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Die Heilung durch den Geist

Stefan Zweig: Die Heilung durch den Geist - Kapitel 12
Quellenangabe
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typeessay
authorStefan Zweig
titleDie Heilung durch den Geist
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorKnut Beck
year1983
isbn3596223008
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121111
projectidb161d8d9
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Der Kampf um die Berichte

Wieder einmal – zum wievielten Male? – ist die seelische Heilmethode von der akademischen Justiz niedergekämpft. Kaum veröffentlicht die Medizinische Gesellschaft ihr abweisendes Urteil, so bricht im Lager der Gegner Mesmers heller Jubel aus, als sei nun für ewige Zeiten jede Heilung auf seelischem Wege erledigt. In den Buchläden verkauft man amüsante Kupferstiche, die den »Sieg der Wissenschaft« auch für Analphabeten sinnfällig darstellen: von blendender Aureole umstrahlt, entrollt dort die Gelehrtenkommission das Vernichtungsdekret, und vor diesem »siebenmal glühenden Licht« entfliehen, auf einem Hexenbesen reitend, Mesmer und seine Schüler, jeder mit einem Eselskopf und Eselsschwanz geziert. Ein anderes Blatt zeigt die Wissenschaft, Blitze schleudernd gegen die Scharlatane, die über den zerbrochenen Gesundheitszuber stolpernd zur Hölle stürzen; ein drittes bildet mit der Unterschrift: »Nos facultés sont en rapport« Mesmer ab, einen langohrigen Esel magnetisierend. Dutzende von Spottschriften erscheinen, auf den Straßen singt man ein neues chanson:

Le magnétisme est aux abois,
La faculté, l'Académie
L'ont condamné tout d'une voix
Et même couvert d'infamie.
Après ce jugement, bien sage et bien légal,
Si quelque esprit original
Persiste encore dans son délire,
Il sera permis de lui dire:
Crois au magnétisme ... animal!

Und ein paar Tage hat es wirklich den Anschein, als sei durch den wuchtigen Schlag mit dem akademischen Zepter Mesmer wie einst in Wien nun auch in Paris endgültig das Genick zerschmettert. Aber man schreibt 1784; zwar ist das Gewitter der Revolution noch nicht ausgebrochen, doch Unruhe und Auflehnung geistern bereits gefährlich in der Atmosphäre. Ein Dekret, vom allerchristlichsten König gefordert, von der königlichen Akademie feierlich erlassen – unter dem Sonnenkönig hätte niemand einem so zerschmetternden Bannfluch zu trotzen vermocht. Aber unter dem schwachen Ludwig dem Sechzehnten bedeutet ein königliches Siegel keine Sicherheit mehr vor Spott und Diskussion; der revolutionäre Geist ist längst in die Gesellschaft eingedrungen und stellt sich gern in leidenschaftlichen Widerspruch zur königlichen Meinung. So flattert ein erbitterter Schwarm Verteidigungsschriften auf Paris und Frankreich nieder, um Meister Mesmer zu rechtfertigen. Advokaten, Ärzte, Kaufleute, Mitglieder des höchsten Adels veröffentlichen unter ihrem vollen Namen dankbare Berichte über ihre Heilungen, und inmitten laienhaften und leeren Geschreibsels entdeckt man in diesen Pamphleten manches klare und kühne Wort. So fragt J. B. Bonnefoy vom chirurgischen Kollegium in Lyon energisch an, ob die Herren von der Akademie denn eine bessere Behandlungsart zu bieten hätten? »Wie verhält man sich denn bei Nervenkrankheiten, diesen heute noch vollkommen unbekannten Krankheiten? Man gibt kalte und warme Bäder, aufpeitschende, erfrischende, erregende oder beruhigende Mittel, und keines dieser ärmlichen Palliative hat bisher ähnlich erstaunliche Wirkungen hervorgebracht, wie die psychotherapeutische Methode Mesmers.« In den »Doutes d'un Provincial« beschuldigt ein Anonymus die Akademie, aus hochmütiger Borniertheit dem eigentlichen Problem überhaupt nicht nahe getreten zu sein. »Es ist nicht genug, meine Herren, daß Ihr Geist sich über Vorurteile des Jahrhunderts erhebt. Es wäre auch nötig, das Interesse des eigenen Standes um der Wohlfahrt willen zu vergessen.« Ein Advokat schreibt prophetisch wahr: »Herr Mesmer hat auf der Grundlage seiner Entdeckungen ein großes System aufgebaut. Dieses System ist vielleicht ebenso schlecht wie alle ihm vorausgegangenen, denn es ist immer gefährlich, auf die ersten Ursachen zurückzugreifen. Aber wenn er unabhängig von diesem System auch nur einige verstreute Ideen klargelegt hat, wenn nur irgendeine große Wahrheit ihm ihre Existenz dankt, so hat er das unveräußerliche Recht auf den Respekt der Menschen. In diesem Sinne wird er einer späteren Zeit gelten, ohne daß alle Kommissionen und Regierungen der Welt ihm sein Verdienst nehmen könnten.«

Aber Akademieen und gelehrte Gesellschaften diskutieren nicht, sie entscheiden. Sobald sie eine Entscheidung getroffen haben, belieben sie über jeden Einwand mit Hochmut hinwegzusehen. Jedoch in diesem einen besonderen Fall geschieht ihr etwas sehr Peinliches und Unerwartetes – nämlich aus ihren eigenen Reihen erhebt sich ein Mann zur Anklage, ein Mitglied der Kommission und nicht das geringste, nämlich der berühmte Botaniker Jussieu. Auf Befehl des Königs hat er den Versuchen beigewohnt, sie gründlicher und vorurteilsloser vorgenommen als die meisten und darum bei dem endgültigen Votum seine Unterschrift unter die große Bannbulle verweigert. Dem geschärften Blick des Botanikers, der gewohnt ist, auch die winzigsten und unscheinbarsten Fäden und Samenspuren mit ehrfürchtiger Geduld zu beobachten, ist der schwache Punkt der Untersuchung nicht entgangen, nämlich daß die Kommission sich mit den Windmühlenflügeln der Theorie herumgeschlagen und deshalb ins Leere getroffen hat, statt von einer zweifellos vorhandenen Wirkung der mesmerischen Kur nach ihren möglichen Ursachen zu forschen. Ohne sich auf die Phantastereien Mesmers einzulassen, auf sein Magnetisieren von Bäumen, Spiegeln, Wasser und Tieren, stellt Jussieu einfach das Neue, Eigentliche und Erstaunliche fest, daß bei dieser neuen Kur irgendeine Kraft auf den Kranken wirkte. Und obgleich er ebensowenig wie die anderen die Tastfühlbarkeit, die Augensichtbarkeit dieses Fluidums festzustellen vermag, läßt er logisch richtig die Möglichkeit eines Agens offen, »das sich von einem Menschen auf den andern übertragen lasse und oftmals auf diesen letzteren eine sichtliche Einwirkung übe«. Welcher Art dieses Fluidum sei, ob magnetisch oder psychisch oder elektrisch, darüber wagt dieser redliche Empiriker keinerlei selbstherrliche Vermutung. Möglicherweise, sagt er, könne es die Lebenskraft selbst sein, die »force vitale«, aber jedenfalls, eine Kraft sei hier unzweifelhaft im Spiele, und es wäre die Pflicht vorurteilsloser Gelehrter gewesen, dieser Kraft und dieser Wirkung nachzugehen, statt mit einem verschwommenen und vagen Wort wie Imagination ein erstmalig zutage tretendes Phänomen von vornherein zu leugnen. Eine so unerwartete Rückendeckung durch einen völlig unparteiischen Mann bedeutet für Mesmer einen gewaltigen moralischen Rückhalt. Nun ergreift er selbst die Offensive, richtet eine Beschwerde an das Parlament, daß die Kommission sich bei ihrer Begutachtung einzig an Deslon gewandt habe, statt ihn, den wahren Entdecker der Methode, zu befragen, und verlangt eine neue unvoreingenommene Untersuchung. Aber die Akademie, glücklich, den peinlichen Fall endlich abgeschoben zu haben, antwortet mit keinem Wort. Von dem Augenblick, da sie ihr Votum in Druck gegeben, ist nach ihrer Meinung die Anregung, die Mesmer der Wissenschaft gegeben, unwiderruflich erledigt.

Jedoch in dieser Affäre hat die Pariser Akademie nun schon einmal eine unglückliche Hand. Denn gerade in dem Augenblick, da sie das unerwünschte und unerkannte Phänomen der Suggestion bei der medizinischen Tür hinausgeworfen hat, kommt es bei der psychologischen wieder herein. Eben das Jahr 1784, in dem sie das zauberverdächtige Naturheilverfahren mit ihrem Gutachten hinzurichten meint, ist in Wahrheit das Geburtsjahr der modernen Psychologie: denn eben in diesem Jahre entdeckt Mesmers Schüler und Mithelfer Puységur das Phänomen des künstlichen Somnambulismus und hebt damit die unterirdischen Wechselwirkungen zwischen Körper und Seele in neues Licht.

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