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Die Heilung durch den Geist

Stefan Zweig: Die Heilung durch den Geist - Kapitel 27
Quellenangabe
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typeessay
authorStefan Zweig
titleDie Heilung durch den Geist
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorKnut Beck
year1983
isbn3596223008
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121111
projectidb161d8d9
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Rückzug in die Wolke

In der Abendröte des neunzehnten Jahrhunderts schreitet noch ungebeugten Schritts eine alte Frau mit schlohweißen Haaren die höchsten Stufen zur Macht empor. Im sechzigsten Jahre ihres phantastischen Lebens hat sie den Aufstieg begonnen, im siebzigsten erreicht sie die goldene Höhe des Reichtums und des Ruhms. Aber noch lange ist der Gipfel nicht erreicht, unermüdlich, mit ehernem Herzen, strebt die maßlos Ehrgeizige höher empor und empor. Als sie von ihrem ersten öffentlichen Triumph, vom »Freudenfest des Geistes«, aus Chicago zurückkehrt, geht ein Schauer der Ehrfurcht durch die gläubige Gemeinde. Staunend scharen sich die Schüler um sie, fiebrige Erwartung hat sich aller bemächtigt: welche neue Wunder wird diese außerordentliche Frau noch vollbringen? Wird sie nicht in triumphaler Fahrt nun Stadt um Stadt des riesigen Amerika mit ihrer rauschenden Rede gewinnen, werden nicht Hunderte von Akademieen, Hunderte von Gemeinden im ganzen Lande auferstehen, ein Kongreß dem andern folgen? Alle Möglichkeiten, so fühlen sie, liegen jetzt offen in ihrer Hand. Sie braucht sie nur auszustrecken, um ganz Amerika an sich zu reißen.

Aber es beweist das außerordentliche psychologische Genie Mary Baker-Eddys, daß sie im entscheidenden Zeitpunkt immer das Unerwartetste und immer das Richtige tut. Im Augenblick, da die ganze Gemeinde von ihr neue Steigerung erwartet, gerade in dieser gespannten Stunde legt sie in scheinbar grandiosem Verzicht freiwillig alle Macht zu Boden; sie legt, vom Siege heimkehrend, die Waffen, die so ruhmreich erprobten, plötzlich aus der Hand. Drei Edikte sausen nieder, ihre Freunde verblüffend, ihre Anhänger verwirrend, drei Befehle, die dem geblendeten Blick ihrer Getreuen völlig sinnwidrig, ja sogar töricht erscheinen. Denn hemmen sie nicht das Werk, zerstören sie nicht den herrlich emporgestuften Bau? Das erste Edikt, 1889, befiehlt, das stärkste Bollwerk der Christian Science zu schleifen, die Universität, das Massachusetts Metaphysical College, zu sperren, »damit der Geist Christi unter seinen Schülern freiem Lauf habe.« Gleichzeitig wird auch die sichtbare Organisation der Kirche aufgelöst. Mit dem zweiten Edikt, 1890, entäußert sie sich jeder persönlichen Einmengung und Einflußnahme auf die Gestaltung der Gemeinde: »Man soll mich weder mündlich noch schriftlich um Rat fragen, wer in die Liste der auswärtigen Vertreter aufgenommen oder nicht aufgenommen werden soll, was im Journal veröffentlicht werden soll, über Uneinigkeiten, wenn solche unter den Schülern der christlichen Wissenschaft entstehen sollten, über die Aufnahme oder Ausschließung der Mitglieder der christlichen wissenschaftlichen Kirche oder die Behandlung der Kranken. Ich werde jedoch die ganze Menschheit lieben und für ihr Wohl arbeiten.« Feierlich legt damit die alte Kämpferin die Rüstung ab. Und das dritte Edikt meldet sogar, daß sie die Walstatt gänzlich verlassen habe und auf alle Ämter und Würden verzichte. Im Mai 1889 veröffentlicht das Journal, das wie Napoleons Moniteur sonst nur Siege meldete, die große Botschaft ihres Rückzuges in die Wolke: »Da unsere teure Mutter in Gott sich aus unserer Mitte zurückzieht und auf den Berg begibt, höhere Verkündigung zu empfangen und uns und den kommenden Generationen den Weg unserer wahren Bewußtheit in Gott zu zeigen, laßt uns da in Ehren und Schweigen verharren.« Tatsächlich löst sie ihren Hausstand in Boston auf, kauft ein abgelegenes Landhaus bei Concord, »Pleasant View« genannt, und entschwindet.

Ihre Schüler ergreift ein frommer Schauer vor so viel Weisheit und unvermuteter Demut. Mit diesem Verzicht auf die Macht, so fühlen sie, hat reiner als je Mary Baker-Eddy der Welt die Gleichgültigkeit gegen alles Irdische dargetan; wie Kaiser Karl ins Kloster St. Just, um einzig Gott zu dienen, so geht sie in klösterliche Einsamkeit; wie Ignazius von Loyola sein Schwert auf den Altar von Montserrat hingelegt, so gibt sie alle sichtbare Größe um der unsichtbaren dahin. Welch zerschmetternde Warnung für alle Verleumder, die wagten, eine Mary Baker-Eddy ehrgeizig, machthungrig, geldgierig zu nennen! Nun ist ihre Reinheit unwiderlegbar erwiesen und mit dieser Großtat ihr Glaube erst wahrhaftig geheiligt.

Aber welcher Irrtum der Arglosen! Nie hat diese Frau der griffigen Faust jemals ernstlich daran gedacht, Macht aus der Hand zu geben, nie weniger als in dieser Stunde ihres vorgetäuschten Verzichts. In Wahrheit bedeutet dieser Scheinrückzug die genialste taktische Tat der erprobten Kriegerin. Wenn sie jetzt ihr Werk zerschlägt, so geschieht es einzig darum, weil es zu groß, zu weit geworden ist, als daß sie es noch fest und gefügig in den Fingern fühlte. Sie zerbricht nur die bisherige Organisation, um sie neuer, straffer und vor allem autokratischer in die Faust zu bekommen, um noch mehr Herrin und Herrscherin zu werden als vordem. Denn in dem Maße, wie die Kirche ins Breite wuchs, hatte sie sich ihrer Autorität entzogen; zu lose, zu unabhängig, in persönlich unerreichter Distanz hatten sich einzelne Gemeinden und Universitäten gebildet, jede unter der Obhut eines zufälligen Leiters und Priesters. Wie leicht konnte es da geschehen, daß einzelne Gemeinden absplitterten, daß wie Kennedy und Spofford auch andere Diadochen ihres geistigen Alexanderreichs sich frech gegen ihre Herrschaft empörten, daß Jünger und Heiler sich selbständig machten! So beschließt sie, lieber die bisherige Ordnung völlig zu zerstören und härter, dauerhafter neu aufzubauen. Der horizontale Aufbau der Christian Church wird nach dem neuen Plan gewissermaßen durch einen vertikalen ersetzt, die Demokratie des Glaubens durch eine Hierarchie, durch eine Pyramide der Macht, die unverrückbar in die oberste Spitze ihres Willens mündet. Alle Kirchen, alle Gemeinden der Christian Science verlieren mit einem einzigen Erlaß ihre Selbständigkeit, sie werden völlig einer neugeschaffenen »Mutterkirche«, der »Mother Church«, unterstellt, deren »pastor emeritus« (am besten übersetzt: deren Papst) selbstverständlich Mary Baker-Eddy wird. Entscheidungen trifft freilich ein Konsistorium, aber wer ernennt seine Beisitzer? Mary Baker-Eddy. Wer kann die ungebärdigen Teilnehmer jederzeit ausschließen? Mary Baker-Eddy. Wer die Wahl des Präsidenten durch ein Veto ungültig machen? Abermals Mary Baker-Eddy, die sich auf diese geschickte Weise hinter dem Begriff »Mother Church« unsichtbar, aber in verzehnfacht wirkender Autorität versteckt. Ein eherner Dekalog wird geschaffen, der jede Selbständigkeit innerhalb der Kirche von nun ab aufhebt, die Prediger, die bisher frei und nach eigenem Gutdünken den Hörern die Probleme der Christian Science erörtern durften, abschafft und durch simple »reader«, bloße Vorleser, ersetzt: in den Kirchen dürfen keine andern als die Bücher Mary Baker-Eddys verkauft und nur ihre eigenen Worte unter genauer Angabe der Textstelle gesprochen werden – damit ist von vornherein jede Ketzerei ausgeschlossen. Ebenso planvoll wird die Geldgebarung umgestellt. Alle Geldmittel wandern von nun ab in den Fonds der Mutterkirche, die zeitlebens niemand anders als sie selbst beherrschen kann. Zwar besteht auch hier pro forma ein sogenannter »board of directors« mit einem Präsidenten und Schatzmeister, aber wehe dem, der eigenen Willens sein wollte und nicht bedingungslos dem unsichtbaren und unwidersprechbaren der scheinbar Weltflüchtigen sich fügen! Sofort würde der große Bannfluch der Kirche auf ihn fallen aus jener Wolke, hinter der sich Mary Baker-Eddy unnahbar, unfaßbar verbirgt.

Von welchen Vorbildern Mary Baker-Eddy die Maße dieses völligen Neubaus ihrer christlichen Kirche genommen, liegt klar zutage: die angelsächsische Protestantin gliedert ihre Machtpyramide genau nach der Hierarchie der katholischen Kirche. Demzufolge fällt ihr im Lande der Demokratie mehr Macht zu als dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, dem immer wieder neu zu wählenden. Sie aber hat sich die wichtigsten Attribute des Papsttums erzwungen, Unabsetzbarkeit und Unfehlbarkeit. Nach diesem erfolgreichen Staatsstreich braucht sie nicht mehr zu fürchten, durch Abtrünnige in ihrer Selbstherrlichkeit geschwächt, durch Revolten beunruhigt, durch Proteste irritiert zu werden. Frei kann sie jetzt das Innere ihres Wesensgebots erfüllen: zu befehlen, statt zu beraten. Den Blitz des Bannfluchs in den Händen, unbefragbar, unerreichbar außer durch fromme Pilgerscharen oder für einzelne Erwählte, wohnt sie jetzt in ihrem neuen Vatikan, Pleasant View, die Aura des Geheimnisvollen um das Haupt. Nun kann sie lebendigen Leibes ihren Gläubigen zum Mythos werden, zur Legende, zum Symbol.

Dieser Rückzug aus Boston, aus der Sichtbarkeit und Erreichbarkeit täglichen Umgangs, hat sich als psychologischer Kernschuß erwiesen. Denn diese Selbst-Unsichtbarmachung erhöht nämlich nicht nur ihre Macht, sondern schützt sie auch vor einer peinlichen Situation. Ganz langsam war nämlich Mary Baker-Eddy in den letzten Jahren in einen der sonderbarsten Konflikte geraten, den man sich erdenken kann. Auf der Höhe des Erfolgs zählt sie siebzig bis achtzig, ein Alter, in dem man alt ist oder alt wird: unvermeidliches Geschehen. Und so erstaunlich frisch und tatkräftig Wille und Geist in ihr auch walten, so fügt sich doch der Körper der Heilmeisterin allmählich dem unumstößlichen Gesetz. Die Füße beginnen zu versagen, die Zähne fallen ihr aus, das Gehör ertaubt, manchmal erschlaffen die Nerven in plötzlichen Müdigkeiten – Gebrechlichkeiten dies alles, die jede andere Achtzigjährige als selbstverständliche Alterserscheinungen offen eingestehen darf. Aber Verhängnis der allzu laut verkündeten Lehre! Einer Frau, einer einzigen auf Erden, gerade ihr, Mary Baker-Eddy, der Erfinderin der Christian Science, ihr allein unter den unzähligen Millionen Menschen ist es nicht erlaubt, jemals krank zu sein, jemals alt zu erscheinen, denn hat sie nicht selbst gelehrt, Altern, Sterben sei Nichtmehrvertrauen auf Gott? Wenn man dreißig Jahre lang der Welt verkündet und in Millionen Ohren posaunt hat, es sei leicht, »by mind« alle Krankheiten zu besiegen, dem Irrtum des Alterns, dem »Unfug des Sterbens« durch die Christian Science sieghaft zu entgehen, darf man sich nicht selbst im Zustande des Ergreisens ertappen lassen. Schon in den letzten Jahren hatten bereits einige Vorwitzige unter den Zuhörern, sooft sie mit einer Brille am Pulte erschien, die peinliche Frage hervorgeholt, warum die Meisterin der mentalen Kur ihre Weitsichtigkeit mit einer Brille, also mit irdischen Mitteln korrigiere, statt sie »by mind« zu heilen. Wie peinlich würde da erst die Frage, warum sie beim Gehen einen Stock gebrauche, warum sie, die bittere Feindin der Doktoren, ihre Zähne einem Zahnarzt anvertraue statt dem »mind«, warum sie ihre Schmerzen und Krämpfe mit Morphium lindern lasse! – Um des Glaubens an ihren Glauben willen darf Mary Baker-Eddy, die große Entdeckerin der unfehlbaren Heilkunde, den alten Spruch nicht gegen sich sprechen lassen: »Medica, cura te ipsum«, Heilmeisterin, heile dich selbst! Darum also tut Mary Baker wie immer das Klügste, wenn sie von nun ab ihre Hinfälligkeit hinter der Legende frommer Weltflucht in Pleasant View verbirgt. Dort gönnen die herabgelassenen Fensterläden, der sorgfältig verschlossene Gartenzaun keinem fremden und profanen Blick Zugang in ihr persönliches Leben!

Hinter diesen abwehrenden Fensterläden von Pleasant View aber, hinter dem sorgfältig verriegelten Gitter, dem wunderschön geschorenen Rasen, der prunkvollen Säulenveranda, dieser »lieblichen Stätte der Abgeschlossenheit«, verbirgt sich in Wahrheit ein Heizhaus der Leidenschaften. Denn auch auf der Höhe des Triumphes findet dieser rastlos gespannte Geist keine Ruhe, noch immer geistert das alte Gespenst des Verfolgungswahns durch Tür und Wand, noch immer ist, die Tausende in ihrem Leben heilte, von den Schreckbildern des M. a. M., des Malicious animal Magnetism, nicht völlig geheilt. Auf lange Epochen der Nervenstille folgen immer wieder Nervenanfälle von besonderer Heftigkeit. Dann schmettern inmitten der Nacht die Klingeln durch das erschreckte Haus, Helfer müssen herbeistürzen und Mary Bakers Wahnvorstellungen oder Krämpfe mit freundlichem Zuspruch oder lindernden Injektionen beruhigen. Aber mehr noch als an diesen hysterischen Krisen des Körpers leidet diese Frau in der Seele an ihrer völligen und tragischen Einsamkeit. Ein ganzes Leben lang hat sich ihre selbstisch harte Natur nach einem Mann gesehnt, an den sie sich anlehnen, auf den sie sich stützen könnte, oder zumindest nach ein paar geistig hochwertigen Menschen angenehmen Umgangs. Aber tragisches Schicksal aller despotischen Naturen: immer wollen sie Menschen um sich haben, die sie selber schätzen können, und können doch nur Sklaven ertragen, gefügige Jasager, die sie selber verachten. So auch Mary Baker-Eddy. Allen ihren Trabanten und Vertrauten in Pleasant View fühlt sie sich fremd. »I and my folks here are distinct, I never take them into counsel.« Gehorsame Knechte, folgen sie ihren schroffen und sprunghaften Befehlen, ohne jemals zu widersprechen. Aber im geheimen sehnt sich die alte Kämpferin nach lebendigem Widerstand, es ekelt sie vor derart subalternen Naturen, und erschüttert schreibt sie einer Freundin, sie würde ein Vermögen darum geben, ein einziges Mal ein paar geistige, wirklich anregende Gefährten um sich sammeln zu können. Aber wer Kälte ausstrahlt, der kann nur Kälte erwarten, und restlos, rettungslos bleibt die alternde Frau allein mit sich selbst. »I am alone in the world like a solitary star«, sie weiß es schon, und doch immer wieder, immer aufs neue, bis zum letzten Stoß ihres Herzens hält sie Ausschau, die völlig Glücklose, nach einem Menschen, den sie lieben könnte. Dreimal hat sie es mit einem Gatten versucht, zwei sind ihr gestorben, einer hat sie verlassen. Dann erinnert sie sich im siebzigsten Jahr ihres Lebens mit einemmal, daß irgendwo weit in der Welt ein Sohn lebt, den sie aus ihrem eigenen Schoß geboren. Vielleicht kann sie in ihm den Siegelbewahrer ihres Willens finden: zu dieser Probe läßt sie ihn kommen. Aber nun rächt sich die alte Schuld liebloser Mutterschaft. Zu viele, zu verbrecherisch viele Jahre hatte sie dieses Kind gleichgültig und gleichmütig einer ungebildeten Dienstmagd überlassen, ohne sich jemals um seine Erziehung zu kümmern: nun steht ein breiter, schwerer Kleinfarmer aus dem Westen vor ihr und dreht den Hut verlegen in den Händen, ein Mann, ungebildet wie ein Karpfen, völlig ohne geistige Interessen, ein grob gesunder Klotz Mensch, der gutmütig, aber vollkommen unverständig seine stumpfen Augen aufhebt, wenn sie von ihrer christlichen Wissenschaft spricht. Widrig ist ihr sein dörfisches schlechtes Fuhrmannsenglisch, und nach ein paar Worten merkt sie schon, der kümmert sich den Teufel was um Metaphysik, er will eigentlich nichts von der plötzlich entdeckten Mutter, als daß sie ihm ein paar hundert Dollar zur Reparatur seiner Hütte leiht oder schenkt. Rasch verfliegt der mütterliche Traum, ernüchtert spürt sie, daß kein Gedanke und kein Gefühl ihr und diesem schweren Burschen gemeinsam sind oder jemals sein können. Und mit ihrer rauhen harten Hand beordert sie den so spät entdeckten Sohn eiligst wieder nach dem Westen zurück. Jedesmal wenn er späterhin den Besuch bei seiner millionenreichen Mutter erneuern will, weist sie ihn unerbittlich ab. »Ich muß in meinem Hause Ruhe haben«, schreibt sie grob, »es wird Dir in Boston nicht gefallen. Du bist nicht, wie ich Dich zu finden hoffte, und Du darfst nicht kommen.« Aber das verspätete Muttergefühl oder ein verschobenes erotisches Verlangen, einen jüngeren Mann um sich zu haben wie einst Kennedy, läßt in dieser unergründlichen gefühlskalten und gleichzeitig gefühlszerrissenen Frau noch immer nicht nach. Und da der eigene Sohn sie enttäuscht hat, sucht sie einen andern. Zur allgemeinen Überraschung adoptiert Mary Baker-Eddy im patriarchalischen Alter von siebzig Jahren einen jungen Arzt, Dr. Foster, als Sohn, der sich nun nach seiner neuen Mutter Dr. Foster-Eddy nennt: er soll das neue Kaiserreich des Glaubens mit der merkwürdigen Wahlmutter verwalten. Aber auch dieser hastig gewählte Kronprinz kann nicht lange die Übermacht ihres eifersüchtigen Herrscherwillens ertragen, auch er liebt zu sehr »das Leben im Fleische« und wird des wohl verständlichen Delikts beschuldigt, sich mit einer jungen Frau vergangen zu haben. Sofort schickt die neue Elisabeth, die neue Katharina auch diesen letzten Favoriten fort. So bleibt als einziger Getreuer ein gewisser Frye im Haus, gehorsamer Sklave, lautloses Faktotum, das die Kasse führt, die Geschäfte leitet, sich bei den Ausfahrten wie ein Diener auf den Kutschbock setzt und nachts ihr die Morphiuminjektionen verabreicht, ein Sklave ganz nach ihrem Sinn, nämlich ein blinder, gefügiger Automat ihres Willens, völlig ihr verfallen. Aber an ihm wieder haßt sie die Minderwertigkeit, die knechtische Dumpfheit und nennt ihn »the most disagreeable man that can be found«. Nein, Pleasant View ist nie, wie die rosenrote Biographie glauben machen will, eine Stätte des Friedens gewesen: selbst an Mary Baker-Eddys Schatten entzündet sich noch das Gras. Ewig herrscht Unruhe im Haus dieser ewig Unruhigen. Wie zwischen Schwertfisch und Polypen am lautlosen Grund des Meeres, unsichtbar und unerreichbar für die Welt, spielen sich hinter diesen verschlossenen Fensterläden die sonderbarsten Kämpfe ab. Nach außen Stätte der Weltflucht, Tempel der Stille, ein heiliger Pilgerort, verbirgt Pleasant View in Wahrheit wie das Haus Tolstois eine menschliche Hölle, bald lodernd in Leidenschaften, bald eisig von jener tragischen Einsamkeit, die jeden alternden Despoten umwittert.

Aber so elektrisch ihre Nerven bis zum Ende vibrieren, so ehern und unerschütterlich bleibt in dieser Frau der herrliche, der titanische Machtwille bestehen, den jeder Erfolg nur zu stärkerer Spannweite steigert. Nach jeder vulkanischen Erschütterung ihres Gefühlslebens schichtet sich der Krater ihrer eruptiven Natur höher und höher: mitten in Krisen und Krämpfen baut sie – eine ungeheure Leistung in dem knappen Zeitraum zwischen ihrem siebenten und achten Jahrzehnt – ihr unsichtbares Riesenreich über die Welt. Am Ende des Jahrhunderts hat die Bewegung der Christian Science bereits gigantischen Umfang angenommen. Schon nähert sich die Schülerzahl dem hundertsten Tausend, schon geht ihr Vermögen in die Millionen, und noch immer wächst das Werk, das in der Dachstube eines Absatzflickers vor vierzig Jahren begonnen; Kirchen in Marmor und Stein erstehen in den Städten, mit Sonderzügen, immer zehntausend Gläubige auf einmal, pilgern ihre Anhänger nach Concord, um nur eine Sekunde lang die verehrungswürdige Gestalt vom Balkon aus vor sich zu sehen. Aus England, aus Europa, aus Afrika melden sich neue Gemeinden an; nun braucht sie nichts mehr persönlich zu tun, alles tut ihr Nimbus für sie, die mechanisch weiterpumpende und Seelen an sich saugende Suggestion, die ihr Genie so weitschauend begründet hat. Ohne daß sie ein Wort spricht, ohne daß sie einen Finger zu rühren braucht, schleppt ihre Schülerin, Auguste Stetson, mit fanatischer Betriebsamkeit zu Jahrhundertanfang eine Million zweihundertfünfzigtausend Dollar zusammen, um in New York, gegenüber dem Zentralpark, auf dem kostspieligsten Grunde der Stadt, eine Riesenkirche der Christian Science aufzubauen, die Raum für fünftausend Personen in ihrem Marmorschiff und fünfundzwanzig Räume für Heiler enthält.

Aber gerade daß dies ohne ihre Hilfe geschehen, daß die Kirche in New York, dieses größte sichtbare Denkmal ihres Triumphs, ohne ihr Zutun entstanden, das reizt noch einmal Mary Baker-Eddys Ehrgeiz. Immer wütend gegen die Unfähigen unter ihren Schülern und Freunden, immer eifersüchtig auf die Begabten, gönnt sie Auguste Stetson nicht den Ruhm, sie, die Meisterin, überflügelt zu haben. Soll wirklich ihre ärmliche kleine Fünfzigtausend-Dollar-Kirche in Boston im Schatten bleiben dieses prächtigen Baues von New York? Soll man wahrhaftig schon meinen dürfen, Auguste Stetson sei Führerin und sie, Mary Baker-Eddy, bereits müde und abgedankt? Nein! Mary Baker-Eddy läßt sich nicht überbieten. Mit niemandem wird sie je Ruhm und Titel teilen, Tyrannin und Despotin bis zum letzten Hauch. Noch einmal soll die Welt die Macht und Kraft ihres Willens sehen!

So reckt, 1902, in ihrem einundachtzigsten Jahre, Mary Baker noch einmal die Hand. Mit der harten Geste Mosis schlägt sie auf den Felsen und fordert von dem Kongreß ihrer Getreuen zwei Millionen Dollar für den Bau einer neuen Mutterkirche in Boston. Zwei Millionen Dollar fordert die Frau, die vor vierzig Jahren ihre Wochenmiete von einem Dollar fünfzig Cent nicht bezahlen konnte, zwei Millionen Dollar, eine Summe, größer als irgendeine Gabe eines Volkes an einen König oder Kaiser dieser Welt. Aber dennoch – Wunder ohnegleichen – Mary Baker-Eddy hat befohlen, und die Riesensumme ist in wenigen Wochen aufgebracht. Knapp drei Monate, nachdem diese einzelne Frau zehn Zeilen des Befehls auf ein Blatt geschrieben, beginnen bereits tausend Arbeiter an dem großzügigen Bauwerk. Wie der Marmordom von Florenz sein Urbild, den früheren Dom, das heutige Baptisterium, mächtig überhöht, so überwächst nun mit strahlender Kuppel ein Riesentempel aus schneeweißem Marmor nicht nur die kleine, mit einemmal ärmlich anmutende »Mother Church«, sondern alle nachbarlichen Gebäude und selbst die Türme der Stadt, zu jener Zeit das schönste Gebäude Bostons und zweifellos eines der herrlichsten der Neuzeit, vor allem aber großartig als Denkmal geistiger Energie, weil aus der Erde gestampft von einer einzigen Frau im fünfundachtzigsten Jahre ihres Lebens.

1906, in eben diesem fünfundachtzigsten Jahre Mary Baker-Eddys, wird der Riesentempel eingeweiht. Eine so majestätische Feier hat selbst das alte Boston nie erlebt. In Schiffen und Sonderzügen, aus allen Richtungen kommen die Gläubigen heran. Da der Saal nur fünftausend Personen faßt und dreißigtausend an der heiligen Handlung teilnehmen wollen, muß von fünf Uhr morgens an sechsmal die große Zeremonie der Einweihung wiederholt werden. Mit Fahnen und Wimpeln ziehen die Delegierten aller Städte herbei, aus Havanna, aus London, aus Dresden, aus Paris, aus Kalifornien und Kanada. Dutzende von Rednern aus verschiedenen Ländern berichten in allen Sprachen und Idiomen der Welt von wunderbaren Heilungen der Christian Science; überwältigend wird Zeugenschaft abgelegt, wie viele Menschen von fern auf die eine Frau als die Retterin aus allen Nöten des Leibes und der Seele ehrfürchtig schauen; Tausende und Abertausende singen immer wieder die heilige, von Mary Baker-Eddy selbst gedichtete Hymne: »Shepherd, show me how to go«, Kinder heben in Chören ihre hellen begeisterten Stimmen, Boten eines neuen Geschlechts, Standarten wehen und Fahnen wie bei einem Sieg. Und in der Tat, seit Elisabeth von England und Katharina von Rußland hat keine Frau ähnlichen Triumph über die Welt erfochten, keine ein so sichtbares Monument ihrer Herrschaft auf Erden errichtet wie Mary Baker-Eddy, diese Königin durch ihren Willen, diese Herrscherin im eigenen Reiche und aus eigener Kraft.

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