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Die Heilung durch den Geist

Stefan Zweig: Die Heilung durch den Geist - Kapitel 28
Quellenangabe
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typeessay
authorStefan Zweig
titleDie Heilung durch den Geist
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorKnut Beck
year1983
isbn3596223008
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121111
projectidb161d8d9
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Kreuzigung

Im fünfundachtzigsten Jahre steht – Aufstieg ohnegleichen! – Mary Baker-Eddy auf der höchsten Zinne ihrer Macht. Eine Riesenkirche in New York, ein Dutzend Kirchen und Universitäten in den Vereinigten Staaten, eine erste in Europa, im Herzen Londons, und nun noch, alle Häuser mit ihrer strahlenden Kuppel überragend, diese Zwei-Millionen-Dollar-Basilika in Boston – welche Frau auf Erden hat in unserem Jahrhundert mit zwei welken Händen solche napoleonische Macht an sich gerissen? Der Bau dieser neuen Peterskirche ist ein Erfolg ohnegleichen – aber vielleicht ein schon zu großer, ein zu herausfordernder Erfolg. Denn er lenkt mit einemmal die Aufmerksamkeit und vor allem das Mißtrauen eines ganzen Landes auf ihre Gestalt. Bisher hatte die breitere Öffentlichkeit Amerikas verhältnismäßig wenig auf Mary Baker-Eddy geachtet. Man redete ab und zu von ihrer Sekte, aber wie von hundert anderen, verwechselte die Christian Szientisten mit den Methodisten, den Baptisten und ähnlichen religiösen Kirchenanhängern. Vor diesem marmornen Riesenbau aber, der alle Zinnen und Dächer der Stadt hochmütig überragt, bleiben die Leute mit offenem Mund stehen: nichts imponiert ja in unserer Welt der Ziffern und Zahlen so sehr wie die arithmetische Mystik der Million. Mit einmal beginnt erregtes Flüstern und Fragen: wer ist diese rätselhafte Frau, die nur einen Finger zu rühren braucht, einen Aufruf zu schreiben, damit ihr in ein paar Wochen Millionen Dollar zuströmen? Wer ist diese Magierin, die im Nu solche Millionenkathedralen auf den schönsten und teuersten Plätzen Bostons und New Yorks wachsen läßt, wer ist sie? Die Zeitungen spüren dies Interesse und bringen große Beschreibungen, gleichzeitig schlägt das »Publicity office« der Christian Science kräftig die Trommel, um die allgemeine Neugier zu neuer Geldwerbung zu nützen. Gleichzeitig fahren aber auch die Feinde ihre Kanonen auf, die Ärzte erkennen die Gefahr, die ihrem Geschäft von einer weiteren Ausbreitung der Christian Science droht. Mark Twain veröffentlicht in Buchform seine Spottschrift und, aufgeweckt von dem Lärm, erfahren die Erben Quimbys, welche Summen die ehemalige Schülerin ihres Vaters und Großvaters durch seine Anregung gerafft. Sie veröffentlichen jene belastenden Briefe und Artikel, erklären die Idee der Christian Science für gestohlen, den Reichtum für usurpiert; ein Artikel, ein Angriff folgt dem andern. Plötzlich ist der Scheinwerfer der Öffentlichkeit grell auf ihre Person gerichtet und Mary Baker-Eddy die meistbesprochene Frau Amerikas.

Am Eröffnungstage der Basilika von Boston stehen Hunderte von Reportern mit gezückten Füllfedern bereit, ihr Auftreten zu schildern, zwei Dutzend Photographen, ihr Bild zu schnappen. Aber Enttäuschung! An ihrem höchsten Triumphtage erscheint Mary Baker in Boston nicht in ihrer Kirche. Erst verwundert man sich, dann beginnt bösartig verdächtiges Raunen und Reden, jene Mary Baker-Eddy, in deren Namen alle diese Kirchen gebaut würden, sei längst gestorben, und irgendeine anonyme Gruppe nütze ihr Firmenschild zu eigenen Geschäften aus. Mary Baker-Eddys hartnäckige Unsichtbarkeit verstärkt diesen Verdacht, denn unter den verschiedensten Ausreden werden alle jene, die jetzt nach Pleasant View kommen, um sie zu sehen, an der Tür weggeschickt, kein einziger dringt in das Heiligtum ihrer Gegenwart. Bald behaupten ihre Hausleute, die Meisterin sei »too busy«, zu beschäftigt, zu sehr in Arbeit vertieft, um empfangen zu können, bald wieder, sie habe Besuch, bald wehren sie ab, die große Lehrerin befinde sich in religiöser Versenkung und dürfe nicht gestört werden. Da schließlich die Neugier immer wilder zudrängt, verkündet in ihrem Namen das »Christian Science-Journal« die verzweifelte Bitte an ihre Anhänger, »sich nicht mit ihrer Person zu beschäftigen« – »to look away from persortality and fix their eyes on truth«. Tragische Umkehr – siebzig Jahre hat diese Frau nur eines gewollt, daß die Welt sich mit ihrer Person befasse; nun, da sie fünfundachtzig Jahre alt ist, müde und krank und zerfallen, nun, da sie sich zum erstenmal verbergen will, gerade jetzt fordert die Welt, sie zu sehen.

Seit dem Tage, da die Basilika über Boston leuchtet, ist Amerika neugierig auf Mary Baker-Eddy geworden. Und wie alle Sinne des Menschen hat auch die Neugier ein eigenes Organ: die Zeitung. Ein amerikanisches Daily Paper vom Range der »World« darf nicht dulden, daß ein einzelner Mensch in Amerika »Nein« sagt und sich weigert, seine Reporter zu empfangen, während die fünfhunderttausend Leser endlich doch schon wissen wollen, ob diese Frau lebt, ob sie schwachsinnig ist oder vollsinnig. Das Wort »unmöglich« billigt eine Redaktion dieses Ranges keinem Menschen der Erde zu; so wird zweien der verwegensten und gerissensten Auskundschafter der Auftrag gegeben, koste es, was es wolle, die verschlossenen Türen zum Allerheiligsten zu sprengen, sei es mit Dollars, sei es mit Dynamit, und genauen Bericht über Pleasant View und Mary Baker-Eddy zu liefern. Die beiden Geißelknechte reisen ab; zum Äußersten entschlossen. Sie wenden sich zunächst an die wichtigste Person des Hauses, an den Vermögensverwalter: der wehrt erschrocken ihrem Verlangen, aber sie drängen und drohen so lange, bis sie wenigstens einen flüchtigen Blick ins Haus tun dürfen. An dem ersten Tag ist ihnen überdies schon eine pikante Feststellung gelungen, nämlich, daß die verschleierte, weißhaarige Frau, die jeden Nachmittag im Wagen Mary Baker-Eddys die Spazierfahrten durch die Anlagen von Concord macht, gar nicht Mrs. Eddy ist, sondern eine untergeschobene Kammerzofe: herrliches Material! Als tüchtige Burschen blähen sie die paar gleichgültigen Einzelheiten zu einem Riesenskandal auf, in dem sie erzählen, Mary Baker-Eddy, die Meisterin der unfehlbaren Heilmethode und Besiegerin jeder Krankheit, sei vollkommen geistig und körperlich zusammengebrochen, ein willenloses Werkzeug in den Händen ihrer Umgebung.

Jetzt ist die Bombe explodiert. Verstört sammeln sich die Mitglieder des Christian-Science-Komitees zu einer Besprechung. Sie begreifen sofort, wie peinlich es für die Suggestivmacht der Science wäre, wenn sich tatsächlich durch das Megaphon der Blätter in ganz Amerika die Nachricht verbreitete, Mary Baker-Eddy, die Leugnerin der Krankheit und des Alters, sei geistig schwach und körperlich hinfällig. So flehen sie die Führerin an, den Glauben und die Kirchengemeinschaft zu retten, indem sie durch einen einmaligen Reporterempfang die Legende von ihrer Geistesschwäche und körperlichen Zerrüttung endgültig widerlege. In diesem Jahr 1906 ist Mary Baker-Eddy eine fünfundachtzigjährige Greisin. Sie hat dem Alter den unvermeidlichen Tribut gezahlt, sie sieht schlecht, sie hört schlecht, kein Zahn steht mehr in ihrem Munde, die Beine gehorchen ihr nicht: kein Gedanke muß dieser Stolzen und Selbstherrlichen darum schreckhafter ankommen, als solche Gebrechlichkeit vor fremden, vor feindseligen Menschen zu enthüllen. Aber in dieser verfallenen Ruine lebt noch urmächtig und unzerstörbar die alte Kraft, der dämonische Wille zur Selbstbehauptung. Da es um ihr Höchstes geht, um den Glauben an ihren Glauben, erklärt sie sich heroisch zur Folter bereit und stellt sich, fünfundachtzigjährig, freiwillig an den Marterpfahl eines Interviews.

Erschütternd rollt sich am 30. Oktober 1906 diese knappe Stunde ab: Die Journalisten haben mit dem »board of directors« vereinbart, bloß vier Fragen an Mary Baker-Eddy zu stellen:

1. Sind Sie in vollkommener Gesundheit?
2. Haben Sie einen andern Arzt als Gott?
3. Machen Sie täglich Ihre Ausfahrt?
4. Verwalten Sie selbst Ihr Vermögen, oder besorgt jemand anderes Ihre geschäftlichen Angelegenheiten?

Neun Reporter werden in den Salon geführt. Dort läßt man sie aufgeregt warten. Plötzlich wird ein Vorhang zum Nebenraum beiseite gezogen, und vor ihnen steht reglos (man wollte nicht das Schauspiel ihres mühseligen Gehens geben) Mrs. Eddy, sich festhaltend an der samtenen Portiere. Ihre eingefallenen Wangen sind bemalt, die pergamentene Haut gepudert, ein Hermelinmantel fällt um den fahlen Nacken, diamantene Kette umklirrt lose den faltigen Hals. Alle schauern vor diesem aufgezäumten Gespenst, vor diesem toten Cid in der Rüstung des lebendigen, vor dieser geschmückten und kolorierten Mumie. Einen Augenblick herrscht bedrücktes, beinahe mitleidiges Schweigen im Räume. Dann tritt eine Reporterin vor – man hat aus Rücksicht Sibyl Wilbur gewählt, die spätere rosenrote Biographin, – und die Geißelung beginnt mit der Frage:

»Sind Sie vollkommen gesund, Mrs. Eddy?«

Die Fünfundachtzigjährige macht ein angestrengtes Gesicht. Der Wortschall hat ihr ertaubtes Trommelfell nicht durchdrungen. Sie hat nicht verstanden.

»What ... what?« fragt sie.

Noch einmal, lauter, beinahe schreiend wiederholt die Reporterin die vereinbarte Frage. Jetzt hat Mrs. Eddy verstanden und antwortet:

»Ja, ja, ich bin gesund.«

Bei der zweiten Frage: »Haben Sie keinen andern Arzt als Gott?« versagt abermals das Gehör. Lauter muß die Frage wiederholt werden. Dann stammelt sie leise (obwohl sie in der Behandlung eines Zahnarztes steht) mit energisch abwehrender Geste:

»Nein, nein! Seine allmächtigen Arme sind um mich.« Die dritte Frage: ob sie täglich ausfahre, bejaht sie (gleichfalls unwahrhaftig) noch mit letzter Kraft. Aber bei der vierten Frage: ob jemand ihr Vermögen verwalte, vermag sie nicht mehr zu antworten. Ein nervöses Zittern überläuft ihren Leib, der Hut mit der großen Feder auf ihrem Kopf taumelt hin und her, die ganze Gestalt gerät ins Schwanken – ein Augenblick noch, und sie muß zusammenbrechen. Rasch springen die Freunde zu und führen sie weg. Diese eine Sekunde nützt einer der rücksichtslosen Folterer, um knapp an sie heranzutreten und von nah in das zerfallene, gepuderte und geschminkte Gesicht mit den gebrochenen Augen zu spähen – (dreißig Zeilen mehr für die Zeitung!). Er wird rasch zurückgestoßen. Damit ist das Interview zu Ende, Mary Baker-Eddy hat den ersten Grad der Folterung überstanden.

Aber man erspart ihr nicht den zweiten. Das Interview hat »eingeschlagen«. Nun weiß die Welt, daß Mary Baker-Eddy existiert: doppelt wild springt jetzt die Neugier sie an. Sofort will die Redaktion mehr von diesem schmackhaften Leserkaviar Mary Baker-Eddy und Christian Science für die unersättlichen Riesenspalten, sie will Material, Material, spannende, aufregende Details, packende Anekdoten über diese Frau, die selbst nur noch Ruhe will und Vergessenheit. Ein Dutzend Reporter, trefflich mit Scheckbüchern ausgerüstet, wird ins Land gesprengt, überall die Spur Mary Baker-Eddys in der Vergangenheit zu erforschen. Jede ihrer ehemaligen Wohnungen wird durchstöbert, jeder ihrer einstigen Schüler in Lynn photographiert, interviewt und vor den Notar geschleppt, damit er seine Angaben zu Protokoll gebe; verstaubte Gerichtsakten werden kopiert, ihre Feinde, ihre Freunde befragt, jeder Zeitungsartikel aus der grauen Quimby-Vorzeit triumphierend nachgedruckt. Bei dieser genauen Suche entdeckt nun ein Abgesandter unvermutet eine unüberbietbare Sensation, er entdeckt, daß die Heilige einen Sohn hat, einen verschollenen, ein Leben lang mißachteten und verlassenen leiblichen Sohn, George Glover, der irgendwo im Westen in ärmlichsten Verhältnissen lebt, während seine Mutter allein aus ihren Schriften vierhunderttausend Dollar im Jahre scheffelt. Welcher Fund für die Zeitung! Nun muß Mary Baker-Eddy mit Zins und Zinseszins die Schuld ihrer Unmütterlichkeit bezahlen, diesen Sohn fremden Leuten angehängt zu haben, ohne sich jahrzehntelang um ihn zu kümmern. Nun hat die vergeßliche Mutter allen Anlaß, zu bereuen, daß sie ihm seine bescheidenen Geldbitten abschlug. Denn ein gerissener Advokat, der Senator Chandler, saust eiligst im Expreßzug zu dem Sohn und hetzt ihn auf, seine Mutter, die ein Millionenvermögen besitze, lebe schwachsinnig in den Händen eines Clan. Er allein habe Anrecht auf ihr Geld, er solle doch Klage führen vor Gericht, es würde nichts kosten, er möge sich nur auf ihn verlassen. Dem armen Glover, der nie vom Reichtum seiner Mutter eine richtige Vorstellung hatte, fällt diese Botschaft wie Engelsmusik ins Haus. Natürlich wolle er diesen Banditen heimleuchten, die ihm den Weg zu seiner Mutter sperrten! Im vergangenen Jahr, als er sie um fünfhundert Dollar für seine kranke Frau ersucht, hätte gewiß einer dieser Lumpen seinen Brief unterschlagen. Und sofort schreibt er unter dem Diktat des Anwalts eine ruhige und höfliche Mitteilung, in der er seinen Besuch bei der geliebten Mutter ankündigt.

Dieser Brief wirkt in Pleasant View wie ein Erdbeben. Auf den ersten Blick sehen die führenden Männer im Christian-Science-Komitee die ungeheure Gefahr für den ganzen Glaubenstrust, wenn das hartherzige Verhalten Mother Marys öffentlich aufgerollt würde und jene sehr peinlichen und groben Briefe an ihren Sohn im Gerichtssaal zur Vorlesung gelangten. Donnerwetter, das würde den Heiligenschein ins Wanken bringen; eine Mutter, die sich jahrzehntelang nicht um ihr ehrlich eheliches Kind gekümmert! Nur keinen Prozeß! Lieber paktieren, lieber bezahlen! Sofort schickt man George Glover einen Boten entgegen, der ihm die so peinlich unmütterlichen Briefe abnehmen soll. Aber die hat vorsichtigerweise der gerissene Advokat in einem Safe deponiert: nein, jetzt muß der Clan von Pleasant View entlarvt werden, fordert er grimmig. Welches Angstfieber die leitenden Kreise schüttelt, kann man am Thermometer der Zahlen ablesen. Denn eben derselbe Vermögensverwalter Frye, der George Glover vor einem Jahr schäbige fünfhundert Dollar für seine kranke Frau verweigerte, will ihm nun plötzlich hundertfünfundzwanzigtausend Dollar – jawohl, 125000 Dollar – blank auf den Tisch legen, wenn er seine Klage zurückziehe.

Aber schon ist es zu spät, die Zeitung und der Anwalt lassen sich den Prozeß nicht mehr entgehen. Abermals erneuert sich die Tragik der Umkehr: dreißig Jahre lang hat Mary Baker-Eddy aus tollem Trotz und krankhafter Rechthaberei Prozesse über Prozesse geführt, ganze Türme von Akten liegen in Lynn und Amesbury als Zeugnis ihrer unbändigen, ihrer unbeugsamen Streitlust: jetzt aber, da sie, todmüde und krank, um jeden Preis öffentlichen Streit vermeiden will, jetzt wird er ihr gewaltsam aufgezwungen und diese private Causa gleichzeitig zum Prozeß gegen die christliche Wissenschaft aufgezäumt. Der zweite Grad der Folterung wird eingeschraubt. Vor Gericht erklärt Senator Chandler in seiner Anklage, Mary Baker-Eddy, die Entdeckerin der Christian Science, der »pastor emeritus«, sei eine schwachsinnige Person, und als Argument für diese »Dementia« führt er grausamerweise nicht nur ihr vorgerücktes Alter an, sondern behauptet, die von ihr verbreitete Lehre der christlichen Wissenschaft sei in sich selbst schon das beste und augenfälligste Zeichen ihres Irrwitzes, ihrer »delusion«.

»Die Welt«, beginnt Mr. Chandler seine Begründung, »ist den Astronomen, den Geologen, den Physikern, Chemikern, Naturwissenschaftlern und den Gesetzgebern des Landes bekannt. Mrs. Eddy dagegen, unter dem Einfluß ihres Irrwahns (delusion), behauptet, daß die Welt nicht vorhanden sei.« Dieser Irrwahn, fährt er weiter fort, führe zu anderen Absurditäten, so etwa, daß sie behaupte, auf eine wunderbare und überirdische Weise von Gott auserwählt zu sein, göttliche Offenbarungen zu empfangen und der Welt eine neue und unfehlbare Art der Krankenheilung zu bringen. Er verspottet und verhöhnt ihren pathologischen Glauben an den »malicious animal magnetism«, ihre lächerliche Teufelsangst, und behauptet, gestützt auf viele Einzelheiten, diese »Dementia« sei mit den Jahren progressiv geworden. Zum erstenmal wird der Glaube Mary Baker-Eddys unter das juridische Messer genommen und unbarmherzig vor der breitesten Öffentlichkeit seziert. Das Gericht faßt zunächst keinen Beschluß. Es hält sich gerechterweise zurück, die Lehre der Christian Science von vornherein als Zeichen von »insanity« und Mary Baker-Eddy deshalb als Närrin zu betrachten, sondern beschließt korrekt, zunächst eine amtlich-psychiatrische Untersuchung ihres Geisteszustandes vorzunehmen. Zwei Richter werden zu Mrs. Eddy geschickt, zwei Richter und – furchtbarste Beleidigung! – ein Irrenarzt, der ex officio den Befund aufnehmen soll, ob die Begründerin der größten Religionsgemeinde Amerikas, die Entdeckerin der Christian Science eine Paranoikerin sei oder nicht.

Mary Baker-Eddy erwartet nun der dritte, der schmerzhafteste Grad der Folterung. Im März 1907 wird die Sechsundachtzigjährige genötigt, den Irrenarzt und die beiden Richter in ihrem Haus zu empfangen. Aber selbst in Zerfall und Niedergang erweist sich diese eherne Frau immer herrlich, sobald es um ihren Glauben, sobald es um ihr Werk geht. Immer reißt Gefahr aus ihrem kranken, hinfälligen Leib eine letzte unerwartete Energiereserve, und in dieser Entscheidungsstunde offenbart sie noch einmal volle Klarheit und Kraft. Eine ganze Stunde lang wird sie ausgefragt, und zwar nicht über geistige und metaphysische Probleme, sondern man stellt die typischen Psychiaterfragen, wieviel Bäume sie in ihrem Garten habe, man prüft sie auf Jahreszahlen und Daten, man fragt – furchtbarste Ironie! – die Verkünderin der Irrealität alles Irdischen, auf welche Art sie ihr Geld anlege, ob sie ein Bankkonto oder Stadtanleihe oder Gouvernementbonds vorziehe. Mary Baker-Eddy nimmt alle Kraft zusammen, sie antwortet fest und klar. Die Inquisitoren haben sie in einem starken Augenblick getroffen, und das Bewußtsein, sie rette oder zerstöre ihr Werk, konzentriert noch einmal ihr fahriges und verworrenes Gehirn. Ohne ein Votum abzugeben, verlassen sie der Irrenarzt und die Richter: wahrscheinlich wäre ihre endgültige Entscheidung zugunsten der Tapferen ausgefallen. Aber Mary Baker-Eddys Freunde wollen keinen neuerlichen Prozeß, sie drängen auf Vergleich. So setzen sich die Anwälte schließlich zusammen und handeln ein Abstandsgeld für George Glover aus. Die Vertreter Mrs. Eddys bieten ihrem Sohn zweihundertfünfzigtausend Dollar und dem angenommenen Sohn, Dr. Foster, fünfzigtausend Dollar, falls sie sofort die Klage zurückziehen. Mit dieser Viertelmillion Dollar erklärt sich George Glover glücklicherweise zufrieden; einzig dank diesem Ausgleich in zwölfter Stunde ist die Nachwelt um die groteske Entscheidung eines amerikanischen Gerichts gekommen, ob die Christian Science eine göttliche Inspiration oder ein Produkt von Paranoia sei.

Nach diesen drei furchtbaren Geißelungen bricht Mary Baker-Eddy vollkommen zusammen. Ihre Nerven brennen wie Zunder, die alten Wahnvorstellungen vom »malicious animal magnetism« flirren wieder auf, denn nicht auf natürliche Weise könne man die Menschen so gegen sie aufgereizt haben, behauptet sie. Hinter diesen Verfolgungen verberge sich der Haß der Mesmeristen, ihr bösartiger Magnetismus. Wieder faßt sie der alte pathologische Verfolgungswahn an der Kehle. Plötzlich erklärt Mary Baker-Eddy, sie könne es in ihrem Hause in Pleasant View nicht einen Tag mehr aushalten, sie könne nicht mehr atmen, nicht mehr schlafen, nicht mehr leben darin, sie müsse fort, unbedingt und unverzüglich fort aus diesem mit Magnetismus verseuchten Heim. Wenn Mary Baker-Eddy etwas verlangt, wird auch unsinnigster Wunsch ihren Sklaven sofort Befehl. Mit Angst und geheimem Grauen fügen sie sich ihrem fieberigen Wahn. Für hunderttausend Dollar kaufen rasch ausgesandte Agenten eine neue Villa in Chestnut Hill bei Boston, und da Mary Baker-Eddy keinen Tag länger in ihrem »vergifteten« Haus von Pleasant View ausharren will, werden siebenhundert Arbeiter angenommen, die in Schichten Tag und Nacht wie die Tollen werken, nur um ein paar Stunden früher der von ihren Nerven Gequälten die Übersiedlung zu ermöglichen. Aber wie hat sich die Zeit gewandelt, wie anders vollzieht sich dieser Auszug von einer Residenz in die andere als jener einstige in Lynn, wo man der Hinausgejagten ihren hölzernen Koffer rücksichtslos hinaus in den Regen warf: jetzt wird ein Sonderzug bei der Verwaltung der Bahn bestellt, und mehr noch, diesem Sonderzug fährt – nur der Zar Rußlands hat von allen Monarchen der Erde diese Vorsicht, diesen Luxus gekannt! – eine leere Lokomotive voraus. Eine zweite Lokomotive folgt nach, um jede Möglichkeit eines Zusammenstoßes auszuschalten und dieses kostbare Leben der Welt möglichst lange zu erhalten. Denn in ihrem pathologischen Wahn vor dem animalischen Magnetismus fürchtet die Unselige selbst im Zuge eine tödliche Einwirkung ihrer Feinde. Abends langt sie in ihrem neuen Heim von Chestnut Hill an. Und seit diesem Tage bleibt der Vatikan von Pleasant View, die heilige Stätte, zu der Hunderttausende ehrfürchtig pilgerten, für immer verlassen.

Aber wunderbar: in Chestnut Hill weicht noch einmal die Wolke von ihren Sinnen, noch einmal sammelt sich die alte, unzerstörbare Kraft. Eine Leidenschaft bleibt bis zum letzten Atemzuge in dieser Frau lebendig, der riesenhafte Geltungswille. Wer sich gegen sie empört hat, der muß gebeugt werden! Eine Macht hat sich gegen ihre Macht erhoben, ein Wille gegen ihren Willen: die Zeitung, die Tageszeitung. Und sie duldet keine Macht außer sich und neben sich. Rache muß an den Reportern, Rache an den Redakteuren und Zeitungsbesitzern genommen werden. Sie sollen fühlen, daß eine Mary Baker-Eddy allein im Hundertmillionenland nicht von ihnen abhängig ist: sie wird sich ihre eigene Zeitung schaffen! Am 8. August 1908 ergeht an ihre Vermögensverwalter eine Bulle: »Es ist mein Wunsch, daß Sie sofort eine Tageszeitung herausgeben und sie ›Christian Science Monitor‹ nennen. Lassen Sie keine Verzögerung eintreten!« Wenn Mary Baker-Eddy Beschleunigung befiehlt, geschieht alles wie durch Zauberei. Am 19. September werden die christlichen Wissenschaftler aufgefordert, Beiträge zu zeichnen, ohne daß ihnen auch nur mit einem Wort gesagt wird, wofür. Aber ein Aufruf der Magierin genügt. Sofort strömen Gelder zu. Über Nacht werden die Miethäuser neben der Basilika niedergerissen, um einem mächtigen Neubau Platz zu machen, dem zukünftigen Zeitungshaus, und in wasserdichtes Segeltuch verhüllt, damit niemand das Geheimnis vorzeitig errate, werden die großen Rotationsmaschinen in den Riesenbau gebracht. Am 25. November dann, völlig unerwartet für alle, selbst für ihre Getreuen, erscheint die erste Nummer ihrer Tageszeitung, des »Christian Science Monitor«, der heute noch besteht, übrigens – um der Wahrheit die Ehre zu geben – eine ausgezeichnete, glänzend informierte, kulturell besonders hochstehende Zeitung, die über alle Angelegenheiten der irdischen Welt, über Politik, Literatur, Sport und Börse unparteiische Berichte bringt und ihre Zugehörigkeit zur Christian Science einzig durch die sehr sympathische Besonderheit bekundet, daß sie im Gegensatz zu den meisten Zeitungen häßliche und widrige Tatsachen, also Morde, Epidemieen, Skandalaffären, Verbrechen, möglichst aus dem Blickfeld schiebt und dafür alles Lebensfördernde, alles Gute und Erfreuende, betont – eine Tendenz, die aufs glücklichste den vitalitätssteigernden Charakter der Christian Science ohne die peinlichen Übertreibungen des Dogmas verwirklicht.

Nun ist das Reich gefestigt. Wenn die Siebenundachtzigjährige zurückblickt, kann sie zufrieden sein. Alle ihre Gegner sind besiegt oder verschwunden; Spofford und Kennedy und ihr abtrünniger Mann Patterson leben irgendwo im Dunkel, namenlos und unbekannt, indes ihr eigener Name täglich höher in die Glorie aufsteigt. Der Wissenschaft, die sie bekämpfte, hat sie eine eigene entgegengestellt, eine Universität gegen die Universität, eine Kirche gegen die Kirchen, eine Zeitung gegen die Zeitungen – was alle Welt für Wahn hielt, für ihre private Narrheit, lebt als Überzeugung in hunderttausend Seelen unlösbar verwurzelt. Alles hat sie erreicht, was zu erreichen war, alle Macht der Erde, der Zeit ist in ihre Hände gefallen. Und nur eine Frage besorgt noch die steinalte Frau: Wohin mit dieser Macht? Wer soll sie erben, wer sie verwalten? Die Blicke innerhalb der Gemeinde richten sich längst auf eine Gestalt, auf die treueste und hingebungsvollste ihrer Schülerinnen, auf Auguste Stetson, die mit ihrer unglaublichen Energie New York, die wichtigste Stadt, erobert und die meisten Millionen unter allen Heilern und Schülern für die heilige Sache gesammelt hat. Aber Mary Baker-Eddy ist eifersüchtig noch über ihr Leben hinaus. Gerade einer Frau, gerade einer Tüchtigen will sie ihr hohes Erbe nicht überlassen; kein Name darf und soll in der Christian Science gelten und bleiben als der ihre. So stößt sie, nur um die Wahl Auguste Stetsons für alle Zeit zu verhindern, nur damit jene nicht Erbin werden könne, im neunundachtzigsten Lebensjahre – jawohl, im neunundachtzigsten mit ganz welken und gelähmten Händen – hastig noch die treueste, die tüchtigste ihrer Schülerinnen aus der Kirche aus. Ein ganzes unerbittliches Leben lang hat ihr Selbstgefühl niemanden neben sich geduldet: so soll es bleiben in alle Ewigkeit! Darum wirft sie ihr Erbe lieber an Namenlose als an einen fremden Namen. Und tatsächlich, kein anderer gilt seitdem ihren Anhängern für heilig als der eine: Mary Baker-Eddy.

Bis zu ihrem neunundachtzigsten Jahre hat der Kampf dieser unbändigen Frau immer wieder Kraft gegeben. Aber nun hat sie gegen niemanden mehr zu kämpfen. Da endlich gewinnt das Alter, das vergeblich geleugnete, gewinnt das unzerstörbare Gesetz der Wirklichkeit Gewalt über sie. Sie schwindet hin, der greise Leib verfällt, oder, um in ihrem Sinn zu reden, »der sterbliche Traum von Leben, Substanz und Gemüt wird in der Materie schwächer«. Und am 4. Dezember liegt reglos auf den Kissen ihres Bettes »eine Körperhülle, die der Glauben verlassen hat«, die Leiche Mary Baker-Eddys. Einzig der Tod hat dieses eiserne Herz besiegt.

Aber für ihre Getreuen bedeutet jeder Tod nicht Fortsein, sondern nur Nicht-mehr-wahrnehmbar-Sein. Ohne Pathos und sichtliche Erschütterung, wie eine belanglose, nebensächliche Tatsache melden in den Christian-Science-Kirchen die Vorleser, daß Mary Baker-Eddy, neunzigjährig, »aus unserem Gesichtskreis geschieden sei«. Keine öffentliche Trauerfeier wird veranstaltet, keine pompöse Zeremonie. Und nur ganz wenige Auserlesene nehmen teil an der einfachen, gleichsam anonymen Bestattung, die durchaus unbetont und unbeachtet bleiben will, denn für den gläubigen Szientisten bedeutet der Tod kein Ende und die Verwandlung des Körpers keine wahrhafte Veränderung. Die »so called dead«, die sogenannte Tote, wird in einen stählernen Sarg getan, der Sarg in die Gruft und die Gruft mit Beton ausgefüllt. Zwei Tage lang, bis der Zement hart und undurchdringlich geworden ist, stehen besondere Wächter an dem Grabe: die Führer der Kirche haben sie eigens aufgestellt, um die überreizte Erwartung einiger Fanatiker zu widerlegen, Mary Baker-Eddy werde wie Christus die Grabplatte sprengen und am dritten Tage auferstehen. Aber kein überirdisches Zeichen ereignet sich. Es war kein Wunder mehr vonnöten. Denn der mit Vernunft nie völlig erklärbare Erfolg ihres Lebens, ihrer Lehre gehört selbst schon zum Wunderbarsten unserer an Wundern armen und darum ungläubig gewordenen Zeit.

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