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Die Heilung durch den Geist

Stefan Zweig: Die Heilung durch den Geist - Kapitel 21
Quellenangabe
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typeessay
authorStefan Zweig
titleDie Heilung durch den Geist
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorKnut Beck
year1983
isbn3596223008
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121111
projectidb161d8d9
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Bildnis

Nun, da nach endlosen Schattenjahren in Farmerhäusern und Mansardenstuben Mary Baker endlich ins Licht tritt, einen raschen Blick in ihr Antlitz! Eine hohe und dürre, eine harte und knochige Figur, mit ihrer strengen, maskulinen Linie an die andere willensmächtigste Frau unseres Jahrhunderts, an Cosima Wagner, erinnernd. Ungestüm die Bewegungen: ein ungeduldig vorstoßender Gang, nervös ausfahrende Hände und in der Diskussion ein befehlshaberisch aufgestraffter Nacken, als trüge sie Helm und Schwert. Weiblich allein an diesem wie aus amerikanischem Stahl gehärteten Wesen das volle kastanienbraune Haar, das sich dunkelflutend oberhalb der faltenlosen Stirne teilt und rückwärts in warmen Locken bis auf die Schultern fließt: sonst kein einziger Zug Wärme und Weichheit. Diesen bewußten Willen zum Männischen, Mönchischen unterstreicht noch besonders die Kleidung. Puritanisch streng bis zum Hals hinaufgeknöpft, mit einer Art Pastorenkrause dünn besetzt, verbirgt diese künstliche Kutte alle fraulichen Formen hinter unerbittlichem Schwarz oder gleichgültigem Grau, und als einziger Schmuck droht, gleichfalls allem Sinnlichen wehrend, ein großes goldenes Kreuz. Schwer kann man sich eine Frau von so harter Haltung als liebend Hinschmelzende, als mütterlich Tändelnde denken, schwer auch diese merkwürdig runden, diese tiefgrauen Augen jemals Heiterkeit spiegelnd oder lässig verträumt. Alles in dieser königlich hochmütigen und gleichzeitig gouvernantisch strengen Gestalt bedeutet Vorstoß, Gewaltwillen, Wucht, gesammelte, gestaute, konzentrierte Energie. Selbst vom photographischen Blatt spürt jeder den suggestiv gebietenden Blick dieser Amerikanerin noch stark und gefährlich auf sich zustoßen.

So selbstsicher, so hoheitsvoll erscheint (oder erzwingt sich) Mary Baker, wenn sie in die photographische Linse blickt, wenn sie vor Menschen spricht, wenn sie sich beobachtet fühlt. Wie sie wirklich war, mit sich im Zimmer allein, können wir nur aus vertraulichen Berichten ahnen. Denn hinter dieser stählernen Maske, hinter dieser blanken und beinernen Stirn zucken ganz besonders heiß vibrierende, furchtbar gespannte und überspannte Nerven: dieselbe hinreißende Kraftpredigerin, die in Riesensälen Tausende von Kranken und Verzweifelten mit Gesundheitsglauben und frischer Lebenskraft zu erfüllen weiß, sie wird selbst immer wieder hinter ihrer verschlossenen Tür von Konvulsionen geschüttelt, eine von Angstvorstellungen verstörte Neurasthenikerin. Ein eiserner Wille ist hier auf spinnwebdünne Nerven gespannt. Schon die leiseste Schwingung bringt diesen überempfindlichen Organismus in Gefahr. Die geringste hypnotische Einwirkung lähmt ihre Energie, das winzigste Quentchen Morphium genügt, sie einzuschläfern, und fürchterliche Dämonen treiben ihr Spiel in dieser Heldin und Heiligen: nachts schrecken manchmal ihre Hausgenossen auf von gellen Hilferufen und müssen die Verstörte mit allerhand geheimen Mitteln beruhigen. Merkwürdige Anfälle suchen sie immer wieder heim. Irren Blicks tappt sie dann durch die Zimmer und entlädt in wilden Schreien und Krämpfen ihre mystischen Qualen, die niemand, am wenigsten sie selbst begreift. Typisch für sie und viele unter den Seelenärzten: die Magierin, die Tausenden Heilung brachte, sich selbst hat sie niemals völlig geheilt.

Aber nur hinter verschlossenen Türen, im allergeheimsten Konventikel verrät sich das Pathologische ihrer Natur. Nur die treuesten Genossen wissen den tragischen Preis, den sie jahrelang für ihre stählerne Haltung, für ihre äußerliche Unbeugsamkeit und Unerschütterlichkeit bezahlte. Denn im Augenblick, da sie vor die Öffentlichkeit tritt, reißt sich ihre Zerfahrenheit mit einem Ruck zusammen: immer wenn ihre Urkraft, ihr maßloser Geltungswille, in Frage kommt, schießt wie der elektrische Strom in den schwarzen Kohlenfaden der Lampe plötzlich lodernde Energie aus ihrem Geist in Muskel und Nerv und überströmt ihr ganzes Wesen mit faszinierendem Licht. Im Moment, da sie weiß, daß sie Menschen bezwingen muß, bezwingt sie sich selbst und wird bezwingend: wie ihre Intelligenz, ihre Rednergabe, ihre Schriftstellerei, ihre Philosophie, so ist auch die imposante Wirkung ihrer äußeren Erscheinung nicht Naturgeschenk, sondern Willensprodukt, Triumph der schöpferischen Seelenenergie. Immer wenn sie etwas durchsetzen will, stößt sie die Gesetze der Natur in ihrem Körper um, herrisch lehnt sie sich auf gegen die »chronology«, gegen die sonst unerbittliche Norm der irdischen Zeit. Mit fünfzig Jahren wirkt sie wie dreißig, mit sechsundfünfzig gewinnt sie sich einen dritten Gatten, und noch im Urgroßmutteralter hat sie kein Irdischer außer ihrem Geheimsekretär jemals hinfällig gesehen. Nie wird sich ihr Stolz je bei einer Schwäche ertappen lassen, nur im Ornat ihrer Vollkraft darf die Welt sie erblicken. Einmal liegt sie, achtzigjährig, von Konvulsionen gemartert im Bett, eine zahnlose, kraftlose Greisin, die Wangen gehöhlt von Schlaflosigkeit, die Nerven vibrierend von Angstzuständen, da meldet man die Ankunft der Pilger aus ganz Amerika, eigens hergewandert, um sie zu begrüßen. Und sofort rüttelt die Herausforderung ihres Selbstgefühls den Körper auf. Wie eine Gliederpuppe läßt das zitterige Großmütterchen sich kostbare Toilette umtun, die Wangen mit Karmin schminken, dann stützt, dann schiebt man sie auf ihren rheumatischen Beinen Schritt um Schritt hin zum Balkon. Vorsichtig wie etwas Zerbrechliches schleift und hebt man die zerbröckelnde Mumie bis zur geöffneten Tür. Aber kaum daß sie draußen auf dem Balkon steht, oberhalb der frommen Menge, die ehrfürchtig die Häupter entblößt, da reckt sich stolz ihr Nacken, feurig und leicht fährt das Wort aus dem welken Munde, die Hände, eben noch an das eiserne Gitter geklammert, um Halt zu haben, nun fahren sie wie wilde Vögel vor – an dem eigenen Wort spannt sich der geknickte Leib, und ein Sturm von Kraft durchbraust ihre königlich aufgereckte Gestalt. Unten blicken die Menschen mit heißen Augen, sie beben vor diesem Elementarausbruch rednerischer Weißglut. Und weit im ganzen Land erzählen sie dann von der Jugendfrische, von der leibhaftig gesehenen Kraft dieser bezeugten Meisterin über Krankheit und Tod, indes man hinter der Balkontür wieder mühsam ein uraltes, verhutzeltes Weiblein auf das Ruhebett zurückschleppt. So täuscht Mary Baker-Eddy – nicht nur die Zeitgenossen, sondern sogar die Natur selbst – durch Geistesleidenschaft über ihr Alter, über ihre Schwächen und Gebreste hinweg, immer macht sie in jeder Entscheidungsstunde innerhalb der Welt wahr, was sie selbst im Innersten wahr haben will. Kein Zufall darum, daß gerade eine so unerschütterliche Seele in einem so zerbrechlichen Leib es gewesen, die den Glauben ersonnen, der Wille eines Menschen müsse stärker sein als Krankheit und Tod, kein Zufall auch, daß dies Apostolat von der Allmacht des Willens gerade aus dem Lande gekommen, das noch vor einem Jahrhundert erst seine Wälder gerodet und Wüsteneien in Metropolen verwandelt hat. Und wollte man sie in ein Bildnis fassen, diese eisenharte, geradlinige, diese das Wort Unmöglich blank verlachende amerikanische Energie, ich wüßte kein besseres sinnliches Symbol als den hochgereckten Nacken und die herrlich entschlossenen, die herausfordernd ins Unsichtbare ausschauenden Augen dieser unfraulichsten Frau.

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