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Die Heilung durch den Geist

Stefan Zweig: Die Heilung durch den Geist - Kapitel 22
Quellenangabe
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typeessay
authorStefan Zweig
titleDie Heilung durch den Geist
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorKnut Beck
year1983
isbn3596223008
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121111
projectidb161d8d9
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Die erste Stufe

Der große heroisch-groteske Kampf der »Science« gegen die Wissenschaft beginnt als Idylle, als kleinbürgerliches Lustspiel.

In Lynn, demselben abseitigen banalen Schuhmacherstädtchen, wo Mary Baker seinerzeit den biedern Absatzflicker Hiram Craft zum Doktor der neuen Heilkunde ausbilden wollte, wohnt eine kleine nette Kinderlehrerin, Miß Susie Magoun. Sie hat ein Haus für ihre Privatschule gemietet, das erste Stockwerk soll dem Unterricht dienen, das zweite wünscht sie weiter abzugeben. Eines Abends nun, Anno 1870, erscheint ein junger Mann, er sieht aus wie ein Knabe und wieso auch nicht: Richard Kennedy ist ja nicht älter als einundzwanzig. Bescheiden verbeugt er sich und fragt (mit etwas Sand in der Stimme), ob sie diese fünf Zimmer an einen Arzt vermieten wolle. »Gern«, antwortet Miß Magoun, er suche wohl einen Ordinationsraum für seinen Herrn Vater? Da errötet der junge Kartonagearbeiter über das ganze Gesicht: Nein, er selbst sei der Doktor, und fünf Zimmer benötige er für seine Praxis, weil mit ihm auch eine ältere Dame wohnen wolle, die »ein Buch schreibe«. Miß Magoun sieht den jungen Flaumbart zunächst etwas verblüfft an. Aber schließlich, Lynn liegt in Amerika, und Amerika kennt nicht unser akademisch-bürokratisches Vorurteil gegen die Jugend. Dort sieht man einem Menschen in die Augen, und da dieser junge Bursche einen offenen und klaren Blick trägt und überdies sich sauber und anständig präsentiert, willigt sie ein. In den nächsten Tagen rücken die neuen Mieter an. Viel Gepäck brauchen die beiden die Treppe nicht hinaufzuschleppen, gerade zwei billig gekaufte Betten, einen Tisch, ein paar Stühle, sonst bloß allerdürftigsten Kram. Und daß sie's mit dem Gelde nicht sonderlich dick haben, erweist augenfällig die Tatsache, daß der junge Mediziner sich zunächst als Handarbeiter betätigt, höchst eigenhändig die Tapeten ankleistert, die Zimmer bürstet und fegt. Dann aber – historisches Datum, Juli 1870! – heftet der einundzwanzigjährige Flaumbart an einen Baum vor dem Hause seine Tafel: »Dr. Kennedy«. Und damit ist die erste Praxis der Christian Science eröffnet.

Eine Tafel an einen Baum heften und sich kurzerhand Doktor titulieren, nun, das bedeutete damals nichts sonderlich Auffälliges in einem Lande, das solche Selbstpromotionen noch freisinnig erlaubte. Erstaunlich wird erst die Folgeerscheinung dieses resoluten Vorgangs, nämlich, daß schon in derselben Woche einige Patienten bei dem frischetablierten »Doktor« vorsprechen. Und noch erstaunlicher: sie scheinen gar nicht unzufrieden mit seiner Kunst, denn in der zweiten Woche rückt noch zahlreichere Kundschaft an und abermals mehr in der dritten. Am Ende des Monats Juli geschieht das erste Wunder der Christian Science: der frisch aus dem Ei gepellte »Doktor« Kennedy kann von seinen Einnahmen bereits prompt und pünktlich seinen Zins bezahlen. Und Wunder über Wunder: die Kurve des Erfolgs steigt immer schärfer an von Woche zu Woche. Im August muß die Patientenreihe sich schon im Vorzimmer anstellen, im September die Schulstube der Miß Magoun zeitweilig als Wartezimmer ausgeliehen werden. Wie mit einem Lasso hat die neue Methode der Company Kennedy & Baker die ganze Kundschaft der Stadt Lynn von den Ärzten zu sich herübergerissen, Dutzende drängen sich täglich zur »neuen« Kur. Uns freilich, die wir bereits die Praxis des Dr. Quimby kennen, scheint die Methode des Doktor Kennedy nicht gar so neu, denn sie wiederholt bis in die letzte Einzelheit die erprobte Suggestionskur des braven Uhrmachers von Portland. Genau wie jener setzt sich der Kartonagedoktor Kennedy zu seinen Patienten, reibt mit befeuchtetem Finger ihre Schläfen und raspelt dann die ganze metaphysische Litanei herunter, wie sie ihm seine Meisterin eingelernt: »daß der Mensch göttlich sei, und da Gott nicht das Böse wolle, so könne alles Böse, so könne Schmerz und Krankheit nicht wirklich vorhanden sein. Dies seien nur mentale Vorstellungen, ein Irrtum, von dem man sich befreien müsse.« Mit der manischen und zähen Beharrlichkeit, die ihm Mary Baker ins Herz gehämmert, spricht und spricht und spricht er seine Sprüchlein in alle Kranken so unbedingt überzeugt hinein, als ob er schrankenlose Gewalt über ihr Leiden hätte. Und die Sicherheit dieses sympathischen, klaräugigen und durch seine Schlichtheit glaubwürdigen Menschen geht tatsächlich auf die meisten seiner Patienten befreiend über. Einfache Männer aus dem Volke, Schuharbeiter, kleine Beamte und Angestellte, die zu ihm kommen, fühlen sich nach wenigen Stunden von ihren Schmerzen entlastet, und – warum klare Tatsachen leugnen oder entstellen? – eine ganze Reihe von längst Aufgegebenen, eine Frau, die an Tuberkulose leidet, ein Mann mit Lähmung, verdanken dieser »metaphysischen Kur« momentane Schmerzlinderung, einige behaupten sogar, völlig gesundet zu sein. So spricht sich's rasch in den achtzig oder hundert Straßen von Lynn herum, dieser frisch hereingeschneite Doktor Kennedy sei wirklich ein ganz famoser Bursche, der quäle einen nicht mit Instrumenten, Drogen und teuern Mixturen, und wo er nicht helfe, da schade er zumindest nicht. Ein Kranker rät dem andern, wenigstens einmal die funkelnagelneue »mentale« Methode zu probieren. Und das Resultat steht bald unbestreitbar da. Innerhalb von ein paar Wochen hat die neue Science in Lynn glatt gesiegt, man kennt und rühmt den Doktor Kennedy als einen ganzen Kerl.

Aber nur Kennedy nennt und rühmt man bis jetzt. Daß rückwärts im nachbarlichen Zimmer eine noch straffe halbalte Frau sitzt, von der jener Strom des Willens eigentlich ausgeht, daß einzig ihre geballte Energie diesen jungen Praktikus wie eine Puppe dirigiert, daß jedes seiner Worte von ihr eingelernt, jeder Handgriff von ihr angeordnet und errechnet ist, das ahnt vorläufig niemand in Lynn. Denn während der ersten Wochen bleibt Mary Baker vollkommen unsichtbar. Wie eine Eule, grau und still, hockt sie tagsüber in ihrem Zimmer, schreibt und schreibt an ihrem geheimnisvollen Buch, an ihrer »Bibel«. Nie betritt sie den Ordinationsraum ihres Golem, selten wechselt sie ein Wort mit den Hausgenossen, bloß ein schmaler schweigsamer Schatten geistert manchmal zum Staunen der Kranken von Tür zu Tür. Aber Mary Bakers Geltungstrieb ist zu mächtig, als daß er ihr erlaubte, auf die Dauer im Hintergrund zu bleiben; nichts will, nichts kann sie mit andern teilen, am wenigsten den Erfolg. Erstaunt, erschüttert sieht die seit Jahren verlachte, verhöhnte, verspottete Frau endlich an fremden Menschen die praktische Anwendbarkeit ihrer Methode bestätigt, und mit ungeheurer Ekstase überwältigt sie das Unverhoffte, daß jener Stein, den sie durch Zufall an ihrem tragischen Wege aufgriff, wirklich ein Magnetstein gewesen, ein »pierre philosophale«, erfüllt mit der magischen Macht, Seelen anzuziehen und Leiden zu lindern. Etwas von der wilden Lust, von dem begeisterten Staunen eines Konstrukteurs muß damals in ihr aufgeglüht sein, der eine Maschine theoretisch denkend am Schreibtisch entworfen hat und sie nun nach Jahr und Jahr zum erstenmal richtig und schöpferisch funktionieren sieht, etwas von der Beglückung eines Dramatikers, der sein geschriebenes Gebilde plötzlich von Menschen dargestellt und auf Menschen wirkend erlebt; in diesen Stunden schon mag erste Ahnung ihre betroffene Seele überstrahlt haben von den unermeßlichen Möglichkeiten, die in diesem Anfang lagen. Jedenfalls, von diesem ersten Einsatz des Erfolges an, erträgt Mary Baker das Dunkel nicht mehr. Soll sie dies große Geheimnis wirklich nur einem Einzigen, einem Kennedy anvertrauen, soll wirklich ihre »Entdeckung« auf Lynn beschränkt bleiben? Nein, die Wiederentdeckung des Glaubensgeheimnisses, mit dem einst Christus die Aussätzigen erlöste und Lazarus erweckte, eine solche göttliche Methode, sie muß als ein Evangelium über die ganze Menschheit hin verkündet werden! Ekstatisch erkennt Mary Baker ihr neues, ihr wahres Amt: Lehren und Verkünden! Und sofort beschließt sie, Apostel zu werben, Jünger, die, wie einstens Paulus die Botschaft Christi, nun ihre Heilslehre vom »Nichtvorhandensein der Krankheit« von einem Ende der Welt bis zum andern tragen.

Zweifellos, dieser erste Überschwang war bei Mary Baker-Glover ehrlich und echt; aber, obwohl bis ins Blut hinab überzeugt von ihrer Wahrhaftigkeit wie nur irgendein Glaubensprophet in Samaria und Jerusalem, bleibt die Amerikanerin in ihr unverändert doch Amerikanerin, Kind eines geschäftstüchtigen Jahrhunderts. Beglückt und ungeduldig, jetzt endlich ihr erlösendes »Geheimnis« an die Welt weitergeben zu können, denkt ihr praktischer Verstand nicht eine halbe Minute daran, diese Wohltat und Weisheit der Menschheit umsonst zu übermitteln; im Gegenteil, vom ersten Augenblick an trifft sie notarielle Vorkehrungen, ihre welterschütternde »Entdeckung« der Immaterialität der Welt genau so patentberechtigt in Dollars auszuwerten, als handele sich's um einen neuen Granatenzünder oder eine hydraulische Maschinenbremse. Von allem Anfang an hat Mary Bakers Übersinnlichkeit ein merkwürdiges Loch: unsern Körper, unsere Sinne, alles das verhöhnt sie als Schein; die Geldscheine dagegen nimmt sie gern als Realität. Von der ersten Stunde betrachtet sie ihre überirdische Eingebung gleichzeitig als ausgezeichnetes Mittel, um aus ihrer Verkündung der Irrealität des Bösen sehr gutes und allgültiges Geld zu schlagen. Zunächst läßt sie sich Karten – sozusagen Geschäftskarten – drucken:

MRS. M. GLOVER
Teacher of
Moral Science

»Moral Science« – denn das errettende, das abschließende Wort »Christian Science« hat sie damals, 1870, noch nicht gefunden. Noch wagt sie nicht die Horizonte bis ins Himmlische, ins Religiöse abzustecken, noch glaubt sie ehrlich und redlich, nur ein neues wirksames Naturheilsystem, die verbesserte Quimby-Methode, zu lehren. Ausschließlich Ärzte ihres »mentalen« Systems beabsichtigt sie damals heranzubilden, handfeste »practitioners«, und dies geschieht zunächst in einem Lehrkurs von sechs Wochen, einem, wie wir sagen würden »Schnellsiederkurs«. Als Honorar setzt sie für ihre »inition«, für ihre Unterweisung in der neuen Methode zuerst einen einmaligen Betrag fest: hundert Dollar (später auf dreihundert Dollar erhöht), dazu freilich noch die vorsorgliche und geschäftskluge Verpflichtung, zehn Prozent aller Einnahmen an sie abzuführen. Man sieht: in der ersten Stunde des ersten Erfolges ist in dieser bisher lebensuntüchtigen Frau mit der frischen Spannkraft auch ein mächtiger, ein für immer unstillbarer Businessappetit erwacht.

Auf Schüler braucht sie nicht lange zu warten. Einige der von Kennedy geheilten Patienten, einige dieser Schuhmacher, Shopkeeper und Farmer, ein paar müßige Frauen lockt das Geschäft. Soll man's nicht wirklich riskieren, denken diese abgerackerten braven Kerle, hundert Dollar zu blechen, um bei dieser Mrs. Baker-Glover, die es einem so bequem macht, in sechs Wochen das Doktern zu lernen, während die andern, die einfältigen Ärzte fünf Jahre auf Universitäten herumkümmeln und sich, weiß Gott wie, plagen müssen? Gar so schwer kann diese Art Doktorei doch nicht sein, wenn sie ein solcher Flaumbart erlernt hat wie dieser einundzwanzigjährige Kartonagearbeiter, der jetzt schon allmonatlich seine tausend Dollar einsackt. Und Bildung, Vorbildung verlangt diese brave Sibylle honetterweise auch nicht, Latein oder ähnliche Faxereien: warum nicht diese bequemste aller Universitäten wählen? Ein vorsichtiger Kandidat erkundigt sich, ehe er seine hundert Dollar wagt, noch auf alle Fälle zuvor bei der Meisterin, ob nicht doch eine gewisse Kenntnis der Anatomie für den Studenten oder »healer« notwendig sei. Darauf antwortet Mary Baker sehr entschieden und stolz: Nein, durchaus nicht, dies sei eher ein Hindernis, denn Anatomie gehöre zur Knowledge (der irdischen Wissenschaft), die »Science«, die mentale Wissenschaft aber, zu Gott, und gerade dies wäre ihre Mission, die Knowledge durch die Science zu zerstören. Das genügt, auch den Bescheidensten zu beruhigen, und so setzen sich bald ein Dutzend dieser engstirnigen breitschulterigen Schuharbeiter auf die metaphysische Schulbank. Wahrhaftig, Mary Baker-Glover macht ihnen die »Science« nicht schwer: zwölf Lektionen, dann das Kopieren und Auswendiglernen eines Manuskriptes: »Fragen und Antworten«, das – sie wird es später verzweifelt leugnen! – im wesentlichen noch immer das alte abgeschriebene Exemplar von Vater Quimby ist. Nach der letzten Lektion spricht sie die wackern Schuhabsatzflicker oder Ladenschwengel mit »Doktor« an und damit frei: die Promotion ist vollzogen, ein neuer Mann kann sich eine Doktortafel an einen Baum heften und tapfer drauf los kurieren.

So sachlich man's erzählen mag, diese Kurse und Geschwindpromotionen Mary Bakers schmecken nach Farce und Lächerlichkeit. Aber hier berühren wir einen Kernpunkt in der Wirkungskraft dieser erstaunlichen Frau: ihr fehlt vollkommen jeder Sinn für das Lächerliche. Sie ist derart erfüllt von Selbstvertrauen, derart eingemauert und verschlossen in ihre Überzeugung, daß nie und niemals irgendein Einwand der Vernunft ihr an Hirn und Nerven herankann. Ihre Scheuklappenlogik ist stärker als die Logik der ganzen Welt. Was sie sagt, ist Wahrheit, was die andern sagen, Lüge. Was sie tut, ist tadellos, was die andern darüber denken, gleichgültig: wie ein Tank bis auf die kleinste Luke verpanzert, rollt ihre Selbstverzücktheit unaufhaltsam über allen Stacheldraht der Wirklichkeit. Eben aus dieser Unbelehrbarkeit der Vernunft stammt aber auch ihre frenetische, ihre unvergleichliche Leidenschaftskraft, hinreißend das Absurdeste zu lehren, und sie wächst ins Selbstherrlich-Despotische mit dem gesteigerten Erfolg. Seit Mary Baker bei Kranken nach ihrer Methode Erfolge erzielt, seit sie von ihrem Lehrpult die strahlenden, die erregten, die bezwungenen Blicke von hingegebenen Schülern gesehen, seit dieser Stunde braust dieser Frau das Blut so mächtig in Herz und Schläfen, daß sie zeitlebens keinen Einspruch mehr hört.

Dieses neugewonnene Selbstgefühl verwandelt in wenigen Wochen ihr Wesen bis in die unterste Zelle ihres Geblüts. Das Flackernde weicht dem Gebietenden, nun sie, die jahrelang als unnütze, ungehobene Fracht in einem untersten Laderaum des Lebens lag, oben, das Steuer in der Hand, auf der Kommandobrücke steht. Zum erstenmal hat sie, die so unerträglich lang Unproduktive, den gefährlichsten Rausch erlebt: Macht über Menschen. Endlich ist der Eisring um sie aufgetaut, endlich hat auch die Armut sie aus der würgenden Kralle gelassen: zum erstenmal seit fünfzig Jahren lebt sie nicht mehr von fremdem, sondern von selbstverdientem Geld. Endlich kann sie die geflickten, zerriebenen, vom Dunst der Entbehrung fettigen Fetzen von sich werfen und ihre hohe, gebietend gewordene Gestalt in ein schwarzes Seidenkleid hüllen. Bis tief unter die Haut durchschüttert fortan die vom Leben so lange ins Abseits Gedrückte die elektrische Energie des Selbstbewußtseins. Und mit fünfzig Jahren wird eine Frau jung, die mit zwanzig alt gewesen.

Aber geheimnisvolle Rache! Eine so plötzliche Durchblutung des Körpers mit neuer Lebenskraft, eine so gewaltsame Aufspannung und Verjüngung zeigt auch ihre Gefahr. Denn obwohl Prophetin, Lehrerin, Verkünderin, ist diese fünfzigjährige Frau innerlich Weib geblieben, oder vielmehr: sie ist es erst jetzt geworden. Etwas Unerwartetes ereignet sich. Dieser junge, unbedeutende Bursche Kennedy, ihr Schüler, hat ihrer Methode verblüffend schnell zum Triumph verholten. Er hat als Healer alles erfüllt, was eine Lehrerin von einem Schüler erhoffen konnte, und sogar alle Erwartungen weit übertroffen: zwei Jahre haben die beiden in ausgezeichneter Partnerschaft zusammen gearbeitet, und ein Bankkonto bezeugt des »practitioners« Tüchtigkeit, Redlichkeit, seinen rastlosen Fleiß. Aber sonderbar, statt daß dieser persönliche Erfolg Kennedys sie beglückte, beginnt er sie gegen ihren Kompagnon instinkthaft zu erbittern. Irgendein Gefühl, über das sich die puritanisch strenge Frau gewiß nie redlich Rechenschaft zu geben wagte, wird immer mehr von Kennedys Gegenwart aufgereizt, und allmählich färbt sich ihre Gefühlseinstellung zu ihm (wir verstehen psychologisch sofort: als Schutzfarbe) zu heimlicher Erbitterung um. Im Tatsächlichen wüßte sie nichts gegen ihn einzuwenden. Dieser junge nette Mensch verhält sich immer gleich höflich, dankbar, anteilnehmend, unterwürfig und respektvoll zu ihr, er hat alle Erwartungen erfüllt – zumindest alle Erwartungen, die sie mit hellem Bewußtsein an diesen jungen, hübschen, sympathischen Menschen gesetzt hat; – aber es scheint, daß ihr Unterbewußtsein, daß der bluthafte physiologische Instinkt der alternden Frau, ihrem eigenen wachen Willen unkontrollierbar, noch irgend etwas anderes von ihm erwartet hat. Gewiß, er ist höflich und nett und liebenswürdig zu ihr, aber nicht mehr, und außerdem ebenso höflich und nett und liebenswürdig zu den andern Frauen. Und irgend etwas (nie wird ihr Puritanismus zugeben, was dieses Etwas ist) erbittert sich heimlich gegen ihn in der fünfzigjährigen Frau, die über ihre Zimmertüre die Worte der Bibel geschrieben hat: »Thou shalt have no other Gods before me.«

Etwas bleibt aus, was sie von ihm erwartet und was – das ist klar: die Frau, das fleischliche Weib in ihr fordert gleiche Verehrung wie die Lehrerin, ohne daß sie es wagt, weder sich noch ihn sinnlich offen ihren Wunsch ahnen zu lassen. Verdeckte und unterdrückte Gefühle aber entladen sich meist in andern Symptomen. Und da der nicht sehr kluge Kennedy noch immer nichts ahnt oder ahnen will, bricht plötzlich die verborgene Spannung als Komplementärgefühl des Eros, als nackter, wilder Haß heraus. Einmal, als sie abends zu dritt mit der nun verheirateten Susie Magoun gemütlich Karten spielen und Kennedy gewinnt, da explodiert die gestaute Spannung (auch beim Kartenspiel erträgt die Selbstherrliche nie, daß ein anderer die Oberhand behält). Mary Baker-Glover bekommt einen hysterischen Anfall: sie schlägt die Karten auf den Tisch, bezichtigt Kennedy, betrogen zu haben, und nennt ihn vor Zeugen Schwindler und Gauner.

Der brave Kennedy, durchaus kein Hysteriker, handelt wie ein klarer, rechtschaffener Mann. Er geht sofort in die gemeinsame Wohnung hinauf, holt aus dem Schreibtisch den Vertrag, zerreißt ihn, wirft die Fetzen ins Feuer und erklärt die bisherige Partnerschaft für immer gelöst. Darauf bekommt Mary Baker einen hysterischen Schock und fällt prompt ohnmächtig zu Boden. Aber der »Doktor« Kennedy, er, dem sie, wie die rosenrote Biographie verzweifelt schluchzt, »die physisch unerforschlichen und unfaßbaren Wahrheitsbegriffe tiefer und eingehender als irgendeinem andern Schüler erklärt hatte«, dieser brave Kennedy scheint inzwischen schon etwas praktische Medizin gelernt zu haben. Er nimmt die Ohnmacht nicht sehr tragisch und läßt die Hysterikerin ruhig auf dem Boden liegen. Am nächsten Tage rechnet er kühl seine Verbindlichkeiten ab, legt ihr sechstausend Dollar als Anteil für zwei Jahre gemeinsamer Heilkompanie auf den Tisch, nimmt den Hut und eröffnet seine eigene Praxis.

Diese brüske Trennung von Kennedy bedeutet innerhalb des Lebens der Mary Baker-Glover vielleicht die wichtigste seelische Entscheidung. Es ist weder ihr erster Zwist mit einem Lebenspartner noch der letzte, denn diese heftigen Loslösungen ereignen sich infolge ihrer despotischen Unverträglichkeit geradezu zwanghaft und ohne Unterlaß durch ihr ganzes Leben. Von niemandem, dem sie nahestand, weder von ihrem Mann noch von ihrem Sohn, von ihrem Stiefsohn, ihrer Schwester, ihren Freunden, konnte jemals diese unheilbar Hörige ihres Eigenwillens anders als im tödlichen Zwist scheiden. Hier aber war sie im innersten und dunkelsten Bezirk ihres Wesens verwundet, in ihrer Weiblichkeit. Und wie übermächtig das potipharische Gefühl der alternden Frau für diesen Schüler gewesen sein muß, erkennt man erst nachträglich, erst jetzt an dem schreienden, tobenden, in Krämpfen zuckenden, an dem tödlichen und bis zur Tollheit überreizten Haß, den sie allmählich als echte Hysterikerin bis ins Metaphysische, bis zum Zenit ihres Weltalls emporsteigert. Daß Kennedy, dieses Nichts, das sie aus der Kartonagefabrik hervorgeholt hat, ganz gemächlich ohne sie weiterleben kann, daß er seine, von ihr eingedrillte Praxis jetzt ohne ihre Mithilfe ein paar Straßen weit mit ausgezeichnetem Erfolg fortsetzt, dieser Gedanke peitscht ihren Stolz bis hart in den Wahnsinn hinein. In einer diabolischen Verzweiflung sinnt und sinnt sie unentwegt mit verbissenen Zähnen, wie sie den Untreuen vernichten und dem ehemaligen Kompagnon die »Science« wieder entreißen könne. Irgendwie muß sie, um ihn zu entlarven, ihren Anhängern beweisen, daß dieser Verräter an ihrem Herzen zugleich auch ein Verräter an der »Wahrheit«, seine Methode eine falsche, eine »mental malpractice« sei. Aber das geht logischerweise nicht gut an, plötzlich die Kennedymethode als »malpractice« zu verleumden, denn der brave Kennedy hat niemals auch nur einen Schatten einer selbständigen Idee gehabt, er weicht nicht einen Zoll von ihrer Instruktion ab, sondern übt Griff für Griff die Praxis so weiter, wie Mary Baker-Glover sie ihm eingetrichtert hat. Ihn einen Schwindler nennen, hieße zugleich die eigene Methode bloßstellen. Aber wenn Mary Baker etwas will, dann geht sie mit dem Kopf durch die Wand. Lieber wirft sie, nur um diesen pathologisch gehaßten Kennedy einen Betrüger, einen »malpractitioner« nennen zu können, ihr eigenes Verfahren in einem entscheidenden Punkte um – über Nacht verbietet sie, was sie bisher allen ihren Schülern als unerläßliche Einleitungsphase der Behandlung vorgeschrieben: das Streichen der Schläfen mit angefeuchtetem Finger, den Druck auf die Kniee, also die körperlichhypnotische Vorbereitung der Glaubenssuggestion. Wer von nun ab einen Patienten körperlich berührt, begeht nach dieser plötzlich erlassenen neuen Papstbulle nicht nur einen Fehler gegen die »Science«, sondern ein Verbrechen. Und da der ahnungslose Kennedy munter die alte Methode weiterpraktiziert, wird das Interdikt gegen ihn geschleudert. Mary Baker stempelt ihn öffentlich als Verbrecher an der Wissenschaft, einen »geistigen Nero«, als »Mesmeristen«. Aber nicht genug an diesem persönlichen Racheakt: urplötzlich nimmt in ihrer pathologisch überreizten und überheizten Wut gegen den Abtrünnigen der friedliche Begriff Mesmerismus selbst einen dämonischen Charakter an: in ihrer Hemmungslosigkeit schreibt tatsächlich die überreizte Frau dem biedern Kennedy – mitten im neunzehnten Jahrhundert – satanischen Einfluß zu. Sie beschuldigt ihn, mit seinem Mesmerismus ihre eigene Heilkraft zu lähmen, mit geheimnisvollen telepathischen Strömungen durch seine Schwarzkunst Menschen krank zu machen und zu vergiften. Tatsächlich, man würde das 1878 nicht für möglich halten, aber diese Hysterikerin des Machtwillens rottet ihre Schüler zusammen, läßt sie einander an den Händen fassen und einen Kreis bilden, um die mesmeristischen Bosheitsstrahlen dieses »Nero« von sich abzuhalten. Tollheit, wird man sagen, unwahrscheinlich oder unwahr. Aber glücklicherweise steht dieses (später als beschämend weggelassene) Privathaßkapitel »Demonology«, in dem sie den »malicious animal magnetism« denunziert, in der zweiten Auflage ihres Werkes schwarz auf weiß zu lesen, drei Druckbogen so rabiat abergläubischen Unsinns, wie er seit dem Hexenhammer und den pseudokabbalistischen Schriften nicht mehr in Lettern gegossen wurde. Man sieht: auch im Gefühl genau wie in ihrem Glauben, wird diese Frau durchaus überdimensional, sobald es um ihre Ichgeltung geht. Sobald sie recht behalten will – und sie will immer und überall recht behalten – verliert sie jedes Rechtsgefühl und Maß. Prozeß auf Prozeß jagt sie dem Abtrünnigen auf den Hals; bald klagt sie auf vorenthaltenes Honorar, bald verleumdet sie ihn vor den Studenten, schließlich hetzt sie ihren eigenen Sohn, einen tölpeligen Landarbeiter, mit ihrer Wahnvorstellung dermaßen auf, daß er zu Kennedy in die Wohnung geht und den erschrockenen Heildoktor mit dem Revolver bedroht, wenn er nicht aufhöre, seinen »malignen mesmeristischen Einfluß« auf seine Mutter auszuüben. Immer unsinniger werden die Anklagen: bald hat Kennedy eine Art Todesstrahlen gegen sie gesandt, die ihre Kräfte lahmlegen, bald hat er Asa Eddy mit »mesmeristischem Arsenik« vergiftet, bald hat er ihre Wohnung mit magnetischen Teufeleien unerträglich gemacht – wie epileptischer Schaum quellen hemmungslos solche Irrwitzigkeiten von ihrer zuckenden Lippe. Jedenfalls: für Jahre und Jahre hat dieser Abfall ihres ersten und geliebtesten Schülers die geheimste Gefühlszone der klimakterischen Frau verstört, und bis zu ihrem Tode ist sie strichweise immer wieder Beute des Verfolgungswahns geworden, Kennedy beunruhige, hemme und bedrohe sie auf telepathische und magnetische Weise. So behält trotz ihrer verblüffenden geistigen Leistung, trotz einer geschäftlich und taktisch geradezu genialen Organisationsarbeit, ihr persönliches Wesen ständig einen gewaltsam überspannten und pathologisch überreizten Unterton. Aber ein Werk wie das ihre, ganz auf Antilogik gegründet, wäre ja unmöglich aus einem völligen Gleichgewicht des Geistes und der Seele. Wie bei Jean Jacques Rousseau und unzähligen andern ist auch hier ein zur Gesundung der ganzen Menschheit ersonnenes Allheilsystem aus der Krankheit eines einzelnen gezeugt.

Niemals aber wirken solche tragische Zusammenstöße auf ihre Kampfkraft hemmend oder zerstörend, im Gegenteil, für sie gilt das Nietzschewort: »Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.« Haß und Widerstand verdoppeln in dieser Frau nur die Willensmuskulatur. Und gerade diese Krise mit Kennedy wird zum Geburtskrampf der eigenen Lehre. Denn indem sie von nun ab brüsk jede willensauflösende Berührung des Kranken verbietet, hat sie mit einem Riß ihre Methode von allen ihren mesmeristischen Vorgängern schöpferisch abgelöst; nun ist die Christian Science erst reine »Heilung durch den Geist«. Nur das Wort und der Glaube wirken jetzt ihre Wunder. Die letzte Brücke zur Logik, die letzte Bindung zu allen früheren Systemen ist abgebrochen. Jetzt erst geht mit ihrem harten, monomanischen Schritt Mary Baker ungehemmt ins Unbetretene, ins Absurde hinein.

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