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Die Heilung durch den Geist

Stefan Zweig: Die Heilung durch den Geist - Kapitel 20
Quellenangabe
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typeessay
authorStefan Zweig
titleDie Heilung durch den Geist
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorKnut Beck
year1983
isbn3596223008
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121111
projectidb161d8d9
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Paulus unter den Heiden

Der stärkste Mann ist immer der Mann eines einzigen Gedankens. Denn alles, was er an Kraft, an Tatkraft, an Willen, an Intelligenz, an Nervenspannjung in sich aufgespeichert enthält, setzt er einzig und allein in diese eine Richtung ein und erzeugt damit eine Wucht, der selten die Welt widersteht. Mary Baker ist eine dieser vorbildlichen Monomaninnen innerhalb der Geistesgeschichte: sie besitzt vom Jahre 1862 an nur noch einen einzigen Gedanken, oder vielmehr sie wird von ihm besessen. Sie sieht nicht nach rechts und links, sie geht nur vorwärts, vorwärts, vorwärts in die eine und einzige Richtung. Und sie wird nicht eher innehalten, als diese Idee der Heilung durch den Geist nicht ihr Land, nicht die Welt erobert hat.

Allerdings: was sie durchsetzen, was sie zunächst erreichen will, das ist ihr in jenem rauschhaften Anfangsaugenblick noch nicht klar. Sie hat noch kein System, keine Lehre – dies formt sich erst später –, nur ein fanatisches Dankbarkeitsgefühl, ihr und gerade ihr sei es auferlegt, das Apostolat Quimbys auf Erden zu verkünden. Aber schon dieser Vorsatz, diese einheitliche Zusammengespanntheit des Willens genügt, um die fahrige, ewig bettlägerige, konvulsivische Frau körperlich und seelisch völlig zu verwandeln. Ihr Gang strafft sich auf, ihre Nerven spielen in zielhafter Kraft zusammen, aus der gehemmten Neurasthenikerin bricht unwiderstehlich die niedergestaute Machtnatur heraus und mit ihr eine Fülle tätiger Talente. Über Nacht ist aus einem sentimentalen Blaustrumpf eine energische, geschickte Schriftstellerin, aus einer müden Dulderin eine hinreißende Rednerin, aus der gebrestig Klagenden eine leidenschaftliche Agitatorin für die Gesundheit geworden. Und je mehr sie jetzt an Macht gewinnt, um so mehr Macht und Wirkung wird diese Heißhungrige wollen, im fünfzigsten und sechzigsten Jahre lebendiger, vitaler und tüchtiger als mit zwanzig und dreißig.

Von dieser erstaunlichen Verwandlung scheint zunächst einer nicht übermäßig entzückt, nämlich der aus der Kriegsgefangenschaft endlich heimgekehrte Gatte, Dr. Patterson. Schon früher bekam es ihm nicht sonderlich wohl, mit einer nervösen, launenhaften, immer Aufmerksamkeit fordernden und ewig bettlägerigen Hysterikerin unter einem Dach zu leben, aber immerhin, dies hatte der Abgehärtete noch gutmütig erduldet: vor der Gesundeten aber, vor der plötzlich Selbstbewußten, vor der fanatischen Prophetin und Verkünderin zieht er sich ängstlich zurück. Lieber zahlt er zweihundert Dollar im Jahre als Lebenszuschuß und verzichtet auf weitere häusliche Gemeinschaft; nach einigen heftigen Auseinandersetzungen verschwindet er für alle Zeit aus der Ehe und läßt sich scheiden. Die rosenrote Biographie wirft selbstverständlich dieser heiklen Episode einen Schleier um, sie erläutert dies Zerwürfnis in psalmodierendem, moralinsaurem Lesebuchton: »Es war keine leichte Aufgabe, ihren schönen, ungeschliffenen Gatten richtig zu lenken, dessen Natur nach den Fleischtöpfen, dem Tand und Flitter einer Gefühlswelt strebte und auf den Anmut und Licht wenig Eindruck machte.« Aber merkwürdig, von dieser »Anmut«, von diesem »Licht« der Mother Mary scheint auch die jahrelang hilfreiche Schwester nichts zu merken. Auch sie kann die herrschsüchtig befehlshaberische Art der plötzlich Gesundeten nicht länger ertragen: es kommt zu heftigen Szenen, die dazu führen, daß Mary Baker genötigt wird, sich anderweitig nach einem Heim umzusehen. Seit jenem Tag sind die beiden Schwestern einander nie mehr begegnet: auch mit der Familie hat die Unduldsame die letzte Bindung zerrissen.

Mit fünfzig Jahren steht also Mary Baker neuerdings allein in der Welt; ihren ersten Mann hat sie begraben, der zweite hat sie verlassen, ihr Kind lebt irgendwo meilenweit in der Fremde. Allein steht sie im Leben, sie hat kein Geld, keinen Beruf, keine Tätigkeit; was Wunder, daß ihre Armut bald fürchterlich wird. Oft vermag sie in ihrem schäbigen Boardinghaus nicht die anderthalb Dollar wöchentlicher Miete pünktlich zu zahlen, jahrelang kann sie sich kein Kleid kaufen, keinen neuen Hut, keine Handschuhe. Cent um Cent will die winzigste Ausgabe zusammengeklaubt sein. Jahrelang noch muß, ehe sie den großartigsten Aufstieg einer Frau im neunzehnten Jahrhundert erlebt, diese unbeugsame Kämpferin für das Absurde in die letzten Erniedrigungen, in die unterste Notdurft des Lebens hinab.

Sich einzunisten, oder sagen wir es unverhohlener: zu schmarotzen, das bleibt jetzt, da Mary Baker immer noch mit der gleichen hochmütigen Beharrlichkeit jede haushälterische, jede »banale« Arbeitsmöglichkeit von der Hand weist, ihre einzige Rettung vor dem Verhungern. Nie hat sie in diesen Elendsjahren anders als durch geistige Arbeit und nie für etwas anderes als für ihre Idee gelebt. Und nichts bezeugt großartiger ihr psychologisches Genie und die unwiderstehliche Suggestivwucht ihres Wesens, als daß sie trotzdem in all diesen Jahren des »Dornenpfads« (so werden diese Jahre der Heimatlosigkeit im offiziellen Evangelium benannt) immer wieder freiwillige Kostgeber findet, die voll Ehrfurcht diese Heimatlose in ihr Haus laden. Fast ausschließlich sind es arme Leute, arm an Geld und arm an Geist, die aus einer rührenden Liebe für das »Höhere« den Umgang mit dieser merkwürdigen Prophetin als Auszeichnung empfinden und mit Speise und Trank bezahlen. Überall in der ganzen Welt verstreut, in jeder Stadt, in jedem Dorfe, jedem Weiler unseres Erdballs gibt es ja dieselbe (sehr sympathische) Gattung Menschen dumpf religiösen Gefühls, die mitten in oder neben ihrem täglichen Beruf das Geheimnisvolle des Daseins tiefinnerlich ergreift und beschäftigt, Menschen, gläubig geartet, aber nicht stark genug, sich selbst einen Glauben zu schaffen. Diese Art, meist reiner, rührender, nur etwas schwächlicher Naturen, die alle unbewußt nach einem Mittler verlangen, von dem sie sich führen und leiten lassen wollen, bildet immer und allerorts den besten Boden für alle neureligiösen Sekten und Lehren. Ob Okkultisten, Anthroposophen, Spiritisten, Szientisten, Bibelerklärer oder Tolstoianer, alle bindet sie ein einheitlicher metaphysischer Wille, die dunkle Sehnsucht nach einem »höheren Sinn« des Lebens; alle werden sie darum dankbare und hörige Schüler eines jeden, der, ob Schöpfer oder Schwindler, die mystische, die religiöse Kraft in ihnen steigert. Solche Menschen wachsen überall und immer wieder heran in den Steppen des Flachlandes wie in den Mansarden der großen Städte, in den verschneiten Weilern der Alpen und in den Dörfern Rußlands, und gerade das scheinbar realistische amerikanische Volk ist besonders reich an solchen religiösen Zellen, denn in unablässiger Erneuerung setzt dort der protestantisch harte Glaube neue blühende Schößlinge von Sekten an. Tausende und Hunderttausende wohnen noch heute dort in den Riesenstädten oder verstreut über die endlosen Gevierte, denen die Bibel noch immer das wichtigste und einzige Buch und ihre Auslegung die eigentliche Sinngebung des Lebens bedeutet.

Bei solchen religiös-mystischen Naturen findet Mary Baker in ihren Armutsjahren immer wieder Unterkunft. Bald ist es ein Schuhmacher, der abends müde von seiner mechanischen, geistlähmenden Fabrikarbeit etwas vom »Höheren« lernen und mit irgend jemandem die Worte der Bibel auslegen will, bald ein altes vertrocknetes Frauchen, dem es vor dem Tode frostet und für die jede Botschaft von Unsterblichkeit schon Tröstung bedeutet. Diesen arglosen, in eine stumpfe Umwelt eingedrängten geistig-ungeistigen Menschen wird die Begegnung mit Mary Baker zu einem Erlebnis. Ehrfürchtig-unverständig hören sie ihr zu, wenn sie an dem mager bestellten Abendtisch ihnen von wunderbaren Heilungen erzählt. Ehrfürchtig staunen sie ihr nach, wenn sie dann in ihrer Dachkammer verschwindet, um an ihrer geheimnisvoll angekündigten »Bibel« bei der flackernden Petroleumlampe die ganze Nacht zu schreiben. Kann man weniger tun, als einer solchen Botin geistigen Worts, die nirgends Heimat hat in der irdischen Welt, ein Bett knapp unter dem First einzuräumen, einen Tisch für die Arbeit, einen Teller, damit sie nicht Hunger leide? Wie die frommen Bettelmönche des Mittelalters, wie die russischen Gottespilger zieht Mary Baker in jenen Jahren von Haus zu Haus; aber niemals empfindet diese dämonisch selbstbesessene Frau sich durch diese Gastlichkeit entehrt oder verpflichtet, nie hat sie das Gefühl, Almosen zu empfangen. Niemand hat in diesen Jahren der Abhängigkeit ihr Haupt gebeugt, ihr Selbstgefühl auch nur einen Augenblick erniedrigt gesehen.

Nirgends aber vermag sie sich lange zu halten. Bei arm oder reich, in Mansarden oder später in ihrem marmornen Haus, in Entbehrung oder Reichtum, bei der Familie, bei Freunden und Fremden, überall erfüllt sich nach kurzer Frist ihr tragisches Lebensgesetz, nämlich daß der Spannungsüberdruck ihres Willens jede Gemeinschaft mit andern zersprengt. Unverweigerlich führt ihr herrscherisches Auftreten, ihr tyrannischer Eigenwille allerorts zu Ärgernissen. Konflikt mit der Welt ist ihr Schicksal, Unfriede mit allen Menschen die unausweichliche Folge ihrer hemmungslosen Rechthaberei; so jagt sie das Dämonische von Tür zu Tür, von Stadt zu Stadt, aber immer weiter, weiter, weiter! Eine Zeitlang findet sie auf ihrer Odyssee durch alle Meere des Elends Unterkunft bei einem gewissen Hiram Graft in Lynn, tagsüber Schuh- und Absatzflicker erster Qualität, abends nach Jakob Böhmes und Hans Sachsens Art Sinnierer und Metaphysiker Schon hat sie ihn für ihre göttliche Heilslehre so weit begeistert, daß er die Schusterei lassen will und ein großes Inserat in die Zeitung gibt, er, Dr. Hiram Craft, wisse alle Krankheiten nach einer neuen Methode zu heilen und sei bereit, jedem das Geld zurückzuerstatten, bei dem er nicht Erfolg erziele. Aber die ehrsame Frau des zukünftigen Doktors, die weiterhin den Herd reiben, die Mahlzeiten kochen, schneidern und Schuhe putzen muß, während der metaphysische Eindringling jede Mithilfe hochmütig verweigert, kommt auf den Verdacht, diese alte dürre Frau wolle ihr mit solchen verfluchten Narreteien den Mann ausspannen. So schlägt sie plötzlich auf den Tisch und sagt: »Sie oder ich!« Und über Nacht steht Mary Baker wieder heimatlos auf der Straße. Was nun geschieht, würde man einem Roman nicht glauben. Mary Baker, plötzlich von Tisch und Bett gejagt, weiß niemanden, der sie aufnehmen will. Ein Boardinghaus kann sie sich nicht leisten, mit der Familie ist sie zerfallen, wirkliche Freunde hat sie sich nie zu erwerben gewußt. So geht sie mit der Kühnheit der Verzweiflung geradeswegs auf eine Villa los, wo Sarah Wentworth, eine alte Frau, wohnt, im ganzen Ort als leidenschaftliche Närrin und Spiritistin bekannt. Dort klopft sie an die Tür. Sarah Wentworth öffnet persönlich und fragt, was sie wolle. Darauf sagt Mary Baker, der Geist habe ihr geboten, hierher zu kommen, weil dies ein reines, harmonisches Haus sei, ein »nice harmonious house«. Kann nun eine rechte Spiritistin jemanden wieder auf die Straße werfen, den der Geist gesandt hat? So sagt Sarah Wentworth schlicht: »Glory to God! Come right in!« und nimmt für eine Nacht die Wildfremde zu sich. Aber Mary Baker bleibt nicht nur eine Nacht, sie bleibt Tage und Wochen, sie bemächtigt sich der alten Frau durch die Heißflüssigkeit ihrer Rede, durch die flackernde Glut ihres Temperaments. Vergebens sucht auch hier der Gatte den Eindringling wieder hinauszudrängen, aber er kommt (wer vermöchte das!) gegen den Willen Mary Bakers nicht auf, bis endlich viele Monate später der Sohn Hilfe bringt. Nach Amesbury zurückgekehrt, findet er sein Elternhaus in einen spiritistischen Narrenturm verwandelt, den Vater verzweifelt. Sofort steigt ihm das Blut in die Stirn, er macht nicht viel Federlesens, sondern sagt grob zu Mary Baker, sie möge sich zum Teufel scheren. Die weigert sich zunächst, denn hier im Hause fühlt sie sich längst Herrin geworden. Der junge Wentworth jedoch ist ein handfester, gar nicht spiritualistischer Bursche, er kümmert sich nicht lang um ihre leidenschaftlichen Proteste, wirft einfach ihre Sachen in den Holzkoffer, stemmt ihn auf die Schultern und schleppt ihn auf die Straße – und dort steht Mary Baker wieder allein und fremd in einer strömenden Regennacht ohne Unterkunft. Triefend kommt sie zu einer andern Spiritistin, zu einer Kleidernäherin, Miß Sarah Bagley; dort findet sie für kurze Zeit Aufnahme, dann geht es wieder weiter und weiter. In keiner der Familien aber, wo sie Unterkunft findet, vermag sie sich dauernd einzunisten, überall findet sich bald ein Gatte, ein Sohn, der den herrischen Gast hinausweist. Und dieses grauenvolle Martyrium von Haus zu Haus, von Tür zu Tür dauert vier volle Jahre.

Was Mary Baker in diesen vier Jahren an menschlicher Erniedrigung erlitten, verschweigt sowohl ihre Selbstbiographie als das offiziöse Machwerk: törichterweise! Denn gerade Mary Bakers hohe Haltung in den elendsten Notdürftigkeiten gibt ihr menschliche Größe. Und nichts beweist sieghafter ihre Charakterfestigkeit, ihre zähneverbissene, rasende Entschlossenheit als dieser heilige Ingrimm, der sie völlig unempfindlich macht gegen die groben Ansprüche und Anwürfe der Menschen. Ihr innerstes Sein ist dermaßen erfüllt und überfüllt von ihrer eigenen Idee, daß sie für nichts anderes Raum und Gefühl hat. Obwohl mit allen Hunden gehetzt, von Geldsorgen gepeinigt, unterbricht sie nicht einen einzigen Tag ihr fanatisches Denken und Umdenken ein und desselben Gedankens. Von Straße zu Straße schleppt sie in ihrer lächerlichen, kleinbürgerlichen Reisetasche die schon vergilbten und zerfallenden Blätter ihres kostbaren Manuskriptes; Tage und Nächte schreibt und ändert und verbessert sie jedes Blatt mit jener halluzinatorischen Werkbesessenheit, die gerade dem Künstler und Geistmenschen unbedingte Bewunderung einflößen muß. Hundertmal hat sie Schuhmachern, Schlossern, Arbeitern und alten Frauen diese Texte vorgelesen und erklärt, immer in der Hoffnung, nun sei ihr Gedanke faßbar, ihre Glaubenslehre verständlich. Aber niemanden findet sie, der sie wirklich versteht.

Allmählich wird diese drückende Schwangerschaft des unausgetragenen Gedankens zur Qual. Die Frucht, sie fühlt es, ist reif und drängt hinaus, und doch kann sie, trotz der rasenden Krämpfe und Spannungen, sie nicht selbst in die Welt abstoßen. Denn in einer geheimnisvollen Selbstkenntnis ihrer innersten Natur weiß sie, daß ihr selbst die Kunst der Heilwirkung versagt ist. Ein Heilmensch, ein Healer, ein Practitioner zu werden, erfordert Ruhe, Überlegenheit, Geduld, jene einheitliche, stetig gute, jene wärmeausstrahlende Kraft, wie sie selber sie vorbildlich an ihrem Meister Quimby erlebte. Sie aber, Unruhemensch par excellence, sie kann nicht beruhigen. Sie kann nur erhitzen, nur entflammen, nur Geist zum Geiste wirken, nicht aber Fiebergluten niederhalten, nicht wirkliche Schmerzen lindern. So muß ein anderer, ein Zeuge, ein Mittler, ein Helfer gefunden werden, ein männliches Prinzip, das ihre Geistlehre in Wirkung verwandelt. Und nach diesem einen Menschen, dem sie den heißen Atem ihrer Gläubigkeit einhauchen kann, damit er selbst dann ruhig und kühl ihre Vorschriften durchführe, nach diesem sieht sie nun leidenschaftlich aus, Jahre und Jahre lang. Aber vergebens! Der schwere Tölpel, der Schuhmacher Hiram Craft, dem sie ihre Tricks mit Mühe in sein dumpfes Gehirn eingedrillt, hat lieber zu seiner dummen Frau gehalten; die andern, denen sie ihre Kraft zu übertragen suchte, Sarah Bagley und Mrs. Crosby, zeigten träge Herzen und nichts von dem heiligen Elan der Überzeugtheit und darum des Überzeugens. In allen diesen niedern Proletarier- und Kleinbürgerhäusern hat sie den Mittler nicht gefunden. So wendet sie sich ins Weite und inseriert am 4. Juli 1868 in der spiritistischen Zeitschrift »Banner of light« zwischen obskuren Handlesern, Hellsehern, Sektierern, Astrologen und Kartenaufschlägerinnen ihr erstes öffentliches Angebot, gegen »pay«, also gegen Bezahlung, das große Geheimnis der psychischen Heilkunde jedem Beliebigen zu übermitteln. Dieser historische Appell, die erste Fanfare eines heute noch nicht beendeten Krieges, sei hier originalähnlich reproduziert:

ANY PERSON desiring to learn how to teach the sick, can receive from the undersigned instruction, that will enable them to commence healing on a principle of science with a success far beyond any of the present modes. No medicine, electricity, physiology or hygiene required for unparalleled success in the most difficult cases. No pay is required unless the skill is obtained.

Address Mrs. MARY B. GLOVER

Amesbury. Mass. Box 61.

Aber anscheinend hat niemand geantwortet. Und wieder gehen zwölf, gehen vierundzwanzig Monate dieses noch immer vergebens gelebten Lebens nutzlos dahin.

Endlich, im fünfzigsten Jahre ihres Daseins, gelingt es ihr, einen Menschen zu finden. Kläglich jung allerdings ist er, dieser Johannes Evangelista, knapp einundzwanzig Jahre, von Beruf Arbeiter in einer Kartonagefabrik und benannt Richard Kennedy: für ihre Absicht hätte sie eigentlich einen festeren, älteren, imposanteren Mann gewünscht. Aber drei Viertel des Lebens hat diese Frau schon vertan, jetzt bleibt nicht mehr Zeit, noch lang zu warten, zu wählen. Und da die Erwachsenen nicht auf sie hören, da sie alle zu klug, zu vorsichtig, zu rechnerisch ihre kühnen Pläne bespötteln, setzt sie ihre letzte Karte auf diesen Knaben. Vor zwei Jahren hatte sie ihn kennen gelernt im Hause der Mrs. Wentworth, und der bescheidene Junge war ihr aufgefallen, weil er als einziger von allen andächtig zuhörte, wenn sie von ihrer Lehre erzählte (und sie kann ja von nichts anderem erzählen Tag um Tag, Nacht für Nacht). Vielleicht hat der kleine unbedeutende Bursch ebensowenig verstanden wie die andern, wenn diese sonderbare, diese fanatische Frau von »mind« und »materia« mit heißen hastigen Lippen sprach, aber immerhin, er hatte wenigstens mit Ehrfurcht zugehört, und sie hat beglückt gefühlt: hier ist ein junger Mensch, der erste, der ihr und ihrer Lehre glaubt. Nun, da er einundzwanzig Jahre zählt und sie fünfzig, überrascht sie ihn mit dem Vorschlag, er solle eine Heilpraxis auf Grund ihrer neuen unfehlbaren Methode eröffnen. Selbstverständlich sagt der kleine Kartonagenarbeiter nicht nein. Für ihn bedeutet es kein Risiko, einen Fabrikkittel ablegen und sich ohne akademische Mühseligkeiten in einen Universalarzt verwandeln zu dürfen, im Gegenteil, er fühlt sich hochgeehrt. Ehe die beiden, ein sonderbares Paar, ausziehen, die Welt zu erobern, schließen sie noch flink einen geschäftlich genauen Kontrakt: Mary Baker verpflichtet sich, Richard Kennedy ihre »Science«, ihre Wissenschaft, zu lehren, wogegen er seinerseits verspricht, unterdes für ihren Lebensunterhalt zu sorgen und die Hälfte aller Einnahmen aus seiner Praxis an sie abzuführen. Ein Stempelpapier mit fünfzig zu fünfzig Prozent ist also das erste historische Dokument der Christian Science. Und von diesem Augenblick an bleiben das metaphysische und das materielle Prinzip, bleiben Christus und der Dollar in der Geschichte dieser amerikanischen Heilslehre unlösbar verbunden.

Dann packen sie einen kleinen Koffer – er faßt ihre ganze Habe – und scharren das Geld für den ersten Monat zusammen. Wieviel das Grundkapital jener Heilpraxis betrug, weiß man nicht genau, vielleicht zwanzig Dollar, vielleicht dreißig oder fünfzig, keinesfalls viel. Mit diesem Minimum wandern sie hinüber in die nachbarliche kleine Stadt Lynn, eine grauhaarige Frau, ein flaumbärtiger Knabe. Und eines der merkwürdigsten Abenteuer des Geistes, eine der weitest ausgreifenden Bewegungen der Neuzeit hat begonnen.

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