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Die Heilung durch den Geist

Stefan Zweig: Die Heilung durch den Geist - Kapitel 29
Quellenangabe
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typeessay
authorStefan Zweig
titleDie Heilung durch den Geist
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorKnut Beck
year1983
isbn3596223008
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121111
projectidb161d8d9
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Die Nachfolge

Unter dem überwältigenden Eindruck des unvergleichlichen Triumphzuges der Christian Science schmettert um die Jahrhundertwende Mark Twain seinen verzweifelten Warnungsruf über Amerika hin. In ein paar Jahren werde, wenn man keinen Widerstand leiste, diese Irrlehre das ganze Land, die ganze Welt erobern, denn – so argumentiert, billig wie immer, der diesmal ernste Humorist – Christian Science sei eine typische Wissenschaftslehre für Einfältige, und da bekanntlich vier Fünftel aller Menschen zu den Armen im Geiste gehörten, werde diesem metaphysischen Humbug der Sieg gewiß sein. Selbstverständlich hat sich Mark Twains etwas zu voreilige Voraussage ebensowenig erfüllt wie der messianische Glaube der Szientisten, mit ihrem Dogma werde »im Fortschritt der Welt eine neue Ära anbrechen«. Weder hat die Christian Science gesiegt, noch ist sie besiegt worden, sie hat sich still und mit gesenktem Schwert der Welt und ihrer Wissenschaft angepaßt: typisches Schicksal aller Revolutionen im Geiste! Jede Glaubensbewegung tritt nach anfänglichem Überschwang unvermeidlich in das duldsamere Stadium, wo sich der Glaube nicht mehr bewegt, wo er starr wird, aus Gestaltung Gestalt, aus Organismus Organisation: so auch die Lehre Mary Baker-Eddys. Noch immer gehören Hunderttausende dieser Weltanschauung an, die Zahl ihrer Anhänger mag nach dem Tode Mary Baker-Eddys sogar noch gewachsen sein. Aber entscheidend ist, daß das Dasein und Dabeisein dieser Hunderttausende sich völlig wirkungslos für die andern Millionen und aber Millionen ereignet – ganz lautlos fließt, was unter Mary Baker-Eddy ein ungebärdig schäumender und die Gebiete der Wissenschaft gefährlich bedrohender Wildbach gewesen, nun innerhalb staatlich gedämmter Ufer geregelt dahin. Noch immer halten die Szientisten ihre frommen Meetings, noch immer werden dieselben Texte aus »Science and Health« in denselben Kirchen gelesen, noch immer erscheint in riesiger Auflage die Tageszeitung, der »Christian Science Monitor«, aber dieser Herold ruft nicht zum Streit gegen »physiology« mehr, er meidet in vornehmer Weise jeden Kampf, jede Streitigkeit. Man hört nichts mehr von Prozessen, von lauten Konflikten, auch der dröhnende Lautsprecher der »Publicity« ist verstummt und stiller Werbung von Mund zu Mund gewichen; mit dem Tode der großen Konquistadorin hat das Dogma vollkommen das Kämpferische ihres Temperaments verloren. Friedlich wirkt heute der »healer«, der Christian-Science-Helfer, neben dem diplomierten Arzt, reibungslos ordnet sich das neue religiöse Suggestionsverfahren in die moderne Psychologie und Psychiatrie: gleich unzähligen andern revolutionierenden Thesen und Theorien hat auch diese sich klugerweise mit engerem Bezirke beschieden. Sie ist nicht weitergeflutet, die Christian Science, sie ist nicht versiegt: sie ist starr geworden, Formel aus feuerflüssiger Form. Nach ihrem ersten leidenschaftlichen Ausbruch aus der vulkanischen Seele Mary Baker-Eddys ist die Lava wieder abgeflutet, und friedlich siedelt heute unter dem erloschenen Krater eine ruhige Gemeinde.

Keine Kraft aber, die einmal massenpsychologische Bewegung erschaffen, geht in unserem geistigen Weltall völlig verloren, kein Gedanke der Menschheit, wenn auch über die Vernunft weit hinausgetrieben, verliert auf die Dauer seine schöpferische Macht. Die Idee Mary Baker-Eddys ist nicht völlig mit ihrer Gestalt gestorben. Schon hielt man in Amerika längst die Diskussion über Christian Science, über die Heilung durch den Glauben für völlig erledigt, da kehrt von unvermutetem Ufer, von Europa her, die langsam hinübergewanderte Welle zurück: noch einmal stellt sich das Problem Mary Baker-Eddys, ob man durch den eigenen Glauben das eigene Gebrest überwinden könne, in den Theorieen Coués neuerlich der Wissenschaft. Zweifellos beeinflußt von den Gedanken der Christian Science, legt der Apotheker von Nancy die Heilung jedem Menschen selbst in die Hand, er schaltet sogar noch den von Mary Baker-Eddy geforderten Zwischenkontakt, den Healer, den Heilhelfer zwischen dem Patienten und seinem Leiden aus, indem er durch eine Persönlichkeitsspaltung den Suggerierenden und den Suggerierten in dasselbe Individuum setzt. Aber indem Coué genau wie seine Vorgängerin gleichfalls den Heilungswillen ausschließlich dem menschlichen Willen anheimgibt, leistet er dieser kühnsten Pilotin ins Übersinnliche Heroldsdienst und Gefolgschaft. Mögen also Mary Baker-Eddys einseitige Formulierungen in Zukunft auch weiter verändert oder gänzlich abgelehnt werden, entscheidend bleibt für ihre weltpsychologische Bedeutung nur eins: daß jenes Problem der Heilung durch den Glauben, von dieser Frau so schroff in die Mitte der Menschheit geworfen, nicht mehr zur Ruhe kommt. Damit hat jenseits von Richtig und Unrichtig diese Außenseiterin aller Gelehrtheit sich dauernden Rang unter den Wegbereitern der Seelenkunde gesichert und wieder einmal erwiesen, daß innerhalb der Geistesgeschichte das unbelehrte und unbelehrbare Ungestüm eines Laien für die Fortgestaltung von Ideen ebenso wichtig sein kann wie alle Weisheit und Wissenschaft. Denn schöpferische Unruhe zu schaffen, dies allein ist jedes neugeformten Gedankens erste Probe und Pflicht. Auch der Übertreiber und gerade er treibt vorwärts. Auch der Irrtum fördert durch seinen Radikalismus den Fortschritt. Wahr oder falsch, Treffer oder Niete – jeder Glaube, den einmal ein Mensch dank der Wucht seines Wesens der Menschheit aufgezwungen, erweitert die Grenzen und verschiebt die Gemarkungen unserer geistigen Welt.

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