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Die Heilung durch den Geist

Stefan Zweig: Die Heilung durch den Geist - Kapitel 11
Quellenangabe
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typeessay
authorStefan Zweig
titleDie Heilung durch den Geist
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorKnut Beck
year1983
isbn3596223008
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121111
projectidb161d8d9
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Die Akademie greift ein

Angesichts einer so tollwütig um sich greifenden Epidemie geht es nicht länger an, Mesmer wissenschaftlich als nicht vorhanden zu betrachten. Die Möglichkeit oder Unmöglichkeit des animalischen Magnetismus ist aus einem Stadtgespräch zu einer Staatsangelegenheit geworden, der erbitterte Streit muß endlich vor dem Forum der Akademie entschieden werden. Das geistige Paris, der Adel hat sich fast restlos für Mesmer entschlossen, am Hofe steht die Königin Marie Antoinette unter dem Einfluß der Prinzessin von Lamballe völlig auf seiner Seite, alle ihre Palastdamen vergöttern den »göttlichen Deutschen«. Nur ein einziger im Bourbonenschloß blickt mit unerschütterlichem Mißtrauen auf das magische Treiben: der König. Gänzlich unneurasthenisch, die Nerven eingepolstert in Phlegma und Speck, ein rabelaisischer Fresser, ein guter Verdauer, vermag Ludwig der Sechzehnte einer seelischen Heilkur wenig Neugier abzugewinnen; und als Lafayette vor seiner Abreise nach Amerika sich bei ihm abmeldet, spottet der gutmütige Monarch ihn wohlgelaunt aus, »was wohl Washington sagen würde, daß er sich zum Apothekerlehrling des Herrn Mesmer hergegeben habe«. Er liebt eben keine Unruhe und keine Aufgeregtheiten, der gute, feiste König Ludwig der Sechzehnte, aus ahnungsvollem Instinkt verabscheut er Revolutionen und Neuerungen auch auf geistigem Gebiet. Als sachlicher und gründlicher Ordnungsmensch wünscht er darum, daß endlich einmal Klarheit in diesem endlosen Gezänke um den Magnetismus geschaffen werde; und im März 1784 unterschreibt er einen Kabinettsbefehl an die Gesellschaft der Ärzte und die Akademie, sofort den Magnetismus in seinen nützlichen wie schädlichen Folgeerscheinungen amtlich zu untersuchen.

Einen imposanteren Ausschuß, als die beiden Gesellschaften für jenen Anlaß erwählten, hat Frankreich selten gesehen: fast alle seine Namen sind heute noch weltberühmt. Unter den vier Ärzten befindet sich ein gewisser Dr. Guillotin, der sieben Jahre später jene schöne Maschine erfinden wird, die alle irdischen Krankheiten in einer Sekunde heilt: die Guillotine. Unter den anderen Namen leuchtet ruhmvoll jener Benjamin Franklins, des Erfinders des Blitzableiters, Baillys, des Astronomen und späteren Bürgermeisters von Paris, Lavoisiers, des Erneuerers der Chemie, und Jussieus, des berühmten Botanikers. Aber alle Gelehrsamkeit läßt diese sonst wunderbar weitsichtigen Geister nicht ahnen, daß zwei von ihnen, der Astronom Bailly und der Chemiker Lavoisier, wenige Jahre später ihren Kopf unter die Maschine ihres Kollegen Guillotin legen werden, mit dem sie jetzt freundschaftlich vereint den Mesmerismus untersuchen.

Eile widerspricht der Würde einer Akademie, Methodik und Gründlichkeit sollen sie ersetzen. So dauert es einige Monate, ehe die gelehrte Gesellschaft das endgültige Votum verfaßt. Ehrlich und redlich erkennt dieses amtliche Dokument zunächst die unleugbare Wirkung der magnetischen Kuren an. »Einige sind ruhig, still und verzückt, andere husten, spucken, fühlen einen leichten Schmerz, eine lokale Wärme am ganzen Leib und haben Schweißausbrüche, andere sind von Konvulsionen geschüttelt. Die Konvulsionen sind außerordentlich in ihrer Zahl, Ausdauer und Kraft. Sobald sie bei einem beginnen, äußern sie sich gleichfalls bei den anderen. Die Kommission hat solche gesehen, die drei Stunden gedauert haben, sie sind vom Auswurf eines trüben, schleimigen Wassers begleitet, das die Gewalt dieser Anstrengungen herausreißt. Man sieht auch einzelne Blutspuren darin. Diese Konvulsionen sind charakterisiert durch rasche und unbeherrschte Bewegungen aller Glieder und des ganzen Körpers, Krämpfe in der Kehle, Zuckungen in der Bauchgegend (hypochondre) und Magengegend (épigastre), in Verwirrtheit und in Starre der Augen, grellen Schreien, Aufstoßen, Weinen und wilden Lacherregungen; ihnen folgen dann lange Zustände der Ermüdung und Trägheit, Niedergeschlagenheit und Erschöpfung. Der kleinste, unvermutete Lärm läßt sie zusammenschrecken, und man hat bemerkt, daß Veränderungen in Ton und Takt der auf dem Pianoforte gespielten Melodieen die Kranken beeinflussen, so daß ein rascheres Tempo sie noch mehr anregt und die Wildheit ihrer Nervenausbrüche steigert. Nichts ist erstaunlicher als das Schauspiel dieser Konvulsionen; wenn man sie nicht gesehen hat, kann man sich davon keinen Begriff machen. Man ist jedenfalls überrascht, einerseits über die Ruhe einer Reihe von Kranken und wiederum die Erregung bei den anderen, über die verschiedenen Zwischenfälle, die sich immer wiederholen, und die Sympathie, die sich zwischen den Kranken bildet; man sieht Kranke, die einander zulächeln, zärtlich miteinander sprechen, und dies mildert ihre Krämpfe. Alle sind dem unterworfen, der sie magnetisiert. Ob sie auch in einer scheinbaren Erschöpfung sind, sein Blick, seine Stimme holen sie sofort heraus.«

Daß also Mesmer auf seine Patienten suggestiven oder sonstigen Einfluß übt, ist nun amtlich bescheinigt. Irgend etwas, stellen die Professoren fest, ist da im Spiel, etwas Unerklärliches und ihnen trotz aller Gelehrsamkeit Unbekanntes. »Man kann nach diesen ständigen Wirkungen eine gewisse Kraft nicht ableugnen, die auf die Menschen wirkt, sie beherrscht und deren Träger der Magnetiseur ist.« Mit dieser letzten Formulierung hat die Kommission eigentlich den Finger schon ganz nahe an dem heiklen Punkt: ihr fällt sofort auf, daß diese überraschenden Phänomene vom Menschen, von der besondern Persönlichkeitswirkung des Magnetiseurs ausgehen. Ein Schritt noch weiter gegen diesen unerklärlichen »rapport« zwischen Magnetiseur und Medium, und hundert Jahre wären übersprungen, das Problem in den Gesichtswinkel der modernen Betrachtung gerückt. Aber die Kommission tut diesen einen Schritt nicht. Ihre Aufgabe ist, laut königlichem Reskript festzustellen, ob ein magnetisch-animalisches Fluid, also ein neues physikalisches Element existiere oder nicht. Schulmäßig genau stellt sie darum nur zwei Fragen, groß A und groß B, erstens, ob dieser animalische Magnetismus überhaupt nachweisbar, zweitens, ob er als Heilmittel nützlich sei: »denn«, argumentiert sie more geometrico, »einerseits kann wohl der animalische Magnetismus existieren und nicht nützlich sein, aber keinesfalls kann er nützlich sein, wenn er nicht existiert.«

Nicht um den geheimnisvollen Kontakt zwischen Arzt und Patienten, zwischen Magnétiseur und Medium – das ist, um das eigentliche Problem – bemüht sich also die Kommission, sondern einzig um die »présence sensible« des geheimnisvollen Fluids und dessen Nachweisbarkeit. Kann man es sehen? Nein. Kann man es riechen? Nein. Kann man es wägen, tasten, messen, schmecken, unter dem Mikroskop beobachten? Nein. Also stellt die Kommission zunächst diese Nichtwahrnehmbarkeit für die äußern Sinne fest. »S'il existe en nous et autour de nous, c'est donc d'une manière absolument insensible.« Nach dieser nicht sehr schwierigen Feststellung geht die Kommission daran, zu untersuchen, ob wenigstens eine Wirkung dieser unsichtbaren Substanz nachweisbar sei. Zu diesem Behufe lassen sich die Experimentatoren zunächst einmal selbst magnetisieren. Aber auf Skeptische und Kerngesunde wirkt bekanntermaßen suggestive Behandlung so viel wie gar nicht. »Keiner von uns hat etwas gefühlt und zumindest nichts, was als Reaktion des Magnetismus erklärt werden könnte; ein einziger hat am Nachmittag eine Nervenreizung empfunden, aber keiner von uns ist zur Krise gekommen.« Nun schon mißtrauisch geworden, untersuchen sie die unbestreitbare Tatsache der Wirkung bei den anderen mit gesteigerter Voreingenommenheit. Sie stellen den Patienten eine Reihe von Fallen; sie reichen zum Beispiel einer Frau mehrere Tassen, von denen nur eine einzige magnetisiert ist, und tatsächlich irrt sich die Patientin und wählt eine andere Tasse als die magnetisierte. Damit schiene die Wirkung als Schwindel, als »Imagination«, als Einbildung erwiesen. Aber gleichzeitig müssen die Akademiker doch zugeben, daß bei ebenderselben Patientin sofort eine Krise entsteht, sobald der Magnetiseur selbst ihr die Tasse hinreicht. Die Lösung liegt also abermals ganz nah und eigentlich schon auf der flachen Hand: sie müßten jetzt logischerweise feststellen, daß jene Phänomene durch einen besonderen Kontakt zwischen Magnetiseur und Medium und nicht durch eine mystische Materie entstehen. Aber wie Mesmer selbst, so lassen auch die Akademiker das schon auf die Finger brennende Problem der Persönlichkeitswirkung durch suggestive oder fluidale Wesensübertragung links liegen und beschließen nur feierlich die »nullité du magnétisme«. Wo man nichts sieht, nichts fühlt, nichts riecht, ist nichts vorhanden, erklären sie, und jene merkwürdige Wirkung beruhe einfach auf Imagination, auf bloßer Einbildung – was natürlich nur ein sehr danebengängerisches Wort für den übersehenen Begriff der Suggestion ist.

Mit dieser feierlichen Nichtexistenzerklärung des Magnetismus erledigt sich selbstverständlich auch die zweite Frage nach der allfälligen Nützlichkeit der magnetischen (wir sagen psychischen) Behandlung. Denn eine Wirkung, für welche eine Akademie die Ursache nicht weiß, darf um keinen Preis vor der Welt als nützlich oder heilsam gelten. So behaupten die Sachverständigen (das heißt, diejenigen, die diesmal von der eigentlichen Sache nichts verstanden haben), die Methode des Herrn Mesmer bedeute eine Gefahr, weil diese künstlich erzeugten Krisen und Konvulsionen chronisch werden könnten. Und in einem Satz bedenklich langen Atems fällen sie schließlich ihr Verdikt: »Nachdem die Kommissäre erkannt haben, daß das Fluidum des animalischen Magnetismus durch keinen unserer Sinne wahrgenommen werden kann, da es keine Wirkungen weder auf sie selbst ausübte noch auf die Kranken, die sie ihm unterworfen haben, da sie feststellten, daß die Berührungen und Streichungen nur selten günstige Veränderungen in der Körperlichkeit hervorgebracht haben und immer gefährliche Erschütterungen in der Einbildungskraft, da sie auch anderseits bewiesen haben, daß auch die Einbildung ohne Magnetismus Krämpfe erzeugen kann und der Magnetismus ohne Einbildung nichts, haben sie einstimmig beschlossen, daß nichts den Beweis eines magnetisch-animalischen Fluidums gibt und daß dieses nicht feststellbare Fluidum infolgedessen ohne Nutzen ist, daß die gewaltsamen Wirkungen, die man bei der öffentlichen Behandlung bemerkt hat, teils auf die Berührung zurückzuführen sind, auf die dadurch erregte Einbildung und die automatische Einbildung, die uns gegen den eigenen Willen zwingt, Vorgänge, die auf unsere Sinne wirken, zu wiederholen. Gleichzeitig fühlt sie sich verpflichtet, beizufügen, daß diese Berührungen, die immer wiederholte Heranziehung zur Krisenerzeugung schädlich sein kann und daß der Anblick solcher Krisen gefährlich wird durch den Zwang zur Nachahmung, den die Natur uns auferlegt hat, und deshalb jede öffentliche Behandlung auf die Dauer nur gefährliche Folgen haben kann.«

Diesem öffentlichen Bericht vom 11. August 1784 schließt die Kommission an den König noch einen handschriftlichen Geheimbericht bei, der in düsteren Worten auf die Gefahren für die Sittlichkeit durch die Nervenreizung und die Vermischung der Geschlechter hinweist. Mit diesem Votum der Akademie und dem gleichfalls grimmig absprechenden Bericht der Ärztekammer ist für die gelehrte Welt die psychische Methode, die Heilung durch Persönlichkeitsbeeinflussung, endgültig erledigt. Es hilft nichts, daß ein paar Monate später die Phänomene des Somnambulismus, der Hypnose und der medialen Willensbeeinflussung entdeckt und durch viele Versuche unwiderlegbar sonnenklar vorgeführt werden, daß sie die ganze intellektuelle Welt in eine ungeheure Aufregung versetzen: für die Pariser gelehrte Akademie gibt es, nachdem sie einmal im achtzehnten Jahrhundert ihre Meinung schriftlich dargelegt hat, bis knapp ins zwanzigste Jahrhundert hinein keine suggestiven und übersinnlichen Phänomene. Als ihr um 1830 ein französischer Arzt neuerdings den Beweis vorführen will, lehnt sie ab. Sie lehnt selbst noch ab, als 1840 Braid mit seiner »Neurypnologia« die Hypnose bereits längst zu einem selbstverständlichen Werkzeug der Wissenschaft gemacht hat. In jedem Dorfe, in jeder Stadt Frankreichs, Europas, Amerikas zeigen seit 1820 in vollgedrängten Sälen schon Laienmagnetiseure die überraschendsten Beeinflussungen, kein Halb- und Viertelgebildeter versucht mehr, sie zu leugnen. Aber die Pariser Akademie, eben dieselbe, die Franklins Blitzableiter und Jenners Pockenimpfung verworfen, die Fultons Dampfboot eine Utopie genannt, beharrt in ihrem unsinnigen Hochmut, dreht den Kopf weg und behauptet, nichts zu sehen und nichts gesehen zu haben.

Und so dauert es genau hundert Jahre, bis endlich der französische Gelehrte Charcot 1882 durchsetzt, daß die erlauchte Akademie von der Hypnose offiziell Kenntnis zu nehmen geruht; so lange, hundert geschlagene Jahre, hat das fehlgängerische Votum der Akademie über Franz Anton Mesmer in Paris eine Erkenntnis verzögert, die bei gerechterer, klarerer Aufmerksamkeit schon 1784 die Wissenschaft hätte bereichern können.

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