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Die Heilung durch den Geist

Stefan Zweig: Die Heilung durch den Geist - Kapitel 19
Quellenangabe
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typeessay
authorStefan Zweig
titleDie Heilung durch den Geist
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorKnut Beck
year1983
isbn3596223008
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121111
projectidb161d8d9
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Psychologie des Wunders

Wie fällt das Blaue am hellichten Tag vom Himmel, wie konnte sich ein solches Wunder ereignen, das aller ärztlichen Regel, aller gesunden Vernunft spottet? Vor allem, meine ich, durch die restlose Bereitschaft Mary Bakers für das Wunder. Wie der Blitz nicht frei aus der Wolke zuckt, sondern eine besondere Geladenheit und polare Gespanntheit der Atmosphäre vorausbedingt, so verlangt das Wunder, um sich zu ereignen, immer eine bestimmte Prädisposition, einen nervös und religiös entzündeten Seelenzustand: nie geschieht an einem Menschen ein Wunder, der es nicht innen längst leidenschaftlich erwartet hätte. Man weiß und hat es gelernt: »Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind«, aber auch diese Art geistiger Zeugung erfordert eine Polarität wie jene von Mann und Weib; wenn der Glaube der Vater, so ist gewiß die Verzweiflung die Mutter des Wunders: nur aus der Begattung von schrankenlos gläubiger Erwartung und gleichzeitig völligster Ausweglosigkeit erlangt es auf Erden Gestalt. Mary Baker aber, sie steht gerade damals an jenem Oktobertag 1862 auf dem Tiefpunkt der Verzweiflung: Phineas Quimby war ihr letzter Einsatz, die paar Dollars in der Tasche ihr letztes Geld. Sie weiß, gelingt diese Kur nicht, so gibt es für sie keine Hoffnung mehr. Niemand wird ihr Geld leihen zu neuen Versuchen, hoffnungslos gelähmt wird sie dahinsiechen müssen, allen Menschen unwillkommen, ihrer Familie zur Last und sich selber zum Abscheu. Rettet sie dieser nicht, so rettet sie niemand mehr. Darum beseelt sie jetzt das geradezu dämonische Vertrauen der Verzweiflung, die Kraft aller Kräfte; mit einem Ruck entringt sie ihrem zerrütteten Körper jene elementare Macht der Seele, die Mesmer den Gesundheitswillen nannte. Im letzten: sie wird gesund, weil ihr Instinkt hier die letzte irdische Möglichkeit erkennt, gesund zu werden; das Wunder geschieht, weil es geschehen muß.

Und dann: bei dieser Probe war die innerste seelische Disposition Mary Bakers endlich einmal blank herausgefordert. Von ihrer frühesten Jugend an hat diese amerikanische Farmerstochter genau wie ihre Ibsensche Schwester auf das »Wunderbare« gewartet. Immer hat sie geträumt, durch sie und an ihr müsse sich einmal etwas Außerordentliches ereignen, alle ihre verlorenen Jahre waren nur Vorlust gewesen, traumschwelgerischer Vorausgenuß dieses magischen Augenblicks. Von ihrem fünfzehnten Jahre an hat sie sich dem Wahne bereitgehalten, mit ihr habe das Schicksal noch etwas Besonderes vor. Nun steht sie vor der Probe. Humpelt sie lahm zurück, so wird die Schwester sie verlachen, man wird das geliehene Geld zurückfordern, und ihr Leben ist endgültig vertan. Wird sie aber geheilt, so ist ein Wunder an ihr geschehen, »das« Wunderbare, und (Traum der Kindheit schon!) man wird sie bewundern. Alles wird sie sehen und sprechen wollen, endlich, endlich wird sich die Welt für sie interessieren und zum erstenmal nicht wie bisher aus Mitleid, sondern voll bewundernden Aufblicks, weil sie ihre Krankheit auf magische, auf übernatürliche Weise überwunden hat. Von den Tausenden und Tausenden Hilfebegehrender Amerikas, die sich innerhalb von zwanzig Jahren an den Wunderdoktor Quimby wandten, war deshalb vielleicht keine für eine Genesung auf psychischem Wege so sehr vorausbestimmt wie Mary Baker.

Hier fließen also ein redlicher Heilungswille von Seite des Arztes und ein leidenschaftlicher, ein titanischer Wille, gesund zu werden, von Seite des Patienten stürmisch zusammen. Deshalb ist eigentlich bei der ersten Begegnung die Genesung bereits vollbracht. Schon wie der ruhige, ernste, freundliche Mann mit seinen grauen befriedenden Augen sie anblickt, schon dies beruhigt sie. Und es beruhigt sie seine kühle Hand, die ihr magnetisch über die Stirn streift, und vor allem beruhigt sie, daß er sich von ihrer Krankheit erzählen läßt, daß der Fall ihn interessiert. Denn Interesse, danach dürstet sie ja, diese »unverstandene« Kranke. Jahrelang war sie's gewohnt, daß alle Menschen ihrer Umgebung mühselig den Gähnkrampf in den Backen verhielten, wenn sie von ihren Gebresten erzählte; nun sitzt ihr zum erstenmal jemand gegenüber, der ihr Leiden ernst nimmt, und es schmeichelt ihrem Ehrgeiz, daß man gerade sie mit einem geistigen Prinzip, von der Seele her, heilen will, daß endlich, endlich also ein Mensch in ihrer mißachteten Persönlichkeit seelische und geistige Kräfte sucht. Gläubig hört sie Quimbys Erläuterungen an, sie trinkt seine Worte in sich, sie fragt und läßt sich fragen. Und über dem leidenschaftlichen Interesse für diese neue, für diese geistige Methode vergißt sie ihre eigene Krankheit. Ihr Körper vergißt, lahm zu sein oder Lahmheit hervorzubringen, ihr Krampfzustand entspannt sich, rascher, röter rollt das Blut in ihren Adern, die Fiebrigkeit ihrer Erregung teilt sich als Vitalitätssteigerung den ermatteten Organen mit. Aber auch der gute Quimby hat allerhand Grund zu staunen. Gewohnt, daß seine Patienten, meist schwerhüftige Arbeiter und Werkleute, offenen Mundes und offener Seele gutgläubig seiner Suggestion nachgeben, und sobald sie Erleichterung gefunden, ihre paar Dollars hinlegen, ohne weiter an ihn und seine Methode zu denken, sieht er sich plötzlich einer Frau gegenüber, einer besonderen, einer literarischen Frau, einer »Authoress«, die mit allen Poren seine Worte inbrünstig in sich saugt, endlich nicht eine dumpfe, sondern eine neugierig passionierte Kranke, die nicht bloß rasch-rasch gesunden will, sondern auch verstehen, warum und wieso sie gesundet. Das schmeichelt dem ehrgeizigen, braven Uhrmacher mächtig, der seit Jahren ernst, redlich und sehr einsam um seine »Wissenschaft« ringt, der gleichfalls bisher niemanden auf Erden fand, seine krausen und sonderbaren Gedanken mit ihm durchzusprechen. Da wirft ihm nun ein guter Wind diese Frau ins Haus, die sofort ihre ganze neugewonnene Lebenskraft in geistiges Interesse umsetzt: sie läßt sich von ihm erzählen und alles erklären, seine Methode, seine Kur, sie bittet ihn um Einblick in seine Notizen, seine Aufzeichnungen, seine Manuskripte, in denen er ziemlich unbeholfen seine vagen Theorieen hingekritzelt hat. Für sie aber werden diese Zettel Offenbarungen: sie kopiert (sehr wichtig dieses Detail!) jeden einzelnen, Blatt um Blatt, besonders jene Schrift »Fragen und Antworten«, die die Quintessenz von Quimbys Methode und Erfahrung bildet; sie fragt, sie diskutiert, sie holt aus dem guten Quimby alles heraus, was er zu sagen hat. Mit dem ihr eigenen Ungestüm bohrt sie sich ein in seine Theorieen und Gedanken und saugt aus ihnen eine wilde, eine fanatische Begeisterung. Und eben diese Begeisterung Mary Bakers für die neue Gesundheitskur verschafft ihr eigentlich die neue Gesundheit. Zum erstenmal empfindet diese egozentrische Natur, die an nichts und niemandem hingebenden Anteil nahm, deren Erotik durch ein überhitztes Selbstgefühl verschoben, deren Mutterinstinkt durch überreizten Selbstwillen erdrückt war – zum erstenmal empfindet jetzt Mary Baker eine richtige Leidenschaft, eine geistige Passion. Und eine elementare Leidenschaft erweist sich immer als bestes Ventil für Neurosen. Denn nur weil Mary Baker ihre Nerven bisher nicht in geraden hellen Bahnen zu beschäftigen wußte, nur deshalb beschäftigten sich die Nerven so bösartig mit ihr. Jetzt aber spürt sie zum erstenmal ihre zersprengte, ihre unterdrückte Lebensleidenschaft so völlig in sich zusammengeballt, daß sie keine Zeit mehr hat, an anderes zu denken, keine Zeit also mehr für ihre Krankheit, – und kaum daß sie für ihre Krankheit keine Zeit mehr hat, ist die Krankheit verschwunden. Frei ausstoßend, kann sich jetzt ihre gestaute Lebenskraft entladen in schöpferischem Tun: Mary Baker hat endlich ihre Aufgabe entdeckt in ihrem einundvierzigsten Jahr. Seit diesem Oktober 1862 hat dieses verbogene, verschrobene Leben zum erstenmal Richtung und Sinn.

Ein frommer Taumel ergreift sofort den auferstandenen Lazarus, die vom Tode Erweckte: herrlich scheint ihr das Dasein, seit es einen Sinn hat. Und dieser Sinn ist von nun ab: allen von sich und der neuen Lehre zu erzählen. Als sie nach Hause zurückkehrt, steht sie als eine andere vor ihrer alten Welt: sie ist interessant geworden, endlich, endlich beschäftigt man sich mit ihr. Alle Menschen staunen sie an, das ganze Dorf redet von nichts als von ihrer Wunderheilung. »Ich bin für alle, die mich ansehen und die mich einst gekannt, ein lebendiges Denkmal Ihrer Kraft«, schreibt sie jubelnd an den Meister. »Ich esse, ich trinke und bin fröhlich und fühle mich als ein entkommener Gefangener.« Aber daß Schwestern, Tanten, Verwandte, daß alle Nachbarn sie als Kuriosum bewundern, das ist dieser maßlosen Seele schon nicht mehr genug nein, das ganze Land, die ganze Welt soll die Botschaft erfahren, die ganze Menschheit wissen von dem Wundermanne zu Portland! Sie kann nichts anderes mehr denken, nichts anderes mehr reden. Sie überrennt ihre Bekannten und die Fremden auf der Straße mit leidenschaftlichen Erzählungen, sie hält öffentliche Vorträge über die »cure principles« des neuen Heilands, und in ihrem Provinz-Käseblatt, dem »Portland Courier«, veröffentlicht sie eine begeisterte Schilderung ihrer »Auferstehung«. Alle Kuren, schreibt sie dort, hätten versagt, Magnetismus, Kaltwasser, Elektrizität, alle Ärzte sie aufgegeben, weil sie das wahre, das geniale neue Heilprinzip noch nicht erkannt. »Die mich behandelten, glaubten, daß es eine Krankheit unabhängig vom ›mind‹, vom Geist gäbe. So konnte ich nicht weiser sein als meine Meister. Jetzt aber, zum erstenmal, kann ich das ganze Prinzip begreifen, welches Dr. Quimbys Werke ausmacht, und in gleichem Verhältnis, als ich diese Wahrheit verstehe, schreitet meine Genesung fort. Die Wahrheit, welche er in den Kranken setzt, heilt den Kranken, ohne daß dieser es ahnt, und der Leib ist, sobald er vom Lichte erfüllt wird, nicht länger mehr gebrestig.« In ihrer aufgesprengten, von fanatischer Übertreibung gischtenden Begeisterung zögert sie nicht, den neuen Heiland Quimby sofort mit Christus zu vergleichen: »Christus heilte die Kranken, aber nicht mit Quacksalbereien und Medizinen. Und da Quimby so spricht, wie nie ein Mann vor ihm sprach und vor ihm heilte seit Christus, ist er nicht dadurch eins mit der Wahrheit? Und ist er selbst es nicht, der in ihm lebt? Quimby wälzte den Stein vom Grabe des Irrtums, auf daß die Gesundheit auferstehen möge – aber wir wissen, daß das Licht in der Finsternis leuchtet und die Finsternis es nicht begreift.«

Derart fromme Vergleiche scheinen dem Konkurrenz-Käseblatt, dem »Portland Advertiser«, doch ein wenig gotteslästerlich auf einen alten Uhrmacher angewandt, und so streut die Zeitung schleunig Salz auf diese Gärung eines fanatischen Gemüts. Schon beginnen die Leute heimlich den Kopf zu schütteln über die närrische Rhapsodin. Aber Spott und Hohn, Unglauben und Zweifel, alle diese Widerstände der wachen Vernunft, haben von nun ab keine Macht mehr über die berauschte Seele Mary Bakers. Quimby, Quimby, Quimby und die Heilung durch den Geist, das bleibt jetzt jahrelang ihr einziger Gedanke, ihr einziges Wort. Kein Stauwerk der Vernunft kann diesen Strom mehr aufhalten. Der Stein ist im Rollen und wird zur Lawine werden.

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