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Die Heilung durch den Geist

Stefan Zweig: Die Heilung durch den Geist - Kapitel 23
Quellenangabe
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typeessay
authorStefan Zweig
titleDie Heilung durch den Geist
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorKnut Beck
year1983
isbn3596223008
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121111
projectidb161d8d9
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Mary Baker-Eddys Lehre

Endlich, 1875, wird die jahrzehntelang unterirdisch geleistete Mühe dieser anonym lebenden und allzulange unscheinbaren Frau sichtbar. Denn in diesem Jahre veröffentlicht Mary Baker-Eddy (damals noch Mary Baker-Glover) jenes »unsterbliche« Buch, das ihre Theologie, Philosophie, Heilkunde, also die Wissenschaft dreier Fakultäten in ein System vereinigt, jenes Buch »Science and Health«, das noch heute Hunderttausenden und Millionen von Menschen als das wichtigste seit der Bibel gilt.

Dieses in mancher Hinsicht eigenartige und unvergleichbare Werk, wie es meist geschieht, mit einem geärgerten, verächtlichen oder mitleidigen Lächeln einfach als Unfug abzuweisen, geht nicht an. Alles, was eine Weltwirkung auf Millionen hervorbringt, ist wichtig zumindest im psychologischen Sinne, und schon die technische Entstehung dieses Bibelbuchs beweist eine ungewöhnliche Entschlossenheit des Geistes, einen in unseren Zeiten selten gewordenen Heroismus der Gesinnung. Man erinnere sich: seit dem Jahre 1867 schleppt eine von Zimmer zu Zimmer, von Tisch zu Tisch gehetzte Frau ein Manuskript in ihrem mageren Gepäck herum. Sie besitzt kein zweites Kleid in ihrem schäbigen Köfferchen, eine goldene Uhr und Kette sind ihre ganze Habe, sonst einzig nur diese vom Vorlesen und ununterbrochenen Umarbeiten längst mürb und schmutzig gewordenen Blätter. Anfänglich war dieses berühmte Manuskript nicht viel anderes als eine textgetreue Abschrift von Quimbys »Fragen und Antworten«, die sie erweitert und mit einer Einleitung versehen hatte. Aber allmählich überwächst die Einleitung den übernommenen Text, ihre Zutaten verselbständigen und erweitern sich mit jeder Niederschrift, denn nicht einmal, sondern zwei-, drei-, vier- und fünfmal pflügt die von ihrer Idee Besessene dieses phantastische Lehrbuch der Seelenallheilkunde vollkommen um und um und um. Nie kommt sie völlig damit zu Rand. Auch zehn, zwanzig, dreißig Jahre, nachdem es erschienen ist, wird sie immer wieder daran bessern und verändern, nie wird dieses Buch sie, nie sie dieses Buch völlig freigeben. 1867, als sie mit der Arbeit beginnt, beherrscht sie als blutige Dilettantin kaum die Orthographie, noch weniger die Sprache und am allerwenigsten geistig die ungeheuren Probleme, an die sie sich heranwagt: wie eine Schlafwandlerin taumelt sie mit geschlossenen Augen, in einem geheimnisvollen Traum befangen, die höchsten Zinnen, die schwindelndsten Grate philosophischer Problematik empor. Sie ahnt in ihrem Anbeginn nicht, wohin das Werk, wohin der Weg sie eigentlich führt, und noch weniger die Schwierigkeiten, die sie erwarten. Niemand ermutigt, niemand warnt sie. Im weitesten Umkreis kennt sie keinen Gebildeten, keinen Fachmann, mit dem sie sich besprechen könnte, und wie dürfte sie hoffen, irgendwo in der Welt für dieses krause Imbroglio einen Herausgeber zu finden! Aber mit jener herrlichen Besessenheit, die nie ein Fachmann, die immer nur der Außenseiter aufbringt, schreibt sie weiter und weiter und weiter in ihrem wirren Rausch prophetischen Selbstgefühls. Und was ursprünglich nur eine Ausschmückung von Quimbys Manuskript werden wollte, formt sich allmählich zu kreißendem Nebel, dessen geballter Finsternis sich schließlich der zuckende Stern eines einzigen Gedankens entringt.

Endlich, im Jahre 1874, liegt das Manuskript druckfertig vor. Die unerwarteten Erfolge bei Schülern und Patienten haben ihr Mut gemacht. Nun soll diese neue Botschaft, diese gesegnete Lehre zu allen gehen, in die ganze Welt. Aber selbstverständlich denkt kein Verleger daran, an dieses schillernde Zwitterding von Heilkunde und religiöser Mystik blankes Geld zu wagen. So heißt es, aus eigener Tasche die Druckkosten aufzubringen. In die eigenen Taschen allerdings – man wird dies im weiteren Verlauf sehen – greift Mary Baker auch zu Zeiten, wo sie voll und übervoll sind, um keinen Preis. Aber schon weiß sie um ihre Kraft, auf andere Menschen ihren Willen zu übertragen, schon hat sie gelernt, den fanatischen Glauben an sich und an ihr Werk bei andern in Hörigkeit und blindwütigen Opferwillen umzusetzen. Sofort erklären sich zwei Studenten bereit, die dreitausend Dollar vorzuschießen. Dank ihrer raschen Hilfe erscheint unter dem Titel »Science and Health« im Jahre 1875 zum erstenmal bei der Christian Science Publishing Company in Boston das Werk aller Werke, dies – nach der Meinung ihrer Anhänger – zweite Evangelium der Christenheit.

Diese erste Ausgabe, ein vierhundertsechsundfünfzig eng gedruckte Seiten starker, in grüne Leinwand gebundener Band, dessen Verfasserin sich damals noch Mary Baker-Glover nennt, zählt heute zu den Rarissimis des Buchhandels: in ganz Europa existiert wohl nur das eine Exemplar, das die Autorin als Geschenk an die Heidelberger philosophische Fakultät sandte, dieses für jeden Amerikaner oberste Tribunal in rebus philosophicis. Gerade aber diese unauffindbare, diese erste, die einzige von ihr allein und nicht von fremder Hand redigierte Fassung scheint mir die einzig gültige für eine psychologische Erkenntnis ihrer Gestalt, denn keine der späteren vier- und fünfhundert Ausgaben erreicht mehr annähernd den ursprünglichen und barbarischen Reiz dieses Originals. In den nächsten Ausgaben sind manche der wildesten Bocksprünge gegen die Vernunft, der gröbsten geschichtlichen und philosophischen Schnitzer von gebildeten Beratern ausgetilgt worden; außerdem hat ein ehemaliger Pfarrer namens Wiggins die harte Arbeit übernommen, das Sprachdschungel in ein korrektes Englisch geradezukämmen. Mählich und mählich wurden gerade die krassesten Unsinnigkeiten abgeschwächt, vor allem die erbitterten Angriffe auf die Ärzte. Aber was das Buch seitdem an Vernünftigkeit gewonnen, das hat es an Feurigkeit und herrlich-persönlicher Fraktur verloren; allmählich ist in den späteren Ausgaben aus dem Panther, der die Wissenschaft furios anspringt, eine Wildkatze, beinahe eine Stubenkatze geworden, die sich mit den andern Hausfreunden der modernen Gesellschaft, mit der Staatsmoral, mit der Bildung, mit dem kirchlichen Glauben gutmütig verträgt; wie jede Religion und jedes Evangelium, hat sich auch diese letzte neuzeitliche, die Christian Science, im Interesse einer ergiebigeren Seelenfängerei schließlich arg verwaschen, verbürgerlicht und verfälscht.

Gerade aber in der ersten und ursprünglichen Form gehört »Science and Health« zu den merkwürdigsten Büchern privater Theologie, zu jenen meteorischen Werken, die völlig zusammenhanglos, gleichsam aus fremden Himmeln mitten in die Zeit hineinschlagen. Gleichzeitig genial und absurd in seinem wilden Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand-Wollen, durchaus lächerlich in seiner kindlichen Illogik und doch verblüffend durch das Manisch-Mächtige seiner Einlinigkeit, hat dieser Kodex etwas durchaus Mittelalterliches an sich, etwas von der fanatisch religiösen Inbrunst aller theologischen Außenseiter wie Agrippa von Nettesheim und Jakob Böhme. Das Schwindlerische und das Schöpferische wechseln in wilden Rösselsprüngen, die gegensätzlichsten Einflüsse quirlen wirr durcheinander, Swedenborgs astrale Mystik überkreuzt sich mit banaler Populärwissenschaft aus Zehnpennybüchern, neben einem Bibelwort stehen Ausschnitte aus New Yorker Tageszeitungen, blendende Bilder neben den lachhaftesten und kindischsten Behauptungen: aber unleugbar, dieses Quirlen ist immer heiß, es glüht und zuckt und brodelt von geistiger Passioniertheit, es wirft die wunderbarsten Blasen, und wenn man lange in diesen ständig rotierenden, kochenden Glutkessel hineinstarrt, beginnen einem die Augen zu brennen. Man verliert den nüchternen Verstand, glaubt sich in Faustens Hexenküche und meint wie er, »hunderttausend Narren« sprechen zu hören. Dieses kreißende Chaos schwingt aber ununterbrochen um einen einzigen Punkt, immer und immer wieder hämmert Mary Baker-Eddy diesen ihren einen und einzigen Gedanken einem ins Hirn, bis man mehr betäubt als überzeugt kapituliert; rein als energetische Tat, als Leistung einer völlig unbelehrten, ungebildeten, unlogischen Frau muß man es großartig nennen, wie sie mit der Fieberpeitsche ihrer Besessenheit diese eine absurde Idee wie einen Kreisel immer und immer wieder herumjagt und Sonne, Mond und Sterne, das ganze Weltall um diese eine Idee wirbelt.

Was ist aber eigentlich dieser neue, unerhörte Gedanke, was diese göttliche, diese »divine« Science, die sie als erste »rendered to human apprehension«, die Mary Baker unserem beschränkten irdischen Verstand als erste angenähert? Was ist im Grunde die weltbewegende Entdeckung, die von der rosenroten Biographie mit den Thesen Newtons und Archimedes' unbedenklich in eine Linie gestellt wird? Ein einziger Gedanke, jawohl, nur ein einziger Gedanke, zusammenfaßbar am besten in ihre Formel: »Unity of God and unreality of evil«, das will sagen: es gibt nur Gott, und da Gott das Gute ist, so kann es kein Böses geben. Demzufolge ist jeder Schmerz und jedes Kranksein völlig unmöglich und sein Scheinvorhandensein nur eine Falschmeldung der Sinne, ein »error« der Menschheit. »God is the only life and this life is truth and love and that divine truth casts out supposed error and heals the sick.« (Gott ist das einzige Leben und dieses Leben Wahrheit und Liebe, und diese göttliche Wahrheit beseitigt jede falsche Meinung und heilt die Kranken.) Krankheiten, Altern, Gebrest können also nur so lange den Menschen bedrängen, wie er verblendeterweise diesem törichten Wahn des Krankseins und Alterns Glauben schenkt, wie er sich ein mentales Bild von ihrem Vorhandensein macht. In Wahrheit aber (dies die große Erkenntnis der Science!) hat Gott nie einen Menschen krank gemacht: »God never made a man sick.« Krankheit ist also nur ein Wahnbild der Menschheit: gegen diesen gefährlich ansteckenden Wahn, nicht gegen die gar nicht mögliche Krankheit will endlich die wahre, die neue Heilkunst kämpfen.

Durch diese verblüffende Leugnung hat Mary Baker sich mit einem Ruck von allen ihren Vorgängern, sowohl in der Philosophie als in der Medizin, ja sogar in der Theologie losgelöst (denn schlägt nicht Gott selbst in der Bibel Hiob mit Seuche und Aussatz?). Ihre unmittelbaren Wegbereiter, Mesmer und Quimby, so sehr, so kühn sie auch Heilungsmöglichkeiten durch Suggestion verkündeten, sie nahmen normalerweise doch immerhin die Krankheit als ein Faktum, als unleugbaren Tatbestand. Die Krankheit war für sie vorhanden, sie war da, nun begann die Aufgabe, sie wieder wegzuschieben, die Schmerzempfindung und manchmal sogar das Leiden selbst zu überwinden, zu »overcome«. Sei es mit magnetischer Hypnose, sei es mit mentaler Suggestion, mühten sie sich redlich, dem Kranken durch seine schwerste Krise zu helfen »to help through«, immer aber bei ihrer seelischen Einwirkung bewußt, daß sie auch einem tatsächlich bestehenden Schmerz, einem menschlich leidenden Leibe gegenüberstanden. Mary Baker aber tut über diesen Standpunkt einen Siebenmeilenstiefelschritt glattweg ins Absurde, sie verläßt vollkommen den Boden und die Welt der Vernunft, sie stößt die Anschauung ihrer Vorgänger energisch um, indem sie die Sache einfach auf den Kopf stellt. »Unmöglich«, sagt sie, »kann der Geist auf den Körper wirken, »matter cannot reply to spirit«, denn – Kopfsprung der Logik! – es gibt ja gar keinen Körper. Wir Menschen sind nicht Materie, sondern göttliche Substanz, »man is not matter, he is the composed idea of God«. Wir haben keinen Körper, sondern träumen nur, ihn zu haben, und unser irdisches Dasein ist nichts als ein »dream of life in matter«, ein Traum von einem Dasein innerhalb der Materie. Man kann also Krankheiten gar nicht medizinisch heilen, weil sie nicht vorhanden sind, und darum ist nach dem neuen Evangelium Mary Baker-Eddys alle irdische Wissenschaft, alle Knowledge, alle Medizin, Physik, Pharmakologie ein unnötiger Unsinn und Irrtum. Wir können getrost unsere höchst überflüssigen Krankenhäuser und Universitäten mit Dynamit in die Luft sprengen: wozu all dieser kostspielige Aufwand für die Bekämpfung eines Wahns, einer Autosuggestion der Menschheit! Nur die Science kann dem Menschen helfen, indem sie ihn über seinen »error« aufklärt, indem sie ihm beweist, daß Kranksein, Altern und Tod überhaupt nicht existieren. Sobald der Kranke diese »truth«, diese unerhört neue Wahrheit begriffen und in sich aufgenommen hat, sind ja Schmerz, Geschwür, Entzündung und Gebrest ohnehin sofort verschwunden. »When the sick are made to realize the lie of personal sense, the body is healed.«

Unser armer irdischer, unser leider allzu wissenschaftlich erzogener Verstand steht zunächst ein wenig verblüfft vor dieser »holy discovery«, vor dieser heiligen, vor dieser unerfindlich tiefen Entdeckung Mary Baker-Eddys. Nun, man kann uns getrost allerhand Überraschtheit zubilligen. Denn seit dreitausend Jahren wissen wir alle Weisen, alle Philosophen des Morgen- und Abendlands, alle Theologen aller Religionen rastlos leidenschaftlich beschäftigt, gerade diesem Problem der Probleme nachzusinnen, wie Seele und Leib zusammenhängen. In unendlichen Variationen, mit einem unausmeßbaren Aufwand geistig passionierter Denkkraft sahen wir erlauchteste Geister sich um bloß winzige Erhellungen dieses Urgeheimnisses bemühen, und siehe da, 1875 löst – ritsch, ratsch! – mit einem einzigen kühnen Saltomortale über alle Vernunft hinaus diese resolute Geschwindphilosophin die Frage des psychophysischen Zusammenhangs, indem sie diktatorisch feststellt: »Soul is not in the body«, die Seele hat mit dem Körper überhaupt nichts zu tun. Wie einfach, wie einfach, wie rührend einfach! Das Ei des Kolumbus ist gefunden, das End- und Urproblem aller Philosophie gelöst – jubilemus! – und dies so mirakulös simpel durch Kastration der Wirklichkeit. Eine radikale Roßkur des Denkens ist durchgeführt, die alles Leiden im Leibe beseitigt, indem sie den Leib einfach als nicht vorhanden erklärt – ein System, ungefähr so probat und unfehlbar, wie wenn man Zahnschmerzen damit erledigen wollte, daß man dem Zahnkranken den Kopf abhackt.

»Es gibt kein Kranksein« – eine so toll-verwegene Behauptung aufzustellen, immerhin, das ist nicht schwer. Wie aber einen derartigen Aberwitz beweisen? Sehr einfach, sagt Mary Baker-Eddy, hört nur ein wenig gläubig zu, es ist ja so schrecklich einfach: Gott hat den Menschen nach seinem Ebenbilde gemacht, und Gott ist, wie ihr wißt, das Prinzip des Guten. Folglich kann der Mensch nur göttlich sein, und da alles Göttliche gut ist, wie sollte da etwas so Böses wie Krankheit, Schwäche, Sterben und Altern in diesem Abbild Gottes Heimstatt finden können? Der Mensch kann sich höchstens einbilden, er kann sich allenfalls mit seinen lügnerischen Sinnen vorstellen, sein Körper sei krank, sein Leib werde schwach und alt, aber da er dies nur dank seiner Sinne vermag, die nicht unmittelbare Wahrnehmung des Göttlichen haben, so ist eben seine Meinung ein »error«, ein Irrtum, und nur dieser falsche Glaube verursacht seine Schmerzen, »suffering is self imposed a belief and not truth«. Gott selbst ist doch niemals krank, wie könnte da sein Ebenbild gebrestig sein, der lebende Spiegel der göttlichen Güte? Nein, die Menschen stehlen sich selber die Gesundheit durch den Unglauben an ihre Gottsubstanz. Kranksein bedeutet darum nicht bloß einen »error«, ein Fehldenken, es ist eigentlich sogar ein »Verbrechen«, weil ein Zweifel an Gott, eine Art Gotteslästerung, denn man unterstellt damit dem Allgütigen die Möglichkeit des Bösen, und Gott kann niemals etwas Böses verursachen, »God cannot be the father of error«. Und nun rollt das tolle Rad ihrer Logik sich wild überschlagend weiter: Seele ist mind, und mind ist God, und God ist spirit, und spirit ist wieder truth, und truth ist wieder God, und God ist wieder das Gute, und da es also nur das Gute gibt, gibt es kein Böses, keinen Tod, keine Sünde. Man sieht: die Beweistechnik Mary Bakers beruht einzig auf Rotation: es wird immer ein abstrakter Begriff neben den andern gesetzt, und die Wortbedeutungen werden so fakirhaft rasch und beharrlich im Kreise gedreht, daß man wie beim Roulette nicht mehr eins vom andern unterscheiden kann. Und dies Quidproquo wird durch die fünfhundert Seiten von »Science and Health« in so vielen behenden Umstellungen und Wiederholungen durcheinander gekurbelt, bis einem der Kopf wirbelt und man betäubt jeden Widerstand aufgibt.

Übertreibe ich? Trage ich am Ende böswilligerweise eine Illogik in ihr System, die in seinem innern Bau gar nicht enthalten ist? Nun, so will ich zur Probe den allerberühmtesten Satz, die sogenannte »unsterbliche These« Mary Baker-Eddys wortgetreu anführen, um deren »Entwendung« sie seinerzeit einen Schüler öffentlich vor Gericht verklagt hat. Dieser »unsterbliche« Satz lautet: »Es ist kein Leben, keine Wahrheit, keine Intelligenz und keine Substanz in der Materie. Alles ist unendliches Gemüt (mind) und seine unendliche Offenbarwerdung, denn Gott ist alles in allem. Geist ist unsterbliche Wahrheit, Materie ist ein sterblicher Irrtum. Geist ist das Wirkliche und Ewige, Materie ist das Unwirkliche und Zeitliche. Geist ist Gott und der Mensch sein Bild und Gleichnis, folglich ist der Mensch nicht materiell, er ist geistig.« Versteht man das? Nein? Um so besser. Denn gerade dies »credo quia absurdum« verlangt Mary Baker von uns, von der Menschheit. Gerade dies, daß wir endlich unseren verfluchten, unseren hochmütigen irdischen Verstand beiseite lassen. Unsere ganze dummdreiste »knowledge«, unsere vielgerühmte Wissenschaft, hat sie die Welt um einen einzigen Schritt weiter gebracht? Nein, die ganze Heilkunde seit Asklepios, Hippokrates und Galen hat null mal null geleistet. »Physiology has not improved mankind«, Diagnostik und Therapie hilft keinen Deut, zum Teufel mit ihr! »Physiology has never explained soul and had better done not to explain body.« Medizinwissenschaft bietet keine Erklärung für seelische Vorgänge und nicht einmal für die des Körpers. Deshalb sind nach der Meinung Mary Bakers Ärzte, diese »manufacturers of disease«, diese Krankheitsfabrikanten, wie sie sie höhnisch nennt, nicht nur unnütze, unnötige Gesellen, nein, sie sind im Gegenteil sogar Schädlinge der Menschheit, denn (sehr kompliziert diese Drehung!), indem sie sich anmaßen, Krankheiten behandeln zu wollen, wo es doch in Wahrheit, in der »truth«, gar keine Krankheiten gibt, verewigen diese Übeltäter den ansteckenden »error«, den schädlichen Irrwahn, daß es so etwas wie Krankheiten gäbe. Und – nochmalige Drehung! – indem die Menschen dank der berufsmäßigen Existenz solcher Krankheitsbehandler immer wieder ein Erinnerungsbild an Krankheit vor die Augen bekommen, glauben sie, krank werden zu können, und durch diesen Irrglauben fühlen sie sich wirklich krank. Also (nochmals: man bewundere diese kühne Wendung!) bringen eigentlich die Ärzte durch ihr Vorhandensein die Krankheit hervor, statt sie zu heilen: »Doctors fasten disease.« In der ersten, ursprünglichen und persönlichsten Phase der Christian Science lehnt Mary Baker-Eddy alle Ärzte, selbst die Chirurgen, als überflüssige Schädlinge der menschlichen Gesellschaft ab und erklärt ihnen entschlossen den Krieg: erst später, durch manche Mißerfolge und peinliche Prozesse belehrt, hat sie ihre Strenge gemildert und bei chirurgischen Fällen wie Beinbrüchen, Zahnextraktionen und schwierigen Geburten die gelegentliche Heranziehung solcher Krankheitsvermehrer geduldet. Im ersten und entscheidenden Anfang aber erkennt sie nur einen einzigen Arzt an und billigt seine Methode: Christus, »the most scientific man of whom we have any record«, er, der christliche Healer, der als erster ohne Drogen, Arzneien, Pinzetten und chirurgische Eingriffe die Blutflüssige und die Aussätzige heilte, er, der »niemals Krankheiten beschrieben und sie nur geheilt hat«, er, der den Gelähmten vom Siechenbette bloß durch das Wort emporrief: »Stehe auf und wandle!« Seine Methode war Heilung ohne Diagnose und Theorie einzig durch den Glauben. Seitdem haben achtzehnhundert Jahre diese einfachste und elementarste Heilungslehre verlacht und verkannt, bis eben sie, Mary Baker-Eddy, sein Werk dem Verständnis und der Ehrfurcht der Menschheit wiedergebracht habe. Deshalb gibt sie auch ihrer Wissenschaft den stolzen Namen »Christian Science«, weil sie als Ahnherrn und Meister nur Christus, als einziges Heilmittel nur Gott anerkennt. Je mehr einer ihrer Schüler, je mehr ein »healer« von dieser Methode Christi in sich verwirkliche, je weniger er sich um irdische Wissenschaft bekümmere, um so vollkommener werde seine Heilkraft sich offenbaren. »To be Christ-like is to triumph over sickness and death.« Es genügt, daß der Heiler dem Kranken den Leitgedanken der Christian Science als Überzeugung bis in die Seele suggeriert, nicht nur seine persönlich-individuelle Krankheit, sondern Krankheit überhaupt sei infolge der Gottähnlichkeit des Menschen in unserm Weltall nicht vorhanden – damit beginnt und endet schon seine ganze Tätigkeit. Gelingt es ihm, diese Überzeugtheit wirklich überzeugend zu übermitteln, dann macht dieser Glaube wie ein Opiat sofort den Körper unfühlbar für alle Leiden und Schmerzen, die Suggestion zerstört mit dem Leidensbild auch dessen Symptome: »not to admit disease, is to conquer it« – »die Krankheit leugnen, heißt sie überwinden«. Der Heiler hat also keinesfalls wie der Arzt die Symptome zu untersuchen, noch sich irgendwie ernsthaft mit ihnen zu beschäftigen, im Gegenteil, seine einzige Aufgabe bleibt, sie nicht zu sehen, sie nicht ernst zu nehmen, sondern als Wahngebilde, und den Patienten dahin zu bringen, daß er sie gleichfalls nicht mehr sieht und glaubt. Dann sind sofort ohne jede Untersuchung, ohne jeden Eingriff, ohne Behandlung Schwindsucht oder Syphilis, Magenkrebs oder Beinbruch, Skrofulose oder Blutzersetzung, alle diese Scheinerscheinungen irdischen Wahnes, beseitigt, und zwar einzig dank dieser geistigen Narkose mit Christian Science, dieses unfehlbaren Universalheilmittels der Menschheit, dieses »great curative principle«.

Ein wenig erholt von dem furchtbaren Keulenschlag des Nichtvorhandenseins unseres Körpers und der Lügenhaftigkeit unserer Sinne, dem »error« des Siechtums, Alterns und Sterbens, rafft sich die niedergeprügelte Vernunft allmählich schüchtern auf und beginnt die geblendeten Augen zu reiben. Wie, fragt man, es gibt keine Krankheit? All das ist nur »error« und »bad habit«, eine schlechte Gewohnheit, und doch liegen in jeder Stunde unseres Daseins Millionen Menschen in Krankenhäusern und Lazaretten, vom Fieber geschüttelt, von Eiter zerfressen, sich krümmend in Schmerzen, taub, blind, gepeinigt und gelähmt! Und seit tausend Jahren müht sich in stupidem Eifer eine einfältige Wissenschaft mit Mikroskop und chemischer Analyse und den kühnsten Operationen, diese gar nicht vorhandenen Leiden zu lindern und zu ergründen, wo der einfache Glaube an das Nichtvorhandensein zur Heilung glattweg genügte? Ganz unnützerweise werden also Millionen mit Operationen, Kuren und Medikamenten genarrt, indes all diese Qualen, sei es Milzbrand oder Gallenstein, Rückenmarkschwindsucht oder Blutfluß, doch spielend leicht durch das neue »principle« auszurotten wären? Kann so titanisch gehäufter Schmerz, dies zum Himmel getürmte Leiden Unzählbarer wirklich nur Blendwerk sein und Wahn? Darauf hat Mary Baker-Eddy eine einfache Antwort. »Jawohl«, sagt sie, »es gibt noch immer furchtbar viele Scheinkranke, aber nur weil die Menschheit noch nicht von der Wahrheit der christlichen Wissenschaft durchdrungen ist und weil die allergefährlichste Krankheit, nämlich der Glaube an die Krankheit, als permanente Infektion immer neue Individuen zu Leiden und Sterben verleitet.« Keine Epidemie der Menschheit erweise sich so verhängnisvoll wie dieser »error« von Kranksein und Sterben, denn jeder Mensch, der sich krank glaubt und über sein Leiden klagt, steckt einen andern mit dieser verhängnisvollen Vorstellung an, und so schleppt sich die Plage von Geschlecht zu Geschlecht fort. » Aber (ich zitiere wörtlich) so wie die Pocken durch die Serumimpfung allmählich eingeschränkt wurden, so kann diesem ›Unfug‹, dieser schlechten Gewohnheit des angeblichen Krankseins und vorgeblichen Sterbens sofort Schach geboten werden.« Ist erst einmal die ganze Menschheit mit dem Glaubensserum der Christian Science durchgeimpft, dann ist die Zeit des Gebrestes vorbei, denn je weniger dieser Toren es geben wird, die an ihre Krankheit glauben, um so weniger Krankheit wird auf Erden sich ereignen. Aber solange dieser verderbliche Wahn bei der Mehrzahl noch verhält, so lange steht noch die Menschheit unter der Geißel von Siechtum und Tod.

Abermals staunt man auf. – Wie, es gibt also auch keinen Tod? »Nein«, antwortet Mary Baker-Eddy entschlossen, »wir haben keinen Beweis dafür.« Man glaubt ja auch, argumentiert sie, wenn man ein Telegramm bekommt vom Tode eines Freundes, daß dieser wirklich gestorben sei, aber dieses Telegramm kann doch ein Irrtum, diese Nachricht falsch sein. Da unsere Sinne nur »error« vermitteln, nur Irrtum, so stellt unsere private Meinung vom Ableben des Leibes durchaus keinen gültigen Beweis dar. In der Tat spricht die Christian-Science-Kirche noch heute nie von Toten, sondern nur von »sogenannt« Toten, »so called dead«, und ein Verstorbener ist nach ihrer Auffassung nicht gestorben, sondern der Dahingegangene hat sich nur »our opinions and recognitions«, unserer irdischen Fähigkeit, ihn leiblich wahrzunehmen, entzogen. Ebenso entbehren wir noch heute jedes Beweises, verkündet Mary Baker des weitern in eiserner Konsequenz, daß Essen und Trinken dem Menschen zum Fortleben wirklich notwendig sei, und kein mitleidiges Lächeln der Physiologen kann ihren Starrsinn belehren. Führt man sie zu einem Leichnam, um sie von der Vergänglichkeit des Leibes zu überzeugen, so behauptet sie, bloß das »going out of belief« zu sehen, nur wahrzunehmen, daß dieses Individuum eben nicht stark genug an die Unmöglichkeit des Sterbens geglaubt habe. Tatsächlich sei ja auch der Glaube an unsere geistige Macht heute leider noch zu schwach, um aus der ganzen Menschheit diese »Epidemie« des Scheinkrankseins und Scheinsterbens auszurotten. Aber im Laufe der Jahrhunderte werde der Menschengeist durch immer leidenschaftlichere Anwendung der Christian Science, durch eine ungeheure potentielle Steigerung seiner Glaubensfähigkeit eine heute noch unausdenkbare Macht über unsere Leiblichkeit gewinnen: »When immortality is better understood, there will follow an exercise of capacity unknown to mortals.« Dann erst wird in der Menschheit dieser verderbliche Wahn von Krankheit und Tod erloschen und die Göttlichkeit auf Erden wiederhergestellt sein.

Mit dieser ebenso kühnen wie geschickten Drehung ins Utopische klinkt Mary Baker eine Türe leise auf, um in gewissen peinlichen Fällen aus ihrer Theorie herausschlüpfen zu können: wie alle Religionen schiebt auch die ihre den idealen Zustand aus der Gegenwart sanft ins Himmelreich der Zukunft hinüber. Man sieht, Nonsens zwar, hat dieser Nonsens durchaus Methode, und seine schreiende Illogik wird mit einer derart hartstirnigen Logik vorgebracht, daß sie schließlich wirklich etwas Ähnliches wie ein System zeitigt.

Ein System freilich, das in der Geschichte der Philosophie kaum einen andern Platz einnehmen wird als im Kuriositätenkabinett, das sich aber doch für seinen Nutzzweck zur Ankurbelung einer Massenhypnose als ausgezeichnet konstruiert erwiesen hat. Für die unmittelbare Wirkung einer Lehre wird leider immer ihre psychotechnische Hochspannung entscheidender als ihre intellektuelle Hochwertigkeit; und wie es zur Hypnotisierung keines Diamanten bedarf – ein Splitter glitzernden Glases genügt zur völligen Bannung –, so ersetzt bei geistigen Massenbewegungen ein primitiver, aber intuitiver Instinkt reichlich die fehlende Wahrheit und Vernünftigkeit. Alles in allem – man soll sich Tatsachen nicht verschließen – ist trotz seiner logischen Defekte der religiöse Suggestionsapparat Mary Baker-Eddys bis heute von keiner späteren Glaubenslehre an Weite der Wirkung übertroffen worden: damit allein bezeugt ihre Instinktpsychologie ihren unbedingten Rang. Man fälschte gröblich, wollte man das unleugbare Faktum unterschlagen, daß Tausende und Tausende von Gläubigen durch diese Christian Science mehr Hilfe empfangen haben als von diplomierten Ärzten, daß, wie Dokumente unbestreitbar erweisen, unter ihrer Suggestion Frauen ohne Schmerzen geboren haben, daß narkosefreie Operationen ohne Schmerz durchgeführt worden sind, weil die gläubigen Szientisten statt durch Chloroform durch dies neue geistige Betäubungsmittel »irreality of evil« gegen Schmerz unempfindlich geworden waren und daß der ungeheure Kraftzuschuß dieser Lehre unnennbar vielen die Lebenskraft gesteigert, den Lebensmut erneuert hat. Mitten in ihrer Übertreibung hat diese bei aller Wirrnis geniale Frau gewisse seelische Grundgesetze sehr richtig erkannt und in ihrer Praxis verwertet, vor allem die unleugbare Tatsache, daß jede phantasiemäßige Vorstellung eines Gefühls, also auch eines Schmerzes, in sich die Tendenz trägt, sich in Wirklichkeit umzusetzen, daß darum eine vorbeugende Suggestion oft die Furcht vor Erkrankung beseitigt, die fast ebenso gefährlich ist wie die Krankheit selbst. »The ills we fear, are the only one that conquer us«, einzig die Krankheit, die wir fürchten, bekommt über uns Macht – hinter solchen Worten, mögen sie logisch anfechtbar und faktisch tausendmal widerlegbar sein, schimmert doch Ahnung seelischer Wahrheiten, und Mary Baker nimmt im Grunde Coués Lehre von der Autosuggestion vollkommen voraus, wenn sie sagt: »Die Kranken schädigen sich selbst, wenn sie sagen, sie seien krank.« Deshalb darf auch ein Practitioner ihrer Heilmethode niemals einem Patienten zugeben, daß er krank sei: »The physical affirmative should be met by a mental negative«, nie auch der Leidende sich selbst eingestehen, daß er Schmerzen empfinde, denn erfahrungsgemäß steigere die Selbstbeschäftigung mit dem Schmerze suggestiv den schon vorhandenen Schmerz. Ihre Lehre ist, ebenso wie jene Coués und Freuds, trotz der weiten geistigen Distanz doch aus demselben Reaktionsgefühl geboren, daß die moderne Medizin in ihrer physikalisch-chemischen Entwicklung die seelischen Heilkräfte, den psychischen »Gesundheitswillen« als Helfer zu lange mißachtet habe und daß nebst Arsen oder Kampfer dem menschlichen Organismus auch rein geistige Steigerungsmittel wie Mut, Selbstvertrauen, Gottvertrauen, tatkräftiger Optimismus als Vitalitätsinjektionen zugeführt werden könnten. Bei allem inneren Vernunftwiderstand gegen das therapeutisch Widersinnige einer Lehre, die Bazillen »by mind«, Syphilis mit »truth« und Arterienverkalkung mit »God« austreiben will, darf man nie – wie erklärten sich sonst ihre Erfolge? – den Energiekoeffizienten, der dieser Lehre erkenntnishaft zugrunde liegt, gänzlich außer Betracht lassen, und man handelte unredlich und wider die Wahrheit, wollte man die tonische Kraft gewaltsam wegleugnen, welche die Christian Science unzähligen Menschen in manchen Augenblicken der Verzweiflung durch ihre Glaubenstrunkenheit zugeführt hat. Mag sein, ein Rauschgift, bloß flüchtig wie Kampfer oder Koffein die Nerven belebend, nur vorübergehend der fortfressenden Kraft der Krankheit den Weg sperrend, aber oftmalig doch wirksam als Erleichterung, als von der Seele her dem Körper aufhelfende Macht. In Summa dürfte also die Christian Science ihren Anhängern mehr Hilfe gebracht haben als Schädigung. Und schließlich hat sie sogar der Wissenschaft geholfen, denn die Psychologie, je mehr und je ernster sie die erstaunlichen Wirkungen der Christian Science verfolgt, kann noch allerhand über Massensuggestion an ihren Wundern und Werken lernen: auch im geistigen Sinn war so dieses sonderbare Leben nicht vergebens gelebt.

Das allereigentlichste Wunder der Christian Science bleibt aber doch trotz allem und allem ihre erstaunlich rasche Ausbreitung, ihre für den nüchternen Verstand geradezu unfaßbare Lawinenwirkung des Erfolgs. Wie kommt es, muß man fragen, daß eine geistig so verschrobene, logisch dermaßen dünne und dilettantische Naturheillehre innerhalb eines Jahrzehnts sofort Hunderttausenden zum Himmelsgewölbe ihres Weltalls wurde? Welche Bedingtheiten befähigten gerade diese Theorie unter den zahllosen Weltdeutungsversuchen, die sonst nach wenigen Weltminuten wie Seifenblasen zerplatzen, eine Millionengemeinschaft um sich zu formen? Wie vermochte ein solches verworrenes, kryptoprophetisches Buch für Unzählige zum Evangelium zu werden, während sonst die mächtigsten geistigen Bewegungen meist nach einem Jahrzehnt in ihrer Stoßkraft ermatten? Immer wieder fragt sich die überraschte Vernunft vor diesem fabelhaften Suggestionsphänomen: welche besonderen Mittel der Weltwirkung hat bewußt oder unbewußt gerade diese Gründerin ihrem Werke eingebaut, daß einzig diese eine Sekte unter tausend wesensähnlichen so sieghafte Kräfte entfaltet, wie sie die Geistesgeschichte des letzten Jahrhunderts in ähnlicher Unwiderstehlichkeit ein zweites Mal kaum kennt?

Ich versuche zu antworten: der entscheidende verbreitungstechnische Faktor der Christian Science besteht in ihrer Handlichkeit. Erste Voraussetzung jeder rasch und weit um sich greifenden Idee bleibt erfahrungsgemäß, daß sie primitiv und auch für Primitive ausdrückbar sei, daß ihre Formel spitz und schnell wie ein Nagel mit einem einzigen Hammerschlag jedem Menschen in den Kopf eingetrieben werden kann. In einer altbiblischen Legende fordert ein Ungläubiger von einem Propheten als Preis für seine Bekehrung, er solle ihm den Sinn seiner Religion in so knapper Zeit erklären, wie er selbst auf einem Bein zu stehen vermöge. Derart ungeduldiger Anforderung auf stenographisch knappe Übermittlungsfähigkeit entspricht die Lehre der Mary Baker-Eddy vortrefflich. Auch Christian Science kann im wesentlichen erklärt werden, solange man auf einem Bein zu stehen vermag: »Der Mensch ist göttlich, Gott ist das Gute, folglich kann es nichts Böses wirklich geben, und alles Böse, Krankheit, Altern und Sterben ist nicht Wirklichkeit, sondern trügerischer Schein, und wer dies einmal erkannt hat, den kann keine Krankheit mehr befallen, kein Schmerz mehr quälen.« In diesem Extrakt liegt alles enthalten, und eine so allverständliche Grundformel stellt keine intellektuellen Ansprüche. Damit war die Science von vornherein befähigt, ein Massenartikel zu werden, handlich wie ein Kodak, eine Füllfeder, sie stellt ein absolut demokratisches Geistesprodukt dar. Und erwiesenermaßen haben ja zahllose Schuhmacher, Wollagenten und Handlungsreisende die christliche Heilkunde in den vorgeschriebenen zehn Lektionen tadellos erlernt, also in geringerer Zeit, als man benötigt, um ein anständiger Hühneraugenoperateur, Korbflechter oder Raseur zu werden. Christian Science ist jedermann geistig sofort eingängig, sie fordert weder Bildung noch Intelligenz noch irgendwelche menschlich persönliche Gereiftheit: dank dieser Grobschlächtigkeit wird sie von vornherein breiten Massen zugänglich, eine Everyman-Philosophie. Dazu kommt nun ein zweiter, psychologisch wichtiger Faktor: die Lehre Mary Baker-Eddys verlangt nicht das geringste Opfer an persönlicher Bequemlichkeit von ihrem Anhänger. Und – jeder Tag bezeugt uns diese Binsenwahrheit je geringere moralische oder materielle Anforderungen ein Glauben, eine Partei, eine Religion an das Individuum stellt, um so weiteren Kreisen wird sie willkommen sein. Christian Scientist zu werden, ist in keinem Bezuge opfervoll, sondern ein ganz unverpflichtender, gar nicht belastender Entschluß. Mit keinem Wort, mit keiner Zeile verlangt dieses Dogma von dem neugewonnenen Schüler, er solle sein äußeres Leben ändern: ein Christian Scientist braucht nicht zu fasten, zu beten, sich einzuschränken, selbst nicht einmal Wohltätigkeit wird von ihm gefordert. Innerhalb dieser amerikanischen Religion ist es erlaubt, schrankenlos Geld zu verdienen, reich zu werden, die Christian Science läßt ruhig Cäsar, was des Cäsars, und dem Dollar, was des Dollars ist, – im Gegenteil, unter den Anpreisungen der Christian Science findet sich auch die seltsame, daß diese »holy Science« die Bilanz vieler kaufmännischer Unternehmungen vermehrt habe. »Men of business have said, this science was of great advantage from a secular point of view.« Selbst ihren Priestern und Heilern gestattet diese kulante Glaubenssekte, kräftig Kasse zu machen: so ist der stärkste materielle Trieb des Menschen, der Geldtrieb, sinnvoll mit seinen metaphysischen Neigungen zusammengehalftert. Und ich wüßte wahrhaftig nicht, wie man's zuwege bringen könnte, für diese weitmaschigste aller Sekten, für die Christian Science, zum Märtyrer zu werden.

Drittens aber – last not least –: schaltet die Christian Science durch ihre kluge Neutralität einerseits jeden Zusammenstoß mit Staat und Gesellschaft aus, so zieht sie anderseits auch stärksten Zufluß aus den lebendigen Quellen des Christentums. Dadurch, daß Mary Baker-Eddy mit genialem Blick ihr geistiges Heilmedizinieren auf den Felsen der öffentlich anerkannten Kirche stellt und ihre »Science« mit dem jederzeit in Amerika allmagischen Wort »Christian« bindet, deckt sie sich gewissermaßen den Rücken. Denn niemand wagt so leicht, eine Methode Humbug oder Schaumschlägerei zu nennen, für die Christus als Vorbild und die Erweckung des Lazarus als sprechendes Zeugnis angerufen wird. Eine dermaßen fromme Ahnenschaft skeptisch ablehnen, hieße das nicht zugleich, die Heilungen der Bibel und die Wundertaten des Heilands bezweifeln? Mit dieser genialen Bindung ihrer Glaubenstheorie an das mächtigste Glaubenselement der Menschheit, an das Christentum, erweist allein schon diese Hellseherin der Wirkung ihre später so erfolgreiche Überlegenheit über alle ihre Vorgänger, über Mesmer und Quimby, die in ihrer Redlichkeit versäumten, ihre Methoden als göttlich inspirierte dazustellen, während es Mary Baker-Eddy schon durch die Namensgebung gelang, die ganzen latent flutenden Kräfte des amerikanischen Christentums in ihre Sekte aufzunehmen.

So paßt sich diese auf Asphalt gewachsene Weltanschauung nicht nur dem materiellen und moralischen Unabhängigkeitsbedürfnis des Amerikaners an, sondern sie stützt sich auch auf seine ganz in die staatskirchlichen Formeln des Christentums gebannte Religiosität. Aber darüber hinaus erreicht mit geradem, herztreffendem Stoß die Christian Science noch die unterste und eigentliche Seelenschicht des amerikanischen Volkes, seinen hellgläubigen, naiven, seinen herrlich leicht zu entflammenden Optimismus. Dieser Nation, die erst vor hundert Jahren sich selbst entdeckte und dann mit einem einzigen Ruck und Riß technisch die ganze Welt überflügelte, die über ihr eigenes ungeahntes Wachstum mit einer echten und rechten Jungenfreude noch immer wieder selbst erstaunt, einer so sieghaft realistischen Rasse kann kein Unternehmen zu kühn, kein Zukunftsglaube zu abstrus erscheinen. Warum sollte, da man in zwei Jahrhunderten durch seinen Willen so wundervoll weit gekommen, es unmöglich (weg mit dem Wort!) sein, Krankheit durch den Willen zu besiegen, warum sollte man nicht fertig werden auch mit dem Tod? Gerade das Exzentrische einer solchen Herausforderung der Willenskraft entsprach vortrefflich dem amerikanischen Instinkt, der nicht wie der europäische sich an zwei Jahrtausenden Geschichte mit Zweifel und Skepsis übermüdet hat: in dieser Lehre, die nirgends dem demokratischen Bürger sein Privatleben, sein Geschäft, seine Kirchengläubigkeit stört und doch gleichzeitig die Seele mit erhabener Hoffnung beflügelt, fühlte er leidenschaftlicher als je seine Energie, seine unbändige Kampflust herausgefordert, das Unwahrscheinliche auf Erden wahrzumachen. Eben, weil sie verwegener war als alle vorausgegangenen, fand diese kühnste Hypothese der Neuzeit so willige Heimstatt im Neuland der Welt, und Kirchen wuchsen in Marmor und Stein aus amerikanischer Erde, um diesen Glauben bis zum Himmel zu erheben. Denn allezeit bleibt es das liebste Geistspiel der Menschheit, sich das Unmögliche als möglich zu erdenken. Und wer immer sie anreizt zu dieser ihrer heiligsten Leidenschaft, der hat selber sein Spiel gewonnen.

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