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Die Heilung durch den Geist

Stefan Zweig: Die Heilung durch den Geist - Kapitel 26
Quellenangabe
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typeessay
authorStefan Zweig
titleDie Heilung durch den Geist
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorKnut Beck
year1983
isbn3596223008
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121111
projectidb161d8d9
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Christus und der Dollar

Einundsechzig Jahre zählt Mary Baker-Eddy, als sie vom Grab ihres dritten Mannes heimkehrt. Einundsechzig Jahre, Großmutteralter, in dem andere Frauen die schwarze Haube aufsetzen und still in einen Winkel schatten, ein Alter, da Menschen bereits erste Gleichgültigkeit und Müdigkeit überfließt, denn wie lange kann man noch wirken und für wen? Aber für diese erstaunliche Frau hat die Weltuhr anderen Schlag. Als Greisin kühner, klüger, hellsichtiger und leidenschaftlicher als jemals, beginnt Mary Baker-Eddy mit einundsechzig Jahren ihr wirkliches Werk.

Gegenkraft war immer ihre Kraft, einzig am Widerstand türmt sie ihre Stärke. Der Verzweiflung dankt sie ihre Gesundung, der Krankheit den Sinn ihres Lebens, der Armut den verbissenen Drang nach oben, dem Unglauben der andern ihren unzerbrechlichen Glauben an sich selbst. Daß Lynn, die Stadt ihrer Kirchengründung, sie verstieß, wird für den Hochbau ihrer Lehre sogar entscheidender Gewinn. Denn der Raum eines Schuhmacherstädtchens war zu eng für die Weite ihres Planens, dort konnte der ungeheure Hebel, mit dem sie die Welt aus den Angeln heben will, sich nicht genug tief eingraben in die Erde, dort war sie abgeschaltet von den großen Traktoren und Faktoren des Erfolgs. In Boston, beim Anblick der modernen geschäftlichen Stadt, wird ihr augenblicklich klar, daß man ihrer »mentalen« Idee alle materiellen und maschinellen Hilfsmittel der Technik, der Propaganda, der Reklame, der Presse und der geschäftsmäßigen Betriebsamkeit einbauen, dem geistigen Apparat gleichsam stählerne Räder unterlegen müsse, damit er wie Elias' feuriger Wagen die Herzen der Menschen himmelan reiße.

So stellt sie ihren Bau in Boston sofort auf breitere Grundlage. Ärmlichkeit, das hat sie erkannt, schadet in dieser irdischen Welt: einem Unscheinbaren glaubt man keine Kraft. Nicht wie in Lynn eine einstöckige, schäbige Holzbude mietet sie deshalb, sondern kauft im besten Teile der Stadt, in der Columbus-Avenue, aus dem in Lynn reichlich verdienten Gelde ein dreistöckiges, granitenes Haus mit Empfangsräumen, Bildern und Teppichen und einem hübschen Salon. Der Lehrsaal wird nicht wie einst mit gehobelten Holzpulten garniert, sondern schmuck herausgeputzt, denn in Boston erwarten sie keine Absatzflicker mehr als Schüler, nicht solch plumpe schwerhufige Gesellen, sondern »refined people«; diese neue Kundschaft darf man nicht durch Dürftigkeit abschrecken. Auch außen bezeichnet ein neues Firmenschild mit breiter, silberner Platte die Hebung des sozialen Niveaus. Ein Wort wie »Teacher of moral Science«, Lehrer moralischer Wissenschaft, das klingt für Boston zu dünn, zu leise, zu bescheiden. Zu leicht könnte man damit auf eine Linie mit Kartenaufschlägerinnen, Telepathen und Spiritualisten geschoben werden. Darum nimmt die höhere Schule von vornherein einen höheren Namen an: die Christian Science ernennt sich zur Universität, zum »Massachusetts Metaphysic College«, in dem nach ihrer Ankündigung mit staatlicher Erlaubnis Pathologie, Therapeutik, Philosophie, Metaphysik und deren praktische Anwendung auf Krankheiten gelehrt werden. Über Nacht ist mit amerikanischen Geschwindigkeiten aus einer Winkellehrerin ein Universitätsdozent, aus der Doktorei eine Professur, aus dem »mentalen« Schnellsiederkurs eine staatlich bewilligte wissenschaftliche Pseudohochschule geworden.

Aber noch mehr als diese äußere Verwandlung ist die gleichzeitige Anpassung Mary Baker-Eddys an ihren eigenen Aufstieg zu bewundern: immer wächst diese Frau mit jedem Erfolg innerlich mit in die höheren geistigen und sozialen Sphären. Hier, wo sie als Hörerinnen Damen der Gesellschaft zu erwarten hat, gebildete – oder sagen wir vorsichtiger: halbgebildete – Leute, wirkt sie selbst in der besten »society« nicht eine Sekunde lang inferior oder provinzlerisch; schon bei der ersten Stufe wird ihre verblüffende Begabung zur Selbststeigerung sichtbar: sofort ist sie Lady und sogar für die gesellschaftlich Anspruchsvollsten eindrucksgebietend. Vornehm angezogen, empfängt in Boston, die vierzig Jahre sich in billiggeschneiderte Fetzen kleidete, die Gäste zum Tee in ihrem Salon. Jedem Gespräch weiß sie sich sieghaft gewachsen, und wenn sie Sonntags, weißseiden angetan, den Blick hell und stark unter dem langsam ergrauenden Haar, an das Rednerpult ihrer Kirche tritt, verstummt jeder Atem, so gebietend wirkt ihre majestätische Gestalt. Immer fühlen sich gleich nach den ersten Worten die Hörer von ihrer hinreißenden Beredsamkeit gepackt. In Rede und Schrift, in Lehre und Leben überspringt innerhalb eines Jahrzehnts diese Frau alle Hemmungen ihrer engen Herkunft, ihrer mangelhaften Bildung: sie lernt, ohne zu lernen, es strömt ihr wahrhaftig zu. Bald wächst Nimbus mit rauschendem Flügel um ihre Gestalt, immer leidenschaftlicher umdrängt sie Verehrung, aber aus den Erfahrungen von Lynn weiß die klug Beobachtende jetzt schon, daß man Nimbus einzig intakt erhält durch Distanz. Jetzt läßt Mary Baker-Eddy keinen Fremden mehr nah heran an ihr Leben, sie duldet nicht mehr, daß ihr Neugier in die Fenster blickt. Um so mächtiger dann die Wirkung, wenn sie ihren Hörsaal betritt oder Sonntags an dem Pult der Kirche erscheint: dann ist es immer, als ob sie aus einer Wolke von Geheimnis trete; zwischen ihr selbst und der Welt bleiben aber von nun ab lebendige Puffer eingeschaltet, ein Privatsekretär und Unterbeamte, die alle geschäftlichen, alle peinlichen Verhandlungen von ihr weghalten. Durch diese Unsichtbarkeit wird es als außerordentliche Auszeichnung gewertet, wenn sie ausnahmsweise einmal einen Schüler privatim empfängt oder Gäste in ihren Salon bittet: mitten in der Millionenstadt, mitten im Donner der Straßenbahnen, neben dem Lärm der Börse und dem wirbelnden Strömen geschäftiger Massen erbaut sich so allmählich eine Legende um ihre Person. Noch in Boston wird Mary Baker-Eddy schon Mythos aus einer Gestalt.

Hellsichtig aber erkennt sie, daß, wenn Stille und Verborgenheit die psychische Wirkung eines Namens erhöhen, die Lehre selbst wiederum Lautsein braucht, eine tönende Lunge. Das Amerika von 1890, an dem Großstadtbetriebe erkennt sie dies sofort, ist kein Land für stilles, für leises, für langsames Sichauswirken. Was dort Erfolg haben soll, muß mit hartem Dreschflegel, mit den lauten, hallenden, immer und immer wieder ins Hirn fallenden Schlägen der Reklame ins Bewußtsein der Masse eingehämmert werden. Auch eine neue Sekte muß dort lanciert, propagiert und plakatiert werden wie eine neue Seife, eine neue Füllfeder, eine neue Whiskymarke. Zu weit, zu breit ist unsere Welt geworden, als daß eine Botschaft wie in den Tagen der Menschheitsfrühe von Mund zu Mund weitergetragen werden könnte. Hier muß man für jede Botschaft ein Sprachrohr, ein Megaphon zur Verfügung haben, damit die Verkündigung bis hinüber nach Kentucky und Kalifornien, bis zum Ufer des Pazifischen Meeres dröhne. Alles Neue braucht im Jahrhundert der Druckerschwärze die Zeitung, und da die großen Blätter sich ihrer Lehre gegenüber gleichgültig verhalten, beschließt sie, als erstes und wichtigstes Propagandamittel ein eigenes Organ zu gründen, das »Christian Science-Journal«. Damit ist zum erstenmal der Raum überwunden, die Reichweite des Wortes von Lippe zu Ohr bis ins Unendliche gesteigert. Diese Gründung des »Christian Science-Journals« entscheidet sofort den Sieg der Christian Science: zum erstenmal erfahren jetzt Kranke in der Provinz, die nirgends Heilung gefunden haben, durch die breit abgedruckten Wunderkuren von der neuen medizinischen Universalmethode in Boston. Und Verzweifelten ist kein Weg zu weit. Bald wagen die ersten den Versuch. Von New York, von Philadelphia kommen Patienten herübergefahren, einige gesunden, und diese Gesundeten tragen die Lehre weiter. Anderseits inserieren die Healer der verschiedenen Städte, die ersten Evangelisten Mary Baker-Eddys, im »Journal« ihre Adressen, und nun greift mit immer rascherem Schwung Rad und Rad ineinander bei diesem neuen Traktor des Erfolgs. Denn jeder Healer hat, um seine Verdienstmöglichkeiten zu verbessern, das allerdringlichste Interesse, die Lehre und den Glauben an die Lehre möglichst zu verbreiten; jeder neue »Doktor« wirkt als neuer Propagandist für das »Christian Science-Journal«, er wirbt Abonnenten, verkauft Exemplare von »Science and Health«. Dadurch dreht sich das Rad immer schneller: durch diese neu geworbenen Leser kommen neue Patienten an das Massachusetts College, von den Gesundgewordenen ergreifen manche wieder die gute Möglichkeit, selber Healer zu werden, diese neuen Heiler werben wieder neue Abonnenten und neue Patienten – so schwillt nach dem Schneeballsystem der praktisch ineinandergreifenden Interessen die Auflagenzahl der Zeitung, die Auflagenzahl der Bücher, die Summe der Gläubigen. Ist erst in einer Stadt irgendwo draußen ein erster Anhänger, so siedelt sich paar Monate später schon ein Healer an, dessen Patienten bilden eine Gemeinde, und dieserart geht es von Ort zu Ort: kurzum, das Kabel der Christian Science ist nun endgültig angeschlossen an die geistigen Nervenbahnen der Vereinigten Staaten. Deutlich kann man die unaufhaltsame Geschwindigkeit des Aufstiegs der Christian Science an den steigenden Zahlen und Zahlern nachmessen. 1883 drucken vierzehn Healer in »Christian Science-Journal« ihre Geschäftskarten ab, 1886 schon einhundertelf, 1890 bereits zweihundertfünfzig, außerdem treten in diesem Jahre schon dreiunddreißig Akademieen, also Unterschulen, in Kolorado, Kansas, Kentucky, in allen Departements Amerikas an die Öffentlichkeit. In gleichem Tempo vermehren sich die Auflagen der Bibel; 1882 erscheint das dritte, 1886 das sechzehnte Tausend von »Science and Health«, um die Jahrhundertwende dürften bereits dreihunderttausend Exemplare überschritten sein. Und aus all diesen plötzlich aufgetanen Umsätzen aus Büchern, der Zeitung, den Inseraten, den Universitäten und ihren Kursen, beginnen immer breitere Geldströme zu fließen, die sich alle im Kassabuch der »Mother Mary« vereinigen; diese Ziffern schwellen im Kubus von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Tausende und Hunderttausende Dollar Honorar für Universitätsunterricht, Hunderttausende für Buchhonorar, Hunderttausende in Form von Geschenken und Millionen Dollar an Spenden für die zu erbauenden Kirchen.

Diesen unverhofften Zustrom des Mammons von sich wegzuhalten, hat Mary Baker-Eddy niemals versucht; im Gegenteil, seit diese knochige und harte Greisinnenfaust einmal den Griff der Pumpe zwischen den Fingern spürt, läßt sie nicht ab, das goldene Blut bis auf den letzten Tropfen aus ihren Gläubigen zu pressen. Mit dem ersten verdienten Gelde ist unter den vielen Begabungen, die ein halbes Jahrhundert lang unsichtbar in Mary Baker schlummerten, auch ein geradezu genialer Geschäftssinn, eine maßlose Geldfreude erwacht. Mit der gleichen zähen Verbissenheit, wie sie jede Macht der Erde in ihre durstige Seele reißt, rafft sie nun Geld, die sinnlich sichtbarste Machtform unserer Welt. Je einträglicher die Christian Science sich erweist, um so geschäftsmäßiger wird sie von der nun überraschend welttüchtigen Führerin organisiert. Wie in einem gutgängigen Warenhaus gliedert sie nach dem Trustsystem immer neue Abteilungen ihrem Unternehmen an. Kaum findet »Science and Health« reißenden Absatz, sofort erhöht Mary Baker-Eddy den Verkaufspreis um fünfzig Cent und sichert sich von jedem Exemplar einen blanken Dollar als Copyright. Außerdem wird beinahe jede Auflage umgestaltet, denn die gläubigen Anhänger kaufen zu den früheren auch die neueste »endgültige« Fassung: damit wird jeder Stillstand im Absatz vermieden. Immer sichtbarer wird die Finanzorganisation hinter der Glaubenssache, eine ganze Industrie von Christian-Science-Artikeln setzt ein, Bücher, Broschüren, Vereinsabzeichen, »authentische Photographieen« Mary Baker-Eddys zu fünf Dollars das Stück, »Christian Science spoons«, gräßlich geschmacklose Silberlöffel mit ihrem Emailbild. Zu diesen Gewinnen aus Fabrikaten kommen noch die Dankgaben der Gläubigen an ihre Führerin, die sorgfältig zu Weihnachten und Neujahr im Journal veröffentlicht werden, um die weniger Eifrigen zu Spenden anzutreiben: das große Diamantkreuz, den Hermelinmantel, die Spitzen und Juwelen der Mother Mary, all das dankt sie diesem sanften Drängen. Seit Menschengedenken war nie ein geistlicher Glaube besser und rascher auf Gewinn umgebogen worden als die Christian Science vom Finanzgenie ihrer Begründerin: zehn Jahre Boston verwandeln die metaphysische Lehre von der Immaterialität der Welt in eine der materiell einträglichsten Unternehmungen Amerikas. Und Mary Baker-Eddy, vorgestern noch bettelarm, kann sich stolz zu Ende des Jahrhunderts schon Millionärin nennen.

Aber unvermeidbar: in je breitere Massen ein Gedanke einströmt, um so mehr verflüchtigt sich seine gleichsam radioaktive Substanz; jeder Glaube, der dem Geld oder der Macht dient, nimmt Schaden an seiner Seele. Verdienen hemmt überall das moralische Gewicht einer Leistung, so auch hier: mit dem Einschuß von Reklame, Geld und Propaganda und der dadurch bedingten Vergeschäftlichung der Christian Science hat Mary Baker-Eddy dem Teufel den kleinen Finger gereicht: bald hat er sie ganz in der Faust. Mit dieser sonderbaren Verkuppelung einer angeblichen Christusmethode mit vollgültigen Tausenddollarschecks beginnt ein Riß in der bisher fanatisch geraden Haltung Mary Baker-Eddys – immer schwerer hält es, an ihre Gläubigkeit zu glauben, seit sie mit dem Glauben so gute Geschäfte macht. Denn für jedes redliche Gefühl bleibt Frömmigkeit unlösbar von Selbstpreisgabe, von Verzicht auf Irdisches: Buddha, der sein Königshaus verläßt und als Bettler in die Welt geht, zu lehren, Franziskus, der sein Kleid zerreißt und den Armen schenkt, jeder kleine jüdische Bibelgelehrte, der Geld und Gewinn verachtet und mit einer Krume Brot über den heiligen Büchern sitzt, sie alle überzeugen durch das Opfer und nicht durch das Wort. Nur über Armut und Entbehrung ging bisher der Weg aller Religionen ins Göttliche. Hier aber, in dieser neuen amerikanischen Religion, im Dogma Mary Baker-Eddys erscheint zum erstenmal ein zinsenträchtiges Bankkonto dem Propheten kein Ärgernis und die Berufung auf Christus kein Hemmnis, kräftig den Dollar zu raffen. An dieser Stelle klafft ein Riß im theologischen Weltsystem, und hier hat auch Mark Twain, der große Satiriker Amerikas, energisch eingehakt, um das Gebäude Mary Baker-Eddys umzulegen. In seiner glänzenden Streitschrift stellt er eine Reihe peinlicher Fragen an die neue Prophetin, die aus ihrer Verachtung der Materie über eine Million Mark jährlich in höchst »materiellen« Dollars einscheffelt. Warum, fragt er, stelle sie eigentlich, da doch ihr Buch »Science and Health« nach ihrer eigenen Aussage nicht von ihr geschrieben sei, sondern höherem Diktate entstamme, dies fremde Geisteigentum unter gerichtlichen Copyrightschutz und beziehe so Tantiemen, die eigentlich Gott gehören? Und wenn sie sich mit ihrer Methode auf die Heilungen Christi berufe, möge sie doch auch in der Bibel den zweiten Teil ihrer Analogie nachweisen, nämlich, daß Christus, wie sie und ihre Healer, jemals Geld oder Geldeswert für seine Heilungen durch den Geist verlangt habe. In amüsanter Form veranschaulicht er den Zwiespalt zwischen Theorie und Praxis, etwa indem ein wackerer Healer mit viel Pathos seinen Patienten belehrt, daß alles irreal sei, das Geschwür irreal, das ihn auf dem Beine brenne, der Schmerz irreal, der von dem Geschwür ausgehe, das Bein irreal und der Körper selbst irreal, an dem es hänge, der Mensch in diesem Körper irreal und die Welt irreal – aber doch, wenn der Behandelte nicht sofort in baren und irdisch realen Dollars die Kur bezahlt, dann läuft der Healer unverweigerlich zu dem nächsten realen Bezirksgericht. Unerbittlich zergliedert Mark Twain die sonderbare Doppelliebe Mary Baker-Eddys sowohl zum Heiligenschein als zum Dollarschein und nennt schließlich eine Religion Heuchelei, die immer nur Geld für sich selbst einsackt, nie aber das Gebot der Wohltätigkeit lehrt oder ausübt. Sogar diesen geborenen und geschworenen Amerikaner, diesen Sohn eines Landes, wo Geschäftstüchtigkeit die Bürger nicht hindert, gleichzeitig gute Christen zu sein, widert dieser Geschäftstrust mit Glaubensartikeln an, diese allzu enge Verbindung zwischen Christus und Dollar, und er setzt seine ganze künstlerische Spottkraft ein, um mit dem Dynamit der Satire ihre Machtstellung rechtzeitig zu sprengen.

Aber was und wer kann eine Mary Baker-Eddy verwirren! Was sie sagt, bleibt Wahrheit, was sie tut, richtig. Niemals wird diese prachtvoll despotische Frau von irgendeinem Menschen dieser Erde Einspruch gegen ihr Tun und Denken anerkennen. So wie harte Hände für Machthalten und Raffen, so hat sie auch harte Ohren für jeden Widerspruch: über alles, was sie nicht hören will, weiß sie mit wirklicher Ehrlichkeit gut hinwegzuhören. An zwei Dinge insbesondere läßt ihr unerschütterlicher Eigenwille niemals rühren: an ihr Geld und an ihren Glauben. Nie wird sie deshalb ein Jota ihrer Überzeugung, nie einen Cent von ihren drei Millionen Dollar preisgeben. Und den ihr entgegengeschleuderten Vorwurf der Geldmacherei schnippt sie locker mit dem Finger weg. Ja, antwortet sie, es sei richtig, daß die Szientisten jetzt viel Geld verdienten, aber gerade dies beweise die Güte der Science. Daran erkenne man am besten die Notwendigkeit und den Triumph dieser Wissenschaft, daß ihre Verbreiter und Verkünder nicht mehr wie früher Mangel leiden müßten. »Now Christian Scientists are not indigent, and their comfortable fortunes are acquired by healing mankind morally, physically and spiritually.« Und wenn ihr damals Gott geboten habe, für Unterricht und Heilung Zahlung zu fordern, so habe sie nachträglich die Einsicht in dieses göttliche Gebot gefunden: nämlich dadurch, daß der Patient ein materielles Opfer bringe, steigere er erfahrungsgemäß seinen eigenen Glaubenswillen. Je schwerer das Opfer für ihn werde, um so mehr fördere er damit innerlich seine Heilung. Nein – Geld bedeutet Macht, und keinen Strohhalm Macht läßt Mary Baker-Eddy jemals freiwillig aus den Händen; unbedenklich gegen jeden Widerspruch schaltet sie den Motor der Science an den elektrischen Strom »publicity« (Reklame), der alle Bewegungen und Unternehmungen unserer Gegenwart mit seiner unerschöpflichen Dynamik speist. Und tatsächlich gibt in Amerika ein beispielloser Erfolg ihrer gewaltsamen Seelenfängerei recht. Seit die Druckmaschinen in Hunderttausenden von Exemplaren ihre Worte verbreiten, seit eine Nachrichtenbelieferungsstelle die früher bloß persönliche Beeinflussung ins Anonyme steigert, seit in planhafter Organisation überall ins Nervennetz des Landes Umschaltungskontakte eingesetzt werden, wächst die Verbreitung der Lehre mit amerikanischen Geschwindigkeiten und überholt ihre kühnsten Erwartungen. Jede Woche, jeden Tag spannt sich der Radius weiter, längst umfaßt Mary Baker-Eddys geistiger Machtkreis nicht nur Boston, nicht bloß Massachusetts allein, sondern das ganze riesige Land vom Atlantischen bis zum Pazifischen Ozean. Wie im Jahre 1888, fünf Jahre nach der Eröffnung der »Universität«, Mary Baker-Eddy sich endlich entschließt, in Chicago eine öffentliche Heerschau ihrer Gläubigen abzuhalten, erlebt sie zum erstenmal den mystischen Rausch der Massenbegeisterung, den ersten vollgültigen, unbestreitbaren Sieg. Achthundert Abgeordnete der Christian Science hatte man erwartet, aber viertausend Menschen drängen in die Türen, um die »Bostoner Prophetin« (so nennt man sie bereits) leibhaftig zu sehen. Wie sie eintritt, erheben sich elektrisiert alle im Saal und jubeln ihr minutenlang zu. Einem solchen brausenden Begeisterungssturm kann sie kein hochmütiges Schweigen entgegenstellen. Obwohl es ursprünglich nicht in ihrer Absicht lag, muß sie doch dieser krampfig gespannten, dieser ehrfürchtigen Erwartung von viertausend Menschen etwas über den Sinn ihrer Lehre sagen. Zögernd betritt sie das Podium, sieht sinnend mit ihren grauen Augen in die Menge, dann beginnt sie unvorbereitet zu reden, langsam zuerst, aber der Überschwang der triumphalen Stunde reißt sie mit, und so leidenschaftlich, so begeistert und begeisternd entflammt sich ihr Wort, daß wie bei Lincolns berühmter Rede in Bloomington die Journalisten verabsäumen, mitzustenographieren. Niemals hat, so bezeugen einhellig ihre Getreuen, Mary Baker-Eddy großartiger zu ihren Hörern gesprochen, als da sie zum erstenmal den lebendigen Atem einer Masse bis an ihre Lippe fühlte, nie heißer und herrlicher als bei dieser ersten Heerschau. Atemlos horchen die Viertausend dieser immer höher, immer beschwingter aufrauschenden Rede, und dithyrambischer Tumult entsteht, kaum daß sie geendet. Hemmungslos stürzen die Menschen auf das Podium, Frauen strecken ihre gichtischen Arme aus und schreien: »Hilf mir!«, erwachsene Männer küssen ihre Hände, ihre Kleider, ihre Schuhe, und es bedarf äußerster Energie, damit Mary Baker-Eddy nicht von diesem Niedersturz besessener Begeisterung umgerissen und erdrückt werde. Die Situation wird gefährlich durch das Übermaß der Ekstase: man hört grelle Schreie des Schmerzes mitten im Jubel, seidene Kleider und Spitzen werden zerrissen, Juwelen verloren; wie Berauschte balgen sich die Gläubigen, ihre Hände oder nur den Saum oder eine Falte ihres Rockes zu berühren, um von dieser Berührung schon Genesung zu empfangen. Und nach dem offiziellen Bericht des »Christian Science-Journal« wurden elf Kranke in dieser Stunde bloß durch ihre Gegenwart vollkommen geheilt.

Dieses »Freudenfest des Geistes« im Juni des Jahres 1888 bringt Mary Baker den entscheidenden Sieg. Es erobert ihr Amerika. Nun aber verlangen ihre Gläubigen ein Denkmal dieses Triumphes. Sie verlangen, daß jetzt, da die unsichtbare Kirche so herrlich in den Seelen befestigt sei, sie sich auch äußerlich imposant in steinernen Quadern erhebe. Mit dieser geplanten Umwandlung einer geistigen Theorie in einen irdischen Tempel steht die Christian Science abermals vor einer neuen und gefährlichen Wendung. Und mit ihrem unfehlbaren Instinkt zögert Mary Baker-Eddy einige Zeit. In der ersten Ausgabe von »Science and Health«, in ihrer radikalen Epoche, hatte sie sich noch klar und ausdrücklich gegen sichtbare Gotteshäuser ausgesprochen und es sogar einen Fehler der Schüler Christi genannt, daß sie Organisationen und kirchliche Gebräuche einführten. »Churches' rites and Ceremonies draw us to material things.« Kirchlichkeiten ziehen uns ins Irdische hinab, und Anbetung im Tempel ist nicht die wahre Anbetung, so hatte sie damals, 1875, geschrieben. Aber wie man ihr jetzt, 1888, ein eigenes Heiligtum, eine eigene Kirche zu bauen vorschlägt, kann »Mother Mary« der Versuchung ihrer Vergöttlichung doch nicht widerstehen. Nach einigem Schwanken gibt sie die Erlaubnis. Eiligst sammeln ihre Jünger Geld für den Bau, und nun ersteht, ich glaube, zum erstenmal seit den römischen Spätkaisern, ein Heiligtum für einen lebendigen Menschen. Zum erstenmal kann man an einer christlichen Kirche über der Stirnfront, wo sonst Widmungen für Gott oder einen der Heiligen eingemeißelt werden, den Namen einer Privatperson lesen: »A testimonial to Our Beloved Teacher, the Rev. Mary Baker-Eddy, Discoverer and Founder of Christian Science.« Den inneren Raum schmücken Aussprüche aus zwei heiligen Schriften, aus der Bibel und den gleichfalls schon kanonisierten Evangelien Mary Baker-Eddys. Das absonderlichste Sanktuarium des heiligen Hauses aber bildet unglaubhaft, aber wahr – »The mother's room«, eine mit kostbaren Hölzern ausgelegte, mit Onyx und Marmor geschmückte Kapelle, die ihr als Wohnraum dienen soll, wenn sie zu Besuch in dieser Kirche weilt, und die niemand außer ihr benützen darf. Ewiges Licht brennt in diesem Räume, Symbol der ewigen Dauer der Christian Science. Und das Fenstermosaik – in anderen Kathedralen Bilder aus dem Heiligenleben farbig veranschaulichend – zeigt Mary Baker-Eddy in ihrer engen Mansarde sitzend, überleuchtet vom Sterne von Bethlehem. Gefährliche Vergötterung hat begonnen. Zum erstenmal in der Neuzeit haben gläubige Menschen einer lebenden Frau ein Heiligtum errichtet: kein Wunder, daß man sie bald selbst eine Heilige nennt.

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