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Die Heilung durch den Geist

Stefan Zweig: Die Heilung durch den Geist - Kapitel 17
Quellenangabe
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typeessay
authorStefan Zweig
titleDie Heilung durch den Geist
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorKnut Beck
year1983
isbn3596223008
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121111
projectidb161d8d9
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Vierzig verlorene Jahre

Ein kleines einstöckiges, ungetünchtes Holzhaus in Bow, nahe von Concord: die Bakers haben es mit eigenen Händen gebaut, mittlere Farmersleute, nicht arm, nicht reich, angelsächsischen Ursprungs und über hundert Jahre schon ansässig in New Hampshire. Der Vater, Mark Baker, ein wuchtiger Bauer, sehr streng, sehr fromm, sehr starrsinnig, den Schädel hart wie die Faust; »you could not more move him than you could move old Kearsarge« sagen die Nachbarn von ihm, das heißt, man kann ihn so wenig wankend machen wie den alten Berg Kearsarge, der dort im Lande steht. Diesen steinernen Starrsinn, diese unrüttelbare Willensheftigkeit hat auch sein siebentes Kind, Mary Baker (geboren 16. Juli 1821), von ihm geerbt, nicht aber dazu die muskelharte Gesundheit, das gute Gleichgewicht. Ein fahriges, schwächliches, bläßliches, nervöses Mädchen, wächst sie heran, empfindlich und sogar überempfindlich. Schreit einer laut, sofort zuckt sie zusammen, jedes scharfe Wort regt sie unmäßig auf: nicht einmal die normale Distriktsschule vermag sie durchzuhalten, denn sie kann das Scharren und Lärmen der Nachbarskinder nicht vertragen. So läßt man den Zärtling schonungsvoll zu Hause, erlaubt Mary zu lernen, was sie gerade will, und das ist, man mag sich's denken, nicht übermäßig viel auf einer abseitigen amerikanischen Farm, meilenweit von Dorf und Stadt. Durch Schönheit fällt die kleine Mary nicht besonders auf, obwohl die Pupillen, rund und groß, manchmal in seltsam unruhigem Stahlgrau flimmern und ein straffer fester Mund ihr schmales Gesicht energisch zusammenhält. Aber Auffallen, gerade das will sie ja, gerade darum ist es diesem sonderbaren, diesem eigenwillig nervösen Kind vor allem zu tun. Überall und immer will sie auffallen, anders erscheinen als die andern: sehr früh zeichnet sich dieser vorherrschende Zug in ihrem Charakterbilde ab. Von Anfang an will sie als etwas »Höheres«, etwas Besonderes gewertet werden, und zu diesem Zweck weiß das kleine Farmermädel zunächst nichts Besseres, als die Preziöse zu spielen. Sie gibt sich ein »superior air«, erfindet sich einen eigenwilligen Gang, gebraucht im Gespräch allerlei absurde Fremdwörter, die sie heimlich aus dem Lexikon herausfischt und munter im falschen Wasser schwimmen läßt; in Kleidung, Haltung und Benehmen hält sie auf Abstand von der allzu »gewöhnlichen« Umgebung. Aber amerikanische Farmer haben nicht viel Sinn und Zeit, derlei Künstlichkeiten bei einem Kinde zu bemerken: niemand bewundert und bestaunt die kleine Mary – was also natürlicher, als daß dieser rückgestaute Geltungswille (man wird sehen: einer der stärksten des Jahrhunderts) zu gröberen Mitteln greift, um sich sichtbar zu machen? Jeder Machttrieb, der nicht nach außen kann, stößt nach innen und verbiegt und zerreißt zunächst die eigenen Nerven. Nun hatten schon vor den Pubertätsjahren die kleine Mary häufig Konvulsionen, Krämpfe und ungewöhnliche Erregbarkeiten befallen. Und da sie bald merkt, daß man ihr bei solchen Anfällen im Hause besondere Zärtlichkeit und Aufmerksamkeit zuwendet, schalten die Nerven – bewußt oder unbewußt, diese Grenze ist biegsam – immer häufiger solche hysterische »fits« ein. Sie hat oder sie heuchelt (nochmals: wer kann je die echten Erscheinungen der Hysterie von den gespielten genau unterscheiden?) Angstanfälle und grelle Halluzinationen; urplötzlich stößt sie gellende Schreie aus und stürzt wie leblos hin. Schon vermuten die Eltern Epilepsie bei dem sonderbaren Kinde, aber der herbeigerufene Arzt schüttelt zweifelnd den Kopf. Er nimmt die Sache nicht übermäßig ernst; »Hysteria mingled with bad temper« lautet seine ein wenig spöttische Diagnose. Und da diese Anfälle sich häufig wiederholen, ohne je gefährlich zu werden, und höchst verdächtigerweise gerade dann einsetzen, wenn Mary ihren Willen behaupten oder fremde Forderung abwehren will, wird sogar der klinisch ungelehrte Vater allmählich mißtrauisch. Als sie nach einer erregten Szene wieder einmal starr und steif zu Boden fällt, läßt er sie ruhig liegen, ohne sich weiter zu kümmern, und geht an seine Arbeit; abends heimgekehrt, sieht er sie, ohne daß ihr jemand emporgeholfen hätte, ruhig in ihrem Zimmer sitzen und ein Buch lesen.

Jedenfalls, eines erreicht sie mit diesen Nervenspielen (oder besser: dem Spielenlassen ihrer Nerven) und gerade das, was sie zuinnerst gewollt: sie erzwingt sich eine Sonderstellung im Haus. Sie muß nicht wie die Schwestern scheuern, kochen, nähen, melken, nicht wie die Brüder hinaus auf das Feld, sondern sie kann sich schon frühzeitig von der »gewöhnlichen«, der täglichen, der banalen Frauenarbeit drücken. Und was dem fünfzehnjährigen Mädchen bereits bei den Eltern gelingt, das setzt diese Frau überall und gegen alle durch. Nie, auch in den Jahren bitterster Entbehrung und entsetzlichster Notdurft, wird Mary Baker jemals gewöhnliche, haushälterisch-weibliche Arbeit verrichten. Vom ersten Anfang an weiß sich zielbewußt ihr innerster, geheimster Wille eine »besondere« und höhere Lebensführung durchzusetzen. Von allen Krankheiten ist zweifellos die Hysterie die intelligenteste, die dem innersten Persönlichkeitstrieb verbundenste, in Zustoß und Abwehr versteht sie immer die geheimste Wunschlinie eines Menschen zu offenbaren: darum wird keine Macht der Erde jemals erzwingen, was Mary Baker, diese Willensmeisterin, im Innersten nicht will. Während die Schwestern sich in Stall und Acker abrackern, liest diese kleine amerikanische Bovary Bücher und läßt sich pflegen und bemitleiden. Sie hält still, solange man ihrem Willen nicht in die Quere kommt; versucht man sie aber zu etwas zu nötigen, was ihr nicht genehm ist, so schaltet sie sofort ihre »fits«, ihre »tantrums« ein und läßt die Nerven spielen. Schon unter dem elterlichen Dach ist diese herrschsüchtige, diese solipsistische Natur, die sich keiner Umwelt anpassen oder einpassen will, kein angenehmer Hausgenosse. Und ganz gesetzhaft wird dieser tyrannische Selbstwille unaufhörlich und überall Spannungen, Konflikte und Krisen erzeugen, denn Mary Baker duldet kein Nebensich, sondern nur Unterwerfung unter ihr ungeheuer gespanntes Ich, dem ein Weltall als Raum kaum genügt.

Eine unbehagliche, eine gefährliche Hausgenossin also ist und bleibt sie, die scheinsanfte, die scheinstille Mary Baker. Darum betrachten die bravbürgerlichen Eltern den Weihnachtstag 1843 als Doppelfeiertag, da Washington Glover, kurz »Wash« genannt, ein netter junger Kaufmann, ihnen die Zweiundzwanzigjährige aus dem Hause in die Kirche holt. Nach der Trauung fahren die jungen Gatten in die Südstaaten, wo Glover sein Geschäft hat, und während dieses kurzen Zwischenspiels einer leidenschaftlichen jungen Ehe mit dem strammen, heitern Wash hört man nichts von Halluzinationen und Hysterieen. Marys Briefe sprechen ausschließlich von restlosem Glück und atmen Gesundheit; wie unzähligen ihrer Schicksalsgenossinnen hat das sinnlich gerade Zusammensein mit einem kräftigen jungen Mann ihr die flirrenden Nerven völlig zusammengenietet. Aber die gute, gesunde Zeit dauert für sie nicht lange, knapp anderthalb Jahre, denn schon im Jahre 1844 rafft das gelbe Fieber Wash Glover in South Carolina innerhalb von neun Tagen hinweg. Mary Baker-Glover bleibt in einer furchtbaren Lage zurück. Das bißchen Geld, das sie in ihre Ehe mitgebracht, ist verloren, hochschwanger und verzweifelt steht sie in Wilmington vor dem Sarge ihres Gatten und weiß nicht, wohin. Glücklicherweise kratzen Freimaurerkameraden ihres Mannes ein paar Dutzend Dollar zusammen, so daß man die Witwe wenigstens bis nach New York zurückspedieren kann. Dort holt sie der Bruder ab, und kurz darauf bringt sie im Hause der Eltern einen nachgeborenen Sohn zur Welt.

Das Leben hat es nie gut mit Mary Baker gemeint. Dreiundzwanzig Jahre alt, wirft sie die Welle zum erstenmal zurück an die Stelle ihrer Ausfahrt; nach jedem Versuch zur Selbständigkeit wird sie bei ihrer Familie stranden: bis zu ihrem fünfzigsten Jahre ißt Mary Baker nie anderes als geschenktes oder erbetteltes Brot, bis zum fünfzigsten Jahre schläft sie immer in fremdem Bett, sitzt sie an fremdem Tisch. Gerade sie, so stark im Willen, ohne eigentlich zu wissen, was sie will, so rasend stolz ohne die geringste Berechtigung oder Leistung, gerade sie muß immer wieder mit dem geheimen Gefühl ihrer Außerordentlichkeit gleichgültigen und nach ihrer Überzeugung unterwertigen Menschen zur Last fallen. Erst nimmt der Vater die junge Witwe auf, dann siedelt sie zu ihrer Schwester Abigail über; dort bleibt sie ganze neun Jahre, ein immer peinlicherer und lästigerer Gast. Denn seit Wash Glover tot ist, reißen der jungen Witwe wieder die Nerven durch, und obwohl ungebetene Kostgängerin, tyrannisiert sie durch ihre Erregbarkeit den ganzen Haushalt. Niemand wagt ihr zu widersprechen, um nicht ihre »fits« herauszufordern; die Türen müssen mit Sorgfalt geschlossen werden, alle im Haus auf den Fußspitzen gehen, um die »Kranke« zu schonen. Manchmal irrt sie starren Blicks wie eine Nachtwandlerin durch die Zimmer, manchmal bleibt sie tagelang im Bett im Zustand vollkommener Unbeweglichkeit, behauptet, nicht gehen, nicht stehen zu können, jede Bewegung tue ihr weh. Ihr eigenes Kind schafft sie eiligst aus dem Hause, diese harte Seele will sich nicht um irgendein Fremdes bekümmern, sei es auch ihr eigen Fleisch und Blut: ihr unruhiges Ich kennt keine andere Beschäftigung als die mit sich selbst. Die ganze Familie muß ihr mit Aufmerksamkeit fronen, jeder ihrem irrlichternden Willen nachspringen: wie jener »Nigger vom Narzissus« in dem bekannten Roman von Conrad bedrückt sie schon durch ihr passives, duldendes Dasein, durch ihr Leise-im-Zimmer-Liegen und Geschont-sein-Wollen die ganze Familie. Schließlich erfindet sie sich eine besondere Manie. Sie entdeckt, daß ihre Nerven einzig beruhigt würden, wenn man sie in einer Hängematte hin und her schaukle. Selbstverständlich – man tut alles, nur um vor ihr Ruhe zu haben – wird ein solches Schaukelsofa angeschafft, und den Gassenjungen von Tilton winkt jetzt neuartiger Verdienst, nämlich für ein paar Penny pro Stunde Mary Baker-Glover auf und nieder zu schaukeln. Das klingt, nüchtern wiedererzählt, wahrscheinlich spaßhaft, wird aber in Wahrheit furchtbarer Ernst. Je mehr sie klagt, um so schlechter wird ihr Befinden, denn infolge ihrer seelischen Unbefriedigtheit wird auch der körperliche Zustand Mary Bakers in diesen neun Jahren zusehends besorgniserregender. Ihre Schwäche, ihre Müdigkeit nehmen durchaus pathologische Formen an: schließlich kann sie nicht mehr allein die Treppe hinuntergehen, die Muskeln versagen, und der Arzt vermutet bereits Rückenmarkslähmung. Jedenfalls, 1850 ist Mary Baker-Glover ein vollkommen lebensunfähiges Geschöpf, eine Dauerkranke; ein Krüppel.

Wieviel ist nun an diesen unleugbaren Lähmungserscheinungen der jungen Witwe wirkliches, körperliches Leiden, wieviel bloß Willens- und Einbildungsprodukt? Dies zu entscheiden, forderte viel Verwegenheit, denn die Hysterie, diese genialste Komödiantin der pathologischen Welt, kann mit den allerglaubhaftesten Symptomen ebenso den Schein der Krankheit darstellen wie die Krankheit selbst. Sie spielt mit dem Leiden, aber dieses Spiel geht oft gegen ihren Willen manchmal in Wirklichkeit über; und der Hysteriker, der ursprünglich nur den andern eine Krankheit glaubhaft machen wollte, muß schließlich selbst daran glauben. Darum muß man verzichten, in einem derart verhaspelten Falle aus dem Abstand von fünfzig Jahren unterscheiden zu wollen, ob jene kataleptischen Zustände Mary Bakers tatsächliche Lähmungen oder nur Nervenflucht in die Krankheit gewesen sind. Verdächtig bleibt immerhin, daß sie mit ihrem Willen manchmal plötzlich Herrin ihrer Gebreste zu werden versteht; eine Episode aus ihren späteren Lähmungsjahren gibt da allerhand zu argwöhnen: sie liegt wieder einmal starr in ihrem Bett, hilflos, ein machtloser Krüppel, da plötzlich hört sie, wie ihr (späterer) Mann unten um Hilfe schreit. Er ist in Streit geraten und wird von seinem Gegner anscheinend gefährlich bedroht. Und siehe: mit einem Ruck springt die vollkommen Gelähmte aus dem Bett und läuft die Treppe hinunter, ihm beizustehen. Solche Zwischenfälle (dieser blieb nicht der einzige) lassen vermuten, daß Mary Baker eigentlich schon früher die gröbsten Erscheinungen ihrer Lähmung durch den Willen hätte überwinden können, aber vermutlich will sie nicht, oder es will noch nicht in ihr. Wahrscheinlich weiß (tief unter der Bewußtseinsschicht) ihr egozentrischer Instinkt, daß man von ihr, der Kostgängerin, im Zustand offenkundiger Gesundheit sofort häusliche Leistung fordern würde, tätige Mitarbeit. Aber sie will ja niemals mit andern, für andere, neben anderen arbeiten, und um ihre Unabhängigkeit zu bewahren, igelt sie sich mit elektrisch geladenen Stachelspitzen in ihre Krankheit ein: zweifellos operiert hier die Hysterie wie so oft als Defensive urinnerlichsten Schicksalstriebs: als Flucht in die Krankheit. Und diesen Nervenwall um ihr geheimstes Ich vermag niemand zu durchbrechen; lieber läßt dieser eiserne Wille sich den Leib zerstören, als sich fremdem Wunsche zu biegen.

Welche ungeheuerliche seelische Beeinflussungskraft aber schon damals in diesem hinfälligen, brüchigen Körper bereitlag, davon gibt diese erstaunliche Frau 1853 eine verblüffende Probe. Damals, in ihrem zweiunddreißigsten Jahr und dem neunten ihrer Witwenschaft, taucht in Tilton ein wandernder Zahnarzt auf, ein »Doktor« eigener Fakultät, Dr. Daniel Patterson, eine rechte Frauenarzt- und Vollbartschönheit. Mit seiner großstädtisch übertriebenen Eleganz – er trägt immer schwarzen Schlußrock und sorgfältig gebügelten Seidenzylinder – gewinnt dieser Brummel der Steppe mühelos die höchst unverwöhnten Frauenherzen von Tilton. Aber – man staune! – er bekümmert sich nicht um die Üppigen, die Tüchtigen und die Reichen: ihn bezaubert einzig die bettlägerige, blasse, kränkliche, nervöse Frau, der gelähmte Krüppel. Denn wenn Mary Baker etwas sein will, kann sie es sofort werden, so auch bezaubernd, und von ihrer leidend lächelnden Milde geht für den breitschultrig derben Mann ein Reiz aus, der ihn unlösbar gewinnt. Schon am 21. Juni 1853 bietet er ihr seine Hand.

Ward in solchem Zustand je ein Weib gefreit? Daniel Pattersons Braut ist damals so völlig in ihrer Lebenskraft gebrochen, daß sie nicht einmal die paar Schritte zur Kirche hinüberzugehen vermag. Resolut hebt der baumlange Bräutigam die Gelähmte vom Sofa und trägt sie die Treppe hinab. Vor der Haustür wird sie in einen Wagen verfrachtet und erst als Mistreß Patterson auf den Armen ihres Mannes wieder in ihr Zimmer zurückgetragen. Aber die Last, die er so leichthin auf seinen Arm genommen, liegt nun jahrelang schwer auf seinem Leben. Doktor Patterson braucht nicht lange, um zu entdecken, welch unbequemem Temperament, welch beschwerlicher Gattin er sich verbunden hat: bei jeder Übersiedlung muß die ewige Patientin auf den Wagen geladen werden und mit ihr das unentbehrliche Schaukelsofa; im Wirtschaftlichen erweist sie sich derart untauglich, daß Patterson trotz ärmlichen Einkommens eine Haushälterin aufnehmen muß. Die Heldin ihrer eigenen Träume indes »vertieft sich in Bücher«, wie die rosenrote Biographie bewundernd sagt, das heißt, sie liegt neurasthenisch müde auf der Ottomane oder im Bett und liest Romane; statt ihren Sohn aus erster Ehe ins Haus zu nehmen, der irgendwo im Westen bei ungebildeten Dienstleuten geistig zugrunde geht, treibt sie Okkultismus und schmökert in Zeitungen, manchmal skribelt sie für Provinzblätter sentimentale Aufsätzlein und Gedichte. Denn auch in der neuen Ehe wird das Eigentliche in ihr noch immer nicht wach. In ihrer ohnmächtigen Lethargie hofft und träumt ihre verworrene Eitelkeit unaufhörlich von irgend etwas Großem, etwas Bedeutendem, und so wartet unbeschäftigt, untätig und doch der Berufung geheimnisvoll gewiß, eine der genialsten Begabungen des Jahrhunderts jahrelang auf das Stichwort, auf die ihr zubestimmte Rolle. Aber jahrelang, beinahe noch zehn Jahre, bleibt ihr immer nur dieselbe, die eintönige der unheilbar kranken, der bedauernswerten, der von allen Ärzten und Freunden als unrettbar aufgegebenen, der »unverstandenen« Frau. Sehr bald merkt auch der gute Patterson, was manche vor ihm und alle nach ihm erfahren, daß man auf die Dauer mit dieser Willensdespotin, mit dieser krampfhaft auf Bewunderung erpichten Frau nicht bequem leben kann. Immer ungemütlicher wird ihm Heim und Ehe. Zunächst verlängert er über Gebühr seine Wanderreisen: schließlich bietet 1863 der ausbrechende Bürgerkrieg ihm willkommenen Anlaß, sich völlig aus der Ehe zu drücken. Er zieht als Arzt der Nordarmee ins Feld, wird aber gleich bei dem ersten Gefecht gefangen und bis Kriegsende interniert. Mary Baker-Patterson bleibt genau so allein und mittellos zurück wie vor zwanzig Jahren als Witwe Glovers. Abermals stößt das Wrack an den alten Strand, abermals fällt sie wieder ihrer Schwester ins Haus. Nun, in ihrem vierzigsten Jahre, scheint ihr Schicksal endgültig in Armut und Provinzlerei begraben, ihr Leben erledigt.

Denn vierzig Jahre ist nun Mary Baker alt und weiß noch immer nicht, wozu und für wen sie lebt. Der erste Mann liegt unter der Erde, der zweite sitzt tausend Meilen weit in Gefangenschaft, ihr eigenes Kind lebt irgendwo bei fremden Leuten, und noch immer ißt sie Almosenbrot an fremden Tischen, keinen liebend und von keinem geliebt, das unnötigste Menschenwesen zwischen dem Atlantischen und Pazifischen Ozean. Vergeblich sucht sie sich zu beschäftigen. Sie unterrichtet ein bißchen in Schulen, aber ihre Nerven halten keine geregelte Tätigkeit durch, sie liest Bücher und schreibt Artikelchen für hinterwäldlerische Provinzblätter; aber ihr tiefer Instinkt weiß genau, daß solche Papierkrümelei noch nicht das Rechte, nicht das Ureigentliche ihres Wesens erlöst. So lungert sie zwecklos und mißlaunig im Hause ihrer Schwester herum, und vermauert liegen tief unten und unsichtbar die ungeheuerlichen, die dämonischen Kräfte dieser rätselhaften Frau. Und je mehr sie ihre äußere Lage als widersinnig, je klarer die Einundvierzigjährige ihr Frauenschicksal als endgültig erledigt empfindet, um so mehr gärt und fährt die gestaute und verbogene Lebenskraft, die noch niemals erlöste, in ihrem Körper um. Immer heftiger entladen sich die Nervenkrisen, immer schmerzhafter zerren die Zuckungen und Krämpfe, immer starrer werden die Lähmungen. Schon kann sie selbst an ihren besten Tagen keine halbe Meile mehr zu Fuß gehen, ohne zu ermüden. Immer blasser, immer schwächer, immer matter und regungsloser liegt sie im Bette, ein ohnmächtiges Stück Menschenleib, eine chronisch Kranke, sich selber zum Ekel und allen andern zur Last. Die Ärzte haben den Krieg mit ihren Nerven aufgegeben, vergebens hat sie die abwegigsten Experimente, Mesmerismus und Spiritismus, alle Kräuter und Kuren versucht; nun setzt die Schwester noch auf eine letzte Karte und schickt sie in eine Kaltwasserheilanstalt, nach New Hampshire. Aber die Kur dort verschlechtert nur ihren Zustand, statt ihn zu verbessern. Nach zwei Behandlungen vermag sie überhaupt keinen Schritt mehr zu gehen; entsetzt erkennt sie sich als endgültig verloren, kein Mensch, kein Arzt kann sie also retten! Ein Wunder, ein leibhaftiges Wunder müßte geschehen, um sie, die gelähmte, seelisch und körperlich zerstörte Frau noch einmal zu einem lebendigen Menschen zu machen.

Und auf dieses Wunder, auf diesen Wunderhelfer wartet und hofft mit aller Glut der Verzweiflung, mit allen Kräften ihres fanatischen Herzens Mary Baker nun im einundvierzigsten Jahre ihres bisher nutzlos gelebten Lebens.

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