Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Agnes Günther >

Die Heilige und ihr Narr

Agnes Günther: Die Heilige und ihr Narr - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorAgnes Günther
titleDie Heilige und ihr Narr
publisherJ. F. Steinkopf
volumeZweiter Band
printrun69. Auflage
year1918
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061009
projectid6ed9f278
Schließen

Navigation:

Vierunddreißigstes Kapitel: Heinz Friedrich.

Der Mai ist gekommen, und Rosmarie hat ihn genossen, wie keinen Mai ihres Lebens. Er wird auch jedes Jahr schöner, der Frühling, behauptet sie.

Harro hat eines Tages in Brauneck nicht geringes Aufsehen erregt. Es ist die Kunde hinüber gedrungen, daß er auf einen Tag den ganzen neu eingezogenen weiblichen Hofstaat des jungen Thorsteiners verabschiedet hat. Die Amme, die mit ihrem Kinde immer noch dagewesen war, im Falle man sie doch brauche, das elegante Kinderfräulein und das Kindermädchen.

Als die Fürstin hörte, daß des Kindes Bettchen im Schlafzimmer der Eltern stehe, erquickt sie diese Nachricht einen ganzen Tag lang. Wie kleinbürgerlich! Also würde Rosmarie selbst bei Nacht aufstehen und das Kind besorgen! Nun, da konnte sie dünn und häßlich dabei werden. Hellblonde Frauen verwelken am schnellsten. Die Fürstin erwärmt sich einen ganzen Tag an der Botschaft, und Harro wird von seinem Schwiegervater sehr ungnädig empfangen.

Harro hört alles mit demütig gesenktem Haupte an.

Ja, es sei wahr. Aber auf dem Thorstein sei ein so großes weibliches Übergewicht entstanden, acht gegen ihn und Märt, da Heinz doch noch nicht zu rechnen sei, – daß er das Schlimmste befürchtet habe. Übrigens habe Rosmarie noch nie Nachtdienst gehabt. Das mache er. Er interessiere sich für die Psyche ganz kleiner Kinder und gedenke sie zu studieren. Das könne man ja nur am lebenden Objekt. Das Gebiet sei auch noch fast unbebaut.

Der Fürst sieht etwas unsicher zu ihm auf.

»Das ist mir neu, Harro, dies Interesse. Versuchst du dich nicht schon auf fast zu viel Gebieten?«

»Mir ist es auch neu, Vater. Aber wie kann die Seele besser studiert werden, als bei ihrem Erwachen und durch genaue Beobachtung? Ich kann mir auch in meine Erziehungsmaximen nicht hineinreden lassen von noch gänzlich unerzogenen sogenannten Fräulein, vulgo Gänschen. Ja, ich weiß, was du sagen willst, Vater, aber ich bin der Ansicht, daß Erziehung gar nicht früh genug begonnen werden kann. Und – ein halbes Pfund hat er wieder zugenommen! Übrigens habe ich eine große Bitte an dich. Rosmarie ist für die Ansprüche, die an sie gemacht werden, doch noch sehr jung. Ich möchte nicht, daß sie Nachteile hätte von dem beständigen Hergeben...«

»Gewiß, Harro, und gerade darum...« »Möchte ich Rosmarie in die für sie denkbar günstigsten Bedingungen bringen, und ich habe mir etwas ausgedacht, wobei ich zugleich recht ungestört meinem Studium« – hier lächelte der Fürst etwas spitzig – »leben kann. Ich möchte dich um das Jagdhäuschen auf der Römerwiese bitten. Dort können wir den ganzen Tag mitten im Walde zubringen. Rosmarie ist selig über den Plan. Sie könnte morgens hinfahren und abends zurück. Aber das Häuschen muß etwas hergerichtet werden. Dürfte ich dich darum bitten? Unser Berg ist noch zu windig und der Wald zu weit, wenigstens die intimeren Teile, und man will doch ungestört sein.«

Natürlich hat Harro den Tag gewonnen. Der Fürst fährt mit ihm auf die Römerwiese, und sie beschließen, noch eine glasgeschützte Veranda anzubauen. Oben enthält das alte Jagdhaus ein Sälchen mit alter Stuckdecke und sieben winzigen Fenstern und eine geräumige Schlafstube. Unten eine kleine Küche mit uraltem Steinherd und ein Dienergelaß, Stallung für sechs Pferde und große Heuvorräte, denn von hier aus wird das Wild im Winter gefüttert. Der Fürst ist ja immer glücklich, wenn er seiner Tochter eine Freude machen kann.

So wird das Haus zum fünfzehnten Mai fertig, mit grüngestrichener Veranda, die etwas seltsam zu dem alten silbergrauen Holzhaus steht. Das Sälchen ist geweißt, etwas anderes hat Harro für stillos erklärt, und mit hellen Korbmöbeln ausgestattet. Vorhänge an den kleinen Fenstern gibt es nicht, zu allen sieht ja der Wald herein und die blühende Wiese. Die Römerwiese hat viele Windungen und Zipfel, und von allen Seiten umschließt sie der Wald. Hinter dem Hause gegen Norden schließt sie eine hohe Tannenwand ab, eine breite, doppelte Buchenallee führt zu der hinteren Stalltür, gegen Süden und Westen umschließt sie die Wiese. Ein großer Kastanienbaum steht am Rande der Wiese, jetzt ganz weihnachtlich voll weißer Kerzen, und legt seine Aste liebevoll auf das silbergraue Schindeldach. Darunter steht nun Heinz Friedrichs hochfüßiges Korbbett, Vögel singen, Schmetterlinge gaukeln über ihm, eifrige Käfer brummen.

Bald werden die Abende immer herrlicher und linder, und Rosmarie möchte nur einmal den Wald in ihrem Schlaf rauschen hören. Harro hat nur darauf gewartet. In das Schlafzimmer kommen zwei Betten an.

Harros Organisationstalent bewährt sich wieder. Sein Hauptgrundsatz – so wenig wie möglich Bedienung, die wieder bedient werden muß, – triumphiert. Alle Morgen elf Uhr erscheint das Break von Thorstein mit Lisa und zwei großen Schließkörben. Der eine enthält warm eingewickelt das fertige Mittagessen, das die zu allem brauchbare Lisa vollends herrichtet, im zweiten Schließkorb ist die frische Wäsche für Mutter und Kind. Denn Rosmarie weiß nicht, daß man ein Wäschestück auch zweimal tragen und zweimal im gleichen Bettbezug schlafen kann. Um drei Uhr fährt das Break wieder ab. Lisa hat dann die Zimmer gerichtet, abgedeckt und ihren Schließkorb wieder gefüllt. Das Nachtessen ist immer kalt und einfach, und Rosmarie, der die kleine Arbeit helle Freude macht, deckt und schmückt den Tisch oben oder in der Veranda.

Den tiefsten Grund, warum Harro sich dieses Wald-, Wiesen- und Kleinkinderdasein eingerichtet hat, ahnt niemand. Er ist genötigt gewesen, zum ersten Male in seinem Leben Ferien zu machen. Ein Schwindelgefühl, ein Flimmern vor den Augen, das ihn hie und da überfällt, haben ihn überzeugt, daß er nicht ungestraft so atemlos wie in den letzten Jahren fortarbeiten darf. Namentlich das Flimmern in den Augen hat ihn erschreckt und ihm einen Augenblick eine heiße Angst eingejagt. Und wie kann er in Thorstein feiern, solang es da noch leere Wände gibt! Rosmarie weiß nichts davon. Sie freut sich kindlich über das schöne Faulenzerleben, das sich ihr Mann mit einem Male gönnt.

Und nach wenigen Tagen verliert sich auch das Flimmern, und es wird Rosmaries allerschönster Mai. Kaum zehn Schritte vom Hause stehen die weißen Maiblumen in Scharen, der Kuckuck ruft unermüdlich aus dem Walde, und tausendfältiges Leben geigt, zirpt und schrillt und brummt über der Wiese. Rosmarie sitzt auf der Veranda im leichtesten Gewande mit hängenden Haaren, und wenn sie nicht so vergnügt wäre und der kleine Heinz Friedrich so gar kein Schmerzenreich, so könnte sie eine schöne Genovefa abgeben. Das Kind schlummert oder gibt sich dem allerschönsten Genusse an der Mutter Brust hin, oder es schaut mit blanken Augen in die wunderbare, grüne, leicht bewegte Welt über ihm. Harro in einem grauleinenen Rock und kurzer Hose und gar keiner Krawatte liegt längelang im Grase und betrachtet durch das Kastaniendach den Himmel, wie er in tiefblauen Ecken hindurchsieht, und ist sehr philosophisch aufgelegt dabei. Das Kind hat viele Namen, – der Genießer, der Sybarit, der Tyrann, das Würmlein, und wenn Harro seine Rose ärgern will, das arme Kind!

Abends kommt der Fürst angeritten, allein ohne Reitknecht, und duldet nicht, daß Harro sein Pferd besorge, sondern bringt es selbst in den Stall. Dann wird der Tyrann zu Bett gebracht, und es ist das allererste Erwachen des Geistes in dem Kinde, daß dabei ein gewisser Ritus vollzogen wird, den es sich gemerkt haben muß, und den es zu verlangen scheint.

Dies erklärt Harro seinem Schwiegervater in den gelehrtesten Worten, die er auftreiben kann. Daß dies Verlangen eine Reihe der wichtigsten geistigen Funktionen, Gedächtnis und Willenskraft, voraussetze. Während Harro doziert, dreht und wendet er den kleinen Körper in den gewandtesten Händen, behandelt ihn mit Puder und Schwamm:

»Jetzt äußert er deutlich Unlustgefühle, Vater, und nun ist dies beendet, und er stellt, mit Mühe, wie du siehst, seine Gemütslage auf die kommenden Freuden ein. Und nun der Ritus.«

Harro legt seinen Kopf auf das Wickelkissen, und sofort geht ein Lachen auf in dem kleinen Gesicht. Die Händchen und Füßchen tasten und schlagen, und endlich gelingt's. Er hat eine von Harros krausen Locken erhascht, und nun kreischt er auf. Zugleich bearbeiten die winzigen, einwärts gedrehten Sohlen Vaters Gesicht. Und jeden Tag findet er ein neues Tönchen, um seiner Freude Ausdruck zu geben. Die junge Mutter steht daneben und legt ihre weiße Hand auf Harros Schulter. Und Harro doziert ruhig weiter über Dämmerzustände, Bewußtseinswellen und so weiter, der Fürst hört andachtsvoll zu und vergißt ganz, daß er Harro darauf aufmerksam machen wollte, daß ein Mann als Kindermädchen doch eine etwas lächerliche Figur mache. Dann bekommt der Genüßling sein letztes Mahl, Rosmarie sitzt in der Veranda, wenn es noch warm genug ist, ihr Kind an der Brust, ihr holdes Haupt herabgeneigt, ganz verträumt. Harro und der Vater gehen am Rain auf und ab und rauchen, und drüben, über dem letzten Wiesenzipfel, erhebt ein Reh den feinen Kopf. So wächst und gedeiht Heinz Friedrich im Waldeshauch und an blühender Sommerwiese. Und erlebt das erste Abenteuer, als eines Tages ein vorwitziger kleiner Frosch auf seine Decke hüpft. Er stößt ein helles Kreischen aus, und als der Frosch wieder forthüpft, muß er weinen. Große blanke Tränen, die ersten seines Lebens.

Der Juni wurde dann voll schwerer Gewitter. Der Fürst brachte manche ängstliche Nacht zu, wenn er an sein Liebesnest dachte im tiefen Walde. Zuweilen litt es ihn nicht mehr, und er bestieg bei dem schlimmsten Unwetter sein Pferd. Ganz allein sprengte er hinaus in jede Sturmesgewalt, ritt einmal die Buchenallee entlang, wo grelle Blitze ihm die seidengrauen Wände des Hauses zeigten, und wenn sich das Unwetter gelegt hatte, ritt er wieder nach Hause. »Er bespricht das Wetter,« sagen die Bauern, wenn sie seine Hufe durch die Nacht hören, und sie nehmen ihm seine Rehböcke weniger übel.

Und Rosmarie flüstert halb im Traum: »Es ist mir, als ob der Vater käme.«

Harro meint: »Den wilden Jäger hörst du, Rose. Seine Meute bellt, Käuze fliegen mit, Katzen schreien, und heute heulen die armen Seelen. Hussah – hör, wie er über die Wipfel hinknallt.«

»O Harro, ich fürchte mich, höre doch auf.«

»Schäfchen, wer tut dir etwas, wenn du deinen Harro neben dir hast!«– – –

Die Fürstin hat den Sommer über in Brauneck wie eine Gefangene gelebt. Die alljährliche Wiesbadener Reise hatte ihr der Fürst glattweg verweigert. Und ihr ganzes Wesen fieberte doch nach Befreiung von diesem Braunecker Druck und nach dem süßen Gifte, das sie nun gekostet hat und dessen Feuer ihr durch die Adern lief. Und sie stieß auf eisernen Widerstand. Umsonst hatte sie alle möglichen leidenden Zustände beschworen. Aber sie blieb nicht konsequent dabei. Das Hingestrecktsein und Herumwanken ward ihr bald verleidet, und sie mußte sich in einem tollen Ritt austoben. Dann flaute des Fürsten Mitleid sofort wieder ab.

Einmal war sie nach der Römerwiese geritten, um Rosmarie in ihrem Magddienst zu genießen. Rosmarie war allein und saß in einem Kleide von lichtblauer Sommerseide und einem Margueritenkranz auf dem Haupte unter der Kastanie neben dem schlafenden Heinz und las. Sie riß sich sofort den Kranz herunter, als sie ihre Mutter sah, und begrüßte sie scheu. Als diese sich über das Kind neigen wollte, schob sie ihren Arm darüber und sagte: »Er liebt es nicht, wenn man ihm im Schlafe zusieht.«

Dabei war der Fürstin Auge auf den Ring gefallen. Die Fürstin sagte mit leisem Beben: »Wie kommt es, daß du meinen Ring trägst?«

»Vater bat mich, ihn zu nehmen, er sagte, du wolltest ihn nicht.«

»Darum gehört er mir doch, und ich brauche nur den Stein anders fassen zu lassen, so ist er mir recht. Ich will den Stein. Gib mir den Ring!«

Die Fürstin ist ganz allein mit ihrer Tochter, so ist es nicht nötig, daß sie Höflichkeit heuchelt.

»Ich kann nicht,« sagt Rosmarie und schiebt sich zwischen ihr Kind und die Fürstin. »Der Ring geht nicht herunter, er hat eine Feder. Nur Vater kann ihn lösen. Ich weiß ja, daß der Ring mir nicht zu Recht gehört.«

Ach, wenn Harro käme, die Angst befällt sie wieder, die törichte, dumme Angst. Die Fürstin sieht sie mit starren Augen an:

»Also auch das noch! Du weißt wohl auch, warum ich nicht nach Wiesbaden ging?«

Rosmarie hat die unglückliche Unfähigkeit, ihre Gedanken zu verbergen. Sie hat ja von Tante Helen doch etwas erfahren. Mit einem Blick sieht die Fürstin ihr an, daß sie etwas weiß. Aber auf das Richtige kommt sie nicht. Sie hat ja immer irgend welche nicht eingestandene Toilettenrechnungen stehen, und Rosmarie wird von dem letzten Großreinemachen in Brauneck gehört haben. Vielleicht soll sie durch den Landaufenthalt von Versuchungen ferngehalten werden. Und Rosmarie weiß darum, das überlegt sie sich blitzschnell, und darunter liegt noch eine dumpfe Angst.

Und Rosmarie schweigt. Mit Ausreden hat sie immer nur Unglück gehabt.

»Nun, ich bekomme keine Antwort. Da du so wenig gastfreundlich bist...«

»Mama,« fleht Rosmarie, aber sie verstummt schon wieder, denn sie fühlt, daß sie so froh sein wird, wenn Mama wieder ihren Rappen bestiegen hat.

»So sehe ich nicht ein, warum wir uns länger aneinander erfreuen sollen. Also lebe wohl, teure Rosmarie, und ich wünsche dir, daß all die Freundlichkeiten, die du mir schon erwiesen hast, dir einmal ebenso vergolten werden. Ich habe eine schöne lange Liste, Rosmarie. Von vielen Jahren her...«

Und damit faßt sie ihren Reitrock zusammen und geht hinter das Haus zu ihrem Reitknecht. Rosmarie macht nicht einmal den Versuch, sie zu begleiten.

Von diesem Besuche haben die Herren nichts erfahren. – –

Im Spätherbste dieses Jahres malte Harro in wenig Wochen im großen Saal des Braunecker Schlosses, für den es bestimmt ist, das Bild seiner Frau, das unter dem Namen »die Lindenprinzessin« in die Welt hinausging und Harro mit einem Schlage berühmt machte. Rosmarie trug das Silberkleid und in ihren Haaren, an der alten, goldenen Spange, zwei Büschelchen Lindenblüten und -blätter. Den Hintergrund bildete der alte Saal selbst, im Spätnachmittaglicht, das ihm am besten stand, und zwar die eine, noch leere Wand, für welche der Fürst das Bild bestimmt hatte. Die Fürstin war so lange bei ihren Eltern gewesen, wo eine ihrer Schwestern Hochzeit hatte.

Als sie zurückkam, erfuhr sie den Verkauf von Palais Brauneck in Berlin, und daß ihr ein Braunecker Winter bevorstünde.

Ihr erster Gedanke ist: das ist Rosmarie. Die Fürstin hat Arno Schwelm nicht wiedergesehen und wird ihn also nicht wiedersehen. Nach Brauneck kann er ja nicht kommen. Seine Briefe waren selten geworden wie Diamanten. Und wenn er einmal schrieb, so schwelgte er in Herbstgefühlen, welken Rosenblättern, grauen Dämmernebeln, – er hatte ein sehr dünnes, auf dickem Papier gedrucktes Bändchen Lyrik herausgegeben, – Entsagen, Versinken, Seligkeit des Vergehens, entschwindende Masten in fernen Brandungen.

Auf diese Note war die Fürstin nicht eingestellt. Wenn er schoß und über seine seltsamen zweifarbigen Augen ein wunderliches Flackern lief, gefiel er ihr viel besser. Was hatte sie mit entschwindenden Masten zu tun?

Und die Lindenprinzessin hielt ihren Triumphzug. Die Damen der hohen Aristokratie wünschten brennend, von Harro gemalt zu werden, und eine Akademie bietet ihm eine Professorenstelle an. Der Wert seiner Bilder steigt um ein Beträchtliches. Unter den vielen Briefen, die er nun täglich bekommt, erhält er einen, der als Autogramm sehr interessant ist, denn er stammt von einem ganz großen Kunstgenossen, mit dem er in früheren Jahren einmal zusammengetroffen war, und den er dennoch nicht seiner neugierigen Rose zeigt.

Lieber Thorstein.

Ich gehe wie alle Welt und sehe mir Ihre Lindenprinzessin an. Schon zum zweiten Male. Und je öfter ich sie ansehe, desto mehr ergreift mich eine unruhige Sorge um Sie. Ich warne Sie, lieber Thorstein, lassen Sie sich von dem Radau. den die Leute mit Ihnen machen, nicht blenden. Ich höre, daß die blonde Liebliche Ihre Frau sei. Wenn sie doch Ihre Geliebte wäre! So kommen Sie ja von dem himmlischen Blondhaar und den Händen, die eine Novelle von Paul Heyse verdienen, gar nicht mehr los. Ein zeitgenössischer, hochgeschätzter Dichter singt:

Er malt sie mit dem Papagei,
Er malt sie mit dem Brief,
Er malt sie, wenn sie wachte,
Und er malt sie, wenn sie schlief.

Freilich, Sie können Ihr Brot finden, wenn Sie daran kleben und die Galerien mit Ihrer blonden Schönheit bevölkern. Aber für Sie ist's schade. Sie sind ein ganz anderer Kerl, ein großartiger Kerl, und das wollte ich Ihnen wieder sagen, wie ich eben zum dritten Male gehe und mir Ihre Lindenprinzessin ansehe. Von einem Kollegen alles Mögliche. Und lernen Sie bitte den Vers auswendig.

Ihr...

Harro legte mit lautem Lachen den Brief zu den übrigen. Anfragen um Erlaubnis zur Vervielfältigung und so weiter, die er alle ablehnte. »Du kommst nicht in den Kunsthandel, Rosmarie, daß dich jeder jugendliche Handelsbeflissene an seine Wand nageln kann, neben einer Varitéschönheit.«

Der Fürst war ungeduldig, das Bild wieder zu bekommen, und freute sich doch, wenn Rosmarie ihm einen Zeitungsausschnitt zeigte, die Hans Friedrich zu sammeln und zu schicken pflegte. Und eines Tages erfuhr die Fürstin, daß das Bild für den großen Saal bestimmt sei. Ihr eigenes Bild, mit dem sie immer noch sehr zufrieden war, hing ja im blauen Zimmer. Aber Rosmaries Bild hatte doch im großen Saal nicht seinen Platz. Sie fiel sogar Harro damit an: obgleich Harro sonst sehr gut verstand, mit ihr umzugehen, so schien er sich diesmal durchaus keine Mühe zu geben. Er war höchst eigensinnig, und der Fürst führte ihn mit Wonne ins Vordertreffen. Das Bild sei für den Saal gemalt und abgestimmt und passe nur dorthin, und man habe ihm den Platz versprochen und er verlange es nun auch. Er setzte es, im Plane wenigstens, durch, aber Rosmaries Schuldkonto bekam eine neue Kerbe. Und dazu kam die Tatsache, daß der Fürstin der Verkauf von Palais Brauneck mitgeteilt worden war und sie immer deutlicher fühlte, daß das gefährliche, schöne Spiel auf dem Florentiner Blumenboot ein Ende habe. Die Masten verschwanden immer endgültiger in den fernen Brandungen.

Und an einem schönen Novembertags kommen die Möbelwagen mit der Berliner Einrichtung an. Das Braunecker Schloß, das schon von unten bis oben voll ist, bemüht sich lange vergeblich, auch diese Happen noch zu schlucken. Wie die großen grauen Wagen sich im Schloßhof entleerten, alle Galerien voll Bilder und Spiegel standen, heimatlose Diwans ein verzweifeltes Unterkommen in der Schloßkapelle suchten, Kronleuchter in grauen Säcken unter den großen Bogen im Hofe lehnten, wurde der Fürstin erst die ganze Unwiderruflichkeit der Sache klar. Sie empfand, was eine junge stolze Bäurin empfindet, die sich plötzlich ins Altenteil versetzt sieht.

Brauneck ist ein Altenteil. Sie wird jetzt das Leben einer Matrone führen, immer im gleichen Kreislauf. Einige Besuche bei den Jagden, Empfänge, Wohltätigkeit. Keine amüsante Wohltätigkeit wie in Berlin, sondern von der tristen, ländlichen Sorte. Wo man gute Goldstücke hergibt, Krankenschwestern empfängt, Kinderschulen mit wimmelnden Kinderscharen in geschmacklosen Röckchen besichtigt. Die Möbelwagen, die sich da entleeren und immer neue verhüllte Gegenstände auswerfen, kommen ihr wie große graue Särge vor. Wenn sie abziehen, nehmen sie ihre Jugend mit.

Die Fürstin sieht auf den Schloßhof herab, wo sich die Ratlosigkeit allmählich aller, sogar der weiblichen Oberleitung, der trefflichen Fräulein Berger, bemächtigt hat. Eben fährt ein Wagen vor. Die Fürstin kennt den Ton, es sind die Thorsteiner Goldfüchse. Da kommt schon Rosmarie in den Schloßhof und bleibt verwundert stehen. Sie ist nicht allein, sie wendet sich, spricht über ihre Schulter, es ist wohl ihr Mann dabei. Nun lacht sie hell auf. Sie hat immer noch ihr helles Kinderlachen. Und sie geht um die verschiedenen Sachen herum, hebt leinene Überzüge auf, und die verärgerten Gesichter klären sich auf. Die Prinzessin, wie sie unter den Leuten immer noch genannt wird, liebt jeder. Und nun gibt sie wohl Befehle. »Sie regiert da unten, wie wenn sie in ihrem Eigentum wäre,« denkt die Fürstin. Sie selbst hat zwar dem Chaos zugesehen, ohne daß etwas anderes in ihr aufgestiegen wäre als ein hilfloser Zorn.

»Aber diese Rosmarie soll sich doch nicht einbilden, daß ihr hier alles zustehe.«

Rosmarie kann die Fürstin nicht sehen, es steht ein hoher Spiegel neben ihr, der blendet. Sie denkt auch gar nicht daran, sie ist so unbekümmert fröhlich in der Kinderheimat, umgeben von den Menschen, von denen sie die meisten kennt, so lange sie denken kann.

Der Fürstin Augen werden ganz starr vom Hinuntersehen, Das Rad hat sich immer noch nicht herumgedreht. Nein, es geht seinen schweren polternden Gang über ihr eigenes Herz weiter. Sie empfindet dunkel, daß auch mit dem Verkauf von Palais Brauneck Rosmarie irgendwie zusammenhängt. Dem Fürsten kann es unmöglich so sehr um das Geldgeschäft zu tun gewesen sein. Es muß noch irgendein anderes Motiv haben! Und bei der Frau da unten in dem grauen Samtkleid wird es zu suchen sein. Sie könnte ihr jetzt entgegentreten und ihr zurufen: »Du weißt, warum das sein mußte,« und würde die Antwort in den grauen Augen lesen.

Es kommt der Fürst herunter und küßt seiner Tochter die Hand, und sie beraten zusammen. Wie wenn sie selbst schon gar nicht mehr vorhanden wäre. Und Rosmarie lacht. Was sie spricht, kann sie nicht verstehen, doch sie sprechen von ihr, sie meint ihren Namen zu hören, sie lachen beide.

Es ist solch eine ganz kleine Ursache, ein kleines Unrecht, das sie da unten tun oder nicht tun. Aber die Fürstin hat eine frische Wunde empfangen, nur ein Stäubchen da hinein, – man weiß ja, wie leicht Wunden sich vergiften.

Rosmarie und ihr Vater sind längst verschwunden, die Fürstin steht noch immer da, der Sonnenglanz weicht vom Hofe, und ein grauer Schatten fällt herein. Sie schaudert zusammen und geht langsam in ihr Zimmer. Und schließt sich ein. Sie hat einen Gedanken aufgelesen da draußen, mit dem sie spielt. Aber schon das Spiel macht warm. Es könnte sich einmal umdrehen, das Rad. Mit seinen eigenen Händen könnte man in die Speichen fallen und umdrehen, daß sein polternder Gang über andere Herzen ginge.

Es ist, wie wenn man in einer Eishöhle ein ganz kleines Feuer anzündet. Es ist keine Gefahr, daß die Eishöhle davon schmelze –, aber es ist doch ein roter Punkt da, auf den man sehen und sich heimlich das erstarrte Herz wärmen kann. Und sie starrt auf das kleine Feuer. Es blendet sie fast. So viel Wärme ist in dem kleinen Punkt. Und dann fängt sie an zu zählen. Das Schuldkonto. Tief versteckt liegt Rosmaries größtes Verbrechen – dieser verbauerte Thorsteiner! Und doch, ohne Herzklopfen kann sie seinen stolzen Kopf nicht auftauchen sehen. Und wenn er auf seinem großen Rappen ihr schon zuweilen am Morgen begegnet ist im Walde, sein altes Filzhütchen auf dem Kopfe, in den ehrwürdigsten, vom Vater geerbten ledernen Reithosen, so war immer ein stürmisches Entzücken über sie gekommen. Sie war für jeden etwas freundlichen Gruß dankbar gewesen, für jeden Blick der sonnenhaften Augen... Tief unten muß das liegen bleiben, und es ist besser, die Liste zu vollenden. Nun kommt Rosmarie und nimmt auch von Brauneck Besitz. Den Ring trägt sie schon, sie hat auch keine Zeit gefunden, ihn lösen zu lassen. Ihr Bild wird im Saal hängen. Warum ist das Berliner Haus verkauft worden? Nun verteilt sie den Raub und lacht. Ja, sie lacht, über ihrer Mutter ohnmächtigen Schmerz und Zorn. Die Fürstin hat einen kleinen goldenen Bleistift von ihrer Uhr genommen und macht Striche auf einen weißen Marmorblock. Immer neue Striche. Und dann starrt sie wieder auf das kleine Feuer in der Eishöhle und wärmt sich daran und an den Bildern, die darauf aufsteigen.

Es ist ja nur ein Spiel, daß sie nicht ganz einfriert in ihrem Altenteil.

Der kleine Heinz ist längst aus seinem Korb und in die bunte Welt hinausgekrabbelt. Er macht Versuche, auf wackelnden Beinen zu stehen, was ihm einen warnenden väterlichen Pfiff einträgt. Er hat hellblaue Augen und einen entschiedenen Sinn für Humor. Der äußert sich noch etwas unbeholfen und gröblich, aber er wird sich schon verfeinern, hofft sein Vater.

Er ist beinahe mehr ein Vater- als ein Mutterkind. Als der große Kampf mit ihm begonnen und ihm sein köstlicher Labetrunk entzogen wurde und er selbst mit kläglichem Geschrei und energischem Fortstoßen der Flasche seinen Willen nicht hatte durchsetzen können, und als ihm einmal die Wohltat einiger energischer Klapse auf seine wohlgepolsterte Hinterseite wurde, da neigte sich die Wagschale auf Vaters Seite. Er lachte, wenn seine Mutter sich über ihn beugte, er kreischte und stengelte mit Armen und Füßen, wenn sein Vater kam. Das erste Wort, das er sagte, das sich durch seinen bewußten Klang von seinen andern Sprachübungen unterschied, war: Alo. Bald war es ganz deutlich, wen er damit meinte. Rosmarie trug ihn einmal auf den Armen und ließ ihn zum Fenster hinaussehen. Da kam der Vater auf seinem Rappen in den Hof geritten. Das kleine Gesicht verzog sich in fast schwärmerischen Entzücken. »Alo, Alo,« rief er und fing dann kläglich an zu weinen. Seine Seele tat den ersten Flügelschlag, und das war schmerzlich für das kleine Lebewesen.

Dieser Tag wurde gefeiert und als Fest im Kalender bezeichnet. Auch ließ sich der Kleine durch kein Vorsagen oder sonstige Mittel, auch durch seine wachsende Sprachfertigkeit nicht, bewegen, den Namen zu ändern. Er zeigte darin, wie Harro erklärte, das Erbteil der mütterlichen Hartnäckigkeit. Noch hatte ihn fast keine Hand als die seiner Eltern berührt.

»Nur so können wir ihn ganz kennen lernen, Rosmarie, wenn wir ihn immer um uns haben und ihm das Opfer an Zeit und Behagen bringen. Denke daran, was der Jammer deiner Kindheit war, daß dich bezahlte und beständig wechselnde Menschen umgaben, die dich von deinem Vater fern hielten. Wir sehen ihn in all seinen Zuständen und nicht nur, wenn er uns wohldressiert und gerade in guter Laune vorgeführt wird. Und ich habe mir eine ausgezeichnete Kenntnis des Kinderkörpers erworben, was mir sehr not tat, und obgleich dein Sohn kein raffaelischer Engel ist.«

Harro hat dicke Skizzenbücher voll mit wenig Strichen hingeworfener Zeichnungen von liegenden, krabbelnden, badenden, schreienden, schlafenden Heinz Friedrichs.

Und Rosmarie wünscht sich gar kein anderes Dasein. Auch daß ihr Kind den Vater bevorzugt, findet sie nur gerechtfertigt. Ich hätte es gerade so gemacht, denkt sie. Und sie weiß ja ganz gut, daß ihr auch ein Teil der kleinen Seele gehört, nur ein anderer. Harro gehört der lebhafte, unternehmende, lustige, wilde Heinz; ihr gehört er, wenn es ihn anwandelt, daß er mit großen blauen Augen in irgendeine Herrlichkeit hineinstaunen muß. Dann hat er ein Engelsgesichtchen, was man sonst von seinen schon recht kräftigen Zügen durchaus nicht sagen kann. Auch seine Schmerzen, und es gehen viel Wolken an einem Tag über die empfindliche Kinderseele, selbst in der denkbar glücklichsten Umgebung, bringt er zu Mama. Im Atelier hat er sein Ställchen, wo sein stets zusammengeballter Teppich und seine geliebten Filzbären sind, und nachts schläft er neben Vaters Bett. Ist er in aller Morgenfrühe nicht mehr zu bändigen, so wird er hinausgetragen – Mama schläft noch – und gewaschen und angezogen und kommt dann ins Ställchen. Seine Badezeit muß sehr weise ausgewählt werden, denn nachher beglückt er seine Eltern mit einem längeren Schlafe. Abends hat er seine Eltern so reichlich getummelt, daß sein Verschwinden in dem weißen Gitterbettchen mit einem Seufzer der Erleichterung begrüßt wird.

»So geht es auch nicht weiter, Rosmarie, er wird lernen, auch zwei Minuten hintereinander ohne uns auszukommen. Aber es ist jetzt die Zeit, wo er in seinem ganzen Leben am intensivsten lernt. Innerhalb eines Jahres lernt er eine Sprache, von allen Gefühlen kommt ein Hauch über sein Herz.

Mit dem Ende des zweiten Jahres ist sein kleines Weltbild fertig, er kann sich davon absondern, davor hinstellen und sagen: Ich.«

Der Winter fliegt ihnen nur so dahin im Goldhaus. Harro modelliert in Wachs, das er tönen will, die Maria aus der alten Krippe, die ihr Haar als Wiegenvorhang über ihr Kind hält, in halber Lebensgröße nach Rosmarie und dem schlafenden Heinz. Und er malt eine Sommerwiese mit einem sich darauf tummelnden Engelreigen. Und die Engel sind immer noch flügellos, was ihrer Leichtigkeit keinen Abtrag tut.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.