind autokratisch und völlig inkonziliant; und gerade im Krieg, im Alleinsein gegen die Übermacht entspannt sich erst die volle Vorstoßlust dieses von der Natur zur durch und durch dringenden Schneide gehämmerten Denkwillens.

Aber hart, streng und unerbittlich gegen andere, zeigt sich Freud nicht minder hart und mißtrauisch gegen sich selbst. Geübt, auch der verstecktesten Unwahrhaftigkeit eines Menschen bis ins geheimste Gespinst des Unbewußten nachzuspüren, hinter jeder Schicht noch eine tiefere, hinter jedem Bekenntnis noch ein aufrichtigeres, hinter jeder Wahrheit noch eine wahrhaftigere zu entlarven, übt er auch gegen sich die gleiche analytische Wachsamkeit der Selbstkontrolle. Darum will mir das so oft angewandte Wort vom »kühnen Denker« bei Freud sehr schlecht gewählt erscheinen. Freuds Ideen haben nichts von Improvisationen, kaum von Intuitionen. Weder leichtfertig noch leicht fertig mit seinen Formulierungen, zögert Freud oft Jahre, ehe er eine Vermutung offen als Behauptung ausspricht; völlig widersinnig wären einem konstruktiven Genie wie dem seinen jähe Denksprünge oder voreilige Zusammenfassungen. Immer nur stufenhaft niedersteigend, vorsichtig und völlig unekstatisch bemerkt Freud als erster jede unsichere Stelle; unzählige Male begegnet man innerhalb seiner Schriften solchen Selbstwarnungen, wie »Dies mag eine Hypothese sein« oder »Ich weiß, daß ich in dieser Hinsicht wenig Neues zu sagen habe«. Freuds wahrer Mut beginnt spät, erst mit der Selbstgewißheit. Nur wenn dieser unbarmherzige Desillusionist sich selber restlos überzeugt und sein eigenes Mißtrauen niedergekämpft hat, er könnte die Weltillusion um einen neuen Wunschtraum vermehren, legt er seine Auffassung vor. Hat er aber eine Idee einmal erkannt und öffentlich bekannt, dann wird sie ihm vollkommen zu Fleisch und Blut, eingewachsenes Teil seiner geistigen Lebensexistenz, und kein Shylock vermöchte ihm auch nur eine Faser davon aus dem lebendigen Leibe herauszuschneiden. Freuds Sicherheit kommt immer erst spät: aber einmal errungen, ist sie nicht mehr zu brechen.

Dieses harte Festhalten an seinen Anschauungen haben die Gegner Freuds ärgerlich seinen Dogmatismus genannt und sogar seine Anhänger manchmal laut oder leise beklagt. Aber diese Unbedingtheit Freuds ist vom Charakterologischen seiner Natur nicht zu lösen: sie stammt nicht aus willensmäßiger Einstellung, sondern aus spontaner, aus der besonderen Optik seines Auges. Was Freud schöpferisch anblickt, sieht er so, als hätte es vor ihm niemand angesehen. Wenn er denkt, vergißt er alles, was andere vor ihm über diesen Gegenstand gedacht. Naturhaft und zwanghaft sieht er seine Probleme, und wo immer er das sibyllinische Buch der menschlichen Seele aufschlägt, blättert sich ihm eine neue Seite auf; und ehe sein Denken sie kritisch anfaßt, hat sein Auge schon die Schöpfung getan. Eine Meinung aber kann man belehren über ihren Irrtum, niemals ein Auge über seinen schaffenden Blick: Vision steht jenseits jeder Beeinflußbarkeit, das Schöpferische jenseits des Willens; was aber nennen wir wahrhaft schöpferisch, wenn nicht dies, jedes der uralt unveränderlichen Dinge so zu schauen, als hätte es nie der Stern eines irdischen Auges belichtet, ein tausendmal Ausgesagtes noch einmal so jungfräulich neu auszusprechen, als hätte es nie ein menschlicher Mund gesagt. Weil unerlernbar, ist diese Magie des intuitiven Forscherblicks auch nie belehrbar und jedes Beharren einer genialen Natur auf ihrer erstmaligen und einmaligen Schau keineswegs Trotz, sondern tiefe Nötigung.

Darum versucht auch Freud niemals, seinen Leser, seinen Hörer zu seinen Anschauungen zu überreden, zu beschwätzen, zu überzeugen. Er legt sie nur vor. Seine unbedingte Redlichkeit verzichtet vollkommen, selbst die ihm wichtigsten Gedanken in poetisch bestechender Form zu servieren und gewisse harte und bittere Bissen für empfindliche Gemüter durch Konzilianz des Ausdrucks mundgerechter zu machen. Mit der Rauschprosa Nietzsches verglichen, die immer die verwegensten Feuerwerke der Kunst und Artistik aufsprühen läßt, scheint die seine zunächst nüchtern, kalt und farblos. Freuds Prosa agitiert nicht, sie wirbt nicht, sie verzichtet völlig auf dichterische Untermalung, auf jede Rhythmisierung durch Musik (zu der ihm, wie er selbst bekennt, jede innere Neigung fehlt – offenbar im Sinne Platos, der sie anschuldigt, das reine Denken zu verwirren). Dieses aber strebt Freud allein an, er handelt nach Stendhals Wort »Pour être bon philosophe, il faut être sec, clair, sans illusion«. Klarheit ist ihm wie in allen menschlichen Äußerungen auch im sprachlichen Ausdruck das Optimum und Ultimum; dieser höchsten Lichthaftigkeit und Deutlichkeit ordnet er alle Kunstwerte als nebensächlich unter, und einzig der so erzielten Diamantschärfe der Umrisse dankt seine Sprache ihre unvergleichliche vis plastica. Völlig prunklos, straff sachlich, eine römische, eine lateinische Prosa, umschweift sie niemals dichterisch ihren Gegenstand, sondern sagt ihn hart und kernig aus. Sie schmückt nicht, sie häuft nicht, sie vermengt und bedrängt nicht; bis zum Äußersten spart sie mit Bildern und Vergleichen. Setzt sie dann aber einen Vergleich ein, so trifft er immer durch seine überzeugende Schlagkraft wie ein Schuß. Manche sprachbildnerische Formulierungen Freuds haben das durchleuchtend Sinnliche von geschnittenen Steinen, und sie wirken inmitten seiner gläsern klaren Prosa wie in Kristallschalen eingesetzte Kameen, unvergeßlich jede einzelne. Nicht ein einziges Mal aber verläßt Freud in seinen philosophischen Darstellungen den geraden Weg – Abschweifungen im Sprachlichen sind ihm so verhaßt wie Umwegigkeiten im Denken –, und innerhalb seines ganzen weiträumigen Werkes findet sich kein Satz, der nicht mühelos auch einem Ungebildeten eindeutig faßbar wäre. Immer zielt sein Ausdruck wie sein Denken zu geradezu geometrisch genauer Bestimmtheit: darum konnte nur eine Sprache scheinbarer Unscheinbarkeit, in Wirklichkeit aber höchster Lichthaftigkeit seinem Klarheitswillen dienen.

Jedes Genie, sagt Nietzsche, trägt eine Maske. Freud hat eine der schwerdurchschaubarsten gewählt: die der Unauffälligkeit. Sein äußeres Leben verbirgt dämonische Arbeitsleistung hinter nüchterner, beinah philiströser Bürgerlichkeit. Sein Antlitz den schöpferischen Genius hinter ebenmäßig ruhigen Zügen. Sein Werk, umstürzlerisch und verwegen wie nur irgendeines, verschattet sich nach außen hin bescheiden als naturwissenschaftlich exakte Universitätsmethode. Und seine Sprache täuscht durch farblose Kälte über das Kristallinisch-Kunstvolle ihrer Bildnerkraft. Genie der Nüchternheit, liebt er nur das Nüchterne in seinem Wesen offenbar zu machen, nicht das Genialische. Nur das Maßvolle wird zunächst sichtbar, erst in der Tiefe dann sein Übermaß. Überall ist Freud mehr, als er von sich sehen läßt, und doch in jedwedem Ausdruck seines Wesens eindeutig derselbe. Denn wo immer in einem Menschen das Gesetz höherer Einheit schöpferisch waltet, tritt es in allen Elementen seines Wesens, in Sprache, Werk, Erscheinung und Leben gleich sinnlich und sieghaft zutage.

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