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Die Heilung durch den Geist

Stefan Zweig: Die Heilung durch den Geist - Kapitel 13
Quellenangabe
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typeessay
authorStefan Zweig
titleDie Heilung durch den Geist
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorKnut Beck
year1983
isbn3596223008
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121111
projectidb161d8d9
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Der Mesmerismus ohne Mesmer

Immer erweist sich das Leben einfallsreicher als jeder Roman. Kein Künstler hätte für das tragische Mißgeschick, das Mesmer ein Leben lang und weit über den Tod hinaus unerbittlich verfolgt hat, ein ironischeres Symbol erfinden können, als daß dieser verzweifelte Sucher und Versucher gerade seine entscheidendste Entdeckung nicht selber entdeckt, daß also, was man seitdem Mesmerismus nennt, weder die Lehre des Franz Anton Mesmer ist noch sein Fund. Gerade diejenige Kraftäußerung, die für die Kenntnis der seelischen Dynamik entscheidend geworden ist, er hat sie zwar als erster hervorgerufen, aber – Verhängnis! – er bemerkt sie nicht. Er sieht sie, und zugleich übersieht er sie. Da aber nach allgemein gültigem Übereinkommen eine Entdeckung nicht jenem zugehört, der sie vorbereitet, sondern dem, der sie festhält und formuliert, so fällt der Ruhm, zum erstenmal durch Hypnose die seelische Beeinflußbarkeit des Menschen bewiesen und damit jenes ungeheure Zwischenreich zwischen Bewußt und Unbewußt aufgehellt zu haben, nicht Mesmer zu, sondern seinem getreuen Schüler, dem Grafen Maxime de Puységur. Denn in dem fatalen Jahre 1784, da Mesmer um seine geliebten Windmühlen, um das magnetische Fluid, sich mit Akademieen und gelehrten Gesellschaften herumschlägt, veröffentlicht dieser Schüler einen durchaus sachlichen, vollkommen nüchternen »Rapport des cures opérées à Bayonne par le magnétisme animal, adressé à M. l'abbé de Poulanzet, conseiller-clerc au parlament de Bordeaux, 1784«, der an unleugbaren Tatsachen eindeutig klarmacht, was der metaphysische Deutsche vergebens im Kosmischen und seiner mystischen Allflut gesucht.

Die Experimente Puységurs sprengen von ganz unvermuteter Seite den Eingang zur seelischen Welt. Von den frühesten Zeiten her, im Mittelalter wie im Altertum, hatte die Wissenschaft mit immer neuem Staunen die Erscheinung des Mondsüchtigen, des somnambulen Menschen als ein Geschehnis außerhalb der Regel betrachtet. Immer wieder wird ja unter Hunderttausenden oder Millionen normaler Naturen einer dieser sonderbaren Nachtwandler geboren, der, im Schlaf vom Mondblick getroffen, geschlossenen Auges von seinem Bette aufsteht, geschlossenen Auges, ohne zu sehen, ohne zu tasten, Treppen und Leitern zum Dach emporsteigt, dort die halsbrecherischesten Kanten, Dächer und Firste mit geschlossenen Lidern überklettert und dann wieder zu seinem Ruhelager zurückkehrt, ohne am nächsten Tage die geringste Ahnung und Erinnerung an seine nächtliche Irrfahrt ins Unbewußte zu empfinden. Vor diesem einen augenfälligen Phänomen versagten bis zu Puységur alle Erklärungen. Geisteskranke konnte man diese Art Menschen nicht nennen, denn im wachen Zustand übten sie tüchtig und verläßlich ihr Handwerk. Als Normale konnte man sie gleichfalls nicht ansehen, widersprach doch ihr Verhalten im somnambulen Schlaf allen gültigen Gesetzen der Naturordnung; denn wenn ein solcher Mensch mit geschlossenen Augen im Dunkel schreitet und doch mit geschlossenen Lidern, mit völlig verdeckter Pupille, ohne waches Tagauge die kleinsten Unebenheiten bemerkt, wenn er die gefährlichsten Steige (die er wach nie bewältigen würde) in nachtwandlerischer Sicherheit dahinschreitet, wer führt ihn da, daß er nicht fällt? Wer hält ihn, wer erhellt ihm den Sinn? Welche Art inneres Auge hinter den geschlossenen Lidern, welcher andere antinormale Sinn, welcher »sens intérieur», welches »second sight« führt diesen Wachträumer oder Traumwachen wie einen geflügelten Engel über alle Fährnisse hinweg? So fragten sich immer wieder die Gelehrten seit dem Altertum: tausend, zweitausend Jahre lang stand hier der forschende Geist vor einem jener magischen Lebensspiele, wie sie die Natur immer wieder von Zeit zu Zeit in die geregelte Ordnung der Dinge wirft, als wollte sie mit einer solchen unfaßbaren Abweichung von ihren sonst allgültigen Gesetzen die Menschheit wieder an die Ehrfurcht vor dem Irrationalen erinnern.

Da plötzlich, sehr unbequem und unerwünscht, stellt ein Schüler dieses verteufelten Mesmer und nicht einmal ein Arzt, sondern ein simpler Liebhabermagnetiseur, durch unwiderlegbare Experimente fest, daß diese Erscheinung des Dämmerzustandes kein einmaliger Lapsus im Arbeitsplan der Natur sei, keine isolierte Abweichung wie ein Kind mit einem Ochsenkopf oder siamesische Zwillinge innerhalb der Myriadenreihe der menschlichen Normalität, sondern ein organisches Gruppenphänomen, und – noch wichtiger und noch peinlicher! – daß man diesen somnambulen Zustand der Willensauflösung und des unbewußten Tuns im magnetischen (wir sagen: hypnotischen) Schlafe fast bei allen Menschen künstlich hervorrufen könne. Puységur, ein vornehmer, reicher, der Mode entsprechend höchst philanthropisch gesinnter Graf, war schon früh und sehr leidenschaftlich für die Lehre Mesmers gewonnen worden. Aus humanem Dilettantismus, aus philosophischer Neugier übt er ohne Entgelt auf seinem Landgut von Buzancy magnetische Kuren nach den Vorschriften des Meisters. Seine Kranken sind durchaus keine hysterischen Marquisen und dekadente Aristokraten, sondern Kavalleriesoldaten, Bauernjungen, grober, gesunder, unneurasthenischer (und darum doppelt wichtiger) Versuchsstoff. Wieder einmal hat sich eine Reihe Heilbedürftiger an ihn gewandt, und der philanthropische Graf müht sich, der mesmerischen Vorschrift getreu, bei seinen Kranken möglichst heftige Krisen zu erzeugen. Aber auf einmal erstaunt, ja erschrickt er. Denn ein junger Schäfer namens Victor, statt auf die angewandte magnetische Streichung mit den erwarteten Zuckungen, Konvulsionen und Krämpfen zu antworten, wird ganz simpel müde und schläft friedlich unter seinen streichenden Händen ein. Da dieses Verhalten der Regel zuwiderläuft, nach welcher der Magnetiseur doch vor allem Konvulsionen hervorrufen soll und nicht Schlaf, versucht Puységur, den Tölpel aufzurütteln. Aber vergebens! Puysegur schreit ihn an – der Bursche rührt sich nicht. Er schüttelt ihn, aber sonderbar, dieser Bauernjunge schläft einen ganz anderen Schlaf als den normalen. Und plötzlich, als er ihm nochmals anbefiehlt, aufzustehen, steht der Bursche wirklich auf, beginnt ein paar Schritte zu gehen, aber mit geschlossenen Augen. Trotz der geschlossenen Lider benimmt er sich vollkommen wie ein Wacher, wie ein Vollsinniger, ohne daß der Schlaf von ihm gewichen wäre. Er ist am hellichten Tage ein Somnambuler, ein Schlafwandler geworden. Verblüfft sucht Puységur nun mit ihm zu sprechen, ihn auszufragen. Und siehe, der Bauernjunge antwortet aus seinem Traumzustand vollkommen klug und klar auf jede Frage, und sogar noch in einer gewählteren Sprache als sonst. Puységur, erregt über das neuartige Geschehnis, wiederholt das Experiment. Und in der Tat: nicht nur bei dem jungen Schäfer gelingt es, solches Schlafwachen, solchen Wachschlaf durch magnetische (richtiger suggestive) Behandlung zu erzwingen, sondern auch an einer ganzen Reihe anderer Personen. Puységur, leidenschaftlich von der unerwarteten Entdeckung gepackt, setzt seine Versuche jetzt mit doppeltem Eifer fort. Er gibt sogenannte posthypnotische Befehle, das heißt, er befiehlt dem im Schlafzustand Befindlichen nach seinem Erwachen bestimmte Handlungen vorzunehmen. Und tatsächlich, die Medien führen auch bei zurückgekehrtem normalem Bewußtsein die ihnen im somnambulen Zustand gegebenen Aufträge vollkommen befehlentsprechend aus. Nun braucht Puységur nur in seiner Broschüre die erstaunlichen Vorgänge aufzuzeichnen, und der Rubikon zur modernen Psychologie ist überschritten, das Phänomen der Hypnose erstmalig fixiert.

Selbstverständlich trat bei Puységur die Hypnose nicht zum erstenmal in der Welt in Erscheinung, sondern nur zum erstenmal in bewußte Erscheinung. Schon Paracelsus berichtet, daß in einem Kärntner Kloster die Mönche die Aufmerksamkeit der Kranken bei der Behandlung durch blitzende Gegenstände ablenkten; im Altertum finden sich seit Apollonius von Tyana Spuren hypnotischen Verfahrens. Jenseits der menschlichen Bezirke, im Tierreich, war der festhaltende und Erstarren verursachende Blick der Schlange längst bekannt, und selbst das mythologische Symbol der Meduse, was bedeutet es andres als Lähmung des Willens durch suggestive Gewalt? Nur war diese Zwangslähmung der Aufmerksamkeit noch niemals als Methode angewendet worden, nicht einmal von Mesmer selbst, der sie durch sein Bestreichen und Fixieren unzähligemal unbewußt geübt. Oftmals war ihm zwar aufgefallen, daß manche seiner Patienten unter seinem Blick oder seinen Streichungen plötzlich schwere Augen bekamen, gähnten, erschlafften, daß ihre Lider nervös zu zittern begannen, sich langsam senkten; sogar der zufällige Zeuge Jussieu schildert in seinem Bericht einen solchen Fall, wie ein Patient mit geschlossenen Augen plötzlich aufsteht, andere Patienten magnetisiert, mit geschlossenen Augen wieder zurückschreitet, sich still auf seinen Platz setzt, ohne von seiner eigenen Tätigkeit etwas zu ahnen, Traumwandler am hellen Tage. Dutzendmal, hundertmal vielleicht hat Mesmer in den vielen Jahren seiner Praxis solches Erschlaffen gesehen, solches In-sich-selbst-Hinabsinken und Fühlloswerden. Da er aber einzig die Krise suchte, einzig die Konvulsion als Heilungsmittel zu erzwingen anstrebte, sah er an solchen merkwürdigen Dämmerzuständen beharrlich vorbei. Hypnotisiert von seiner Idee des Allfluids, indes er selbst hypnotisiert, starrt dieser Mensch des Mißgeschicks immer nur auf diesen einen Punkt und verliert sich in seiner Theorie, statt nach Goethes allerweisestem Worte zu handeln: »Das Höchste wäre zu begreifen, daß alles Faktische schon Theorie ist. Man suche nicht hinter den Phänomenen, sie sind selbst die Lehre.« So übersieht Mesmer den Königsgedanken seines Lebens, und derart fällt, was der kühne Vorausgänger gesät, einem anderen als Ernte zu. Das entscheidende Phänomen der »Nachtseite der Natur«, das hypnotische, hat ihm sein Schüler Puységur unter der Hand wegentdeckt. Und strenggenommen heißt der Mesmerismus darum gewissermaßen ebenso ungerechterweise nach Mesmer wie Amerika nach Amerigo Vespucci.

Die Weitwirkung dieser einen, scheinbar winzigen Beobachtung aus Mesmers Werkstätte hat sich für die Zukunft als kaum übersehbar erwiesen. Über Nacht hat sich der Beobachtungsraum nach innen erweitert, gleichsam eine dritte Dimension ist gefunden. Denn indem an diesem simplen Bauernjungen in Buzancy festgestellt wird, es gebe in der menschlichen Denkwelt zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Schlaf und Wachen, zwischen Vernunft und Trieb, zwischen Wollen und Willenszwang, zwischen Bewußt und Unbewußt noch eine ganze Anzahl gleitender, schwankender, schwebender Zustände, ist eine erste Differenzierung jener Sphäre eingeleitet, die wir Seele nennen. Jenes an sich höchst geringfügige Experiment legt unwiderleglich dar, daß selbst die ungewöhnlichsten, die scheinbar meteorisch aus dem Raum der Natur herausstürzenden Seelenphänomene ganz bestimmten Normen gehorchen. Schlaf, bisher einzig als negativer Zustand, als Abwesenheit des Wachseins und darum als schwarzes Vakuum empfunden, verrät in diesen neu entdeckten Zwischenstufen des Wachschlafes und Schlafwachens, wieviel geheime Kräfte im menschlichen Gehirn jenseits der bewußten Vernunft tätig gegeneinander spielen, und daß gerade durch die Ablenkung der zensurierenden Bewußtheit das seelische Leben sichtbarer in Erscheinung tritt – ein Gedanke, hier nur unbeholfen angedeutet, den die Psychoanalyse hundert Jahre später zu schöpferischer Entfaltung bringt. Alle geistigen Erscheinungen erhalten durch diese Umschaltung auf das Unbewußte einen vollkommen neuen Sinn, unzählige Anregungen drängen nach durch die mehr dank eines Zufalls als durch wissende Menschenhand aufgerissene Tür – »durch den Mesmerismus ist man zum erstenmal genötigt, die Phänomene der Konzentration und Dekonzentration, der Müdigkeit, Aufmerksamkeit, der Hypnose, der nervösen Krisen, der Simulation zu untersuchen, die dann alle zusammen die moderne Psychologie darstellen« (Pierre Janet). Zum erstenmal kann die Menschheit vieles, was ihr bisher als übersinnlich und magisch galt, mit klaren Sinnen als logisch begreifen.

Diese plötzliche Erweiterung des inneren Weltraumes durch die winzige Beobachtung Puységurs erregt sofort maßlose Begeisterung bei allen Zeitgenossen. Und es fällt schwer, die geradezu unheimlich schnelle Wirkung zu schildern, die der »Mesmerismus« als die erste Kenntnis von bisher okkulten Phänomenen bei allen Gebildeten Europas hervorruft. Eben war die Herrschaft über die Ätherwelt durch Montgolfier errungen und durch Lavoisier die chemische Ordnung der Elemente neu entdeckt; jetzt war dazu noch ein erster Einbruch ins Übersinnliche gelungen: kein Wunder, daß überschwengliche Hoffnung die ganze Generation ergreift, nun endlich werde dies Urgeheimnis Seele sich gänzlich enthüllen. Dichter und Philosophen, die ewigen Geometer der geistigen Reiche, sind die ersten, die, kaum daß die unbekannten Ufer erkundet sind, vordringen in die neuen Kontinente: eine dunkle Ahnung sagt ihnen, wieviel unerschlossene Schätze aus dieser Tiefe zu heben sind. Nicht mehr in Druidenhainen, in Femehöhlen und Hexenküchen sucht die Romantik das Romantische und Außerordentliche, sondern in diesen neuen sublunaren Sphären zwischen Traum und Wachheit, zwischen Willen und Willenszwang. Von allen deutschen Dichtern fühlt sich der stärkste, der tiefsichtigste, Heinrich von Kleist, am gewaltigsten von dieser »Nachtseite der Natur« angeblickt. Da wesensgemäß jeder Abgrund ihn anzieht, so ergibt er sich völlig der Lust, sich schöpferisch in diese Tiefen zu werfen und gerade die schwindligen Zustände auf der Kippe zwischen Wachen und Traum dichterisch darzustellen. Mit einem Ruck, mit der für ihn typischen Stoßkraft dringt er gleich bis in die untersten Geheimnisse der Psychopathologie vor. Niemals ist ein Dämmerzustand genialer geschildert worden als in der »Marquise von O.«, niemals Darstellungen von Somnambulismus gleichzeitig so klinisch vollkommen und zugleich differenziert erdichtet wie im »Käthchen von Heilbronn« und im »Prinzen von Homburg«. Während Goethe, damals schon bedächtig, nur mit gemessener Neugier von fern die neuen Funde verfolgt, drängt die Jugend, die Romantik leidenschaftlich heran. E. T. A. Hoffmann, Tieck und Brentano, in der Philosophie Schelling, Hegel, Fichte bekennen sich leidenschaftlich zu dieser umwälzenden Auffassung, Schopenhauer findet im Mesmerismus das entscheidende Argument für das zu beweisende Primat des Willens über die wache Vernunft. In Frankreich gibt Balzac in seinem »Louis Lambert«, seinem persönlichsten Buche, geradezu eine Biologie der weltgestaltenden Willenskraft und beklagt, daß die Größe der Entdeckung Mesmers – »si importante et si mal appréciée encore« – noch nicht überall durchgedrungen sei. Jenseits des Meeres schafft in kristallischer Klarheit Edgar Allan Poe die klassische Novelle der Hypnose. Man sieht: wo immer die Wissenschaft eine Ritze in der schwarzen Geheimniswand des Weltalls aufreißt, strömt wie ein farbiges Gas sofort die Phantasie der Dichter ein und belebt die neuerschlossene Sphäre mit Geschehnis und Gestalten, immer beginnt – Freud das Beispiel in unseren Tagen! – mit der Erneuerung der Psychologie auch eine neue psychologische Literatur. Und wäre auch jedes Wort, jede Theorie, jeder Gedanke Mesmers hundertmal falsch gewesen (was noch sehr zu bezweifeln ist), so hat er doch schöpferischer als alle Gelehrten und Forscher seiner Zeit die Wegrichtung einer kommenden und längst notwendigen Wissenschaft gewiesen, indem er den Blick des nächsten Geschlechts dem Geheimnis des Seelischen entgegenlenkt.

Die Tür ist aufgestoßen, Licht flutet herein in einen noch niemals wissend erhellten Raum. Aber es geschieht wie immer: kaum daß irgendwo eine Pforte zum Neuen sich auftut, so drängt mit den ernsten Forschern gleichzeitig schon ein wirrer Klüngel von leichtfertig Neugierigen, von Schwärmern, Narren und Schwindlern hinein. Denn heilig und gefährlich zugleich eignet der Menschheit der Wahn, sie könne mit einem Ruck und Sprung die Grenzen des Irdischen überschreiten und sich dem Weltgeheimnis verbinden. Wird ihr irgendwo nur um einen Zoll der Wissensraum erweitert, so hofft ihre vertrauensselige Ungenügsamkeit immer schon, mit dieser einzelnen Erkenntnis bereits den Schlüssel zum ganzen Universum zu halten. So auch diesmal. Kaum ist die Tatsache aufgedeckt, daß im künstlich erregten Schlaf ein Hypnotisierter Fragen beantworten könne, so glaubt man schon, Medien könnten alle Fragen beantworten. In gefährlicher Übereilung werden die Traumseher sofort zu Hellsehern erklärt, Wach-Träume gleichgesetzt mit prophetischen Wahr-Träumen. Ein anderer, ein tieferer, der sogenannte »innere« Sinn des Menschen werde an dieser Bezauberung wach. »In dem magnetischen Hellsehen bekommt jener Geist des Instinkts, der den Vogel über das Meer führt, in ein Land, das er nie sah, des Instinkts, der das Insekt zu prophetischem Wirken für die Brut treibt, die noch nicht geboren ist, verständliche Sprache: er steht unseren Fragen Rede und Antwort« (Schubert). Wörtlich verkünden die Übertreiber des Mesmerismus, »in dem Krisenzustand können die Somnambulen die Zukunft schauen, ihre Sinne können sich auf jede Distanz hin in allen Richtungen ausdehnen«. Sie können wahrsagen, weissagen, durch Introspektion (eine besondere Art des Insichschauens) in diesem Zustand das Innere ihres eigenen und jedes fremden Leibes wahrnehmen und daher Krankheiten unfehlbar diagnostizieren. Sie können unbelehrt in der Trance Lateinisch, Hebräisch, Aramäisch und Griechisch reden, nie gehörte Namen nennen, die schwierigsten Rechenaufgaben spielend lösen; ins Wasser geworfen, gehen Somnambulen angeblich nicht unter; ihr Wahrsagegeist vermag Bücher, die ihnen geschlossen und versiegelt auf den nackten Körper gelegt werden, »mit der Herzgrube« zu lesen; sie können gleichzeitige Vorgänge in anderen Weltteilen mit tagheller Deutlichkeit schauen, vor Jahrzehnten begangene Verbrechen durch ihr Geträume entlarven – kurzum, kein Hokuspokus ist zu absurd, daß man sich ihn von den Medien nicht vorzaubern ließe. Man führt die Somnambulen in Keller, in denen angeblich Schätze verborgen sind, und gräbt sie bis zur Brust in die Erde, damit ihr medialer Kontakt Gold oder Silber auffinde. Oder man stellt sie mit verbundenen Augen mitten in eine Apotheke, damit sie dank ihres »höheren« Sinnes die rechte Medizin für den Kranken ahnen, und siehe, sie wählen blind unter den Hunderten von Arzneien die einzig wohltätige. Das Unglaublichste wird unbedenklich den Medien zugeschrieben, alle okkulten Phänomene und Praktiken, die noch heute in unserer wachen Welt geistern, das Hellsehen, Gedankenlesen, die spiritistische Geisterbeschwörung, die telepathischen und teleplastischen Künste, sie alle stammen aus jenem Anfangsenthusiasmus für die »Nachtseite der Natur«. Es dauert nicht lange, und ein neuer Beruf kommt in Schwung: der professionelle Somnambule. Und da ein Medium um so höher eingeschätzt wird, je verblüffendere Offenbarungen es produziert, so steigern Taschenspieler und Simulanten auf kaltem Wege durch Tricks und Betrug ihre »magnetischen« Kräfte ins Ungeheuerliche. Bereits zu Mesmers Zeit beginnen jene famosen spiritistischen Abendunterhaltungen im verdunkelten Zimmer mit Julius Cäsar und den Aposteln; kräftig werden Geister beschworen und »realisiert«. Alle Leichtgläubigen, alle Faselhänse und Verkehrtreligiöse, alle Halbdichter wie Justinus Kerner und Halbgelehrten wie Ennemoser und Kluge behaupten und beschwören Wunder über Wunder des künstlichen Schlafwachens; höchst begreiflich darum, daß vor ihren lauten und wirklich oft läppischen Überspanntheiten die Wissenschaft erst ungläubig die Achseln zuckt und sich schließlich verärgert abwendet. Allmählich wird der Mesmerismus im neunzehnten Jahrhundert zu einer verrufenen Sache. Immer macht zu viel Lärm um einen Gedanken ihn nicht verständlich. Und nichts treibt jede schöpferische Idee in ihrer Wirkung verhängnisvoller zurück als ihre Übertreibung.

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